Buchbesprechung: Lernen von einem eigenwilligen und geradlinigen Theologen

Patrick Baskwell. Herman Hoeksema. A Theological Biography. 336 Seiten. PhD Arbeit von 2006 an der VU (Amsterdam), Download hier.

Wie stiess ich auf diese Arbeit? Im Rahmen meiner Beschäftigung mit dem „Dutch Calvinism“ stiess ich eher zufällig auf H. Hoeksema. Die meisten Arbeiten richteten ihr Augenmerk vor allem auf Abraham Kuyper und allenfalls Klaas Schilder. Eine englische PhD-Arbeit von 1992 widmet Hoeksema gerade mal 20 Seiten. Meine Aufmerksamkeit hat Hoeksema durch seine pointierte Stellungnahme gegen Kuyper zum Thema der „Allgemeinen Gnade“ gefunden. Immer wenn ich vom niederländischen Einwanderer in Grand Rapids las, war dies mit zwei Bewertungen verknüpft: Er wurde als brillanter Denker anerkannt, so wie er als unkorrigierbar und stur abgestempelt wurde. Hoeksema ist Gründer einer kleinen Denomination in den USA (PRC) mit eigenem Seminar und eigenen Privatschulen. Mein Interesse war vollends geweckt. Wer ist dieser Mann, der stets nur schimpfend zitiert wird?

Wie ist das Buch aufgebaut? Das Anliegen der Dissertation ist es, durch die Augen von Herman Hoeksema seine theologischen Positionen verstehen (307). Die ersten fünf Kapitel skizzieren den Lebensverlauf mit Schwerpunkt der theologischen Entwicklung; die letzten drei Kapitel beschäftigen sich mit den drei Punkten der Synode von Kalamazoo (1924; eine gute Zusammenfassung der Ereignisse schrieb John Bolt hier).

Das erste Kapitel schildet drei Haupteinflüsse aus seiner Kindheit und Jugend: Seine Mutter, die „Afscheiding“ (Abspaltung von der staatlich-reformierten Kirche) und Abraham Kuyper (52). Im zweiten Kapitel folgt eine Auseinandersetzung mit den prägenden Personen seiner theologischen Ausbildung am Calvin College nach seiner Immigration in die USA. Insbesondere geht es um den Einfluss von W. W. Heyns, dessen Bundestheologie Hoeksema entschieden bekämpfte. In Abgrenzung zu seinem Lehrer entwickelte er eine Theologie des Bundes, welche zum Kern seiner Ausarbeitungen gehört. Von seinem anderen Dozenten Foppe M. ten Hoor – und durch diesen indirekt von Herman Bavinck – bezog und übernahm er im Gegenzug wichtige Inhalte und entwickelte sie weiter. Im dritten Kapitel verfolgt Baskwell die Linien der geistlichen und theologischen Entwicklung entlang seines ersten Pastorats und der Anfänge seiner Gemeindearbeit. Hier wirft er auch einen Blick in seine zahlreichen Lehrartikel in der Zeitschrift „The Banner“, insbesondere zum Thema „Reich Gottes“. Eine Scharnierstelle seines Lebens stellt die Janssen-Affäre von 1922 dar (viertes Kapitel). Es ging um die Anschuldigung gegen einen Calvin-Professor, der wegen Bibelkritik wiederholt unter Beschuss geraten war. Hoeksema lieferte sich mit Janssen eine längere schriftliche Debatte in „The Banner“. Indirekt wurden sein forsches Vorgehen und das dadurch ins Blickfeld geratene Thema der „Allgemeinen Gnade“ ihm selbst zum Verhängnis. Die endgültige Zäsur folgte 1924 in der grossen Kontroverse an der Synode von Kalamazoo (siehe dieser Post). Hoeksema wurde suspendiert, worauf ein grosser Teil seiner Gemeinde sowie das gesamte Konsistorium ihm folgten (fünftes Kapitel).

Was sind Hoeksemas familiäre Wurzeln? Immer wirft die Beschäftigung mit der Jugend eines Menschen helles Licht auf den weiteren Verlauf, Wendepunkte und theologische Schwerpunkte. Hoeksema ist in den Niederlanden geboren und aufgewachsen. Die Mutter hatte die Scheidung eingereicht, als Herman vier Jahre alt war. In der damaligen Zeit und im streng reformierten Umfeld war dies nicht nur ein Skandal, sondern auch wirtschaftlich ein kaum zu bewältigendes Schicksal. Der Vater hatte Kirche und Familie verlassen, die gottesfürchtige Mutter brachte die Familie mit Nähen durch. Daraus resultierte das lebenslange Anliegen Hoeksemas für soziale Belange. Interessanterweise beschäftigt sich ein Kernstück seiner Theologie, die Theologie des Bundes, mit der Dimension der Beziehung; also mit dem Element, das im persönlichen Leben H. als das grösste Defizit festgestellt wurde.

Was seine geistlichen Wurzeln betrifft, ist eine vielschichtige Verflechtung sichtbar. Hoeksema wurd in der Afscheiding, einer Abspaltung von der offiziellen niederländischen reformierten Kirche (1834), getauft. Später wechselte er in eine sog. B-Gemeinde, die sich 1886 unter der Führung Abraham Kuypers ebenfalls von der offiziellen Kirche getrennt hatte. Dadurch kam Hoeksema bereits in frühen Jahren in den Einflussbereich Kuypers. Baskwell unterteilt diese Wirkung in eine positiv-konstruktive und eine negative Kategorie. Kuypers Buch „Spezielle Gnade“ hatte einen nachhaltigen Einfluss auf Hoeksema. All seine philosophischen und politischen Werke jedoch, insbesondere seine beiden Werke „Lectures on Calvinism“ (1898) und „Allgemeine Gnade“ (1902-1904), bildeten für H. den Grundstein für eine unselige Synthese zwischen der Kirche und der Welt.

Die rund 100-seitige Analyse der drei Punkte der Synode von Kalamazoo in der Auseinandersetzung mit Hoeksemas Einspruch führt den Leser an drei wichtigen theologischen Wegmarkern vorbei: Der Natur des Bundes, dem Bild Gottes im Menschen nach dem Sündenfall und dem Angebot des Evangeliums (und dem damit verbundenen Vorwurf des Hyper-Calvinismus). In diesen Abschnitten sind die langen Zitate Hoeksemas sehr erhellend.

Welchen Nutzen ziehe ich aus der Lektüre? Sehr hilfreich sind die ausführlichen Zitate von Hoeksema selbst und weiteren wichtigen Vertretern aus der PRC, v. a. Woudenberg, Hanko und Engelsma. Baskwell zieht zudem Vertreter verschiedener reformierter Lager aus dem 20. Jahrhundert zur Beurteilung hinzu. Ab und zu verwirren die langen Zitate. Ich musste auf die klärenden Zusammenfassungen am Ende der Kapitel zurückgreifen. Klarere Ansagen am Kapitelanfang wären wünschenswert gewesen. Auch wenn Baskwell sein Buch mit der Bemerkung schliesst, dass manche theologischen Positionen nicht beurteilt worden seien, ist seine eigene Beurteilung trotzdem eingeflossen. Auffällig ist die wiederholte Zustimmung Baskwells für Hoeksemas Argumente wider seine Kritiker. Auf der Sachebene kann Hoeksema wenig angelastet werden, die Lehren sind  in sich schlüssig. In der Schlussbesprechung bezichtigt Baswell allerdings – und das auch aus eigenen Begegnungen heraus – die von Hoeksema gegründete Denomination der Erstarrung. Die Tendenz zur Überbetonung von Nebensächlichkeiten hat sich, wie das so oft in stark personzentrierten Denominationen geschieht, zugespitzt.

Hoeksemas Biografie ist Warnschild und Ansporn zugleich. Ingesamt wird ein enger Zusammenhang zwischen Biografie und Theologie sichtbar. Prägend ist die vaterlose Jugend Hoeksemas (siehe S. 90; aus einem Interview mit Nachkommen zitiert Baskwell die fehlende elterliche Betreuung als zentrales Lebensereignis). Als warnendes Beispiel für mich ist der Bericht seiner Dominanz.  Er konnte keine andere Meinung neben sich bestehen lassen. Ebenso wenig gelang es ihm, sich auf jemand anderen zu verlassen (92).

Auf der anderen Seite stehen seine Geradheit und sein Mut. Schon seine erste Gemeinde konfrontierte er mit einer kompromisslosen Art, sowohl was seine Predigten wie auch seine Überzeugungen betraf. Sie akzeptierte ihn auch unter diesen Bedingungen als Pastor. Schon in den ersten Jahren nahm er Abgänge von Mitgliedern in Kauf. Die Kirche stand und fiel nicht mit der Zahl, sondern mit der Wahrheit des Wortes Gottes (97). 1918 riskierte er sein Leben mit der Weigerung, wie damals üblich eine amerikanische Flagge im Gottesdienst aufzuhängen.

Nachdenklich stimmt die letzte Lebensetappe. 1947 erlitt Hoeksema einen schweren Schlaganfall, von dem er sich nie mehr richtig erholte. Baskwell hielt seine Theologie mit diesem Datum für abgeschlossen; sein Sohn Homer übernahm von jenem Zeitpunkt an die Leitung. Doch damit der Brüche und Schläge nicht genug. Der zweite Besuch von des niederländischen Theologen Klaas Schilder (siehe dieser Post) von 1947 führte 1953 zu einer weiteren Abspaltung, aus der sich die Orthodox Protestand Reformed Church (OPRC; später fusioniert mit den Christian Reformed Churches, CRC) formierte. Diese Entwicklung ist umso tragischer, als Schilder Hoeksema sehr nahe stand und beide einander schätzten.

Fazit: Das Buch sei dem kundigen Leser empfohlen. Geschichtliche und theologische Vorkenntnisse der Bewegung des „American Dutch Calvinism“ sind unverzichtbar, um folgen zu können. Insgesamt hat mich die Lektüre neugierig gemacht, Hoeksema als systematischen Theologen noch besser kennen zu lernen. Er scheint mir ein wichtiges Korrektiv zu den kulturzugewandten „Kuyperianern“ zu sein. Auf der Leseliste stehen: Seine Schrift von 1923 gegen das Konzept der Allgemeinen Gnade; sein kleines Buch zum gleichen Thema (1947) sowie die zweibändige Reformed Dogmatics (1966).