Kolumne: Wenn sich die Strategie der Struktur beugt

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Die Struktur soll der Strategie folgen. So lautet ein betriebswirtschaftlicher Grundsatz. Dieser präsentiert sich jedoch in Wirklichkeit oft umgekehrt: Die Strategie beugt sich der Struktur. Was wir auf den Lebenszyklus von Unternehmen beziehen, können wir auch auf das Leben Einzelner und von Familien übertragen. Das will heissen: Entspricht der Lebensstil, der gewohnte Ablauf der täglichen Handlungen, den angestrebten Langfristzielen? Das wiederum wirft die Frage auf: Habe ich überhaupt Langfristziele? Könnte ich beschreiben, wie ich mit 50 oder 60 Jahren gerne sein möchte? (Die Frage nach dem Sein ist übrigens viel wichtiger als die Frage nach dem Erreichten.) Erst daraus könnte ich ja eine Strategie ableiten. Drehen wir die Sache um: Wer keine solche Überlegungen angestellt hat, peilt innerlich trotzdem (unbewusst) Langfristziele an!

Führen wir uns drei verschiedene Ausgangslagen vor:

  1. Die erste besteht aus einem Lippenbekenntnis wie „ich möchte täglich die Bibel lesen“ oder „unsere gegenseitige Liebe soll wachsen“. Vielleicht hat sich jemand in einem lichten Moment, bei einem Lebensereignis (Heirat, Geburt, Tod, Krankheit) etwas vorgenommen. Der Alltag holt ihn sofort wieder ein. Das gelebte Bekenntnis steht demnach im offensichtlichen Widerspruch zur Einsicht.
  2. Noch häufiger meine ich dieses Szenario entdeckt zu haben: Es besteht ein aufrichtiger Wunsch, eine bestimmte Lebensweise zu pflegen. Die tief sitzenden Gewohnheiten verunmöglichen jedoch die Umsetzung. Das wirkt sich einschränkend auf das Befinden und die Schaffenskraft aus.
  3. Natürlich gibt es auch diejenigen, die keinen Blick für die Abweichung besitzen (blinder Fleck). Sie kommen kaum zum Durchatmen. Sie stehen zwischen Arbeit, Freizeit, Weiterbildung und Versorgung von Kindern. Sie spulen von einem zum nächsten. Vielleicht kommt es zwischenzeitlich zu einem gesundheitlichen Einschnitt. Dieser kann jedoch mittels Medikamenten unterdrückt werden.

Manchmal kommt es zu einem Schock und einer Krise. Der Partner verabschiedet sich. Die Kinder rebellieren und scheren aus. Die Beförderung zerschlägt sich zum wiederholten Mal. Heute beobachte ich einen ersten Schock schon bei Berufsanfängern nach den ersten Jahren. Es tritt eine starke Ernüchterung ein. Ihre (unbewussten) Erwartungen haben sich in der Wirklichkeit zerschlagen. Eigentlich wollten sie … (man setze ein beliebiges berufliches oder privates Ziel ein), doch die Arbeits- und Freizeitrealität hat sie eingeholt. Mitte Vierzig ist dann die Lücke zwischen dem eigenen Lebenstraum und dem Alltag so gross geworden, dass eine Umstellung des Alltags unumgänglich scheint.

Die ohne Gott ausgehandelte Lösung lautet, das Problem in der Umgebung zu suchen. Der Wohnort ist der falsche, das Schulhaus, der Ehepartner oder die Arbeitsstelle. Das bedeutet etwas an der Umgebung auszutauschen. Dafür werden enorme finanzielle Mittel und auch Kräfte freigesetzt bzw. in Kauf genommen. Das spätmoderne Menschenbild des Westens lautet: Orientiere dich an einer Vergleichsgruppe von real bekannten oder medial vermittelten Vergleichspersonen. Tue es ihnen gleich. Beginne einen neuen Lebensabschnitt. Du kannst dich jederzeit neu „konfigurieren“. Der Bruch wird wegen dem enormen Druck von aussen vollzogen. Ein neuer Weg wird eingeschlagen. Die Anfangseuphorie hält für eine Zeit. Doch ehrlicherweise hat man ja sich selbst und die Gewohnheiten mitgenommen…

Was bedeutet dies für einen Menschen, den Christus erneuert hat? Grundsätzlich steht er in einem Kampf. Er will das Neue, das Alte holt ihn immer wieder ein (wie es Paulus in Römer 7 beschreibt). Trotzdem: Das neue Leben regt sich. Es entsteht Zug in eine andere Richtung. (Andernfalls ist die Frage angebracht, ob diese Erneuerung schon geschehen ist.) Als Personalentwickler formuliere ich es wie folgt: Welcher „kleine“ Schritt ist heute angesagt? Ich treffe so viele Dauervorwände an, die uns davor schützen, nicht anzufangen. Ja, es wird einige Monate dauern, bis eine kleine Änderung des Alltags in die Gewohnheit übergegangen ist. Doch kämpfe nicht an (zu) vielen Fronten. Beginne mit … einer bewussten Minute im Gebet mit deinem Ehepartner. Schlage deine Bibel für fünf Minuten aus und frage dich, wie sich Gott in diesem Abschnitt zeigt. Mein tagesaktuelles Anliegen: Wenn meine Frau etwas sagt, dann erhebe ich mich sofort und setze es um. Bleibe ermutigt!