Hochmut ist der Anfang aller Sünde

Was aber ist Hochmut anders als Streben nach falscher Hoheit? Denn das ist falsche Hoheit, vom Urgrund sich zu lösen, dem der Geist eingewurzelt sein soll, um gewissermassen sein eigener Urgrund zu werden und zu sein. Das geschieht, wenn der Geist sich selbst zu sehr gefällt. Dann aber gefällt er so sich selbst, wenn er sich von jenem unwandelbaren Gut abwendet, das ihm mehr gefallen sollte als er sich selbst.

Zu solch offenkundiger, zutage liegender Sünde wie dem Sichhinwegsetzen über Gottes Gebot hätte also der Teufel den Menschen nicht verleitet, wenn dieser nicht schon angefangen hätte, sich selber zu gefallen. Denn daher kam’s, dass ihm verlockend erschien, was ihm das Wort „ihr werdet sein wie Götter“ in Aussicht stellte. Das hätten sie besser erreichen können, hätten sie in Gehorsam dem höchsten und wahren Urgrund angehangen und wären nicht durch Hochmut ihr eigener Urgrund geworden. Denn geschaffene Götter sind nicht in eigener Wahrheit Götter, sondern durch Teilhabe am wahren Gott. Wer mehr zu sein trachtet, wird weniger, wenn er, sich selbst genügend, von dem, der ihm wahrhaft genügt, sich lossagt. Jenes Böse also, das vor sich geht, wenn der Mensch sich selbst gefällt, als wäre er selber ein Licht, und sich von dem Licht abwendet, das ihn, wenn es ihm gefiele, wirklich licht machen würde, es ging verborgen voran, worauf dann das offenkundig verübte Böse folgte.

Aurelius Augustinus, Vom Gottesstaat, 14. Buch, 13. Kapitel.