Lektionen aus der Lektüre von Gefangenenliteratur (4): Eine Kultur der Scheinargumente

Nochmals zu Alexander Solschenizyn und Archipel Gulag. Man stelle sich vor: Millionen von Gefangenen müssen durch Gerichte geschleust werden. Es gibt informelle Quoten pro Zeiteinheit pro Gericht. Es existiert keine oder zumindest keine den Gefangenen bekannte Strafprozessordnung. Es hat sich ein System aus Untersuchungsrichtern, Staatsanwälten und Richtern herausgebildet, die Hand in Hand arbeiten. Sie sind Profiteure des Systems. Das Privatleben trennen sie völlig vom Geschäft. Die Häftlinge sind mit fehlenden, fadenscheinigen oder falschen Argumenten festgenommen worden. Es werden Geständnisse aus ihnen herausgepresst, die gar nicht dem Sachverhalt entsprechen. Es entstehen unzählig viele Protokolle, welche wiederum vom wirklichen Verlauf der Verhöre und Untersuchungen abweichen. Dieser aufgeblähte falsche Apparat stützt sich auf Scheinargumente ab. Recht und Unrecht haben sich verkehrt. Im biblischen Ton: Saures gilt als süss, und Süsses gilt als Saures.

Ab und zu meine ich ähnliche Phänomene in Organisationen – Unternehmen, Kirchen und auch Familien – zu entdecken. Systemtheoretiker sprechen von einer „unguten Stabilisierung“. Ein Element stützt das andere und damit sich selbst. Die Bibel spricht auch von Heuchelei und von Lüge. Wie soll man sich verhalten in einer solchen Umgebung? Es gibt sicherlich nichts Besseres, als sich in die Hände Gottes zu befehlen als in die Hände von Menschen zu fallen (David in 2. Samuel 24). Ebenso gilt es, mit seiner Kraft den Ordnungen Gottes treu zu bleiben. Nur diese Normen geben uns verlässliche Koordinaten im „Blindflug“.