Buchbesprechung: Einführung zu Paul Tillich

Werner Schüssler. Paul Tillich. C. H. Beck: München, 1997. 131 Seiten.

Wer sich mit Paul Tillich (1886-1965) beschäftigt, droht in der Fülle des Materials zu ersticken (9). Ich bin froh, dass selbst Schüssler dies sagt, der 1983 über Tillich promoviert hat und Verfasser wichtiger deutscher Sekundärliteratur zu Tillich ist.

Aus dem kurzen einführenden Kapitel erfahren wir einige wichtige Details zu Person und Leben.

  • Zur ersten Ehe mit Greti bemerkt der Autor: „Während Bekannte Tillich offen vor einer Heirat warnen, scheint er sich seiner Sache sicher. Greti ist allerdings nicht ganz frei von Zweifeln, ist ihr doch die Religion fremd.“ (13)
  • Seine Habilitation in Theologie missfiel den Prüfern. Die Arbeit sei zu philosophisch und entspreche nicht dem Titel. (13)
  • Der Kommentar von Tillichs Vorgänger an der Universität Frankfurt (1929): Sein „System der Wissenschaften“ (1923) stehe wissenschaftlich auf sehr niedrigem Niveau, enthalte Banalitäten aller Art und arbeite mit unklaren Begriffen. (19)
  • Rollo May, ehemaliger Student Tillich, Psychoanalytiker, meinte, dass die Bedeutung Tillichs als Lehrer darin lag, dass „seine Vorlesungen stets eine ‚life-and-death-significance‘ an sich trugen“. (21)

Damit verbunden sind Einsichten zu seinem Werk.

  • Im Vortrag „Über die Idee einer Theologie der Kultur“ (1919) wurde „der Grund gelegt für sein gesamtes späteres Denken.“ (15)
  • Der für seine gesamte Theologie gültige Satz: „Theologie muss Angriff sein.“ (16)
  • In den 1930er-Jahren bezieht Tillich „die Tiefenpsychologie in sein theologisches Denken ein und kann auf diese Weise in der Sprache der Gegenwart alte theologische Begriffe erläutern“ (20).
  • „Wenn Tillich gefragt wurde, welches der beste Weg sei, in sein Denken einzudringen, antwortete er meist: ‚Lest zuerst meine Predigten!‘“ (22)
  • „Wer Tillichs Werke aufmerksam studiert, wird – offen oder versteckt – immer auch etwas über ihn selbst erfahren. Denn Tillich ist alles andere als ein reiner Intellektualist. Er entwickelt seine Gedanken nicht am Schreibtisch über dem Studium von Büchern, sondern aus der eigenen Erfahrung mit Menschen und Wirklichkeiten.“ (23)
  • Tillich hat nur sehr wenige Bücher geschrieben. Das meiste sind Aufsätze und Beiträge, die aus Vorträgen hervorgegangen sind. (24)
  • „An vielen Grenzen stehen, heisst in vielerlei Formen die Bewegtheit, Ungesichertheit und innere Begrenztheit der Existenz zu erfahren und zu dem Ruhenden, Sicheren, und Erfüllten, das auch zu ihr gehört, nicht gelangen zu können.“ (25, zit. aus ‚Grenze und Begrenztheit‘)
  • Tillich bewegt sich stets auf der Grenze zwischen Philosophie und Theologie. „Lizentiat in Theologie, Doktorat in Philosophie, Habilitation für Theologie, Professur für Theologie in Marburg, für Philosophie in Frankfurt, schliesslich für Philosophische Theologie in New York“.

Schüssler erstellt eine Übersicht, indem er fünf Zugänge zu Tillichs Werk bahnt:

  1. Der philosophisch-theologische Ausgangspunkt
  2. Das Programm einer Theologie der Kultur
  3. Das Programm einer Theologie der Religionen
  4. Das Verhältnis von Philosophie und Theologie
  5. Die Zweideutigkeit der menschlichen Situation

Ich gehe von einem anderen Kontrollfilter (so meine holprige Übersetzung von „control beliefs“) als Schüssler aus. Schüssler betrachtet Tillich mit einer bestimmten philosophischen Brille. So wird nur ganz am Rande Bezug auf die Bibel genommen. Schüssler nimmt Tillich immer wieder in Schutz, etwa wenn er den Leser eines inklusivistischen Verständnisses in der Christologie versichert (76). Meine Grundüberzeugungen unterscheiden sich grundsätzlich, so dass ich zu einer komplett anderen Beurteilung von Tillich kommen muss. Einige Beispiele für Neudeutungen (wobei man eigentlich nirgends sagen kann, dass Tillich alles rundheraus ablehnt; vielmehr verschiebt er die Akzente deutlich).

Tillich lehnt den herkömmlichen Supranaturalismus im Sinne einer geoffenbarten Religion ab (32). Was ist jedoch die Alternative? Obwohl er es vehement verneinen würde, fällt er dadurch in eine Sicht „von unten“. Dies wirkt sich auf sein Bibelverständnis aus. Ebenso ist die Epistemologie davon betroffen, indem nämlich an der Objekt-Subjekt-Unterscheidung „geschraubt“ wird. Tillich muss den Gottesbegriff selbst transzendieren. „Hiernach ist der Gott über Gott der wirkliche Gott, der alle unsere Vorstellungen von Gott transzendiert.“ (43) Erschafft er damit nicht wiederum ein neues Bildnis Gottes?

Der Rechtfertigungsbegriff wird aufrechterhalten, erhält jedoch eine andere Betonung. Auch der Zweifelnde wird gerechtfertigt (36). „So wurde Tillich von dem Paradox ergriffen, dass derjenige, der Gott ernstlich leugnet, ihn letztlich bejaht“ (ebd.). Wirklicher Atheismus ist „eigentlich keine menschliche Möglichkeit, … denn Gott ist dem Menschen immer schon näher, als dieser sich selbst ist.“ Ja, jeder Mensch bejaht Gott. Aber: Er unterdrückt jedoch gleichzeitig. Deshalb ist er nicht zu entschuldigen vor Gottes Gericht (siehe Römer 1).

Im Kulturverständnis Tillichs kann alles zur Theologie werden. Auch hier gehe ich ein Stück weit mit. Alles kann in Beziehung zu Gott, dem Schöpfer, gesehen werden. Kein Bereich des Lebens bleibt der Theologie fremd. Doch wenn er die Theonomie zum Ideal einer Theologie der Kultur erhebt, dann wende ich sofort ein: Moment mal, dies wird erst durch die Wiederkunft Gottes geschaffen. Ja, Religion ist „das Ergriffensein von etwas, das uns unbedingt angeht“, nämlich ein universales menschliches Phänomen (53). Doch unsere eigene Religiosität wird von der Sünde in eine falsche Richtung geführt und trennt uns gerade dadurch vom heilig-liebenden Gott.

Sehr abstrakt scheint mir der Symbolbegriff. „Symbole eröffnen uns Wirklichkeitsschichten, die nur sie sichtbar machen.“ (56) Wer hat die Deutungshoheit von Symbolen? Hier gelangt wiederum viel von der idealistischen Philosophie in die gesamte Diskussion. Das Christusgeschehen wird ins Zentrum gerückt. Doch handelt es sich hier nur um einen Symbolismus? Nein, es geht um das zentrale Geschehen in Raum und Zeit mit fundamentaler Auswirkung auf unsere eigene Hoffnung (siehe 1. Korinther 15).

Tillichs dynamisch-typologische Deutung der Religionsgeschichte (74) hat im Zeitalter des religiösen Pluralismus zwar seinen Reiz. Doch was nützt es letztlich, in jeder Erfahrung „das Heilige“ herauszuarbeiten? Dies kann nur dann in fruchtbaren Zusammenhang gebracht werden, wenn es im Licht des Evangeliums betrachtet wird.

Was Tillich interessant für uns heute macht, ist weniger seine Lebensgeschichte (siehe dieser Post „Karl Barth und Paul Tillich: Grenzgänger der Liebe“) und auch nicht seine Theologie. Es geht vielmehr um sein Bemühen, den Menschen zu erreichen. „Nach Tillich sind es drei Ängste, die den Mut grundsätzlich bedrohen: die Angst vor Schicksal und Tod, die Angst vor Schuld und Verdammung sowie die Angst vor Leere und Sinnlosigkeit; wobei die letzte Form der Angst die für unser Zeitalter charakteristische ist.“ (38)

Eine wichtige Anwendung von Tillichs Arbeiten ist die Methode der Korrelation. Sie ist gemäss Tillich „die einzige sinnvolle Methode der Theologie überhaupt. Denn die christliche Botschaft darf nicht als ein Fremdkörper aus einer anderen Welt verstanden werden, der in die menschliche Situation einfällt, wie das Tillich zufolge in der Theologie Karl Barths der Fall ist. Ohne eine Vermittlung zur menschlichen Situation kann der Mensch diese Wahrheit nicht empfangen, kann er Antworten auf Fragen, die er niemals gestellt hat, nicht verstehen. Die im Offenbarungsereignis liegenden Antworten sind immer nur sinnvoll, sofern sie mit existenziellen Fragen in Korrelation stehen.“ (88) So ist es auch Aufgabe der Systematischen Theologie „eine Analyse der menschlichen Situation zu bieten, aus der die existenziellen Fragen hervorgehen, auf die dann die Symbole der christlichen Botschaft die Antworten geben.“ (90)

Ich glaube, dass Tillich ein feines Gespür für die epidemische Angst der Moderne hatte. Er hat sein Ohr jedoch – um eine Metapher von John Stott zu verwenden – einseitig nach den Menschen und der Kultur gerichtet und es zu wenig mit dem transzendenten Wort Gottes in Verbindung gebracht. Dadurch fehlte ihm, was ein anderer Kritiker der Kultur, David F. Wells, sagte:

Ohne das transzendente Wort in ihrem Leben hat die Kirche kein Steuerruder, keinen Kompass, keine Versorgung. Ohne das Wort hat sie keine Kraft, ausserhalb dieser Kultur zu stehen, die Verführung der Moderne zu erkennen und sich ihrer zu entwinden. (Davids Wells, God in the Wasteland, S. 150)

Neben Barth und Bultmann zählt Tillich zu den wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts, „doch lässt sich über seine Wirkung nur schwer etwas Konkretes ausmachen“ (110). Das mag mit dem zu tun haben, dass er in kein Schema passte. „Er ist offen für alles und alle.  Darum können sich auch die verschiedensten Richtungen auf ihn berufen. Wer eben auf der Grenze steht, wird gerne der einen oder anderen Seite zugeschlagen.“ (112)

Die Sprache Schüsslers ist schnörkellos. Es gelingt ihm auf dem knappen Raum, eine Übersicht zu geben. Besonders erstaunt hat mich, wie viele Zitate er einfliessen lassen konnte, ohne dass das Geschriebene überladen wirkte. Das wiegt umso mehr, als Tillich selbst zu seinen frühen (deutschen) Werken meinte, dass sie selbst gemessen für Philosophen unverständlich abgefasst waren.