Buchbesprechung: Glaubens- und Gewissensfreiheit, ein teures Gut

Auf Freie Welt habe ich eine von Betroffenheit gekennzeichnete Besprechung gepostet.

Os Guinness. The Global Public Square: Religious Freedom and the Making of a World Safe for Diversity. IVP: Nottingham, 2013. 241 Seiten. Euro 7,40 (Kindle-Version).

Guinness‘ Vermächtnis: Ein Weckruf

Shame, then, on the people of Switzerland, who in an open violation of freedom of religion and belief, voted in 2009 to forbid the construction of minarets within their borders. But shame too on the leaders of Saudi Arabia who give millions for the construction of mosques all around the world, yet forbid the building of churches and other religious buildings within. (145)

Danke, Os Guinness, für dieses aufrüttelnde Buch. Kaum habe ich es aus der Hand gelegt, drängt es mich, etwas darüber zu schreiben. Weshalb? Os Guinness hat mir die Dringlichkeit des Anliegens deutlich vor Augen gemalt. Ebenso hat er mir die Last aufgelegt, die in Erinnerung gerufenen Prinzipien der nächsten Generation weiterzugeben. Also mache ich mich daran, meine Gedanken schriftlich zu ordnen.

Guinness war an der „Global Charter of Conscience“ beteiligt, die im Anhang des Buches abgedruckt ist (und hier online eingesehen werden kann). Die Charta ist eine Erneuerung und Aktualisierung von Art. 18 der „Universal Declaration of Human Rights“. Es geht um Glaubens- und Gewissensfreiheit für jeden Menschen. Ähnlich wie bei seinem 2014 veröffentlichten Buch „Renaissance“ dient das Werk als Begleiter einer Erklärung und – wie ich denke – gewissermassen als Teil von Guinness‘ Vermächtnis. Von einem jungen Interviewer an der Universität gefragt, in welcher Generation er am liebsten leben würde, gelangte er zum Schluss: In der des Interviewers. Es stünden so viele weitreichende Entscheide an: Wirtschaftliche, technologische, demografische, soziale, politische, medizinische, umwelttechnische. Guinness hat sich selbst nie in den Elfenbeinturm zurückgezogen. Nicht nur stellte sich Guinness an Universitäten Fragen und Kontroversen. Er bekam während der sechsmonatigen Entwicklungszeit der „Global Charter of Conscience“ immer wieder Todesdrohungen.

Guinness richtet sein Buch an jedermann auf diesem Planeten, der sich nach Friede und Gerechtigkeit sehnt und eine Sicht dafür entwickeln möchte (20). Im Speziellen gehen seine Worte an Politiker und Amtsträger jeglicher Couleur. Guinness legt auch in diesem Buch die Karten offen auf den Tisch: Er schreibt als Nachfolger von Jesus.

Interview: Mit dem Wechsel vom Buch in die virtuelle Welt geht der Sinn für Geschichte verloren

Tim Challies hat Douglas Groothuis vor einigen Jahren zur Digitalisierung und zum Cyberspace interviewt.

A quote from your book: “The book, that stubbornly unelectric artifact of pure typography, possesses resources conducive to the flourishing of the soul. A thoughtful reading of the printed text orients one to a world of order, meaning, and the possibility of knowing truth.” Is there a way, then, in which the printed word is inherently superior to the digital word? What do we stand to lose as we transition to the digital word?

The printed word, as a unique medium, has strengths (and weaknesses) not shared by the digitized word. I appeal to McLuhan: “The medium is the message.” Or, to dilate a bit: each communications medium shapes its content distinctively and shapes the perceiver necessarily. For one thing, we lose a sense of history when we move from books to screens. Books can be old friends, both the content (which stays in our minds) and the artifacts themselves, which we treasure. For example, I would not part with my 1976 edition of Francis Schaeffer’s The God Who is There, which I read shortly after my conversion. It was that book, those ideas, that sparked my vision for Christian ministry. Moreover, I love the cover of that edition and enjoy looking over the many notations I put into the book through multiple readings. Having the same book in a digital form, while worthwhile in many ways (for example, I could capture text and put it on my blog!), would not be the same. Much would be lost.

… Americans are usually well-informed ignoramuses. We have oceans of facts or information at hand, but little knowledge. Wisdom is the proper use of knowledge. Americans typically have no idea how to handle all the data thrown at them: the more information, the less meaning.

Buchbesprechung: Nach Heiligung streben

Jerry Bridges. Streben nach Heiligung. EBTC media: Berlin, 2012.

Ein Buch für den neuen Menschen

Von diesem Buch hatte ich schon oft gehört. Es ist mir als Klassiker angepriesen worden. Mit einer entsprechend hohen Erwartung machte ich mich an die Lektüre. Mit gespitztem Bleistift jagte ich nach guten Zitaten. Zunächst einmal stellte ich fest: Mein an die Lektüre wissenschaftlicher Texte gewöhnte Geist musste erst einmal umstellen. Hier ging es nicht darum, Sätze zu entziffern. Der Autor spricht mich als Leser sanft und doch direkt an. Nach einigen Kapiteln war erst einmal das eigene Sündenbekenntnis angezeigt!

Ein gemeinsames Unternehmen von Gott und Menschen

Eine grundsätzliche Überlegung bietet Bridges gleich auf der ersten Seite an: „Ein Bauer pflügt, sät die Saat, düngt und bestellt das Feld – in dem Bewusstsein, dass er letzten Endes gänzlich abhängig ist von Kräften ausserhalb seiner selbst. Er weiss, er kann weder die Saat zum Keimen bringen noch den Regen oder die Sonne erzeugen, die erst das Wachstum und die Ernte ermöglichen. Zu einer erfolgreichen Ernte ist er diesbezüglich von Gott abhängig. Doch der Landmann weiss auch, wenn er nicht sorgfältig seinen Verpflichtungen wie pflügen, pflanzen, düngen, und bebauen nachkommt, kann er keine Ernte zu gegebener Zeit erwarten. In gewissem Sinne sind Gott und er eine geschäftliche Verbindung eingegangen, deren Vorteile er nur geniesst, wenn er seinen eigenen Verantwortlichkeiten nachgekommen ist. Landwirtschaft ist ein gemeinsames Unternehmen Gottes und des Bauern. Der Landwirt kann nicht tun, was Gott tun muss, und Gott wird nicht tun, was der Bauer tun sollte.“ (5) Bridges sieht ein zwiefältiges Thema, das sich durch das gesamte Buch zieht: „Das Wort streben beinhaltet zwei Gedanken: erstens den, dass Fleiss und Anstrengung gefordert sind, und zweitens den, dass es eine lebenslange Aufgabe ist.“ (6)

Zitate zum Überdenken

Ich habe eine Reihe von Zitaten zusammengetragen. Sie sind es wert überdacht zu werden:

  • Es sind die Kompromisse in den kleinen Angelegenheiten, die zu grösseren Niederlagen führen. (15)
  • Viele Christen besitzen, was wir eine kulturelle Heiligkeit nennen könnten. Sie übernehmen die Charakterzüge und Verhaltensmuster der Christen um sie herum. (17)
  • Die Entschuldigung „Na, so bin ich nun mal“ oder die eher hoffnungsvollere Feststellung „Tja, auf diesem Gebiet meines Lebens wachse ich noch“ kann Gott nicht akzeptieren. (22)
  • … wenn es um Gottes Haltung zur Sünde geht, vermittelt nur so ein starkes Wort wie Hass eine angemessene Tiefe der Bedeutung. (24)
  • Niemand kann Christus für seine Errettung vertrauen, ohne ihm nicht auch für seine Heiligung zu vertrauen. (32)
  • Wenn Sie mit Eifer der Heiligung nachjagen, müssen Sie auch oft zum Felsen Ihres Heils fliehen. (43)
  • Heiligung besteht nicht aus mystischen Spekulationen, enthusiastischer Inbrunst oder selbstauferlegten Härten; sie besteht darin, dass wir so denken, wie Gott denkt, und wollen, was Gott will. (John Brown, zit. 45)
  • Satan versucht uns, indem er Verwirrung in der Frage hervorruft, was Gott für uns getan hat und was wir selbst zu tun haben. (49)
  • Die Sünde führt einen Guerillakrieg gegen uns, obwohl sie keine Herrschaft mehr über uns hat. (64)
  • Eine der mächtigsten Waffen Satans besteht darin, uns geistlich blind zu machen – unfähig unseren sündigen Charakter zu erkennen. (70)
  • Die Sünde aus der eigenen Stärke zu töten, ausgeführt auf selbsterdachten Wegen zum Ziel der Selbstgerechtigkeit ist die Seele und das Wesen aller falschen Religion. (zit. Owen, 84)
  • Das ist es, was wir zu tun haben, wenn wir nach Heiligung streben: Wir müssen unseren Charakter verändern, formen und üben. (96)
  • Römer 7 ist eines der Kapitel der Bibel, mit dem wir die grössten Schwierigkeiten haben. Christen versuchen ständig ‚aus Römer 7 nach Römer 8 zu gelangen‘. Der Grund für unsere Abneigung gegen Römer 7 liegt darin, dass es unser eigenes Ringen mit der Sünde so genau spiegelt. (104)
  • Völlerei und Trägheit wurden von früheren Christen als Sünde betrachtet. Heute sehen wir diese Dinge vielleicht als Willensschwäche aber gewiss nicht als Sünde an. (107)
  • Satan attackierte den Verstand Evas, indem er Gottes Integrität in Frage stellte, aber seine primäre Versuchung zielte auf ihr Begehren ab. (129)
  • Wiederholte Akte der Einwilligung in die Sünde können eine Disposition und Neigung des Willens erzeugen, der Gestalt, dass nämlich eine Anfälligkeit und Bereitschaft besteht, auf geringfügige Anstiftung hin sich der Sünde zu ergeben. (133)
  • Manche sind Menschen mit einer doppelten Zunge: eine für die Christen und eine für ihre Bekannten aus der Welt. (150)

Lernfelder

Für mein eigenes geistliches Leben habe ich einige Lernpunkte mitgenommen.

  1. Die Einsicht: Der Kampf mit der Sünde wird lebenslang währen (57). Je mehr wir das realisieren, desto besser sind wir für künftige Auseinandersetzungen gerüstet.
  2. Die Hoffnung: Ich verliere mein Gefühl der Hoffnungslosigkeit, weil ich mir selber sagen kann, dass ich nicht länger unter der Herrschaft der Sünde stehe. (68)
  3. Die Befähigung: Ich möchte keine Haltung des „Ich kann nicht“ fördern, sondern des „Ich kann es durch den Einen, der mich stärkt“. (80)
  4. Das Ziel: Mache es dir zum Ziel nicht zu sündigen (93), wie es Johannes im ersten Brief darstellt. Das führt in eine höhere Verbindlichkeit.
  5. Der Tagesablauf: Bridges gewöhnte es sich an morgens um fünf Uhr aufzustehen, um geistlich und körperlich fit zu halten. Dafür musste er diszipliniert um 22.00 Uhr ins Bett gehen.
  6. Heiligende Lektüre der Bibel: Was lehrt mich dieser Abschnitt über Gottes Willen bezüglich eines heiligen Lebens? Wie wird mein Leben den Ansprüchen dieser Schriftstelle gerecht, insbesondere wo und wie bleibe ich dahinter zurück? Welche definitiven Handlungsschritte sind nötig, um zu gehorchen?
  7. Wiederholende Lektüre: Bridges selbst verfügt über ein halbes Dutzend Bücher, die er immer wieder zur geistlichen Erbauung liest.

Fazit

Bridges zehrt aus reichen Quellen, vornehmlich aus dem Wort Gottes. Es lohnt sich, die sorgfältig gewählten Zitate aus der Bibel nachzuschlagen (besonders geblieben sind mir Tit 2,11-12; Hebr 11,25; Hos 7,9; Joh 14,21; Spr 27,12; 23,7; 1Sam 18,9; 3Mose 25,20-22). Jedes Kapitel geht von einer Wahrheit aus dem Neuen Testament aus. Kräftige Unterstützung findet Bridges in den Schriften des Puritaners John Owen (1616-1683), des „neo-puritanischen“ Predigers Martin Lloyd-Jones (1899-1981) und des Erweckungspredigers Jonathan Edwards (1703-1758).

Was mich an diesem Buch am meisten gerührt hat, ist seine Schlichtheit. Es ist ein kurzes Buch, die einzelnen Lektionen sind knapp gehalten. Ein Wermutstropfen darf zum Schluss nicht unerwähnt bleiben. Das Buch könnte an einzelnen Stellen dazu einladen, in eine gesetzliche Haltung zu kippen. Damit meine ich, dass wir beginnen, selbst auferlegte Gebote einzuhalten und zur Massgabe der Heiligkeit werden zu lassen. Ich denke da an das Beispiel von Eis essen, das der Autor sich abgewöhnt hat. Man sollte dabei nicht vergessen, dass es sich um eines der ersten Bücher von Bridges handelt.

Aus den Medien: Vergötzte Sexualität, Islam und Inkarnation, Väter-Revolution

Vergötzte Sexualität

Die bekannte Psychologin und Aktivistin Christa Meves weist zurück auf 1971 (!)

Ich habe … in meinem Buch „Manipulierte Maßlosigkeit” 1971 sein Machwerk und der vergötzten Sexualität darin Punkt für Punkt einer fachlichen Kritik unterzogen und gleichzeitig damit auf die verheerenden Auswirkungen einer maßgeblichen Trendwende, hinein in die Pädophilie, hingewiesen. Man konnte es bereits damals voraussagen, dass eine Sexualisierung der Kinder durch den medialen Mainstream und durch obligatorische Schulsexualerziehung viel persönliches Unglück und eine fundamentale gesellschaftliche Schwächung hervorrufen würde. Und ich stellte bereits damals die Prognosen, dass dann mit beträchtlichen negativen Folgen zu rechnen sei…

Der Islam braucht keinen Luther – er bräuchte einen Jesus

Sebastian Moll in seinem ausgezeichneten Kommentar (VD: AS):

Wieder einmal zeigen sich die fatalen Auswirkungen der Käßmannisierung des christlichen Glaubens. Wer letzteren auf das Motto „Seid nett zueinander und spart Energie“ reduziert, übersieht mitunter die doch erheblichen Unterschiede zwischen Christentum und Islam.

Das Christentum basiert, wie sein Name bereits hintergründig andeutet, auf Jesus Christus, dem fleischgewordenen Worte Gottes. Die Inkarnation ist keine bloße Lehrformel der Dogmatik, erst durch sie wird christliche Ethik überhaupt möglich. Der Islam lehnt die Vorstellung der Menschwerdung Gottes als blasphemisch ab.

Die Stille Revolution der Väter

Familien- und Bindungsforscher Fthenakis (VD: AW):

Männern wurde im 20. Jahrhundert traditionell die Rolle des Broterwerbs eindeutig zugewiesen. Familienrechtliche Vorschriften haben sie, vor allem nach Trennung und Scheidung, zusätzlich darauf reduziert. Dann vollzogen sich jedoch grundlegende Veränderungen im Familiensystem: Gut ausgebildete Frauen haben die familialen Grenzen gesprengt und ihren Anspruch auf Teilhabe am Arbeitsleben mit wachsendem Erfolg durchgesetzt. In der Folge wurde die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Politik zum Frauenthema.

Was dabei übersehen wurde, war die stille Revolution in den Köpfen der Männer. So hat eine Studie des Bundesfamilienministeriums den Befund erbracht, dass zwei Drittel der Männer die Rolle des Brotverdieners unwiderruflich abgelegt haben, sich als soziale Väter verstanden wissen und ihr Leben danach ausrichten möchten. Sie streben somit, mit umgekehrten Vorzeichen, gleichfalls die Vereinbarkeit von Familie und Beruf an.

10 Stellen aus jedem Bibelbuch: 2. Samuel

Ich achte mich auf den Beschrieb von Einzelpersonen. Dabei bin ich bei Ahitophel hängen geblieben:

Seitenwechsel: “Absalom sandte auch nach Ahitophel, dem Giloniter, dem Ratgeber Davids, und ließ ihn aus seiner Stadt Gilo holen, während er die Opfer schlachtete. Und die Verschwörung wurde stark, und das Volk nahm ständig zu bei Absalom.” (2Sam 15,12)

Fürbitte: “Als man aber David berichtete, daß auch Ahitophel mit Absalom verschworen war, sprach David: Herr, mache doch den Rat Ahitophels zur Torheit!” (15,31)

Gegenberatung: “wenn du (Husai) aber in die Stadt zurückkehrst und zu Absalom sprichst: »Ich will dein Knecht sein, o König; wie ich bisher der Knecht deines Vaters war, so will ich nun dein Knecht sein« — so kannst du mir den Rat Ahitophels zunichte machen!” (15,34)

Einfluss: “Ahitophels Rat galt nämlich in jenen Tagen so viel, als hätte man das Wort Gottes befragt; so galt jeder Ratschlag Ahitophels sowohl bei David als auch bei Absalom.” (16,31)

Gegenvorschlag: “Da sprach Husai zu Absalom: Es ist kein guter Rat, den Ahitophel diesmal gegeben hat!” (17,7)

Das Blatt wendet sich: “Da sprachen Absalom und alle Männer Israels: Der Rat Husais, des Architers, ist besser als der Rat Ahitophels! Aber der Herr fügte es so, daß der gute Rat Ahitophels zunichte wurde, damit der Herr das Unheil über Absalom brächte.” (17,14)

Selbstmord: “Als aber Ahitophel sah, daß sein Rat nicht ausgeführt wurde, sattelte er seinen Esel, machte sich auf und ging heim in seine Stadt; und er bestellte sein Haus und erhängte sich; und er starb und wurde in das Grab seines Vaters gelegt.” (17,27)

Zitat der Woche: Die komfortable Hülle von Persönlichkeit und Gewohnheiten fahren lassen

Auf dem E21-Blog ist der übersetzte Beitrag “Vier Ursachen dafür, dass einige Prediger “besser” werden und andere nicht” erschienen. Hershael York redet unserer Generation zu Recht ins Gewissen:

Die Generation von Studenten, die ich jetzt unterrichte, ist mit geschriebenen Worten aufgewachsen – auf Bildschirmen, Smartphones, Blogs, Kindles und iPads. In Videospielen fahren sie Rennen, bauen Zivilisationen auf, gewinnen Kriege, zerstören Zombies und töten Hunderte. Sie kommunizieren auf mündlichem Weg viel weniger als vorangegangene Generationen. Und wenn sie es doch tun, fehlt ihnen die Leidenschaft. Aber Gott gebraucht immer noch die Predigt des Wortes – also ein Ereignis des Sprechens – um die Gemeinde zu bauen, die Heiligen zu ermutigen und die Verlorenen zu retten.

Um das Wort Gottes zu predigen, muss ein junger Mann gewillt sein, die komfortable Hülle seiner Persönlichkeit und Gewohnheiten zu verlassen, und sich selbst rücksichtslos aufgeben, indem er sich in die Gefahr begibt, ein Tor um Christi willen zu sein.

Ich rate meinen Studenten: „Diese leise Stimme in deinem Kopf, die dir sagt, dass du einfach nicht so rücksichtslos sein kannst, ist nicht dein Freund. Heiligung ist der Prozess, in dem der Heilige Geist das überwindet, was ich bin und mich zu dem macht, was ich sein soll. Wenn es mir also völlig fremd ist, mich in der Predigt selbst aufzugeben, dann bitte ich den Heiligen Geist, mir zu helfen, dass ich es dennoch für Christus tun kann.“

 

Aufsatz: Befreit werden von der Knechtschaft des Perfektionismus

Im Dschungel der verhaltenstherapeutischen Konzepte und Modelle – auch im christlichen Bereich – ist die Frage nach den Motiven in den Hintergrund gerückt. Eine knappe, hilfreiche Einführung ist das Heft “Motivationen” (3L-Verlag: Waldems, 2012), das ich hier besprochen habe.

Eine Motivation, die sich übrigens gut tarnen lässt, ist ein überzogener Anspruch an sich selbst. Wir können auch von Perfektionismus sprechen. In diesem Aufsatz “Befreit werden von der Knechtschaft des Perfektionismus” (in: BGDL, Nr. 105) habe ich anhand der Auszugsgeschichte Israels aus Ägypten eine geistliche Analyse zu dieser aktuellen Frage erstellt.

Wer sich das anhören will: Hier und hier habe ich zum Thema gepredigt.

Kinder in die Selbständigkeit begleiten (13): Eigeninitative fördern

Mein Vierter hat einen neuen Kanal sich mitzuteilen entdeckt. Vor einigen Wochen begann er von einem Tag auf den anderen mit Schreiben. Er bettelte um ein Blatt Papier (wir waren gerade im Urlaub und der Papiervorrat war begrenzt), verschwand in einer Ecke und malte sorgfältig Buchstabe um Buchstabe auf. Für eine Mitteilung brauchte er bestimmt zwei, drei Stunden. Der Eifer hält bis heute an. Als ich ihm kurzem ein Exemplar des neuen Buches aushändigte, schrieb er es mit seinem Namen an. Tagelang schrieb er einzelne Sätze daraus ab.

Ungünstig

Wir stören uns an der Art, wie er das Schreiben aufgenommen hat und lenken es in „geordnete Bahnen“: „Aber du kannst noch gar nicht lesen.“ „Dieser Stoff kommt erst noch im Unterricht.“ „Willst du dich nicht an den Tisch setzen?“ Wir schenken nur den älteren Brüdern das Buch, weil der „Kleine“ noch nicht lesen kann.

Alternative

Wir nehmen uns Zeit, um entstandene Werke zu würdigen. Wenn er im Dunkeln zu schreiben beginnt, sorgen wir für Beleuchtung. Wenn er einige Buchstaben verkehrt herum schreibt, machen wir ihn mehr beiläufig darauf aufmerksam. Wir versuchen Mitteilungen zu entziffern und fragen ehrlich nach, wenn wir etwas nicht verstehen. Wenn er einer Person einen Brief schreiben möchte, unterstützen wir ihn darin, dass er beim Empfänger ankommt. Wenn ihn die Brüder zu kritisieren beginnen, versuchen wir die Kritik in Unterstützung des jüngeren Bruders umzuwandeln.

Zitat: Zwischen Liberalismus und Fundamentalismus

Diesen Ausschnitt aus Os Guinness’ Buch “Asche des Abendlandes” (Hänssler: Neuhausen-Stuttgart, 1972, S. 298-300) ist es wert, in voller Länge wiedergegeben zu werden. Es ist wahrlich nicht einfach, zwischen dem sich im Evangelikalismus ausbreitenden Liberalismus und einem erstarrten Fundamentalismus zu navigieren.

In der liberalen protestantischen und progressiven katholischen Theologie kann man die Ergebnisse dieses Mangels an Wahrheits­grundlagen gut sehen. Indem sie den Akzent auf einen Glaubenssprung legten, eine Trennung zwischen Fakten und Glauben voll­zogen, die Geschichte zum Mythos deklassierten und somit jedem vernünftigen Glauben allen Boden entzogen, haben die Moderni­sten und Progressiven die Glaubwürdigkeit des Glaubens zu radi­kaler Ungewißheit schwinden lassen. Angefangen bei den Libera­len, die unterschieden zwischen der Bibel als dem Wort Gottes und einer Bibel, die Gottes Wort enthält, über Rudolf Bultmann mit seiner Behauptung, daß der Glaube an Ostern intakt bliebe, selbst wenn wir heute die Gebeine Christi in einem Grab finden würden bis zu den jüngeren Theologen, denen nur noch daran liegt, daß die »Sache« Jesu weitergeht – alle stehen dem unlösbaren Problem der Bedeutung ihrer Theologie gegenüber. Fragt man sie, was sie denn eigentlich meinten, oder auf welcher Grundlage sie solche Aussagen machen könnten, enden ihre Antworten in der Leere, im Trivialen oder Absurden. Wahrheit ist nicht mehr, was Gott über sich zu den Menschen sagt, sondern was der Mensch erkennt, wenn er Gott sucht und sich in menschlichen Begriffen außen. Aber eine solche Sprache ist rein symbolisch. Wie ein Pfeil versucht sie die Decke der Unendlichkeit zu durchbohren, jenseits derer Gott, wenn es einen Gott gibt, der unfaßbar Andere ist. Unterhalb der Decke sucht der Mensch und ringt nach der Wahrheit, aber jeglicher Sinn ist stets jenseitig. Dem Menschen bleibt nur noch, was T. R. Miles »Schwei­gen, durch Gleichnisse qualifiziert« genannt hat. Diese »radikale Ungewißheit« unterscheidet sich von offenem Zweifel nur wenig, und ein solcher Glaube erscheint nur den Glaubenden als tapfer. Der kaltblütige Realismus von Freud ist dem bei weitem vorzuzie­hen, der solche jeglicher Verifikation unzugänglichen Glaubens­vorstellungen folgendermaßen kommentierte: »Genauso wie man sie nicht beweisen kann, kann man sie auch nicht widerlegen.« Der Liberalismus kann auf die Frage »Woher können wir das wissen?« nichts antworten. Wie gut die liberale Rhetorik auch sein mag, der Glaube schwebt dort ständig in der Gefahr, von erkenntnistheoreti­scher Ungewißheit oder vom Relativismus geschluckt zu werden.

Mängel betr. der Wahrheitsgrundlage zeigen sich allerdings auch im älteren Fundamentalismus. Es mutet einen ironisch an, daß, ob­wohl die Fundamentalisten den Liberalismus ganz und gar ableh­nen, ihre Antwort die gleiche Schwäche aufweist. Auch sie betonen den Glaubenssprung und erheben die Irrationalität fast zum Prinzip; sie leimen die ernsthaften Fragen des modernen Menschen als Ablenkung von tieferen persönlichen Problemen ab. Dahinter ver­birgt sich eine verzweifelte intellektuelle Unsicherheit, von der um­zäunenden Hecke von Tabus zwecks Erhaltung moralischer Rein­heit nur dürftig verborgen. Die scharfe Intoleranz vieler evangelistischer Unternehmungen, die nur durchgeführt werden, um das ei­gene Gewissen zu beschwichtigen, verrät die gleiche Unsicherheit. Viel von dem, was in diesen Kreisen gelehrt wird, muß in der gro­ßen Schule des Lebens wieder über Bord gehen, und es überrascht keineswegs, daß die Universitäten mit Versagern, die aus solchen Kreisen stammen, ihre Not haben. Ihr irrationaler, subjektiver Glaube wird von den auf da Hochschule notwendigerweise auftau­chenden Fragen grausam durchlöchert, und viele können nur des­halb beim Christentum bleiben, weil sie sich an einen schizophrenen Glauben klammem, den sie für religiös wahr halten, ohne ihn gedanklich, geschichtlich und psychologisch verifizieren zu können.

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Das zeitgenössische Christentum hat seine eigene Glaubensgrundlage bewußt und unbewußt verraten, indem es die Verschiebung im Wahrheitskonzept nicht verstanden und seine Äußerungen nicht auf die modernen Denkaussetzungen abgestimmt hat. Für den modernen Menschen ist es nicht nur falsch, sondern unsinnig, im Bereich der Moral und Vernunft mit »Universalien« zu arbeiten und im Bereich der Theologie oder Metaphysik von objektiver Wahrheit zu reden. Das moderne Denken ist von einem Schwung vom Absoluten zum Relati­ves, von Objektivität zur Subjektivität, vom Universalen zum Existenziellen gekennzeichnet. Sowohl der Liberalismus als auch der Fundamentalismus haben hier falsch reagiert – wenn auch in der entgegengesetzten Richtung. Der Liberalismus hat beim Aufkommen der rationalistischen Kritik am Christentum nicht auf seinen eigenen Prämissen bestanden. Stattdessen hat man versucht, bibli­sche Theologie auf naturalistischen und säkularen Prämissen zu errichten, je nach den gerade vorherrschenden philosophischen Strömungen. Keine liberale Theologie ist je eine neue Theologie. Es handelt sich lediglich um säkulare Prämissen, die in die religiöse Dimension erhoben werden. Daraus erklärt sich, warum die neuen Theologien so schnell passe gewesen sind; sie überdauern ihre Elternphilosophie nicht. Manche Theologen könnte man passend als »theologische Mannequins« bezeichnen. Wenn man die hegeliani­schen, existentialistischen oder idealistischen Prämissen hinter einer bestimmten neuen Theologie aufspüren kann, kann man ihre Relevanz und ihren Aufstieg und Niedergang gewöhnlich mit ziemli­cher Sicherheit vorhersagen. Was die liberale Theologie anscheinend durch ihre vorübergehende Aktualität gewinnt, verliert sie schliesslich durch ihre Kapitulation durch Kompromiß. Die Vermi­schung von biblischen und säkularen Prämissen endet stets in der Irrationalität.

Extremer Fundamentalismus ist gleichfalls irrational, doch aus an­deres Gründen. Stolz auf die »Reinheit der Lehre« und Treue zum Väterglauben veranlaßt die Fundamentalisten, jede Andeutung eines Kompromisses oder einer Verständigung abzulehnen. Aber ihr Mangel an einer ausreichenden Wahrheitsgrundlage ist ebenso sichtbar. Ihr Fehler besteht grundsätzlich darin, daß sie die Schlacht dort kämpfen, wo sie längst nicht mehr gekämpft wird; Don Quijote ähnlich stürmen sie gegen die Windmühlen von gestern. Sie vergessen Martin Luthers Ermahnung, daß ein Kampf an jedem Punkt, ausgenommen an dem, wo sich heute die Schlacht abspielt, eine Zeitverschwendung ist. Der Fundamentalismus hat die modernen Prämissen des Relativismus nicht begriffen und ihre Verbreitung geografisch, kulturell und intellektuell nicht verfolgt. Er befindet sich daher in einer gesellschaftlichen Isolation, auf einer selbstgemachten Mittelklasseinsel, von der allgemeinen Kultur und sogar den eigenen Kindern getrennt. Sie verstehen den Unterschied zwischen einer Ablehnung von Falschem und einer Ablehnung von Sinnlosem nicht. Sie verteidigen die Bibel als Wort Gottes, aber sie erkennen nicht, dass die moderne Position dies nicht wegen bestimmter Einzelheiten ablehnt, sondern weil es in der geschichtlich gewordenen und geschichtlich bedingten Sprache das Wort nicht geben kann. Sie verweisen auf die Auferstehung Jesu als Beweis für die Wahrheit des Christentums, erkennen aber nicht, dass es den Existenzialisten eigentlich nicht darauf ankommt, ob es ein historisches Ereignis war oder nicht; er fragt sich, ob es sich dabei nicht um ein weiteres sinnloses Ereignis in einem irrationalen Universum handelt. In der Diskussion der Wunderberichte mit den Materialisten verstehen sie nicht, daß es gar nicht darum geht, wie viele historisch belegte Wunder man aufführen kann, sondern daß man es mit einer tiefbegründeten Grundhaltung zu tun hat, die jeglichen Glauben an von Gott gewirkte Wunder unmöglich macht – auch wunderbare und unerklärbare Gescheh­nisse haben heute keine Sprache mehr. Diese Verständnislosigkeit führt nicht nur zu einem Kommunikationsversagen, sondern zu ei­ner intellektuellen Haltung, die bestenfalls irrational und schlimm­stenfalls verlogen und absurd ist. Ein solcher Glaube ist wie ein in­tellektueller Bluter – man braucht ihm nur den Finger anzuritzen, und er verblutet.

Dieser Mangel an Wahrheit Endet sich nicht nur im Liberalismus oder im extremen Fundamentalismus, sondern auch in neueren Be­wegungen innerhalb der Christenheit. Sicherlich sollten die Chri­sten ihrer Einheit Ausdruck verleihen und ihre Aufsplitterungen überwinden, aber die Ökumene hat sich bislang mehr als Einigung auf Kosten der Wahrheit statt als Vereinigung auf der Grundlage der Wahrheit erwiesen. Sicherlich brauchen die Christen ein tieferes Er­leben der Wirklichkeit des Heiligen Geistes; in der charismatischen Bewegung Enden wir jedoch vielfach eine Oberbewertung des Er­lebnisses auf Kosten der Erkenntnis. Insgesamt haben diesen Bewe­gungen – Liberalismus, extremer Fundamentalismus, die Ökumene und das neue Pfingstlertum, weiche positiven Beiträge sie auch im einzelnen geleistet haben mögen – dazu beigetragen, die Wahrheit zu entwerten, die Einzigartigkeit des christlichen Glaubens zu ver­wischen und das historische Christentum seiner größten Stärke zu berauben: des Anspruchs, wahr zu sein.

Kolumne: Gegen das Diktat der Mittelmässigkeit

Für die “Freie Welt” habe ich eine Reflexion anlässlich des Besuchs eines Musikwettbewerbs geschrieben:

Einmal mehr durfte ich an einem regionalen Musikwettbewerb beiwohnen. Nicht nur geniesse ich die musikalischen Darbietungen. Ich lasse mich gerne in die Atmosphäre vor, während und nach Auftritten mit hineinnehmen. Ich liebe es in einer Umgebung, die von Musik klingt, zu lesen. Die Stunden des Wartens sind für mich darum nicht langweilig, sondern stimulierend.

Gleich nach dem Betreten des Gebäudes tauche ich in eine andere Welt ein. Hier trifft sich eine Subkultur, bestehend aus musikalisch interessierten, leistungswilligen Menschen samt Angehörigen und Lehrern. Es herrscht gespannte Wettkampfatmosphäre.

Ich gewinne dem Anlass durchaus Positives ab. Ein Wettbewerb lässt das Kind sich in Konzentration üben. Es lernt mit Aufregung umzugehen und vor einem Publikum aufzutreten. Es lernt seinen Körper besser kennen, merkt Einflüsse von Nahrung, Trinken, Schlaf und Bewegung. Nach dem Auftritt, in den Wartepausen und auf dem Rückweg eröffnen sich Gelegenheiten zum Gespräch: Was denkst du kurz vor dem Auftritt? Was sind deine ersten Gedanken danach? Was fällt dir bei den anderen auf? Was kannst du von ihnen lernen? Was bewirkt ein solcher Auftritt in dir? Wir sprechen über Ängste, Hoffnung, Beruf und Berufung.

P. S. Diese Kolumne ist keine Verherrlichung der Leistungswelt vs. Konsumwelt.

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