Kolumne: Ein Plädoyer für Katechese

Stell dir vor, du bist in grösster Not: Du wirst von einem Unbekannten bedroht; du liegst verletzt auf der Strasse; du bist in einen fürchterlichen Streit verwickelt. Oder du bist in Hochstimmung: Die Prüfung bestanden, die Zusage für die Stelle bekommen, das Ja der Angebeteten bekommen. Im Tief und im Hoch möchtest du deine Abhängigkeit und Verbundenheit zum Erlöser zum Ausdruck bringen. Da bricht es aus dir heraus: "Was ist meine einzige Hoffnung, im Leben und im Sterben…" Voller Angst oder voller Freude betest du den Anfang des Heidelberger Katechismus.

Die Katechese, die systematische Unterweisung im Frage-/Antwortrhythmus, ist mir in den letzten Jahren aus verschiedenen Gründen lieb geworden. Erstens deckt sie ein gewaltiges Defizit: Auf unseren Glauben angesprochen, wissen wir uns kaum mehr zu artikulieren ausser "Jesus liebt dich" und "Er will eine Beziehung zu dir" und "Irgendwann habe ich mich entschieden". Wir stehen auf wackeligen Füssen, weil wir kaum mehr wissen, was die Substanz unseres Glaubens ausmacht. Der Katechismus schafft hier nicht nur Abhilfe, er bildet ein solides, sprachfähiges, alltagstaugliches Werkzeug, um die wichtigsten Aspekte des Glaubens zu vertiefen, in Erinnerung zu rufen oder zu bezeugen.

Dies geschieht zweitens nicht in der sehr beschränkten Perspektive "ich habe mich gerade so gefühlt" und "es scheint mir im Moment richtig zu sein". Der Katechismus lässt uns im Erbe unserer Väter und Mütter im Glauben sprechen und beten. Während Jahrhunderten haben sich Gläubige Gedanken darüber gemacht, worin die wichtigsten Elemente des Glaubens bestehen. Oftmals haben sie einen hohen Preis dafür bezahlt. Wir reihen uns in diese Strasse des Glaubens über die Jahrhunderte ein. Dabei verwechseln wir die Inhalte nicht mit Gottes Wort, sondern schlagen die Belegstellen zu den einzelnen Fragen und Antworten nach.

Drittens sind Katechismen ein überragend gutes Instrument der Unterweisung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Es bietet sich an, die Frage zu stellen und sich an die Antworten heranzutasten.Wenn wir die Antworten gemeinsam aufsagen, prägt sich die Inhalte langsam in unserem Gedächtnis ein. Die Fragen sind Diskussionsgrundlage mit Jugendlichen im kirchlichen Unterricht und mit Erwachsenen im Gottesdienst, im Erwachsenenunterricht oder im Hauskreis. Unser Leben besteht doch geradezu aus diesem Frage-/Antwortrhythmus. Wir stellen Fragen, weil wir unwissend und noch viel mehr widerborstig sind. Wir empfangen Antworten aus der Fülle der göttlichen Offenbarung. Wir werden von Gott durch Lebenssituationen geführt, in denen sich diese Inhalte festigen, aber auch neue Fragen entstehen.

Welche Katechismen kann ich empfehlen? Für den Einstieg arbeite ich mit dem Kleinen Kinderkatechismus. Schon mit vier, fünf Jahren haben Kinder ein wunderbares Sensorium für die wichtigen Fragen des Lebens. Als Vater werde ich immer wieder ermutigt und herausgefordert bei diesen Fragen. Etwa dann, wenn mir der Kleine entgegen hält: "Aber Papa, du weisst dies doch schon." Als Alternative kann man auch den Kinderkatechismus der SERK (Online-Download) verwenden. Jonas Erne hat den New City Catechism der Redeemer Church (New York) in die deutsche Sprache übersetzt. Er umfasst 52 Fragen und kann in zwei unterschiedlichen Vertiefungsstufen gelernt werden. Für Jugendliche und Erwachsene empfehle ich den Heidelberger Katechismus und den kürzeren Westminster Katechismus. In Glaubensgrundkursen ziehe ich für einzelne Fragen auch den Grossen Westminster Katechismus bei.

Was sind mögliche Hürden bei der Umsetzung? Das Haupthindernis sehe ich bei der fehlenden Gewöhnung an diese Art der Unterweisung. Auswendiglernen tönt nach Drill und ist verpönt. Wer sich einmal überwunden hat, der ist zur Disziplin zu rufen. Es gibt so viele andere Angebote. Der Aufwand, z. B. eine Frage pro Woche über den Zeitraum eines Jahres durchzuarbeiten, wird sich jedoch auszahlen. Und wenn der Faden abgerissen ist, dann nimm ihn einfach wieder auf. Drittens stellt sich bei einzelnen Fragen die Herausforderung, sich den genauen Wortlaut einzuprägen. Hier ist es mir wichtiger, dass wir den Sinn bzw. den Inhalt erfasst haben. Viertens dürfen wir uns nicht einbilden, dass das Auswendiglernen genüge. Es braucht Diskussion, Auslegung und Anwendung auf konkrete Lebenssituationen. Dies ist die Aufgabe des Vaters oder des Verkündigers.

Wie oft war ich schon dankbar, in Diskussionen und Gesprächsgruppen auf die Inhalte der Katechismen zurückgreifen zu dürfen. James I. Packer ist mir hierin ein grosses Vorbild: Nicht nur plädiert er seit Jahren vehement für diese Form des Unterrichts. Er hat es sich zur Angewohnheit gemacht, einen halbstündigen Spaziergang mit Gebeten des "Book of Common Prayer" anzureichern.

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