Vaterschaft im Spannungsfeld von Ehrgeiz und Resignation

Es gibt Tage, da denke ich über die vergangenen Stunden nach und komme zur Feststellung: Du bist in deiner Rolle als Vater „neben den Schuhen“ gestanden. Ich entdecke in meiner Erziehungsarbeit zwei Seiten, die mir beide zu schaffen machen.

Die eine Seite ist mein Ehrgeiz. Ich sehe Begabung und Potenzial meines Sohnes und schätze innerlich ab, zu was er in der Lage sein sollte. Wenn ich dieses innere Soll mit dem realen Tagesverlauf abgleiche, beginne ich ungeduldig zu werden. Da gibt es manchen Leerlauf, Bemühung zu verzögern, Nachlässigkeit, Unlust und Unwille etwas anzupacken. Stunden verrinnen, die anders hätten genutzt werden können. Wer ich diesen (vordergründigen) Leerlauf addiere und die Wochen, Monate und Jahre ins Land ziehen sehe, male ich geistig neue Tagespläne, sehe mich noch früher aufstehen, noch strebsamer dran bleiben. Doch im selben Moment werde ich gewahr, dass die Kraft dazu fehlt und die zusätzlich aufgewendete Energie höchstwahrscheinlich verpuffen wird. Ich denke daran, dass ich meine eigenen Ziele nicht in meine Kinder projizieren möchte, dass es ihr Leben ist und sie mit mir bloss die erste Etappe teilen. Wer bin ich denn, dass ich darüber entscheiden könnte, welche langfristigen Ziele sie ansteuern wollen? Geht nicht manchen Kindern später der Knopf auf? Und umgekehrt: Bleiben nicht auch sehr strebsame Kinder später auf der Strecke? Und wer sagt, dass eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildungszeit auch ein „erfolgreiches“ Berufsleben bedeutet? Laufen nicht manche geradeaus in ihre erste Energiekrise, weil sie nicht gelernt haben mit ihren Kräften haushälterisch umzugehen?

In jenen Momenten beginnt die andere Seite zu spielen, die Resignation. Ich denke an unser Familienziel, die Charakterentwicklung an vorderste Stelle zu setzen. Und ich merke, welche Kleinarbeit es täglich erfordert. Hunderte von Aufforderungen, Ermutigungen, Korrekturen, Fragen und Nachfragen, Erklärungen. Noch anspruchsvoller sind die zahllosen Momente, wo Mann schweigt, nichts weiter korrigiert, den Verlauf beobachtet, Umwege in Kauf nimmt, auf Einsicht hofft. Nicht jeder Moment ist geeignet, um mit dem Kind eine Situation zu besprechen und innere Motive und Überlegungen abzuwägen. Ich frage mich: Lohnt sich das? Wie machen dies andere Eltern? Der „Beim-Nachbarn-ist-das-Gras-grüner“-Effekt beginnt zu wirken. Die anderen scheinen mit einem deutlich niedrigeren Aufwand auszukommen und zufrieden zu sein. Das Ergebnis ist mal ernüchternd, mal erfreulich, die Chancen schwer abschätzbar. Überhaupt ist die fehlende Garantie, dass die eigene Erziehungsarbeit von Erfolg gekrönt sein wird, zuweilen hemmend für den Aufbau neuer Motivation und Energie.

Was bringt mich wieder aus diesem Dilemma? Ich möchte es nicht bei Selbsteinreden, Beschwichtigungen und Vergleichen mit anderen belassen. Es bleibt das Gebet: Wirf deine Sorgen auf den Herrn, er trägt sie. Der Segen des Herrn macht reich, eigene Anstrengung fügt nichts hinzu. Seine Kraft kommt durch deine Schwachheit zur Vollendung. Seine Gnade genügt, auch für die Kinder. Jeder Tag hat an seinem Übel genug. Jeden Morgen ist seine Gnade wieder neu. Darum fahre fort, um gute Gewohnheiten zu kämpfen. Gehe den Weg der mühevollen Kleinarbeit und bitte um Freude über das, was Gott schenkt. Denke daran, welche Umwege du selber gehst und welche Gewohnheiten sie dir abgeschaut oder eingeübt haben, um sich vor dir zu schützen. Anerkenne die guten und wichtigen Anteile in Aktionen, bei denen du nur die andere Seite sehen willst. Und vor allem: Deine Vaterschaft ist der tägliche Beweis dafür, dass du seine Gnade benötigst. Das letzte, was du deinen Kindern weitergeben willst, ist ihnen vorzuzeigen, dass Gottes Wirken überflüssig scheint.