4 Fragen zum aktuellen Fall der deutschen „Schulverweigerer“

Der Fall der Familie Wunderlich (siehe die Meldungen im Spiegel mit 361 ! Kommentaren, in der FAZ und in der Welt) hat mich in den vergangenen Tagen beschäftigt. Auch idea, katholisches und jesus.de haben berichtet. Hier sind vier Gedankengänge aus christlicher Weltsicht:

1. In welchem Verhältnis stehen Staat und Familie zueinander?

Meine Position: Die Familie geht als Schöpfungsinstitution dem Staat als einer nach dem Sündenfall eingeführten göttlichen Institution voraus. Das widerspiegelt sich in der natürlichen Ordnung: Wer gebärt die Kinder? Wo geschieht die Primärsozialisation? Wer übt den grössten Einfluss auf den späteren Bildungsstand aus?

Ich kenne Römer 13 und 1. Petrus 2 sehr wohl: Du sollst dich der Obrigkeit unterwerfen. Wenn du dafür bestraft wirst, dass du Böses tust, dann geschieht es dir zu Recht. Jetzt stellt sich die Frage: Ist das Verweigern des Schulbesuchs böse? Theologisch-ethisch gesehen bedeutet das eine Pflichtenkollision: Von Gott verliehene Autorität an die Eltern versus Unterordnung unter den Staat. Manche ziehen die Grenze in gut lutherischer Manier, indem sie die Bildung pauschal der Herrschaft der linken Seite, also dem Staat, zuschlagen. Lass mich dazu zumindest anmerken: Die Grenze kann auch anders gezogen werden. Die Eltern sind Eigner der Bildung. Das bedeutet, dass sie die Erziehung (worin die Bildung eingeschlossen ist) verantworten. Selbstverständlich können sie diese delegieren.

Zwei Dinge müssen zudem unterschieden werden: Einerseits geht es um die Weigerung, die Kinder in eine öffentliche Schule zu schicken, andererseits um das Einschreiten der Behörden, die Kinder von den Eltern wegzunehmen. Beim zweiten geschieht ein Übergriff des einen Standes über den anderen. Der Staat verfügt über die Familie. Wenn ich von „Stand“ rede, greife ich  auf Luthers Dreistände-Lehre zurück (Staat, Kirche, Familie).

2. Wie ist es um überstaatliches Recht bestellt?

Wenn sich ein Staat an überstaatliches Recht bindet wie z. B. einer UNO-Konvention, kann zumindest an dieses Recht appelliert werden. Ich bin kein Staatsrechtler, doch es scheint mir reichlich merkwürdig, dass der UNO-Sonderbotschafter die Position Deutschlands in der Bildungsfrage rügt. Ich bin mir wohl bewusst, dass auch andere Argumentationslinien möglich sind. Doch der Tatbestand, dass die geltende Praxis im Widerspruch zu weltweiten Vereinbarungen steht, sollte aufhorchen lassen.

3. Ist es statthafter, die Kinder als „Lichter der Welt“ zur Schule zu schicken?

Von christlicher Seite wird oft dahin argumentiert, dass durch den Schulbesuch die Möglichkeit „Salz und Licht“ zu sein, besser verwirklicht werde. Die Kinder als Boten des Evangeliums in den Kampf zu schicken – um es etwas martialisch auszudrücken -, befremdet mich. Ich habe den Eindruck, dass dies viele Erwachsene aus Schuldgefühlen heraus tun. Die Lebensrealität zeigt ganz etwas anderes: Über dem Entscheid für eine alternative Bildungsform kommen sehr viele Gespräche über den Glauben zustande. Ich kenne viele Heimschul-Familien, die von ihrer säkularen Umgebung ein ausgezeichnetes Zeugnis ausgestellt bekommen. Ich sage wohlgemerkt nicht, dass es der einzige Weg ist. Doch das Argument der Weltflucht hier einzubringen, widerspricht meiner sämtlichen Erfahrung.

4. Werden Heimschüler lebensuntüchtig?

Heimschüler sind, genau so wie alle anderen Menschen, Sünder, und wenn sie gerettet wurden, begnadigte Sünder. Das Argument mit der Lebensuntüchtigkeit empfinde ich als sehr unfair. Was sollen denn Kinder sagen, deren Eltern geschieden sind? Oder aus einer sogenannten Unterschichtfamilie stammen? Oder als Flüchtlinge aus einem anderen Land kommen? Man mag einwenden, dass im einen Fall die Eltern mit zum Leid der Kinder beitrügen und im anderen nicht. Nicht ganz. Wie viele fromme Kinder sind mir bekannt, die arg unter dem Perfektionismus bzw. Moralismus ihrer Eltern gelitten haben! Oder um ein anderes Beispiel zu nehmen: Wie viele Kinder und Jugendliche litten unter einem abwesenden Vater.

Am meisten leiden Kinder jedoch unter der Peer. Hartnäckig hält sich die Meinung, dass die sogenannte Peer-Sozialisierung durch Gleichaltrige die Lebenstauglichkeit erleichtere. Ich stelle dem entgegen: Viele Kinder verlassen heute innerlich sehr früh ihr Elternhaus. Durch die Bindungslücke, die zu ihren Eltern entsteht, suchen sie Anschluss an Gleichaltrige. Diese instabile Bindungskonstellation schadet ihrer gesunden Entwicklung gerade in der Phase, in der sie am meisten Energie zum Lernen bzw. zu einer gesunden Enkulturation hätten.

Ich kenne viele Homeschooler der ersten und zweiten Generation. Uns hat ihre Lebenstüchtigkeit beeindruckt, ihre Selbständigkeit, ihre Initiative. Nicht jede Lernbiografie verläuft geradlinig – auch bei dieser Bildungsform nicht. Dass Heimschüler verkümmern sollen, dafür müsste erst einmal der Nachweis erbracht werden. Dieser fehlt bis dato (so der Soziologe Spiegler in seiner deutschen Untersuchung von 2008).