Zitat der Woche: Zwei logische Trugschlüsse der religiösen Pluralisten

Ist es arrogant und unmoralisch, an einer Form des religiösen Partikularismus festzuhalten?

Zum Beispiel wird oft behauptet, dass es arrogant und unmoralisch sei, an irgendeiner Form des religiösen Partikularismus festzuhalten, da man dann der Meinung sein müsse, dass alle Menschen, die mit der jeweiligen Religion nicht übereinstimmen, irren. Also muss religiöser Partikularismus falsch sein. Dies ist geradezu ein Lehrbuchbeispiel für den logischen Trug­schluss, den man argumentum ad hominem 63 nennt. Dabei wird ver­sucht, eine Position zu entkräften, indem der Charakter dessen ange­griffen wird, der diese Position vertritt. Dies ist ein Trugschluss, da die Wahrheit einer Position von den moralischen Qualitäten dessen, der sie vertritt, unabhängig ist. Eine Veranschaulichung : Stellen Sie sich einen Mediziner vor, der endlich einen Impfstoff gegen AIDS entdeckt hat, der tatsächlich wirkt. Stellen Sie sich außerdem vor, dass dieser Herr sehr viel von sich hält. Er prahlt öffentlich mit seiner Entdeckung, behauptet den Nobelpreis verdient zu haben, sieht auf seine Kollegen wie auf intellektuelle Zwerge herab, weil sie den Impfstoff nicht ge­funden haben, und so weiter. Er verhält sich ganz offensichtlich arro­gant und unmoralisch. Doch schwächt dies in irgendeiner Weise die Wahrheit seiner Behauptung, den AIDS-Impfstoff entdeckt zu haben ? Oder noch pointierter : Wenn Sie AIDS hätten – würden Sie sich wei­gern, seine Impfstoffe zu nehmen, weil er arrogant und unmoralisch ist ? Hoffentlich nicht ! Die Wahrheit einer Position hängt nicht vom Charakter desjenigen ab, der sie vertritt. Das heißt, selbst wenn alle religiösen Partikularisten arrogant und unmoralisch wären, würde das keineswegs beweisen, dass ihre jeweiligen Ansichten falsch sind.

Religiöse Überzeugungen hängen von der Kultur ab, deshalb kann der Partikularismus nicht richtig sein.

Es wird oft behauptet, dass der christliche Partikularismus nicht korrekt sein kann, da religiöse Überzeugungen von der jeweiligen Kultur abhängen. Wenn Sie z. B. in Pakistan gebo­ren worden wären, wären Sie wohl Muslim. Deshalb sei Ihr christli­cher Glaube unwahr oder nicht gerechtfertigt. Doch auch das scheint ein Trugschluss aus dem Lehrbuch zu sein, ein sogenannter genetischer Trugschluss. Hierbei wird versucht, eine Position zu entkräften, indem die Art und Weise kritisiert wird, auf die die jeweilige Person zu dieser Position kam. Die Tatsache, dass Überzeugungen davon abhängen, wo und wann man geboren wurde, ist für die Wahr­heit dieser Überzeugungen überhaupt nicht relevant. Wenn Sie im alten Griechenland geboren worden wären, hätten Sie wahrscheinlich geglaubt, dass die Sonne die Erde umkreist. Heißt das, dass Ihre Überzeugung, dass die Erde die Sonne umkreist, deshalb falsch oder nicht gerechtfertigt ist ? Ganz offensichtlich nicht! Und auch in diesem Fall sägt der Pluralist am eigenen Ast : Denn wäre der Pluralist in Pakistan geboren worden, so wäre er wohl ein religi­öser Partikularist geworden. Daher ist seine pluralistische Überzeugung – nach seiner Denkweise – nur die Folge seiner Geburt in einer westli-chen Gesellschaft im späten 20. Jahrhundert und daher falsch oder nicht gerechtfertigt.

William L. Craig. On Guard. cmvd: Neuried b. München, 2015. S. 291+293.

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