Zitat: Zwischen Liberalismus und Fundamentalismus

Diesen Ausschnitt aus Os Guinness‘ Buch „Asche des Abendlandes“ (Hänssler: Neuhausen-Stuttgart, 1972, S. 298-300) ist es wert, in voller Länge wiedergegeben zu werden. Es ist wahrlich nicht einfach, zwischen dem sich im Evangelikalismus ausbreitenden Liberalismus und einem erstarrten Fundamentalismus zu navigieren.

In der liberalen protestantischen und progressiven katholischen Theologie kann man die Ergebnisse dieses Mangels an Wahrheits­grundlagen gut sehen. Indem sie den Akzent auf einen Glaubenssprung legten, eine Trennung zwischen Fakten und Glauben voll­zogen, die Geschichte zum Mythos deklassierten und somit jedem vernünftigen Glauben allen Boden entzogen, haben die Moderni­sten und Progressiven die Glaubwürdigkeit des Glaubens zu radi­kaler Ungewißheit schwinden lassen. Angefangen bei den Libera­len, die unterschieden zwischen der Bibel als dem Wort Gottes und einer Bibel, die Gottes Wort enthält, über Rudolf Bultmann mit seiner Behauptung, daß der Glaube an Ostern intakt bliebe, selbst wenn wir heute die Gebeine Christi in einem Grab finden würden bis zu den jüngeren Theologen, denen nur noch daran liegt, daß die »Sache« Jesu weitergeht – alle stehen dem unlösbaren Problem der Bedeutung ihrer Theologie gegenüber. Fragt man sie, was sie denn eigentlich meinten, oder auf welcher Grundlage sie solche Aussagen machen könnten, enden ihre Antworten in der Leere, im Trivialen oder Absurden. Wahrheit ist nicht mehr, was Gott über sich zu den Menschen sagt, sondern was der Mensch erkennt, wenn er Gott sucht und sich in menschlichen Begriffen außen. Aber eine solche Sprache ist rein symbolisch. Wie ein Pfeil versucht sie die Decke der Unendlichkeit zu durchbohren, jenseits derer Gott, wenn es einen Gott gibt, der unfaßbar Andere ist. Unterhalb der Decke sucht der Mensch und ringt nach der Wahrheit, aber jeglicher Sinn ist stets jenseitig. Dem Menschen bleibt nur noch, was T. R. Miles »Schwei­gen, durch Gleichnisse qualifiziert« genannt hat. Diese »radikale Ungewißheit« unterscheidet sich von offenem Zweifel nur wenig, und ein solcher Glaube erscheint nur den Glaubenden als tapfer. Der kaltblütige Realismus von Freud ist dem bei weitem vorzuzie­hen, der solche jeglicher Verifikation unzugänglichen Glaubens­vorstellungen folgendermaßen kommentierte: »Genauso wie man sie nicht beweisen kann, kann man sie auch nicht widerlegen.« Der Liberalismus kann auf die Frage »Woher können wir das wissen?« nichts antworten. Wie gut die liberale Rhetorik auch sein mag, der Glaube schwebt dort ständig in der Gefahr, von erkenntnistheoreti­scher Ungewißheit oder vom Relativismus geschluckt zu werden.

Mängel betr. der Wahrheitsgrundlage zeigen sich allerdings auch im älteren Fundamentalismus. Es mutet einen ironisch an, daß, ob­wohl die Fundamentalisten den Liberalismus ganz und gar ableh­nen, ihre Antwort die gleiche Schwäche aufweist. Auch sie betonen den Glaubenssprung und erheben die Irrationalität fast zum Prinzip; sie leimen die ernsthaften Fragen des modernen Menschen als Ablenkung von tieferen persönlichen Problemen ab. Dahinter ver­birgt sich eine verzweifelte intellektuelle Unsicherheit, von der um­zäunenden Hecke von Tabus zwecks Erhaltung moralischer Rein­heit nur dürftig verborgen. Die scharfe Intoleranz vieler evangelistischer Unternehmungen, die nur durchgeführt werden, um das ei­gene Gewissen zu beschwichtigen, verrät die gleiche Unsicherheit. Viel von dem, was in diesen Kreisen gelehrt wird, muß in der gro­ßen Schule des Lebens wieder über Bord gehen, und es überrascht keineswegs, daß die Universitäten mit Versagern, die aus solchen Kreisen stammen, ihre Not haben. Ihr irrationaler, subjektiver Glaube wird von den auf da Hochschule notwendigerweise auftau­chenden Fragen grausam durchlöchert, und viele können nur des­halb beim Christentum bleiben, weil sie sich an einen schizophrenen Glauben klammem, den sie für religiös wahr halten, ohne ihn gedanklich, geschichtlich und psychologisch verifizieren zu können.

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Das zeitgenössische Christentum hat seine eigene Glaubensgrundlage bewußt und unbewußt verraten, indem es die Verschiebung im Wahrheitskonzept nicht verstanden und seine Äußerungen nicht auf die modernen Denkaussetzungen abgestimmt hat. Für den modernen Menschen ist es nicht nur falsch, sondern unsinnig, im Bereich der Moral und Vernunft mit »Universalien« zu arbeiten und im Bereich der Theologie oder Metaphysik von objektiver Wahrheit zu reden. Das moderne Denken ist von einem Schwung vom Absoluten zum Relati­ves, von Objektivität zur Subjektivität, vom Universalen zum Existenziellen gekennzeichnet. Sowohl der Liberalismus als auch der Fundamentalismus haben hier falsch reagiert – wenn auch in der entgegengesetzten Richtung. Der Liberalismus hat beim Aufkommen der rationalistischen Kritik am Christentum nicht auf seinen eigenen Prämissen bestanden. Stattdessen hat man versucht, bibli­sche Theologie auf naturalistischen und säkularen Prämissen zu errichten, je nach den gerade vorherrschenden philosophischen Strömungen. Keine liberale Theologie ist je eine neue Theologie. Es handelt sich lediglich um säkulare Prämissen, die in die religiöse Dimension erhoben werden. Daraus erklärt sich, warum die neuen Theologien so schnell passe gewesen sind; sie überdauern ihre Elternphilosophie nicht. Manche Theologen könnte man passend als »theologische Mannequins« bezeichnen. Wenn man die hegeliani­schen, existentialistischen oder idealistischen Prämissen hinter einer bestimmten neuen Theologie aufspüren kann, kann man ihre Relevanz und ihren Aufstieg und Niedergang gewöhnlich mit ziemli­cher Sicherheit vorhersagen. Was die liberale Theologie anscheinend durch ihre vorübergehende Aktualität gewinnt, verliert sie schliesslich durch ihre Kapitulation durch Kompromiß. Die Vermi­schung von biblischen und säkularen Prämissen endet stets in der Irrationalität.

Extremer Fundamentalismus ist gleichfalls irrational, doch aus an­deres Gründen. Stolz auf die »Reinheit der Lehre« und Treue zum Väterglauben veranlaßt die Fundamentalisten, jede Andeutung eines Kompromisses oder einer Verständigung abzulehnen. Aber ihr Mangel an einer ausreichenden Wahrheitsgrundlage ist ebenso sichtbar. Ihr Fehler besteht grundsätzlich darin, daß sie die Schlacht dort kämpfen, wo sie längst nicht mehr gekämpft wird; Don Quijote ähnlich stürmen sie gegen die Windmühlen von gestern. Sie vergessen Martin Luthers Ermahnung, daß ein Kampf an jedem Punkt, ausgenommen an dem, wo sich heute die Schlacht abspielt, eine Zeitverschwendung ist. Der Fundamentalismus hat die modernen Prämissen des Relativismus nicht begriffen und ihre Verbreitung geografisch, kulturell und intellektuell nicht verfolgt. Er befindet sich daher in einer gesellschaftlichen Isolation, auf einer selbstgemachten Mittelklasseinsel, von der allgemeinen Kultur und sogar den eigenen Kindern getrennt. Sie verstehen den Unterschied zwischen einer Ablehnung von Falschem und einer Ablehnung von Sinnlosem nicht. Sie verteidigen die Bibel als Wort Gottes, aber sie erkennen nicht, dass die moderne Position dies nicht wegen bestimmter Einzelheiten ablehnt, sondern weil es in der geschichtlich gewordenen und geschichtlich bedingten Sprache das Wort nicht geben kann. Sie verweisen auf die Auferstehung Jesu als Beweis für die Wahrheit des Christentums, erkennen aber nicht, dass es den Existenzialisten eigentlich nicht darauf ankommt, ob es ein historisches Ereignis war oder nicht; er fragt sich, ob es sich dabei nicht um ein weiteres sinnloses Ereignis in einem irrationalen Universum handelt. In der Diskussion der Wunderberichte mit den Materialisten verstehen sie nicht, daß es gar nicht darum geht, wie viele historisch belegte Wunder man aufführen kann, sondern daß man es mit einer tiefbegründeten Grundhaltung zu tun hat, die jeglichen Glauben an von Gott gewirkte Wunder unmöglich macht – auch wunderbare und unerklärbare Gescheh­nisse haben heute keine Sprache mehr. Diese Verständnislosigkeit führt nicht nur zu einem Kommunikationsversagen, sondern zu ei­ner intellektuellen Haltung, die bestenfalls irrational und schlimm­stenfalls verlogen und absurd ist. Ein solcher Glaube ist wie ein in­tellektueller Bluter – man braucht ihm nur den Finger anzuritzen, und er verblutet.

Dieser Mangel an Wahrheit Endet sich nicht nur im Liberalismus oder im extremen Fundamentalismus, sondern auch in neueren Be­wegungen innerhalb der Christenheit. Sicherlich sollten die Chri­sten ihrer Einheit Ausdruck verleihen und ihre Aufsplitterungen überwinden, aber die Ökumene hat sich bislang mehr als Einigung auf Kosten der Wahrheit statt als Vereinigung auf der Grundlage der Wahrheit erwiesen. Sicherlich brauchen die Christen ein tieferes Er­leben der Wirklichkeit des Heiligen Geistes; in der charismatischen Bewegung Enden wir jedoch vielfach eine Oberbewertung des Er­lebnisses auf Kosten der Erkenntnis. Insgesamt haben diesen Bewe­gungen – Liberalismus, extremer Fundamentalismus, die Ökumene und das neue Pfingstlertum, weiche positiven Beiträge sie auch im einzelnen geleistet haben mögen – dazu beigetragen, die Wahrheit zu entwerten, die Einzigartigkeit des christlichen Glaubens zu ver­wischen und das historische Christentum seiner größten Stärke zu berauben: des Anspruchs, wahr zu sein.