Der Sünde verfallen

Am Anfang seines Buches „Natur und Gnade“ stellt Augustinus die biblische Lehre der Original- bzw. Ursprungssünde treffend dar:

Die menschliche Natur ist gewiss am Ursprung schuldlos und ohne irgendwelchen Makel geschaffen worden; diese menschliche Natur aber, durch die ein jeder aus Adam geboren wird, bedarf nunmehr des Arztes , da sie nicht gesund ist. Alle Güter allerdings, die sie in Einrichtung und Leben, in Ausstattung mit Sinnen und Verstand besitzt, hat sie vom höchsten Gott, ihrem Schöpfer und Bildner. Die Verderbnis aber, die die genannten natürlichen Güter verdunkelt und schwächt, so dass sie Erleuchtung und Heilung nötig hat, stammt nicht von dem schuldlosen Bildner, sondern aus der Ursprungssünde, die mit freier Entscheidung begangen wurde. Und darum führt die straffällige Natur zu einer durchaus gerechten Strafe. …

Diese ganze Masse ist also der Strafe verfallen, und würde allen die schuldige Strafe der Verdammnis auferlegt, dann wäre ein solcher Richterspruch ohne Zweifel nicht ungerecht. Demnach heissen alle, die davon durch die Gnade befreit werden, nicht Gefässe ihrer Verdienste, sondern ‚Gefässe der Barmherzigkeit‘ (Röm 9,23). Wessen Barmherzigkeit ist dies, wenn nicht dessen, der Christus Jesus in diese Welt gesandt hat, um die Sünder zu retten (vgl. 1 Tim 1,15), jene, die er vorhergewusst, vorherbestimmt, gerufen, gerechtfertigt und verherrlicht hat (vgl. Röm 8,29f)? Wer möchte also derart in hochgradigem Wahnsinn beharren, dass er nicht unsäglichen Dank für die Barmherzigkeit, der die befreit, welche er will, da er doch auf keinen Fall mit Recht dessen Gerechtigkeit beschuldigen könnte, auch wenn er alle insgesamt verurteilte?

Aurelius Augustinus, Natur und Gnade, IV,4+5