Fester Halt und selbständige Schritte: Die Beschreibung einer Urmutter

Elisabeth Müller, Schweizer Autorin aus dem Emmental, schreibt in ihrer Autobiographie „Türen gehen auf“ (Gute Schriften: Bern 1958, 21-22):

Mir ist ganz besonders noch eine Bäuerin im Sinn, die sich mir mit ihrem ganzen Wesen so einprägte, dass ich sie geradezu als ‚Urmutter‘ bezeichnen möchte. Ihr jüngstes Kind, das sie mir damals herbrachte (Müller war die neue Dorflehrerin), war so sehr ’noch ein Stück von ihr‘, dass man die grösste Mühe hatte, es von ihr loszulösen und ihm begreiflich zu machen, dass es für sich selbst auch ein Menschlein sei. Beständig war es der Mutter nachgetrippelt, das kleine Anneli, im Haus, im Garten, auf dem Acker. Und nun sollte es auf einmal zur Schule gehen, allein, ohne Mutter. Dort wurde es hie und da vom Heimweh derart überfallen, dass es ganz still und hilflos zu weinen anfing. Was sollte ich mit ihm anfangen? Nichts, gar nichts konnte seinen Jammer stillen. ‚Geh du heim, Anneli‘, meinte ich schliesslich, als mir kein Trost mehr einfallen wollte. Da aber sah es mich an, und mit tränenerstickter Stimme brachte es hervor: ‚Ich darf nicht, Mutter hat gesagt, erst am Mittag. Wann ist Mittag?‘ Ich habe miterlebt, mit welcher Weisheit diese nicht mehr junge Mutter ihr letztes Kindlein von sich loslöste und zu einem selbständigen Menschlein erzog. Nichts von Verweichlichung, wie man es zuerst hätte meinen mögen. Am liebsten hätte sie ja dieses Kind, das einst ihres Alters Trost werden sollte, nicht von ihrer Hand gelassen. Aber sie erzog sich selbst, indem sie das Kind selbständige Schritte tun liess. Diese Frau hat wohl kaum je ein Buch über Erziehung gelesen. Sie überliess sich ihrem richtigen Gefühl, ihrem urtümlichen Sinn für das richtige Mass der Dinge. Sie hatte viel angeborenen Menschenverstand, ein merkwürdigt klares und reifes Urteil und war begabt mit göttlichem Humor. Sie verzog kein Fältlein in ihrem Gesicht, wenn sie ihren Mutterwitz spielen liess, und eben das machte den Witz zum Witz! Dazu war alles durchsonnt von Wärme, die aus der Güte ihres Herzens zu den Augen hinaus leuchtete. … Was sie zur wahren Mutter machte, war eben ihr Geheimnis, nicht nur Mutter ihrer Kinder zu sein, sondern Mutter all derer, die ihrem Schutze anbefohlen waren. An ihrem Tisch hätte niemand zu essen begonnen, ehe sich nicht die Mutter hingesetzt hätte, und ihr Kind, das neben ihr sass, musste mit dem Essen warten, bis alle andern in der Ordnung versorgt waren.

Was Müller hier beschreibt, könnte man Inbegriff einer guten Bindung nennen. Nur befürchte ich, dass wenige Kinder eine solche Mutter haben.