Kolumne: Wir (theologisch) Konservativen sind Konfliktvermeider

Ich stand kürzlich vor einer grösseren Gruppe konservativer Vertreter des evangelikalen Lagers im deutschsprachigen Raum. Und ich stellte – zwischendurch – die These auf: "Wir haben deshalb keine Stimme (mehr), weil wir es verweigert haben Konflikte anzugehen. Wir sind konfliktscheu und -vermeidend." Ich sah die Gesichter vor mir eifrig nicken. Was meine genau damit?

Erstens haben wir uns mit zweitrangigen Dingen beschäftigt und uns darüber zerstritten. Zum Beispiel mit Endzeitfragen. Anstatt uns auf die Übereinstimmung – dass Jesus zurückkommt und siegt – zu konzentrieren, haben wir uns über der Frage nach dem "Vorletzten" zerfleischt.

Zweitens haben wir uns zu sehr in unseren negativen Gefühlen gebadet. Wir verstehen uns gut darin zu klagen. Doch wer auf andere zeigt, der neigt zum Reflex: "Ich nicht". Dabei müssen wir gestehen: Wir auch, wir sind um keinen Deut besser. Wir verstanden es in den eigenen Gefühlen der Abwehr zu drehen. Gefühle können auch zum Götzen werden!

Drittens beherrschen wir die Kunst, Dinge hinter dem Rücken anderer statt ihnen direkt ins Gesicht zu sagen. Dies macht uns unberechenbar und doppeldeutig. Wir neigen verlegen den Kopf und entlasten uns an der falschen Stelle. Dadurch kommen wir in eine Opferhaltung. Und: Opfer suchen sich gerne Kollegen und bilden Gemeinschaften. Diese Gemeinschaften sind für Aussenstehende abschreckend.

Viertens haben wir gerne, so wie es sich für Vereine gehört, Harmonie. Wir wollen nicht in unserer Komfort- und Wohlfühlzone gestört werden. Darum nehmen wir erste Anzeichen – und auch Folgesignale – ernsthafter Differenzen nicht genügend ernst, sondern warteten zu lange zu.

Fünftens haben wir zu wenig um die Schönheit von Beziehungen gerungen. Jesus hat sie uns zugesagt. Doch der Alltag ist hart, er kostet einen hohen Preis. Wir neigen zur Rechthaberei und ziehen und in unsere Subkulturen zurück. Ghettobildung heisst: Wenn ein "Neuer" die Gesellschaft betritt, wird er praktisch ignoriert. Man unterhält sich lieber mit denjenigen, die man kennt.

Sechstens haben wir es wohl verpasst uns mit den aktuellen Fragen eingehend genug auseinanderzusetzen. Wir beschränkten das Christsein auf einen inneren Gefühlszustand und auf rechtgläubiges Bekenntnis. Für die Feindbilder genügten uns Schlagwörter. Wir unterschieden zwar zwischen drinnen und draussen, jedoch zu wenig damit, wie unsere Zeit uns selbst in Beschlag genommen hat.

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