Zitat der Woche: Der Aufstieg des säkularen Intellektuellen

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Heute sind sie von der Öffentlichkeit nicht mehr wegzudenken: Die säkularen Experten, die auf die Meinungsbildung und Gesetzgebung entscheidend einwirken. Sie erscheinen in Talkshows, produzieren ihre Youtubes – und wir vertrauen ihnen wie früher den Priestern.

Paul Johnson stellt treffend fest:

Der Aufstieg des säkularen Intellektuellen ist ein Schlüsselfaktor bei der Gestaltung der modernen Welt. Auf die lange Perspektive der Geschichte betrachtet ist es in vielerlei Hinsicht ein neues Phänomen. Es ist wahr, dass sie in ihren früheren Verkörperungen als Priester, Schriftgelehrte und Wahrsager nun als Intellektuelle von Anfang an den Anspruch erhoben, die Gesellschaft zu lenken. Aber als Wächter priesterlicher Kulturen, ob primitiv oder ausgebaut, waren ihre moralischen und ideologischen Neuerungen begrenzt durch den Kanon der äußeren Autorität und durch das Erbe der Tradition. Sie waren und konnten keine freien Geister, keine Abenteurer des Geistes sein.

Mit dem Niedergang der klerikalen Macht im achtzehnten Jahrhundert kam eine neue Art von Mentor auf, um das Vakuum zu füllen und das Ohr der Gesellschaft zu erobern. Der säkulare Intellektuelle kann Deist, Skeptiker oder Atheist sein. Aber er war genauso bereit wie jeder katholische oder protestantische Amtsträger, der Menschheit zu sagen, wie sie sich verhalten soll. Er verkündete von Anfang an eine besondere Hingabe für die Interessen der Menschheit und die evangelische Pflicht, diese durch seine Lehre zu fördern. Er brachte zu dieser selbst gestellten Aufgabe einen weitaus radikaleren Ansatz ein als seine kirchlichen Vorgänger. Er fühlte sich durch keinen Korpus offenbarter Religion gebunden. Die kollektive Weisheit der Vergangenheit, das Vermächtnis der Tradition, die vorschreibenden Codes der Erfahrung der Vorfahren existierten, um selektiv ausgewählt, befolgt oder ganz und gar abgelehnt zu werden, ganz wie es dem eigenen gesunden Menschenverstand entsprach.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit und mit wachsender Zuversicht und Kühnheit erhoben sich Männer, die behaupteten, dass sie die Übel der Gesellschaft mit ihrem eigenen ungestützten Intellekt zu heilen vermochten; ja noch mehr, dass sie Formeln entwickeln könnten, die nicht nur die Struktur der Gesellschaft, sondern die grundsätzlichen Gewohnheiten des menschlichen Wesens zum Besseren verändern könnten.

Paul Johnson. Intellectuals. Harper & Row, 1988. S. 1-2.