Input: Eine Widerlegung von (verdeckt) anti-metaphysischen Positionen

Ich gebe einen ganzen Ausschnitt aus dem genialen Aufsatz des Philosophen E. J. Lowe „Die Metaphysik und ihre Möglichkeit“ wider. Es geht um die Widerlegung der drei Positionen Relativismus, Szientismus und Neu-Kantanismus (Hervorhebungen von mir). Wenn nur mehr Theologen, Psychologen und Pädagogen solche Aufsätze lesen würden!

Bevor ich meine Rechtfertigung der Metaphysik darlege, möchte ich kurz einige konkurrierende Antworten auf die Frage „Wie ist Metaphysik möglich?“ betrachten, welche momentan in gewissen Kreisen beliebt sind. Manche dieser Antworten sind unverholen anti metaphysisch, während andere – so wie ich das sehe – verdeckt antimetaphysisch sind, indem sie den Status der Metaphysik derart herabsetzen, daß sie des Namens unwürdig wird. Eine antimetaphysische Antwort auf unsere Frage ist somit entweder eine, welche ganz einfach verneint , daß Metaphysik – im traditionellen Sinne verstanden – möglich ist, oder eine, welche unter dem Namen „Metaphysik“ die Möglichkeit von etwas anderem verteidigt, während sie den eigentlichen Gegenstand implizit preisgibt. Sonstige, von mir ebenfalls verworfene Antworten versuchen, die Möglichkeit von etwas zu rechtfertigen, das offensichtlich der im traditionellen Sinne verstandenen Metaphysik sehr ähnlich ist, machen dies aber in einer Art und Weise, die von mir nicht als zufriedenstellend erachtet wird. Die vier Positionen, welche ich behandeln werde – und zwar nur, um sie zu verwerfen –, werde ich (etwas tendenziös) Relativismus, Szientismus, Neu-Kantianismus und Semantizismus nennen. Sie alle sind „moderne“ Auffassungen, obwohl natürlich einige von ihnen historische Vorläufer haben. Ich werde hier keine der traditionelleren Positionen – wie den „Rationalismus“ oder den „Empirismus“, deren Vertreter wahrscheinlich solche historischen Persönlichkeiten wie Descartes und Locke waren – untersuchen, da dies Standpunkte sind, welche entwickelt wurden, bevor Kant seine folgenschwere Frage aufwarf: „Wie ist Metaphysik möglich?“

Die Antwort des Relativismus – z.B. in seinem neuesten dekonstruktivistischen Gewand – auf diese Frage lautet ganz einfach, daß Metaphysik nicht möglich ist, weil Metaphysik das mißgestaltete Produkt der intellektuellen Überheblichkeit des Abendlandes ist, die falsch verstandene Suche nach einer nicht-existierenden „objektiven“ und „absoluten“ Wahrheit, welche von angeblich zeitlosen und universellen Prinzipien der Logik geleitet wird. Wahrheit und Vernunft sind kulturabhängige Begriffe von streng begrenzter Nützlichkeit. Der Gedanke, daß es eine für uns zu erkennende „grundlegende Struktur der Wirklichkeit“ geben könnte, ist absurd und paradox, da das, was wir „Wirklichkeit“ nennen, immer nur eine von einer interessengeleiteten Interpretation durchsetzte menschliche Konstruktion ist. Meine Entgegnung auf antimetaphysische Behauptungen dieser Art ist die folgende. Erstens: Sofern sie auf bloß behauptende Aussagen – d.h. nicht durch rationale Argumente begründete Aussagen – hinauslaufen, verdienen sie keine ernsthafte Beachtung. Der Umstand, daß ihre Befürworter gerade den Wert der rationalen Argumentation selbst oft nicht achten – sie stellt einen ihrer Hauptangriffspunkte dar –, verpflichtet die Verteidiger der Metaphysik schließlich keineswegs, jene ernst zu nehmen. Der Wunsch der Relativisten, die Idee der rationalen Begründung als ein nur beschränkt geltendes und kulturabhängiges Produkt abzuqualifizieren, hat zur Folge, daß sie sich selbst jede Grundlage für ihre Behauptungen entziehen; übrig bleibt nur eine tiefsitzende Voreingenommenheit, und es soll uns recht sein, wenn sie sich in ihr suhlen, falls ihnen das Genugtuung verschafft. Zweitens: Wenn vorgebracht wird, daß diese Behauptungen begründet sind – z.B. durch einen sogenannten „soziologischen Beweis“ oder „anthropologischen Beweis“ –, dann muß aufgezeigt werden, daß eine solche „Beweisführung“ in Wirklichkeit nichts dermaßen Grundlegendes rechtfertigt: Auf diese Weise wird nicht – und kann auch nicht – gezeigt werden, daß die Menschen unfähig sind, sich der kulturabhängigen und interessengeleiteten Auffassungen ihrer Welt zu entledigen, sondern bestenfalls, daß sie darin oft versagen. Doch gerade der Umstand, daß einige Menschen erkannt haben, daß viele Menschen darin versagen, zeigt – sofern er überhaupt etwas zeigt –, daß wir nicht unfähig sind, uns von jenen Auffassungen freizumachen. Drittens: Es ist für die von Seiten der Relativisten an der Metaphysik geübte Kritik kennzeichnend, daß sie das, was sie anzuprangern sucht, bewußt verzerrt. Sie stellt Metaphysiker so dar, als ob sie eine unfehlbare Einsicht in ewige und universelle, durch die menschliche Betrachtungsweise nicht verfremdete Wahrheiten beanspruchen würden. Aber nur ein äußerst naiver oder dogmatischer Metaphysiker würde solch anmaßende Behauptungen aufstellen. Eines der Hauptziele der Metaphysik besteht gerade darin, unsere Beziehungen zur übrigen Wirklichkeit zu erfassen – zumindest bis zu einem gewissen Grad –, und sie unternimmt dies – da es unumgänglich ist – von dem Standpunkt aus, an dem wir uns befinden. Der Umstand, daß wir uns nicht außerhalb unserer selbst stellen können, um jene Relation zu untersuchen, braucht nicht zu bedeuten, daß sie von uns überhaupt nicht untersucht werden kann.

Eine zweite, weitverbreitete Antwort auf die Frage, wie Metaphysik möglich ist, lautet: Sie ist möglich, weil der legitime Wirkungsbereich der metaphysischen Forschung – sofern es einen solchen gibt – zur Gänze von den empirischen Wissenschaften bearbeitet wird. Wenn uns überhaupt irgend etwas über die grundlegende Struktur der Wirklichkeit Auskunft geben kann, dann diese Wissenschaften. Einen Bereich für einen ausdrücklich „philosophischen“ Ansatz zur Frage der Metaphysik gibt es somit nicht, wenn man sich darunter einen Ansatz vorstellt, dessen Methoden oder Gegenstände sich von jenen unterscheiden, die bereits durch die Erfahrungswissenschaften abgedeckt werden. Zum Beispiel: Wenn grundlegende Fragen über die Existenz und Natur von Raum und Zeit aufgeworfen werden, so können diese nur von solchen Wissenschaften wie der Kosmologie und der Quantenphysik beantwortet werden. Für philosophische „Lehnstuhl“-Betrachtungen oder „Begriffsanalysen“ – als Vorgehensweisen zur Beantwortung solcher Fragen – ist da kein Platz. Sofern metaphysische Fragen tatsächlich beantwortet werden können, werden sie von Personen beantwortet, die in Instituten für Physik arbeiten – und nicht von Personen, die in Instituten für Philosophie.

Auffassungen wie diese sind häufig – entweder explizit oder in einer kaum verschleierten Form – in neueren, populärwissenschaftlichen Büchern zu finden; in Büchern, welche dazu bestimmt sind, einem Laienpublikum die geheimnisvollen Verkündigungen der neuesten Theorien der Physik zu überbringen, der Theorien, die z.B. besagen, daß der Raum „in Wirklichkeit“ dreizehn Dimensionen hat, oder daß das Universum das Ergebnis einer Quanten-Fluktuation im Vakuum ist und somit aus dem „Nichts“ gekommen ist. In einer subtileren Form ist die Hingabe an den Szientismus – wie ich die Lehre, daß gerechtfertigte metaphysische Fragen zum Gebiet der empirischen Wissenschaften gehören, nenne – sogar, und das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, an vielen Instituten für Philosophie zu finden. Eine seiner Spielarten ist dort unter der Bezeichnung „naturalisierte Erkenntnistheorie“ salonfähig geworden. Darunter versteht man die Auffassung, daß das gesamte menschliche Wissen – einschließlich jeder metaphysischen Erkenntnis, auf die wir Anspruch erheben können – ein Produkt unserer biologischen Natur als erkennende Tiere ist, und daher mittels der Methoden der biolologischen Wissenschaften, einschließlich Psychologie und Evolutionstheorie, zu erforschen ist. Wir sehen uns somit mit einer bizarren Situation konfrontiert, in der popularisierende Wissenschaftler die Anmaßungen der Philosophen anprangern, während viele der von ihnen kritisierten Personen in Wirklichkeit bereits jeden Anspruch aufgegeben haben, es besser zu wissen als die Wissenschaftler, wie man sich den Fragen der Metaphysik zu widmen hat.

Beide Typen von Verfechtern des Szientismus – jene aus den Reihen der Wissenschaftler und jene aus den Reihen der sogenannten Philosophen – legen meiner Meinung nach einen mit Scheuklappen versehenen Dogmatismus an den Tag, der das genaue Gegenteil wahrer Philosophie ist. Beide übersehen, daß Wissenschaft Metaphysik voraussetzt , und daß es genauso die Aufgabe der Philosophie ist zu kritisieren wie zu beschreiben, wobei alles – einschließlich der Wissenschaft – in den Wirkungskreis ihrer Kritik fällt. Wissenschaftler machen beim Aufstellen und Überprüfen ihrer Theorien – ob explizit oder implizit – zwangsläufig metaphysische Annahmen, die über all das weit hinausgehen, was die Wissenschaft selbst begründen kann. Diese Annahmen müssen kritisch untersucht werden, sei es von den Wissenschaftlern selbst oder von Philosophen – was sowohl im einen wie auch im anderen Fall bedeutet, daß kritisch-philosophisch gedacht werden muß, und daß hierzu die Methoden und Gegenstände der empirischen Wissenschaft nicht zum Vorbild genommen werden können. Die Erfahrungswissenschaften sagen uns bestenfalls, was der Fall ist , nicht, was der Fall sein muß oder was der Fall sein kann (aber nicht der Fall ist). Metaphysik behandelt Möglichkeiten . Und nur wenn wir die Grenzen des Bereichs des Möglichen feststellen können, haben wir Aussicht darauf, empirisch ermitteln zu können, was aktual ist. Das ist der Grund, warum die empirische Wissenschaft von der Metaphysik bedingt wird und sich nicht der dieser eigentümlichen Aufgabe bemächtigen kann.

Die dritte Erwiderung auf unsere Frage „Wie ist Metaphysik möglich?“ ist – im Gegensatz zu den beiden ersten – wahrhaft philosophisch und bezieht ihre Anregungen von Kant – daher nenne ich sie neu-Kantianisch. Gemäß dieser Auffassung sagt uns die Metaphysik nichts über die objektive Wirklichkeit „wie sie an sich ist“, und sie kann uns auch nichts darüber sagen, wiewohl der Begriff einer solchen Wirklichkeit durchaus einen Sinn hat. Sie kann uns aber etwas über gewisse grundlegende, notwendige Merkmale unseres Denkens über die Wirklichkeit sagen. Zum Beispiel kann durch sie nachgewiesen werden, daß wir uns die Gegenstände unserer Wahrnehmung als in Raum und Zeit befindlich und in gegenseitiger kausaler Beziehung stehend vorstellen müssen – dies vermutlich deshalb, weil, wie Kant selbst meinte, ein Erkennen unserer selbst als denkende Wesen, deren Gedanken und Erfahrungen zeitlich geordnet sind, von uns verlangt, daß wir auf eine derartige Welt wahrnehmbarer Gegenstände Bezug nehmen. Indem man sich für ein weniger ehrgeiziges Ziel entscheidet, hofft man, die Möglichkeit einer in angemessener Weise maßvollen Metaphysik sichern zu können. Eine solche Haltung unterliegt jedoch einem verhängnisvollen Irrtum, sollte es ihre Absicht sein, „metaphysischen“ Behauptungen Berechtigung zu verleihen, indem sie sie so interpretiert, daß sie nicht darüber sprechen, wie die Dinge wirklich sind , sondern nur darüber, wie wir sie als Seiendes vorzustellen haben. Denn wir selbst sind, sofern wir irgend etwas sind, ein Teil der Wirklichkeit – wie auch unsere Gedanken –, sodaß man sich selbst widerspricht, wenn man den Anspruch erhebt, Behauptungen über vermeintlich notwendige Merkmale unseres Denkens zu machen, während man gleichzeitig in Abrede stellt, irgend etwas über die Natur der „Wirklichkeit“ zu sagen. Der Versuch, Metaphysik dadurch zu gewährleisten, daß man sich in der genannten Weise einschränkt, ist ein zum Scheitern verurteiltes Unternehmen.

Noch unbefriedigender ist jedoch jeder Versuch, Metaphysik dadurch zu begründen, daß man sie noch mehr abschwächt, indem man ihre Behauptungen einfach als Beschreibungen eines Begriffssystems auffaßt, in Besitz dessen wir uns befinden, ohne damit auch die zwingende Notwendigkeit dieses Systems behaupten zu wollen. Metaphysische Forschung muß zumindest kritisch sein, sodaß sie sich, sofern sie „Begriffe“ behandelt, nicht damit zufrieden geben kann, die Begriffe, die wir haben, zu beschreiben oder zu analysieren, sondern sie sollte vielmehr versuchen, diese, wo es nötig ist, zu revidieren und zu verfeinern. 1 Der Zweck einer solchen Revision, sofern sie einen Zweck hat, kann aber nur darin bestehen, unsere Begriffe der Wirklichkeit genauer anzupassen. Nur die interne Konsistenz eines Begriffssystems sicherzustellen, ist ein zu bescheidenes Ziel, da viele miteinander wechselseitig inkompatible Systeme diese Eigenschaft haben können. 2 Auf den Vorschlag, daß die Wahl zwischen derartigen Systemen rational getroffen werden kann, und zwar durch die Auswahl desjenigen, welches am wenigsten unsere „natürlichen“ Überzeugungen oder „Intuitionen“ verletzt und uns so in einem Zustand des„Überlegungsgleichgewichts“ beläßt, muß erneut der Einwand erhoben werden, daß ein Unternehmen dieser Art es nicht verdient, mit dem Namen „Metaphysik“ ausgezeichnet zu werden, zumal wir keine Berechtigung haben anzunehmen, daß unsere natürlichen Überzeugungen die grundlegende Struktur der Wirklichkeit wiedergeben. Es ist eines der wenigen Verdienste des Szientismus, diese Tatsache aufgezeigt zu haben, denn er hat erkannt, daß unsere natürlichen Überzeugungen das Ergebnis evolutionärer Prozesse sind, welche vielmehr den praktischen Erfordernissen des Überlebens denn den theoretischen Erfordernissen der metaphysischen Wahrheit angepaßt sind.