Zwei Schamkulturen und der Mechanismus der Selbsterlösung

Das Konsumentenverhalten operativ auf den Glauben übertragen

Wir sind uns gewohnt, in Konsumentenkategorien den „passenden“ Gottesdienst und die gefühlsmässig „stimmige“ Kirche auszuwählen. Wir gleichen unsere inneren Erwartungen mit dem „Angebot“ ab. Das haben wir von klein auf gelernt. Wir wähnen uns in diesen Momenten als „souveräne“ Konsumenten. Gleichzeitig sind wir ständig auf der Suche nach Vergleichsbildern. Wir überprüfen unsere Erwartungen stetig an inneren Vorbildern. Meistens ist das eine Vergleichsgruppe, das heisst eine Gruppe von Menschen, deren Lebensbedingungen in irgendeiner Weise unseren eigenen ähnlich sind.

Zwei evangelikale Schamkulturen

Ich schildere zwei evangelikale Schamkulturen. Wie definiere ich Scham? Scham entsteht durch Sünde, die verdeckt werden muss. Die Bedeckung geschieht durch eigene Anstrengung. Im einen Fall erfolgt sie innen-gerichtet, im anderen Fall aussen-gerichtet.

Die „pietistische“ Schamkultur richtet sich eher an den eigenen (perfektionistischen) Erwartungen aus. Das heisst, sie prägt eine eigene Messlatte nach innen. Bestimmte Verhaltenskategorien müssen eingehalten werden. Zorn darf beispielsweise nicht gezeigt werden und wird darum unter dem Deckel gehalten. Nach aussen wird der Schein aufrechterhalten. Es entstehen interne Ventile. Zum Beispiel bricht der Zorn innerhalb der eigenen Kernfamilie aus. Die Familienmitglieder sind gehalten, diese Zornausbrüche zu ertragen und nach aussen zu verschleiern. Die Bewältigung dieser Muster erfolgt nach eigenen, nicht besprochenen Regeln. Zum Beispiel: „Wenn ich zornig geworden bin und meine Familie dadurch geschädigt habe, dann muss ich diese Schuld durch Abarbeiten wiedergut machen.“ Oder: „Wenn sie ihren Zorn gegen mich gerichtet hat, darf ich materiell kompensieren.“ Die Reinwaschung erfolgt durch die Einhaltung eines eigenen inneren Prozesses.

Die „neo-evangelikale“ Schamkultur orientiert sich nach aussen. Das bedeutet, dass äussere Bedingungen einen hohen Stellenwert einnehmen. Es geht um Kleidung und Auftreten. Frisur, Bekleidung, Schuhe sowie andere Lebensstilmerkmale (Umgangston, Urlaub, Wohnform) werden der Vergleichsgruppe angepasst. Etwas gilt als „uncool“ oder „cool“. „Cool“ ist zum Beispiel eine bestimmte Art von Frisur. Niemand spricht darüber. In kürzester Zeit gleichen sich alle an die geltende Norm an. Das heisst, es wird Zeit und Geld investiert, um sich den dominanten Lebensstilmerkmalen anzupassen.

Unterschiedliche Wege, gleiches Resultat

Auffällig ist, dass beide Gruppen vom Resultat her hohe Ähnlichkeit aufweisen: Beide sind nämlich unter selbst aufgestellten Regeln gefangen gehalten. Sie orientieren sich an der Messlatte der eigenen Subkultur. Beschämung entsteht durch das Abweichen von dieser Messlatte; Entlastung wird durch die Rückkehr zu den geltenden Normen erreicht.

Die pietistische Schamkultur lebt von der Miterlösung: Jesu Blut nimmt unsere Schuld weg. Dazu braucht es jedoch unseren „schwachen Glauben“. Wir trösten uns damit, dass wir schwach sind (und eigentlich nicht sündig).

Die neo-evangelikale Schamkultur lebt ebenfalls von Miterlösung. Das Leben in der Gemeinschaft wird durch Anpassung an bestimmte Lebensstilmerkmale erkauft. Diese Regeln sind ebenso eisern wie in der ersten Subkultur. Man gehört nicht dazu, wenn man sich diesen Regeln nicht unterwirft.

Die gemeinsame Ursache: Der Stellenwert von Gott und Mensch

Es gibt meines Erachtens einen tieferen gemeinsamen Grund für diesen Mechanismus. Es hat damit zu tun, welchen Platz wir Gott und dem Menschen einräumen. Beide Subkulturen leben vom Dogma, dass der Mensch nicht gänzlich tot ist, sondern an seiner Erlösung mitwirkt. Gelebt – und manchmal auch bekannt – braucht es das Zusammenwirken von Gott und Mensch. Am deutlichsten wird dies in der Heiligung, also der Ausrichtung von Denken und Leben auf den Erlöser, sichtbar. Es wird zwar die Erlösung als Schwellen-Erfahrung (zum Beispiel durch ein Übergabegebet) gelehrt, doch das weitere Leben hängt von der eigenen Kraft ab. Heilig zu sein bedeutet in der Konsequenz, sich an den Idealen der Subkultur auszurichten.

Die unhinterfragte, in das Verständnis der Bibel hinein getragene Vorannahme lautet: Gott kommt in dein Leben, indem er das schwache Feuer zu einem starken Feuer entfacht. Weshalb wollen wir nicht einsehen, dass wir gänzlich tot sind? Dass der Retter von ausserhalb kommen muss? Dass er von aussen her die Erlösung bewerkstelligt und auch sämtliche Werke zu seinem Wohlgefallen bewirkt? Es stellt uns in eine unangenehme Position. Wir verlieren den Status des souveränen Konsumenten. Wir können nicht mehr selbst bestimmen, was uns passt und was nicht. Wir stehen auch Gott gegenüber nicht mehr als Prüfende da, sondern als Bettler. Er steht nicht mehr in unserer Schuld, uns das zu geben, was wir von ihm erwarten.

Am deutlichsten wird dies an einer Grundannahme bezüglich des menschlichen Wertes: Gott muss mich einfach mögen. Er muss mich erlösen wollen. Es ist unangenehm, mich in einer ganz anderen Position zu erkennen: Es ist reine Gnade, wenn er uns erlöst. Es hat nichts mit uns selbst zu tun. Es ist sein souveränes Wirken. Dies wirft uns zu 100 % auf sein Wohlgefallen zurück.

Dieses Selbstverständnis hat eine wundervolle Kehrseite. Wenn Gott jemand vom Tod ins Leben ruft, ihn bekehrt und neues Leben einhaucht, dann steht er zu 100 % auf der Grundlage seiner freien Gnade. Er ist begnadigter Sünder. Wenn er fällt, dann fällt er zu 100 % auf seine Gnade. Seine Beschämung muss er nicht abarbeiten. Sie wird durch das Werk von Jesus bedeckt. Er muss seine Schuld weder verstecken noch in der Gemeinschaft abarbeiten. Dies befreit ihn von der Last selbst auferlegter Gesetze, um für IHN zu leben!

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