Buchbesprechung: Sehnsucht nach Gott

John Piper. Sehnsucht nach Gott. 3L-Verlag: Waldems, 2005. 424 Seiten. Euro 14,50.

Habe deine Lust am Herrn! (Psalm 37,4)

Das Buch, für das Piper bekannt wurde

John Piper ist unter dem Stichwort "Christlicher Hedonismus" bekannt geworden. Hedonismus? Das tönt nicht gerade bescheiden. Ist das ein Synonym für ein (weiteres) christliches Wellnessbad? Piper sagt im Vorwort: "Das Leben ist hart, und Gott ist gut." (8) Also doch ein hartes Leben. Und die Sünde? "Ich kenne keinen anderen Weg für den langfristigen Triumph über die Sünde, als sich mit Hilfe einer überragenden Zufriedenheit in Gott von ihr zu distanzieren." (10) Aber doch auch Gnade? "Wir bekommen die Barmherzigkeit. Er bekommt die Herrlichkeit. Wir bekommen das Glück in ihm. Er bekommt die Ehre von uns." (10)

Einleitung: Wie ich zu einem Anhänger des christlichen Hedonismus wurde

Natürlich muss Piper seinen Weg zu dieser ungewohnten Entdeckung aufzeigen. Der Grundsatz: "In allen Lebensbereichen soll Gott die Ehre gegeben werden auf die Art, die Er selbst verordnet hat." (16) Da stimmen wir zu. Hat uns Gott aber auch Glück verordnet? Piper greift auf den Gelehrten Blaise Pascal aus dem 17. Jahrhundert zurück. "Nach Pascal ist das Streben nach Glück keine Sünde, sondern einfach ein menschlicher Wesenszug." (17) Was ist denn mit der oft propagierten Selbstlosigkeit, die Christen an den Tag legen sollen? "Das negative Ideal der Selbstlosigkeit bedeutet nicht nur vorrangig, für andere Gutes tun zu wollen, sondern auch, selbst auf das Gute zu verzichten, als ob unser Verzicht das wichtigste ist…" (18) Piper dreht den Spiess um. "Unser Fehler liegt nicht in der Intensität unserer Sehnsucht nach Gott, sondern in deren Schwäche." (19) Und: "Gott wird nicht angebetet, wenn Er nicht gleichzeitig wertgeschätzt und genossen wird." (20) Freude wird so zum wesentlichen Bestandteil der Anbetung (21). So war es schon für die Psalmendichter, denn Gott war "Gegenstand der allumfassenden Zufriedenheit" (C. S. Lewis). Gott bietet uns nicht nur Freude an. Er erwartet von uns, dass wir ihn und seine Gaben geniessen, wie wir es immer nur können. Die Art von “Vergnügen”, die der christliche Geniesser anstrebt, ist die Freude, die in Gott selbst zu finden ist. Er ist das Ziel unserer Suche, kein Mittel zum Zweck.

Das Glücklichsein Gottes

Die Gedanken mussten sich in meinem Kopf erst ihren Weg bahnen. "Wir neigen eher dazu, den Plan Gottes so zu beschreiben, dass wir selbst im Mittelpunkt seiner Zuneigung stehen." (29) Richtig, das sehe ich auch so. "Gott hat das Recht und die Macht, das zu tun, was ihn glücklich macht." (30) Da stimme ich auch zu. "Weil Gott Gott ist, können Seine Pläne nicht zunichte gemacht werden." (31) Das geht aber noch weiter:  Auch moralische Bosheit hat einen Platz in den Plänen Gottes (33). Der hartnäckige Ungehorsam des menschlichen Herzens führt nicht zur Vereitelung der Pläne Gottes, sondern zu ihrer Verwirklichung (35). In allem, was Gott tut, ist es Sein Ziel, seine Herrlichkeit aufrechtzuerhalten und zur Schau zu stellen (40).

Der Lobpreis Gottes ist das letzte Ziel von allem, was er tut (2Thess 1,10). Das war bei der Erschaffung der Welt so, und es wird in Ewigkeit so bleiben. Die Freude ist unvollkommen, bis sie ihren Ausdruck im Rühmen oder im Lobpreis findet (48). Jetzt wendet sich Piper im restlichen Buch verschiedenen Lebensbereichen zu:

1. Bekehrung

Die Notwendigkeit einer Bekehrung kann man niemals einsehen, wenn man nicht weiss, warum Gott uns geschaffen hat (54). Für Gott ist der Lobpreis eben das wohlklingende Echo Seiner eigenen Vortrefflichkeit in den Herzen Seiner Kinder (51). Die Bekehrung als solche ist ein Geschenk Gottes. Der Glaube ist ein Akt des Menschen, aber nur möglich durch einen Akt Gottes (62). Hier schimmert deutliche die reformierte Theologie durch. Dann ein typisch Piper'sches Statement:

Wir sind bekehrt, wenn Christus für uns zu einer Schatzkiste der heiligen Freude wird. (69)

Der Gaube, der Gott gefällt, ist ein Vertrauen, das Gott belohnt, wenn wir zu Ihm kommen (Phil 1,25). Leider erfreuen sich viele bekennende Christen an den Gaben Gottes, aber nicht an Gott selbst (72).

2. Anbetung 

Anbetung, so lernen wir aus der Begegnung von Jesus mit der Frau aus Samarien in Johannes 4, hat etwas mit dem Alltagsleben zu tun. Hier kommt Piper auf die wichtige Frage zu sprechen, welche Rolle unsere Gefühle spielen. Piper betont: Es braucht Wahrheit und Gefühle.

Wahrheit ohne Gefühl bringt eine tote Orthodoxie hervor und eine Gemeinde, die angefüllt (oder halbvoll) ist mit bekünstelten Bewunderern (ähnlich den Leuten, die mit allgemein formulierten Glückwunschkarten ihren Lebensunterhalt verdienen). Andererseits produziert Gefühl ohne Wahrheit eine leere Ekstase und oberflächliche Menschen, die sich weigern, sich einer gedanklichen Disziplin zu unterwerfen. (80)

Anbetung wird der Weg, "freudig das Licht seiner Ehre auf Gott zurückzuwerfen" (83). Das Glück in Gott ist das Ende unseres ganzen Strebens (89). "Der christliche Geniesser erweist Gott Respekt, indem er anerkennt … dass Er allein das Verlangen des menschlichen Herzens nach Glück befriedigen kann." (95) Fehlgeleitetes Tugendstreben hingegen erstickt den Geist der Anbetung (98).

Für viele ist das Christentum eine Produktion allgemeiner, lehrmässiger Gesetzes aus einer Sammlung von biblischen Fakten geworden. … Die Landschaft, die Dichtung und die Musik der Majestät Gottes sind ausgetrocknet wie ein Pfirsich, der in der hintersten Ecke des Kühlschranks vergessen wurde. (100)

Starke Gefühle für Gott, verwurzelt in und geformt von der Wahrheit der Bibel – das ist das Grundgerüst biblischer Anbetung (104). Piper bezieht sich immer wieder auf die "genusssüchtigen Gebete" der Psalmisten. Wie weit ist unsere Realität oft davon entfernt!

Die Ironie unseres Zustandes als Menschen besteht darin, dass Gott uns in Blickweite der Himalajas Seiner Herrlichkeit in Jesus Christus gestellt hat, aber wir uns entschlossen haben, die Jalousien unseres Chalets herunterzulassen, und uns Dias von einem kleinen Wintersportort ansehen – sogar in der Gemeinde. (108)

3. Liebe

Piper kommt drittens auf den Schlüsselbegriff für viele Christen zu sprechen: Liebe. Leider ist er zum beliebigen Begriff geworden. "Die Liebe ist mehr als Gefühle, und die Liebe ist nicht weniger als Gefühle." (117) Und wie kann man Liebe definieren?

Liebe ist das Überfliessen der Freude an Gott, bei dem die Bedürfnisse anderer freudig gestillt werden. (120)

Gott ist nicht erfreut, wenn Menschen wohltätig handeln, es aber nicht fröhlich tun (121). Liebe freut sich daran, in anderen Freude zu wecken und zu betrachten (124).Die Liebe weint auch, denn sie ist keine Buddha-ähnliche Gelassenheit, die unbewegt bleibt durch die Verletzungen anderer (125).

Leider steht unsere Lebenrealität auch hier in einem grossen Kontrast hierzu:

Jene Sehnsucht, die uns zu einem einfachen Leben und zu Diensten der Liebe treiben soll, gibt sich stattdessen zufrieden mit den zerbrochenen Zisternen des Wohlstands und des Komforts. (130)

Dahinter steht der "voreilige Schluss", dass es keine Freude gibt bei Dingen, die „hart und schrecklich“ sind (137). Piper spricht von der süssen Frucht des (harten) Dienstes der Liebe. Die einzig passende Belohnung für eine Liebestat ist die Erfahrung der göttlichen Herrlichkeit (139). In der Sprache des christlichen Geniessers: "Die Liebestaten des christlichen Geniessers tragen das Aroma der endgültigen Belohnung in sich." (140)

4. Bibel

Das normale Leben eines Christen ist ein ständiger Prozess der Wiederbelebung und Erneuerung. Wie vollzieht sich diese Erneuerung? Doch zu einem wichtigen Teil durch sein Wort! Deshalb: "Wenn der eine und wahre Gott gesprochen hat, können Menschen, die Sein Wort ignorieren, nicht auf Dauer glücklich sein." (146)

5. Gebet

Wer von der Bibel spricht, muss im nächsten Atemzug das Gebet hinzfügen. Es geht um die Herrlichkeit Gottes und die Freude seiner Kinder (Joh 14,13; 16,24). Wir bitten Gott darum, durch Christus das für uns zu tun, was wir für uns selbst nicht tun können, nämlich Frucht zu bringen (165). Ein Versagen im Gebetsleben beruht anders herum auf einem Versagen, Ihn zu erkennen.

Wir geben Gott nicht die Ehre, indem wir Seinen Bedürfnissen gerecht werden, sondern indem wir beten, dass Er unserer Not gerecht wird – und Ihm vertrauen, dass Er uns antwortet. (168)

In dieser Weise dient Gott an uns. Wir ehren Gott nicht, indem wir ihm dienen, sondern indem wir uns von ihm dienen lassen (173). Warten und Gott anzurufen bedeutet innehalten und nüchtern Bilanz ziehen über unsere eigene Unzulänglichkeit und die Allmacht des Herrn (175). Der Gebende bekommt die Ehre (179), nicht der Bittende. Und:

Das Gebet ist ein Funkgerät für den Kriegseinsatz, keine Haussprecheranlage für die Vermehrung unseres Komforts. (184)

6. Geld

Es wird immer handfester! Eine Gottseligkeit, welche die Gier nach materiellem Wohlstand überwindet, bringt grossen geistlichen Wohlstand hervor (193). Ein christlicher Geniesser lebt im Bewusstsein, dass Leichenwagen keine Anhänger haben. Dies schlägt sich im Lebensstil nieder:

Wir können zufrieden sein mit dem einfachen Leben, weil die tiefsten, befriedigendsten Freuden, die Gott uns durch die Schöpfung gibt, freie Geschenke aus der Natur und aus liebevollen Beziehungen zu anderen Menschen sind. (196)

Das Streben nach Reichtum kann in viele sinnlose und schädliche Begierden verstricken (1Tim 6,10). Die grosse Gefahr von Reichtümern liegt darin, dass unsere Zuneigung von Gott auf seine Gaben übergeht (205).  Deshalb wollen wir unsere Schätze für viele gute Zwecke in Christi Namen hier auf Erden ausgeben (201). Wenn wir genug zum Leben haben, verwenden wir das Übrige für alle Arten von guten Werken, die geistliches und körperliches Leid lindern helfen (211). 

7. Ehe 

Der Sündenfall verkehrte die liebevolle Führungsrolle des Mannes in feindselige Tyrannei bei den einen und in faule Gleichgültigkeit bei anderen. Bei den Frauen verdrehte er die Unterordnung in manipulierende Unterwürfigkeit oder dreiste Auflehnung (231). In er Ehe geht es jedoch darum, nach der Freude des Geliebten streben (216). Dabei macht der Ehepartner das Mass der eigenen Selbstliebe zum Mass unserer Pflicht, andere zu lieben (220). Piper nimmt Mass an den charakteristischen Rollen von Christus und seiner Gemeinde: Christus ordnet sich der Gemeinde unter mit der Neigung, Seine Führungsrolle in demütigem Dienst an der Gemeinde auszuüben (228).

8. Mission

Weltchristen ordnen ihr Leben neu um die weltweite Sache Gottes herum (245). Geheiligte Missionare sind die grössten Geniesser (258). Was bezeichnet Piper als die beste Voraussetzung für diese Berufung?

Menschen, die sich selbst als Invaliden und nicht als Helden sehen, werden zu hervorragenden Missionaren. (261)

9. Leiden

Hinter Krankheit und Leid steckt die Absicht Satans, unseren Glauben zu zerstören, und die Führung Gottes, um unseren Glauben zu reinigen (272). Pauls bezeichnet Leiden als Geschenk Gottes (Phil 1,29). Wie viele Christen können aber von sich sagen: Das Leiden, das ich frei gewählt habe, um es für Christus freudig anzunehmen, wäre ein jämmerliches Leben, wenn es keine Auferstehung gäbe? (276)

Christen sollen vom Selbstvertrauen entwöhnt werden (2Kor 1,8f). Durch das willige Annehmen von Leid zeigen wir, dass er begehrenswerter ist als alles, was wir verloren haben. (282)

Fazit und Beurteilung

Die Welt wird getrieben von einer unstillbaren Sehnsucht. Sie versucht diese Sehnsucht zu stillen mit Urlaubsreisen an malerische Orte, mit Errungenschaften der Kreativität, verblüffenden Kinoerfolgen, sexuellen Erfahrungen, sportlichen Höchstleistungen, halluzinogenen Drogen, asketischen Übungen, Erfolgen im Management usw. Aber die Sehnsucht bleibt. … Die Tragödie der Welt besteht darin, dass das Echo mit dem ursprünglichen Ruf verwechselt wird. (311)

Bei einer oberflächlichen Betrachtung des Buches könnte die Befürchtung entstehen, dass der ausgiebige Bezug zum Genuss dem Anpassungsdruck, den die Umgebung ausübt, zudient. Doch: Die gute Alternative zu unguten Gefühlen ist nicht Neutralität oder Pflichtbewusstsein, sondern Freude (324). Tatsächlich brauchte es bei mir eine Zeit, um die Gedanken des Buches setzen zu lassen. Wer von dieser Besprechung irritiert ist, dem empfehle ich, die vielen Bibelzitate des Buches sorgfältig zu studieren. Eine Kurzfassung des Buches "Von der Pflicht zur Freude" ist hier erhältlich.

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