Debatte: Wie die Evangelikalen ihr Fundament aushöhlen

Es scheint mir, der Evangelikalismus in unseren Ländern sei munter und selbstbewusst dabei, sein gesamtes Fundament auszuhöhlen. Dazu untergräbt er sich von zwei Seiten her: Von der Dogmatik (Bibelverständnis und Hermeneutik, Sühnopfer von Jesus, Himmel und Hölle, Sünde) und von der Ethik (u. a. Sexualethik, Heiligung, Wille Gottes). Die Wurzel hierfür orte ich bei einem verdrehten Gottesverständnis.

Neustes Beispiel zum Thema Sexualethik wird von Ron Kubsch aufgegriffen. Lesen und Diskussion mitverfolgen!

Brauchen die Frommen einen Neustart bei der christlichen Sexualethik? In letzter Zeit begegnet mir dieses Begehren vermehrt. Wir sollten überdenken, was die Bibel zur Familie sagt! Wir brauchen eine christianisierte Queer-Theorie! Ein bekannter Buchautor, inzwischen Professor an einem evangelikalen Seminar, beschäftigt sich mit einer christlichen Betrachtungsweise auf die Polyamorie: Wie können sich mehrere Christen zur selben Zeit lieben, mit dem Herzen, aber auch sinnlich? Bis zum Ermüden werde ich freilich mit der Forderung konfrontiert, die Frage der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft angesichts aktueller gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Fortentwicklungen integrativ zu lösen. 

Buchbesprechung: Gott erkennen

James I. Packer. Gott erkennen. Das Zeugnis vom einzig wahren Gott. vlm: Bad Liebenzell, 2005 (5. Auflage). 261 Seiten.

(Der Herold-Verlag 2014 hat eine von Benjamin und Udo H. Schmidt neu übersetzte Ausgabe herausgebracht.)

Ein biblisch-seelsorgerlicher Klassiker zum wichtigsten Thema

Ron Kubsch warb vor einigen Jahren auf seinem Blog: "Das Buch Gott erkennen von J.I. Packer ist zurecht ein Klassiker. Es entfaltet systematisch die Grundaussagen der Bibel über Gott und weist seelsorgerlich die falschen Wege von heute auf und ermuntert, Gottes Wort als Leitfaden unseres Lebens anzuerkennen und dem, der zu uns in diesem Wort redet, zu vertrauen. Die fundierten biblischen Aussagen sind eine gute Hilfe für Interessierte und Nachdenkende, die sich mit der Gottesfrage beschäftigen wollen."

Ich stimme Kubsch zu. Weder war ich von der Übersetzung besonders angetan, noch war mir der Aufbau (das Buch basiert auf einzelnen Artikeln) in besonders guter Erinnerung. Es geht vielmehr darum, dass ein begnadeter Theologe und Verkündiger sich zum wichtigsten Thema überhaupt geäussert hat. "Kein Gegenstand der Betrachtung ist geeigneter, den Geist zur Demut zu bringen, als der Gedanke an Gott." So wird Spurgeon (wer sonst?) zitiert (13). Nun ist ja die Lehre über Gott nicht das Thema, über das evangelikale Christen in den letzten Jahrzehnten zu viel nachgedacht hätten. Das heisst, es besteht einiger Nachholbedarf. Denn: "Über Gott Bescheid zu wissen ist überaus wichtig, um unser Leben zu leben." (14)

Packer verweist auf den Kleinen Westminster-Katechismus, Frage 4: "Was ist Gott? – Gott ist Geist – unendlich, ewig und unwandelbar in Seinem Wesen, Seiner Weisheit, Macht, Heiligkeit, Gerechtigkeit, Güte und Wahrheit." (Übrigens gilt auch die Antwort im Grossen Westminster-Katechismus, Art. 2 als die bestformulierte unter den reformierten Bekenntnissen.) Packer regt zur Meditation an, das er als "tätiges heiliges Denken, das gestaltet wird, bewusst in der Gegenwart Gottes" definiert (19).

Teil I – Erkenne den Herrn

Das grosse Ziel

Man kann eine Menge über Gott wissen, ohne ihn gross zu kennen (21). Zweifelsohne. Wie zeigt sich dies? Am meisten blieb bei mir dies hängen: "Wer Gott erkannt hat, bringt grosse Kraft auf für ihn." Packer führt dies kurz am Beispiel Daniels aus. Er meint zudem: Gebete sind immer das beste Zeugnis für die Haltung eines Menschen Gott gegenüber (25).

Was das Leben lebenswert macht, ist ein grosses Ziel, etwas, das unsere Vorstellungskraft in Anspruch nimmt und uns beständig fordert (29).Wie fangen wir aber an, dieses Ziel besser kennenzulernen? Am besten steht uns die Haltung eines Dieners an: Respektvolles Abwarten, kein Anspruch auf persönliche Freundschaft und das Bewusstsein ausserordentlich bevorzugt zu sein (31). Wir sollen Gott kennen wie ein Sohn seinen Vater, eine Frau ihren Gatten, ein Untertan seinen König und ein Schaf seinen Hirten. Was ist diesen Bildern gemeinsam? Der Erkennende blickt auf zu dem Erkannten, dieser aber übernimmt Verantwortung für ersteren (33).

Gotteserkenntnis ist eine Sache des persönlichen Betroffenseins, der intellektuellen UND emotionalen Teilnahme. Jeder fühlt für den anderen und denkt auch in seinem Sinne (35). Worauf es aber hauptsächlich ankommt, ist die nicht die Tatsache, dass ich Gott kenne, sondern die grössere und grundlegendere Tatsache, dass Er mich kennt (37). Dieser Gott ist der einzig wahre Gott. Manche Erkenntnis geht fehl, denn: Götzendienst besteht nicht nur in der Verehrung falscher Götter, sondern auch in der Verehrung des wahren Gottes in Abbildern (C. Hodge). Wir sollten hauptsächlich nicht in den Irrtum verfallen, sein Bild in uns wiederfinden zu wollen (43). Wenn wir das Zweite Gebot näher betrachten, fällt auf, dass Gottes Ehre und das geistliche Wohlbefinden direkt miteinander verknüpft sind (40).

Gott ist Fleisch geworden

"Welch grosses Geheimnis! Der Unsterbliche stirbt." (Charles Wesley, 47) Anhand von Johannes 1,1-14 leitet Packer sieben Erklärungen über das Wort Gottes ab:

  • Seine Ewigkeit
  • Sein Personsein
  • Seine Göttlichkeit
  • Seine Schöpferkraft
  • Sein lebensspendender Charakter
  • Sein Offenbarungscharakter
  • Seine Menschwerdung

Die Kenosis-Theorie besagt, dass Gottes Sohn, um ganz Mensch zu werden, sich einiger seiner göttlichen Eigenschaften vollkommen entledigte. Ein sorgfältiges Studium der Evangelien legt vielmehr nahe, dass er sowohl göttliche Kraft und wie auch Weisheit mit Unterbrechungen nutzte (55).

Die dritte Person der Gottheit

Manche tun die Lehre der Dreieinigkeit als ein Stück theologischen Plunders ab, ohne das wir leicht auskommen können (58). Person und Werk von Gottes Sohn sind ständige Gesprächsthemen in der Kirche, während die Diskussion über die dritte Person eher ein Schattendasein fristet. Packer gibt uns zu bedenken: Ohne Heiligen Geist – kein Evangelium, weder Glaube noch Wiedergeburt! (61) Und: Durch das Zeugnis des Heiligen Geistes wird unseres wahr (64).

Teil II – Blicke auf deinen Gott!

In diesem Teil geht es um Eigenschaften Gottes: Seine Unwandelbarkeit, seine Majestät, seine Weisheit, Wahrheit, Liebe, Gnade, sein Richteramt, seinen Zorn, seine Güte und Ernst und seinen Eifer. Hier sind einige Zitate:

  1. Gottes Name ist mehr als Etikett; er ist Offenbarung dessen, was Gott in seiner Beziehung zum Menschen ist (69).
  2. Wie können wir uns von Gottes Grösse ein rechtes Bild machen? Indem wir sämtliche Einschränkungen aus unseren Gedanken verbannnen und Vergleiche ziehen mit Kräften, die wir als gross betrachten (75). Zum Beispiel: Die Welt lässt uns als Zwerge erscheinen, aber Gott macht die Welt zum Zwerg. (77)
  3. Um Gottes Weisheit zu würdigen, müssen wir erst das Ziel kennen, das er verfolgt. Viele meinen jedoch, Gottes Wille sei ein sorgenfreies Leben für alle, ohne Rücksicht auf ihre geistige oder sittliche Verfassung, und von da her schliessen sie, alles Widrige und Ärgerliche sei (gleich, ob es Krankheit, Unglück, Unrecht, Arbeitslosigkeit oder Liebesschmerz ist) ein Zeichen, dass entweder Gottes Weisheit oder Seine Macht, oder aber beides am ende – dass Er möglicherweise gar nicht existiere. (81) Wie kann diese Sicht korrigiert werden? Es gibt keine deutlicheren Beispiele für Gottes ordnende Hand im menschlichen Leben als in einigen Erzählungen der Bibel (82). Unerwartete, schockierende und entmutigende Dinge bedeuten doch nur, dass Gott mit uns etwas vorhat, was wir noch nicht erfasst haben, und dass er jetzt schon darauf hinarbeitet. (86)
  4. Die ersten neun Kapitel des Buches der Sprüche sind eine einzige eindringliche Ermahnung, nach (der Gabe der Weisheit) zustreben. … erst müssen wir unser eigenes Geringsam erkenne, unsere eigenen Gedanken in Frage stellen und bereit sein, uns geistlich total umzustellen. Leider scheinen viele Christen ihr Leben lang in einer viel zu ungebeugten und arroganten Geisteshaltung zu verharren, als dass sie jemals die Gabe der Weiheit von Gott erhalten können. (90-91) … Die meisten von uns leben in einer Traumwelt mit dem Kopf in den Wolken und den Füssen überall, nur nicht auf dem Boden: wir sehen unsere Welt und unser Leben nicht so, wie es in Wirklichkeit ist. Diese tief sitzende und in Sünde wurzelnde Flucht vor der Wirklichkeit ist eine der Ursachen, warum es bei uns so wenig Weisheit gibt. (93) … Weisheit besteht darin, zum besten Ziel die besten Mittel zu wäheln. Wenn Gott uns Weisheit schenkt, so ist sie Mittel zu Seinem erklärten Ziel, die Beziehung zwischen ihm und den Menschen … wiederherzustellen und zu vervollkommnen. (97)
  5. Gott sendet sein Wort … als Information und als Einladung. Es soll uns werben und belehren. (100) Sie enthält Gottes Verheissungen. "Die Christen berauben sich selbst des grössten Trostes, wenn sie Gottes Verheissungen mit Ungläubigkeit und Vergessen begegnen." (105)
  6. Der heutige Mensch ist aufgrund der ungeheuren wissenschaftlichen Fortschritte … zu einem hohen Selbstbewusstsein gelangt. Sein Bild von Gott besteht als Über-Bild seiner selbst. Er denkt, dass Gott wie er selbst ein Auge zudrückt, solange es ihn selbst nicht betrifft und rechnet nicht mit seiner vergeltenden Gerechtigkeit. In seiner geistlichen Ohnmacht sucht er Gott in eine Position zu drängen, in der er nicht mehr Nein sagen könnte. Gott könnte verpflichtet werden uns zu lieben und zu helfen. (119-121 zusammengefasst) 
  7. Warum aber scheuen die Mesnchen die Vorstellung von Gott als dem Richter? Warum halten sie den Gedanken Seiner nicht würdig? Die Wahrheit ist doch, dass Seine Vollkommenheit als Richter Teil Seiner sittlichen Vollkommenheit ist. (131)
  8. Die Kirche plaudert irgend etwas von Gottes Güte, schweigt sich aber über Sein Gericht vollkommen aus. (136)  
  9. Grosszügigkeit hat das Geben zum Inhalt, und zwar nicht in Händlerart auch auch selbst die Wünsche der Empfangenden übersteigend. (149)
  10. Wir müssen uns wieder einmal erinnern, dass der Mensch nicht Massstab seines Schöpfers ist, und dass, wenn Gott sich menschlicher terminologie bedient, darin keine solchen Begrenzungen, wie sie der Mensch als Geschöpf hat, enthalten sind – kein begrenztes Wissen, keine eingeschränkte Macht, keine verstellte Voraussicht, keine nachlassende Kraft, kein Schwanken, nichts dergleichen. (156)

Teil III – Ist Gott für uns… 

Ich hätte weiterfahren können mit den Zitaten. Ich überlasse es dem Leser, sich das Buch jetzt richtig vorzunehmen. Zuweilen fragte ich mich: Worin liegt der innere Zusammenhang des Buches? Packer enthüllt sie am Schluss:

Wir können jetzt sehen, was es heisst, Gott zu erkennen. Wir haben herausgefunden, dass der Gott, der 'für uns da ist', der Gott der Bibel ist, der Gott des Römerbriefes, der Gott, der sich in Jesus offenbarte, der Dreieinige der christlichen Lehre. Wir haben festgestellt, dass Ihn erkennen damit beginnt, dass wir von Ihm wissen und über Ihn wissen. Deshalb haben wir uns mit dem, was uns von Seinem Wesen offenbart ist, und mit seinem Handeln beschäftigt und erfuhren etwas über Seine Güte und Seine Strenge, Seinen Zorn und Seine Gnade. Und indem wir das taten, begriffen wir uns wieder als jene gefallenen Geschöpfe, die keineswegs so stark und autark sind wie angenommen, sondern klein, schwach, töricht und wirklich schlecht; keineswegs unterwegs nach Utopia, sondern eher zur Hölle – sofern nicht Gnade das verhindert. (260-261)

Im letzten Teil beschreibt Packer das Wesen des Evangeliums. Ich glaube, dass ich am meisten durch eben diese Korrektur grossen Gewinn vom Buch zog. Der Blick auf unseren herrlichen Gott wirft sein Licht zurück auf unser eigenes Wesen und seinen wahren Standort. Es merzt unsere Bilder aus, wo wir fälschlicherweise einen Blick in uns selbst hinein getan haben, und macht dadurch die Sicht wieder frei auf den erhabenen, allgerechten Gott. Es geht weder um "die Kirchgemeinde, die Ökumene, Zeugnis in der Sozialarbeit, der Dialog mit anderen Christen und Andersgläubigen, die Abwehr irgendwelcher -ismen, Entwicklung einer christlichen Philosophie oder Kultur oder was auch immer." Das wichtigste ist und bleibt, "Gott in Christus zu erkennen" (261).

Buchbesprechung: Summe der Theologie – erster Band

Thomas von Aquin. Summe der Theologie. Bd. 1. Gott und Schöpfung. Alfred Kröner Verlag: Stuttgart, 1985. 465 Seiten. 22 Euro.

Von der Einführung zum Original

Nach einer amüsanten und tiefgründigen biografischen Einweisung von G. K. Chesterton und dem kurzen, gut strukturierten Einstieg in die Philosophie des Aquinaten durch Peter Kreeft wagte ich mich ans Original. Ich las den ersten von drei Bänden von Thomas von Aquins Hauptwerk „Summe der Theologie“, übersetzt von Bernhard Berhart. Obwohl der Band von einer Einführung und von ausführlichen Erklärungen eingerahmt wird, wollte ich einfach den Text lesen und lies diese Erläuterungen vorerst weg.

Aufbau des ersten Teils

Thomas von Aquin stellt eine kurze Behandlung der Stellung der Theologie als Wissenschaft voran. Insbesondere geht es auch um die Beziehung von Philosophie und Theologie.

Dann beginnt er mit der Gotteslehre. Da alles von Gott ausgeht und auf ihn ausgerichtet ist, muss er der erste Gegenstand der Betrachtung sein. Am Anfang dieses Teils stehen die berühmten fünf Wege (Gottesbeweise). Ich staunte, auf welch knappem Raum der Autor diese Beweisführung vornimmt (2. Untersuchung, S. 17-26).

Nach den Eigenschaften Gottes, wozu von Aquin Einfachheit, Vollkommenheit, Güte, Unendlichkeit, Immanenz, Ewigkeit und Einheit zählt, folgen Überlegungen zur Gotteserkenntnis, zu Gottes Namen, aber auch zu intellektuellen und moralischen Eigenschaften sowie zur Dreieinigkeit.

Der Gotteslehre schliessen sich Engel- und Dämonenlehre, die Lehre über den Menschen und die Schöpfung an.

10 Dinge, die ich gelernt habe

  1. Kein dunkles Mittelalter: Zunächst wurde mein eigenes Vorverständnis des Mittelalters (erneut) korrigiert. Bisweilen kommt einem der Gedanke auf, dass die Menschen früher unwissend gewesen sein mussten. Wer Thomas von Aquin liest, kommt zu einem anderen Schluss. Auch wenn er über die Hirnforschung des 21. Jahrhunderts noch nichts wusste, stellte er beachtliche Überlegungen auf.

  2. Neues Vokabular: Eine Menge „eingedeutschter“ Ausdrücke – die glücklicherweise oft mit dem lateinischen Original an der Seite auftauchten – stellten mich vor die Herausforderung, nicht einfach darüber hinwegzulesen. Manche Ausdrücke wie Verstehbilder, Möge- und Wirkstand, Selbstrage oder Wesungsform gehören zu den Grundbegriffen des Autors.

  3. Biblische Bezüge: Ich fand eine beachtliche Menge an Aussagen, die mit der Lehre der Bibel in einer Linie stehen. Darunter waren immer wieder Bezüge aus der Schrift eingeflossen. Ich habe mir gar eine Übersicht von Bibelstellen angelegt, die im Rahmen der Gotteslehre zitiert werden.

  4. Arbeiten an einer Weltsicht: Das gesamte Schreiben ist vom enormen Bemühen gekennzeichnet, eine kohärente Sicht auf Welt und Leben zu entwickeln. Es handelt sich auf keinen Fall um ein achtloses „Abnicken“ alter Philosophen.

  5. Verwirrende Stellen: Es gab Teile, die mich verwirrten. Dass von Aquin die Engel nächst dem göttlichen Wesen sieht und diese zudem hierarchisch aufteilt, erachte ich als reine Spekulation. Ebenso bekundete ich Mühe, seine Überlegungen zum Aufbau des Menschen bzw. den Zusammenhängen der einzelnen Schichten nachzuvollziehen.

  6. Punktgenaue Zusammenfassungen: Immer wieder finden sich präzise, kurze Feststellungen, welche ein Thema abrunden und auf den Punkt bringen.

  7. Das konsequente Formulieren von Einwänden: Von Aquin geht von Fragestellungen aus. Er handelt zuerst das Thema ab, indem er mehrere Einwände ausformuliert. Davon kann ich eine Menge lernen. Anschliessend antwortet von Aquin zuerst, indem er den eigenen Standpunkt herleitet und anschliessend die Einwände widerlegt.

  8. Syllogismen: So verachtet die „scholastische Methodik“ sein mag; man weiss dabei stets, wo man steht und warum der Autor zu seinen Schlussfolgerungen kommt.
  9. Der häufige Bezug auf Kirchenväter: Ob Augustinus, Boethius oder Bonaventura – der Autor ist mit den Kirchenvätern vertraut. Seine Theologie ist eine Fortführung nicht nur von Aristoteles, sondern eine eigenständige Ausarbeitung und Weiterentwicklung der Väter.
  10. Ein Buch für Anfänger: Etwas beschämt las ich die Vorrede. Ähnlich wie Johannes Calvin in der Vorrede zur Institutio möchte der Autor „den Inhalt der christlichen Religion auf eine Weise darstellen, die der Heranbildung von Anfängern entspricht“.

10 eindrückliche Stellen

  1. Glaube und Vernunft: „Gleichwohl aber macht die heilige Wissenschaft von der menschlichen Vernunft Gebrauch, zwar nicht um den Glauben zu beweisen, denn dadurch fiele das Verdienst des Glaubens dahin… Da nämlich die Gnade die Natur nicht aufhebt, sondern vollendet, soll füglich die natürliche Vernunft dem Glauben dienen, so wie auch die natürliche Neigung des Willens der Liebe willfahrt.“ (16)

  2. Gott und das Übel in der Welt (Einwand): „Wenn es also Gott gäbe, so würde man kein Übel finden. Man begegnet aber Üblem in der Welt. Also gibt es Gott nicht.“ (22)

  3. Transzendenz und Immanenz: „Gott steht über allen Dingen kraft der Erhabenheit seiner Natur, und doch ist er in allen Dingen da … als Verursacher des Seins von ihnen allen.“ (66)

  4. Nochmals – Gott und das Übel: „Da Gott nichts in höherem Grade will als seine Gutheit, der das Übel der Schuld entgegengesetzt ist, und er von dem Guten sonst das eine mehr als das andere will, so will er das Übel der Schuld keineswegs; es verträgt sich aber mit ihm, dass er manchmal das Übel der natürlichen Mangelhaftigkeit (defectus) und der Strafe will. (160)

  5. Primär- und Sekundärursachen: „Zweierlei gehört zur Vorsehung: nämlich das Gewese eines Zweckbezugs in den Dingen, auf welche sie sich verstreckt, und die Durchführung dieser Ordnung; diese heisst Regierung (gubernatio). Was ersteres angeht, so versieht Gott alles unmittelbar. Denn in seinem Verstand trägt er allem, auch dem Allergeringsten Rechnung; so hat er allen Ursachen, welchen Wirkungen auch immer er sie vorreihte, die Wirkkraft gegeben, diese Wirkungen hervorzubringen.  … Was aber das zweite angeht, so gibt es in der göttlichen Vorsehung Mittelstellungen.“ (173/74)
  6. Ewige Schöpfung? „Die Welt ist nicht notwendig immer gewesen, da sie aus dem göttlichen Willen hervorgegangen ist; obgleich es möglich war, wenn Gott gewollt hätte; jenes hat auch keiner je beweisen können.“ (204)
  7. Ebenbild Gottes im Menschen: „Es ist aber offenbar, dass sich beim Menschen eine Ähnlichkeit von Gott findet, welche sich von Gott wie vom Musterbild herleitet; sie ist indes nicht eine Ähnlichkeit der Gleiche nach, weil das Musterbild unendlich weit über ein solches Nachgebilde hinaussteht.“ (311)

  8. Wunder: „Die Benennung Wunder nimmt man von Bewunderung, Bewunderung aber erhebt sich, wenn die Wirkung handgreiflich, die Ursache aber verborgen ist.“ (370)
  9. Zufall und Schicksal: „So ergibt sich die Antwort, dass die beischaftlichen Geschehnisse in natürlichen sowohl wie in menschlichen Dingen auf irgend eine im Voraus ordnende Ursache zurückzuleiten sind, welche die göttliche Vorsehung ist.“ (395)
  10. Definition von Lehren: „Der Lehrende verursacht das Wissen im Lernenden, indem er ihn aus dem Mögestand in die Wirkheit hereinführt.“ (400)

Fazit

Die konsequente Ausrichtung auf Gott als Ursache und Ziel des gesamten Seins fasziniert. Thomas von Aquin atmet das wieder, was uns so sehr fehlt: Dass wir uns an Gott ausrichten (anstatt uns Gott nach dem aktuellen Stand unseres Ichs „zurechtzustutzen“).

Nach einer Weile musste ich mir ehrlich eingestehen, dass ein Durchgang nicht genügen würde, um mit den Gedanken vertraut zu werden. Ich begann mir anzuzeichnen, an welchen Stellen ich den Gedanken nicht folgen konnte. So ist meine Ausgabe mit Fragezeichen an den Seitenrändern gepflastert.

Insgeheim hoffte ich, dass ich durch die aufmerksame Lektüre mir ein besseres Bild davon machen könnte, in welcher Rolle von Aquin den menschlichen Verstand sieht. Ich fand zwar einige Stellen, die jedoch für sich genommen zu keinem Schluss führen können. Ich muss dieses Unterfangen bei der weiteren Lektüre fortführen.

Der Band schliesst mit Gotteslob: „Der über alles gebenedeit ist / GOTT / In Ewigkeit. Amen.“

Buchbesprechung: Systematische Theologie von John Frame

John M. Frame. Systematic Theology. An Introduction to Christian Belief. P & R: Philippsburg, 2013. 1220 Seiten. 24 Euro (Kindle-Version.)

Eindruck nach der Lektüre der ersten Hälfte

Es brauchte eine Weile, bis ich die intensive Leseerfahrung in Worte fassen konnte. Die erste Hälfte des 1200-Werks las ich umgeben von Wiesen, Wälder und Bergen im Urlaub. Für einmal war ich dankbar, dass ich den Wälzer nicht mitschleppen musste, sondern auch meinem Kindle-Gerät stets zur Hand hatte. So konnte ich schon mal während einem ausgedehnten Spaziergang innehalten und neben der herrlichen Herbstlandschaft eine ausgiebige geistliche Mahlzeit zu mir nehmen. Ich pflichte J. I. Packer bei, der John Frame in die Reihe bedeutender Presbyterianer einordnet und sie ihn als direkten Nachfolger in der Theologenabfolge Warfield – Vos – Machen – Van Til sieht. Packer ordnet ihn als Reformierten des linken Flügels ein. Als solcher habe er bislang zu wenig Beachtung erhalten, ja werde gar verkannt. Mit der Systematischen Theologie hat der 75-jährige Theologe sein Hauptwerk und gleichzeitig den Schlussstein seiner jahrzehntelangen Arbeit abgeliefert.

Besonders hilfreich neben dem „Analytical Outline“, an dem ich mich immer wieder orientieren konnte, empfand ich die präzisen Zusammenfassungen, wie ich sie auch aus anderen seiner Bücher kenne. Die Idee, am Kapitelende jeweils noch eine Anzahl Schlüsselverse zum Auswendiglernen zu platzieren, fand ich zudem sehr wertvoll. Frame ist – zumindest unter uns reformatorischen Theologen – durch seinen perspektivischen Ansatz berühmt geworden. In seiner Systematischen Theologie hält er nicht weniger als 110 Triaden (!) bereit. Er sieht diese Modellierung vor allem als didaktische Unterstützung an (siehe „Der perspektivische Ansatz von John M. Frame“). Den Einstieg in Frames Modell habe ich seinerzeit im kurzen “Perspectives on the Word of God – An Introduction to Christian Ethics” gefunden.

Die wichtigste Aufgabe des (systematischen) Theologen

Der erste grosse Augenöffner des Buches war damals Definition von Theologie. Sie ist die Anwendung von Gottes Wort in jeden Bereich des Lebens. Der systematische Theologe sieht sein Werk stets im aktiven Dienst in und an der Kirche. Sämtliche Definitionen und systematische Zusammenstellungen müssen sich an der Schrift messen. Systematische Theologie ist deshalb fortlaufende Exegese und Abbildung der Heilsgeschichte. So bleibt sie eine Studie von Gottes Offenbarung, nämlich der Schrift, und kann das von Gott autorisierte Lehramt für die Gemeinde wahrnehmen: Zum Glauben an Christus zu rufen. Frame stellt bekümmert fest, dass auch die evangelikale Theologie einen schrittweisen Anpassungsprozess an die säkularisierte akademische Welt vorgenommen habe. Der einzelne Theologe leiste einen Beitrag zur Forschung, darin bestrebt, einen originären oder gar originiellen Beitrag leisten zu können. Dies geschieht jedoch weitgehend entkoppelt von der Gemeinde Jesu. Frame ruft zu einer erneuten, tiefen Auseinandersetzung mit Gottes Wort auf, deren Leitfrage lautet: Woher nehme ich diesen oder jenen Gedanken? Damit spricht sich Frame nicht generell gegen Dogmengeschichte aus. In seinem Werk demonstriert er eindrücklich, was er damit meint. Seine Kapitel sind zur Hauptsache eine Auseinandersetzung mit dem biblischen Text. Gezielt macht er hier und da Hinweise auf wichtige Argumente und Auseinandersetzungen aus der Kirchengeschichte. Unter „Die Hauptaufgabe des Theologen“ habe ich Frame im Wortlaut zitiert. Frame war mir hierin grosse Ermutigung, weiterhin die ganze Schrift fortlaufend zu studieren.

Hauptidee: Gottes Herrschaft

Um ein solch umfassendes Werk würdigen zu können, ist es wichtig sich mit seiner Hauptidee bekannt zu machen. Viele Theologen, so Frame, schrieben ihre Systematische Theologie um eine grundsätzliche Idee herum, z. B. Luther zur Rechtfertigung und Schleiermacher zu den Gefühlen. Frame wählte bewusst das Thema LORDSHIP als übergeordneten Rahmen. Dies ist direkt mit seinem Namen „Jahwe“ bzw. seiner Umschreibung „Herr“ verbunden, der über 7000-mal genannt wird. Als locus classicus nennt Frame 2. Mose 3,14-16. Wiederholt begegnen wir der Formulierung, dass die Menschen erkennen sollen, dass ER der HERR ist. Der Mensch will jedoch seine Knie vor niemand anderem beugen als vor sich selbst. Der HERR übt dem zum Trotz seine souveräne Herrschaft über alles Geschaffene in der Form eines Bundes aus. Die Menschen sind seine Diener, die ihm als Gesetzgeber Gehorsam schulden. Gerade das erste Gebot verbietet uns, diesen Herrschaftsanspruch niemand anderem zu gewähren.

Wichtige Modelle

Frame stellt diese Grundsatzüberlegungen in Form einer Triade dar. Gott übt a) mit seiner Macht über Natur und Geschichte Kontrolle (control) aus; b) als oberster Interpret seiner selbst und des von ihm geschaffenen Universums verfügt er über Autorität (authority). Durch sein Handeln in der von ihm geschaffenen Universums ist er c) an und in der Schöpfung präsent (presence). Er bewertet sämtliche Vorgänge.

Frame verbindet dies mit drei Perspektiven der Erkenntnis (Epistemologie): Erkenntnis ist gleichzeitig a) eine Anwendung von Gottes Normen (normative Dimension), b) das Verstehen der Fakten von Gottes Schöpfung und Vorsehung (situative Dimension) und c) dem Gebrauch von unseren Gott-gegebenen kognitiven Fähigkeiten (existenzielle Dimension).

Der christliche Glaube bietet eine einzigartige Sicht auf Welt und Leben. Es gehört zu Frames Basis-Werkzeugkasten (bereits in seinem 1987 erschienenen Buch „The Doctrine of the Knowledge of God“), diese Zusammenhänge zu verstehen und auch die Verzerrungen einzuordnen. Gottes Kontrolle und Autorität im oben beschriebenen Sinn kann ersetzt werden durch eine unbiblische Transzendenz, die Gottes Präsenz leugnet (= Irrationalismus). Seine Präsenz in der Schöpfung kann ersetzt werden durch eine rein immanente Kontrolle und Autorität (= Rationalismus). Oder anders ausgedrückt: Wer Gottes Transzendenz leugnet, muss die Kontrolle und Autorität in die endliche Welt verlagern (Gottesersatz). Wer die Präsenz Gottes in der Schöpfung leugnet, muss annehmen, dass er abwesend ist.

Ein weiteres Modell betrifft die Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf. Frame übernahm dies von seinem Lehrer Cornelius van Til. Gottes Schöpfung ist sein einmaliges Handeln, durch das er aus dem Nichts schafft und alles gemäss seinem Willen anordnet. Gott kann nie mit seiner Welt identisch sein, weil er sonst seinen Status als Schöpfer leugnen würde. Umgekehrt kann die Welt niemals Gott werden. Es gibt auch keine dritte Kategorie.

Die Entwicklung der biblischen Geschichte sieht Frame ebenfalls entlang einer Triade. Sie ist eine Geschichte göttlich-menschlicher Bündnisse (normativ), zweitens eine Erzählung der Fortschritte von Gottes Königreich (situativ) und schliesslich eine Genealogie der Familie Gottes (existenziell).

Beispiel: Gottes moralische Eigenschaften

Wie Frame die beiden Wortfelder von Güte und Heiligkeit aufgrund biblischer Belege entwickelt, soll hier beispielhaft dargestellt werden.

Wortfeld "Güte"

Güte

  • Zum Segen anderer
  • Quelle allen Segens
  • Ohne Zurückhaltung für den Gerechten

Gen 50,20; Num 10,29; Deut 30,5; Jak 1,17

Ps 34,8-10

Ps 84,11; 85,12; 103,5; Mt 7,11

Liebe

  • Sich selbst hingebende Zuwendung für seine sein Bild tragende Geschöpfe zu deren Guten (Jack Cottrell)
  • Seine erwählende, erlösende und heiligende und belohnende Zuwendung (Francis Turretin)

Joh 3,16; Eph 5,25 + Offb 1,5; Jes 62,3 + Hebr 11,6

Gnade

  • Gunst (favor), mercy
  • Gnade finden in den Augen Gottes
  • Nicht wegen der Gerechtigkeit des Volkes
  • Durch Jesus Christus
  • Wirkend in der Gemeinde
  • Für gute Werke & Verkündigung

2Mose 34,6

5Mose 9,4-6

Joh 1,14-17

Apg 11,23

Eph 2,10; Röm 12,3

Liebe des Bundes

  • 245-mal!
  • Seine Güte während ewig als Refrain
  • Loyalität unserer ganzen Person als Antwort
  • Oft an Gehorsam geknüpft
  • Im Gegensatz zur Bosheit des Menschen

1Chr 16,34 etc.

5Mose 6,5

2Sam 22,26

Ps 36

Erbarmen

  • Hilfe in Not

z. B. Neh 9,17

Wortfeld Heiligkeit

Gerechtigkeit

  • Handeln gemäss seinem vollkommenen inneren Standard von richtig und falsch.
  • Sein Gesetz ist nicht etwas über ihm, sondern basiert auf seiner Natur.
  • Auf den eigenen Kopf zurückkommen
  • Gerechtes Gericht
  • Gerechte Taten
  • Vergebung durch Gerechtigkeit
  • Gegenüber Armen und Benachteiligten

5Mose 32,4; Ps 145,17

2Mose 20

Obadja 15; Spr 26,27

Ps 9,8

1Sam 12,7; Jes 46,13

Ps 34,15

Ps 72,1-4 etc.

Eifer-sucht

  • Leidenschaftlicher Eifer für die Exklusivität einer Ehe
  • Warnung vor Götzendienst
  • Für seinen grossen Namen

Hhl 8,6

2Mose 20,4-6

Hes 39,25; Jes 42,8

Hass

  • Gott hasst das Böse und die Bösen
  • Wir waren Kinder des Zorns
  • Gott hasste Esau, Bundesliebe entzogen und zurückgestellt

3Mose 20,23; 5Mose 25,16; Ps 5,5; 11,5

Eph 2,3

Mal 1,3 + Röm 9,13

Zorn

  • Verschiedene Ausdrücke, breit gestreut
  • Antwort auf Sünde
  • Zorn oft erwähnt ohne Gott als deren Quelle
  • Persönliches Handeln Gottes
  • Furchtbar in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen
  • Langsam zum Zorn
  • Ohne Gottes Zorn ist seine Liebe nicht länger gerecht

4Mose 1,53 etc.

Röm 1,18

Hebr 10,31

Ps 103,8, 2Petr 3,9

Heiligkeit

  • Heiliger Boden
  • Heiligtum, heilige Stadt, Land, Schöpfung
  • Gottes Vermögen und Recht, unser Staunen und unsere Bewunderung hervorzurufen
  • Gottes Heiligkeit wird zu unserer Errettung; er holt uns in seine Nähe

2Mose 3,5f, 19,23

2Mose 26,33; Sach 2,12, Jes 6,3

2Mose 15,11; 1Sam 2,2; Hebr 12,28

Hos 11,9

Fazit

Frame legt ein durchdachtes, reifes Alterswerk vor. An einzelnen Stellen drückt ein starker Reflex angesichts von neueren Kontroversen innerhalb der Fakultät der Westminster Seminary Fakultät (Stichwort „Escondido Theology“) durch. Frame beeilt sich zu betonen, dass die göttliche Autorität nicht auf die Dinge des Heils beschränkt blieben (Pos. 3436). Wer sich noch näher kundig machen will, was Frame unter Reformierter Theologie versteht, dem empfehle ich seinen Aufsatz „Introduction to the Reformed Faith“.

Buchbesprechung: Eine kurze Darstellung der Gotteslehre (II)

Louis Berkhof. Systematic Theology. Herausgegeben 1932; revidiert 1938. 833 Seiten. Online-Download. Diese Besprechung bezieht sich auf die Gotteslehre (Teil I, S. 18-195).

Im zweiten Teil der Besprechung konzentriere ich mich auf einige kurze inhaltliche Hinweise zu Gottes Ratschlüssen, Vorsehung und Schöpfung.

Die Ratschlüsse Gottes beschreibt Berkhof als eine Art „Zwischenstück“ zwischen Gottes Wesen und Gottes Werken. Sie sind Ausgangspunkt der Schöpfung und der Neuschöpfung. Seinem gesamten Wirken liegt ein zusammenhängender Plan zugrunde. „Aus seiner Kenntnis aller möglichen Dinge heraus wählt er durch den Akt seines perfekten Willens, geführt durch weise Überlegungen, was er zur Ausführung bringen will, und formt so seine ewige Absicht (purpose).“ (111) Die Ratschlüsse dürfen nicht mit der Umsetzung in Schöpfung, Vorsehung und Erlösung verwechselt werden. Wichtig ist auch zu beachten, dass Gottes Ratschlüsse diesen zum Schöpfer von moralisch freien Wesen machen, die in sich selbst zum Verursacher von Sünde werden (116).

Die Vorherbestimmung (Prädestination) schliesst nach Berkhof zwei Teile ein: Erwählung und Verwerfung (reprobation), also die Vorbestimmung der Guten und Bösen zu ihrem endgültigen Ziel. Die eher ausführliche Behandlung des Infra- und Supralapsarianismus ist auf dem Hintergrund der grossen Debatten innerhalb des Dutch Calvinism am Anfang des 20. Jahrhunderts zu sehen. Der S. schliesst Schöpfung und Zulassung des Sündenfalls in die Prädestination mit ein, während der I. ihn auf den allgemeinen Ratschluss ein-, jedoch von einem speziellen ausklammert (129).

Die Schöpfung definiert Berkhof als “freien Akt Gottes, gemäss dem er durch seinen souveränen Willen für seine eigene Herrlichkeit am Anfang das sichtbare und unsichtbare Universum hervorgebracht hat. Dies tat er ohne Verwendung von vorher existenter Materie. Er gab dem Geschaffenen eine Existenz, die unabhängig von ihm selbst und trotzdem jederzeit von ihm abhängig war.“ (140) Gott schuf diese Welt nicht in erster Linie, um Herrlichkeit zu empfangen, sondern um seine Herrlichkeit zu manifestieren. Dabei sah er nicht über das Wohlergehen seiner Geschöpfe hinweg, sondern förderte es (149).

Fazit

Die gesamte Darstellung nimmt immer wieder inhaltlichen Bezug zu den neocalvinistischen Vordenkern Kuyper und – vor allem – Bavinck. Dazu kommt ein intensiver Dialog mit Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie z. B. Karl Barth. Bavinck wird besonders dort spürbar, wo die biblische Lehre konkurrierenden Weltsichten gegenüber gestellt wird. Berkhof sticht heraus durch kurze Abschnitte, klare Begriffsdefinitionen und – nicht zu unterschlagen – häufigen Schriftgebrauch.

Einige Begriffe

Gott als principium essendi der

Die Prinzipien der Theologie beschreiben die Realitäten, ohne die es keine Theologie geben würde. Das principium essendi bezeichnet den ersten Akteur der Theologie: Gott.

Einfachheit (simplicity)

 

In Gott gibt es eine wesenhafte bzw. substanzielle Einfachheit, auch wenn von unserem Verstand her Unterschiede getroffen werden können.

Drei Wege

via causalitatis: Ausgehend von den Wirkungen (Effekten) gehen Menschen weiter zum Ersten Grund, von der Schöpfung zum allmächtigen Schöpfer.

via negationis: Wir entfernen alle Unvollkommenheiten, die in den Geschöpfen gesehen warden und schreiben Gott die Vollkommenheit zu (z. B. unkörperlich, unsterblich).

via eminentiae: Wir schreiben Gott die bedeutendste Weise aller vorhandenen relative Vollkommenheit zu.

Essenz (Wesen), Existenz

Gott ist nicht nur gerecht, sondern er ist die Gerechtigkeit; nicht nur gut, sondern die Güte selbst; nicht nur mächtig, sondern die Allmacht selbst. Seine Gerechtigkeit, Güte und Allmacht sind identisch mit seinem Wesen (essential) in seiner Einfachheit (simplictas)

Sein ganzes Wesen ist in jeder Eigenschaft, und die Eigenschaft in seinem Wesen. ( “The whole essence is in each attribute, and the attribute in the essence.”)

opera ad intra / ad extra

Rein immanente Werke Gottes gegenüber von Werken, die direkt gegenüber seinen Geschöpfen sichtbar werden

Tugenden

 

Vollkommenheiten, die dem göttlichen Wesen in der Schrift zugewiesen werden, sichtbar ausgeführt in seinen Werken der Schöpfung, Vorsehung und Erlösung.

potentia absoluta und potentia ordinata

Vollkommenheit Gottes, durch die er kraft seines Willens ausführen kann und die in seinem Willen/Ratschluss präsent sind; aktuelle Ausübung seiner Macht

Ratschluss (decree)

»Gottes Ratschlüsse sind die weisen, freien und heiligen Beschlüsse des Rates seines Willens, wodurch er von aller Ewigkeit her zu seiner eignen Ehre unabänderlich alles vorausverordnet hat, was sich in der Zeit ereignet, besonders in Hinsicht auf die Engel und die Menschen« (Westminster Katechismus)

immanent / transzendent

It is a mark of God’s greatness that he can condescend to the level of his creatures and that, though transcendent, he can dwell immanently in all created beings. Without losing himself, God can give himself, and, while absolutely maintaining his immutability, he can enter into an infinite number of relations to his creatures. (Bavinck, RD II:159)

sensus divinitatis

Dem Menschen gehört das Bewusstsein, dass ein Gott ist, und dass ihm die Pflicht der Verehrung desselben obliegt, natürlich und wesentlich an. (Heinrich Heppe)

incomprehensible / knowable

Gott ist unfassbar, und gleichzeitig ist etwas von ihm erkennbar.

Deus Absconditus, Deus Revelatus

Offenbarter und verborgener Gott (Begriffsprägung durch Martin Luther in seiner Schrift „De servo arbitrio“)

Analoges Erkennen

Wir (er)kennen nur das, was eine gewisse Ähnlichkeit (analogy) zu unserer eigenen Natur und Erfahrung aufweist.

Allgemeine / spezielle Offenbarung

Es gibt zwei Arten der Offenbarung: Die erste ist Gottes allgemeine Offenbarung in der Schöpfung, mit der Gott allen Menschen ein gewisses Bewusstsein für ihn und seine Macht gibt – auch wenn einige Menschen Gott und seine allgemeine Offenbarung nicht anerkennen. Darüber hinaus gibt es Gottes spezielle Offenbarung in Christus und der Heiligen Schrift, von der man eine umfassendere Kenntnis Gottes bekommen kann. (Thomas K. Johnson)

Wesen (being)

Wir glauben von Herzen und bekennen mit dem Munde, dass da ist ein einziges und einfaches geistiges Wesen, das wir Gott nennen… (Niederländisches Bekenntnis, Art. 1)

An sit Deus?
Quid sit Deus?
Qualis sit Deus?

Die erste Frage betrifft die Existenz Gottes, die zweite seine Natur bzw. sein Wesen (essence), die dritte seine Eigenschaften (attributes).

Deshalb ist es unnützes Gedankenspiel, wenn einige sich eifrig um die Frage nach Gottes „Sein“ (quid sit Deus) und „Wesen“ (qualis sit)  mühen. (Calvin, Institutio I,2,2)

a priori / a posteriori

Die a priori Methode leitet die Eigenschaften von der Idee eines vollkommenen Wesens ab;

die a posteriori Methode nimmt den Ausgangspunkt in der göttlichen Selbstoffenbarung und sucht im Lichte dessen nach dem göttlichen Wesen.

Nicht kommuni-zierbare / kommunizierbare Eigenschaften

Keine Analogie in der Schöpfung

vs. Analogie im menschlichen Geist

Absolutes Wesen (absolute Being)

Frei von allen Bedingungen (selbst-existent) bezogen auf Unvollkommenheit oder phänomenologischen Unterschieden (Materie/Geist, Sein/Eigenschaften, Subjekt/Objekt, Erscheinung/Realität).

causa sui

Gott besteht aus sich selbst; der Ausdruck ist nicht präzise, weil Gott ja keinen Anfang bzw. keine Ursache hat.

actus purus

Gott, der stets handelt

archetypisch / ectypisch

urbildlich (Schöpfer)

abbildlich (Geschöpf)

summum bonum

das höchste Gute (Gott zugeschrieben)

Buchbesprechung: Eine kurze Darstellung der Gotteslehre (I)

Louis Berkhof. Systematic Theology. Herausgegeben 1932; revidiert 1938. 833 Seiten. Online-Download. Diese Besprechung bezieht sich auf die Gotteslehre (Teil I, S. 18-195).

Louis Berkhof (1873-1957) gehörte zur Christian Reformed Church (CRC), einer Denomination, die von niederländischen Auswanderern gegründet worden war. In den Niederlanden geboren, wanderte seine Familie nach Grand Rapids aus. Berkhof ist Vertreter der zweiten Generation des Dutch Calvinism nach Abraham Kuyper und Herman Bavinck. Er ist durch seine Systematische Theologie bekannt geworden.

Zunächst gilt es, die Einteilung Berkhofs für die Gotteslehre zu überblicken:

Vorrede: Erkennbarkeit Gottes

Gottes Sein

  1. Die Existenz Gottes
    Gottesbeweise

  2. Die Namen Gottes

  3. Die Eigenschaften Gottes
    kommunizierbar
    nicht kommunizierbar

  4. Die Trinität

Gottes Werke

  1. Ratschlüsse (decrees)

  2. Vorsehung (providence)

  3. Gottes Schöpfung
    materielle Welt
    geistliche Welt (Engel, Dämonen)

Die Erkennbarkeit Gottes

Warum beginnt eine Systematische Theologie mit der Gotteslehre? Wenn wir davon ausgehen, dass Theologie die systematische Behandlung der Erkenntnis Gottes ist, von dem, durch den und für den alle Dinge geschaffen sind, dann gibt es nichts Natürlicheres, als bei ihm zu beginnen (18). So war es auch bis ins 19. Jahrhundert üblich.

Seit dem 18. Jahrhundert wurde jedoch eine Fragestellung immer drängender, die als Vorrede aufgenommen werden musste. Wie konnte Gott erkannt werden? Nach Berkhof gibt es zwei Grundvoraussetzungen für die Gotteslehre: Dass Gott existiert und dass er sich in seinem Wort offenbart hat. Gott ist selbst-existentes, selbst-bewusstes, persönliches Wesen, welches Anfang aller Dinge ist, die gesamte Schöpfung transzendiert und zur selben Zeit in jedem ihrer Teile anwesend ist (20). Dies muss im Glauben vorausgesetzt werden.

Diese Gotteskenntnis kann theoretisch oder praktisch geleugnet (Atheismus) oder verzerrt werden (immanent-unpersönlicher oder persönlich-endlicher Gott). Im theologischen Liberalismus war es zudem Mode geworden, von Gott als einer abstrakten Idee oder einer unpersönlichen kosmischen Kraft zu sprechen.

Die klassischen Gottesbeweise werden von Berkhof kurz angesprochen. Der Autor merkt dazu an, dass die Glaubenden nicht von diesen Beweisen abhingen, diese als Zeugnis jedoch einen gewissen Wert besässen (28).

Gott ist erkennbar (knowable) und gleichermassen unergründlich (incomprehensible). Seine Offenbarung ist zuverlässiges, jedoch niemals umfassendes Wissen. Eine Strömung der Theologie schwächte die Transzendenz Gottes ab (Hegel, Schleiermacher), während eine andere sie überbetonte und "den ganz anderen Gott" proklamierte (Neoorthodoxie).

Die Selbstoffenbarung Gottes ist unabdingbare Voraussetzung, um etwas von ihm zu erkennen. Allen Menschen ist eine gewisse Kenntnis von Gott eigen. Diese wird durch die allgemeine Offenbarung in Natur, Gewissen und Regierung dem Menschen offenbart. Die spezielle Offenbarung wurzelt im Heilsplan Gottes und wird durch die Heilige Schrift den Menschen offenbart.

Gottes Wesen und Eigenschaften

Wie ist der Zusammenhang zwischen Gottes Wesen und seinen Eigenschaften? Abgesehen von der Offenbarung Gottes in seinen Eigenschaften verfügen wir über keine Kenntnis bezüglich Gottes Wesen (46). Der Begriff „Attribute“ ist verfänglich, weil er suggeriert, etwas zu Gott hinzuzufügen (55).

Gott und seine Attribute sind eins (47). Berkhof folgt der bis heute gängigen Deutung, dass durch den Einfluss der griechischen Philosophie Gott lange Zeit  als abstrakte, eigenschaftslose Konzeption bzw. Wesen angesehen wurde. (Richard A. Muller hat durch seine gründlichen Studien zur Orthodoxie des 16. und 17. Jahrhunderts nachgewiesen, dass dies so nicht zutrifft. Reformatoren und vor allem Puritaner bzw. orthodoxe Protestanten verbanden das Studium der Dogmengeschichte mit sorgfältiger Exegese und ebenso sorgsamer Anwendung.)

Berkhof weist darauf hin, dass in der Bibel wiederholt von Gottes Name (Einzahl) gesprochen wird. Die verschiedenen Selbstbezeichnungen Gottes enthalten ein gewisses Mass der Offenbarung von Gottes Wesen. Er hat sich zum Menschen geneigt (Theologen sprechen von Kondeszenz), um sich dem begrenzten menschlichen Verstand zu offenbaren. Berkhof geht kurz durch die wichtigsten Bezeichnungen Gottes im Alten und im Neuen Testament durch und weist auf deren inhaltliche Kontinuität hin.

Gott offenbart sich zudem in Eigenschaften. Die einzige Art und Weise, etwas über sie zu erfahren, ist wiederum das Studium von Altem und Neuem Testament. Die gebräuchlichste Unterscheidung ist die der nicht-kommunizierbaren und kommunizierbaren Eigenschaften. Erstere haben keine Entsprechung in der Schöpfung, letztere Analogien im Geschaffenen. Berkhof führt – fast im Vorbeigehen – an den wichtigsten Begriffen vorbei und definiert sie kurz und präzise. Dies schätze ich neben der Klarheit der Einteilung als grösste Stärke des Autors ein.

Unter den nicht-kommunizierbaren Eigenschaften nennt Berkhof an erster Stelle die Selbst-Existenz Gottes. Er gründet seine Existenz in sich selbst (wobei er natürlich keinen Ursprung hat). Zweitens nennt der Autor seine Unveränderlichkeit (immutability). Weder seine Vollkommenheit noch seine Absichten und Verheissungen sind Veränderungen unterworfen. Unter Unendlichkeit (infinity) fasst Berkhof die Unabhängigkeit Gottes von sämtlichen Limitierungen zusammen (absolute Vollkommenheit; in Bezug auf die Zeit – Ewigkeit; in Bezug auf Raum – Unermesslichkeit). Gott ist eins, sowohl numerisch wie auch in seiner Einzigartigkeit.

Gott ist nicht nur absolutes Wesen, sondern auch persönlicher Geist (Joh 4,24). Unter die kommunizierbaren Eigenschaften fallen intellektuelle Attribute wie seine Erkenntnis, seine Weisheit und seine Wahrhaftigkeit. Ferner sind moralische Bezeichnungen wie Güte, Liebe, Gnade, Erbarmen und Langmut zu nennen. Ebenso ist Gott heilig und gerecht. Seine Souveränität kommt im Willen Gottes zum Ausdruck.

Fortsetzung folgt

Aufsatz: Das Königreich Gottes und die Transformation der Welt

Im neuen Jahrbuch des Martin Bucer Seminars habe ich einen Aufsatz zu Herman Bavincks Kulturtheologie veröffentlicht.

Dem Neo-Calvinismus wird oft eine triumphalistische Sichtweise im Hinblick auf die Transformation der bestehenden Verhältnisse unterstellt. Herman Bavinck (1854-1921), zeitlebens eng mit Abraham Kuyper verbunden, hat sich überraschend deutlich zu den Prioritäten geäußert. Sein Lebenswerk widerspiegelt das Ringen um eine realistische Sichtweise.

Mein Fazit:

Der Balanceakt eines beherzten Engagements des Christen jenseits von Anpassung und Weltflucht war Bavincks Herzensanliegen. Der Christ widmet sich ernsthaft sowie zuversichtlich seiner irdischen Berufung. Er geht ihr mit einer veränderten Optik, nämlich durch die Brille der speziellen Offenbarung der Bibel, nach. Die Schöpfung ist ihm die vertraute Welt seines himmlischen Vaters. Gleichzeitig weiss er um die Sogwirkung der Diesseitsorientierung, welche die Rückbindung an die ewigen Werte lockern und auflösen möchte. Er achtet darum besorgt darauf, seinen Pilgerstatus nicht aufzugeben. Dass dies eine bleibende Spannung sein würde, war Bavinck wohl bewusst. In der Jetztzeit würde es keine völlige Ausgewogenheit geben. Jede Person und jede Bewegung würde sich einer kleineren oder grösseren Einseitigkeit schuldig machen.

Veröffentlichung in: Thomas Schirrmacher und Ron Kubsch (Hg.). Vergangenheit als Lernfeld. Kirchengeschichtsschreibung am Martin Bucer Seminar. VKW: Bonn, 2015. (297-308)

Buchbesprechung: Ging Gott ein Risiko ein?

Steven B. Cowan. Craig Branch. (Hg.) Open Theism: Making God Like Us. The Areopagus Journal of the Apologetics Resource Center. Volume 4, Number 1. 70 Seiten. 3 Euro.

Ein Gott, der ein Risiko eingeht

Gott kann (oder will) zukünftige Entscheidungen freier Geschöpfe nicht vollständig voraussehen und die Schöpfung nicht mehr ganz kontrollieren. Gott geht damit ein Risiko ein. Er öffnet sich gegenüber den wechselnden Realitäten der Geschichte. Dies geschieht aus Sorge um seine Geschöpfe. Aus seiner Liebe heraus lässt er sie an seiner Herrschaft teilhaben. Die Theologen der klassischen Gotteslehre hätten in den letzten 2000 Jahren aufgrund des Einflusses der Griechen die Kirchengeschichte falsch gelesen. Das sind einige Behauptungen von Vertretern des Open Theism.

In die Hab-Acht-Stellung gehen

Im Verlauf einer Online-Diskussion schrieb mir ein Gesprächspartner:

Wer den "Open Theism" intelligent analysieren und konstruktiv-kritisch diskutieren will in allen seinen Facetten, mit allen seinen Folgen und in allen seinen Schulrichtungen, die es mittlerweile gibt, auch im Für und Wider der Argumentationsmöglichkeiten, dann habe ich nichts dagegen. Will man allerdings still und heimlich und unterschwellig diese obskure Idee eines "Open Theism" als rechtgläubig kompatibel zur biblischen Offenbarung und als Alternative zur klassischen Gottes- und Gnadenlehre unter das "evangelikale Volk" mischen, gehe ich in "Hab-Acht-Stellung".

Diesen Gedanken kann ich nur zustimmen. Die Evangelical Theological Society, die Vereinigung evangelikaler Theologen in den USA, hatte um 2000 herum intensive Diskussionen bezüglich Open Theism (hier sind die wichtigen Papers von der Konferenz 2003 zu finden). Ausgangspunkt für den Aufruhr bildete das 1994 erschienene Buch von Clark Pinnock et. al. „The Openness of God. A Biblical Challenge to the Traditional Understanding of God”. Nur hauchdünn wurde der Antrag, die Open Theists aus der Gesellschaft auszuschliessen, abgelehnt. Nötig wäre eine Zwei-Drittels-Mehrheit gewesen. 2014 später stellt Jeff Robinson in seinem Artikel “Is Open Theism Still a Factor 10 Years after ETS Vote?” fest, dass die Diskussion in Gelehrtenkreisen zum Stillstand gekommen sei. Nur die Verbreitung über die Blogosphäre halte an. Auf diese Weise gelangt die Botschaft zum Kirchenvolk. Warum? Weil es in unsere Zeit und zu unserem aktuellen Gottesverständnis passt.

Gott uns gleich machen

Die apologetische Zeitschrift "Areopagus" widmete sich in einer Ausgabe von 2004 dem Thema des Open Theism. Spannend (und meiner Beurteilung nach treffend) ist die Auswahl der Beiträge. Zuerst stellt Bruce A. Ware (der 2001 und 2003 zwei wichtige Bücher zur Thematik veröffentlicht hat) den heilgeschichtlichen Fokus in Frage. Welches Verständnis im Hinblick auf Geschichte und Zukunft wird durch dieses Gottesbild vermittelt? Im zweiten Beitrag weist A. B. Caneday auf eine hermeneutische Falle hin, nämlich eine irreführende Definition, die Bibel „wörtlich“ zu nehmen. Im dritten Beitrag geht R. K. Wright auf die „Freie Wille“-Debatte ein und gibt einige wichtige Argumente gegen eine irrige Gegenüberstellung von „deterministisch“ vs. „libertinistisch“ weiter. Vor allem die beiden ersten Beiträge vermochten mich zu überzeugen; der dritte war mir zu kurz, ja erschien mir dadurch ver-kürzt.

Heilgeschichtliche Einwände

  1. Argument: Although God always knew sin was possible, it was not at all probable, plausible, or expected that his human creatures would turn their backs on him.
    Einwand: Given the nature of libertarian freedom and the fact that the first humans sinned while in a perfect environment, I see no ground for optimism that Gods project will succeed.
  2. Argument: Openness proponents point to Jeremiah 3:7 and 32:35 for biblical support for the notion that God can have mistaken beliefs. Added to this is the fact that God may also reassess what he himself has done and judge that it was not best.
    Einwand: What confidence can we have in a God who must second-guess his own actions? What does this tell us about the wisdom of Gods own plans?
  3. Argument: Divine guidance, rather, must be viewed primarily as a means of determining what is best for us now.
    Einwand: If God’s present purposes may be frustrated by unforeseen free actions of his creatures, what basis is there for believing that God's ultimate purposes and promises will be fulfilled in the echelon?

Hermeneutischer Einwand

Argument: Man muss die Bibel wörtlich, d. h. beim Wort, nehmen. Dies gilt auch dann, wenn Gott etwas bedauert oder wenn er etwas durch eine Frage in Erfahrung bringt.

Einwand: Es liegt ein falsches Verständnis von „literal“ und „real“ vor, denn es wird im Gegensatz zu „figurativ“ und „metaphorisch“ gesetzt. Das lässt die Möglichkeit eines Anthropomorphismus nicht mehr zu.

Philosophischer Einwand

Kompatibilisten definieren „frei“ wie folgt:

A person is free (and responsible) when he does some action x as long as his doing x was what he wanted to do.

Diese Sicht ist sorgsam zu unterscheiden von der libertinistischen:

He does some action x if and only if he could have done something other than x under the same conditions.

“Libertarian free will” is meant the view that the human will has the innate power to choose with equal facility, either of any two alternatives presented to it by the mind, whenever a choice must be made.

Die zweite Sichtweise wird in der Diskussion ohne (biblische) Beweisführung einfach vorausgesetzt! Sei entbehrt jedoch einer biblischen Grundlage.

Fazit

Es geht mir nicht darum, kalten Kaffee aufzuwärmen. Leider nimmt die Verbreitung der Gedanken des Open Theism an deutschsprachigen evangelikalen Ausbildungsstätten zu. Ich sehe auch einen Grund dafür: Es ist Mode, uns „Gott von unten her“ zu denken. Das heisst – um an den Titel der Zeitschrift anzulehnen – wir erschaffen uns Gott nach unserem eigenen Bild. Wir blicken in uns hinein und rücken dann Gottes Bild zurecht. Das Resultat davon sieht nicht nur so aus, dass Gott substanziell Liebe sei, sondern dass er uns als Gegenüber wesentlich an seinen Handlungen mitbeteilige. Das Spannungsfeld zwischen Gottes Souveränität und dem verantwortlichen Handeln des Menschen wird so gegen das Gesamtzeugnis der Bibel in Richtung „Mitbeteiligung des Menschen am Regierungshandeln Gottes“ aufgehoben. Die Auswirkungen sind weitreichend: Auf der einen Seite erscheint die Geschichte vom Leid der Welt in anderer Sicht. Man kann, so scheint es, Gott aus der Verantwortung nehmen. Die Perspektive hat radikale Auswirkungen auf unser Verständnis von Gebet, aber auch auf die Seelsorge. Sie beraubt uns letztlich der Hoffnung auf einen souveränen Gott. Und sie nimmt uns den wichtigen Antrieb, Christus allen Menschen auf der ganzen Erde zu verkündigen. Wer diese Auswirkungen ins Blickfeld nimmt, dem wird es ähnlich gehen wie mir selbst. Ein solcher Gott ist eine Karikatur dessen, wie ihn dessen eigene Offenbarung in der Bibel darstellt!

Craig Branch stellt in der Einleitung richtig fest: Eigentlich führen Vertreter des Open Theism die Diskussion, die mit Augustinus und Pelagius begonnen hatte, in der Reformationszeit zwischen Luther und Erasmus, später von Arminius und der Synode von Dordrecht, im 18. Jahrhundert zwischen Wesley und Whitefield weitergeführt wurde, fort und radikalisieren sie. Sie denken sie aus modernistischer Sicht fertig („open theism is a logical and consistent extension of Arminianism“).  Damit sind sie am ehesten mit den Socinianern des 16. Jahrhunderts zu vergleichen. Nichts Neues also unter der Sonne.

Buchbesprechung: Der Aufbau der Seele

Herman Bavinck. Jack Vanden Bort (trans.) Herman Bavinck’s Foundations of Psychology. Calvin College: Grand Rapids, 1981.

In der Besprechung wird der erste Teil des Buches übersprungen. Bavinck beleuchtet unterschiedliche Zugänge zur Psychologie und gibt einen Abriss der Geschichte der Psychologie, wobei er nicht im 19. Jahrhundert, sondern bei den Griechen beginnt.

Hintergrund des Buches

Eine für den Leser des 21. Jahrhunderts fremdartig anmutende Ausführung betrifft Bavincks Lehre von den Fakultäten, wie er sie in den „Prinzipien der Psychologie“ entfaltet. Er setzt sich intensiv mit den „Leben der Seele“ auseinander (41). Jack Vanden Bort, englischer Übersetzer der im Todesjahr Bavincks (1921) erschienenen, von Bavincks Nachfolger in Amsterdam, Valentijn Hepp, überarbeiteten Auflage „Beginselen der psychologie“, zeigt in seinem Vorwort die Entstehungsgeschichte des Werks auf. Die „Prinzipien der Psychologie“ erschienen mitten in Bavincks theologischem Schaffen, nämlich der Herausgabe der Reformierten Dogmatik. Die erste Auflage der Dogmatik erschien zwischen 1895 und 1901, die „Prinzipien der Psychologie“ 1897. Nach Vanden Bort müssen drei Faktoren für das Studium des Buches berücksichtigt werden: Erstens der regelmässige Auftritt Bavincks an Treffen des Reformierten Schulverbands. Er hatte das Anliegen für eine Psychologie, die zur christlichen Weltanschauung und Erziehung passte. Zweitens war die Jahrhundertwende von einer Welle der Psychologie erfasst worden. Dilthey meinte 1894, dass die Psychologie die Grundlage der Humanwissenschaften darstelle (vi). Drittens hatte Bavinck in seiner Dogmatik nicht den Platz, die menschliche Natur umfassender zu beschreiben. Deshalb lagerte er einen Teil davon in die „Prinzipien der Psychologie“ aus. Vanden Born verweist auf einen Brief von Bavinck an Kuyper, datiert vom 20.9.1897: „The doctrine of man is incomplete. Therefore, in a couple of months I shall publish a small, separate work: Beginselen der psychologie. The copy is ready and the first proofs have been set.” (vii)

Bavinck und die Fakultätenlehre

Die Fakultätenpsychologie ging von einer Anzahl angeborener Fakultäten, das heisst Aktivitäten der Seele aus, welche die mentale Konstitution eines Menschen bestimmen. Während sie von Neothomisten im 19. Jahrhundert befürwortet wurde, lehnte die zeitgenössische Psychologie um die Wende zum 20. Jahrhundert sie als metaphysisch und vage ab. Die Seele verfügt nach diesem Grundrahmen über verschiedene Kräfte, die zusammenwirken. Bavinck schreibt, dass die Fakultätenlehre für die Bildung deshalb hoch relevant sei, weil die unterschiedlichen Fähigkeiten entwickelt werden könnten (42). Vanden Born schreibt Bavinck in diesem Zusammenhang einen „milden Psychologismus“ zu.  Bavinck scheint tatsächlich vom grundlegenden Stellenwert der Psychologie überzeugt gewesen zu sein. Er schreibt, dass kein Dogma ohne die Psychologie konstruiert werden könne (57). Allerdings relativiert dies Bavinck später in einem Aufsatz über die Richtungen der Psychologie. Psychologie könne zwar Vorgänge beschreiben, jedoch nie den normativen Wert noch den Ursprung derselben erklären. Vanden Bort weist darauf hin, dass Bavincks Aufsatz „Der Sieg der Seele“ (1916) einer Widerlegung der Fakultätenlehre nahe gekommen sei. Anscheinend hatte sich Bavincks Überzeugung zwischen 1897 und 1916 verschoben.

Trotz dieser Einschränkung ist Bavinck zeitlebens aufmerksamer Beobachter der Entwicklungen innerhalb der Psychologie geblieben. Die Disziplin könne sich weder mit der reinen Beschreibung von Vorgängen noch mit einer einfachen Einordnung unter eine Fakultät (Wille, Verstand oder Gefühl) zufrieden geben (61). Er weist aber darauf hin, dass die einzeln analysierten Bereiche in engem Zusammenhang zueinander stehen, die einzelnen Fakultäten zusammengehen und in ihrer Einheit betrachtet werden müssten (62). Es sei immer das gleiche Subjekt, die unteilbare Person, die durch ihren Körper, ihre Seele, ihre Fakultäten leben, wissen und begehren könne (63).

Bavinck unterscheidet drei Hauptrichtungen innerhalb der Psychologie. Je nach philosophischem Unterbau betonen die einen das Primat des Verstandes, andere das des Gefühls, dritte das des Willens. Daraus ergab sich die intellektualistische, romantische bzw. voluntaristische Psychologie (47). Bavinck selbst sprach nur von zwei Fakultäten, die des Erkenntnisvermögens (kenvermogen; knowing faculty) und des Begehrens (begeervermogen; desiring faculty).  Das Gefühl als unmittelbare Wahrnehmung gehört nach seiner Einteilung zum Erkenntnisvermögen und ist eine ihrer speziellen Aktivitäten (52). Die Emotionen und Leidenschaften reiht er unter der Fakultät des Wollens bzw. Begehrens ein (vgl. 132ff). 

Die Fakultät des Erkennens

Bavinck beginnt mit der angeborenen Kenntnis (aangeboren kennis). So wie es universelle, unveränderliche Wahrheiten gibt, die der Erfahrung vorausgehen, Axiome, mit denen die Wissenschaften arbeiten (73),  so wird der Mensch mit einem innewohnenden Potenzial geboren. Er verfügt beispielsweise über die Fähigkeit zu sehen (74). Dies führt Bavinck auf die Tatsache zurück, dass der Mensch Geschöpf ist. Der Mensch ist durch Gottes Offenbarung an die Erde und an die Schrift gebunden und lebt innerhalb vordefinierter Gegebenheiten.

Weiter setzt sich Bavinck mit der sinnlichen Wahrnehmung (gewaarwording) auseinander, der Schnittstelle des Menschen zur Aussenwelt. Er empfängt eine Menge an Impulsen, die über die Nerven zum Gehirn weitergeleitet werden (77). Das Gewahrwerden durch das Aufnehmen der Signale wird zur Wahrnehmung (waarneming, 78-80). Das Fundament hierfür wird nach Bavinck in den ersten Lebensjahren gelegt. Die Aufmerksamkeit führt dazu, einige der Wahrnehmungen stärker zu gewichten, während andere unberücksichtigt bleiben.

Dieser „Teppich“ von Wahrnehmungen, nach bestimmten Kriterien aussortiert, verdichtet sich zu unbewussten Repräsentationen (onbewuste voorstellingen). Analog zu Vorgängen im Körper (z. B. der Atmung) gibt es viele unbewusste Seelenaktivitäten. Die Seele assoziiert einzelne Repräsentationen (associatie der voorstellingen). So empfindet sie z. B. Schmerz, der alle anderen Wahrnehmungen in den Hintergrund rückt (81-83). Gedächtnis und Vorstellungsvermögen (geheugen en verbeelding) lassen bestimmte vergangene Repräsentationen zurückkehren (83). Das Gedächtnis verfügt über Kapazität zur Speicherung von Informationen (88), die Vorstellungskraft bildet aus bestehenden neue Repräsentationen (92).

Aus all diesen „niederen“ Kräften der Fakultät bilden sich die „höheren“ heraus. Der Mensch verfügt über Verständnis und Verstand (verstand en rede). Bavinck betont die Unterscheidung von Repräsentation und Konzeption, Beobachtung und Verständnis, Wahrnehmung und Denken (93). Die niederen und höheren Formen des Erkennens beeinflussen sich gegenseitig (94). Ein wesentlicher Schritt für das Erkennen ist die Weiterentwicklung von Repräsentationen zu Konzeptionen durch den Akt des Denkens. Während Bavinck Verständnis (verstand) der Welt der Phänomene zuordnet, dringt der Mensch mit dem Verstand (rede) zu den ewigen und unsichtbaren Dingen vor (98). Denken ist der Prozess von Konzeptbildung, Beurteilung und Schlussfolgerung. Oder anders ausgedrückt: Verständnis ist die Fähigkeit zu wissen, Verstand die Fähigkeit zu verstehen bzw. das Wissen zu interpretieren.

Die Menschen verfügen über weitere Fähigkeiten, nämlich um ästhetische Urteile zu bilden und Dinge durch ihr Gewissen zu beurteilen (geweten en schoonheidsbesef, 104). Sie urteilen nach Standards von Schönheit. Bavinck geht dabei von einem gemeinsamen, dem Menschen übergeordneten Sinn für Schönheit aus, ebenso wie er ihm aufgrund seines Gewissens die Fähigkeit Wahres und Gutes zu erkennen, also ethische Urteilskraft, zuspricht. Wahres definiert er als Übereinstimmung von Sein und Wissen, Gutes von Sein und Wollen.

Das Selbstbewusstsein (zelfbewustzijn) gehört zu den höchsten Fähigkeiten der Fakultät des Erkennens. Mit dem Denken bildet der Mensch reines Selbstbewusstsein. Das heisst er unterscheidet sich selbst von der Umgebung und einzelnen Vorgängen (107). Selbstbewusstsein ist weder eine Substanz noch eine Fakultät in sich, sondern eine Aktivität des höheren Erkennens. Sie erfolgt unmittelbar und intuitiv. Selbstkenntnis ist dagegen das Ergebnis von Studium, Untersuchung und Reflexion.

Mit der Sprache (taal) kann der Mensch sein Leben anderen mitteilen (109). Nur so wird es möglich, einem Dritten Einblick in die Gedankenwelt zu geben. Sprache ist darum der Hauptgrund, warum der Mensch zum denkenden Wesen wird (110). Die Sprache ist nicht angelegt, jedoch die Fähigkeit zu sprechen.

Die Fakultät des Begehrens

Analog zur Fakultät des Erkennens identifiziert Bavink in der zweiten Fakultät des Begehrens (begeervermogen) unterschiedliche, in einem engen Zusammenspiel stehende Kräfte. Er unterteilt sie wiederum in niedere und höhere Strebungen. Allen Kreaturen ist der Impuls des Wollens eigen (120). Der Instinkt (instinct) spielt vor allem bei den Tieren eine wichtige Rolle (125). Signale und Repräsentationen gehen ihm voraus. Das eigentliche Begehren (begeeren) kommt in unterschiedlicher Form daher, etwa als Kraft, Gewohnheit, Wunsch, Verlangen, Notwendigkeit, Leidenschaft, Appetit und Zorn (127). Es geht um ein gewohnheitsmässiges Begehren, das über den Instinkt hinausgeht und entweder innerlich angelegt ist oder mit der Zeit angeeignet wurde (128).

Eine nächste Stufe bilden die Emotionen und Leidenschaften (aandoeningen en hartstochten). Emotionen beeinflussen die Seele, wirken sich aber auch auf den Körper aus. Leidenschaften sind starke Wünsche, die eine Person beherrschen können. Die Aktivitäten sind miteinander verwandt und fliessen ineinander über (134). Die Seele gleicht aber nicht dem flüssigen Wachs, der in alle möglichen Zustände gedrückt werden kann (137). Bavinck betont, dass die Gefühle nicht von der Fakultät des Begehrens getrennt werden dürfen (139).

Der Wille (will) bildet die höchste Stufe und ist wichtigste Fähigkeit. Er wird nur dann aktiviert, wenn das Verständnis etwas als erstrebenswert taxiert hat (147). Oftmals entsteht ein Konflikt zwischen Kopf und Herz, zwischen Verstand und Antrieb. Motive werden in ganz kurzer Zeit abgewogen (148). Die Entscheidungen müssen von der Ausführung unterschieden werden, ebenso die Person von den Umständen. Die Essenz des Willens liegt darin, auf Dinge zuzusteuern, die sie als gut erkannt hat (149). Durch den Willen herrscht der Mensch über die tieferen Stufen der Fakultät des Begehrens. Der Mensch ist Herr in seiner Burg, Herr seiner Persönlichkeit.

Über die Willensfreiheit

Das letzte Kapitel des Buches über die Willensfreiheit enthält interessante Überlegungen. Bavinck unterscheidet drei verschiedene Definitionen, die alle mit der Macht über sich selbst zu tun haben (152):

  • den Willen bzw. Nichtwillen etwas zu tun
  • die Wahl zwischen verschiedenen Optionen
  • die Wahl zwischen zwei oder mehreren Möglichkeiten, die einander entgegenstehen (ethische Entscheide). Wichtig ist insbesondere die Unterscheidung zwischen dem Willen, geistlich Gutes oder aber Gutes im ordentlichen Sinn des sozialen Lebens zu tun (153).

Die grosse Frage lautet: Wie steht die menschliche Willensfreiheit zu Gottes Vorherwissen und –bestimmung? Bavinck betont, dass die Reformation jeglichen Zwang ausschloss, nicht aber die Notwendigkeit (153). Von Gottes Seite aus bleibt alles geplant, sogar die Sünde, denn es entzieht sich nichts seiner Kontrolle (154). Es gibt zwei Denkschulen, welche die Spannung aufzulösen versuchen: Während die einen den freien Willen proklamieren, sehen die Deterministen eine ungebrochene Ursache-/Wirkungskette. Beide Seiten nehmen wichtige Argumente für sich in Anspruch (155). Wo steht Bavinck?

In der ihm typischen Weise gesteht er beiden Seiten legitime Anliegen zu. Der Wille des Menschen bleibt all seinen Motiven zum Trotz frei. Deutlich wird das z. B. am Verantwortungs-, Schuld- und Reuegefühl, das der Mensch zeigt. Im Wollen ist immer eine konkrete Person involviert, ebenso ihr Verständnis (156). Auf der anderen Seite tun die Vertreter eines freien Willens so, als ob es Freiheit gäbe alles zu tun, was der Wille auszuführen wünsche. Auf diese Weise wird der Wille von der Person und vom Kontext losgelöst, was pure Abstraktion und fern von der Realität ist (157). Wenn der Mensch sagen könnte „ich will es einfach“, dann würde er zum Schöpfer und Gott (158). Erziehung, Charakter und moralische Entwicklung wären so verunmöglicht. Bavinck sieht aber auch einen grossen Unterschied zwischen dem physischen, monistischen Determinismus des Islam und dem Prädestinationsverständnis von Calvin. Ersterer wird durch die alltägliche Erfahrung widerlegt: Die meisten Sünden geschehen nämlich wider besseres Wissen (159).

Der Theismus, so die Schlussfolgerung, der die Schöpfer-/Geschöpf-Unterscheidung aufrecht hält, löst das Problem des freien Willens nicht auf. Der Akt des Willens ist weder Syllogismus noch Metabolismus des Gehirns (160). Die Sphäre der ethischen Entscheidungen wird jedoch von eigenen, übergeordneten Gesetzen wie Schuld, Verantwortung, Verdienst, Bestrafung etc. regiert. Den Indeterminismus gibt es nicht, und der Mensch bleibt dennoch frei.

Die menschliche Freiheit ist deshalb weder willkürliche Entscheidung noch unumgänglicher Zwang, sondern eine „rationale Selbstfestlegung“ (160). Liebe ist beispielweise die höchste Form des Willens, eine ernsthafte, andauernde Richtung des Willens, Gutes anzusteuern. Oder in einem negativen Beispiel ausgedrückt: Der Alkoholiker weiss genau, dass es besser wäre nicht zu trinken; die Lust überwiegt alle anderen Motive. Die Entscheidung des Willens ist offenbar Resultat einer Reihe von Einsichten, Argumenten, Kräften, Wünschen und Leidenschaften (163). Der Mensch kann niemanden sonst beschuldigen, er bleibt das Subjekt seiner Taten.

Ohne die Sünde würden Begehren und Pflicht vollständig zusammenfallen. Freiheit und Verantwortung ist Teil der ethischen Natur des Menschen und kann weder mit physischer noch mit logischer Unmöglichkeit gleichgesetzt werden. Wer sündigt, ist ein Sklave der Sünde. Wo Gottes Ordnung übertreten wird, entstehen Schuldgefühle. Dem Menschen ist der Wille das wahrhaft Gute zu tun abhanden gekommen (164).

Bavincks Schluss des Buches ist bemerkenswert. Er sieht Allwissen, Prädestination und Vorauswissen als Basis und Grund der menschlichen Freiheit. Freiheit spiegle etwas von Souveränität wider. Es sei Teil der Imago Dei. Sogar die Freiheit, von der der Mensch Gebrauch mache um zu sündigen, sei immer noch ein Schatten seiner von Gott verliehenen Souveränität (165).

Gastbeitrag: Intensive Krippen-Betreuung als latent destabilisierender Einfluss

Familienministerin Sophie Karmasin meinte unlängst, dass sich die frühkindliche Fremdbetreuung positiv auf die Entwicklung insgesamt und auch auf die weitere Bildungskarriere auswirkt. In der Krippe sieht sie eine Bildungschance, die jenen Kindern verwehrt bleibt, die in den ersten drei Lebensjahren zuhause aufwachsen. Daraus schließt die Familienministerin, dass Krippen verstärkt zu fördern sind.

Heute gibt es aber eine Reihe aussagekräftiger Untersuchungen zu Fragen der sozio-emotionalen und kognitiven Entwicklung von Kindern in Tagesbetreuung. Unter der Regie des renommierten National Institute of Child Health and Development (NICHD) entwickelte eine Gruppe weltweit führender Spezialisten für frühkindliche Entwicklung Anfang der 1990er Jahre ein ausgefeiltes Untersuchungsdesign, in dem nahezu alle Faktoren berücksichtigt wurden, die für die kindliche Entwicklung relevant sind. Mehr als 1.300 Kinder, überwiegend aus weißen Mittelschichtfamilien, im Alter von einem Monat wurden in die Studie aufgenommen. Über einen Zeitraum von 15 Jahren wurden dann die kognitive Entwicklung und das Verhalten der Kinder detailliert gemessen.

Am beunruhigendsten war der Befund, dass Krippenbetreuung sich unabhängig von sämtlichen anderen Messfaktoren negativ auf die sozio-emotionalen Kompetenzen der Kinder auswirkt. Je mehr Zeit die Kinder kumulativ in einer Einrichtung verbrachten, desto stärker zeigten sie später dissoziales Verhalten wie Streiten, Kämpfen, Sachbeschädigungen, Prahlen, Lügen, Schikanieren, Gemeinheiten begehen, Grausamkeit, Ungehorsam oder häufiges Schreien. Unter den ganztags betreuten Kindern zeigte ein Viertel im Alter von vier Jahren Problemverhalten, das dem klinischen Risikobereich zugeordnet werden muss. Später konnten bei den inzwischen 15 Jahre alten Jugendlichen signifikante Auffälligkeiten festgestellt werden, unter anderem Tabak- und Alkoholkonsum, Rauschgiftgebrauch, Diebstahl und Vandalismus. (Die Journalistin Kathleen Parker, deren familienorientierte Rubrik in der Washington Post in zahlreichen amerikanischen Zeitungen nachgedruckt wird, sieht in dem NICHD-Bericht einen Hinweis darauf, "dass wir eine Generation von Kindern erziehen, die für die Schule, aber nicht für die Gesellschaft vorbereitet wird".)

Noch ein weiteres, ebenfalls unerwartetes Ergebnis kristallisierte sich heraus: Die Verhaltensauffälligkeiten waren weitgehend unabhängig von der Qualität der Betreuung. Kinder, die sehr gute Einrichtungen besuchten, verhielten sich fast ebenso auffällig wie Kinder, die in Einrichtungen minderer Qualität betreut wurden. Grundsätzlich zeigte sich aber, dass das Erziehungsverhalten der Eltern einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Entwicklung ausübt als die Betreuungseinrichtungen (Der Abschlussbericht zu dieser „größten Langzeitstudie zur frühkindlichen Fremdbetreuung von Kleinkindern in den USA“ wurde in der Zeitschrift "Child Development", März/April 2007 veröffentlicht).

Diese in den letzten zehn Jahren erhobenen Daten belegen, so Dr. Rainer Böhm, Kinder- und Jugendarzt mit Schwerpunkt Neuropädiatrie (Kongresspräsident der 63. wissenschaftlichen Jahrestagung der Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin 2011 in Bielefeld), dass es sich bei den Verhaltensauffälligkeiten, die in der NICHD-Studie registriert wurden, nur um die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs handelt. Dank einer neuen Technik konnten Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten Ende der 1990er Jahre bei Kleinkindern in ganztägiger Betreuung in zwei Daycare Centers erstmals das Tagesprofil des wichtigsten Stresshormons Cortisol bestimmen. Entgegen dem normalen Verlauf im Kreis der Familie – hoher Wert am Morgen und kontinuierlicher Abfall zum Abend hin – stieg die Ausschüttung des Stresshormons während der ganztägigen Betreuung im Verlauf des Tages an, ein untrügliches Zeichen einer erheblichen chronischen Stressbelastung.

Eine Meta-Analyse einer niederländischen Wissenschaftlerin, die neun ähnliche Folgestudien auswertete, bestätigte diese Ergebnisse. Somit muss als gesichert gelten, dass besorgniserregende Veränderungen des Cortisolprofils vor allem bei außerfamiliärer Betreuung von Kleinkindern auftreten, und das selbst bei qualitativ sehr guter Betreuung.

Cortisol-Tagesprofile, wie sie bei Kleinkindern in Kinderkrippen nachgewiesen wurden, lassen sich am ehesten mit den Stressreaktionen von Managern vergleichen, die im Beruf extremen Anforderungen ausgesetzt sind.

Vor allem Kinder im Alter unter zwei Jahren zeigten nach fünf Monaten qualitativ durchschnittlicher Krippenbetreuung Cortisol-Tagesprofile vergleichbar mit den Werten, die in den 1990er Jahren bei zweijährigen Kindern in rumänischen Waisenhäusern gemessen wurden. Diese Befunde lassen keinen anderen Schluss zu als den, dass eine große Zahl von Krippenkindern durch die frühe und lang andauernde Trennung von ihren Eltern und die ungenügende Bewältigung der Gruppensituation emotional massiv überfordert ist. Demnach wirkt sich die Krippenbetreuung weder kompensatorisch noch schützend aus.

Einige Textpassagen aus dem von Rainer Böhm verfassten Artikel "Die dunkle Seite der Kindheit" in der FAZ vom 4.4.2012: „Alles in allem steht fest, dass Krippenbetreuung die Stressregulation auch langfristig negativ beeinflusst. Und: Das in der Öffentlichkeit verbreitete Mantra ist falsch, alle Probleme der Krippenbetreuung ließen sich alleine mit Qualität lösen. Erhöhte Stressbelastung und vermehrte Verhaltensauffälligkeiten wurden mittlerweile auch bei ersten systematischen Untersuchungen zur U3-Betreuung in Tagespflege gefunden. Durch nichts zu belegen ist dagegen die Hoffnung auf Förderung des Sozialverhaltens, die viele Eltern derzeit einen frühen Krippenbesuch in Betracht ziehen lässt.

Eine signifikante, moderate Förderung der Lernleistungen kann nur bei hoher Betreuungsqualität erwartet werden. Diese ist in deutschen Krippen derzeit nur in Ausnahmefällen anzutreffen. Die von der Bertelsmann-Stiftung mit großem publizistischen Aufwand plakatierte hohe Rate an Gymnasialanmeldungen nach Krippenbetreuung ist daher eher auf höhere Ansprüche der Eltern zurückzuführen und nicht auf einen tatsächlichen Gewinn kognitiver Fähigkeiten."

Diese Befunde decken sich mit einer Studie über den "Zusammenhang zwischen Quantität, Art und Dauer von externer Kinderbetreuung und Problemverhalten", die Margit Averdijk vom Institut für Soziologie an der ETH Zürich im Jänner 2012 veröffentlichte. Die Resultate zeigen klar: "Kinder, die in den ersten Lebensjahren außerfamiliär in Gruppen betreut wurden, weisen mehr Problemverhalten auf." Dies äußerte sich in den Bereichen "Aggression, Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Syndrom ADHS, nichtaggressives Problemverhalten wie Lügen und Stehlen sowie Angst und Depression." Immerhin: «Das Problemverhalten schwächt sich mit den Jahren ab, bei elfjährigen Kindern ist es nicht mehr feststellbar», sagt ETH-Forscherin Averdijk.

Das ist beruhigend, aber vielleicht trügerisch: Ein paar Jahre später, so zeigen Jay Belskys Studien, also bei 15-jährigen Jugendlichen, machen sich die negativen Auswirkungen wieder verstärkt bemerkbar. Belsky vermutet, dass die früheren problematischen Verhaltensmuster mit dem Eintritt in die Pubertät wieder aktiviert werden und einen Einfluss auf das Risikoverhalten und die Impulsivität haben. Dieser Negativ-Effekt wird nicht aufgehoben durch den leichten Vorsprung an kognitiven Fähigkeiten.

Auch Jesper Juul, renommierter Familientherapeut und Gründer von Familylab International, stellt heraus: ‚Kinderkrippen sind nicht immer so toll, wie sie allenthalben angepriesen werden. Er stellt lakonisch fest: «Kinderkrippen sind nicht für das Wohlbefinden der Kinder geschaffen worden».

Wissenschaftliche Studien bestätigen seine Aussage und zeigen, dass Krippenkinder nicht per se schlauer, früher entwickelt und sozial kompetenter sind. Im Gegenteil: Vor allem bei Kindern, die schon früh, also im ersten Lebensjahr, während mehr als zehn Wochenstunden in einer Krippe betreut werden, leiden das soziale Verhalten und die psychische Gesundheit.

Das haben Wissenschafter rund um den Engländer Jay Belsky, heute Psychologieprofessor an der University of California in Davis, USA, mit einer groß angelegten, inzwischen 15 Jahre andauernden Langzeitstudie belegt. «Eine geringfügige Verbesserung in kognitiven Fähigkeiten wie Spracherwerb oder Lesenlernen» attestiert Belsky den untersuchten 1300 Kindern. Zugleich aber auch «vermehrt Aggressivität, unangepasstes Risikoverhalten und soziale Auffälligkeiten». Umso mehr, betont Belsky, dürfe man diese Resultate nicht vernachlässigen, auch wenn der Effekt auf den ersten Blick klein sei: Gemäß Studie können «krippenerfahrene» Kinder später mit ihrem Problemverhalten ihre Kindergarten- oder Schulklasse entscheidend prägen. Alles in allem ist Belsky überzeugt, dass der Effekt am Ende gar nicht so gering ist: unter anderem, weil eine immer größere Anzahl von Kindern davon betroffen sein wird.

Deshalb, so monierte der Psychologe unlängst in einem Fachbeitrag, «ist es nicht länger haltbar, dass Entwicklungswissenschafter und Krippenverfechter die Auffassung verleugnen, dass frühe und extensive Krippenbetreuung, wie sie in vielen Gemeinden verfügbar ist, ein Risiko für kleine Kinder und vielleicht die ganze Gesellschaft darstellt». Auch diese Forschungsergebnisse decken sich mit der schon erwähnten Studie von Margit Averdijk vom Institut für Soziologie an der ETH Zürich:

Eine Untersuchung zum Einfluss der Sprachförderung in den Krippen Berlins ergab, dass hier kaum oder sogar negative ‚Erfolge’ feststellbar waren. Dieses Ergebnis nahmen die Sozialforscher eher verwundert zur Kenntnis, weil ja die politische Diskussion ständig die große Bedeutung der Sprachförderung, besonders für Kinder aus den bildungsferneren Bevölkerungsgruppen unterstrich. Kinderpsychologen überrascht dies gar nicht. Ihre Erklärung: Wie sollte im täglichen Multikulti-Gebrabbel von Krippenkindern jemand die deutsche Sprache erlernen? Dazu wäre die direkte Ansprache der Erzieherinnen und – falls vorhanden – Erzieher notwendig. Denen fehlt jedoch dazu – auch wegen eines zu großen Betreuungsschlüssels und ständigem Personalausfall – zwischen akuten Interventions-Notwendigkeiten, Baby-Wickeln und wichtigen Organisations-Arbeiten nicht nur die Zeit, sondern oft auch eine eigene Befähigung in der Anwendung der deutschen Sprache, besonders auf dem Hintergrund des großen Anteils an Krippen-Mitarbeiterinnen mit eigenem Migrations-Hintergrund. Fazit eines Kinderpsychologen: Ein ständiges Wiederholen der These, dass die Krippe eine große Sprachförderung ermögliche, macht diese Behauptung keinesfalls richtiger.

Anna Wahlgren – sie gilt als Familien-Kämpferin Schwedens und bezeichnet sich selbst als Feministin mit Blick für das Kindeswohl – in einem Interview: „Auf der ganzen Welt gibt es keinen Einjährigen, der sich freiwillig und gern von den Eltern und dem Zuhause verabschiedet, um den Tag irgendwo anders zu verbringen. Wir ignorieren die Bedürfnisse der Kleinen – und tief drinnen wissen wir das. Aber unser politisches und wirtschaftliches Denken trübt den Blick fürs Kindeswohl. Um den Kindern häusliche Geborgenheit zu ermöglichen, hält sie es für nötig und für möglich, die richtigen Prioritäten zu setzen: Dass man „ein paar Jahre lang von wenig Geld leben kann, wenn man seinen Lebensstandard herunterschraubt.“ Mehr als 70 Prozent der Schweden wollen das. Auch. Ihr Credo in Kürze: In den ersten drei Jahren brauchen Kinder feste Bezugspersonen. Im Tierreich werden die Jungen auch nicht zu früh „aus dem Nest geworfen“.

Carola Bindt, Kinder- und Jugendpsychiaterin an der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf, hat bei ihren Untersuchungen von Krippenkindern einen höheren Stresspegel (gemessen am Cortisol-Spiegel im Blut) festgestellt, als bei Kindern, die zu Hause oder von einer Tagesmutter betreut wurden. "Bei Kindern in der Krippe steigt dieser Wert im Lauf des Tages noch höher an", Dieses Mess-Ergebnis zeigt für sie nun nicht, dass alle Kinder in Krippen dauerhaft überfordert sind. Allerdings kann ein konstant hoher Stresslevel besonders bei anfälligen Kindern zu psychischer Auffälligkeit führen: "Sie sind aggressiver, impulsiver, kommen schlechter mit Belastung zurecht und können sich schlechter sozial integrieren", erklärt die Kinderpsychiaterin.

Dennoch widerspricht Bindt jenen Hardlinern, welche die Krippe verteufeln wollen: «Nicht die Krippen abschaffen – sondern die Qualität verbessern», fordert sie dringend. Das heißt für sie: «Altersgetrennte Gruppen, das gibt deutlich weniger Stress, und genügend Betreuungspersonen, die nicht nur pädagogisch gebildet sind, sondern vor allem feinfühlig auf die Kinder eingehen können und ihre Bedürfnisse verstehen. Und last, but not least eine möglichst geringe Betreuungszeit, vor allem bei den ganz Kleinen – wenn möglich lieber einen Vierstundenplatz statt einen Achtstundenplatz buchen und die Kinder so früh wie möglich wieder abholen.»

Sie findet es jedoch sehr wichtig, dass Mütter, die aus finanziellen oder gesundheitlichen Gründen gar keine Wahl haben, sich nicht zusätzlich von ihrem schlechten Gewissen zermürben lassen: «Kinder aus einem sozial schwachen Milieu können von einer qualitativ guten Kinderkrippe sogar profitieren, und das gelingt noch besser, wenn die Eltern sie dann entspannt wieder abholen.» Jay Belskys Langzeitstudie zeigt gar, dass ein günstiges familiäres Umfeld die negative Auswirkung von schlechten Kinderkrippen wieder aufwiegen kann.

Auch wenn viele Anhaltspunkte dafür existieren, dass Kleinstkinder bei Tagesmüttern in der Regel besser aufgehoben sind als in Krippen, verlangt auch diese Betreuungsform nicht selten zu viel. Ein Beispiel aus der Nachbarschaft von guten Freunden: Jeden Morgen dasselbe Weinen, wenn die gut einjährige Sarah von ihrer als Lehrerin tätigen Mutter um Punkt 7.30 Uhr zur Tagesmutter gebracht wird. Täglich dasselbe Ritual: „Du musst nicht weinen, bei Frau X ist es doch so schön. Gleich kommen auch wieder die anderen Kinder." Das Kind weint noch schluchzender. „Begreif doch, ich habe jetzt keine Zeit; ich muss pünktlich in die Schule, wo all die Kinder auf mich warten. Heute Nachmittag habe ich wieder mehr Zeit. Tschüs, ich hab dich lieb!“ So stressig beginnt in der Regel der Tag für Sarah. Jeden Morgen scheint sich erneut in ihrem kleinen Köpfchen das gleiche Gedankenkarussell zu drehen: „Ich bin Mama wichtig, so sagt sie, aber dann lässt sie mich hier im Stich. Also hat sie mich doch nicht lieb, bin ich ihr also nicht wichtig. – Nein, sie drückt mich doch immer so fest und gibt mir ein Küsschen. Aber die Kinder in der Schule sind ihr wichtiger, sonst bliebe sie ja bei mir.“ – „Tschüs, ich hab dich lieb!“ Wer kann eine solche Botschaft begreifen, ohne bitterlich zu weinen!

Bei aller Kritik an einer durch Staat, Medien, Wirtschaftsverbände und vielen Eltern favorisierten U3-Betreuung in Krippen oder bei Tagesmüttern ist das Ausmaß eines Erfolgs bzw. Misserfolgs dieser Aufwachsbedingungen von folgenden Faktoren abhängig:

  • Kommt ein Kleinkind direkt nach der Mutterschutz-Zeit (eine Säuglings-Schutz-Zeit gibt es noch nicht) oder – eine entsprechende Reife vorausgesetzt – im Alter von gut zwei Jahren in die Betreuung?
  • Wie zeitlich-emotional einfühlsam verlief bzw. verläuft für den Säugling bzw. das Kleinstkind die Phase des Hineinfindens in die Betreuungssituation?
  • Für wie viele Stunden täglich und wie viele Tage in der Woche ist ein Kleinkind in der Betreuung?
  • Existiert eine – belegbar und nicht deklariert – gute oder indifferente Mutter-/Elternbindung?
  • Sind Vater oder Mutter bei auftretenden Problemen schnell erreich- und verfügbar?
  • Achten Eltern und Betreuungspersonal auf ein abgestimmtes erzieherisches Vorgehen und informieren sie sich täglich gegenseitig über Entwicklungsschritte oder Vorfälle? (Das Personal beklagt ständig, dass Eltern beim Hinbringen und Abholen gar keine Zeit für wichtige Infos haben)
  • Wie viel belegbare Bindungs-/Umgangs-Zeit erhält das Kleinstkind innerhalb der Familie?
  • Handelt es sich um ein Angebot mit hoher oder durchschnittlicher Qualität und durch welche Kriterien wird dies deutlich?
  • Ist die Konstanz der Ersatz-Bezugspersonen innerhalb der Einrichtung groß oder wechseln diese häufig in der Kleinkindphase (bei Schichtdienst ist das unabhängig von einem möglichen Stellenwechsel täglich der Fall)?

Die wichtigsten Befunde weisen in dieselbe Richtung: Je früher und länger Kleinkinder in der Krippe oder anderen außerhäuslichen Betreuungs-Diensten verbringen, desto umfangreicher sollte mit mangelhafter individueller Förderung bzw. auftretenden Störungen gerechnet werden.

Zu diesen Zusammenhängen äußert sich der häufig als Krippen-Befürworter bemühte Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios Fthenakis (Gutachter der deutschen Bundesregierung, langjähriger Leiter des staatlichen Instituts für Frühförderung in München, Mit-Herausgeber des Familien-Online-Handbuches) in einem TAZ-Interview: "Die Bindungsqualität ist heute genauso so wichtig, wie früher (…). Die Eltern lassen sich durch nichts ersetzen (…). Man kann aber das Aufwachsen des Kindes bereichern, wenn es in eine Einrichtung von hoher Qualität geht."

Er führt weiter aus: „Bei Kindern unter zwei Jahren muss man sehr individuell schauen. Ich empfehle den Eltern, das Kind erst ab 18 Monaten in eine Einrichtung zu bringen. Vorher sollte es aber viel Kontakt mit Gleichaltrigen haben, etwa in Spielgruppen. Das Familiensystem bloß nicht geschlossen halten.“ Aber es gibt kein Konzept für alle, jedes Kind ist anders. „Ich habe meinen Sohn in die Krippe gebracht, und als ich sah, wie er reagiert hat, habe ich ihn wieder herausgenommen.“

Es ist höchste Zeit, die Dauer pro Tag, die Qualität der Betreuung, das Alter des Kindes, die ganz persönlichen Umständen einer Familie und die speziellen Bedürfnisse des Kindes in den Fokus der Forschung und des politischen Argumentierens zu rücken, fasst Jay Belsky zusammen. Er ruft auf, in der ganzen Diskussion, die er auch schon als «Krippenkrieg» bezeichnete, die humanitären Überlegungen nicht zu vergessen: «Was wollen nicht nur Mütter, Väter, Politiker und die Gesellschaft,sondern was wollen die Kinder

Dr. Albert Wunsch ist Psychologe, Diplom-Sozialpädagoge, Diplom-Pädagoge und promovierter Erziehungswissenschaftler. Er ist Vater von 2 Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern. Seine Bücher: Die Verwöhnungsfalle, Abschied von der Spaßpädagogik, Boxenstopp für Paare und: Mit mehr Selbst zum stabilen ICH – Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung, lösten ein starkes Medienecho aus und machten ihn im deutschen Sprachbereich sehr bekannt.

Post Navigation