Standpunkt: Die Überbetonung des ohnmächtigen Gottes

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Der systematische Theologe Jürgen-Burkhart Klautke streicht meines Erachtens zu Recht heraus, dass wir in den vergangenen Jahrzehnten zu stark Gott als Ohnmächtigen dargestellt haben und Ihn damit in der Tendenz auf «unsere Augenhöhe» herunterzuholen trachteten. Klautke führt aus:

Im zwanzigsten Jahrhundert hatte das Wort von der Gottverlassenheit eine ganz bestimmte Färbung. Man sprach viel von unserer Gottverlassenheit. Und da hinein schien dieses Wort aus dem Mund Jesu irgendwie gut zu passen. Inzwischen aber möchte ich entschieden davon abraten, überhaupt zu versuchen, in dem Sterben unseres Heilands sich selbst wiedererkennen zu wollen. Sein Tod und sein Sterben ist angesichts des dort erwirkten Heils einzigartig und damit völlig unvergleichlich. 

Außerdem bin ich davon überzeugt, dass der gottlose Mensch des 20. und auch des 21. Jahrhunderts aus diesem Ausspruch Jesu nicht viel für seine eigene innere Verwüstung und Gottesferne gewinnen kann. Eher habe ich den Eindruck, dass man diesen Ausspruch von der Gottverlassenheit so ummünzt, dass man sich selbst berechtigt sieht, gottfern zu leben. 

Aber damit hat dieser Ausruf nun wirklich nichts zu tun. Auf jeden Fall überhört man dann die Anrede: Mein Gott, mein Gott... Es ist doch gerade das Besondere dieses Ausrufs, dass der Sohn Gottes seinen Vater auch in seiner Gottverlassenheit mit mein Gott anrief.
Ja, die Heilige Schrift weiß von den Abgründen Golgathas, und natürlich hat diese Tiefen auch unser Herr Jesus erfahren. Aber das Besondere dieses Wortes ist doch, dass Jesus hier eine Frage stellte, und dass er diese Frage nicht in das Nichts hinausschrie, sondern dass er sich damit an Gott wandte, an seinen Gott. Damit enthält dieses Wort im Unterschied zu unserer Zeit das Bekenntnis: Du, Gott, bist nicht fern oder gar tot, sondern du lebst und du hast alles in deinen Händen! Du bist mein Gott, und deswegen gib mir bitte Antwort. Folglich zeugt dieses Wort inmitten des Sühneleidens Jesu gerade von einer starken Bindung an Gott, seinen Vater. 

Wenn wir dieses Wort so verstehen, dann steht es auch nicht im Widerspruch zu einer Aussage des Herrn, die uns Johannes in seinem Evangelium überliefert. Diese Aussage stammt nicht aus dem unmittelbaren Leidensbericht. Als Jesus dieses sagte, befand er sich in einer konfrontativen Auseinandersetzung mit den Juden. In diesem Zusammenhang sagte er: Wenn ihr den Sohn des Menschen erhöht haben werdet [gemeint ist: ans Kreuz], werdet ihr erkennen, dass ich es bin, und ich tue nichts von mir selbst aus, sondern wie mich mein Vater gelehrt hat, so rede ich. Und der, der mich gesandt hat, ist mit mir, der Vater lässt mich nicht alleindenn ich tue allezeit, was ihm wohlgefällt (Joh. 8,28.29). 

Hier sagt unser Erlöser – und er hat dabei seine Erhöhung am Kreuz vor Augen –, dass Gott der Vater ihn nicht allein lassen wird. Denn Jesus Christus tat und tut immer das, was seinem Vater wohlgefällig ist. Ganz sicher tat der Herr das, als er den ihm von Gott gereichten Kelch des Zorns am Kreuz gehorsam austrank. 

Indem wir dies so feststellen, nehmen wir nichts von der Frage des Sohnes Gottes weg. Aber ich warne davor, Jesus am Kreuz immer nur als den in seiner Gottverlassenheit Ohnmächtigen zu sehen. Das ist dem vielschichtigen Geheimnis von Golgatha nicht angemessen.
Die Alte Kirche hat sich in ihren Bekenntnissen immer wieder bemüht, diese Multidimensionalität des Geschehens am Kreuz bekenntnishaft zum Ausdruck zu bringen. Zum Beispiel bezeugte sie, dass Jesus Christus von Gott verlassen wurde „gemäß seiner Menschlichkeit“, aber eben nicht gemäß seiner Gottessohnschaft bzw. als Sohn Gottes. Ferner bekannte sie, dass Jesus Christus starb „gemäß seiner menschlichen Natur“, und diesen seinen Tod hat „seine göttliche Natur mitgetragen“. 

Mit solchen Formulierungen wird das Geschehen von Golgatha nicht erklärt. Eher ist das Gegenteil der Fall: Es sind verhüllende Aussagen. Aber diese Formulierungen bewahren uns davor, allzu schnell in die Meinung zu verfallen, wir hätten das Rettungswerk Christi am Kreuz von Golgatha durchschaut. 

Kurzum: Wir sollten das Karfreitagsgeschehen nicht einseitig unter dem Aspekt der Ohnmacht Gottes verstehen.

Hier geht es zur ausgezeichneten, trinitarisch aufgebauten Predigt von Jürgen-Burkhart Klautke. Er antwortet darin u. a. auf die seelsorgerlichen Fragen «Wo werde ich nach meinem Tod sein?» und «Kann ich noch auf meinem Totenbett zu Jesus umkehren?»