Kolumne: Was heisst schon sozial?

Wenn es darum geht, kindliche Kompetenz zu beschreiben, fällt über kurz oder lang das Zauberwort „sozial“. Besonders Lehrkräfte werden nicht müde zu betonen, dass das soziale Lernen einen wichtigen Stellenwert einnehme. Leider sind die Gespräche oft beendet, nachdem der Begriff gefallen ist. Man kann dies auf zwei Weisen deuten: Entweder als „Totschlagargument“ oder als „Ende allen Widerspruchs“. Ich begehe einen dritten Weg. Ich bin davon überzeugt, dass hinter einem solch nicht hinterfragbaren Begriff ein Dogma der säkularen Leitreligion steht. Das heisst, es handelt sich um eine oft unbewusste Überzeugung, welche die öffentliche Meinung dominiert und darum nicht näher hinterfragt wird. Ich erlaube mir, dies dennoch zu tun. Dabei muss ich vorherschicken, dass es bezüglich der Definition keinen „neutralen Standpunkt“ gibt. Hinter der Wertung jedes Verhaltens – und wir Menschen können gar nicht anders als zu werten – steht ein „Set“ von Überzeugungen, also eine Sicht auf die Welt und auf den Menschen.

Ich beginne mit dem Versuch einer Definition. Ein Kind wird dann als „sozial“ beschrieben, wenn es a) die Erwachsenen nicht zu oft stört bzw. sich über lange Strecken in einer Gruppe von Gleichaltrigen integriert; b) sich in der bestehenden Hierarchie der Gruppe einfügt; c) kein ausserordentliches inhaltliches Interesse zeigt, also unauffällig ist; d) sich über Aktion oder Material leicht ablenken lässt. Nun kann ich dieser Beschreibung viele positive Aspekte abgewinnen, zum Beispiel: Das Kind kann sich selbst beschäftigen und braucht nicht ständig Fremdanleitung. Es ist sich gewohnt in einer Gruppe mit unterschiedlichen Rangfolgen einzuordnen. Die Alltagsumgebung bietet für das Kind genügend Anreize. Ich könnte aber auch eine andere Seite betonen. Bei der Beschreibung eines solchen Verhaltens steht das Wohl des Erwachsenen im Vordergrund. Das Kind lernt früh sich mit seiner Menschenfurcht abzufinden statt mutig hinzustehen. Eine intensive Beschäftigung mit Inhalten fehlt. Es ist leicht manipulierbar bzw. abzulenken.

Das Ideal des „sozialen Kindes“ scheint sich besonders auf das Zusammensein mit Menschen aus unterschiedlichen sozialen Hintergründen, Kulturen und Religionen zu beziehen. In einem kürzlich geführten Gespräch erzählte mir ein junger Mann von seiner Schulklasse. Er schaute mich verdutzt an, als ich ihm die für jeden Sozialpädagogen mustergültige Definition eines sozialen Kindes vorsagte. Er meinte nur: „Von den anderen Religionen habe ich nichts gelernt. Niemand weiss eigentlich, warum der andere so lebt, wie er lebt. Die einzelnen Ethnien bilden geschlossene Grüppchen. Als Schweizer bin ich in der Minderheit und folglich zuunterst in der Rangfolge.“ Er pflichtete bei, dass vor allem zwei ungeschriebene Gesetze herrschen: Zolle keinem Lehrer Respekt. Sprich nie davon, dass du ein Schulfach magst.

Diese soziale Realität ist mir vertrauter als das Gruppenideal der Erziehungsprofis, welche ihre Grundüberzeugungen aus dem säkularen Humanismus schöpfen. Ich lege jetzt eine andere Beschreibung eines „sozialen Kindes“ vor. Es ordnet sich Autoritäten unter, indem es für eine empfangene Leistung z. B. unaufgefordert „danke“ sagt. Gleichzeitig ist es nicht mundtot, sondern weiss Erwachsenen nicht nur eine gute Frage zu stellen, sondern auch die Antwort aufzunehmen. Es zeigt gemäss seinen Begabungen starkes inhaltliches Interesse. Mit grosser Ausdauer lernt es von anderen, welche die entsprechenden Fähigkeiten besser ausgebildet haben. Auch in einer Gruppe von Gleichaltrigen kann es, ohne dabei trampelig zu wirken, zu seinen Überzeugungen stehen. Es beweist Treue in Freundschaften und steht anderen in schwierigen Zeiten bei.

Nur werden mir einige vorwerfen, dass ich hier einen kleinen Erwachsenen skizziert hätte. Tatsächlich habe ich Kinder kennengelernt, verzeiht mir meine Einseitigkeit – vor allem Jungs, die dieser Definition entsprechen. Die durchschnittliche Lehrkraft würde ihn als „asozial“ bezeichnen, weil er in den üblichen Spielen nicht mittut, weil ihn die normalen Gruppenaktivitäten langweilen, weil ihn die oberflächlichen Gespräche nicht anregen. Kaum aber trifft er auf einen anderen gleichgesinnten „Asozialen“, kann er sich über Stunden und Tage mühelos und ohne Stocken unterhalten. Gemeinsam werden beachtliche Vorhaben geplant und erstaunliche Ergebnisse erzielt. Oft sind es diejenigen, die der Gruppe in Notlagen durch unkonventionelle Ideen, Spezialknowhow oder einfach durch Fleiss aus der Patsche helfen. Sie sind den Gruppenzielen verpflichtet und tragen einen wichtigen Teil zum Erreichen bei. Wer jedoch die vier Kriterien der Anfangsdefinition auf sie anwenden würde, müsste ihnen durchs Band ein „Ungenügend“ erteilen.

Natürlich gibt es Kinder, die sich am liebsten in der Natur aufhalten, ein Flair zum Anleiten von Gruppen, ein Geschick zu kommunizieren, jedoch Mühe mit kognitiven Inhalten haben! Als Christen dürfen wir nicht erstaunt sein, dass es solche und andere Kinder gibt. Jedes Kind ist im Ebenbild Gottes mit bestimmten Begabungsschwerpunkten geschaffen. In diesen Stärken ist es beauftragt, seinen Anteil zur Weiterentwicklung von Gottes Schöpfung zu leisten. Vor Gott hat jeder Einzelne Wert, weil er auf ihn bezogen geschaffen ist. Gleichzeitig ist er unablässig Teil einer Gruppe. Die erste und wichtigste Verankerung stellt die Familie dar; ein zweites, die Familie unterstützendes Umfeld, bildet die Kirchgemeinde. Als drittes, von anderen Gesetzen dominiertes Feld, ist das der Bildung. Hier wird es mit den „Dogmen“ der säkularen Leitreligion konfrontiert. Die Lehrkräfte nehmen in diesem System die Funktion von Wächtern und manchmal gar Priestern ein. Viele Kinder werden im Umfeld der Kleinfamilie zu kleinen Narzissten gezüchtet (eigener Raum, kaum Unterordnung, kein Beitrag ans Kollektiv), während sie im Umfeld der Schule die Rolle von angepassten Ja-Sagern einnehmen (aus Menschenfurcht). Kein Wunder, erhalten sie oft den Stempel „sozial“. Das bedeutet mit den vorherrschenden säkularen Dogmen konform zu gehen. Ob das als Kompliment zu werten ist, wage ich allerdings zu bezweifeln. Denn: Was heisst schon sozial?

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