Längle über Viktor E. Frankl

Ein Freund hat mich auf das Interview von Alfred Längle, einem langjährigen Weggefährten Frankls, aufmerksam gemacht. Frankl hatte mit Längle gebrochen, worüber dieser sich auch im Interview äussert. Ob Frankl ein Freund des Risikos gewesen sei, wollte die Interviewerin wissen. Längle:

Frankl war sehr ängstlich, mit einem Zug zum Zwänglerischen. Um seine Höhenangst zu überwinden, das schreibt er ja in seiner Autobiografie, hat er Kletterpartien unternommen und versucht, die Angst bei den Hörnern zu packen, ihr ins Gesicht zu lachen. Er war ein ängstlicher Mensch. Einmal hatte er über Kopfweh geklagt und da besorgte ich ihm ein homöopathisches Mittel. Er hat es nicht angerührt, aus Angst, es könnte ihn vergiften. Der chemisch-pharmazeutischen Industrie hat er vertraut, aber vor etwas Unbekanntem wie der Homöopathie fürchtete er sich.

Hier findet sich das Interview der Wiener Zeitung. 

Eine kleine Ethik des Alltags (1)

3. Mose 19 liest sich wie eine kleine Ethik des Alltags. Die Aufzählung wirkt ungeordnet: Familiäre und gottesdienstliche Anordnungen wechseln sich ab mit Anweisungen, wie sich ein Israelit gegenüber Armen, Fremden und Behinderten zu verhalten habe.  Der Schlüsselsatz ist Vers 2: „Ihr sollt heilig sein, denn ich, euer Gott, bin heilig.“

In heutigem Deutsch würde ich diesen Satz so formulieren: „Lebt so, wie es mir gefällt. Richtet euren Lebensstil nach meinem Wesen und Charakter aus.“ Das heisst: In 3. Mose 19 erfahren wir manches über Gottes Wesen. Wir lernen, wie wir ein Leben führen können, das ihm gefällt. Wir lernen etwas über seine Prioritäten kennen. Gottes Volk sollte im Alltag Gottes Heiligkeit widerspiegeln: In den familiären Beziehungen, im Gottesdienst, untereinander und besonders auch gegenüber Benachteiligten – Ausländern, Witwen, Behinderten. Dies wäre sichtbarer Ausdruck ihrer Zugehörigkeit und würde sie von anderen Völkern differenzieren.

In den Köpfen der Israeliten lebten damals die Bilder, die sie aus Ägypten mitgenommen hatten. So hatten sie sich ein goldenes Opferkalb gebaut und beteten es als ihren Gott an (siehe 2. Mose 32). Gott tolerierte die verzerrten Gottesbilder der umliegenden Völker nicht. Er wollte darstellen, wie er ist und wie er angebetet werden will. „Ihr sollt nicht tun, was man im Land Ägypten tut, wo ihr gewohnt habt, und ihr sollt nicht tun, was man im Land Kanaan tut, wohin ich euch bringe. Und ihr sollt nicht nach ihren Satzungen leben.“ (3. Mose 18,3)

Bist du ich?

Mein Zweiter bestellte am frühen Morgen zwei „Schoppen“ mit Milch. Meine Frau schüttelte den Kopf: Nein, es gibt einen – wie immer. Er fragt sie: „Bist du ich?“ Sie schüttelt wieder den Kopf. Er: „Dann kannst du auch nicht wissen, ob zwei Schoppen in meinem Bauch Platz haben.“

Christlicher Hedonismus

John Piper vertritt in seinem Buch „Sehnsucht nach Gott – Leben als christlicher Geniesser“ eine für die meisten Christen sehr erstaunliche These: Wir leben um Gott zu verherrlichen, indem wir uns an Ihm erfreuen.

Gott wird nicht angebetet, wenn Er nicht gleichzeitig wertgeschätzt und genossen wird. (20)

Kein kantisches Pflichtbewusstsein, sondern purer Hedonismus. Denn:

Das negative Ideal der Selbstlosigkeit bedeutet nicht nur vorrangig, für andere Gutes tun zu wollen, sondern auch, selbst auf das Gute zu verzichten, als ob unser Verzicht das wichtigste ist. (19)

Gott bietet uns nicht nur Freude an, sondern er erwartet es von uns, dass wir ihn und seine Gaben geniessen, wie wir nur können. Die Art von „Vergnügen“, die der christliche Geniesser anstrebt, ist die Freude, die in Gott selbst zu finden ist. Er ist das Ziel unserer Suche, kein Mittel zum Zweck.

Wie sieht Piper den Zusammenhang zwischen Ratio und Gefühl?

Wahrheit ohne Gefühl bringt eine tote Orthodoxie hervor und eine Gemeinde, die angefüllt (oder halbvoll) ist mit bekünstelten Bewunderern (ähnlich den Leuten, die mit allgemein formulierten Glückwunschkarten ihren Lebensunterhalt verdienen). Andererseits produziert Gefühl ohne Wahrheit eine leere Ekstase und oberflächliche Menschen, die sich weigern, sich einer gedanklichen Disziplin zu unterwerfen. (80)

Warum gerade ich, warum gerade hier und jetzt?

Bedenke ich die kurze Dauer meines Lebens, aufgezehrt von der Ewigkeit vorher und nachher; bedenke ich das bisschen Raum, den ich einnehme, und selbst den, den ich sehe, verschlungen von der unendlichen Weite der Räume, von denen ich nichts weiss und die von mir nichts wissen, dann erschaudere ich und staune, dass ich hier und nicht dort bin; keinen Grund gibt es, weshalb ich grade hier und nicht dort bin, weshalb jetzt und nicht dann. Wer hat mich hier eingesetzt? Durch wessen Anordnungen und Verfügung ist mir dieser Ort und diese Stunde bestimmt worden?

Blaise Pascal. Pensées. Fragment 205.

Glaube und Wissen – getrennte Welten?

Augustinus hat die Dialektik von Wissen und Glauben in einer wegweisenden Perspektive aufgelöst, indem er den Entwürfen des Rationalismus und des Fideismus die Alternative eines vernünftigen Glaubens gegenüberstellte.

Lösung 1a) Rationalismus: Vernunft steht über dem Glauben. Der Rationalismus möchte den unsicheren Glauben oder das blosse Meinen überwinden und zur Erkenntnis vordringen. Glaube ist wage, Wissen dagegen ist sicher.

Lösung 1b) Fideismus: Glaube und Wissen stehen in einer problematischen Spannung zueinander. Der Glaube steht über dem Wissen. Es besteht ein unüberwindbarer Abstand. „Ich glaube, weil es unvernünftig ist.“ (Tertullian)

Alternative Vernünftiger Glaube: Glaube und Wissen sind aufeinander bezogen. Glaube durchdringt den gesamten Erkenntnisprozess. Die Vernunft wird vom Glauben umschlossen. Ohne Glaube kein Wissenserwerb, ja sogar kein Existieren. Unser Leben ist von Glauben durchsetzt. Wir neigen dann zum Götzendienst, wenn wir nicht Gott an die erste Stelle setzen. Weltliche Bildung wird nicht verachtet, aber relativiert. Das letzte Prinzip muss immer die Schrift sein. „Ich glaube, damit ich erkenne.“ (Augustinus)

Aus: Ron Kubsch. Mit ungeteiltem Herzen. Grundriss einer christlichen Apologetik. Unveröffentlichtes Skript.

Die Kunst des selbstlosen Dienens

C. R. Swindolls Buch „Die Kunst des selbstlosen Dienens“ hat Spuren bei mir hinterlassen. „Dienen“ rief bei mir ähnliche Assoziationen hervor, wie sie Swindoll beschreibt:

In meinem Kopf spukte die Karrikatur von einer Mitleid erweckenden Kreatur, eigentlich ohne Willen oder Sinn im Leben, gebeugt, geistig unterdrückt, mit wenig Selbstbewusstsein, beschmutzt, runzelig und erschöpft, eine Art menschlicher Maulesel, der sich durch das lange Leben schleppt.

Was für ein Kontrastbild, das hier gezeichnet wird:

Ein Diener differenziert sich vor allem über seine Haltung. Er ist „arm im Geist“ –  ein Mensch, der mangels irdischer Reichtümer sein ganzes Vertrauen auf Gott setzt; ein Leidtragender, der sich intensiv um die Schmerzen, Sorgen und Verluste anderer kümmert; ein Sanftmütiger – taktvoll und höflich, mit kontrollierter Kraft; hat ein begieriges Verlangen nach Gerechtigkeit; nimmt als Barmherziger Anteil im Sinn einer bewussten Identifikation; tut das Richtige aus dem richtigen Grund – ohne Arglist; als Friedensstifter hält er seine Zunge unter Kontrolle, ist langsam zum Zorn, bescheiden und vertrauensvoll; ist ein „Durchdiener“ in der Zeiten des Drucks. So beschreibt die Bergpredigt den „Glücklichen“ (Matthäus 5,3-12).

P. S. Nur für Männer: Hausarbeit ist ein gutes Übungsfeld für einen Diener.

Viktor E. Frankl und die Zentralität der Sinnfrage

In den letzten zwei Jahren habe ich mich intensiv mit Viktor E. Frankl (1905-1997) auseinandergesetzt. Frankl gehört zu den prägendsten Figuren der Psychologie des 20. Jahrhunderts. Seine wegweisenden Perspektiven sind eng mit seiner Biographie verknüpft.

Die Beschäftigung führte mich zu folgender Schlussfolgerung:

Frankl trifft mit der Sinnfrage den Nerv des menschlichen Lebens, weil sich der Mensch selbst transzendiert: Er ist auf Gott hin gemacht worden. Frankl verabsolutiert jedoch die Sinnfrage im Sinn der Selbstverwirklichung und hat damit eine Ersatzideologie geschaffen.

Der Aufsatz ist in der Reihe der MBS Texte erschienen.

Viktor E. Frankl und die Zentralität der Sinnfrage

Temperaturunterschiede als Stimulans

Durch den Pastor unserer Kirche bin ich zum ersten Mal mit Paul Tournier in Berührung gekommen. Er zitierte ihn regelmässig in seinen Predigten. Paul Tournier (1898-1986) war als Arzt und Seelsorger Impulsgeber für frühere Generationen.

Die Lektüre Tourniers sich auf meinen Alltag ausgewirkt. Ein Beispiel: Wir haben die Temperatur unserer Wohnung während des Winters deutlich reduziert. Tournier bezeichnet die Temperaturunterschiede nicht als ärgerliche Unannehmlichkeit, sondern als Geschenk Gottes – „als Stimulans, dessen unser Körper wie unsere Seele bedürfen“.

Tournier war auch im Winter oft ohne Mantel unterwegs und sass im ungeheizten Auto. Er sagt dazu:

Wenn nun aber die Bibel weder den Körper noch die Natur verachtet, so hat das seinen Grund eben darin, dass sie ihnen einen Sinn zuerkennt, dass sie in ihrer Erschaffung und in den ihnen von Gott gegebenen Gesetzen eine liebevolle Absicht Gottes erkennt. … Bei der Verabschiedung meines Mantels handelt es sich darum, diese anregenden Temperaturunterschiede, die in Gottes Absicht liegen, und die die Zivilisation auszulöschen tendiert, im richtigen Mass zu respektieren.

Paul Tournier. Bibel und Medizin. Humata-Verlag: Bern o. J. S. 58-60.