Wenn der Fernseher zum Hausaltar mutiert

Der Fernseher ist Menetekel des Sozialverlustes der Eltern. … Er stellt eine passive Versorgungssituation her. … Die Familie sammelt sich rund um den strahlenden Apparat, als sei er eine Art „Mutter Gottes-Altar“. Zu ihm darf man ein leicht regressives, kleinkindlich gieriges Verhalten einnehmen – und so sieht der Familienabend denn auch oft aus. Alle im Rund, jeder leicht verdauliche, weiche Speise (Kartoffelchips und Snacks) auf dem Schoss, die er sich, während ihm vom Bildschirm 30 000 Lichtpunkte pro Minute in die Augen flackern, fast ohne Unterbrechung (kein Aufschub, kein „Verzicht“) in den Mund schiebt.

Wolfgang Bergmann. Ich bin der Grösste und ganz allein. Patmos: Düsseldorf 2010.

Wie schütze ich mich (auch als Christ) vor Fundamentalismus?

Hier ein Auszug aus den Empfehlungen von Thomas Schirrmacher:

  • Verneine jede Art von Hörigkeit anderen Menschen gegenüber.
  • Verneine blinden Gehorsam. Auch höhere Gebote und Ordnungen darf man in Ruhe diskutieren und nach ihrem Grund fragen.
  • Stehe autoritären Führern kritisch gegenüber. Was gut und ‘wahr’ ist, erkennt nie nur ein Einzelner.
  • Hinterfrage, wenn andere Befehle Gott für dich bekommen.
  • Unterscheide deutlich zwischen Gott, Gottes Offenbarung und der fehlbaren Auslegung durch uns Menschen.
  • Höre Andersdenkenden immer erst einmal zu. Werde ein erfreulicher Gesprächspartner.
  • Selbstkritik ist der Beginn jeder Religiosität. Bewahre dir den selbstkritischen Blick für dein Leben, dein Denken, deine Stärken und Schwächen.

Thomas Schirrmacher. Fundamentalismus. SCM Hänssler: Holzgerlingen 2010. S. 30-31.

Gottes Führung verläuft ohne Untertitel

Nur zu gerne würden wir wissen, ob Gott an unseren Entscheidungen beteiligt ist und wenn ja, was er entsprechend von uns will und was dann die beste Entscheidung ist.

Gott wird häufig als jemand gesehen, der alles für uns ausgedoktert und für jedes seiner Kinder einen fix-und-fertigen Plan vorbereitet hat. Als würde unser Leben der Bauzeichnung eines Architekten gleichen, der ein Haus entworfen hat, wobei die Handwerker sich nur den Entwurf ansehen müssen, um dann das Haus zu errichten. Die Aufgabe des Gläubigen bestünde entsprechend darin, in grossen und kleinen Dingen Gottes spezifisches Ziel im Hinblick auf das persönliche Leben zu suchen.

Das Problem bei dieser Art von Umgang mit Führung ist mehrschichtig: Zum einen, wenn man davon ausgeht, dass Gott so das individuelle Leben führt, bildet dies häufig eine Quelle für Sorgen und Angespanntheit. Denn man hat immer Angst davor, dass man den Plan Gottes für sein Leben verpassen könnte. Zweitens lähmt es Menschen im Hinblick darauf, Verantwortung zu übernehmen. Zum Dritten führt es häufig zu sehr armseligen Entscheidungen, die nicht auf einer gesunden Abwägung sämtlicher Umstände beruhen, sondern auf einer plötzlichen Eingebung oder einem zufälligen Geschehnis.

Aus: Wim Rietkerk. In dubio – Handbuch für Zweifler. VKW: Bonn 2010.

Vom Leid der Gruppenorientierung

Erneut zitiere ich den Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann. Er äussert sich sehr pointiert zur Bindung von Kindern zu Gleichaltrigen: 

In den Erziehungswissenschaften wird seit langem beobachtet, dass die Gruppen Gleichaltriger bereits für die Elf- und Zwölfjährigen immer wichtiger werden und den Platz der Familie einnehmen. Geschmack und Vorlieben, Lebenspläne und Selbstbilder entwerfen Kinder und Jugendliche zunehmend nicht im Rahmen der Familie, sondern in einer Gruppe von Altersgenossen. Die ersten Beobachtungen dieser Art stammen bereits aus den achtziger Jahren. Sie haben sich im Verlauf der letzten dreissig Jahre zunehmend bestätigt.

Was die wissenschaftliche Studie nicht verrät, das ist die lange nicht wahrgenommene Tatsache, dass sich hinter dieser Gruppenorientierung eine grosse seelische Not verbirgt. Keineswegs ist das Herumstehen und Herumlungern mit Gleichaltrigen auf der Strasse, in Tanzschuppen oder Kaufhäusern ein emotional gleichwertiger Ersatz für familiäre Zugehörigkeit. Jeder, der das Glück hat, in einer intakten Familie zu leben, kann den Unterschied zu den anonymen Gruppierungen gleichaltriger Jugendlicher unmittelbar sehen: Sie sind wie Fortgetriebene…

Bergmann spricht von einem Übermass an unbehüteten Trennungen, welche die Kinder durch dieses Bindungsverhalten erleiden müssen.

Die Abhängigkeit der Gruppen Gleichaltriger von den Medienerfahrungen kann dazu führen, dass der (notwendige) Gegensatz zwischen Familie und ausserfamiliären Gruppen über ein psychisch zuträgliches Mass hinaus radikalisiert wird. Zu viele Brüche, zu viele Trennlinien soll ein Kind gleichzeitig verarbeiten. … Ein junger Mensch, der nicht in einem lebendigen inneren Kontakt zu seiner Familie und damit zu den seelischen Ursprüngen seines Lebens steht, verliert sich sehr rasch in den konformen Anforderungen, die eine Gruppe stellt.

Wolfgang Bergmann. Ich bin der Grösste und ganz allein. Patmos: Düsseldorf 2010. S. 123+129.

Lernerlebnis Nr. 10: Wie bekommen meine Worte Gewicht?

Wie viele Eltern höre ich eine Aufforderung innert Kürze fünf-, ja 10-mal wiederholen! Was wird wohl beim Kind ankommen? Dass diese Worte nicht wichtig sind. Meine Empfehlung: Deutlich (so dass es die Kinder hören) und konzentriert (der Kopf ist nicht woanders) einmal auffordern. Wenn du keine Anstalten für eine Umsetzung siehst, bleibe wortlos stehen und blicke das Kind an.

Fundamentalismus und Religionsfreiheit

Fundamentalismus heisst absoluter Wahrheitsanspruch, keine Trennung zwischen Staat und Kirche, mehr noch: Keine Trennung zwischen Politik und Religion. (Raul Paramo-Ortega)

Ich vertrete, dass eine Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft, die die Religionsfreiheit vertritt, propagiert und in der Praxis respektiert, nicht fundamentalistisch sein kann und nicht so genannt werden sollte!

Friedliche Mission und öffentliche Darstellung der eigenen Religion werden überall als integraler Bestandteil der Religionsfreiheit gesehen. Dies gilt sowohl, da Mission eine Form der Gewissensfreiheit, der Redefreiheit und der Pressefreiheit ist (wie sie etwa für nichtreligiöse, aber sehr missionarische Organisationen wie Greenpeace oder Amnesty International auch gelten), als auch als spezielle Religionsfreiheit der öffentlichen Religion, die nicht frei wäre, wenn sie nur auf die Köpfe oder die Wohnzimmer beschränkt würde.

Thomas Schirrmacher. Fundamentalismus. SCM Hänssler: Holzgerlingen 2010. S. 26-27.

Kreativer und existenzieller Zweifel

„Niemand braucht zu zweifeln, dass wir ab und zu zweifeln!“ (Karl Barth)

Kreativer Zweifel – das Fragen, ob es sich auch wirklich so verhält, schult einen darin, genauer hinzusehen und in seinem Urteil kritisch zu sein. Das ist gut so, schliesslich haften uns häufig falsche Denkvoraussetzungen und Unwissenheit an. Von den Christen in Beröa wird berichtet, dass sie sich „vorteilhaft von den Christen in Thessalonich unterschieden, da sie in aller Bereitwilligkeit das Wort annahmen und täglich in den Schriften nachforschten, ob sich die Dinge so verhielten“ (Apostelgeschichte 17,11).

Existenzieller Zweifel ist der Zweifel, der uns das Gefühl vermittelt, dass die Antworten auf unsere Fragen für unser ganzes Dasein bestimmend sind. Die Glaubenshelden der Bibel wurden immer wieder von solchen Zweifeln heimgesucht. Zum Beispiel Thomas, Jünger von Jesus: Er wollte lieber mit Jesus sterben, als ohne ihn zu leben. Er hatte Sehnsucht danach, alles hinzugeben und gleichzeitige Angst davor, alles hinzugeben.

Aus: Wim Rietkerk. In dubio – Handbuch für Zweifler. VKW: Bonn 2010.

Lernerlebnis Nr. 9: Ursache und Wirkung erfahren

Frühlingserwachen. Die Tulpen blühen. Mit Feuereifer hat mein Ältester Vergissmeinicht gepflanzt. Jeden Tag, wenn er nach Hause kommt, schaut er nach den Blumen. Er holt einen kleinen Kessel und schöpft im Bach Wasser, um die Blumen zu tränken. Denn: Wenn es an einem Tag nicht regnet, lassen sie ihre Köpfe hängen.

Christentum und Kultur

Wie steht die Bibel dazu, dass Menschen unterschiedliche Kulturen ausbilden?

Die Vielfalt der Kulturen ist nicht an sich böse. Wir haben nirgends die Aufforderung, andere Kulturen zu verachten oder zu verändern. Alle Kulturen sollen den wahren Gott anbeten, was die Veränderung negativer Elemente nach sich zieht. Daniel wollte in Babylon den einen wahren Gott anbeten, Religionsfreiheit haben, aber er wollte nicht den Baustil ändern.

Der biblische Gebotskanon ist verhältnismässig klein.

Wir haben keine heilige Sprache, auch keinen Befehl, bestimmte Texte immer wieder zu beten. Selbst das Vaterunser hat das Verbot vorneweg, nicht zu plappern. Die Einsetzungsworte zum Abendmahl sind Tradition, aber selbst katholische Exegeten würden nicht behaupten, dass durch diese Formel das Abendmahl zum Abendmahl wird. Jede Debatte über Gottesdienst hat das Problem, dass kaum Richtlinien in der Bibel bestehen. Selbst die Predigt ist schwierig aus der Bibel abzuleiten. Wir haben einen von Gott gebotenen, höchst flexiblen Anteil, auf Kultur einzugehen.

Aus einer Vorlesung von Thomas Schirrmacher. Bibel und Kultur.

Eine kleine Ethik des Alltags (7)

“Ihr sollt nicht stehlen, ihr sollt nicht lügen und einander nicht betrügen.” (3. Mose 19,11)

  • Gottes Ordnung setzt Privatbesitz voraus. Als Gottes Mandant hat der Mensch den Auftrag, seine Schöpfung zu verwalten und zu entwickeln (1. Mose 2,15)
  • Gott teilte national Landbesitz zu (siehe z. B. 5. Mose 32,8)
  • Die Bestimmungen in Israel sahen sogar vor, dass der Besitz spätestens alle 50 Jahre wieder in den Besitz der Erbfamilie gelangte (3. Mose 25,10).
  • Diebstahl, Lüge und Betrug sind Grundübel in einer Gemeinschaft. Sie zerstören von innen heraus das notwendige Vertrauen und die gegenseitige Solidarität.