Trotz ausserordentlicher Gaben keinen Sonderfall für sich reklamieren

Ein Buch Bavincks tanzt aus der Reihe. Es geht um Willem Bilderdijk (1756-1831) als Dichter und Denker. Im ersten Kapitel „Bilderdijks Persönlichkeit“ sucht er die individuellen Spuren des Künstlers nachzuzeichnen, bevor er den thematisch-sachlichen Überblick über das grosse Werk des Künstlers beginnt. Er tut das auf eine einfühlsame Art und Weise.

Als Künstlerfigur war Bilderdijk ein Mann der Kontraste, an denen sich manche, die sich mit ihm beschäftigen, stiessen und abstiessen. Schon sein Erscheinungsbild machte ihn zum „Fremden in seiner eigenen Zeit“ (9). Der gleiche Mensch, der sich in einer grossen Runde nicht wohl fühlte und die Gegenwart vieler stumm ertrug, konnte ich einer kleinen vertrauten Runde so richtig auftauen und ein „ganz anderer Mensch“ sein (10). Die inneren Gegensätze waren noch stärker ausgeprägt: Auf der einen Seite hinterlassen die Einblicke in sein Innenleben ein düsteres, pessimistisches Bild. Das Leben schien ihm „kein Vergnügen, sondern eine Last“ (11). Auch wenn er zwischendurch Ausbrüche von Groll und Bitterkeit zeigte, blitzte immer wieder die „stille Duldung, festes und unbewegliches Vertrauen“ (11) auf. So stand die Schwere buchstäblich fast neben schwebendem Spass. Die Beschwerden endeten „wie bei den Frommen des Alten Testaments, immer in Gott“ (12-13) Bilderdijk wusste nur zu gut, dass der Mensch sich oft selbst die Ursache seiner Trauer schafft und aus dem eine Katastrophe macht, was ihm Gottes Gnade geschenkt hatte (14). Ja, er wusste, dass „reine Freude für den Menschen nicht gut wäre“ (14).

Einen weiteren Mangel, der Bilderdijk bald an sich bemerkte, waren sein Stolz und seine Eitelkeit. Besonders in den frühen Werken kommt der „selbstgefällige Ausdruck“ (15) zum Tragen. Aber auch dieser Selbsterhöhung stand die Kehrseite gegenüber. „Sein Stolz war von einem tiefen Gefühl der Abhängigkeit von Gott“ begleitet (16). Er bittet Gott um die Erlösung von seiner eigenen Eitelkeit. So wechselt sich das erhebende Gefühl mit dem der Abhängigkeit, Kleinheit und Demut ab (17). Auch im täglichen Leben zeigte Bilderdijk zwei Seiten. So unpraktisch und ungeschickt er sich anstellte, so geschärft war sein Blick für Kleinigkeiten, die jedem anderen entgangen wären (17). Er konnte es nicht ertragen, wenn jemand eine Rolle spielte (18). Selber klagte er beständig über sein Scheitern, hielt sich für missverstanden und ignoriert. Trotzdem diesem Klagen legte er eine erstaunliche Schaffenskraft zu Tage. So wie er ein „Liebhaber der Einsamkeit“ (19) war, so unabhängig und selbständig kam sein Urteil daher. Darum blieb er ein Geheimnis für alle die auf ihn den „üblichen Standard“ anwendeten (21). All diese Erklärungen können aber, so Bavinck, nicht von den Fehlern und Sünden ablenken. Diesem Mann war nichts Menschliches fremd (22). Auch wenn er ausserordentliches Können an den Tag legte, hatte er sich doch als Mensch demselben Gesetz zu unterstellen. Er konnte keinen Sonderfall für sich reklamieren. Launisch und phantasievoll war er unermüdlich damit beschäftigt, sich selbst zu studieren – sein Gesicht, seine Porträts, seinen körperlichen Zustand, seine Seele (23). Er neigte zur übermässigen Introspektion.

Die aussergewöhnliche Sensibilität, gefördert durch die Erfahrungen des Lebens, ist Kraft und Quelle für sein Schaffen, aber auch Ursache seiner Reizbarkeit und seiner instabilen Natur (24). Die Mängel Bilderdijks sind damit die „Kehrseiten seiner Tugenden“ (25). „Man schaudert beim Gedanken, was Bilderdijk mit seiner starken sinnlichen Natur, mit seinem Geist, mit seine sprudelnd-verletzenden Leidenschaft, mit seinen grossen Gaben geworden wäre, wenn er nicht gelernt hätte, sich in Demut vor seinem Herrn und Erlöser zu beugen“ (25). Der ständige Kampf zwischen Sünde und Gnade erhebt ihn aber trotz aller Schwächen zu einem Helden des Glaubens (26). Es gehört zur Eigenart Bavincks, dass er die Zeiten und Bedingungen würdigte, unter denen der Künstler lebte und für diesen wenn die Wertschätzung, so doch zumindest Verständnis (28) reklamierte. Besonders beeindruckend für Bavinck ist die markante Genauigkeit, mit der er die eigene Zeit, das eigene Jahrhundert beurteilte.

Mit seinen Überzeugungen allein auf weiter Flur zu stehen, verlangte Bilderdijk „Kraft des Geistes und eine Festigkeit des Willens“ ab (29). Sein ganzes Leben hat er viel Widerspruch und Vorwurf einstecken müssen. Die Parteilichkeit führte dazu, dass er nie im vollen Sinne populär war (30). Es ging um etwas Wichtiges – etwas, dem sich Bavinck selber verschrieben hatte -, nämlich dem tief gehenden Kampf zwischen Moderne und christlicher Weltanschauung (32). Diesen Kampf auszufechten war ihm viel wichtiger, als die Gunst des Volkes zu besitzen. Popularität hat er nie gesucht.

Man fragt sich angesichts dieses Berichts, inwiefern diese Beschreibung selbst Lebensideals Bavincks verknüpft ist.

Herman Bavinck. Bilderdijk als denker en dichter, Kampen (J.H. Kok) 1906. Das Buch wurde zum 150. Geburtstag des Poeten herausgegeben.

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