Kolumne: Sind Christen die besseren Heuchler?

Zugegeben, dieser Titel ist provokativ gewählt. Ich versuche damit eine Wahrnehmung in Worte zu fassen. Christen bekennen, dass sie einem Gott angehören, der sie liebt. Er habe die Beziehung, die krumm gewesen sei, in Ordnung gebracht. Weil dieser Gott sie so liebte – und jetzt kommt der erste Haken -, müssten sie ihm diese Liebe erwidern. An dieser Definition der Liebe ist etwas verkehrt. Johannes sagt: Wer Ihn liebt, der hält seine Gebote. Nun haben wir jedoch ein anderes Verständnis. Wenn er uns liebt, dann können wir tun und lassen, was wir wollen (säkularer Freiheitsbegriff). Wir erwarten nun in diesem Rahmen, dass wir unsere Pläne durchziehen können. Gott wird dabei zu unserem Erfüllungsgehilfen. Er soll richten, was ich begehre. Ob das Gesundheit, Erfolg im Beruf, in der Familie oder sonst etwas sei. Dazu kommt noch etwas Weiteres. Eine wichtige Komponente auf dem Weg zum Glück (definiert als zu erreichender Zielzustand in einem Lebensbereich) ist die Stimmigkeit für unsere "Gefühlsautobahn". Was soll das wieder heissen? Wir werden von unserem Umfeld intensiv mit der Vorstellung des glücklichen Konsumenten beackert. Nicht nur wollen wir unsere Ziele erreichen; der Weg dahin soll angenehm sein. Angenehm für die eigenen Gefühle. 

Die Kirche verstärkt indirekt die Vorstellung, dass Jesus für angenehme Gefühle zuständig sei. Er soll es für uns richten. Dadurch sind wir einen "Deal" eingegangen. Wir halten uns brav (im Rahmen unserer Vorstellungen). Er soll uns gefälligst auf einer angenehmen Route zum Gewünschten führen. Selbstredend ist das weit von unserer Wirklichkeit entfernt. Es baut sich also eine Lücke zur Realität auf. Da wir jedoch uns selbst keine schlechten Gefühle einhandeln wollen, beginnen wir – nennen wir es beim Namen – zu lügen. Zuerst lügen wir uns selbst an. Wir haben uns einen Gott als Zulieferer gebaut. Dann überträgt sich dieses künstliche Gebilde auch in unsere Gemeinschaften. Wir müssen einander nämlich etwas vormachen bzw. vorspielen. Weshalb? Das hat bereits mit der eigenen (verzerrten) Wahrnehmung und Erwartungshaltung Gott gegenüber zu tun. Doch da unsere Mitgefährten eine ähnliche Vorstellung hegen, müssen wir uns gegenseitig einreden, dass ja alles in bester Ordnung sei. Deshalb gibt es "happy face"-Antworten. Wir reden uns unsere Harmonie auch in christlichen Gemeinschaften ein.  

Timothy Keller nennt diese Art von Einrede "Gefühlsgötzendienst". Wir erheben einen bestimmten Gefühlszustand der Lüge zu unserem höchsten Gut. Da wir diesen anbeten, müssen wir alle anderen Dinge hinten an stellen. Klar baut sich da Druck auf. Doch diesen können wir erstaunlich lange kaschieren. Wenn er sich nicht mehr halten lässt, können wir das Umfeld wechseln. Wenn es zu Brüchen kommt, brauchen wir neue Gefährten, um uns erneut in eine gefühlsmässig stimmige Lage zu bringen. Wenn es gar nicht klappt, ist auch der Ausstieg aus dem frommen Milieu nur noch ein Schritt entfernt. Es lässt sich gut über Ehemalige lästern. Das bringt wiederum eine gefühlsmässige Entlastung mit sich.

Was ich etwas überspitzt skizziert habe, läuft unter dem Begriff einer "Guten Botschaft" und eines "christlichen Verhaltens". In Wirklichkeit ist es jedoch eine Karikatur desselben. Gott ist nie und nimmer Erfüllungsgehilfe des Eigenwillens. Stimmige Gefühle sind nicht das höchste Gut. Sie sind vielmehr bevorzugter Götze unserer Konsummentalität. Unsere Weggefährten sollen nicht nur klatschen und uns zunicken, um unsere Gefühle zu streicheln. Die Busse, das heisst Bankrotterklärung unseres Eigenwillens und unseres Gefühlsgötzendienstes, ist kein einmaliger Akt. Sie ist eine tägliche geistliche Disziplin. Erst wenn wir unser Elend vor Gott und auch vor anderen eingestehen, können wir auf Christus blicken und andere darauf hinweisen, dies ebenfalls zu tun. 

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