Buchbesprechung: Einführung in die Philosophie von Thomas von Aquin (I)

Peter Kreeft. The Philosophy of Thomas Aquinas. Course Guide. 104 Seiten. PDF online

Peter Kreeft ist von mehreren Gesichtspunkten her interessant zu lesen. Erstens ist er „Konvertit“; aufgewachsen in einem calvinistischen Kontext wandte er sich dem Katholizismus zu. Zweitens ist er ein Langzeit-Lehrender, seit fünf Jahrzehnten unterrichtet er am Boston College. Drittens hat er Dutzende von Büchern über philosophische, ethische und theologische Themen geschrieben. Wichtiger als sein Leistungsausweis ist allerdings der Inhalt des Geschriebenen. Er geht sehr strukturiert vor und fasst sich so kurz wie möglich. Insofern ist Kreeft für mich ein (unsichtbarer) Gesprächspartner, um Argumente zu schärfen, zudem ein Vorbild für schnörkelloses Schreiben.

Kreeft macht zu Beginn klar, wie er Aquin einschätzt: Er betrachtet ihn als grössten Philosophen zwischen Aristoteles und Descartes. Zudem beurteilt er ihn strikte als Philosophen, gemäss seinem Verständnis verstandes- und nicht glaubensmässig. Kreeft hat übrigens zwei Zusammenfassungen von Aquins „Summa“ geschrieben, eine längere und eine kürzere. Für die vorliegende Verschriftlichung von 2009, die auf Vorlesungen Kreefts beruht, sind die die empfohlene Vorbereitungslektüre. Während des Buches entsteht der Eindruck, dass Kreeft sich selbst in den Fussstapfen von Aquin bewegt. Übrigens preist er die kurze Biografie von G. K. Chesterton als brillanteste Einführung an (hier geht es zu meiner Buchbesprechung).

Für dieses Buch lohnt es sich, das „Skellett“ herauszufiltern.

Vorlesung 1: Aquins Wichtigkeit und kurze Biografie

  1. Synthetisches, also zusammenführendes Denken (Glaube und Wissen, Tiefe und Klarheit, gesunder Menschenverstand und Abstraktion, Theorie und Praxis, intuitive Weisheit und strukturierte Beobachtung der Natur, Einheit und Vielfalt).
  2. Integration sämtlicher Philosophen seit den Griechen, ausgenommen die Sophisten
  3. Bleibender Einfluss bis heute
  4. Gewohnheit der Vorsicht (care) und der Geduld
  5. Geniale Hinweise zur Vereinfachung des Lebens
  6. Klarer und einfacher Stil
  7. Inhaltliche Tiefe

Vorlesung 2: Philosophie und Theologie, Glaube und Wissen

Aufbau der Summa

Aquin beginnt die Summa mit Gott, dem Ursprung bzw. der ersten Ursache aller Dinge. Nach seinem Gespräch über den Schöpfer wendet er sich den Menschen und seinen beiden unverwechselbaren Kräfte, der Vernunft und dem freien Willen, zu; schliesslich dem obersten Ziel des Menschen und seinem höchsten Gut, nämlich Gott, und wie es zu erreichen ist.

Die erste Frage

Beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Theologie und Philosophie, als zwischen Glaube als Quelle der Theologie und Verstand als Quelle der Philosophie.

Fünf Artikel des ersten Teils

  1. Feststellung der Frage in einer pro-/contra-Debatte
  2. Einwände, von Aquin zurückgewiesen
  3. Zwei Artikel mit der Antwort Aquins auf die beiden Einwände
  4. Antwort auf die Einwände, wobei zwei Stränge „teilweise richtig“ und „teilweise falsch“ herausgearbeitet werden

Verhältnis Theologie/Philosophie: Keine Proposition, die der Vernunft bekannt ist, kann einer Proposition des Glaubens widersprechen

Vorlesung 3:  Kann Gottes Existenz bewiesen werden?

 

Alle fünf Argumente folgen der gleichen logischen Struktur: Bewegung, Kausalität, Kontingenz, Unvollkommenheit und Ordnung. Logisches Prinzip: Entweder gibt es eine erste Ursache oder nicht.

Warum kann die erste Ursache nicht das Universum selbst sein? Weil sich nichts von sich selbst aus bewegen kann. Das Prinzip hinter diesem Argument ist das Prinzip der ausreichenden Begründung. Nichts passiert ohne Grund.

2. Wenn es keine erste Ursache der Existenz gibt, dann kann es nicht innerhalb einer Kette weitergegeben werden.

3. Wenn genügend Zeit vorhanden ist, wird jede Potenzialität Aktualität.

4. Ein Ding ist besser als das andere, das Beste steht aber für Gott.

5. Schon ein Buch entstand nicht durch eine Explosion in der Druckerei. Wenn es aber ein Buch gibt, gibt es auch einen Autor.

Vorlesung 4: Gegen die Gottesbeweise von Aquins

Nur zwei Argumente gegen die Existenz Gottes: Das Böse und die Wissenschaft.

Argument 1: Er hätte das Böse nicht zulassen können. Stattdessen braucht er es für ein übergeordnetes Gutes (greater good).

Argument 2: Fünf Einwände

  1. Können wir dem kosmologischen Argument aus einer Zeit trauen, in welche die Wissenschaft noch nicht entwickelt war?
  2. Das Argument basiert auf der physischen Kausalität und wird auf die Metaphysik übertragen.
  3. Skeptizismus gegenüber jeder Form von Erkenntnis über Gott
  4. Aquin glaubt an Gott, weil es ihm Eltern und Priester beigebracht haben.
  5. Wenn es einen Gott geben würde, wie könnte ich es ertragen nicht Gott zu sein (à la Nietzsche)?

Vorlesung 5:

Mittelalterliche Denker verbrachten eine Menge Zeit über der objektiven Frage „Wer ist Gott?“ und nur wenig Zeit über der subjektiven Frage „Wie erkenne ich Gott“ und „Wie drücken wir diese Erkenntnis in Sprache aus?“

Der griech. Begriff logos beschreibt verständliches Sein, verständliches Erkennen und verständliche Kommunikation. Antike und mittelalterliche Denker setzen sich mit dem ersten Aspekt auseinander, klassische moderne Philsophen mit dem zweiten und zeitgenössische Philosophen mit dem dritten.

Vier metaphysische Prinzipien, wie der Mensch nach von Aquin Gott erkennen kann:

  1. Schöpfung: Wenn Gott das Universum geschaffen hat, schafft dies eine Beziehung zwischen Gott und dem Universum, und damit die Möglichkeit einer Beziehung zwischen Gott und Mensch
  2. Kosmische Hierarchie: Die Vorstellung, dass Gott das Universum geschaffen hat, impliziert nicht nur göttliche Kraft sondern auch die göttliche Intelligenz.
  3. Analogie des Seins: Die Pflanzenwelt ist eine schwache und unvollkommene Analogie zur Tierwelt, diese wiederum für das menschliche Leben, und das menschliche Leben für das göttliche Leben.
  4. Göttliche Vernunft, an dem die menschliche Vernunft Anteil hat
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