Zitat der Woche: Der Subtext des Predigers

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Timothy Keller spricht von drei verschiedenen “Texten”: Dem biblischen Text, dem Kontext des Hörers und drittens dem Subtext im Herzen des Predigers. Es geht dabei um die geistliche Reife und die Gegenwart des Heiligen Geistes, wenn gepredigt wird.

Dieser Subtext ist die Botschaft hinter der Botschaft – das, was wir (bewusst oder unbewusst) ‘eigentlich’ meinen, unterhalb der sprachlichen Oberfläche der Worte. … Was wir ‘eigentlich’ meinen, signalisieren wir zu einem grossen Teil durch solche Dinge wie unser Stimmlage, Gestik und Mimik, und diese eigentliche Bedeutung kann sich selbständig machen und unsere schöne Predigt ‘kapern’.

Er führt drei Beispiele auf:

  1. Der Subtext der gegenseitigen Bestärkung: “Es handelt sich um ein kommunikatives Ritual, mit dem wir unsere Gruppe von anderen abgrenzen und ein Gefühl der Sicherheit und des Dazugehörens schaffen. Ein Ritual ist es in dem Sinne, dass seine Hauptfunktion darin besteht, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. … Viele Kirchgemeinden pflegen diesen Subtext der Identitätspflege, der eine Art ‘Torwächterfunktion’ hat. Diese Gemeinden wollen es nicht, dass man sie hinterfragt oder ihnen Neues zumutet.”
  2. Der Subtext der Selbstvermarktung: “Der Prediger versucht, seine Kompetenz zu demonstrieren und die ‘Produkte’ seiner Gemeinde zu ‘verkaufen’. … (D)er tiefere Sinn der Übung besteht darin, Menschen für die Gemeinde oder den ‘Verein’ zu gewinnen.” Scheinbar geht es um Gäste, indirekt jedoch mehr darum, die Insider zu stärken. Die rhetorischen Anforderungen an den Prediger sind hoch.
  3. Der Subtext des Trainings für den Alltag: “Hier geht es darum, den Hörern Wissen zu vermitteln, damit sie ihr Leben entsprechend führen können – ‘Tipps für den Alltag’ gewissermassen. … Die Gemeindemitglieder wollen Informationen und Erkenntnisse bekommen, die sie bisher noch nicht hatten.”

Wenn der Subtext zum eigentlichen Hauptziel wird, “verliert unsere Predigt ihre lebendige Kraft, und wir werden nicht Christus ähnlicher, sondern immer selbstgefälliger”.

Keller formuliert dann noch einen vierten Subtext. Dieser geht über Informationsvermittlung, Ansprechen der Gefühle und Lebensveränderung hinaus, der Subtext der Anbetung:  “Der Prediger signalisiert seinen Zuhörern: ‘Schaut her, wie gross und wunderbar Christus ist – viel grösser und wunderbarer, als ihr bisher gedacht habt! Alle eure Probleme kommen eigentlich daher, dass ihr dies nicht seht!’ Meine Meinung nach sollten alle Kirchen und Gemeinden sich dieser Botschaft verschreiben, die das Herz aller echten, guten Predigt ist.”

Timothy Keller. Predigen. Brunnen: Giessen/Basel, 2017. S. 189-193