Aufsatz: Erhaltende Gunst und erlösende Gnade – über die Vermischung zweier Grundkategorien in Verkündigung und Seelsorge

Diese unheilvolle Vermischung bereitet mir Sorge. In der Ressourcenbibliothek von Evangelium21 ist eine kurze Abhandlung dazu erschienen.

Zahllose Predigten und christliche Ratgeber versorgen uns mit Ratschlägen und Tipps für ein besseres Leben. Im schlechteren Fall werden säkulare Gedankengänge fromm verpackt, im günstigeren Fall weise Ratschläge vermittelt: Besser erziehen, Konflikte bewältigen, eine spannendere Ehe führen, Freundschaften pflegen, Körper und Seele in der Balance halten, die Freizeit anregend gestalten oder Armut bekämpfen!

Es geht mir hier um die Beobachtung einer Verwechslung: Wo die Optimierung des diesseitigen Lebens in den Vordergrund rückt und die Priorität der Versöhnung mit Gott in den Hintergrund gedrängt wird, findet eine unheilvolle Verschiebung statt. Die erhaltende Gunst, die Gott allen Menschen zuteilwerden lässt, wird so mit der rettenden Gnade des Erlösers vermischt, ohne dass es vielen Leuten auffällt.

Zitat der Woche: Abschalten oder auftanken?

Hast du gewusst, dass viele Menschen keinen Tee trinken, weil sie ihn nicht wirklich schmecken können? Wenn man oft zuckerhaltige Getränke trinkt, dann stumpft das den Körper ab. Man schmeckt den weniger süßen Tee irgendwann nicht mehr so stark, obwohl er eigentlich sehr lecker ist. Hast du auch gewusst, dass es mit deinem Herzen ähnlich ist? Dein Herz sehnt sich nach einer tiefen Erfüllung, die nur Gott dir geben kann. Es ist ein Hunger nach Ihm und Seinem Wesen. Wir Menschen neigen aber dazu, diesen Hunger mit anderen Dingen zu füllen. Wenn wir nach einem langen Tag nach Hause kommen, dann legen wir uns doch erst einmal auf die Couch und schauen eine Serie oder holen unsere Youtube-Abos nach. Das nennen wir dann „entspannen“ oder „abschalten“. Was wir aber eigentlich machen, ist auftanken. Wir haben uns den Tag über verausgabt, mit anstrengenden Menschen zu tun gehabt und sind kraftlos. In diesem Moment merken wir eine gewisse Leere. Anstatt sie aber mit Gottes Gegenwart aufzufüllen, nehmen wir lieber den bequemen billigen Weg der Unterhaltung. Wenn wir so leben, stumpfen wir aber langsam ab wie ein Mensch, der keinen Tee schmeckt. Bei Gott aufzutanken, wirkt dann auf uns zu anstrengend oder gar sinnlos, weil wir den kostbaren Geschmack Seiner Gemeinschaft nicht gewohnt sind. Es wird dann zu etwas, das uns erschöpft und anstrengt, anstatt etwas zu sein, das uns erfüllt.

Joseph McMahon in Ein Leben zur Ehre Gottes, Band 2 (erscheint im September 2016)

Input: C. S. Lewis zu Männerfreundschaften

Freundschaft: Eine Randerscheinung

„In der Antike galt die Freundschaft als die glücklichste und menschenwürdigste alles Liebesarten, die Krone des Lebens und die Schule der Tugend. Aber die moderne Welt ignoriert sie völlig. … ‚Freundschaft‘ ist etwas ganz am Rande, kein Hauptgang im Bankett des Lebens.“

Weshalb? Lewis führt verschiedene Argumente an:

  • Wenige schätzen die Freundschaft, weil sie wenige erfahren.
  • Die erotische Liebe, die an allen Eingeweiden zerrt und das Zwerchfell flattern lässt, schien der „stillen, lichten, vernünftigen Welt frei gewählter Beziehungen“ den Rang abzulaufen.
  • Eine Weltanschauung, die das Kollektiv höher einschätzt als das Individuum, muss die Freundschaft auf dem höchsten Stand der Individualität schlechtmachen.
  • Frauen, die in alle Kreise der Männer eintraten, sind mitverantwortlich für den Niedergang der Männerfreundschaft.
  • Vorgesetze haben keine Freude an Freundschaften, weil jeder Freundeskreis eine Zelle potenziellen Widerstands darstellt.

Was ist der Hauptunterschied zwischen Liebschaft und Freundschaft?

„Liebende stehen sich gegenüber, ineinander versunken – Freunde stehen Seite an Seite, versunken in ein gemeinsames Anliegen.“

„Unter wahren Freunden ist jeder einfach der, der er ist; er steht für nichts anderes als für sich selbst. Keiner schert sich um Familie, Beruf, Klasse, Einkommen, Rasse oder Vorgeschichte der anderen. Natürlich erfährt man mit der Zeit das meiste. Aber beiläufig. Einzelheiten kommen nach und nach an den Tag…“

Freundschaft bringt im anderen etwas zur Geltung, was ohne ihn nicht da wäre

In jedem Freund steckt etwas, was nur irgendein anderer Freund voll zur Geltung bringen kann. Damit hat die Freundschaft eine Nähe zum Himmel, wo gerade die Schar der Seligen die Freude jedes einzelnen an Gott vergrössert.

Kameradschaft und Freundschaft

„Die Kameradschaft ist das Grundmuster der Freundschaft.“ Die Freude an der Zusammenarbeit, am Fachsimpeln, die gegenseitige Achtung. Freundschaft entsteht aus blosser Kameradschaft, wenn zwei oder mehr Kameraden entdecken, dass sie eine Einsicht, ein Interesse oder einen Geschmack teilen, der andern nichts bedeutet.

Inhaltliche Gemeinsamkeit

Freundschaft muss also einen Inhalt haben. „Wer uns zustimmt, dass irgendeine von andern kaum beachtete Frage höchst bedeutsam ist, kann unser Freund sein.“ „Wenn ich unter meinen Freunden bin, brauche ich eine halbe Stunde oder nur zehn Minuten, bis dieselben Meinungen und Massstäbe wieder unerschütterlich feststehen.“

Freundschaft ist unnötig wie Kunst und Philosophie

Freundschaften verhelfen der Gesellschaft nicht zum Leben, „sondern zum Wohlleben“. Sie besitzt keinen Wert für den Lebenskampf. „Die kleinen Freundeskreise, die der ‚Welt‘ den Rücken kehren – sie sind es, die sie verwandeln.“

„Das Merkmal echter Freundschaft besteht nicht darin, dass man einander hilft, wo Not am Manne ist (das versteht sich von selbst), sondern dass sich hernach überhaupt nichts ändert.“

Die Gefahr der Abschottung

Als Nachteil erweist sich die Abschottung von der Aussenwelt. Man steht in der Gefahr, sich selbst für eine Elite zu halten. „Freundschaft muss ausschliessen. Es ist ein kleiner Schritt vom unschuldigen und notwendigen Ausschluss zum Geist der Exklusivität.“ Gegenseitige Bewunderung darf nicht zum „Verein der gegenseitigen Beweihräucherung“ werden.

Was tun?

Also: „Kämpfe, lies, diskutierte, bete“ an der Seite eines Freundes!

Freundschaft „ist das Werkzeug, mit dem Gott jedem die Schönheiten der andern offenbart.“

C. S. Lewis. Wan man Liebe nennt. Brunnen: Basel, 1998. S. 63-94.

Systematische Theologie für die Familienandacht (17): Die Dreieinigkeit

Wir kommen gerade zu einem nächsten, den menschlichen Verstand übersteigenden Thema. Auch hier stützen wir uns auf das, was Gott von sich in der Bibel offenbart hat. Darum war es so wichtig, zuerst die Autorität seines Wortes klarzustellen. Wir können nur an zwei Orten beginnen: Entweder bei seiner eigenen Offenbarung oder bei unserem eigenen Verstand. Es gibt keinen neutralen oder voraussetzungslosen Denkrahmen.

Das Alte Testament bestätigt immer wieder, dass es nur einen wahren Gott gibt, den Schöpfer, der sich offenbart hat und der exklusiv angebetet und geliebt werden will (5Mose 6,4f; Jes 44,6-45,25). Das bestätigt auch das Neue Testament (Mk 12,29f; 1Kor 8,4; Eph 4,6; 1Tim 2,5). Sie spricht jedoch von drei Ausführenden, die zusammen das Werk der Erlösung bewerkstelligen (z. B. Eph 1,13f; 2Thess 2,13f; 1Petr 1,2). Die Lehre der Dreieinigkeit versucht dieses Geheimnis zu umschreiben und zu bewahren. Sie ist wahr, auch wenn sie nicht einfach zu verstehen ist.

Es gibt zahlreiche Stellen, welche die Gottheit von Jesus, dem Sohn, bestätigen (z B. 2Kor 12,7-9; Phil 2,5-6; Kol 1,15-17; Hebr 1,1-12). Jesus hat in seiner letzten Rede (Joh 14-16) oft von Gott, seinem Vater, und auch vom göttlichen Tröster, dem Heiligen Geist gesprochen. Dieser kam an Pfingsten, um das Werk Gottes zu erfüllen. Wer den Heiligen Geist belog, belog Gott selbst, stellte Petrus kurze Zeit später fest (Apg 5,3f).

Interessant ist auch die Ankündigung von Jesus, dass die Jünger im Namen (Einzahl!) des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen würden (Mt 28,19). So geschah es schon bei der Taufe von Jesus. Der Vater antwortete von Himmel her, und der Heilige Geist stieg in Form einer Taube nieder (Mk 1,9-11). Paulus spricht den Korinthern den Segen der drei Personen zu (2Kor 13,14), und Johannes erwähnt gleich zu Beginn der Offenbarung alle drei (Offb 1,4-5). Sie sind in jeder Phase Schöpfung, Neuschöpfung und Gericht beteiligt.

Die Christen haben in den ersten Jahrhunderten hauptsächlich über dieser Lehre gerungen. Das Glaubensbekenntnis von Nicäa (325 n. Chr.) folgt in drei Strophen Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Die drei Personen sind gleichwertig und –ewig in ihrem göttlichen Wesen. Sie übernehmen weder nur eine Rolle, noch sind sie drei verschiedene Gottheiten. Sie sind immer zusammen und wirken in der Schöpfung, in der Erlösung und im Gericht und der Vollendung.

Wir können es so zusammenfassen: (1) Es gibt nur einen Gott. (2) Der Vater ist Gott. (3) Der Sohn ist Gott. (4) Der Heilige Geist ist Gott. (5) Der Vater ist nicht der Sohn. (6) Der Sohn ist nicht der Heilige Geist. (7) Der Heilige Geist ist nicht der Vater.

Aus dieser Lehre gehen viele wichtige Anwendungen hervor. Unter anderem ist darauf das Prinzip von Einheit und Vielfalt innerhalb der Schöpfung darauf zurückzuführen. Menschen neigen stets entweder zur Überbetonung der Einheit (z. B. im Islam) oder zur Überbetonung der Vielfalt (z. B. im Relativismus der Spätmoderne). Die ewige Gemeinschaft des dreieinigen Gottes ist zudem die Grundlage für jede Art von Beziehung. Ohne die Lehre der Dreieinigkeit gibt es keinen christlichen Glauben.

Zitat der Woche: Das Evangelium als Kraft zur Veränderung von Menschen

Das Evangelium wird in der Bibel zwar oft als Botschaft präsentiert, die geglaubt werden muss, um gerettet zu werden. Was wir aber viel öfter antreffen, ist die Beschreibung des Evangeliums als die tatsächliche Kraft Gottes zur Veränderung von Menschen. Die Bibel lehrt, dass das Evangelium die Kraft ist, die neues Leben in uns schafft. Es ist die Kraft Gottes, die einen vollkommen neuen Lebensstil schafft und tatsächliche Auswirkungen auf alles hat, was uns ausmacht und zu uns gehört. Das bedeutet: Gott hat durch das Evangelium nicht nur den Tod zunichte gemacht (2.Timotheus 1,10) und „Gewalten und Mächte völlig entwaffnet“ (Kolosser 2,15), sondern verändert durch eben diese Botschaft diejenigen, die sie glauben. Wenn wir diese Dimension des Evangeliums außer Acht lassen, geraten wir in echte Schwierigkeiten. Das Evangelium wird dann zu einer Art „Eintrittskarte“ in den Himmel. Es ist „nur“ noch die Botschaft, die am Anfang unseres Glaubens steht, durch die wir zwar gerettet, aber nicht bis zu unserem Lebensende getragen werden. Die Veränderung ins Bild Christi, die ja das Ziel unseres Glaubens ist, wird dann dem eigenen Willen und der eigenen Kraft überlassen. Unsere Aufmerksamkeit gilt primär nicht mehr dem Werk Christi, sondern unseren Werken. Heiligung wird von Rechtfertigung getrennt, Werden von Sein. Was bleibt, ist ein christlicher Glaube, der von Versagensängsten, Frustration, Kraftlosigkeit und fehlender Freude geprägt ist. Gottes Erlösung am Menschen ist ganzheitlich. Er macht keine halben Sachen. Er erlöst uns im Zentrum unserer Persönlichkeit, dem Herzen, und will so jeden Bereich zu Seiner Ehre umgestalten (5.Mose 30,6; Hesekiel 36,25-27). Grundlage und Kraftquelle dieser Veränderung kann gemäß der Bibel nur das Evangelium sein. Diese Botschaft ist die Kraft, durch die Gott Seine Kinder umgestaltet. Es ist die Brille, durch die wir jeden Bereich unseres Lebens sehen sollen. Es ist die Triebfeder, die uns in unserer Hingabe und Nachfolge antreibt. Und es ist auch das Netz, das uns auffängt in unserem Versagen. Das ist der Reichtum des Evangeliums und das ist der Grund, weshalb allein diese Botschaft im Zentrum unseres Denkens und Lebens, unserer Familien und unserer Gemeinden stehen darf.

… Predige dir selbst immer wieder das Evangelium! Halte es dir vor Augen in deinem Kampf gegen Lieblosigkeit und Eifersucht. Halte es dir vor Augen in deinem Umgang mit deinen Eltern und Freunden. Erinnere dich daran, wenn du gegen Sünde kämpfst und wieder einmal versagst. Erinnere dich daran, wenn du meinst, dass deine alltägliche Arbeit nur noch Frustration für dich bedeutet. Predige dir selbst das Evangelium, wenn du merkst, dass deine Hingabe an Christus nachgelassen hat. Wenn wir uns Gott von Kopf bis Fuß hingeben wollen, müssen wir uns jeden Tag Christus vor Augen halten, der sich auf unbeschreibliche Art und Weise für uns hingegeben hat.

Rudolf Tissen in seinem Aufsatz Von Kopf bis Fuss – Das Evangelium für das ganze Leben, enthalten in Ein Leben zur Ehre Gottes, Band 2 (erscheint voraussichtlich im September)

Kolumne: Die verlorenen Jahre unserer Generation

Bei einem Besuch sprach ich mit einem vorzüglich gebildeten, weit gereisten Ehepaar. Sie bekommen in nächster Zeit ihr drittes Kind. Sie drückten ihr Bedauern darüber aus, dass manche Erwachsenen (zunehmend später) ein, zwei Kinder bekommen. "Kaum sind sie auf der Welt, werden sie an die Krippe abgegeben." Abgesehen vom finanziellen Entgelt, das sie zu entrichten haben, verzichten sie durch die Fremdbetreuung freiwillig auf entscheidenden, bildenden, Weg weisenden Einfluss. Sie überlassen die Betreuung und damit einen wichtigen Teil der Charakterbildung einer anscheinend "neutralen", "professionellen" Institution. Diese kann zwar dafür sorgen, dass das Kind ernährt und die Grundsätze der Hygiene eingehalten werden. Doch was viel zu wenig in Betracht gezogen wird: Das Kind lernt am Modell. Wer nimmt sich die Zeit, das Kind nach Begabung zu fördern? Wer korrigiert seine Sprache? Mindestens ebenso wichtig: Wer bespricht Verletzungen und Enttäuschungen, die im Austausch mit anderen Kindern entstehen? Wer korrigiert fehl geleitete Motivationen? Wer spricht das Kind auf Überforderungen an und nimmt es charakterlich "an der Hand"?

Zurück zu unserem Paar. Die Mutter meinte: "Viele Frauen, die mich ansprechen, empfinden die Wochen und Monate zu Hause als verlorene Zeit." Sie sind froh, wenn sie nach kurzer Zeit wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren können. Um was geht es dann? "Die Tätigkeiten sind oftmals nicht sehr herausfordernd. Etwas Excel, telefonieren, Formulare ausfüllen." Geht es nicht um etwas anderes als um die Routinetätigkeiten? Zu Hause fehlt die Wertschätzung und die (monetäre) Anerkennung. Letztlich geht es doch um die beiden Leitwerte des Westens: Ruhe und Wohlstand. Mann und Frau wollen nicht zu arg in ihren Plänen und Projekten gestört werden und ihren Wohlstand halten und wenn möglich steigern. Die obersten Ziele scheinen berufliche Bestätigung, Luxusobjekte und die Ermöglichung von teurem Urlaub zu sein.

Ich weiss, dass dies unangenehme Gedanken sind. Doch unsere Gastgeber spannten den Bogen noch weiter. "Gott hat unser Leben in Phasen eingeteilt. In der ersten Lebenszeit eignen wir uns Fähigkeiten an. Wir bilden uns." In dieser Etappe sind wir Empfangende. Dann kommt die nächste Phase, in der wir vordergründig zurückstecken, um einer nächsten Generation unsere Fähigkeiten weiterzugeben und sie für ihre Aufgabe für und vor Gott zuzurüsten. In der dritten Phase bekommen sie mit der übernächsten Generation nochmals die Gelegenheit, den Glauben und die reiche Erfahrung Heranwachsenden weiterzugeben, bis sie in den letzten Jahren selbst wieder Empfangende werden.

"Das wichtigste ist jedoch zu sehen, dass unser Leben auf der Erde erst der Anfang ist." Diese Perspektive ist die entscheidende. Sie fehlt auch uns Christen oft. Wir werden auf der neuen Erde in Ewigkeit weiter lernen. Doch die Weitergabe unserer Welt- und Lebenssicht an die nächste Generation, die eigene Charakterbildung, die Heiligung – all dies ist unserem Leben auf der Erde vorbehalten. Ich bin davon überzeugt, dass wir in vielen Bereichen gedanklich die Dogmen der uns umgebenden Religion, des Säkularismus, übernommen haben. Es ist noch übler: Wir echoen mit Verspätung die Maximen unserer Gott-losen Umgebung. Dadurch geht uns ein bedeutender Teil des Generations-übergreifenden Segens abhanden. Wie können wir Charakterführerschaft übernehmen, wenn wir gedankenlos unsere Umgebung kopieren? Wie kann der Glaube sämtliche Lebensbereiche durchdringen, wenn wir strategische Teile säkular "besetzt" halten? Wie wollen wir zum fordernden Gesprächspartner für suchende Menschen werden, wenn wir ihnen nichts Besseres zu bieten haben als eine verdünnte Version ihrer eigenen Ideale?

Buchbesprechung: Sokrates im Dialog mit Sigmund Freud

Peter Kreeft beliefert mit ungemein lehrreichem und zugleich unterhaltsamem Gedankenfutter. Andere Besprechungen: Karl Marx, Einführung in die Philosophie von Thomas von Aquin, Jesus und die vier Grundfragen der PhilosophieBetween Allah and Jesus,  Zwischen Himmel und Hölle (Kennedy, Huxley und Lewis im Gespräch).

Fiktiver Dialog zwischen Sokrates und Freud

Die vier einflussreichsten Religionskritiker waren Nietzsche, Marx, Darwin und Freud. So schreibt der katholische Philosoph Peter Kreeft (* 1937, Boston College). Freud habe drei Hüte getragen: Erfinder der Psychoanalyse, professioneller theoretischer Psychologe und Amateurphilosoph. Kreeft geht in diesem Buch auf die letzte Kategorie ein, also auf die Welt- und Lebenssicht von Sigmund Freud (1856 – 1939). Dafür entwickelt er einen fiktiven Dialog zwischen Sokrates und Freud, der sich nach dem Tod von Freud abspielt. Die beiden Gesprächspartner gehen dem Buch „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) nach, Freuds letztes und in Bezug auf seine Grundannahmen aussagekräftigstes Werk.

Von Freud ist oft kaum mehr bekannt als seine Betonung des Unter- bzw. Unbewussten. Man weiss zudem, dass er eine wichtige Figur innerhalb der Psychologie war, unzählige Affären hatte und dass er heute „out“ ist. Mein Interesse während dem Lesen bestand darin, die „tragenden Balken“ der Lebens- und Schaffensphilosophie Freuds sowie wichtige Gegenargumente herauszufiltern.

Tragende Argumente von Freuds Weltsicht

• Jede Form von Argumentation ist Rationalisierung (12).
• Es gibt kein universelles Wissen (universal knowledge, 14).
• Der unbewusste Ursprung von Religion entspringt Ängsten der Kindheit (21). Religion wird auf kindliche Bedürfnisse reduziert (infantile needs, 28).
• Gott wird durch unbewusst durch den menschlichen Geist zur Befriedigung seiner Bedürfnisse erfunden (30).
• Als Folge des Naturalismus:
• Der menschliche Geist kann universelle und objektive Wahrheit über den Sinn des Lebens nicht in Erfahrung bringen (Skeptizismus, 39).
• Es gibt keinen objektiven Sinn des Lebens, nur die Konstruktion eines subjektiven Zweckes (42).
• Der menschliche Verstand ist das einzige (schwache) Instrument, menschliche Gedanken und menschliches Verhalten zu untersuchen (47).
• Jedes Nachdenken besteht letztlich im Rationalisieren der Lust (Lustprinzip, 57). Das Verlangen nach Vergnügen steuert unsere Überzeugungen dessen, was wir als wahr ansehen (58).
• Der Orgasmus ist der Prototyp und Standard allen Glücks (67). Wir sind letztlich alle Lust-Abhängige (68).
• Die beste Antwort auf die tiefsten Probleme des Lebens sind Drogen (74).
• Die nicht-physische, mentale Welt besteht nur subjektiv, nicht objektiv (114).
• Es gibt keinen objektiven Nutzen von Schönheit (147).
• Auf dem Grund des menschlichen Lebens liegt ein Puzzle, das gelöst werden müsste, aber nicht gelöst werden kann (152).

Einwände von Sokrates (Kreeft)

• Freud geht von der Voraussetzung aus, dass Religion falsch ist (Atheismus, 24). Er verfolgt deshalb nur die Auswirkungen, nicht aber den Ursprung von Religion (25).
• Wenn nur eine kleine Minderheit der Menschen die Überzeugungen von Freud teilt und nur diese Menschen wirklich vernünftig sind, kann Freud des Snobismus bezichtigt werden (23; 99; 120).
• Wir können nie wissen, ob Freuds Prinzipien wahr sind, weil das Prinzip selbst nicht durch die wissenschaftliche Methode (einzig zulässig für Freud) bewiesen werden kann (42).
• Nur weil Leben von Gott geschaffen ist (intentional), kann es einen (übergeordneten) Sinn haben (45).
• Jeder Gedanke über Materie ist nach den Gesetzen des Naturalismus selbstwidersprüchlich, weil er ja Teil der Materie selbst ist (52+55).
• Freud arbeitet den Hedonismus und Naturalismus konsequenter als mancher Philosoph aus (73).
• Freud reduziert das Geschenk des Lebens und das höchste Glück (summum bonum) auf die Flucht vor dem Leid (88). Freude und Wahrheit stellen sich damit oft als widersprüchlich heraus; Illusionen machen deshalb glücklicher als die Realität (91).
• Dass alle Menschen Lust und Vergnügen suchen und Leid hassen, widerspricht den Erfahrungen vieler Menschen, die das Leid und die Wahrheit vorziehen (98).
• Freud behauptet, dass Religion Leben verkürzt. Viele Studien zeigen das Gegenteil (115).
• Der gesamte Erfolg der Wissenschaft basiert auf der Ordnung und Struktur einer objektiven Aussenwelt (120).
• Männer und Frauen werden der personalen Ebene beraubt und als „Es“ dargestellt (133).
• Freuds einzige Sicherheit ist absoluter Relativismus (170).

Fazit

Kreeft arbeitet die Welt- und Lebenssicht gestochen scharf heraus (z. B. 60, 114, 137, 140); sie ist letztlich eine brillante Ausarbeitung eines „reductio ad absurdum“ (149). Das tut er keineswegs „neutral“. Von diesem Begriff müssen wir uns sowieso verabschieden. Er ist ein Ur-Dogma des Säkularismus. Jeder Mensch geht von weltanschaulichen Vorannahmen aus. Bei Freud sind dies: Atheismus (Religion), moralischer Relativismus (Resultat des epistemologischen Skeptizismus), Betonung der Triebe (sexueller Reduktionismus).

So entgegen Freud der christlichen Weltanschauung steht und zu deren Dekonstruktion beigetragen hat, so ernst müssen wir ihn nehmen. Tatsächlich neigen wir dazu, uns eine eigene Religion als unbewusste Kompensation unserer eigenen Bedürfnisse zu zimmern. Ebenso gefällt uns der Gedanke sehr, dass wir sämtliche Werte zum Eigentum des Subjekts erklären dürfen (und wir damit unser Verhalten legitimieren). Unsere Welt ist tatsächlich stark von der Sexualisierung gesteuert, auch fast 100 Jahre nach Freuds Ableben. Die Fragen, was uns antreibt (Motivation) ist für Christen zentral.

Die Bibel hinterfragt unsere Antriebskräfte an manchen Stellen. Sie bezeichnet das Herz des Menschen (als Begriff für die innere Schaltstelle von Verstand, Wille und Gefühlen) als „überaus trügerisch und bösartig“ (Jeremia 17,9). In seinem unerlösten Zustand unterdrückt es die Erkenntnis Gottes und betet statt dem Schöpfer einen Ersatz – also Geschaffenes – an (Römer 1,23).

Freud stellt dieselbe Frage wie die grossen Theologen: Wie kann der Mensch glücklich werden? Anders gefragt: Worin liegt das Glück des Menschen? Dabei entlarvt sich ein grosser Pessimismus, denn er muss Unglück vermeiden. Da es keinen übergeordneten Lebenssinn gibt, vermeidet er Leid u. a. durch Betäubung. Auch diese Analyse ist messerscharf und sollte uns zu denken geben. Der einzige (subjektive, beschränkte) Sinn ist der Hedonismus, dem Nachgeben der eigenen Lust.

Noch eine Bemerkung zu Sokrates‘ Logik. Sie hat auf uns spätmoderne Zeitgenossen eine heilende Wirkung. Ich muss jedoch eine Einschränkung anbringen: Logik kann uns nicht zu Christus führen, weil wir die Wahrheit unterdrücken müssen (Römer 1,21). Das gibt Kreeft indirekt auch zu: „Vielleicht habe ich zu viel Vertrauen in den Willen der Menschen, meinen logischen Argumenten zu folgen.“ (77; Kreeft nimmt über Sokrates übrigens einen agnostischen Standpunkt ein, 116) Genau! Letztlich handelt es sich um eine Frage des Willens (Ethik). Wir folgen unserem Argument eben nicht immer dahin, wo es uns wirklich führen würde (118). Wir scheuen uns davor, Dinge zu Ende zu denken. Hierfür brauchen wir ein neues Herz, wie schon der Prophet Hesekiel geschrieben hat (Hesekiel 36,26).

Zitat der Woche: Warum es angenehmer ist, sich Gott als allgemeines Sein vorzustellen

Ein herrliches Zitat aus dem Klassiker "Wunder" von C. S. Lewis. Die Fährte durch die Argumente des Buches habe ich in meiner Rezension gelegt.

(Gott) ist nicht ein ‚allgemeines Sein‘: Wäre er das, gäbe es keine Geschöpfe, denn eine Allgemeinschaft kann nichts schaffen. Er ist ‚absolutes Sein‘ – oder besser das ‚Absolute Sein‘ – insofern, als er allein aus sich selbst heraus existiert. Doch es gibt manches, das Gott nicht ist. IN diesem Sinne hat er einen bestimmten Charakter. (Er sagt) … unzählige Male ‚Ich bin der Herr‘ – Ich, die letzte, endgültige Tatsache haben diesen bestimmten Charakter und nicht jenen. Und die Menschen werden ermahnt, ‚Gott zu erkennen‘, diesen besonderen Charakter zu entdecken und zu erfahren. (104-105)

Der Gott des Pantheismus tut nichts und verlangt nichts. Wenn man ihn wünscht, ist er da, so wie ein Buch auf dem Bücherbrett. Er verfolgt mich nicht. Es besteht auch nicht die Gefahr, dass Himmel und Erde irgendwann einmal vor seinem Angesicht fliehen. … Ein ‚unpersönlicher‘ Gott – schön und gut. Ein subjektiver Gott der Schönheit, Wahrheit und Güte in unsern eigenen Köpfen – noch besser. Eine gestaltlose Lebenskraft, die uns durchwallt, eine ungeheure Macht, die wir anzapfen können – am besten von allem. Aber Gott selbst, der lebendige, der am andern Ende der Schnur zieht, der sich vielleicht mit ungeheurer Geschwindigkeit näher, der Jäger, König, Bräutigam – das ist eine völlig andere Sache. (111)

Zitat der Woche: Eine Gesellschaft, verweht von Relativismus und Existenzialismus

Treffende Kulturkritik!

We are, in many ways, a civilisation adrift on the stormy seas of relativism and existentialism. The first 'ism' has robbed us of any transcendent standard against which we can measure our thoughts, our words, and our deeds; the second has emptied our lives of any higher meaning, purpose, or direction. Our compass is broken and the stars obliterated, and we are left with nothing to navigate by but a vague faith in the modern triad of progress, consumerism, and egalitarism. They are not enough. …

In our public schools today, there are only three virtues taught: tolerance, multiculturalism, and environmentalism. Really, there is only one: inclusivism or, better, egalitarianism – all people and ideas should be treated the same; all cultures are equally valid; man is not distinct from nature but merely another species.

Louis Markos. On the Shoulders of Hobbits. Moody Publishers: Chicago, 2012. (10+12)

Buchbesprechung: Zwei wichtige Hilfsmittel für das Bibelstudium

Diese zwei Hilfsmittel habe ich in der letzten Zeit besonders schätzen gelernt. Über die Links geht es zu meinen kurzen Rezensionen.

Leland Ryken. Literary Introductions to the Books of the Bible. Crossway, 2015.

Der Autor betrachtet die einzelnen Bücher der Bibel aus literarischer Perspektive. Leland Ryken ist emeritierter Professor für englische Literatur mit jahrzehntelanger Lehrtätigkeit am renommierten Wheaton College. Er hat verschiedene Bücher zum Thema „Die Bibel als Literatur studieren“ verfasst. Sind die literarischen Formen genügend wichtig um genau studiert zu werden? Im Vorwort führt Ryken folgende sieben Gründe an: Die Form gehört unverzichtbar zum Inhalt jedes Schriftstücks. Das „Wie“ öffnet die Türe zum „Was“. Die Auseinandersetzung mit den literarischen Formen stellt sicher, dass wir uns zunächst mit dem Text selbst auseinandersetzen und nicht gleich über den Text zu reden beginnen. Die Autoren wählten ganz bewusst eine bestimmte Form des Textes. Jede der Literaturgattungen folgt eigenen Regeln zu ihrer Interpretation. Diese zu beachten bewahrt vor Fehldeutungen. Gott inspirierte auch die Form, in denen die Schreiber ihre Texte verfassten. Ausserdem schenken wir der ursprünglichen Absicht der Autoren Beachtung, wenn wir die Literaturgattung berücksichtigen. Wir werden dem Text gerecht, wenn wir seine Form beachten und in der Auslegung mit einfliessen lassen.

G. K. Beale. D. A. Carson. Commentary on the New Testament Use of the Old Testament. Baker, 2007.

Das Alte ist also durch die Brille des Neuen Testaments zu lesen – und keinesfalls umgekehrt. Dieses Werk hilft uns bei der Frage, wie wir dies tun können. Sämtliche Zitate und Anspielungen werden systematisch betrachtet. Schon wer einzelne Teile durchblättert, wird schnell feststellen: Die Vernetzung ist sehr dicht. Feine Fäden werden überallhin gesponnen. Das wiederum bedeutet, dass wir auf der einen Seite genug weit gehen sollen, jedoch nicht zu weit. Hierin ist das 1200 starke Buch eine grosse Hilfe.