Stationen meines Aufwachens (10): Was nun, Freikirchen?

In einer zehnteiligen Serie berichte ich über meine geistliche Reise der letzten zehn Jahre, aufgrund derer ich der Überzeugung bin, dass der sog. "Evangelikalismus" vor einer grundlegenden Entscheidung steht bzw. sich innerlich schon gespalten hat.

Dreifaches Fazit

In einem Statement auf Facebook schrieb ich kürzlich: "Angezogen von Rob Bell, Tony Campolo, Greg Boyd, Siegfried Zimmer und anderen? Sie sind als Helden des Post-Evangelikalismus nun auch im deutschen Sprachraum und die Künder eines angeblich neuen Aufbruchs. Sie haben in mit viel Selbstbewusstsein die zentralen Lehren der Bibel demontiert. Es geht nicht um Details, sondern um das Bibelverständnis, um die Souveräntität Gottes, um das Sühneopfer von Jesus, die Lehre der Erlösung, den Auftrag der Gemeinde, die Sexualethik – also um das Ganze. Wir fahren die Ernte einer an Oberflächlichkeit leidenden Predigt, fahrlässiger Bibelvergessenheit und einer (unbewussten) Übernahme der postmodernen Erkenntnistheorie ein. Die Konsequenzen erlebe ich hautnah: Die Gemeinden werden zu aktivistischen Vereinen. Menschen mit Seelsorgeproblemen werden in ihrer Not sitzen gelassen. Die Freude und Kraft der Evangelisation erlahmt. Ich habe wohl 200 Beiträge, darunter Dutzende Aufsätze, zu allen Themen verfasst. Mir bleibt zur Zeit die Sprachlosigkeit. Leider trennen sich meine Wege mit denen zahlreicher Freunde. Ich kann und will diesen Weg nicht beschreiten, auch wenn ich den respektvollen Kontakt halten will. Man möge mir das als Arroganz auslegen. Wer mich persönlich kennt weiss, dass mein Herz blutet und ich tieftraurig bin. Ich glaube, dass Bart Campolo (Sohn von Tony), der 2016 zum säkularen Humanismus konvertierte, Recht behält: Dieses postfaktische Christentum ist die Vorstufe zum Atheismus."

In einem weiteren Statement listete ich 10 Gründe auf, weshalb viele Gemeinden dem theologischen Liberalismus praktisch schutzlos ausgeliefert sind:

  1. Es wurde jahrelang nicht über Bibeltexte, sondern ausgehend von einzelnen Versen Anekdoten des Predigers, psychologische Ratschläge und Geschichten verteilt.
  2. Eine denkfeindliche Haltung wurde gefördert. Denkende Menschen galten als arrogant und wurden marginalisiert.
  3. Das persönliche Bibellesen wurde kaum gefördert, vielmehr erschallte der Rat: Lies sie nur, wenn es dir darum ist.
  4. Es wurde kaum auf die Literatur geachtet; einige flache Ratgeber waren dominant. Oft machte dies das gesamte Futter auch von Verantwortlichen aus.
  5. Weil sich «alle so lieb» hatten, schwieg man zu vielen ethischen Themen, vor allem in der Sexualethik. Das schuf einen gelebten Konsens.
  6. Der Schwerpunkt der Aktivitäten wurde auf Anlässe gelegt. Das band einen Hauptteil von Geld und Zeit.
  7. Das aussergemeindliche Engagement galt vor allem sozialen Aktivitäten, die «hip» waren und ein gutes Gefühl gaben.
  8. Die Kinderarbeit lebte von formellen und inhaltlichen Appellen, die der umgebenden Konsumkultur entlehnt waren. Die Heranwachsenden wurden so schutzlos dem säkularen Umfeld ausgeliefert.
  9. Der Satz «der Inhalt bleibt gleich, die Form ändert» übersah vollständig die Ergebnisse der Medienforschung: Die Form prägt den Inhalt.
  10. Businessstrategien verdrängten die Frage nach geistlichen Kriterien für Wachstum.

Ausgehend von Ulrich Parzanys Buch "Was nun, Kirche?" formulierte ich zehn Beobachtungen zu den Freikirchen.Diese beendete ich mit der Zuversicht: "Gleichzeitig sind wir gewiss: Gott baut seine Kirche. Eine Haltung von Daniel (Dan 9) oder Nehemia (Neh 1) steht uns wohl an."

Dreifache Hoffnung

Ich bin hoffnungsvoll – und damit schliesse ich diese Reprise-Serie:

  • Dies sind meine drei Träume.
  • Durch E21 und Josia – Truth for Youth bin ich eng mit zwei wichtigen Initiativen verbunden, die ein zentrales Anliegen im deutschsprachigen Raum vertreten: Nehmen wir Gott wieder beim Wort!
  • Ich pflege Kontakte zu zahlreichen jungen Männern, die einen Hunger nach Gottes Wort haben.
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