Buchbesprechung: Pater Browns Einfalt

Gilbert K. Chesterton. Pater Browns Einfalt. Null Papier Verlag, 2012. 202 Seiten. 0,99 Euro (Kindle-Format).

Das Lesen zahlreicher Fachtexte prägt und kann über lange Zeit auch Einseitigkeit fördern. So gibt es immer wieder Freunde, die mir nicht nur raten, immer wieder mit den Händen zu arbeiten, sondern auch fiktionale Texte zur Hand zu nehmen und zu lesen. Unabhängig davon entdeckte ich vor einigen Jahren eine Gesamtausgabe der 50 Pater Brown-Geschichten von Chesterton in einem Antiquariat. Ich las einen grossen Teil durch, ohne den Autoren näher zu kennen. Heute weiss ich, dass die Detektivgeschichten, die zwischen 1900 und 1930 entstanden sind, vertont und verfilmt wurden. Einige Jahre später machte ich mich daran, die Texte erneut zu lesen. In der Absicht, mir auch etwas leichter lesbares Material für den Kindle zu besorgen, lud ich mir 12 Pater Brown-Geschichten für 1 Euro auf mein Gerät.

Die Akteure

Sinnigerweise spielt ein katholischer Priester die Hauptrolle. (1922 trat Chesterton zur katholischen Kirche über.) „Der kleine Priester mit seinem Stoppelhaare und dem runden, wenig geistreichen Gesichte war kein Mann, um die Blicke auf sich zu ziehen.“ (Pos. 3008-09) Der Pater mit dem unscheinbaren Vollmondgesicht und der untersetzten Statur ist jeweils zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Er braucht sich nicht in den Mittelpunkt zu drängen. Mit Diskretion und vor allem Scharfblick bringt er Klarheit in verworrene Situationen: „Ich kann sie nicht beweisen, aber ich kann noch mehr tun – ich kann sie sehen.“ (3845-46)

Begleitet wird Brown von Flambeau, dem gefühlsstarkem, impulsiven Riesen. Er ist ehemaliger Krimineller und selbständiger Detektiv. Seine fröhliche, unbekümmerte und engagierte Art macht ihn zum wichtigsten Gesprächspartner für Brown.

Opfer und Täter stattet Chesterton oft mit militärischen Rängen, exquisiten Kleidern und auffälligem Äussern aus. Hübsche Töchter werden von zwielichtigen Gestalten umschwärmt. Nur zu oft werden die offiziellen Instanzen durch deren Auftritt an der Nase herumgeführt. Wäre nicht Brown gewesen, es wären die falschen in den Knast gewandert.

Die Handlungen

Wie es sich für einen Kriminalroman gehört, passiert nach einer ausladenden Eingangsbeschreibung oft ein Mord der schrecklichen Art. Der Tod ist kein ferner Geselle, sondern ständiger Begleiter. (Ich fragte mich, ob dies auch damit zu tun hat, dass vor 100 Jahren der Tod noch viel präsenter im Leben war.)

Die darauf folgende Verwirrung wird durch falsche Fährten vergrössert, was die Neugier stimuliert. Aufgelöst wird das ganze dann durch unlogisch-logische Gedankengänge wie: „Wahnsinn und Verzweiflung sind etwas ganz Unschuldiges.“ (3667-68) Oder: „Vielleicht war die Waffe zu groß, um beachtet zu werden.“ (3979-80) „Da ist zuerst das, was alle Welt weiß, und dann das, was ich weiß. Was nun alle Welt weiß, ist kurz und einfach genug. Auch ist es vollkommen unzutreffend.“ (3590-91) Über solche Aussagen bin ich oft ins Nachdenken gebracht worden, zum Beispiel: Wo übersehe ich Dinge, weil sie so unübersehbar und selbstverständlich sind?

Der Stellenwert der Religion

Als Theologe freute ich mich natürlich insbesondere über die Verknüpfung verschiedener Lebensbereiche wie Familie, Technik, Krieg, Staat mit der Religion. Chesterton stattet sämtliche Personen mit religiösen Vorannahmen aus. Das tönt zum Beispiel so: „Die Religion des Frohsinnes?« »– ist eine grausame Religion,« erklärte der Priester zum Fenster hinausstarrend. »Weshalb konnte man ihn nicht ein wenig weinen lassen, wie seine Väter es vor ihm getan? Seine Pläne erstarrten, sein Denken erkaltete, hinter der fröhlichen Maske barg sich der leere Verstand des Atheisten.“ (4122-4124) Im Handlungsverlauf wird offensichtlich, dass kein Mensch ohne Überzeugungen und Gebote auskommt, auch Freidenker und Anarchisten nicht. So treffen wir einen „atheistische Schuster in verzückter Bewunderung für das englische Gerichtsverfahren“ an. Die Begründung: „Niemand hängt so sehr am Buchstaben des Gesetzes, wie der gute Freidenker.“ (3036-38)

Weitere Lese-Anreize

Es gibt drei weitere Gründe, zu Chestertons Pater Brown-Geschichten zu greifen:

  • Die präzisen Beschreibungen, von denen die Berichte nur so wimmeln. „Von Gestalt war er die blonde Bestie Nietzsches, doch all seine tierische Schönheit war gehoben, verschönt und gemildert durch echten Verstand und Geist.“ (3305-06)
  • Die vorhersehbaren Schwierigkeiten und deren Auflösung: Es ist erhellend, „jenes sonderbare Licht der Überraschung“ zu erleben, „durch welches wir zum erstenmal Dinge sehen, die wir schon längst gewußt haben.“ (3937-38)
  • Die Einwürfe zwischendurch: „Aristokraten leben nicht nach Überlieferungen, sondern nach Moden.“ (2906) Oder: „Wenn du dich schon vor Gott nicht fürchtest, hast du doch wenigstens allen Grund, die Menschen zu fürchten.“ (2938-39)

Das Evangelium

Kriminalromane sind ideale Vorlagen, um auf das Thema von Sünde und Schuld zu sprechen zu kommen. Chesterton entwickelt das in einer Selbstverständlichkeit. „Selbst die mörderischsten Unklugheiten vergiften ein Leben nicht so, wie die Sünde.“ (4143-44) „Jedenfalls hat es mit der Schlechtigkeit die Bewandtnis, daß sie eine Türe nach der anderen zur Hölle öffnet und in immer kleinere und kleinere Kämmerlein führt.“ (3795-97)

Viele Ideologien sind aber gerade vom Vermeiden der Sünde geprägt. Chesterton lässt seine Protagonisten von jenen Religion sprechen, „welche einem die Sünden vergeben, indem sie sagen, man habe nie solche begangen.“ (3240-41) Ja, er geht noch einen Schritt weiter: „»Kann sie auch die eine Geisteskrankheit heilen?« fragte Vater Brown in ernster Neugier. »Und worin besteht die eine Geisteskrankheit?« gab Flambeau lächelnd zurück. »Zu glauben, daß einem nichts fehlt.« antwortete sein Freund.“ (3250-51)

Chesterton bleibt nicht beim Feststellen der Schuld stehen, sondern zeigt sachte und zurückhaltend einen Weg der Veränderung auf: „Das gemeinste Verbrechen, das der Teufel eingab, wird durch ein Geständnis leichter.“ (3480-81) Das Geständnis wird dadurch erleichtert, dass die Hauptfigur selbst nicht als übermenschliche Spezies dargestellt wird. „»Wie wissen Sie das alles?« schrie er. »Sind Sie ein Teufel?« »Ich bin ein Mensch,« erwiderte Vater Brown sehr ernst, »und habe daher alle Teufel in meinem Herzen.“ (3207-08) In der gleichen Szene weist Brown den überführten Delinquenten auf seine Eigenverantwortung hin. Er würde keinen weiteren Versuch zur Entlarvung unternehmen, „sondern alles unter das Beichtsiegel verschließen.“ (3217) Die Geschichte schliesst mit der knappen Bemerkung, dass sich der Entlarvte stellt. Insofern entsteht eine Atmosphäre der Besinnung und Einsicht: „Flambeau empfand Wahrheit ringsum wie eine Atmosphäre, aber nicht wie eine Idee.“ (3753-3754)

Wer auf diesem Wege Chesterton zu lesen beginnt, muss als nächstes zu einem weiteren Buch greifen: „Orthodoxie. Eine Handreichung für die Ungläubigen“. Wer diese mit der Einfalt des Paters zu lesen beginnt, wird feststellen: „Ich bin ein Mensch und habe daher alle Teufel in meinem Herzen.“