Buchbesprechung: Der Einfluss der Sünde auf den Menschen

Herman Bavinck. Bijbelsche en Religieuze Psychologie. J. H. Kok: Kampen, 1920.

Bavincks erklärte Absicht seiner „Biblischen und Religiösen Psychologie“ war es, christliche Lehrer auf eine umfassende Weise über das zu informieren, was die Bibel über die menschliche Natur, Fähigkeiten und Kräften lehrt (3). Die Behandlung des Themas „Sünde“ nimmt einen Grossteil der zweiten Hälfte des Buches, der "Religiösen Psychologie", ein. Ich fokussiere mich auf den Gedankengang Bavincks in diesem Teil.

Ein heilsgeschichtlicher Rahmen

Zum Ende des ersten Teils "Biblische Psychologie" bietet Bavinck eine kompakte Zusammenfassung der biblischen Anthropologie, aus der ich zwei Aspekte heraushebe:

  • Bavinck lehnt sich eng an den heilsgeschichtlichen Ablauf an, um die Parameter einer biblischen Anthropologie in den Mittelpunkt zu rücken. Zuerst stellt er dar, wie der Mensch ursprünglich geschaffen worden war; dann untersucht er den Einfluss, den die Sünde auf den Menschen hatte. Schliesslich stellt er die Änderungen dar, welche Gottes Wort und Geist im Leben eines Menschen bewirken (73-74).
  • Das Christentum hat den Wert der Persönlichkeit ans Licht gebracht. Gott verbot die Tötung des Menschen, weil er im Bild Gottes geschaffen ist (Gen 9,6). Die Seele eines Menschen ist mehr wert als der gesamte Kosmos (vgl. Mt 16,26). Der christliche Glaube alleine kann die relevante Begründung für den Wert des Menschen liefern: Er ist im Bild Gottes geschaffen worden. Der Mensch hat keinen Wert in sich, sondern einzig in diesem Bezug zum Schöpfer (75-76).

Zum Verlust der Imago Dei (89-94)

Zunächst ist es Bavinck wichtig, den Verlust der Imago genauer zu definieren. Aus der reformierten Optik geht es um den Verlust von moralischen Eigenschaften wie Erkenntnis, Gerechtigkeit und Heiligkeit. Wenn der Mensch diese verliert, hört er zwar nicht auf ein geistig „vollständiges“ Wesen zu sein, er verliert jedoch seine geistliche Gesundheit. Er ist „tot in Übertretungen und Sünden“ (Eph 2,3). Dieser Zustand betrifft beide Teile des Menschen, nämlich seine Seele und seinen Körper, denn beide sind für Gott geschaffen worden. Der Mensch kann seiner Berufung als Prophet, Priester und König nicht mehr gerecht werden.

Was dieser Verlust bedeutet, buchstabiert Bavinck näher aus. Wir greifen die Eigenschaft „Erkenntnis“ beispielhaft heraus. Selbsterkenntnis und Welterkenntnis, also die richtige Einsicht in das, was den Menschen und was die Welt ausmacht, an welchem Platz sie stehen und über welchen Wert beide verfügen, sind erst aufgrund der Erkenntnis Gottes möglich (vgl. 1Joh 5,20; Joh 17,3). Wenn es um Kenntnis von Gott geht, ist dies nicht im Sinne der Theologie oder des Dogmas gemeint. Es geht um persönliche Kenntnis Gottes, wie wir sie auch von Menschen erlangen können, mit denen wir vertrauten Umgang pflegen (92). Deshalb spricht Salomo davon, dass die Furcht des Herrn der Anfang aller Weisheit sei (Spr 1,7); nämlich der Weisheit über uns selbst, über den Menschen und die Gesellschaft sowie der Welt als Ganzes. Diese Weisheit kann nicht über eine rein intellektuelle Entwicklung gewonnen werden.

Die drei Eigenschaften – Erkenntnis, Wahrheit und Gerechtigkeit – bringt Bavinck mit dem dreifachen Amt in Verbindung. Die Wahrheit befähigt den Menschen als Gottes Prophet, Gerechtigkeit schmückt ihn als König, und die Heiligkeit qualifiziert ihn zum Priestertum. Wenn diese drei Tugenden – Bavinck vergleicht sie mit der Dreiteilung von Kopf, Herz und Hand – zusammenwirken, stellen sie den Menschen ausgerüstet zu jedem guten Werk Gottes hin (vgl. 2Tim 3,17).

Die Konsequenzen des Sündenfalls (95-105)

Wie sieht der Mensch aus, nachdem die Sünde ihn wahrer Erkenntnis, Gerechtigkeit und Heiligkeit beraubt hat? Dem nimmt sich Bavinck als nächstes an. Er betont in diesem Zusammenhang, dass der Sündenfall als historisches Ereignis aufzufassen sei. Es war ein „Willensakt des freien Menschen“. Sünde ist darum in ihrer Herkunft ein ethisches Phänomen, ein Akt des Ungehorsams (siehe Röm 5,14+17+19). Gott hatte den Menschen aufrichtig geschaffen, sie haben jedoch „viele Ränke“ gesucht (Pred 7,29). In der Verletzung des Gebots übertrat der Mensch objektiv und auf der ganzen Linie Gottes Gesetz (vgl. Jak 2,10). Subjektiv machte er sich mit all seinen Fähigkeiten und Kräften schuldig. Sein Verstand war ebenso mitbeteiligt wie seine Gefühle und Phantasie.

Ähnlich wie schöne Kleider verleiht die Sünde vorab ein schönes Aussehen, verliert jedoch all ihre Attraktivität, sobald sie vollbracht ist. Der Mensch sieht sich mit verschiedenen Konsequenzen konfrontiert, u. a. der Scham. Da der Mensch seine Unschuld verloren hatte, erschien seine Nacktheit in einem anderen Licht. Der Mensch musste sich schämen, weil er sich seiner Würde bewusst war. Dass die Welt der Harmonie durch eine Umgebung der Gegensätze abgelöst worden war, dafür war die Scham Zeuge. Das Bewusstsein des Menschen (seine Augen wurden geöffnet), seine Gefühle (Scham) und sein Wille (Angst und Flucht vor Gott) sind gleichermassen von der Sünde betroffen und durch sie verändert worden.

Wer Gott und Religion ignoriert, vermeidet den Terminus „Sünde“ jedoch tunlichst. Der Mensch spricht lieber von menschlichen Schwächen, Fehlern, Mängeln oder, etwas stärker ausgedrückt, von moralischen Übeln, Beleidigungen und Kriminalität. Für das Wort „Sünde“ ist kein Platz mehr in seiner Terminologie. Doch Sünde ist Realität und betrifft die Beziehung zu Gott ebenso wie zu den Mitmenschen. Diese Beziehung zu Gott ist ihrem Wesen nach moralisch, geprägt von Liebe und Gehorsam (vgl. Deut 5,5; 10,12; Mt 22,37). Sie wirkt sich im Umgang mit dem Nächsten aus (Mich 6,8; Jak 1,27; 1Joh 3,17). Darum ist Sünde immer eine Verletzung der ersten und der zweiten Gesetzestafel (Sünden gegenüber Gott und Mitmenschen).

Bavinck beschreibt ein organisches Verständnis der Sünde. Sie gleiche einem Strom von Ungerechtigkeit, der Einzelne und Gemeinschaft durchsetze. Sündige Gedanken, Worte und Taten betreffen das persönliche und kollektive Leben.

Der Einfluss der Sünde auf die Seele des Menschen (106-125)

Welchen Einfluss übt die Sünde auf die Seele des Menschen aus? Bavinck identifiziert drei Theorien, die in der Pädagogik zu Anwendung kommen. Die erste definiert Unwissenheit als Quelle aller moralischen Übel bzw. Wissen oder Weisheit als Wurzel allen moralischen Handelns. Bildung ist demnach die Förderung guter Anlagen durch Unterweisung. Die zweite Theorie, im ersten grossen anthropologischen Streit innerhalb der christlichen Kirche durch den Mönch Pelagius vertreten, sieht die Sünde als Gewohnheit. Sie hätte sonst ihren freiwilligen Charakter verloren. Sünde existiert in einer falschen Handlung, die durch freien Willen begangen wurde. Es gibt weder Natur noch Keim, welche Sünde hervorbringen. Sie ist in jedem Augenblick des Lebens ein freiwilliger Akt. Eine abgeschwächte Variante lautete: Tatsächlich ist nach dem ersten Fall des Menschen Sünde in die Welt gekommen. Doch der menschliche Wille ist frei darin, dieses Beispiel zu imitieren und den Stachel der Lust zu akzeptieren. Der dritte Ansatz sieht die Sünde als Substanz des menschlichen Fleisches an. In alten Zeiten wurde diese Idee in vielen religiösen und philosophischen Systemen, z. B. durch Plato, die Gnostiker, die Manichäer oder die Neuplatoniker, vertreten. Im 19. Jahrhundert fand sie vor allem Unterstützung durch die Lehre von der Abstammung des Menschen vom Tier. Die schlechten Eigenschaften sind vererbt.

Die drei Theorien versuchen, die Sünde aus dem Verstand, dem Willen oder den Neigungen des Menschen zu erklären. Die Bibel sieht jedoch alle drei menschlichen Fähigkeiten daran beteiligt. Die Sünde kommt der Torheit gleich, denn Gottes Gesetz zu brechen ist stets Torheit. Das Gesetz war zum Heil gegeben worden. Es zu missachten ist unvernünftig. Sünde ist aber auch Lüge. Dies bedeutet nicht, dass der Menschen pausenlos bewusst die Unwahrheit sagt, sondern dass er in einer unzuverlässigen, schwankenden, mehrdeutigen Haltung gegenüber Gott lebt. Ein Ausdruck davon ist die Heuchelei in den menschlichen Beziehungen. Sünde ist objektiv stets Verletzung von Gottes Gebot (1Joh 3,4). Aber sie hat auch eine subjektive Seite, an welcher der menschliche Wille mitbeteiligt ist. Ebenso sind unsere Neigungen involviert. Bavinck bemüht sich hier um eine saubere begriffliche Unterscheidung: Es ist zu trennen zwischen Wunsch und (sündiger) Lust, Sehnsucht und (sündigem) Begehren.

Die Bibel führt die Sünde oft auf das „Fleisch“ zurück. Sie verknüpft diesen Begriff mit Begierden und Leidenschaften. „Fleisch“ umschreibt in diesen Fällen das Prinzip und den Sitz der Lust. Einige haben daraus geschlossen, dass Sünde prinzipiell Fleischessünden, also sinnliche Sünden seien. Diese Definition ist jedoch schon allein deshalb unhaltbar, weil die Bibel zahlreiche geistige Sünden aufzählt.

Die Erblichkeit der Sünde (126-134)

Bavinck beschäftigt sich darauf mit der Erblichkeit der Sünde. Die kirchliche Lehre ging lange Zeit unabhängig vom konfessionellen Hintergrund von einer angeborenen Korruption des Menschen aus. Bavinck nennt drei Argumente der Schrift: Die Sünde ist absolut universell, denn es gibt keinen Menschen, der nicht sündigt; die Sünde besteht von Geburt an; die Schuld betrifft alle Nachkommen Adams. In seinen Ausführungen über die Familie (also in Herman Bavinck, The Christian Family) konkretisiert er die Bedeutung der Sünde des ersten Menschenpaars: „Adam und Eva haben nicht nur als Individuen, als Personen gesündigt, sondern sie fehlten auch als Ehemann und –frau, als Vater und Mutter; sie spielten mit ihrem eigenen Schicksal, mit dem Schicksal ihrer Familie, mit dem Schicksal der gesamten Menschheit.“

Hier stehen wir an einer Weggabelung in der Pädagogik: Ausgehend von John Locke und vor allem J.-J. Rousseau verbreitete sich der Gedanke, dass der Mensch gut aus den Händen des Schöpfers komme, jedoch in den Händen des Menschen verkomme. Angewandt auf die Bildung führte dies zur Theorie, dass das Kind von Natur aus gut und unschuldig sei und Bildung deshalb das Ziel verfolgen müsse, das Kind so weit wie möglich von schlechten Einflüssen fernzuhalten. Dieser Erklärungsansatz hat sich hartnäckig gehalten, wie Bavinck an anderer Stelle (wiederum in The Christian Family) ausführt. Es gibt solche, „die für alle Sünde und Misere die lausige Organisation der Gesellschaft und innerhalb dieser Gesellschaft speziell den Kapitalismus beschuldigen.“ Dort wo der Sündenbegriff verschwunden ist, bleibt kaum eine andere Alternative, als Institutionen, soziale Umstände und die staatliche Organisation zu Schuldigen zu erklären. Natürlich kann die Kultur einige Verbesserungen in Form von günstigeren Rahmenbedingungen erreichen. Aber es wird die Illusion aufgebaut, dass diesem Übel durch menschliche Mittel beizukommen sei, z. B. durch die Ablösung alter durch neuer, griffigerer Gesetze. Die menschliche Natur bleibt unverändert wirksam mit all ihren Fähigkeiten und Kräften.

Die Erbsünde war also aus den Lehrbüchern der Pädagogik verbannt worden. Dadurch verschwand sie aus dem bewussten Erleben der Pädagogen. Das führte schon zu Bavincks Zeiten zur absurden Situation, dass christliche Lehrkräfte dem kirchlichen Bekenntnis zwar zustimmten, innerhalb ihrer beruflichen Tätigkeit aber nie über die Sünde sprachen. Das Thema der Vererbung kam von unerwarteter Seite wieder aufs Tapet, nämlich durch Darwins Diskussion um die Vererbung von guten und schlechten Eigenschaften. Erstere sind ein genetischer Segen, letztere ein Fluch. Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) modifizierte die Grundannahmen Darwins durch seine pessimistischen Annahme, dass der Mensch mit einem unveränderlichen Charakter geboren und leben müsse. Nach der optimistischen Anthropologie des 18. Jh. drehte sich der Wind, und es hielt eine fatalistische Tendenz Einzug.

Einheit und Vielfalt der Sünde (135-143)

Bavinck stellt neben der Einheit der Sünde als System ebenso deren Vielfalt fest (dies tut er in Our Reasonable Faith). Jedes Individuum resultiert aus der Gemeinschaft, in der es aufwächst. Physisch und psychisch, religiös und ethisch werden Menschen durch Eltern und Vorfahren, ja durch das ganze Milieu, in dem sie aufwachsen, geprägt. Bavinck vergleicht die Frage nach dem Einfluss von Genen und der Prägung durch das Umfeld mit einer Quelle. Aus der Ursprungssünde quillt alle Ungerechtigkeit der Menschheit. Seit dem Sündenfall strömt ununterbrochen Wasser von ihr aus. Welche Richtung dieser Strom in einer Familie oder in einem Volk nimmt, mit welcher Geschwindigkeit er sich ausbreitet, welchem Flussbett er folgt, wird von der Umwelt bestimmt. Es gibt unzählige Variationen, jedoch eine Quelle der Sünde. Sie teilt sich in Bäche und Flüsse, bildet Seen und Meere, bricht aus Abgründen hervor und bildet Sümpfe und Moore. Jede Zeit und jede Gesellschaft verantwortet ihre eigenen Sünden. Auch der Schweregrad der Sünde variiert. Damit entfaltet sich die Menschheit immer in zwei Formen: Einerseits entwickelt sie Gaben und Kräfte der menschlichen Natur. Andererseits expandiert die Sünde und ergiesst sich in einem Strom von Missetaten über die Erde.

Zwischen Verneinung und Überbetonung der Sünde (144ff)

Während die Ursünde eine unverzichtbare Wahrheit der biblischen Lehre über den Menschen darstellt, kann ihre Überbetonung zu falschen Schlussfolgerungen führen. Bavinck stellt ohne Umschweife fest, dass in vergangenen Jahrhunderten vor allem die böse Natur des Kindes übermässig hervorgehoben worden war. Bildung bezweckte vor allem, die angeborene Schlechtigkeit zu unterdrücken und zu bremsen. Verstärkt wurde diese Tendenz durch eine asketische Strömung, die das Leben vor allem als Vorbereitung für das Jenseits ansah. Die Kombination von Askese und Pietismus brachte wenig Sympathie für das freie, ungezwungene, spontane Leben des Kindes auf, ja hegte eine passive Abneigung gegen frohes Lachen und Spielen. Zudem fand der Unterricht in schlecht eingerichteten Räumen und durch mangelhaft ausgebildete Lehrkräfte statt. Erst im 18. Jahrhundert begannen Pädagogen, das Kind als Kind zu betrachten und es mit seinen Eigenheiten ernstzunehmen.

Bavinck ringt um Balance: Es gibt keine Sünden, deren Keime nicht im menschlichen Herzen liegen. Niemand kann deshalb von sich selbst oder anderen behaupten, dass er unter veränderten Bedingungen oder ohne schützende Gnade Gottes nicht zum Dieb, Mörder oder Trunkenbold hätte werden können. Das menschliche Herz bleibt böse von seiner Jugend an. Die Neigung zum Bösen ist in ihm angelegt. Sünde wuchert, wenn sie sich selbst überlassen bleibt. Gleichzeitig gilt einschränkend: Mancher Gedanke und Wunsch kommt zwar in der Seele auf, gelangt (zum Glück) nur manchmal zur Ausführung.

Bavinck warnt davor, dem Verhalten der Kinder vorschnell Motive von Erwachsenen zu unterstellen. Es sei schwierig, die Seele eines Kindes aus der Perspektive eines Erwachsenen zu beurteilen. Er führt dies an zwei Beispielen aus: Wann kann ein Kind der Lüge bezichtigt werden? Dafür sei Entwicklungsstand, Phantasie, aber auch Elternhaus und Charakter mit zu berücksichtigen. Zweites Beispiel: Kann man in den ersten Jahren von Sexualität des Kindes sprechen? Eine starke Mutterbindung in den ersten Jahren dürfe nicht mit der Sexualität gleichgesetzt werden, wie dies Sigmund Freud (1856 – 1939) tat.

Einerseits gilt also: Was die Sünde an sich betrifft, sind alle Kinder davon betroffen. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass in manchen Familien die Ursprungssünde unterdrückt wird oder nicht zur Anwendung gelangt. In anderen Häusern werden die Sünden der Väter richtiggehend entwickelt und gefördert. Jedes Kind und jeder Erwachsene weisen ihre eigenen charakterlichen Schwachstellen auf. Wo die Grenze zwischen Erbanlagen und Einfluss der Umgebung fest zu machen ist, kann nur schwer bestimmt werden. Bavinck plädiert für die Anwendung wissenschaftlichen Denkens: Nicht den eigenen Massstab anlegen, sondern zuerst das Objekt untersuchen und für sich selbst sprechen lassen. Dabei verkennt er die Gefahr der Psychologisierung der Sünde nicht. Dies hätte zur Folge, alles verstehen zu wollen – und dadurch alles zu entschuldigen.

Fazit

Ich habe die Überlegungen Bavincks detailliert nachgezeichnet. Drei Dinge sind auffällig:

  1. Wir werfen das Stichwort "Sünde" zwar in die Runde, doch nur im Vorbeigehen. Es ist wichtig, sich detaillierter damit auseinander zu setzen, wie dies Bavinck tat.
  2. Jede Epoche der Geistesgeschichte begründet die Anwesenheit der Sünde anders. Von Bavinck lernen wir, diese Erklärungsansätze aus der biblischen Weltsicht zu beurteilen.
  3. Es gibt zwei Extreme: Das Ausblenden und das Überbetonen von Sünde. Eine angemessene Haltung ist von einem Ringen begleitet.

Vortrag: Wie kommen Menschen zur Überzeugung, dass es einen Gott gibt?

Timothy Keller, Pastor einer grossen urbanen Gemeinde in New York, stellte kürzlich im Rahmen eines Google-Talks sein neues Buch Making Sense of God vor. Ich habe die Aussagen seines rund 30 Minuten dauernden Referats (ohne Fragenbeantwortung) zusammengefasst.

  1. Religion und Glaube sollte Sie interessieren, unabhängig von Ihrem Hintergrund. Weshalb?
  • Die Welt wird in den nächsten 30-50 Jahren religiöser werden. Die Anzahl Konversionen zum Christentum und zum Islam übersteigen die Bevölkerungswachstumsrate. Zudem haben religiöse Menschen mehr Kinder.
  • Auch wenn der Anteil der Säkularisten von 17 auf 12 % schrumpft, werden bestimmte Teile der Welt noch säkularer werden.
  • Es gibt zwei Argumente, von denen Sie gleichermassen Abstand nehmen sollten: Religion wird nicht verschwinden, sie wird aber auch nicht triumphieren.
  1. Sie sollten sich damit beschäftigen, wie jemand zur Überzeugung kommen kann, dass es einen Gott gibt.
  • Eine populäre Überzeugung lautet: Der Glaube, dass es keinen Gott gibt, hat Gründe im Verstand. Wer einen Glauben annimmt, muss einen Sprung („leap of faith“) wagen.
  • Bedenken Sie: Beide Positionen – Theismus und Säkularismus – beziehen sowohl den Verstand als auch den Glauben (die Intuition) ein. Wer sich vom Glauben zum Säkularismus wendet, wechselt bloß sein Set an Überzeugungen. Die zwei wichtigten:
  1. „Proofism“ (Beweispflicht)
    Ich wäre glücklich, wenn es Evidenz geben würde, damit ich glauben könnte, dass dies wahr ist.
    Einwand 1: Etwas nicht zu glauben, weil es nicht bewiesen werden kann, ist selbst eine Glaubensüberzeugung.
    Einwand 2: Jeder Mensch basiert sein Leben auf Überzeugungen, die er nicht beweisen kann.
    Einwand 3: Es gibt wenig Übereinstimmung darüber, was genau unter einem Beweis zu verstehen ist.
  2. „Humanism“ (Menschlichkeit)
    Fast alle meine Gesprächspartner glauben daran, dass der Mensch mit Würde zu behandeln sei.
    Einwand: Dies passt überhaupt nicht zur materialistischen Weltsicht. Wieso sollte ein Einzelner in 30´000 Galaxien überhaupt bedeutungsvoll sein? Diese Überzeugung setzt einen irrationalen Sprung voraus.

Alle Menschen sind demnach religiös; was sich unterscheidet, ist ihr Set an Glaubensüberzeugungen.

  1. Setzen Sie sich mit den emotionalen, kulturellen und rationalen Argumenten für den christlichen Glauben auseinander.
  1. Die kulturellen Probleme eines Glaubens ohne Gott

Die Zweifel am christlichen Glauben basieren selbst auf einem irrationalen Sprung des Glaubens.

Beispiel 1: Es kann doch nicht nur einen Weg zur Wahrheit geben! Woher wollen Sie das wissen ohne ultimative Perspektive?

Beispiel 2: Ich kann mir keinen Grund vorstellen, warum ein Gott Leiden zulassen sollte, darum kann es keinen Gott geben. So setze ich meine Vorstellung absolut – nicht gerade demütig.

Beispiel 3: Jeder Zweifel gegenüber Aussagen an der Bibel basiert auf der Vorstellung der Überlegenheit der eigenen Kultur. Während es für einen New Yorker unmöglich scheint, dass ein liebender Gott Menschen in die Hölle schickt, hat ein Chinese kein Problem damit (wohl aber mit der Vorstellung einer individuellen Erlösung, die nicht in die Gemeinschaft der Ahnen führt) oder auch ein Bewohner des Mittleren Ostens (dieser kann sich einen Gott, der vergibt, nicht vorstellen). Wir setzen also unsere kulturelle Vorstellung absolut!

  1. Die emotionalen Probleme eines Glaubens ohne Gott
  • Welcher Sinn soll Leid haben, wenn es keinen Sinn außerhalb dieses Lebens gibt?
  • Wie ist es zu erklären, dass die Intensität des Glücks in einer Beziehung gerade mit dem Entzug der individuellen Freiheit einhergeht?
  • Wie können Sie menschliche Identität verankern? Diese bleibt bestenfalls fragil, indem sie beispielsweise von äußerer Anerkennung abhängig gemacht wird.
  1. Die rationalen Probleme eines Glaubens ohne Gott
  • Die Frage der Existenz: Weshalb ist etwas und nicht nichts?
  • Die Frage nach der moralischen Verpflichtung: Wie kann ich eine andere Person auf etwas verpflichten, das sich für diese nicht gut anfühlt? Es fehlt die Basis für das Feststellen von (Un-)Gerechtigkeit.
  1. Erkunden Sie die Schönheit des christlichen Glaubens.
  • Der Ursprung: Der dreieinige Gott bildet in sich selbst eine perfekte Gemeinschaft der Liebe. Der einzige Grund, Menschen zu erschaffen, besteht darin, diese Liebe und das Glück zu teilen.
  • Das Problem: Die Sünde des Menschen liefert die Erklärung für Gut und Böse.
  • Die Lösung: Es geht um eine atemberaubende Geschichte der Liebe. Gott selbst sendet seinen eigenen Sohn, der die Strafe für die Sünde erleidet. Gott bleibt gerecht und kann vergeben.

Fazit

Gibt es ein wasserdichtes Argument für den Glauben? Nein, es gibt eine wasserdichte Person: Jesus Christus. Lesen Sie das Neue Testament!

10 Hinweise … wie wir Gottes Willen erkennen können

Diese Hinweise stammen vom weisen Gottesmann James I. Packer (* 1926):

(1) Frage dich: Was ist das Beste, was ich für meinen Gott tun kann?

(2) Notiere dir die Anweisungen der Schrift: Gott und den Nächsten zu lieben, die Schranken und Begrenzungen seines Gesetzes sowie die klare Aufforderung zur Tat (Pred 8,10; 1Kor 15,58), die vielseitigen Weisheiten (speziell in den Sprüchen und Jakobus).

(3) Folge den Vorbildern der Schrift.  Ahme die Liebe und Demut von Jesus nach.

(4) Lass Weisheit den besten Kurs zur Tat bestimmen. Suche nicht nur Gottes Rat, sondern auch den deiner Freunde und Förderer in der christlichen Gemeinde. Nimm Rat an.

(5) Notiere Hinweise, die von Gott kommen könnten; spezielle Besorgnis sowie Unruhe des Herzens könnten darauf hinweisen, dass etwas geändert werden müsste.

(6) Pflege den göttlichen Frieden des Herzens, der in Gottes Willen ruht (Phil 4,7).

(7) Beachte die Begrenzungen durch die Umstände. Wenn diese nicht verändert werden können, akzeptiere sie von Gott.

(8) Sei darauf gefasst, dass Gottes Anleitung so lange ausbleibt, bis die richtige Zeit zur Entscheidung gekommen ist. Gott führt normalerweise einen Schritt aufs Mal.

(9) Sei bereit etwas zu tun, was du nicht liebst.

(10) Vergiss nie, dass eine schlechte Entscheidung nicht das Ende bedeutet.

Standpunkt: Der innerevangelikale Riss wird deutlicher

Es ist nicht verwunderlich, dass der Streit zwischen Evangelikalen und Post-Evangelikalen weitergeht. Ich habe bereits verschiedentlich darüber berichtet, zuletzt "Vorsicht vor dem Hebel – alte Irrlehre in zeitgemässer Verpackung". Mit harten Bandagen wurde letztes Wochenende in den sozialen Medien über die Äußerungen des Generalsekretärs der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb, diskutiert (evangelisch.de und theoblog.de berichteten). Dieser hatte eine CD des Liedermachers und Evangelisten Jörg Swoboda (Liedtexte online) rezensiert und dabei klar Stellung für die biblische Sexualethik bezogen. Dies brachte ihm von seinem eigenen Vorgesetzten, Michael Diener, den Vorwurf der Diskriminierung anderer Lebensformen ein. Ich habe einige Argumente aus den Diskussionen einander gegenübergestellt. Ich bin überzeugt, dass diese Argumente in den nächsten Jahren in vielen Freikirchen widerhallen werden.

Links stehen die Argumente des Post-Evangelikalismus; ich vertrete die m. E. klassische Position des Evangelikalismus. Achtung: Die links-/rechts-Darstellung dient nicht der politischen Orientierung – ein Lächeln huscht über mein Gesicht.

Andersdenkende werden als lieblos abqualifiziert. Die Speerspitze: „Glauben Sie im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein?“

Auf dieses Totschlagargument habe ich ausführlich im Aufsatz „Das Schreckgespenst des lieblosen Dogmatismus“ Stellung genommen.

(Gelebte) Homosexualität ist keine Sünde.

So wie man "zeigen" kann, dass gelebte Homosexualität keine Sünde ist, kann man auch "zeigen", dass Lieblosigkeit keine Sünde ist.

Es ist diskriminierend, andere Lebensformen zu verurteilen.

Angenommen, Person A sagt; "Bankraub ist unbiblisch.“ Person B erwidert: "Ich diskriminiere Bankräuber nicht. Es ist ok, wenn Bankraub legal ist." 

Darauf antwortet A: "Danke, Person B, dass Sie wenigstens bereit sind, den Leuten zuzuhören", und "Danke, Person B, dass Sie wenigstens versucht haben, den Lebensumständen des Bankräubers gerecht zu werden.“

Wenn wir die Qualität des Glaubens von Mitchristen danach beurteilen, was sie von Lebensordnungen halten, sind wir auf einem Irrweg.

Die Ordnungen sind im Mittelpunkt der biblischen Ethik. Soll diese Ethik dahingehend aufgelöst werden, dass der Einzelne wichtiger ist als das göttliche Gebot? Die gleiche Argumentation ließe sich gegen jedes biblische Gebot anwenden.

Wir müssen Familien in anderen Lebensumständen versuchen gerecht zu werden. Dafür müssen wir vor allem bereit sein zuzuhören.

Bereitschaft zum Zuhören reklamiert jeder für sich. Es geht darum, wer nach dem Zuhören noch an der Bibel festhält. Angesichts biblischer Maßstäbe fragt sich, ob der Mensch mit seinen Wünschen oder der biblische Maßstab Vorrang hat.

Ein Teil der Evangelikalen bewegen sich ins politisch rechtsradikale und sektiererische Abseits.

Das christliche Familienbild, das die Kirche 2000 Jahre aufrechterhalten hat, wird vom Säkularismus als heutige geltender Ersatzreligion torpediert. Diese Position ist mittlerweile von Landeskirchen übernommen worden. Weil das offiziell geltende Dogma gedreht hat, sind die Bibelgläubigen in der Beweispflicht. Nur wird die Interpretation ihrer Quelle (die Klarheit der Schrift) nicht anerkannt wegen dem säkularen Hauptdogma: Zwei einander widersprechende Überzeugungen müssen gleichwertig nebeneinander stehen.

Es gibt vollständige Familien, in denen sich das Elend von Jahr zu Jahr vergrößert, und zerbrochene Familien, in denen es nicht besser steht.

Aus dem "Ist"-Zustand – so und so leben die Leute – kann kein "Sollen" abgeleitet werden. Das bedeutet: Wenn sich die Leute eh nicht an die Bibel halten, können wir den Maßstab ja auch gleich aufgeben.

Ebenso kann eine Sünde nicht mit einer anderen Sünde gerechtfertigt werden.

Wir müssen von der Liebe und Hoffnung sprechen, sonst stoßen wir die Menschen vor den Kopf.

Ohne Anerkennen des eigenen Elends gibt es keine Rettung. Dies ist ja gerade die Botschaft des Evangeliums (siehe „Die tragenden Balken unseres Glaubens“). Die innere Veränderung geht der innerweltlichen Verbesserung voraus.

 

Fazit: Es macht sich seit einigen Jahren eine toxische Mischung in unseren Gemeinden bemerkbar. Zentrale biblische Positionen wurden an Ausbildungsstätten aufgegeben oder zumindest der Diversität der Spezialisten-Meinungen preisgegeben (der zentrale Platz des stellvertretenden Sühneopfers von Jesus Christus, die Klarheit der Bibel als Gottes Offenbarung, die Frage nach der Verbindung Gottes Souveränität und Vorsehung, die Be-Deutung der Sünde, der Kirche als korrigierende und schützende Institution und daraus hervorgehend das Verständnis von ethischen Fragen sowie das Verhältnis der Verkündigung von Gericht und Rettung vs. innerweltliches Engagement; ausführlicher habe ich im Aufsatz „Wie sollen wir als Christen im 21. Jahrhundert leben?“ Stellung bezogen).

Diese Pluralität der Meinungen widerspiegelt sich in thematischen statt Bibeltext-orientierten Predigten, ebenso im christlichen Buchmarkt und in der mittlerweile stark säkularisierten Seelsorge.  Der autonome Gottesdienstkonsument, von klein auf geprägt durch die Überzeugung, dass jeder seine eigenen Überzeugungen haben kann – solange sie seine eigenen Entscheidungen rechtfertigen -, wählt sich seine Vorlieben aus.

P. S. Ein allfälliger Update/Erweiterung der Argumente folgt.

20 Zitate aus… Günther Rohrmosers „Der Ernstfall“

Günther Rohrmoser. Der Ernstfall: Die Krise unserer liberalen Republik. Ullstein: Stuttgart, 1996. 559 Seiten. Antiquarisch ab 0,01 Euro.

Die Moderne ist ihrer innersten Natur und ihrem innersten Wesen nach nichts anderes als der Wille, ein Programm des Fortschritts zu verwirklichen. (45)

Das Christentum stirbt als substanzielle Wahrheit, so hat man den Eindruck, aber es überlebt als Moral. Die schlimmste Wunde, die sich das Christentum selbst zufügte, ist die Moralisierung des Sündenbegriffs. … Ist der Mensch von Natur aus gut, dann ist das ganze Christentum abgetan … Es ist in der Tat nicht einzusehen, wovon das Christentum erlösen sollte, wenn es nichts mehr im Menschen gibt, was der Erlösung bedarf. (63)

Sophistik ist eine Form des Denkens, bei der die Politik und selbst ethische Fragen in technisch lösbare Verfahren transponiert werden. Alles gilt als lösbar, wenn man nur die richtige Technik beherrscht. (123)

Pragmatismus bedeutet, dass sich eine Partei bei allen Überlegungen von dem Ziel leiten lässt, entweder an die Macht zu kommen oder, wenn man schon an der Macht ist, sich so lange wie möglich dort zu halten. (152)

(Abtreibung) Der Rechtsstaat hört aber auf, Rechtsstaat zu sein, wenn er – auf praktischem Weg durch die Erklärung der Straflosigkeit oder prinzipiell – sogar für rechtens erklärt, dass willkürlich unschuldiges menschliches Leben ausgelöscht werden darf. (156)

Vielleicht ist das die grösste Aufgabe von Führung und Erziehung, wieder zu Verantwortungsübernahme zu erziehen. (183)

Die grösste Verwirrung, die das moderne ökonomische Denken hervorgebracht hat, liegt in dem Glauben, es gäbe eine Eigenwelt des Ökonomischen mit den dafür zuständigen Experten. (185)

Dekadenz bedeutet ja nichts anderes, als dass eine Gesellschaft sich in ihren normativen Orientierungen gegen die Bedingungen ihrer eigenen Selbsterhaltung zu organisieren beginnt. (265)

Wer das Monopol über die elektronischen Medien hat, verfügt in diesem Kampf der Werte über das absolute Machtmonopol, und die anderen können nur winseln wie Hunde, dass ihnen noch eine Mikrophonzeit von zwei Minuten eingeräumt wird… (272)

Sich auf die Begierden und Wünsche der Menge verstehen – das ist die Weisheit, die sie, die Sophisten, als ihre Kunst verkaufen. (286)

Die sophistische Kunst erstreckt sich auf die Kunst des Erzeugens von Meinungen, denen die meisten zustimmen. (293)

Die Reduktion der Erziehung auf kommunikative Interaktion wäre dann der verschleierte Verzicht, in den Prozess der Erziehung überhaupt einzutreten. (309)

Es handelt sich bei der Postmoderne um einen bis an die Wurzeln des Selbstverständnisses der Moderne gehenden Willen zur Destruktion der Vernunft. (352)

Das Wort Mutter darf in der öffentlichen Debatte kaum in den Mund genommen werden, ohne dass nicht sofort der Konservativismus oder gar Faschismusverdacht geäussert wird. (358)

Auf die knappste Formel gebracht, lautet der ‚Sinn‘ moderner, empirisch-analytisch betreibener Wissenschaft: Herrschaft durch Berechnung. (376)

Das Problem ist nicht die Technik, sondern der Technizismus, das allgegenwärtige technische Bewusstsein. Die Neigung, erst als real anzuerkennen, wenn es in den Horizont technischer Machbarkeit, Herstellbarkeit, Manipulierbarkeit gerückt wird, ist das Signum unserer Zeit. (377)

Jede Störung dieses Zustandes prinzipieller Beliebigkeit wird als ein fundamentalistisch apostrophierter Anschlag auf unsere Liberalität empfunden und von den Zensoren der öffentlichen Meinung wirksam geahndet. (399)

Wir müssen uns darüber im klaren sein, dass das Christentum die Basis und Voraussetzung auch des Liberalismus war und ist. … Ansonsten wird der Kapitalismus aus der Logik seiner Entwicklung das Ethos verzehren, aus dem er selbst entstanden ist. (400)

Gott ist nur noch ein Postulat, damit der Mensch mit seiner Angst fertig werden kann. Mit einem solchen Gott, dem keine Wirklichkeit mehr zugesprochen wird, kann keiner leben und noch weniger sterben. (428)

Die Furcht Gottes ist aller Weisheit Anfang. Wenn sie nicht am Anfang steht, werden wir alle kleine Götter. (430)

Jeder Kulturhistoriker weiss dagegen, dass es keine Religion, keine Kultur und keine Kirche gibt, die soviel für die Würde der Frau getan hat wie die christliche. (433)

Die Moderne geht trotz ihrer postmodernen Interpretation weiter, an den Entwicklungs- und Fortschrittsgesetzen der Moderne hat sich im Prinzip gar nichts geändert. (452)

Die Christen haben heute das Christentum weitgehend auf Moral reduziert. Sie machen daher keine Geschichtserfahrung mehr, weil sie in der und über diese Geschichte hinaus nichts erwarten können. (468)

Die grossen Fragen der Zukunft werden entweder im Dialog oder in der Auseinandersetzung der Religionen entschieden werden. (517)

Wir leben in einer Welt, in der alles möglich, aber eigentlich nichts mehr wichtig ist… (527)

Wenn wir fragen, worin das Geheimnis und der Grund für die Dynamik Europas liegen, was der Grund für den Reichtum und die Vielfältigkeit der europäischen Kulturen und Lebensformen ist und worin sich Europa von anderen Kulturen unterscheidet, dann ist als erstes an (die Trennung der beiden Reiche, dem Reich Gottes und dem Staat der Menschen) zu denken. (530)

10 Hinweise … für anstrengende Zeiten als Familie

Es ist Sonntagabend. Eine neue Woche hat begonnen. Wir blicken als Familie auf die nächsten Tage. Die Mienen verdüstern sich. Es liegen sehr anstrengende Tage vor uns.

Diagnostische Fragen

  1. Auf welche Dinge freuen wir uns an diesen Tagen? Weshalb?
  2. Welche Zeiten erachten wir als mühsam? Was gibt den Ausschlag dafür?
  3. Was geschieht, wenn wir vorab schon damit rechnen, dass diese Zeiten schlecht werden?

Wendepunkt durch den Blick nach oben

  1. Wir schildern Gott unsere Bedenken.
  2. Wir bitten ihn um eine Änderung unserer Gedanken und um Freude im Unerfreulichen.
  3. Wir anerkennen, dass wir es von uns selbst aus nicht schaffen.

Verändertes Denken, verändertes Handeln

  1. Das Schwierige zuerst anpacken und nicht vorzeitig abbrechen.
  2. Uns nicht überfordern und zu viel wollen.
  3. Dankbar sein für kleine Schritte.
  4. Überlegen, wie sich eine neue Gewohnheit festigen kann.

10 Hinweise … die jüngeren Kinder zu fördern

Jüngere Kinder in grösseren Familien geraten oft unter die Räder. Man schenkt ihnen wenig Gehör. Sie sind tendenziell von Inhalten und Tempo der Älteren überfordert. In meiner Familie betrifft es meinen vierten und fünften Sohn. Hier sind meine Überlegungen:

  1. Führe für das Kind eine eigene Liste mit Gebetsanliegen.
  2. Gewöhne dir an zuzuhören, wenn es dir eine Frage stellt.
  3. Setze dich dafür ein, dass es eine Stimme in der Runde der älteren Geschwister bekommt.
  4. Überlege dir, in welchen Momenten des Tages es am meisten überfordert sein könnte. Verifiziere es durch Beobachtung.
  5. Teile nach Begabung den älteren Geschwistern Aufgaben zu, das jüngere zu unterstützen (ihm etwas zeigen, vorlesen, mit ihm spielen, zusammen eine Arbeit erledigen).
  6. Lobe es vor den anderen, wenn es etwas erreicht hat (natürlich nur, wenn es berechtigt ist).
  7. Entlaste es keinesfalls von Aufgaben innerhalb der Familie.
  8. Frage dich immer wieder, ob du seinen Charakter genügend berücksichtigst.
  9. Überlege dir, wie du es in die Bibel einführen kannst.
  10. Frage andere Eltern, wie sie die jüngeren Kinder nachnehmen. Vielleicht gibt es eine zusätzliche Bezugsperson unter Familie, Verwandten und Freunden?

Zitat der Woche: Das Gewissen im Zeitalter der Authentizität

Wie der kanadische Philosoph Charles Taylor seiner Leserschaft in seinem Werk "Ein säkulares Zeitalter" eindrücklich vor Augen führt, leben wir in einem "Zeitalter der Authentizität", indem jedes Individuum meint, alles nach Belieben tun und lassen zu können. Denn das sei es schliesslich, was seine "Authentizität" begründe. … Nichts und niemand darf mir mein Recht auf Authentizität rauben. Aus christlicher Sicht ist dies nichts anderes als der Sirenengesang des Obersten aller Götzen – unseres Ichs. … Interessanterweise gehen diese Stimmen, die nach der Annullierung tradierter Werte und dem Konstrukt einer neuartigen Realität schreiben, äusserst selektiv mit Autoritäten um. Autoritäten, die mein Recht auf "Authentizität" scheinbar schneiden wollen, sind schlichtswegs antiquiert, überholt, altmodisch, aufklärungsfeindlich und überhaupt bigott. Diejenigen, die jedoch dem neuen Konsens zustimmen und sich des Einflusses der Medien und kulturell geprägter Vorstellungen bedienen, um bestimmte Überzeugungen gezielt und selektiv zu fördern, werden als prophetisch, weise, befreiend und zeitgemäss gepriesen.

Wen wundert des da noch, dass dieses Zeitalter nicht mehr nach dem Wesen und dem Sinn unseres Gewissens fragt? … Wir schlagen die Stimme des Gewissens kurzerhand in den Wind, wenn sie uns als Fessel vergangener Zeiten erscheint, nur um es wie Phönix aus der Asche in neuem Gewand wieder aufleben zu lassen und neue Fesseln, neue Erwartungen, neues Vokabular, neue Fehlerquellen und Varianten von Schuld zu begründen. Ein Beispiel: Eine ganze Generation bringt auf dem Gebiet der Sexualität bewusst die Stimme des Gewissens zum Schweigen und ruft sie erst dann wieder auf den Plan, wenn es um die Herkunft von Kaffeebohnen geht oder um den Schutz eines Opfers, über das kürzlich berichtet wurde.

D. A. Carson in seinem Vorwort des neu erschienenen Buches von Andrew David Naselli. J. D. Crowley. Das Gewissen. CV: Dillenburg, 2016.

Standpunkt: Vom Leid der Gruppenorientierung

Bis heute höre ich immer wieder die Leier vom Muss der Orientierung an Gleichaltrigen. Mit dieser Beschwörung können wir Eltern uns nicht entlasten. Wolfgang Bergmann (1944-2011), Pädagoge und Familientherapeut, stellte etwas ganz anderes fest. 

In den Erziehungswissenschaften wird seit langem beobachtet, dass die Gruppen Gleichaltriger bereits für die Elf- und Zwölfjährigen immer wichtiger werden und den Platz der Familie einnehmen. Geschmack und Vorlieben, Lebenspläne und Selbstbilder entwerfen Kinder und Jugendliche zunehmend nicht im Rahmen der Familie, sondern in einer Gruppe von Altersgenossen. Die ersten Beobachtungen dieser Art stammen bereits aus den achtziger Jahren. Sie haben sich im Verlauf der letzten dreissig Jahre zunehmend bestätigt.

Was die wissenschaftliche Studie nicht verrät, das ist die lange nicht wahrgenommene Tatsache, dass sich hinter dieser Gruppenorientierung eine grosse seelische Not verbirgt. Keineswegs ist das Herumstehen und Herumlungern mit Gleichaltrigen auf der Strasse, in Tanzschuppen oder Kaufhäusern ein emotional gleichwertiger Ersatz für familiäre Zugehörigkeit. Jeder, der das Glück hat, in einer intakten Familie zu leben, kann den Unterschied zu den anonymen Gruppierungen gleichaltriger Jugendlicher unmittelbar sehen: Sie sind wie Fortgetriebene…

Bergmann spricht von einem Übermaß an unbehüteten Trennungen, welche die Kinder durch dieses Bindungsverhalten erleiden müssen.

Die Abhängigkeit der Gruppen Gleichaltriger von den Medienerfahrungen kann dazu führen, dass der (notwendige) Gegensatz zwischen Familie und ausserfamiliären Gruppen über ein psychisch zuträgliches Mass hinaus radikalisiert wird. Zu viele Brüche, zu viele Trennlinien soll ein Kind gleichzeitig verarbeiten. … Ein junger Mensch, der nicht in einem lebendigen inneren Kontakt zu seiner Familie und damit zu den seelischen Ursprüngen seines Lebens steht, verliert sich sehr rasch in den konformen Anforderungen, die eine Gruppe stellt.

Wolfgang Bergmann. Ich bin der Größte und ganz allein. Patmos: Düsseldorf 2010. S. 123+129.

Zitat der Woche: Ausblick und Schwerpunkt der Evangeliumspredigt haben sich grundlegend geändert

J. I. Packer in seinem berühmten Vorwort des 1959 neu aufgelegten Klassikers Leben durch seinen Tod von John Owen. Es ist brandaktuell.

Zweifellos befindet sich der Evangelikalismus heute in einem Zustand der Verwirrung und der Verunsicherung. In Fragen wie der Praxis des Evangelisierens, der Unterweisung in der Heili­gung, der Seelsorge und der Ausübung von Gemeindezucht gibt es Anzeichen für eine weitverbreitete Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen- Zustand und eine ebenso weitverbreitete Ungewiß­heit, was den Weg in die Zukunft betrifft. Dies ist ein komplexes Problem, zu dem viele Faktoren beigetragen haben; doch wenn wir auf seine Wurzeln zurückgehen, werden wir finden, daß diese Verunsicherungen nur daraus entstehen, daß wir das biblische Evangelium aus dem Blick verloren haben. Ohne es zu merken, haben wir während des letzten Jahrhunderts dieses Evangelium für ein Ersatzprodukt eingetauscht, das, wenn es auch in Einzelheiten sehr ähnlich aussieht, dennoch in seiner Gesamtheit etwas völlig anderes ist. Daher stammen unsere Probleme; denn das Ersatzpro­dukt ist untauglich hinsichtlich der Ziele, für die sich das echte Evangelium in vergangenen Zeiten als so mächtig erwiesen hat. Das neue Evangelium versäumt es auf bemerkenswerte Weise, tiefe Ehrfurcht und Reue, echte Demut, einen Geist der Anbetung und herzliche Anteilnahme am Wohl der Gemeinde hervorzubrin­gen. Und warum? Ich behaupte, die Ursache hierfür liegt in seinem eigentlichen Wesen und Inhalt. Es kann die Menschen nicht dazu bringen, daß sie Gott im Mittelpunkt ihres Denkens und die Furcht Gottes in ihren Herzen haben. Das ist auch gar nicht sein eigentliches Anliegen. Man kann sagen, es unterscheidet sich von dem alten Evangelium dadurch, daß es ausschließlich darum bemüht ist, dem Menschen „dienlich“ zu sein – ihm Frieden, Trost, Freude und Erfüllung zu bringen – und zu wenig daran interessiert ist, Gott zu verherrlichen. Das alte Evangelium war auch dem Menschen „dienlich“ – ja, mehr noch als das neue -, doch sozusagen eher beiläufig, denn sein primäres Anliegen war es, Gott Ehre zu bringen. Es war immer und wesentlich eine Verkündigung göttlicher Souveränität – in der Barmherzigkeit und im Gericht; ein Aufruf, sich zu beugen und den mächtigen Herrn anzubeten, von dem der Mensch in allen Dingen abhängig ist, sei es in der natürlichen Versorgung oder in der Gnade. Sein eindeutiger Bezugspunkt war Gott. Aber in dem neuen Evange­lium ist der Bezugspunkt der Mensch. Das alte Evangelium war auf eine Weise religiös, wie es das neue Evangelium nicht ist.

Während es das Hauptziel des alten war, die Menschen Gottes Wege zu lehren, so scheint das Anliegen des neuen darauf be­schränkt zu sein, ihr Wohlbefinden zu fördern. Das Thema des alten Evangeliums waren Gott und seine Wege mit den Menschen; das Thema des neuen sind der Mensch und die Hilfe, die Gott ihm gibt. Das ist ein großer Unterschied. Ausblick und Schwerpunkt der Evangeliumspredigt haben sich grundlegend gewandelt.

Hier weiterlesen.