Hinterwäldlertum und Säkularismus – Verkürzung der Christus-Herrschaft

Ein Hauptproblem christlichen Denkens und Handelns besteht in der Versuchung, der Glaubensverantwortung auszuweichen, einerseits durch den Rückzug aus den politisch-sozialen Zusammenhängen in die fromme Innerlichkeit, andererseits durch politisch-sozialen Aktivismus ohne leitenden Rückhalt im Glauben an Jesus Christus. Als ‚Hinterwäldlertum‘ beziehungsweise ‚Säkularismus‘ charakterisierte Bonhoeffer diese Haltungen. Er selbst aber hielt ‚in Christus‘ zusammen, was in Theologie und Frömmigkeit so oft auseinanderzufallen droht. … ‚Je ausschliesslicher wir Christus als unseren Herrn erkennen und bekennen, desto mehr enthüllt sich uns die Weite seines Herrschaftsbereiches.‘

Mayer sagt etwas später, dass Bonhoeffer vor allem für sein ‚religionsloses Christentum‘ vereinnahmt wurde:

Gäbe es eine Statistik für Bonhoeffer-Zitate, dann lägen eindeutig die ’nicht-religiöse Interpretation‘ (im deutschsprachigen Raum) und das ‚religionslose Christentum‘ (im angelsächsischen Raum) vorn. Darin bestand die Aktualität Bonhoeffers. ‚Die nichtreligiöse Interpretation fand begeisterte Aufnahme bei vielen, die nach einem hilfreichen Verständnis des Evangeliums im Zeitalter nach der Aufklärung suchten, ohne letztere widerrufen zu müssen.‘

Allerdings war dies nur die eine Seite, die des Hinterwäldlertums, deren Kritik bereitwillig aufgenommen wurde. Christus ist aber auch im Säkularismus nicht mehr Herr des ganzen Lebens:

Dass wir gerade mit unserer Bereitschaft, Gott in dieser Welt sein Recht zu verschaffen, nur ihm selbst entrinnen, dass wir die Erde um ihrer selbst, um dieses Kampfes willen lieben, das ist unser christlicher Säkularismus.

Rainer Mayer. Dietrich Bonhoeffer – Vollendung im Fragment. Brunnen: Giessen/Basel 1996. (28, 41, 44)