Über das Sinnvakuum der modernen Überflussgesellschaft

Viktor E. Frankl,  (1905-1997), prägende Figur der Psychologie des 20. Jahrhunderts, beschreibt mit Präzision das Sinn-Vakuum der modernen Überflussgesellschaft, das sich in einem Langeweilegefühl manifestiert. Dabei greift er auf empirische Ergebnisse zurück. Das Problem akzentuiere sich unter jungen Erwachsenen, Arbeitslosen und Pensionierten.

Alkohol- und Drogenmissbrauch sieht er als Versuch an, „ein solches Glücksgefühl unter Umgehung jeder Sinnerfüllung herbeizuführen, und zwar auf dem Umweg über die Chemie“.

Das Tempo und den Lärm des modernen Lebens deutet er als „vergeblichen Selbstheilungsversuch der existenziellen Frustration; denn je weniger der Mensch um ein Lebensziel weiss – nur desto mehr beschleunigt er auf seinem Lebensweg das Tempo.“

Aus: Viktor E. Frankl. Das Leiden am sinnlosen Leben. Herder Verlag: Freiburg im Breisgau 200819. S. 11-19; 77.

Leitwerte “Friede” und “Wohlstand”

Erneut zitiere ich den christlichen Apologeten Francis Schaeffer (1912-1984). Viele seiner Beobachtungen haben ungebrochene Aktualität, so auch die Feststellung, dass ein Konsens zu zwei kümmerlichen Werten bestehe:

Persönlicher Friede bedeutet, einfach in Ruhe gelassen und nicht mit den Problemen anderer Menschen belästigt zu werden, handle es sich dabei um die Welt oder um die Stadt – ein Leben mit einem Minimum an Konfliktmöglichkeiten. Persönlicher Friede bedeutet, dass ich in meinem Leben einen unbeeinträchtigten Lebensstil ohne Richtsicht auf die möglichen Folgen für meine Kinder und Enkelkinder führen will.

Wohlstand meint einen überwältigenden und stets zunehmenden Reichtum – ein Leben, das aus Gegenständen, Gegenständen und noch einmal  Gegenständen besteht – den an einem immer höheren Stand materiellen Überflusses gemessenen Erfolg.

Francis Schaeffer. Wie sollen wir denn leben? Hänssler: Holzgerlingen 2000. S. 204.

Lernerlebnis Nr. 6: Kämpfe für massvollen Konsum.

Während frühere Generationen alle Ressourcen aufwenden mussten, um an Festtagen wie Ostern etwas Spezielles auf den Teller zu bringen, kämpft die lebenden Generation mit dem Zuviel – an Essen und Möglichkeiten der Zerstreuung. Die Herausforderung ist nicht das Zusammenstellen eines “Osterkörbli”, sondern der vierte und fünfte Schokoladeosterhase.

Testballon: Beobachte einmal die Verbindung zwischen “zuviel” und dem “Grad der (Un-)Zufriedenheit” in der Familie. Meine Hypothese: Je mehr Material vorhanden ist, desto kleiner der erlebte Genuss (bzw. desto grösser die Unstimmigkeiten).

Das war das schönste Feuer

Gestern haben wir den Frühling mit einem grossen Feuer eingeweiht. Viel Holz, Schlangenbrot, Würste, Kartoffeln. Am Schluss haben wir mit Tannenästen nochmals ein mannshohes Feuer entfacht.

Auf dem Rückweg hörte mein Ältester im Zug, wie jemand sagte: “Das war der schönste Tag meines Lebens.” Darauf meinte er: “Das war das schönste Feuer meines Lebens.”

Lernerlebnis Nr. 5: Die öffentlichen Verkehrsmittel benützen

Als Familie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein bringt einige handfeste Vorteile:

  • Als Familie üben wir uns in Pünktlichkeit. Wir müssen ein Ziel erreichen. Wenn jemand nicht mittut, dann verzögert dies das ganze Familienprogramm.
  • Wir kommen mit Menschen in Kontakt, denn wir treffen: Rentner, Ausländer, Alkis, andere Familien, Tiere. Wir treten mit ihnen in Kontakt, und unsere Kinder lernen verschiedene Lebenssituationen kennen.
  • Jedes Kind hat seinen eigenen Rucksack. Mein Motto: Jeder trägt, was er kann. Und je selbständiger unsere Jungs agieren, desto mehr können wir unternehmen.
  • Ich kann vorlesen – aktuell ein Detektivbuch -, Spiele machen etc.

Ich fühle, also glaube ich?

Die erste Ebene ist notitia, die Kenntnis eines Glaubensinhaltes.

Die zweite Ebene des Glaubens ist assensus, die Bejahung oder Annahme be­stimmter Glaubensinhalte. Jemand, der einem Sachverhalt zu­stimmt, bekundet sein Interesse und Einverständnis mit dem, was er sachlich wahrgenommen hat.

Die dritte Ebene, fiducia, ist das Gottvertrauen, der persönlich ge­lebte Glaube.

Keine der drei Ebenen des Glaubens darf fehlen. »Man kann Gott nicht anerkennen (= assen­sus), ohne ihn zu kennen (= notitia). Man kann Gott nicht vertrauen (= fiducia), ohne ihn anzuerkennen (= assensus). Oder man könnte auch sagen: Das (Gott)Gehören (= fiducia) setzt ein Gehorchen (= as­sensus), das Gehorchen ein Anhören (= notitia) voraus.«

Aus: Ron Kubsch. Kierkegaards Sprung. MBS Texte 144. Martin Bucer Seminar: Bonn 2010.

Gott als Kumpel und Lieferant?

Soll ich ein Haus bauen oder kaufen? Könntest du besorgt sein, dass ich einen Jungen als Kind bekomme? Würdest du bitte dafür sorgen, dass der Bus nicht gleich abfährt? – Wer hat nicht schon so oder ähnlich gebetet? Ich frage mich: Welches Gottesbild steckt dahinter? Das eines Gönners, eines Kumpels, eines “Wohlfühl-Lieferanten”?

Wie verändert sich dieses Bild, wenn dieser Gott nicht das “liefert”, was ich begehre? James I. Packer hat den Umkehrschluss treffend beschrieben: Es gebe manche, die meinen,

Gottes Wille sei ein sorgenfreies Leben für alle, ohne Rücksicht auf ihre geistige oder sittliche Verfassung, und von da her schliessen sie, alles Widrige und Ärgerliche sei (gleich, ob es Krankheit, Unglück, Unrecht, Arbeitslosigkeit oder Liebesschmerz ist) ein Zeichen, dass entweder Gottes Weisheit oder Seine Macht, oder aber beides am Ende – dass Er möglicherweise gar nicht existiere. (James I. Packer. Gott erkennen. VLM: Liebenzell 2005. S. 81.)

Calvin schreibt in der Institutio zur göttlichen Vorsehung:

Wir müssen eben an der Beschei­denheit festhalten, die Gott nicht zur Rechenschaft zieht; wir sollen vielmehr seine verborgenen Ratschlüsse ehren, damit uns sein Wille der gerechteste Grund aller Dinge sei! (Johannes Calvin, Institutio, I,17,1)

Die drei Grundfragen der Philosophie

Es gibt drei Grundfragen der Philosophie:

1. Das Dasein: Die grundlegende philosophische Frage besteht darin, dass etwas da ist und nicht nichts da ist (so Jean-Paul Sartre).

2. Der Mensch: Der Mensch ist persönlich, aber endlich, begrenzt, und so reicht er als Integrationspunkt für sich selbst nicht aus.

3. Das Wissen: Wie kann man überhaupt etwas wissen?

Aus: Francis Schaeffer. …und er schweigt nicht. R. Brockhaus Verlag: Wuppertal 1991.

Der Einfluss einer frühen sicheren Bindung auf die Entwicklung eines Kindes

Welche Faktoren tragen zu einer gesunden Bindung bei? Karin und Klaus E. Grossmann haben in fast 40-jähriger Arbeit neben eigener Längsschnittlicher Bindungsforschung nicht nur mit den weltweit führenden Bindungsforschern zusammengearbeitet, sondern sich auch intensiv mit deren Modellen auseinandergesetzt. Sie fassen ihre Absicht so zusammen:

Im Gefüge psychischer Sicherheit spielen Freude, Zärtlichkeit, behutsamer, entgegenkommender und rücksichtsvoller Umgang miteinander – kurz Liebe – eine zentrale Rolle. Wir wollten die Bedingungen in Familien erforschen, die eine seelisch gesunde, psychisch sichere Entwicklung ermöglichen. (21)

 

In diesem Gefüge spielen beide Eltern die wesentliche Rolle, nicht nur für seine frühe Entwicklung, sondern „auch im Bereich seiner späteren kognitiven, sprachlichen und kulturellen Entwicklung.“ (54)

Die Bindungstheorie definieren sie als „umfassendes Konzept für die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen als Folge seiner sozialen Erfahrungen.“ (65) Als erstrebenswerter Zustand gilt die „Autonomie in Verbundenheit“ (39). Die Bindungsperson als Ort der Entspannung und Sicherheit (41) hat eine doppelte Funktion: Sie gewährt Schutz bei Verunsicherung und gibt Rückhalt beim Explorieren. (54) Das Kind gleicht einem offenen Programm, das darauf angewiesen ist, „im Rahmen von Bindungsbeziehungen eingespielt zu werden“ (63).

Der Hauptfaktor für eine gesunde Bindung ist eine „kontinuierliche und feinfühlige Fürsorge“ (67). Hauptkriterium für diese Feinfühligkeit ist der Umgang der Eltern mit negativen Gefühlen des Kindes (89). Das Kind äussert seine Emotionen, die von der Bindungsperson feinfühlig beantwortet werden. Die Erfahrungen aus den Interaktionen werden allmählich verinnerlicht (55). Grossmann & Grossman haben mit ihren Langzeitstudien v. a. den Einfluss einer frühen sicheren Bindung auf die Entwicklung eines Kindes nachgewiesen.

Quelle: Karin Grossmann. Klaus E. Grossmann. Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit. Clett-Cotta: Stuttgart 20082.

Gretchenfrage: Wer ist feinfühliger mit einem Kleinkind – die Mutter oder eine professionelle Betreuungsperson? Ainsworth hat das Konzept der Feinfühligkeit übrigens nicht im hoch-zivilisierten Westeuropa entwickelt, sondern bei Naturvölkern.

Kleinkinderbetreuung: Der verschwiegene Stand der Forschung

Jede Stunde, die man mit Kindern spricht oder die sie Erwachsenen bei Gesprächen zuhören, gibt ihnen einen Startvorteil fürs Leben. Also müsste der Staat eigentlich daran interessiert sein, dass Kinder so viel Zeit wie möglich mit einem oder beiden Elternteilen verbringen und ausser halb dieser Zeit gewährleistet ist, dass die Betreuung von Kindern qualitativ sehr hochstehend ist.

Es ist unumstritten, dass in den ersten drei Lebensjahren verlässliche Bindungen und Strukturen von grösster Bedeutung für das spätere Leben sind und schon ein Umzug, geschweige denn ein Wechsel der Hauptbetreuungsperson oder etwa eine Scheidung, so weit wie möglich vermieden werden sollten.

Aus: Thomas Schirrmacher. Die Rolle des Staates und die der Familien. Eröffnungsvortrag auf der Konferenz “Betreuung der Kleinkinder zwischen Familie und Staat” des Ministeriums für Arbeit und Soziales der Tschechischen Republik.

Es ist Forschung- und Erfahrungswissen (und keine Ideologie), dass für die Entwicklung des kindlichen Sicherheitsgefühls, für die Entfaltung seiner Persönlichkeit und für die seelische Gesundheit eine verlässliche Beziehung zu den Eltern am förderlichsten ist. Gerade in den drei ersten Lebensjahren ist die emotionale und zeitliche Verfügbarkeit von Mutter und Vater von grösster Bedeutung.

Aus “Krippenausbau in Deutschland – Psychoanalytiker nehmen Stellung: Memorandum der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung”