Eine kleine Ethik des Alltags (7)

“Ihr sollt nicht stehlen, ihr sollt nicht lügen und einander nicht betrügen.” (3. Mose 19,11)

  • Gottes Ordnung setzt Privatbesitz voraus. Als Gottes Mandant hat der Mensch den Auftrag, seine Schöpfung zu verwalten und zu entwickeln (1. Mose 2,15)
  • Gott teilte national Landbesitz zu (siehe z. B. 5. Mose 32,8)
  • Die Bestimmungen in Israel sahen sogar vor, dass der Besitz spätestens alle 50 Jahre wieder in den Besitz der Erbfamilie gelangte (3. Mose 25,10).
  • Diebstahl, Lüge und Betrug sind Grundübel in einer Gemeinschaft. Sie zerstören von innen heraus das notwendige Vertrauen und die gegenseitige Solidarität.

Eine kleine Ethik des Alltags (6)

3. Mose 19,9+10 erlässt eine praktische Regelung: Du sollst die Ecken deiner Felder nicht abernten und nicht alle Trauben von den Weinstöcken lesen.

Die Versorgung der Bevölkerung wurde durch einen Akt der Solidarität sichergestellt. Es galt in Gottes Volk der Grundsatz, dass die Benachteiligten auf die Fürsorge der Bessergestellten angewiesen sind, und zwar besonders die Ausländer und die Menschen ohne Grundbesitz.

Mitgekreuzigt und mitgestorben

Paulus schreibt davon, dass wir mit Christus begraben sind (Römer 6,4), unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist (Römer 6,6; Galater 2,20) und durch ihn “mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.” (Galater 6,14) Das sind harte Aussagen. Francis Schaeffer schreibt in seinem Buch “Geistliches Leben – was ist das?” dazu:

Das Wort Gottes lässt … keinen Zweifel daran aufkommen, dass wir in allen Umständen – auch in schweren Lagen – zufrieden sein und Gott danken sollen. Dies ist eine wirkliche Negation: Wir sollen der Herrschaft der Dinge und unseres Ichs unser ‘Nein’ entgegensetzen.

Gefordert wird eine klare Absage. Wir müssen bereit sein, uns selbst zu verleugnen und auf gewisse Dinge zu verzichten, damit das Gebot, Gott und Menschen zu lieben, wirkliche Bedeutung erlangt. … Nun muss an dieser Stelle jeder, der ehrlich mitdenkt, zugeben, dass die Forderung der Heiligen Schrift als harte Zumutung erscheint. Wenn wir von der normalen Lebensanschauung des Menschen geprägt sind und uns dann aufrichtig diesen Forderungen der Bibel stellen, bleiben uns nur zwei Möglichkeiten: Wir müssen sie entweder romantisieren und behaupten, diese Aussagen sollten uns nur ein gutes Gefühl vermitteln, und eines Tages, irgendwann einmal – bei der zukünftigen Herrschaft Christi oder im ewigen Himmel – würden sie praktische Bedeutung erlangen. Oder (wenn wir diese Worte so annehmen, wie sie die Bibel sagt) wir müssen das Gefühl haben, vor einer unüberwindlichen Mauer zu stehen.

Wenn wir von einer Mentalität umgeben sind, in der alles an der Grösse und am Erfolg gemessen wird, und dann plötzlich gesagt bekommen, zum christlichen Leben gehöre dieser starke negative Aspekt des Verzichts und der Selbstverleugnung, dann muss uns das hart erscheinen, sonst haben wir es noch nicht in seiner Tragweite erfasst.

Francis Schaeffer. Geistliches Leben – was ist das? R. Brockhaus Verlag: Wuppertal 1975. S. 24-25.

Was ist Fundamentalismus?

Nach Schirrmacher können fünf Phasen des öffentlichen Sprachgebrauchs unterschieden werden:

1. Ab 1920: Selbstbezeichnung von Protestanten, die gegen die liberale Theologie an den Fundamenten des christlichen Glaubens und an der göttlichen Inspiration der Bibel festhielten.

2. 1960er: Gegenstück zum Fallibilismus des kritischen Rationalismus (Karl Popper, Karl Albers): Jede philosophische Position, die davon ausging, dass es begründbare wahre Aussagen für bestimmte Fragen oder Bereiche des Denkens gebe, galt als 'fundamentalistisch'.

3. Seit der iranischen Revolution von 1979: Politischer Begriff für alle gewaltbereiten oder gewalttätigen, oft terroristischen islamischen Bewegungen, die sich gegen die Grundlagen der politischen Theorie des Westens wie Demokratie, Menschenrechte und Trennung von Religion und Staat richtete.

4. Übernahme des Begriffs in den rein politischen Bereich: Beschreibung der Flügel zivilisationskritischer Bewegungen, die einen Kompromiss mit herrschenden Regierungen ablehnen.

5. Die verschiedenen Bedeutungen werden miteinander verquickt.

Schirrmachers Definition:

Fundamentalismus ist militanter Wahrheitsanspruch,

der aus nicht hinterfragbaren höheren Offenbarungen, Personen, Werten oder Ideologien einen Herrschaftsanspruch ableitet, der sich gegen Religionsfreiheit und Friedensgebot richtet und nichtstaatliche oder nichtdemokratisch-staatliche Gewalt zur Durchsetzung seiner Ziele rechtfertigt, fordert oder anwendet.

Dabei beruft er sich oft gegen bestimmte Errungenschaften der Moderne auf historische Grössen und Zeiten, nutzt diese Errungenschaften aber zugleich zur Ausbreitung und schafft meist eine moderne Variante alter Religionen und Weltanschauungen. Fundamentalismus ist eine modernitätsbestimmte Transformation von Religion oder Weltanschauung.

Thomas Schirrmacher. Fundamentalismus. SCM Hänssler: Holzgerlingen 2010. S. 10-15.

Zudem:

 

Eine kleine Ethik des Alltags (5)

3. Mose 19,5-8 enthält die Weisung, Opferfleisch innert zwei Tagen zu essen.

Weshalb wird die Anordnung zum schnellen Verzehr des Friedensopferfleisches an dieser Stelle wiederholt? Das Friedensopfer war das einzige Opfer, an dem der Opfernde und seine Familie einen grossen Anteil hatten. Darum war es wichtig, dass sich die Opfernden an dieser Gemeinschaftsfeier vor Gott an seine Bestimmungen hielten. Das „Wohlgefallen“ (V. 5, 7) ist das zentrale Kriterium (siehe schon 3. Mose 1,3 bei der Bestimmung des Brandopfers) – und nicht etwa der gute Wille des Opfernden.

Eine kleine Ethik des Alltags (4)

In 3. Mose 19,4 steht als nächstes: “Wendet euch nicht zu den Göttern, und macht euch keine gegossenen Götzenbilder.”

Eine  permanente Falle für Israel war der Götzendienst. Die umgebenden Völker hatten alle ihre sicht- und greifbaren Bilder (darum hier auch „gegossene Götzenbilder“). So war die Versuchung seit dem Exodus gross, sich ebenfalls einen gegenständlichen Gott „zuzulegen“. Das „Zuwenden“ meint hier in übertragener Bedeutung „sich von Jahwe abkehren und sich in eine andere Richtung bewegen“. Dieses Bild veranschaulicht das Entweder-oder: Es gibt nicht Jahwe und Götzen, sondern nur: Jahwe oder die Götter.

Was sind die Götzen unserer Zeit? “Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.” (Martin Luther. Grosser Katechismus, Auslegung des ersten Gebots)

Lernerlebnis Nr. 8: Penny the Pig plays the Piano

Die Lern- und Förderpädagogik durchzieht heute schon die Kindergärten der Kleinsten:

Wächst mein Kind schnell genug heran? Bewegt es sich feinmotorisch korrekt? Nimmt seine Sprachentwicklung einen normalen Verlauf? Zahllos und unendlich sind die Sorgen der Eltern, aber schauen wir nur hin: Ist nicht oft eine merkwürdig verbissene Eigensucht dabei? Ist mein Kind vielleicht hochbegabt?, wird ein Familientherapeut oder Lernberater mindestens einmal in der Woche von Eltern gefragt. Der Kleine ist vielleicht neun, ein kleiner Rabauke, nicht besonders helle, aber nett, beisst und kneift und richtet sich nach nichts und niemandem auf der Welt – hochbegabt? Oft reichen ein knapper Blick und ein paar Säte, und man darf sich beruhigt den Eltern zuwenden: ‘Ach nein, hochbegabt ist Ihr Kind nicht, da müssen Sie sich keine Sorgen machen!’

(Wolfgang Bergmann. Warum unsere Kinder ein Glück sind. Beltz: Weinheim und Basel 2009. S. 55.)

Als Kleinkind hörte unser Ältester oft eine CD mit Kinderliedern, in der sämtliche Instrumente vorkamen. Er konnte damals nicht sagen, welches Instrument das schönste sei. Alle gefielen ihm. Zu unserem Erstaunen sagte er letzthin: “Penny the Pig plays the Piano.” Dieses Lied gefalle ihm am besten, es sei sein Lieblingslied. Er hat sich nämlich vor einiger Zeit für ein Instrument entschieden. Er kam von Oma heim und verkündete: “Ich fange an Klavier zu spielen.” Entwicklung braucht Zeit.

Eine kleine Ethik des Alltags (3)

In 3. Mose 19,3 heisst es weiter: “Meine Sabbate sollt ihr halten. Ich bin Jahwe, euer Gott.”

  • Im Rhythmus des Alltags nahm der Sabbat eine zentrale Stellung ein.
  • Der 7-Tage-Rhythmus ist die Erfindung des Konstrukteurs dieser Welt (man lese 1. Mose 2,1).
  • Der Ruhetag gilt für alle: “Du sollst an ihm keinerlei Arbeit tun, du und dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd und dein Vieh und der Fremde bei dir, der innerhalb deiner Tore wohnt.” (2. Mose 20,10)

Ein Tag, um den Körper zu regenieren, um Gemeinschaft mit Gott und anderen zu pflegen: Ist das nicht eine gute Ordnung Gottes?

Das christliche Weltbild

Richard Tarnas schreibt über den Kern der Botschaft der Christen an die Welt – über den persönlich-unendlichen Gott:

Gott liebte den Menschen. Er war weder nur die Quelle der Weltordnung, das Ziel allen philosophischen Strebens, die erste Ursache alles Seienden, noch war er einfach nur der unergründliche Herrscher des Universums und der gestrenge Richter über die menschliche Geschichte. Denn mit Jesus Christus war Gott aus seiner Transzendenz herausgetreten und hatte für immer und vor aller Welt eine unendliche Liebe zu seinen Geschöpfen unter Beweis gestellt. Hier war die Grundlage für eine neue, sich auf die Erfahrung der Liebe Gottes stützende Lebensweise gegeben, deren Universalität eine neue, alle Menschen umfassende Gemeinschaft schuf.

Das Christentum ist weder individualistisch noch kollektivistisch, wie Tarnas gut herausarbeitet:

Für das Christentum besass daher zwar jede individuelle Seele ihren unvergleichlichen Wert als Kind Gottes, aber das griechische Ideal des selbstbestimmten Einzelnen und des heroischen freien Geistes verlor in diesem neuen Kontext an Gewicht gegenüber einer kollektiven christlichen Identität. Die Vorstellung eines höheren gemeinschaftlichen Selbst als Vorahnung des Himmelreiches auf Erden, begründet in der gemeinsam erfahrenen Liebe Gottes im Glauben an die Erlösung durch Christus, förderte die Zurücknahme des einzelnen Ich zugunsten einer umfassenderen Verpflichtung auf das Wohl des Nächsten und den Willen Gottes – zuweilen bis hin zur völligen Selbstlosigkeit. Auf der anderen Seite unterstützte das Christentum jedoch gerade dadurch, dass es der einzelnen Seele Unsterblichkeit und Wert verlieh, die Entwicklung des individuellen Gewissens, der Eigenverantwortung und der persönlichen Autonomie gegenüber den weltlichen Mächten – also von entscheidenden Faktoren bei der Herausbildung des westlichen Charakters.

Welche Bedeutung das Christentum für die Ethik hatte, beschreibt er ebenso zielsicher:

Mit seiner Morallehre führte das Christentum einen neuen Sinn für die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens in die heidnische Welt ein: gegen Mord, Selbstmord und das Töten von Säuglingen; gegen Massaker an Gefangenen, gegen die Erniedrigung von Sklaven und blutige Zirkusspektakel, gegen sexuelle Freizügigkeit und Prostitution; für den spirituellen Wert der Familie, für die ethische Überlegenheit von Selbstverleugnung gegenüber egoistischer Selbstverwirklichung, von weitabgewandter Heiligkeit gegenüber weltlichem Ehrgeiz, von Sanftheit und Vergebung gegenüber Gewalt und Vergeltung.

Aus: Richard Tarnas. Das Wissen des Abendlandes. Albatros: Düsseldorf 2006. S. 145-146.

Was ist der Mensch?

Das Dilemma des modernen (und ich füge hinzu: des postmodernen) Menschen ist einfach: Er weiss nicht, warum der Mensch irgendeine Bedeutung haben sollte. Er ist ohne Orientierung. Der Mensch bleibt eine Null. Dazu ist unsere Generation verdammt.

Der Mensch ist ein grossartiges Wesen, und wir haben vielleicht unsere grösste Möglichkeit zur Evangelisation in unserer Generation verspielt, weil wir nicht klar genug gesagt haben, dass es die Bibel ist, die erklärt, warum der Mensch gross ist.

Francis Schaeffer. …und er schweigt nicht. R. Brockhaus Verlag: Wuppertal 1991. S. 19+10.