Schlüsselerlebnisse mit Kindern (31): Begleiten, nicht alle Steine aus dem Weg räumen

Ich wohne für einige Tage bei einer Familie in der Suburb von Philadelphia. Es ist eine “Blended Family”. Beide Elternteile waren verwitwet. Er hat zwei Kinder aus erster Ehe, sie vier. Alle sechs Kinder sind daran, ihren Weg ins Erwachsenenleben zu finden. Im Gespräch mit den erfahrenen und Leid-geprüften Eltern habe ich eine Lektion gelernt: Es gilt die jungen Erwachsenen ins Leben zu begleiten. Das heisst nicht, ihnen alle Steine aus dem Weg zu räumen. Abgesehen davon geht das auch nicht. In den USA sind die Gebühren für Highschool und Colleges sehr hoch, bis zu 40’000 Dollar pro Jahr! Das bedeutet, dass viele Abgänger ihr Berufsleben mit bis zu 200’000 Dollar Schulden starten. Doch die Herausforderungen beginnen schon viel früher. Die jungen Erwachsenen merken, dass sie nicht ihr Traum-College besuchen können; dass ihr lang gehegter kindlicher Berufswunsch sich nicht verwirklichen lässt; dass sie nicht so erwünscht sind in der “Welt der Erwachsenen”, wie sie sich es vorgestellt hatten; dass das Leben sehr kostspielig, die Tage ermüdend sind. Die Jungen meiner Gastfamilie haben sich mit 15 Jahren längst einen Job gesucht. Eine arbeitet bei Starbucks Coffee und studiert nebenher am College. Ihre Eltern lassen sie nicht allein. Sie begleiten ihre Kinder. Das bedeutet zweierlei: Sie sind erstens anwesend und zweitens ansprechbar. Der Vater trifft sich mit anderen Männern wöchentlich zum Gebet für seine Kinder. Die Mutter, die acht schwierige Jahre als Wittfrau hinter sich hat, stellte ihre Studien zurück, um sich ganz für ihre Kinder zur Verfügung zu stellen. – Manchmal habe ich das Gefühl, dass im typisch schweizerischen Kleinfamilien-Setting in diesem Alter mehrere Fehler begangen werden. Erstens haben sich die meisten Eltern – wenn sie nicht geschieden oder einander entfremdet sind – meist neu orientiert. Sie investieren viel Zeit und Energie in ihr berufliches Fortkommen. Sie leben erneut so, wie wenn sie junge Erwachsene wären. Während vielleicht 10, 15 Jahren hatten sie eine Familien-Zwischenzeit eingelegt, um dann wieder ins Freizeitleben unserer Gesellschaft einzusteigen. Nach wie vor bestehen bleibt die physische und finanzielle (Über-)Versorgung des Nachwuchses. Es werden Lehrstellen gesucht, Handyschulden, Ferien, Fahrzeuge, Wohnungen finanziert. Doch dadurch verzögert sich der Einstieg in die Realität des Erwachsenenlebens, also jener Phase, in der die ganze Verantwortung auf eigenen Schultern ruht. Ich wünsche mir, meine Söhne in ihrer Selbständigkeit zu stärken, ihnen den harten Wind des Berufs- und Erwachsenenlebens nicht vorzuenthalten; doch ebenfalls für sie im Gebet zu ringen, ihnen bei ihren Fragen und bei Rückschlägen, Ernüchterung und Enttäuschung beizustehen. Das ist die Aufgabe, mit denen wir Eltern als Gottes Stellvertreter betraut worden sind. Wir dürfen uns dabei derselben Versorgung unseres himmlischen Vaters bewusst sein!

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