Eine tiefes Gespür für das menschlich Böse

Im fortgeschrittenem Alter trug Augstustinus (365-430) den grossen Konflikt mit Pelagius aus. Brwon schreibt zur Position von Augustinus:

Hinter dem unheilverkündenden Absinken des einzelnen steckt … ein tiefes Gespür für das Wesen des menschlich Bösen. Nach Pelagius war menschliche Sünde wesentlich oberflächlich – eine Sache der Wahl. … Nach Augustinus spürte man das Wesen der Unvollkommenheit des Menschen als tiefe und andauernde Verschiebung, als eine ‚discordia’, ein ‚Spannung’, die danach strebte, wie verkehrt auch immer, eine Lösung in irgendeinem ausgeglichenen Ganzen zu finden, in einer ‚concordia’.

Aus: Peter Brown. Augustinus von Hippo. Societäts-Verlag: Frankfurt am Main: 1973.

Eine Kur gegen schwafelndes Schreiben

Wie kann ich Texte kurz, präzise und verständlich verfassen? Der Philosophe Daniel von Wachter hat mir einige entscheidende Anstösse dazu gegeben:

Schreibe nicht über die Frage, sondern beantworte die Frage. Schreibe nicht darüber, was andere Leute geschrieben haben, sondern schreibe selbst etwas. Der Aufsatz soll nicht eine Übersicht über die existierenden Auffassungen oder über die auf der Leseliste genannte Literatur sein.

Schwafel nicht. Schreibe konzise, d.h. kurz und prägnant. Schreibe nichts, was nicht der Beantwortung der Frage dient. Alles, was du schreibst, soll seinen Platz im Gedankengang haben. Jeder Absatz soll eine Aussage machen, die der Entwicklung deiner Antwort dient; jeder Satz soll eine Aussage machen, die der Aussage des Absatzes dient.

Prüfe jeden Satz daraufhin, ob es einen guten Grund gibt, warum er nicht genausogut weggelassen oder gekürzt werden könnte.

Hier geht es zum Aufsatz.

Sein ist Erregtsein

Die Grunddynamik des modernen Lebens ist die Flucht vor der Langeweile. Aus der Sackgasse, in die uns das Bedürfnis nach Komfort gesteuert hat, kann uns nur die Stimulation des Neuen befreien. … Mit dem raschen Wechsel der Moden kompensiert unsere Kultur mangelnde Varietät. Ähnlich versuchen manche, der Monotonie der Monogamie durch Kettenehen zu entgehen. Das Neue (oder eben: die Neue) ersetzt das Wesentliche. Deshalb kann nur noch das Neue (oder eben: die Neue) für wesentlich gehalten werden. Sein ist Erregtsein.

Aus: Norbert Bolz. Das konsumistische Manifest.

Über den Unterschied zwischen einem Allierten und einem Kriegsteilnehmer

An ally is a person who is a born-again Christian with whom I can go a long way down the road … now I don’t say to the very end… A co-belligerent is a person who may not have any sufficient basis for taking the right position but takes the right position on a single issue. And I can join with him withhout any danger as long as I realize that he is not an ally….

Aus: Colin Duriez. Francis Schaeffer – an Authentic Life. Crossway Books: Wheaton 2008.

Der Massenmensch

Allen Rufen der Freiheit zum Trotz: Der Massenmensch bildet sich mehr und mehr heraus – der Mensch, der sich nicht von anderen Menschen abhebt. Einige Beispiele aus der modernen Literatur:

  • Anderssein ist unanständig. (Ortega y Gasset)
  • Affektgesteuerter Menschentypus mit reduzierter Intellektualität (Freud)
  • Affektarm, apathisch und indifferent (Mitscherlich, Lorenz)
  • Aussengeleitet – Diktatur des ‚man’ (Riesman)
  • Das Opium Fernsehen verleitet den Menschen dazu, nur noch von Ersatzerlebnissen zu leben, statt selber zu leben.
  • Spezialistenmonomanie, die dem Menschen nur eine kleine Teilverantwortung belässt und ihm die Verantwortung fürs Ganze abnimmt
  • Suggestive Reklamepsychologie und Konsumzwang
  • Tauschgesellschaft – Mensch als Ersatzteil
  • Freizeitblödigkeit: die Vereinheitlichung  der sozialen und kulturellen Verhaltensformen (Schelsky)
  • Entmündigender Wohlfahrtsstaat, totale Bürokratie
  • Nivellierte Mittelstandsgesellschaft
  • Leistungsdruck mit Dauerspannung und Dauermobilmachtung, Erfolgszwang im Erfolgszeitalter
  • Abhängigkeit durch ungerechte Eigentumsanhäufung und –verteilung
  • Seelenlose Technokratie – verwaltete Welt
  • Eindimensional auf Produzieren und Konsumieren reduziert (Marcuse)
  • Durch genmanipulatorische Klonung verliert er seine Unverwechselbarkeit und Identität und wird zur Kopie.

Pöhlmann stellt dem im Hinblick auf die Ebenbildlichkeit Gottes entgegen:

Der Mensch ist und bleibt Mensch trotz der Gefahren, die ihm drohen. Er ist kein Auslaufmodell, kein Dünger der Weltgeschichte und kein Schnittabfall der Evolution.

Aus: Horst Georg Pöhlmann. Abriss der Dogmatik. Chr. Kaiser Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh 20026.

Gottes Wort – Prüfstein für die Wahrheit

Der Reformator Heinrich Bullinger eröffnet das Zweite Helvetische Bekenntnis mit Aussagen zur Offenbarung Gottes in der Bibel. Dieser absolute Bezugspunkt ist heute umso wichtiger, als von allen Seiten Ansprüche an die Wahrheit formuliert werden. Der Mensch hat sich zum Prüfstein für die Wahrheit gemacht. Wenn er aber nicht oberste Prüfinstanz ist, wird die Frage entscheidend: Woher wissen wir, was richtig ist? Die Autorität der Bibel ist Schlüssel zur Ordnung.

  1. Das Wort Gottes besitzt Kraft in sich selbst: Die Schrift besitzt „aus sich selbst heraus Kraft und Grund genug … ohne der Bestätigung durch Menschen zu bedürfen.“ Darum geht der Glaube dem Verstehen voraus. Anselm von Canterbury sagt folgerichtig, dass „wir die Geheimnisse des christlichen Glaubens annahmen, bevor wir dieselben mit unserer Vernunft zergliedern.” (Cur Deus Homo, I,II) Er steht damit in der Linie von Augustinus, für den der Glaube das Wissen einschloss: ” Woher weißt du denn, dass diese Bücher durch den Geist des einen, wahren, durchaus wahrhaftigen Gottes der Menschheit dargereicht wird? Eben dies musste vor allem geglaubt werden.” (Augustinus, Bekenntnisse, dtv: München 2008, S. 142).
  2. Das Wort Gottes enthält abschliessende Information über Glaube und gottgefälliges Leben: Die Bibel ist „eine vollständige Darstellung dessen, was immer zur rechten Belehrung über den seligmachenden Glauben und ein Gott wohlgefälliges Leben gehört“ und bedarf darum keines menschlichen Zusatzes. Bullinger folgert daraus, dass „kein anderes Wort Gottes erfinden oder vom Himmel her“ erwartet werden dürfe. Wer deshalb innere Eindrücke vor Gottes Wort stellt, hat sein autonomes Selbst zum Massstab gemacht – letztlich eine fromme Variante eines pluralistischen Wahrheitsverständnisses. 

Aus: Heinrich Bullinger. Confessio Helvetia Posterior. I. Kapitel.

Das Auto-Ich

Wer gerne Bus oder Bahn fährt, wird das Auto-Ich nie verstehen. Er versteht vor allem nicht, dass es beim Autofahren nicht nur um Fortbewegung, sondern auch um Selbstdarstellung im Alltagsleben geht. Autos machen Leute. Persönlichkeit ist eine ununterbrochene Folge erfolgreicher Gesten… Und das heisst hier konkret: einparken, ausbremsen, Lichthupe, den Arm aus dem Fenster baumeln lassen. So wird das Auto zum Statement; es gehört zu meiner Geschichte.

Perfekte Technik ist die sachliche Basis, von der sich jener spirituelle Mehrwert der Autonomie im Automobil abheben kann. … Deshalb sind Landrover und Jeeps auch bei Leuten bliebt, die den glatten Asphalt der westlichen Zivilisation niemals verlassen – sie akzentuieren das Gefühl absoluter Unabhängigkeit von der Umwelt.

Während einem die Mitmenschen in Bus und U-Bahn auf den Leib rücken, garantiert das Auto die Sicherheitszone des Menschen. Es bietet dem Ritter der Massendemokratie Pferd und Rüstung zugleich.

Aus: Norbert Bolz. Das konsumistische Manifest.

Kaum verstanden, was er selbst geschrieben

An einer Stelle seiner Retatractiones schreibt Augustinus über ein Frühwerk:

Überhaupt ist es in seinen gekünstelten Schlussfolgerungen und in seiner Kürze so dunkel, dass seine Lesung ermüdet, und meine Absicht wird kaum von mir selbst verstanden. (Augustinus. Retatractiones. I,5,1)