Buchbesprechung: Die Fallen der Geschichtsschreibung

Carl R. Trueman. Histories and Fallacies. Crossway: Wheaton, 2010. 194 Seiten. Euro 6,80 (Kindle-Version).

Geschichte ist mehr als das Sammeln und Darstellen von Informationen. Geschichte muss in einen Sinnzusammenhang gestellt werden. Wie aber sollen diese Narrative gebaut bzw. konstruiert werden? Wie kann dies gewissenhaft und sorgfältig erfolgen? In diesem Buch sollen wir etwas über die Fallen von Geschichtsschreibung lernen.

Fächerübergreifend lesen

Warum aber ein Buch darüber lesen, wie Historiker Geschichte schreiben? Die Antwort trägt Carl F. Trueman, Absolvent von Cambridge und Aberdeen und aktuell Kirchenhistoriker am Westminister Seminary, am Ende dieses Buches selbst vor. Er meint: Es ist ein absolutes Erfordernis für den Historiker, fächer- und disziplinenübergreifend zu lesen. Dasselbe gilt auch für einen Theologen wie mich. (Natürlich ist das Buch in erster Linie an werdende und frisch gebackene Historiker gerichtet.) Trueman ist übrigens ordinierter Pfarrer der Orthodox Presbyterian Church. Sein pastorales Herz schlägt auch in seinen Publikationen durch. Der Schreibstil bleibt flüssig. Er verzichtet wo möglich auf lange Fussnoten, pflegt an den unentbehrlichen Stellen jedoch einschlägige Hinweise ein.

Wie das Buch aufgebaut ist

Das Buch folgt einem schlüssigen, klaren Konzept. Vier Hauptkapitel, eingebettet in Einleitung und Schlusskapitel. Jedes Kapitel beginnt und endet mit sorgfältigen Zusammenfassungen und Überleitungen. (Auch dies ist eine Empfehlung Truemans: Wenn ihr andere Autoren lest, dann achtet euch nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf ihr Vorgehen und ihren Aufbau.)

Die drei Hauptkapitel sind matrixartig aufgebaut, das heisst: Das Hauptlernfeld wird anhand eines Themas erarbeitet, nämlich

  1. die Verleugnung der Geschichte anhand der Holocaust-Leugner
  2. der schematische Reduktionismus anhand des Marxismus
  3. der historische Anachronismus anhand des Vergleichs zwischen Johannes Calvin und Francis Turretin und der Frage, ob Martin Luther als Rassist bezeichnet werden kann.

Im vierten Kapitel geht Trueman auf eine Reihe weiterer Fallen ein. Das Schlusskapitel ist Erkenntnissen und Lernfeldern für (angehende) Historiker gewidmet. Ein Konferenzpapier über die Rezeption von Johannes Calvin hängt dem Buch als weiteres Fallmaterial an.

Gelernt

Trueman betrachtet die unterschiedlichen Geschichtsverständnisse auf einer polaren Achse. In der einen Ecke taucht das konstruktivistische Geschichtsverständnis auf. Dieses geht von der (lapidaren) Voraussetzung aus, dass alle Geschichte relativ sei. Demnach würden alle Erzählungen und Ansätze gleichwertig nebeneinander stehen. (Ein kurzes Nachdenken genügt um zu merken, dass dieser Ansatz nicht praktikabel ist.) Auf der anderen Seite steht ein enger, allen Ereignissen übergestülpter Filter (eigene Formulierung). Beim letzteren Ansatz müssen sich alle auftauchenden Fakten der eigenen Position unterordnen. Ein konstruktiver Umgang mit Geschichtsschreibung muss irgendwo dazwischen liegen. Es geht nicht an, dass jedes Ereignis so unsicher ist, so dass es letztlich verneint wird. Ebenso wenig stellt sich die Geschichte so einfach dar, dass sie unter nur einem Aspekt endgültig behandelt werden könnte. Bei allem muss der Unterschied zwischen Neutralität und Objektivität beachtet werden. Jeder Historiker trägt eine explizite oder implizite moralische Agenda mit sich (mir ist es am liebsten, wenn diese offen gelegt ist). Das tut der Suche nach Objektivität keinen Abbruch. So liest Trueman auch marxistische Denker, mit denen er trotz aller Unterschiede doch einige wichtige methodische Vorgehensweisen teilt und deren inhaltlichen Argumente er sogar einiges abgewinnen kann. (An dieser Stelle war ich erleichtert; ich habe ebenfalls von solchen Historikern wie z. B. Eric Hobsbawn profitiert.)

Sehr instruktiv waren die Ausführungen über die begrenzte Aussagekraft von Augenzeugenberichten. Trueman führt überzeugend die Problematik der Wiedergabe von subjektiven Erlebnissen vor. Nicht nur der zeitliche Abstand, vor allem die eingeschränkte Wahrnehmung, gerade im Rahmen von ausserordentlichen Ereignissen, erfordern eine sorgfältige Evaluation.

Auch die ästhetische Falle ist zu berücksichtigen. Wie schnell lassen wir uns von einer anmutigen, geschickten Gestaltung irreführen. Ein schönes Format, imponierend viele Fussnoten oder einschlägige Grafiken allein unterstreichen den Wahrheitsgehalt von Aussagen keineswegs. Leider sind wir von den unzähligen medialen Darbietungen her anders „konditioniert“ worden.

Ich war beruhigt zu lesen, dass auch Trueman bisweilen Fehler unterlaufen sind – zu denen er heute steht und aus denen er gelernt hat. Ich selbst habe z. B. in meiner Dissertation dem stark veränderten Begriff der „Kultur“ zu wenig Beachtung geschenkt. Das heisst, ich habe retrospektiv einen Bedeutungszusammenhang behauptet, der aufgrund des damaligen Verständnisses nicht vorhanden sein konnte.

Fazit

Ich empfehle die Lektüre des Buches aufgrund seiner attraktiven Länge (unter 200 Seiten), den vielen anschaulichen Beispielen (Holocaust, Marxismus, Calvin & Luther u. v. m.) und der angenehmen inhaltlichen „Leserführung“. Als wichtigsten „Take Home Value“ betrachte ich die Gefahr, aufgrund eines weltanschaulichen Rahmens – auch wenn es ein biblischer zu sein scheint – Fakten auszublenden. Es gilt sich der Vorläufigkeit bestimmter geschichtlicher Annahmen bewusst zu bleiben.

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