Hanniel hirnt (32): Warum schreiben und warum Theologie studieren?

Mit drei jungen Männern führte ich in Aidlingen ein ausführliches Gespräch. Sie sandten mir vorab Fragen, deren Beantwortung ich teilweise aufgenommen habe. Fragen fokussieren und legen den Pfad zum Wachstum.

Frage Nr. 1: Wie kam es zu deiner Berufung des Schreibens? Warum hast du dich für ein Theologiestudium entschieden? (Podcast)

  • Für das Entdecken der Berufung: Schau auf den roten Faden, den Gott schon in dein Leben gelegt hat.
  • Welche Begabungen liegen in den Herkunftsfamilien und kommen von den Vorfahren?
  • Welches waren prägende Hinweise anderer Menschen, die bei der Klärung hilfreich waren?
  • Krisen sind von Gott gesandt und drängen zu Entscheidungen. Sie tragen in sich das Potenzial zur Katastrophe; als Christen dürfen wir wissen, dass Gott uns durch sie reifen lässt.
  • Gott "schüttelt" uns, um uns von unseren Götzen zu befreien und unser Herz an Ihn alleine zu hängen.

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Input: Das Muster bei gefallenen Pastoren

Ich empfehle einen aktuellen Artikel auf dem E21-Portal. Die Studie über gefallene christliche Leiter ist aufschlussreich. Ihre Aussagen gelten nicht nur für Pastoren, das gehört auf den Radar jedes Christen!

  • Keiner war in einer echten Rechenschaftsbeziehung.
  • Sie vernachlässigten Bibellesen und Gebet.
  • Sie setzten sich wiederholt gefährlichen Situationen aus.
  • Sie dachten, ihnen könne sowas nie passieren.

Die Aufforderungen von Garrell sind es wert, bedacht zu werden:

  1. Sünde gedeiht in Isolation.
  2. Wenn du mit der Sünde flirtest, wirst du in Sünde fallen.
  3. Sünde verblendet uns für unsere Schwachheit.
  4. Reinheit wird kultiviert, indem man Jesus liebt.

Siehe auch mein Beitrag "Die Macht des Doppellebens brechen"!

Buchempfehlungen: 5 Bücher, die meine Perspektive weiteten

Hier sind fünf ausführliche Rezensionen, in die ich viel Zeit investiert habe. Die Bücher weiten die Perspektive:

Eindrückliches Gefängnis-Tagebuch: Václav Havel. Briefe an Olga. Betrachtungen aus dem Gefängnis. Wem ist der Mensch eigentlich verantwortlich? Worauf bezieht er sich? Was ist der Fluchtpunkt seines Tuns?

Eines der besten (säkularen) Bücher zur Ideengeschichte: Richard Tarnas. Das Wissen des Abendlandes. "Seit langem schon scheint mir die Kulturgeschichte des Westens, die Kraft, das Ausmass und die Schönheit eines grossen Dramas zu besitzen; das antike klassische Griechenland, das hellenistische Zeitalter und das römische Imperium, das Judentum und der Aufstieg des Christentums, die katholische Kirche und das Mittelalter, Renaissance, Reformation und wissenschaftliche Revolution, Aufklärung und Romantik bis mitten hinein in unsere eigene unsere eigene herausforderungsreiche Zeit."

John A. Null. Real Joy: Freedom to be Your Best. Ein Seelsorger schreibt für Spitzensportler – über Leistung, Versagen und wahre Freude.

Georg Huntemann. Angriff auf die Moderne. Attacke auf die modernistische Denk- und Lebensweise entlang dem Apostolikum.

Nicholas Wolterstorff. Educating for Shalom: Essays on Christian Higher Education. Christliche Bildung im postmodernistischen Umfeld.

Hanniel hirnt (31): Zwei- oder Dreiteilung des Menschen?

In manchen Seelsorgekonzepten wird von einer Dreiteilung des Menschen ausgegangen. Wie steht es um die Beziehung von Geist – Seele – Körper? Die Fachbegriffe lauten: Trichotomie = Dreiteilung, Dichotomie = Zweiteilung. Im neuen Kurz-Postcast greife ich auf Thomas Schirrmachers Ethik zurück:

  • Der Mensch hat eine körperliche und eine geistige Seite (Gen 2,7).
  • Seele umfasst das Zusammenkommen zwischen dem irdisch Vergänglichen mit dem himmlisch Ewigen. Die Seele als Begriff für den ganzen Menschen besteht aus einem Teil, der den Tod überlebt, und einem anderen, der ihn nicht überlebt.
  • Die AT- und NT-Begriffe werden nicht klar voneinander abgegrenzt, sondern betonen verschiedene Seiten. Herz, Seele, Fleisch, Geist, Ohr und Mund werden austauschbar gebraucht.
  • Auch wenn verschiedene Aspekte des Menschseins betont werden, ist der Mensch nicht zerlegbar. Der Mensch wird immer von seiner Ganzheit gesehen. Jede Handlung wird als Handlung des ganzen Menschen gesehen.
  • Alle Begriffe beziehen sich teilweise auf materielle, teilweise auf übertragene, ethische Aspekte, also der Haltung des Menschen.
  • Es ist deshalb gefährlich, einzelne Teile in ein eigenes System zu pressen oder gar Begriffe mit unserem heutigen Wortgebrauch direkt zu verbinden.
  • Kirchengeschichtlich haben sich seit Athanasius und Augustinus zahlreiche Vertreter für die Zweiteilung ausgesprochen.
  • Warum Zweiteilung? Fleisch und Seele, Geist und Seele werden oft austauschbar benutzt. Seele und Geist sind nicht als sich ausschliessende Grössen zu betrachten.
  • Fazit: Der Mensch besteht aus einer vergänglichen und unvergänglichen Seite, wobei die Begriffe über weite Strecken austauschbar verwendet werden. Es existiert keine dritte Grösse.
  • Der Mensch ist Leib und Seele. (Dietrich Bonhoeffer)

Hanniel hirnt (30): Wenn die Schere auseinander geht

Ich nehme die Serie wieder auf. Die neue Folge widmet sich dem Phänomen der Midlife Crisis.

Ich bin Ü40, über 40 Jahre alt. Die Literatur meint: Eine Zeit der Krise des mittleren Alters. Die Schere zwischen Ansprüchen und Erwartungen anderer sowie laufenden Aufgaben geht auseinander. Noch wichtiger: Der innere Sollzustand von Träumen und Vorhaben zerrinnt zusehends zwischen den Fingern. Ziele werden unwahrscheinlicher, der Alltag bringt nicht das erwartete Alltagsglück oder die angestrebte Harmonie.  Der Abstand zwischen innerem Ideal und gelebter Wirklichkeit wird grösser. Ein Teil des Lebens mag sogar in eine andere Richtung gehen.

Einige laden sich in dieser Phase sogar noch mehr auf: Sie kaufen zum Beispiel ein Ferienhaus. Die Ressourcen, von denen nicht zu viel vorhanden sind (sondern im Gegenteil knapper werden), fliessen in zusätzliche Projekte und mehr Besitz. Vielleicht kann doch noch ein kleines Paradies im Hier und Jetzt gewahrt werden. Als Ausgleich für den Frust und Rückzugsort. Diesen Gedanken und Plänen geben manche viel Gewicht. Zeit, Energie und Geld fliessen reichlich in solche Projekte. Gleichzeitig verschärfen sie die innere Not und den vorhandenen Mangel. Die Zusatzinvestition bringt gar das Ganze zum Kippen.

Für Aussenstehende auffällig(er): Die halb bewussten Ziele werden nicht vor Augen gestellt und realistisch beurteilt. Stattdessen stürzt man sich in zusätzliche Vorhaben. Vollgas in die Sackgasse. Dabei wäre wichtig zu bekennen: Es sind uns über den Lauf der Jahre einige Dinge zu wichtig geworden. Das ist die Übersetzung von „Götzendienst“. Energie und Zeit sind gebunden. Wir drehen uns im Hamsterrad, in das wir uns begeben haben.

Manche strampeln so lange, bis die Kräfte gar nicht mehr reichen. Eine brüske Umorientierung ist vorgezeichnet: Scheidung, neue Arbeit, neuer Wohnort etc. Was aber wären die Dinge, die bestehen, wenn wir vom Ende her denken? Was wird bleiben, wenn wir eines Tages Gott Rechenschaft abgeben? Konzentrieren wir uns auf die wesentlichen Dinge! Beten und ringen wir darum. Lösen wir uns rechtzeitig von unseren Götzen. Welches Vorrecht, wenn wir die Freude in Ihm finden!

Hinweis: Dieser Katechismus sollte auf deinem Nachttisch liegen

Evangelium21 stellt den New City Katechismus mit 52 Fragen und Antworten in deutscher Sprache zur Verfügung. Ich habe das Dokument meinen beiden Jüngsten ausgedruckt, abgegeben und sie gebeten ihn zu lesen und zu lernen. Jetzt sehe ich sie zusammen lesen. Einige Tage später sprachen wir über Sünde: "Sind wir deswegen nichts?" Mein Jüngster mit Lächeln: "Nein, wir sind im Ebenbild Gottes geschaffen."

Michael Reeves schreibt in seinem Beitrag "Lass dich nicht ertappen ohne Bekenntnis". "Glaubensbekenntnisse sind unsere schriftliche Haltung vor Gott und seinem Wort – demütig vor ihm, gehorsam unter ihm, lernbegierig in ihm, konfrontiert durch ihn und durch ihn hinaus in die Welt gehend. Ein Christentum, das auf Glaubensbekenntnisse gegründet ist, ist keine Untergruppe der christlichen Orthodoxie; es ist die verfasste christliche Orthodoxie. Am Ende ist ein orthodoxes Glaubensbekenntnis, geprüft über Jahre des Christentums, etwas, ohne das du nicht ertappt werden willst."

In Anlehnung an ein Buch von J. I. Packer habe ich den Aufsatz "Führt die Katechese in Gemeinde und Familie wieder ein!" geschrieben. "Katechese – die systematische, auf Denken und Handeln gerichtete Unterweisung von Kindern und Erwachsenen im christlichen Glauben – ist neben der Auslegungspredigt das wesentlichste Erfordernis, um Menschen zuzurüsten und zur Reife in Christus zu bringen.

Carl Truemans "The Creedal Imperative" beschäftigt sich mit der Wichtigkeit von Bekenntnissen. Gerade in unserer vermeintlich dogmen-freien Zeit eine heilsame Lektüre. "Es gibt keine Gemeinde ohne Bekenntnis. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die einen über niedergeschriebene Glaubensbekenntnisse verfügen, die damit öffentlicher Debatte und Evaluation zugänglich sind. Die anderen haben private Bekenntnisse, die ungeschrieben und oft improvisiert sind und darum auch nicht öffentlich zur Debatte stehen können."

Kolumne: 10 Überlegungen zur Bildung der Kinder

Vor über 10 Jahren haben meine Frau und ich den Entschluss gefasst unsere Kinder selbst zu unterrichten. Kürzlich haben wir zu zweit einen Rückblick gehalten und uns gefragt, was wir Eltern, die am Anfang des Bildungsweges stehen und diese Bildungsmöglichkeit in Betracht ziehen, raten würden.

Wir selbst haben zu Beginn sechs Familien besucht. Ich habe mehrere Dutzend Bücher eingekauft. Aus der Recherche entstand mein erstes Buch, das kostenlos heruntergeladen werden kann.

  1. Am Anfang steht die Grundeinsicht, dass Gott die Aufgabe der Erziehung den Eltern anvertraut hat. Die Verantwortung für die Bildung, die ein Teil dieser Erziehung darstellt, kann zwar delegiert werden. Die Eltern verantworten jedoch auch diesen Teil des Lebens. Wer sich in die Arbeit oder eigene Projekte flüchtet, kann sie zwar verweigern, zahlt jedoch langfristig einen Preis dafür. Auf die eine oder andere Weise leidet die nächste Generation darunter.
  2. Es braucht ein Bild von den Kindern, das der Realität einer von Gott geschaffenen und in Sünde gefallenen Welt entspricht. Einige glauben, dass in den Kindern alles schon vorhanden sei. Man müsse es nur zum Vorschein kommen lassen. Das ist eine Überhöhung, das sowohl die geschöpfliche Begrenzung als auch die Sündhaftigkeit des Kindes (wie der Eltern) ausblendet. Das mag in den Kleinkindjahren noch aufgehen, später nicht mehr.
  3. Es braucht beide Ehepartner. Der Mann trägt aus biblischer Optik die Hauptverantwortung für die Familie. Es reicht nicht, wenn die Mutter alles übernimmt. Natürlich müssen Aufgaben geteilt werden. Es ist ebenso ein Mythos, dass jeder alles können muss.
  4. Es braucht Ressourcen. Das ist umfassend gemeint. Am Anfang steht der Entschluss, für die nächste Generation zurückzustehen. Unterricht ist harte Arbeit. Es braucht Kraft und einen hohen Zeitaufwand. Wo das eine oder andere fehlt, muss man «in den Sack langen». Wer sein Kind an eine private Schule schickt, weiss, dass die Kosten pro Kind gut und gerne 2000 – 3000 Franken monatlich betragen können (Schweizer Tarif).
  5. Es geht in erster Linie um eine Haltung. Charakterbildung hat Priorität. Die englische Pionier-Pädagogin Charlotte Mason hat aus unserer Sicht Recht, wenn sie zuerst die beiden Gewohnheiten des Gehorsams und der Aufmerksamkeit aufbaut und einfordert. Das beginnt in kleinen Alltagssituationen und in kurzen Zeitspannen und kann über die Jahre ausgebaut werden.
  6. Familiengewohnheiten müssen Schritt für Schritt angepasst werden. Wir waren uns ganz zu Beginn einig, dass ein Fernseher wertvolle Zeit und Aufmerksamkeit stielt. Der Tag hat 24 Stunden. Ich kann mich gut erinnern, dass ich zuerst die Familienandachten veränderte: Die Kinder begannen in eigenen Worten das Erzählte zusammenzufassen und Zeichnungen anzufertigen. Diese Gewohnheit haben wir Schritt für Schritt erweitert: Jedes Kind führt ein eigenes Tagebuch und trägt nach Alter und Begabung selbst zu seiner Bildung bei.
  7. Es setzt einen veränderten Lebensstil voraus. Urlaube werden anders geplant, aber auch der Tages- und Wochenablauf angepasst. Wir machten die Erfahrung, dass Morgenstund’ wirklich Gold im Mund hat. Was bis zum Mittag gelernt ist, sitzt besser.
  8. Wer den Kindern alles nachträgt, wird mittelfristig mit dem Projekt stoppen. Bei Kleinfamilien geht es in die Verwöhnung und Überbehütung, bei grösseren Familien ins Chaos bzw. Ausbrennen. Auch wenn jede Familie anders ist, meine ich heute: Die Selbstverantwortung kann nicht genügend gefördert werden. Ich sehe jeden Tag unterwegs Mütter ihren Kindern zu viel nachtragen und Väter nach der Pfeife der Kinder tanzen.
  9. Es braucht immer wieder Abstimmung mit dem Ehepartner und den Kindern. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht mehrere Gespräche mit den Kindern und natürlich mit meiner Frau führe. Bei Abwesenheiten kann das auch übers Telefon geschehen. Nachfragen, erinnern und zuhören sind unerlässlich.
  10. Einige werden mir an dieser Stelle sagen: Das ist einfach die Perspektive eines ehrgeizigen Vaters. Es geht auch viel gemächlicher. Das mag stimmen. Es geht um einen Fächerkatalog, definierte Ziele und Inhalt, aber auch um Fähigkeiten und Perspektiven für das Leben in Familie, Kirche, Beruf und Staat.

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Stationen meines Aufwachens (10): Was nun, Freikirchen?

In einer zehnteiligen Serie berichte ich über meine geistliche Reise der letzten zehn Jahre, aufgrund derer ich der Überzeugung bin, dass der sog. "Evangelikalismus" vor einer grundlegenden Entscheidung steht bzw. sich innerlich schon gespalten hat.

Dreifaches Fazit

In einem Statement auf Facebook schrieb ich kürzlich: "Angezogen von Rob Bell, Tony Campolo, Greg Boyd, Siegfried Zimmer und anderen? Sie sind als Helden des Post-Evangelikalismus nun auch im deutschen Sprachraum und die Künder eines angeblich neuen Aufbruchs. Sie haben in mit viel Selbstbewusstsein die zentralen Lehren der Bibel demontiert. Es geht nicht um Details, sondern um das Bibelverständnis, um die Souveräntität Gottes, um das Sühneopfer von Jesus, die Lehre der Erlösung, den Auftrag der Gemeinde, die Sexualethik – also um das Ganze. Wir fahren die Ernte einer an Oberflächlichkeit leidenden Predigt, fahrlässiger Bibelvergessenheit und einer (unbewussten) Übernahme der postmodernen Erkenntnistheorie ein. Die Konsequenzen erlebe ich hautnah: Die Gemeinden werden zu aktivistischen Vereinen. Menschen mit Seelsorgeproblemen werden in ihrer Not sitzen gelassen. Die Freude und Kraft der Evangelisation erlahmt. Ich habe wohl 200 Beiträge, darunter Dutzende Aufsätze, zu allen Themen verfasst. Mir bleibt zur Zeit die Sprachlosigkeit. Leider trennen sich meine Wege mit denen zahlreicher Freunde. Ich kann und will diesen Weg nicht beschreiten, auch wenn ich den respektvollen Kontakt halten will. Man möge mir das als Arroganz auslegen. Wer mich persönlich kennt weiss, dass mein Herz blutet und ich tieftraurig bin. Ich glaube, dass Bart Campolo (Sohn von Tony), der 2016 zum säkularen Humanismus konvertierte, Recht behält: Dieses postfaktische Christentum ist die Vorstufe zum Atheismus."

In einem weiteren Statement listete ich 10 Gründe auf, weshalb viele Gemeinden dem theologischen Liberalismus praktisch schutzlos ausgeliefert sind:

  1. Es wurde jahrelang nicht über Bibeltexte, sondern ausgehend von einzelnen Versen Anekdoten des Predigers, psychologische Ratschläge und Geschichten verteilt.
  2. Eine denkfeindliche Haltung wurde gefördert. Denkende Menschen galten als arrogant und wurden marginalisiert.
  3. Das persönliche Bibellesen wurde kaum gefördert, vielmehr erschallte der Rat: Lies sie nur, wenn es dir darum ist.
  4. Es wurde kaum auf die Literatur geachtet; einige flache Ratgeber waren dominant. Oft machte dies das gesamte Futter auch von Verantwortlichen aus.
  5. Weil sich «alle so lieb» hatten, schwieg man zu vielen ethischen Themen, vor allem in der Sexualethik. Das schuf einen gelebten Konsens.
  6. Der Schwerpunkt der Aktivitäten wurde auf Anlässe gelegt. Das band einen Hauptteil von Geld und Zeit.
  7. Das aussergemeindliche Engagement galt vor allem sozialen Aktivitäten, die «hip» waren und ein gutes Gefühl gaben.
  8. Die Kinderarbeit lebte von formellen und inhaltlichen Appellen, die der umgebenden Konsumkultur entlehnt waren. Die Heranwachsenden wurden so schutzlos dem säkularen Umfeld ausgeliefert.
  9. Der Satz «der Inhalt bleibt gleich, die Form ändert» übersah vollständig die Ergebnisse der Medienforschung: Die Form prägt den Inhalt.
  10. Businessstrategien verdrängten die Frage nach geistlichen Kriterien für Wachstum.

Ausgehend von Ulrich Parzanys Buch "Was nun, Kirche?" formulierte ich zehn Beobachtungen zu den Freikirchen.Diese beendete ich mit der Zuversicht: "Gleichzeitig sind wir gewiss: Gott baut seine Kirche. Eine Haltung von Daniel (Dan 9) oder Nehemia (Neh 1) steht uns wohl an."

Dreifache Hoffnung

Ich bin hoffnungsvoll – und damit schliesse ich diese Reprise-Serie:

  • Dies sind meine drei Träume.
  • Durch E21 und Josia – Truth for Youth bin ich eng mit zwei wichtigen Initiativen verbunden, die ein zentrales Anliegen im deutschsprachigen Raum vertreten: Nehmen wir Gott wieder beim Wort!
  • Ich pflege Kontakte zu zahlreichen jungen Männern, die einen Hunger nach Gottes Wort haben.

Stationen meines Aufwachens (9): Die Fallen der Rechtgläubigkeit

In einer zehnteiligen Serie berichte ich über meine geistliche Reise der letzten zehn Jahre, aufgrund derer ich der Überzeugung bin, dass der sog. "Evangelikalismus" vor einer grundlegenden Entscheidung steht bzw. sich innerlich schon gespalten hat.

Lasst mich ergänzen: Es lauert stets die Falle der Rechtgläubigkeit. Rechte Lehre und liebevolle Beziehungen sind Zwillinge. "Mit Schmerzen beobachte ich, dass reformiert geprägte Kreise manchmal durch ihre Rechtsgläubigkeit und – leider – auch Arroganz auffallen. Es würde mich nicht wundern, wenn einige nach dem Lesen von Blogbeiträgen diesen Eindruck von mir selbst hatten. Tatsächlich schimmern schon mal Spuren des Ärgers und der Rechthaberei durch." Das kann zum Punkt führen, dass uns andere trotz korrektem Standpunkt nicht mehr zuhören!

Auch das konflikt-vermeidende Verhalten, die Aufrechterahlten einer äusseren Harmonie, gehört zu den Kehrseiten der Rechtsgläubigkeit, wie ich kürzlich ausgeführt habe. Zum Beispiel haben "wir uns zu sehr in unseren negativen Gefühlen gebadet. Wir verstehen uns gut darin zu klagen. Doch wer auf andere zeigt, der neigt zum Reflex: "Ich nicht". Dabei müssen wir gestehen: Wir auch, wir sind um keinen Deut besser. Wir verstanden es in den eigenen Gefühlen der Abwehr zu drehen. Gefühle können auch zum Götzen werden."

Stationen meines Aufwachens (8): Der funktionale Liberalismus

In einer zehnteiligen Serie berichte ich über meine geistliche Reise der letzten zehn Jahre, aufgrund derer ich der Überzeugung bin, dass der sog. "Evangelikalismus" vor einer grundlegenden Entscheidung steht bzw. sich innerlich schon gespalten hat.

Es gibt noch eine andere Facette, die sich im Rückblick als richtungsweisend erweist. Es geht um das, was ich als "funktionalen Liberalismus" bezeichnet habe. "Besonders erschreckend zeigt sich die Differenz – man möchte bisweilen fast von einem tiefen Graben sprechen – bei der gelebten Verbindlichkeit zu Gottes Wort. Die evangelikale Welt zeichnet sich insgesamt durch ihr Bekenntnis zur Schrift als oberster Autorität aus. Im Alltag treffe ich vier beliebte Strategien an, mit denen dieses Bekenntnis umgangen wird." Ich beschreibe dann Fallen von vier Unausgewogenheiten, die alle Teilwahrheiten enthalten.

Zugespitzt zeigt sich die Problematik im Keulen-Argument des "lieblosen Dogmatismus": "Dieser verbale Vorschlagshammer könnte aus Sicht des Hämmernden bedeuten: „Du hast gesagt, dass etwas ‚absolut‘ gelte. Dabei handelt es sich um etwas, das ich anders lebe. Jetzt hältst du mir dies als Sünde bzw. Übertretung vor. Damit stellst du dich auf den Standpunkt des gerechten Frommen und mich auf den Schandfleck des Sünders. Diese Lieblosigkeit hat Jesus doch verboten. Er ging selbst zu den verruchtesten Sündern hin und holte sie aus der Schandecke. Wir Christen sollten doch gerade daran zu erkennen sein, dass wir einander in Liebe begegnen.“ Liebe bedeutet in diesem Zusammenhang: Wir sollten die Entscheidung des anderen respektieren und ihm jederzeit signalisieren, dass wir ihm vollen Respekt und volle Zustimmung geben. Die schwerste aller Sünde besteht darin, den anderen zu „verletzen“."