Zitat der Woche: Post-Naivität

… there is almost no line between social criticism and philosophy of education. There is almost no line between describing our fallen human condition and proposals for what we should do, almost no line between the satirizing of human folly and the search for true wisdom. The philosophy of culture describes the human predicament, for which the answer is ultimately theological. … this means that education in a postmodern world has to revert to story-telling, even telling stories that might be meta-narratives, in order to find our way out of the reduction of education that has resulted from the modern rationalism represented by Descartes. The human mind needs stories, even a big redemptive story, in order to be truly interested in or to find meaning in the information learned by rational or empirical means. Wow! What an alternative to the dehumanizing of education that easily makes school boring! And what an alternative to both modernity and postmodernity! Let me suggest we need a new adjective to describe the either very new or very old philosophy of life and education represented here.

… Humanity, under the perceptions instigated by Descartes, is merely a thinking entity that exists because it thinks, reduc- ing our perceptions of our own humanity. With specific irony, Cartesian modernity and postmodernity did not free us from immaturity or from the clutches of tradition and authority. They cost us a dimension of our humanity, the ability to perceive both our own fallenness and our dignity. The new adjective I think we need for a better philosophy of life and education after modernity and after postmodernity is post-naïve.

Thomas K. Johnson, in: Jan Hábl, Teaching and Learning Through Story. VKW: Bonn, 2014.

Literaturhinweise: Heirat & Ehe

Mathias Penatzer hat eine Liste zum Thema Heirat und Ehe zusammengestellt.

  1. Reforming Marriage – Douglas Wilson
  2. For A Glory and a Covering – Douglas Wilson
  3. Love That Lasts – Gary & Betsy Ricucci
  4. Federal Husband – Douglas Wilson
  5. Wenn Sünder sich das Ja-Wort geben – Dave Harvey
  6. The Intimate Marriage: A Practical Guide to Building a Great Marriage - R.C. Sproul
  7. Der Geistliche Ehemann – Lou Priolo
  8. Sexual Detox: A Guide for Guys Who Are Sick of Porn – Tim Challies
  9. False Messages: A Guide for the Godly Bride – Aileen Challies
  10. Sex, Romance, and the Glory of God: What Every Christian Husband Needs to Know – C. J. Mahaney und Carolyn Mahaney
  11. Einfach himmlisch!: Was die Ehe über Gott zeigt – John Piper
  12. Ehe: Gottes Idee für das grösste Versprechen des Lebens. - Tim & Kathy Keller

An guter Literatur fehlt es nicht.

Buchbesprechung: Eine monumentale Augustinus-Biografie (II)

Peter Brown. Johannes Bernard (Herausgeber). Augustinus von Hippo. Sociëtäts-Verlag: Frankfurt, 1973. 499 Seiten. Antiquarisch ab 11 Euro.

Zum ersten Teil der Besprechung geht es hier.

Anklänge an die heutige Zeit

Zahlreiche Aspekte, die ich bisher schon erwähnte, hob ich deshalb hervor, weil sie Licht auf aktuelle Herausforderungen werfen. Augustinus wuchs ähnlich wie wir in einer „harten Wettbewerbswelt“ heran (17). Wie heute manche Christen war er zutiefst von der Überweltlichkeit angetan, damals ausgearbeitet in den Gedanken des christlichen Platonismus (77). Ähnlich wie Plotinus werden sie im „‘Hier‘ der seinen Sinnen vertrauten Welt … von der zeitlosen Beschaffenheit des ‚Dort‘ einer anderen Welt verfolgt“ (80). Während seines Rückzugs nach Cassiciacum im Jahr 386 schrieb er Dialoge, in denen er seine „Ideale als Bestandteil eines Planes moralischer Erziehung“ verkündigte (103) – derselbe Impuls wie für manch anderen Denker innerhalb der Pädagogikgeschichte. Auch Augustinus spürte bei sich die „Ruhmliebe, das Bedürfnis, sich von anderen bewundert und geliebt zu fühlen“ (178).

Darstellung der Theologie

Als Theologe interessierte mich insbesondere: Wie schaffte es Brown als Historiker, die Theologie des Gottesmannes ausgewogen darzustellen? Dem Autoren gelingt es meines Erachtens, die Auseinandersetzungen und Kämpfe in die Nähe von eigenen Erfahrungen rücken zu lassen.

Nehmen wir als erstes Beispiel den Abriss über die „Bekenntnisse“. Augustinus schrieb die Autobiografie, seine grosse Innenschau, „in der Einstellung eines Arztes, der sich erst seit kurzem, und daher um so eifriger, einer neuen Behandlungsmethode widmet“ (155). Augustinus sah darin seine Vergangenheit als eine Einübung für die gegenwärtige Aufgabe (140). In der Lebensmitte stehend, spürt man die „Spannung zwischen dem ‚Damals‘ des jungen Mannes und dem ‚Jetzt‘ des Bischofs“ (142).  Augustinus ist zu Beginn gespannter Hörer, „unruhig, ein unbussfertiger, unbequemer Fragesteller, vor allem aber herrlich egozentrisch“ (145). Die Gedanken sind „durchtränkt von einer Empfindung der Allgegenwart Gottes“ (146) und durchdrungen von starkem „Gespür für Gottes Handeln im Leben des Augustinus“ (152). Die Beobachtungen Browns bleiben innerhalb der sachlich-darstellenden Grenzen des Historikers. Gleichzeitig versteht er es, wichtige Zusammenhänge darzustellen. Er zeichnet auf geniale Weise die Wendung hin zur Beschäftigung mit der Vorsehung Gottes und der Verdorbenheit des Menschen nach, z. B. hier: „Vor allem war da das brennende Problem der offenkundigen Dauerhaftigkeit des Bösen im menschlichen Handeln.  … Der Mensch fand sich in anscheinend unumkehrbare Verhaltensweisen verstrickt und zwingender Nötigung unterworfen, sich auf eine Weise zu verhalten, die seinen guten Absichten zuwiderläuft, und in trauriger Unfähigkeit, Gewohnheiten abzulegen, die sich verfestigt hatten.“ (128)

Ein zweites Beispiel bietet die Beschreibung des monumentalen Buches „Der Gottesstaat“. Angesichts der Plünderung Roms und des Vorwurfs, dass dies Ausdruck des Zorns der Götter auf die Christianisierung zurückzuführen sei, „stand sein Ruf auf dem Spiel, und zwar vor einem sehr differenzierten und fordernden Publikum“ (264). Das Buch sei „ein Denkmal der literarischen Kultur des späten Kaiserreiches“ (265) und wurde in der römischen Literatur als „ein Werk des ‚christlichen Nationalismus‘“ eingestuft (267). Seine Beschreibung der Platoniker zeige, dass „ein Teil der heidnischen Vergangenheit in Augustinus noch lebendig war“ (268). Was sich auch als ein Werk reiner Bibelauslegung hätte entwickeln können, formte sich „zu einer wohlüberlegten Auseinandersetzung mit dem Heidentum“ (272). Augustinus verstand es zudem in den folgenden Jahren im Werk selbst wie auch in seinen Predigten den Christen all das zu geben, was „eine demoralisierte Gruppe hörten musste. Er gab ihnen den Sinn für Identität wieder…“ (274). In Ep. 138,1,5 schrieb er dazu passend: „Gott ist der unwandelbare Schöpfer wie auch Erhalter aller sich wandelnden Dinge.“ (278) „Worum es im ‚Gottesstaat‘ und in Augustinus‘ Predigten ging, war die Fähigkeit der Menschen sich nach etwas anderem zu ‚sehnen‘…“ (282)

Das dritte anschauliche Beispiel bietet die Behandlung der Auseinandersetzung mit den Pelagianern. Die Botschaft des Pelagius lautete: „Da die Vollkommenheit dem Menschen möglich ist, so ist sie verpflichtend.“ (zit. S. 299) Dieser „tödliche Perfektionismus der Pelagianer war ihm zuwider.“ (285) „Wie viele Reformer legten auch die Pelagianer die erschreckende Last völliger Freiheit dem einzelnen auf. Er war für jede seiner Handlungen verantwortlich. Daher konnte jede Sünde nur ein vorbedachter Akt der Gottesverachtung sein.“ (306) Mit Pelagius stand Augustinus erstmals ein gleichwertiger Gegner gegenüber. Augustinus’ Sieg war ein Sieg „des durchschnittlichen, gut katholischen Laien des späten Kaiserreiches über ein strenges, reformierendes Ideal“ (305). Während der ganzen Kontroverse war Augustinus in der Lage „seine Alternative zum Ideal des christlichen Lebens“ darzulegen – und dies in übervollen Kirchen (320). Brown gesteht Augustinus ein „tiefes Gespür für das Wesen des menschlich Bösen“ zu. „Nach Pelagius war menschliche Sünde wesentlich oberflächlich – eine Sache der Wahl.“ (321) Augustinus stellte dem eine „Mentalität der Abhängigkeit, eine Betonung der absoluten Notwendigkeit der Demut und der Idee eines ‚allgemeinen Zusammenbruchs‘ des Menschengeschlechts“ gegenüber (322). Seine Kritik betraf nicht so sehr den „Optimismus bezüglich der Menschennatur als vielmehr die Tatsache, dass ein solcher Optimismus auf einer durschaubar unangemessenen Ansicht über die verwickelte Vielfalt menschlicher Motivierung zu beruhen schien“ (325). Pelagius setzte dazu voraus, „dass die Gewährung einer guten Umgebung die Menschen direkt zum Besseren beeinflussen kann.“ (326) Damit schien eine Glückseligkeit, die es in der Vergangenheit gab, „durch eine Willensanstrengung in der Gegenwart“ wieder möglich (334).

Empfehlung

Augustinus hat unglaublich viel geschrieben. Das widerspiegelt sich auch in dieser Besprechung. Mit „Q“ notierte ich mir Hinweise z. B. über junge Ehemänner (33), Freundschaft (53), das Konkubinat (74), ein Gespräch mit seiner Mutter kurz vor deren Tod (111), über die Gartenarbeit Adams und Evas (123), über den ersehnten Frieden (126), über die Notwendigkeit gesellschaftlichen Drucks (208). Der befähigte Bibelausleger verstand es den Inhalt eines Psalms zu Leben zu erwecken (223) und sich begeistert über das Heben biblischer Schätze zu äussern (230). Angesichts der grossen Umwälzungen „zerpflückte er sofort die konservative Voraussetzung, dass der Wandel stets anstössiger sei als das Beharren“ (276). Er verstand es über den sündhaften Zustand der Menschen präzise Aussagen zu treffen (318+354) und den Hunger und die Sehnsucht nach dem ewigen Leben zu wecken (329). Angesichts der Tragödien des menschlichen Lebens verstand er es auch, die Vorsehung Gottes eindrücklich darzustellen (347+350). Er selbst fürchtete sich davor, dass aus seinen zahlreichen Werken „vieles gesammelt werden kann, das, wenn schon nicht falsch, so doch unnötig scheinen oder sich gar als unnötig erweisen sollte.“ (376)

Die Fülle der Zitate, ergänzt mit einem ergiebigen Literaturverzeichnis, Zeittafeln und einer Übersicht über seine Schriften machen das Buch zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk. Die Einbettung der Biografie in das historische Umfeld gelingt Brown wie kaum einem anderen. Wer neben zu Krimi, Ratgeber oder einem zeitgenössischen Roman eine tiefschürfende Alternative sucht, dem sei dieses Buch empfohlen.

Kinder in die Selbständigkeit begleiten (9): Dem eigenen Frust auf die Spur kommen

Ausgangslage

Es fällt uns Eltern auf, dass unser zweiter Sohn bei der Erarbeitung des Lernstoffs an verschiedenen Stellen des Tages unzufrieden wird. (Anmerkung: Wir unterrichten zu Hause.)

Ungünstig

Die Unzufriedenheit breitet sich aus, der Lernunwille wächst. Auch für Dinge, die er eigentlich gerne macht, kann er sich nur noch mit Überwindung aufrappeln. Er beginnt seine Brüder zu stören und hält sie von ihren Aufgaben ab. Oft entlädt sich sein Unmut gegenüber uns Eltern. Wir werden dafür verantwortlich gemacht, dass die Arbeiten nicht vorwärts gehen, er Inhalte nicht versteht und dass wir nicht rechtzeitig zur Stelle sind, wenn er Unterstützung braucht.

Alternative

Wir gehen erst einmal den Signalen der Unzufriedenheit nach. Wann innerhalb des Tagesverlaufs treten sie auf? Gibt es Regelmässigkeiten? Wann beginnt es? Wann und warum hört es wieder auf? Wie lief der Vortag?

Uns fiel dadurch auf, dass unser Junior eine andere „Energiekurve“ als seine Brüder hat. Er taut erst gegen Mitte des Vormittags auf, arbeitet gerne am späteren Nachmittag und dreht dann nochmals richtig auf, wenn alle anderen müde sind.

Zudem bemerkten wir, dass er jeweils Anlauf nehmen muss, um in ein neues inhaltliches Thema hineinzukommen. Einmal angekommen, möchte er nicht mehr aufhören und unbedingt einigen Fortschritt sehen. Dabei kommt ihm seine Müdigkeit in die Quere. Gleichzeitig schielt er auf seine Brüder und bemerkt, dass es bei ihnen anders läuft.

Wir begannen diese Beobachtungen durch Nachfragen mit ihm zu besprechen. Unser Ziel ist es dabei, dass er selbst seine Müdigkeitsgrenzen bemerkt. Auch seine Reaktion thematisieren wir: Warum wächst der Lernunwille und Widerstand? Warum machen dich diese Grenzen wütend? Wie reagierst du darauf? Diese Fragen besprechen wir gemeinsam im Gebet.

Aus diesen Gesprächen wuchsen neue Ideen. Unser Sohn beginnt sein Lernen anders zu strukturieren. Er setzt sich zeitliche Grenzen oder wechselt die Lernaktivität. Und siehe da: Er merkt, dass sich Stimmung und Resultate verändern. Wichtig ist uns, dass diese neue Selbstwahrnehmung von der Erkenntnis begleitet ist, dass Gott aktiv in sein Leben eingreift. Sonst erwächst das nächste Problem: Das Überwinden von Schwierigkeiten wird eine Angelegenheit, die durch eigene Anstrengung zu bewältigen ist.

Gastbeitrag: Familienandachten nach Charlotte Mason

In der Serie über den Bildungsansatz von Charlotte Mason widme ich mich der wichtigen Frage: Wie gestaltet man Familienandachten nach Charlotte Mason?

Schon die Kleinkinder integrieren: Kleinkinder merken, was den Eltern wichtig ist. Sie nehmen die Atmosphäre stark in sich auf. Darum: Kurzandachten sind schon vor dem Verstehen und dem Lesen wichtig. Wir lasen, beteten und sangen mit unseren Kindern, bevor sie alles verstanden. (Diesen Hinweis verdanke ich Herman Bavinck und seinem Buch „The Sacrifice of Praise“.)

Die eigene Bibel: So bald ein Kind lesen gelernt hat, machte es mit Papa einen Ausflug, um eine schön gedruckte Bibel zu kaufen. Solche Ereignisse müssen zelebriert werden. Ich spare weder Geld noch Mühe, um an gute Bücher zur Bibel heranzukommen. Auch das kommuniziert gegenüber den Kindern.

Tägliche Lektüre: Die drei Älteren halte ich an, täglich einen Abschnitt zu lesen. Ich fordere sie morgens, bevor ich aus dem Haus gehe, dazu auf und bete kurz, dass der Heilige Geist ihnen die Bibel aufschliesst. Am Abend frage ich nach, was sie gelesen haben. Sie fassen in 30 Sekunden zusammen.

Leitfragen fürs eigene Bibelstudium: Ab Mittelstufe baue ich diesen Dialog in Anlehnung an den Narrativen Ansatz aus. Ich erwarte Antwort auf zwei Fragen: Was lernst du über Gott? Was lernst du über den Menschen? (Mein Ältester liest zurzeit das Buch Hiob. Ich staune über seine Erkenntnisse.) Zudem beginne ich – wie Schaeffer Macauley geraten hat – mit Biografien und ersten Büchern zu ergänzen. Ich pilotiere gerade von C. S. Lewis „Dienstanweisung an einen Unterteufel“. Die Frage: Welche Strategien erkennst du?

Lesen während der Mahlzeiten: Von Cornelius van Til habe ich gelesen, dass bei ihm zu Hause täglich während den Mahlzeiten Gottes Wort gelesen wurde („Why I Believe in God“). Der Heilige Geist hat diese Konstanz in seinem Leben benützt. „Ich konnte gar nicht anders als glauben.“ Ich selber habe schon vielfach experimentiert. Über einige Jahre hielt ich die Kurzandacht während des Essens, allerdings erst dann, wenn der ärgste Hunger gestillt war. Die Aufmerksamkeit war jedoch stets geteilt.

Seit einigen Monaten halte ich die Andacht nach dem Abendessen. Die Jungs liegen zum Teil bereits in ihren Betten und schlagen ihre Bibeln auf. Ich frage zuerst nach dem Gehörten des Vortags und stelle zumeist einige Frage zur Bibelkunde oder zur Heilsgeschichte. Ich finde es wichtig, dass die Buben Gottes Wort im Zusammenhang und eingebettet in Raum und Geschichte verstehen und nicht als Märchen-, Geschichts- oder Tipp-Buch.

Während den Mahlzeiten möchte ich nicht ganz auf biblische Impulse verzichten. Darum repetieren wir oft zwischen zwei und fünf Bibelversen. Manchmal nehme ich auch den Kinderkatechismus hervor und repetiere zwei bis fünf Fragen.

Dieses doppelte Gerüst aus Andacht und Mahlzeiten bildet die Grundlagen für Gespräche „unterwegs“. Ich bitte Gott um Weisheit, dass er durch Erlebtes Gelegenheit gibt, das Gehörte direkt im Alltag zu verknüpfen.

Ich gebe zu: Andachten zu halten ist ein steter Kampf (siehe „Familienandachten – du wirst immer um sie kämpfen müssen“). Und er lohnt sich. Meine grössten Herausforderungen, die Schaeffer Macauley treffend erläutert: Belehrung von oben herab; Ungeduld und Müdigkeit; moralisieren im Stil von „du hast nicht…“.

Mehr zum Thema Andachten habe ich in diesem längeren Aufsatz „Andachten – das Mandat an den Vater“ zusammengetragen.

Buchbesprechung: …und er schweigt nicht

Nimm & lies hat die Buchbesprechung zum dritten Teil der Trilogie Schaeffers “… und er schweigt nicht” gepostet.

Die Frage der Erkennt­nis­theo­rie ist so aktu­ell wie 40 Jahre zuvor. Der Skep­ti­zis­mus ist unge­bro­chen. Er durch­dringt ins­be­son­dere die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten. Wenn wir Chris­ten uns doch mehr der herr­li­chen Alter­na­tive einer bib­li­schen Welt­an­schau­ung bewusst wären! Schaef­fer umreisst diese Sicht auf weni­gen Sei­ten. Auch wenn ich in der Zwi­schen­zeit eine Menge ande­rer Bücher gele­sen habe — die­ses Buch half mir vor Jah­ren, den Ein­stieg zu fin­den. Ich emp­fehle die­ses Buch wie die ganze Tri­lo­gie zur Lektüre.

P. S. Besonders wichtig ist ein solches Buch für Studenten der Geisteswissenschaften.

Aus den Medien: Nebentöne, Öde, Neugier, Aufregung

Nicht auf die Afrikaner hören?

Nebentöne an der katholischen Bischofssynode: ZENIT hat in einem (von Kardinal Kasper später dementierten Interview) den emeritierten Kurienkardinal mit folgenden Sätzen über afrikanische Bischöfe zitiert: „Sie sollen uns nicht zu sehr erklären, was wir zu tun haben“. Die Meldung und das Dementi.

221 Minuten Fernsehen pro Tag

Man muss sich das einmal ausrechnen: Geschlagene dreieinhalb Stunden pro Tag läuft die Kiste bei den Deutschen! Was man in dieser Zeit alles tun kann. Eine Tragödie!

Nancy Pearcey spricht in der grössten Pfinst-Baptistengemeinde Brasiliens

Hoffnungsvolles Publikum:

The church where I spoke is the largest and most influential in Latin America. It is a pentecostal Baptist church, but many (especially the university students) are reaching out for more than the experiential, emotional aspect of worship and are hungry for biblical worldview principles to answer the secular theories they must deal with in the classroom. The students have a wonderful balance of devotional fervor combined with intellectual curiosity.

Aufregung in Houston: Pastoren, zeigt eure Predigten!

Das ist schon dicke Post, auch wenn es abgeschwächt wurde.

Input: Van Tils Kritik an Karl Barth

Ich bin kein Barth-Kenner. So weit ich es abschätzen kann, ist die von John Frame zusammengefasste Kritik Cornelius van Tils berechtigt.

  1. Barth’s view of the ‘indirect identity’ between revelation and Scripture permits human beings to disagree with the teachings of Scripture, contrary to Scripture itself.
  2. Barth’s doctrine of God is irrationalist (or ‘nominalistic’, as Van Til sometimes says): God, for Barth, is ‘wholly other,’ able to change into the opposite of himself. It is also rationalistic: God is wholly revealed in Christ.
  3. Barth’s view of the ‘indirect identity of all men in and with God in  Christ as Geschichte’ has pantheistic overtones, although Barth seeks to guard against them. The same is true of his doctrine of ‘participation’, although Barth uses it to avoid the idea of a direct identity between man and God.
  4. His identification of Christ with his work of saving all men has an inescapable universalistic implication, even though Barth seeks to avoid that by an (irrational) appeal to the freedom of God.
  5. Salvation actually occurs not in events of calendar time such as the crucifixion and resurrection of Jesus, but in Geschichte, in which temporal distinctions do not exist. Calendar-time history partakes of Geschichte as an aspect of it and a pointer to it, but events in that history do not themselves bring salvation.
  6. To speak of God as both ‘hidden’ and ‘revealed’ in revelation is to deny to revelation any clear content to which human beings are unambiguously subject.
  7. Contrary to Barth, Scripture does teach that God determines the final destinies of human beings through his eternal decrees. To say this is not to think of human destiny apart from Christ. Christ is both the Savior of the elect and the ultimate judge of the wicked. One cannot state a priori that grace will save all people.
  8. To speak of the ‘ontological impossibility of sin’ and ‘sin as chaos’ (das Nichtige) turns ethics into metaphysics, the problem of reconciliation into the problem of overcoming finitude.
  9. Barth’s Gospel is essentially different from that of Scripture: Barth would announce to men that they are already in Christ, rather than urging them to repent and believe as God’s grace remove them from the sphere of wrath to the sphere of grace.

John M. Frame. Cornelius Van Til. An Analysis of His Thought. P & R: Phillipsburg, 1995. (364-365)

Gebet: Von Jugend auf war es mit uns jämmerlich

Gebet vor der Predigt

Gott und Vater unsers Herrn Jesu Christi. Gott aller Gnade und aller Barmherzigkeit! habe Du Lob und Dank für Deine gewaltige Gnade, welche Du erweisest Deinem Volk, daß Du Dein Wort wahr machst, das steinerne Herz aus dem Menschen wegzunehmen, wie Du gesprochen: Ich will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun. Reich bist Du doch an Erbarmen! Von Jugend auf war es mit uns jämmerlich, Du schontest unser, sonst wären wir verloren. Wie bist Du immerdar der Erste, um uns von der Gewalt des Satans zurückzuziehen, daß wir einen Schrecken bekommen vor Deinem Zorn, – und uns zu erfüllen mit Deiner Gnade, so daß wir es erfahren, daß Vergebung von Sünden für uns da ist, indem Du den Glauben an Deinen lieben Sohn schaffst. Ja, habe Dank für alle solche Güte und Gnade! Wie es auch mit uns steht, Du bleibst doch immerdar derselbige. Nein, Du lässest nichts unversucht, um uns zu rufen und uns zu bringen auf die Wege des Heils! Ach, gib uns Ohren, um zu hören, was der Geist zu der Gemeine spricht, und Hände, um es anzunehmen, was Du uns gibst! Amen.

Schlußgebet

Gott alles Heils, verherrliche Deine Gnade an uns! Gib uns Gnade, daß wir das Wort aufbewahren in einem ehrlichen Herzen und unser Heil erwarten durch Deine Gnade in Deinem lieben Sohne Jesu Christo, Segne uns, daß wir Deine Gnade fest halten. Amen.

Hermann Friedrich Kohlbrügge, 9. Juni 1873, Gebetsbuch hier.

Zitat der Woche: Systeme des Scheins

Vaclav Havel schreibt in seinem Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ (Rowohlt: Hamburg, 1989) über die Funktionsweise eines posttotalitären Systems. Mitten im sich damals abzeichnenden Umbruch in seinem Heimatland und seiner erneuten Haftstrafe schrieb er seine scharfsinnigen Beobachtungen auf.

Natürlich kann man nicht alles eins zu eins in eine andere Welt transferieren. Doch es gibt manche Parallele zur Funktionsweise von Systemen, seien das Familien, Unternehmen, Kirchgemeinden oder NPO. Wie viele Menschen führen ein Leben in Lüge um eines ruhigen Lebens willen!

Eine scheinbar belanglose Handlung

Ein Leiter eines Gemüseladens placierte im Schaufenster zwischen Zwiebeln und Möhren das Spruchband „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ (14)

Was dahinter steckt

… Wenn er es nicht getan hätte, könnte er Schwierigkeiten bekommen; man könnte ihm Vorwürfe machen, dass er keine ‚Dekoration‘ hat; irgend jemand könnte ihn sogar der Illoylität bezichtigen. Er hat es deshalb getan, weil es ‚dazu gehört‘, wenn man im Leben durchkommen will; weil das eine von Tausenden ‚Kleinigkeiten‘ ist, die ihm ein relativ ruhiges Leben ‚im Einklang mit der Gesellschaft‘ sichern. (14)

Was die Botschaft wirklich bedeutet

… Diese Parole hat die Funktion eines Zeichens. Als solches enthält sie eine zwar versteckte, aber ganz bestimmte Mitteilung. Verbal könnte man sie etwa so formulieren: Ich, der Gemüsehändler XY, bin hier und weiss, was ich zu tun habe; ich benehme mich so, wie man es von mir erwartet; auf mich ist Verlass, und man kann mir nichts vorwerfen; ich bin gehorsam und habe deshalb das Recht auf ein ruhiges Leben. Diese Mitteilung hat selbstverständlich ihren Adressaten: Sie ist ‚nach oben‘ gerichtet, an die Vorgesetzten des Gemüsehändlers, und ist zugleich ein Schild, hinter dem sich der Gemüsehändler vor eventuellen Denunzianten versteckt. (14-15)

Wenn die wirkliche Botschaft ausgehängt würde

… Beachten wir: Würde man dem Gemüsehändler befehlen, die Parole ‚Ich habe Angst und bin deshalb bedingungslos gehorsam‘ in das Schaufenster zu stellen, würde er sich ihrem semantischen Inhalt gegenüber bei weitem nicht so lax verhalten. Obwohl eben dieser Inhalt sich mit der verborgenen Bedeutung des Spruchbandes im Schaufenster diesmal absolut deckt. Der Gemüsehändler würde sich wahrscheinlich weigern, eine so unzweideutige Nachricht über eine Erniedrigung im Schaufenster auszustellen, es wäre ihm peinlich, er würde sich schämen. (15)

Sich den Spielregeln anschliessen

…Wir haben gesehen, dass die eigentliche Bedeutung des Spruchbandes des Gemüsehändlers überhaupt keinen Zusammenhang mit dem Text der Parole hat. Trotzdem ist diese eigentliche Bedeutung absolut klar und allgemein verständlich. Das ergibt sich daraus, dass alle den gegebenen Code kennen: Der Gemüsehändler deklarierte seine Loyalität … auf die einzige Art, auf die die gesellschaftliche Macht hört: Nämlich so, dass er das vorgeschriebene Ritual akzeptierte, dass er den ‚Schein‘ als Wirklichkeit akzeptierte, dass er sich den ‚Spielregeln‘ angeschlossen hat. (18)

Das Leben in der Lüge als Panorama des Alltags

… Das Erfordernis, dass sich der Gemüsehändler öffentlich äussert, scheint sinnlos zu sein. Es ist aber nicht sinnlos. Die Menschen beachten zwar seinen Slogan nicht, sie beachten ihn aber deshalb nicht, weil solche Parolen auch in anderen Schaufenstern, auf Dächern, auf Masten – einfach überall hängen; weil sie so etwas wie das Panorama ihres Alltags bilden. Dieses Panorama als Ganzes ist ihnen freilich sehr gut bewusst. Und der Slogan des Gemüsehändlers ist nichts anderes al ein kleiner Bestandteil von diesem grossen Panorama. (23)

Der gegenseitige Zwang den Spielregeln zu gehorchen

…. Ihre gegenseitige Gleichgültigkeit den Parolen gegenüber ist nur Trug. In Wirklichkeit zwingt einer den anderen durch sein Spruchband, das vorgegebene Spiel zu akzeptieren und dadurch auch die gegebene Macht zu bestätigen, einer hält einfach den anderen in Gehorsam. (24)

Die individuelle Motivation für das Leben in Lüge

… Sehr vereinfacht könnte man sagen, dass das posttotalitäre System auf dem Boden der historischen Bewegung der Diktatur mit der Konsumgesellschaft gewachsen ist. Hängt nicht die Tatsache, dass sich die Anpassung an das ‚Leben in Lüge‘ so allgemein und die gesellschaftliche ‚Autototalität‘ so leicht verbreitet haben, mit der allgemeinen Unlust des Konsummenschen zusammen, etwas von seinen materiellen Sicherheiten zugunsten seiner geistigen und sittlichen Integrität zu opfern? Mit seiner Bereitschaft, angesichts der äusserlichen Verlockung der modernen Zivilisation auf einen ‚höheren Sinn‘ zu verzichten, mit seiner Aufgeschlossenheit den Verlockung der herdenhaften Unbekümmertheit gegenüber? (26)

Die Konsequenzen des Ausstiegs

Stellen wir uns jetzt vor, dass sich unser Gemüsehändler eines Tages auflehnt und aufhört, Spruchbänder auszustellen, die er nur ausstellte, um sich Liebkind zu machen; dass er aufhört, zu Wahlen zu gehen, von denen er weiss, dass es keine sind; dass er anfängt, bei Veranstaltungen das zu sagen, was er wirklich denkt und genug Kraft findet, sich mit denen zu solidarisieren, mit denen sich zu solidarisieren ihm sein Gewissen befiehlt. Durch eine solche Rebellion wird der Gemüsehändler aus dem ‚Leben in Lüge‘ austreten, das Ritual ablehnen und die ‚Spielregeln‘ verletzen. Er wird wieder seine unterdrückte Identität und Würde finden, seine Freiheit zu verwirklichen. Seine Rebellion wird ein Versuch um das Leben in Wahrheit sein.

Die Rechnung wird ihm schnell präsentiert werden: Er wird seinen Posten verlieren und zum Beifahrer eines Lieferwagens degradiert werden. Sein Gehalt wird herabgesetzt. Seine Hoffnung, eine Urlaubsreise nach Bulgarien zu machen, wird er aufgeben müssen. Die weitere Schulausbildung seiner Kinder wird bedroht. Die Vorgesetzten werden ihn schikanieren, und seine Mitarbeiter werden sich über ihn wundern. (26-27)

Wer die Spielregeln verletzt

… Das System muss es tun, von der Logik seiner ‚Eigenbewegung‘ und Selbstverteidigung ausgehend: Der Gemüsehändler beging nämlich nicht nur irgendein individuelles, in seiner Einmaligkeit abgeschlossenes Vergehen, sondern er hat etwas unvergleichlich Gewichtigeres getan: Dadurch, dass er die ‚Spielregeln‘ verletzte, hat er das Spiel als solches abgeschafft. Er hat entlarvt, dass es nur ein Spiel ist. Er hat die Welt des ‚Scheins‘ zerstört, die Grundlage des Systems; er hat die Machstruktur dadurch verletzt, dass er ihre Bindungen durchlöchert hat; er zeigte, dass das ‚Leben in Lüge‘ ein Leben in Lüge ist. Er hat die Fassade des ‚Erhabenen‘ durchbrochen und enthüllt die wirkliche, das heisst ‚niedere‘ Basis der Macht. (27-28)

Die Macht des Lebens in Wahrheit

… stützt sich auf keine eigenen Soldaten, sondern sozusagen auf die ‚Soldaten ihres Feindes‘, nämlich auf alle, die in der Lüge leben und zu jeder Zeit – zumindest theoretisch – von der Kraft der Wahrheit ergriffen werden könnten…

Fazit

2014 sind viele alte Tabus gefallen. Dafür wurden eine Menge neuer geschaffen. Das Spiel geht weiter.

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