Zitat der Woche: Islam und freie Meinungsäusserung

(Es ist) auch in Europa mit der freien Meinungsäusserung nicht weit her, sobald es um den Islam geht. Die blosse Erwähnung dieses Begriffs würgt jede Diskussion im Keim ab oder lässt sie auf Phrasen und Gemeinplätze des politisch Korrekten zusteuern. Die immer überaus heftigen Reaktionen der Isalmisten auf die geringste Bemerkung über den Islam, Reaktionen, die prompt von den Medien aufgegriffen und aufgebauscht werden, haben zwischen dem Islam und der allergewöhnlichsten Kritik – wie man sie gegenüber jeder Idee, und sei sie noch so geheiligt, äussern können muss – eine Art Berliner Mauer entstehen lassen. … Mancher traut sich nicht einmal mehr, in der Öffentlichkeit überhaupt noch über den Islam, Muslime und Araber zu reden, aus Angst, als islamfeindlich oder rassistisch hingestellt oder gar beschuldigt zu werden, bewusst Konflikte zwischen den gesellschaftlichen Gruppen zu schüren.

Auf diesem Feld haben sich die Radikalislamisten innovativ gezeigt. Statt wie früher nur einzuschüchtern oder zu drohen, rufen sie, hierin den Amerikanern gleich, mittlerweile beim geringsten Anlass die Gerichte an: wegen jeder Äusserung, die ihnen missfällt und die sie nach eigenem Ermessen als islam- oder araberfeindlich, als diskriminierend oder diffamierend, demütigend und so fort bezeichnen. Die Medien selbst lassen in Wortwahl und bildlicher Darstellung grösste Vorsicht walten, übertreffen einander förmlich darin und meiden das Thema Islam, wo es nur geht.

In Europa, dem Eldorado der Freiheit, darf man alles kritisieren, und jede Form der Kritik ist erlaubt, bis hin zu Parodie und Satire – nur den Islam und seinen Propheten darf man nicht kritisch kommentieren, nicht einmal in den gewähltesten Worten und der wohlmeinendsten Absicht. …

Das alles hat dazu geführt, dass man heutzutage auf den Islamismus ausweicht, wenn man eigentlich über den Islam sprechen will. Und um das, was man nur andeuten kann, klarer zum Ausdruck zu bringen, wirft man sich zum Verteidiger eines toleranten, friedfertigen Islam auf, der einem Werbe-Idyll entsprungen scheint, und so verlagert man die ganze Kritik, die man eigentlich an der Ideologie üben wollte … auf die Muslime selbst.

… Angst mag dahinter stecken oder die Sorge, die zwischen einzelnen Communities beestehenden Spannungen weiter zu verschärfen. Doch das ist das Ende einer jeden echten Debatte. So kann kein Gegengewicht gegen die Drohungen der einen und die Einschüchterungen der anderen entstehen. In den Augen der Radikalen ist diese selbstauferlegte Zurückhaltung nurmehr der Beweis dafür, dass die Gesellschaft kapitulationsreif ist und es wohl genügt, ihr einen kleinen Stoss zu versetzen, um sie vollends zu zerrütten.  … Die Debatte ist verstummt, in allen Ländern, verstummt infolge von Einschüchterung oder Zensur, Selbstzensur oder allzu verbrämter Ausdrucksweise. Wie auch immer, fortan ist die Debatte über den Islam jedenfalls aus dem öffentlichen Raum verschwunden.

Boualem Sansal. Allahs Narren. Merlin: Gifkendorf, 2013. (47-49; 78-80)

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