Buchbesprechung: Die neue Unterschicht

Thomas Schirrmacher. Die neue Unterschicht: Armut in Deutschland? Hänssler: Holzgerlingen, 2007. 121 Seiten. Euro 4,95.

Die Reihe „kurz und bündig“ verfolgt das Konzept in ca. zwei Stunden einen Über- und Einblick in ein aktuelles Fachthema zu geben. Der Theologe und Soziologe Thomas Schirrmacher, gleichzeitig Herausgeber der Reihe, beschäftigt sich mit dem Phänomen des „Prekariats“, der neuen Unterschicht. Mein Interesse entstammt der eigenen Situation als Teilzeit arbeitender Vater einer Grossfamilie ohne Zweitverdiener.

Was sind die Merkmale der „neuen Unterschicht“?

Es geht um eine Unterschicht von Unproduktiven und Verwahrlosten mit einem Mangel an kulturellen Ressourcen (15). Die Spaltung verläuft nicht entlang der wirtschaftlichen Linien, sondern es ist eine kulturelle Spaltung (17). Unterschichtler verbringen viel Zeit beim Fernsehen. Sie sind die Zuschauer des Lebens (18) und Kunden des Wohlfahrtsstaats (20). Man nennt sie „abgehängtes Prekariat“, weil sie jede Hoffnung auf Veränderung ihrer als „prekär“ empfundenen Lage aufgegeben haben (25). Betroffen sind vor allem Arbeitslose, Alleinerziehende und Personen ohne abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung (28).

Welche statistischen Informationen waren für mich von Interesse?

250‘000 Kinder in Deutschland schwänzen praktisch ständig die Schule. Von knapp 10 % Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss sind zwei Drittel Jungen (22). Das Krankheitsrisiko ist bei der neuen Unterschicht etwa doppelt so hoch, der Heilungsverlauf deutlich schlechter (23). Die Armutsgrenze in Luxemburg liegt bei 30‘000 Euro, in Rumänien bei 2‘000 Euro, obwohl die Lebenshaltungskosten so unterschiedlich nicht sind (40). Jahr für Jahr gibt es zahlreiche wirtschaftliche Auf- und Absteiger (43). Noch 1950 arbeitete der Grossteil der Bevölkerung 48 Stunden in der Woche bei zwei Wochen Jahresurlaub, wofür er deutlich weniger Sozialhilfeleistungen empfing (52). Ein Heroinabhängiger braucht 18‘000 Euro jährlich für seine Sucht, so dass er rechnerisch nicht armutsgefährdet ist (70). Der Anteil der Armen in Ostasien ging von 58 auf 16 % zurück, während sich die Zahl der Ärmsten in Afrika südlich der Sahara fast verdoppelte (83). Der Unterschied zwischen den Ländern ergibt sich durch ein aufs Jahr gesehen nur geringfügig stärkeres Wachstum (86).

Was sind meine Lernpunkte?

Die Definition von Armut ist unklar: Ist jemand arm, der Sozialhilfe vom Staat bezieht? Empfindet sich ein Student, der mit einem schmalen Budget auskommen muss, als arm (35)? Auch die Festlegung der Armut am Mittelwert des Einkommens stellt lediglich eine Konvention dar (39). Die Bibel spricht von absoluter Armut, wenn die Grundbedürfnisse mit Essen, Trinken, Kleidung und Wohnung nicht befriedigt sind (1Tim 6,8; Jes 58,6-8; S. 41). Wer wenig verdient, muss noch lange nicht schlecht leben, und wer viel verdient, ist vor dem Mangel an den schönen Dingen dieses Lebens keineswegs geschützt (42). Der heutige Begriff der „Solidarität“ ist nichts anderes als eine säkularisierte Form der Nächstenliebe (60). Eine Herausforderung stellt die finanzielle Besserstellung von Menschen mit staatlicher Grundversicherung gegenüber Arbeitenden im Niedriglohnsektor dar (67). Aus Sicht der Bibel ist jede Arbeit wertvoll und verpflichtet zu gerechter Bezahlung (Mk 10,19; 5Mose 24,14; 3Mose 19,13; Jak 5,4; S. 77).

Fazit

Die drei Stützpfeiler einer blühenden Wirtschaft sind gemäss George Gilder Arbeit, Familie und Glaube (94). Für einen intelligenten Umgang mit Armut helfen weder Almosen für die Bedürftigen noch eine moralische Anklage der Reichen (102). Im Anhang sind viele interessante Quellen wie z. B. hartz.blogg.de oder www.unterschichtler.de oder die „Geschichte der Armut: Elend und Barmherzigkeit in Europa“ aufgeführt. Wer eine geschmeidige Prosa-Erzählung erwartet hat, wird hier nicht bedient. Der Interessierte wird jedoch mit zahlreichen Hinweisen gefüttert.

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