Input: Wie es euch gefällt – süchtig nach „Likes“

Heike Faller hat im Zeit-Magazin vom 25. November eine sehr gute Reflexion geschrieben. Ein Auszug:

So wie neulich, als ich auf Facebook einen beruflichen Erfolg vermeldet und kein einziges Like bekommen habe. Ich weiß nicht, was unangenehmer war: das Gefühl, dass sich niemand für mich gefreut hat, oder dass es alle sehen konnten. Das Schweigen hatte etwas Passiv-Aggressives: als würde die versammelte Elternschaft einem Kind in der Schulaula dabei zuschauen, wie es ein Flötenstück spielt, und keiner klatscht. Seither habe ich nichts mehr auf Facebook veröffentlicht. Ich habe Angst, abermals keine Likes zu bekommen, außer vielleicht von ein paar Leuten aus meinem alten Handballverein, die den ganzen Tag Candy Crush Saga spielen, und von dem Teenie-Sohn der griechischen Hoteliersfamilie aus dem letzten Urlaub, der alles liket, was ich poste, obwohl er kein Wort Deutsch spricht. Offenbar haben seine Eltern ihn angewiesen, ihren Gästen auf diese Art in Erinnerung zu bleiben.

Seit dem likelosen Post, der wochenlang peinlich nackt auf meiner Pinnwand stand, bis ich ihn schließlich löschte, bin ich stumm geblieben. Ich fürchte, dass mich die Abwesenheit von Likes bei so einem privaten Bild wie dem Blick aus meinem Kinderzimmer besonders hart treffen könnte. Posting-Phobie: Keine Updates mehr zu posten aus Sorge, keine oder zu wenig Likes zu bekommen. Klingt teeniehaft und unreif, ich weiß. Ich ahne schon, dass es da draußen jetzt Leute gibt, die es total lächerlich finden, sich mit der Anzahl von Daumen unter einem Facebook-Post auch nur ansatzweise zu beschäftigen, was ich gut verstehen kann, denn ich finde es auch lächerlich. Du bist nicht auf Facebook – aus Angst, zu wenig Likes zu kriegen? Oder zu viele: Dann müsste ich mich fragen, was ich Blödes angestellt habe.Das ist Deine Form der Koketterie. Braucht Du etwa keine Zustimmung? Doch. Die Frage ist aber nicht wie viel, sondern von wem.

… Es entsprach genau meiner Facebook-Karriere: Weil ich nie wusste, wie die Belohnung ausfallen würde, loggte ich mich häufiger ein, als ich es getan hätte, wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet. Es erging mir wie den 20 Millionen der insgesamt 27 Millionen Facebook-Nutzer in Deutschland, die sich täglich einloggen, und zwar im Durchschnitt 14 bis 15 Mal. Was übrigens genau so gewollt und geplant ist: Der Start-up-Unternehmer und Autor Nir Eyal beschreibt in seinem Bestseller Hooked, wie erfolgreiche Websites sich so in den Alltag ihrer Benutzer einschleichen, dass diese sich ein Leben ohne sie bald nicht mehr vorstellen können. Ein Merkmal, das alle erfolgreichen Programme gemeinsam haben, ist laut Eyal das Prinzip »variable Belohnung«. Er erklärt es mit einem Kühlschrank, in dem manchmal, aber nur manchmal, eine neue, unerwartete Leckerei wartet und der seine Besitzer wohl deutlich mehr beschäftigen würde, als ein Kühlschrank dies üblicherweise tut. Wobei Unvorhersehbarkeit allein noch nichts bewirke, die Belohnung müsse menschliche Bedürfnisse wie die nach Verbundenheit, Anerkennung, Geld, Kontrolle, Vervollkommnung stillen. Bald löste schon die kleine graue Klammer, in der Facebook in der Tab-Leiste des Browsers die Anzahl der wartenden Botschaften ankündigt, den unwiderstehlichen Impuls aus, sofort nachzuschauen.