Zitat der Woche: Die verhängnisvolle Tendenz der neoorthodoxen Theologie für die Ethik

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Kant hatte eine Antithese von Immanenz und Transzendenz aufgebaut. Man konnte auf keinen Fall von der einen Sphäre in die andere gelangen. Die Schule der Dialektischen Theologie hält diese Antithese aufrecht. Der ganze Inhalt der Theologie gehört in die Transzendenz. Die echte Wahrheit ist etwas Jenseitiges – eine platonische Lösung.
… aber was ist Glaube? Ist es ein Glaube an das Unsichtbare? Auf eine Weise ist Glaube dasselbe wie Vertrauen und Hoffnung. Hebräer 11,7 nennt Noahs Glauben mit dem er Ereignisse annahm, die noch nicht geschehen waren. Das Objekt des Glaubens ist nicht ein gewisser Zustand der Dinge in der unsichtbaren Transzendenz, sondern etwas, das noch in der Zukunft liegt. Der Glaube bezieht sich weniger auf die Transzendenz als auf die Zukunft. …
Glaube als Vertrauen deckt immer die Zwischenzeit ab, die Zeit zwischen Verheissung und Erfüllung, und er muss sich immer direkt darauf beziehen. Glaube bezieht sich auf Ereignisse. … In der Schrift hat ‘Glaube’ aber noch eine weitere Bedeutung. Er schaut zurück auf Ereignisse in der Heilsgeschichte. Glaube ist sowohl Hoffnung als auch Erinnerung. … Der Glaube ist nach biblischem Verständnis im Ereignis begründet, sowohl in der Vergangenheit als in der Zukunft.
Damit verglichen ist der Glaube der Dialektischen Theologie ontologisch. Es ist ein ahistorischer Glaube. Er bezieht sich nicht auf das Ereignis, sondern auf die Transzendenz. Als Folge davon schildert die Dialektische Theologie nicht die moralische Kluft zwischen dem Menschen und Gott, sondern eine seinsmässige Kluft. Der Mensch ist durch sein ontologisches Anderssein von Gott getrennt, nicht durch die Sünde. In diesem Verständnis bleibt die Heiligung als Praxis des geheiligten Lebens links liegen…. Die Dialektische Theologie hat keinen Raum für sichtbare Frucht der Heiligung. Wir leben nicht anders; wir sehen uns selbst nur anders, eben als Sünder, denen vergeben ist.
… ein bloss ontologisches Verständnis der Trennung des Menschen von Gott zerstört den Begriff der Sünde und damit die Notwendigkeit der Rechtfertigung. Barth setzt gegen den Liberalismus ein sehr scharfes Unkrautvertilgungsmittel ein. Es rottet mit dem Unkraut auf die Pflanzen aus. In der Reaktion auf den Liberalismus als Moral mit wenig Religion entsteht eine Religion (oder Dogmatik) mit wenig Moral.

Klaus Bockmühl. Verantwortung des Glaubens im Wandel der Zeit. Protestantische Theologie im 19. und 20. Jahrhundert. S. 103-105.