Standpunkt: Grosser Schaden durch neue Form des Christentums in vielen Freikirchen

Natasha Crain hat sehr pointiert dafür argumentiert, dass das "progressive Christentum" unseren Kindern ebenso schadet wie blank vorgetragener Atheismus. Ein Must Read für alle Eltern! Diese Form von christlichem Glauben hat sich in den letzten 10 – 15 Jahren virusartig in vielen freikirchlichen Gemeinden verbreitet.

  • Eine niedrigere Sicht der Bibel
  • Gefühle kommen vor Fakten
  • Grundsätzliche christliche Wahrheiten sind offen für eine Neuinterpretation
  • Historische Begriffe werden mit neuen Inhalten gefüllt
  • Das Herz der Evangeliumsbotschaft wechselt von Sünde und Erlösung hin zur sozialen Gerechtigkeit. 

Was ist die Gefahr hierbei? Dem ungeübten Ohr erscheint diese Botschaft wie das biblische Christentum zu tönen. Es wird viel von Gott, der Bibel, Liebe und Mitleid gesprochen. Ein Kind, das zwar mit gewissen frommen Formen "sozialisiert", jedoch nie gründlich in der Bibel unterwiesen wurde, fällt schnell darauf herein. Es stimmt mich traurig festzustellen, dass viele Gemeinden, in den das Evangelium dereinst verkündigt wurde, auf diesen Kurs gewechselt haben. Der Anzeichen sind viele, der Verlauf schleichend, die Ausreden mannigfaltig.

Anhand des Buches "Christentum und Liberalismus" von Gresham Machen habe ich dargestellt, weshalb es sich in letzter Konsequenz um eine andere Religion handelt.

Vortrag: Was ist der Zweck meines Lebens?

Os Guinness. What is My Purpose?

Lebenszweck in der Schnittblumen-Gesellschaft

Ich liebe Kirchen, welche die grossen Fragen stellen und sich ihnen stellen. Meaning (Bedeutung), purpose (Zweck), identity (Identität) sind drei Dinge, die jedermann benötigt, über die sich jedoch die wenigsten tiefere Gedanken machen.

Eine aktuelle Lebensphilosophie schreibt vor: YOLO – you only live once. Dostojewski meinte: Wir wollen nicht nur leben, sondern für etwas Bestimmtes leben. Kierkegaard: Ich möchte den Grund entdecken, weshalb ich lebe und sterbe. Die Verwirrung ist gross, weil die USA eine „cutflower“-Zivilsation geworden ist: Abgeschnitten von ihren Wurzeln.

Drei Antworten

Die verschiedenen Weltanschauungen geben unterschiedliche Antworten. Es gibt drei Antwortfamilien:

  1. Philosophie des Ostens: Unpersönlicher Grund des Seins; zum Zweck des Lebens behaupten sie: „Vergiss es!“ Diese Welt ist Illusion. Du stirbst und kommst wieder zurück. Es geht um Befreiung von der Individualität.
  2. Säkularismus (Atheisten, Agnostiker, Naturalisten): „Do it yourself!“ Alles entstammt dem Zufall. Bedeutung ist nicht etwas zu entdecken, sondern musst du dir selbst geben.
  3. Biblische Antwort: Jeder ist einzigartig im Ebenbild Gottes geschaffen und wächst in das hinein, was er sein sollte – Schöpfung und Berufung.

Die Bedeutung von Berufung

Die Berufung steht im Zentrum der Heilsgeschichte. Gott erwählte einen Einzelnen, eine Familie, einen Stamm, eine Nation. Sie steht auch im Zentrum des Evangeliums. Jesus rief Nachfolger: „Folge mir nach.“ Sie folgten drei Jahre, bis sie richtig verstanden, wer Er wirklich war.

Ein Gleichnis beeinflusste die Reformation und damit auch die Geschichte der letzten Jahrhunderte des Westens mit, den Aufstieg des Kapitalismus, des Wertes der Arbeit und der Demokratie. Es geht um das Gleichnis der Talente. Es existieren zwei Varianten, die des Lukas und die des Matthäus. Was ist das Herz dieses Gleichnisses?

  1. Berufung bedeutet Dienst. Die Talente wurden Sklaven gegeben, also den sozial Niedrigsten. In einer Konsumgesellschaft dreht sich alles um uns. Es geht in erster Linie um Ihn, und wir sind Diener. Beispiel: Heute redet man von WORSHIP EXPERIENCE. In der Bibel heisst dies ganz einfach Dienst (wovon auch unser Wort Liturgie stammt). Es geht nämlich um Ihn.
  2. Berufung bedeutet Haushalterschaft. In der griechischen Kultur schaute man zu seinem eigenen Clan. Man kümmerte sich um seinesgleichen. In der römischen Kultur gehörten dem Vater sogar seine Kinder. Im Christentum gehört alles dem Herrn! Es ist uns anvertraut.
  3. Berufung bedeutet Unternehmertum. Die Sklaven sind auf sich selbst gestellt – keine Instruktion, keine Überwachung. Es war ihnen überlassen, es gewinnbringend einzusetzen. Es braucht eine Vision und Risikobereitschaft.
  4. Berufung bedeutet Rechenschaft. Eines Tages wird der Herr fragen, was wir mit dem Anvertrauten angefangen haben. Jeder erwartet, dass ein Pastor oder ein Missionar berufen ist. Wir alle sind aber berufen! Mit welchen Begabungen bist du geboren worden? Mit welchen Ressourcen ausgestattet (Familie, Ausbildung, Nation)? Welches ist dein Einflussbereich (Familie, Nachbarschaft)? Nimm diese zusammen – das sind deine Pfunde!

So sollten wir über den Zweck unseres Lebens denken. (Gesellschaftlich wirkte sich das in einer rasanten technischen und wirtschaftlichen Entwicklung nieder.)

Predigt: Lass mich gut enden! Eine Mahnung aus Salomos Leben

Kürzlich habe ich über das Ende Salomos gepredigt. Die überarbeitete Fassung kann auf josiablog.de nachgelesen werden.

Salomo … tat nicht „völlig“ (oder: ungeteilt), was recht war in den Augen des Herrn (1. Kön 11,6). Was trug zu diesem getrübten Lebensfazit bei? Wir betrachten näher, was zu seinem traurigen Lebensende führte und lassen uns dadurch warnen. Noch mehr, wir flehen Gott an: Lass uns gut enden!
… Ein Ausleger wies auf ein Wortspiel hin: Salomo und das Wort „völlig“ bzw. „ungeteilt“ haben dieselben drei hebräischen Konsonanten. Weil sein Herz nicht ungeteilt seinem Gott gehörte, entfremdete er sich selbst. Diese Botschaft trifft leider auch auf unsere gottferne Gesellschaft sowie auf jeden zu, der innere Kompromisse eingeht.

Gebet: Ich geh‘ im Takt des Sklaven

Anmerkung: Diese Haltung kommt mir often entgegen – dumpf, reaktiv, passiv, negativ.

Am Morgen mit Ach und Krach aus dem Bett,
muffelig, unwillig das Tagewerk anzupacken.
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

Keine Fokussierung auf Den, der mich gemacht hat.
Handy an, News-Dusche.
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

Die Sorgen haben mich schon eingeholt.
Ich drehe in mir selbst um mich.
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

In letzter Minute haste ich zur Bahnstation.
In der S-Bahn liegt die Gratiszeitung mit Bildern, zusammenhangslosen Bemerkungen.
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

Im Bahnhof ein Aufputschgetränk.
Ein Moment schlechtes Gewissen, denn das geht’s auf Übergewicht.
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

Die Bahn ist heiss.
Die Leute unfreundlich.
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

Am Boden liegt ein alkoholisierter Mensch.
Blick weg und weiter.
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

Reingestürzt in die Arbeit.
Kein Plan und schlechte Sitzhaltung.
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

Das Handy surrt.
Wieder eine Rechnung, die man bezahlen muss.
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

Mittagessen im Schnellinbiss.
Wann ist endlich Feierabend?
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

Ein neuer Auftrag zur Unzeit.
Wird auf die innere Warteliste „ge-added“.
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

So muffig die Stimmung, so gereizt meine Ankunft zu Hause.
Ich brummle vor hin mich, höre den anderen nicht zu.
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

Wann ist Wochende?
Wann kommt der Urlaub?
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

Absorbiert wird kompensiert, mit Essen.
Dann die Kiste angeschaltet.
Ich geh‘ im Takt des Sklaven.

Vortrag: Als Christen in der nach-christlichen Zeit bestehen

Os Guinness. How the Church Engages in a Post-Christian Culture.

Guinness beginnt mit einem Erlebnis eines CEO Forums in Shanghai. Der Dean der Business School fragte ihn unter vier Augen: „Wir hier sind fasziniert von den christlichen Wurzeln des Westens um der Zukunft Chinas willen. Ihr im Westen löst euch von diesen Wurzeln. Was habe ich verpasst?“ Seine Analyse stimt. Die entscheidenden Wurzeln des Westens sind jüdisch-christlich. Wir sind zunehmend eine Schnittblumen-Zivilisation. Die Tragik mancher Kirche besteht darin, dass sie sich in ähnlicher Weise vom Herrn abgeschnitten haben!

Fragestellung: Wie reagieren wir als Kirche auf die Herausforderungen der fortgeschrittenen modernen Welt, in welcher der christliche Glaube zunehmend marginalisiert ist?

Wir sollen unmögliche Leute sein, nicht korrumpierbar, nicht manipulierbar, weil wir an Jesus verkauft sind. Diese Zeit ist die grösste Gelegenheit für die Verkündigung des Evangeliums seit der Zeit der Apostel – verbunden mit der grössten Herausforderung. Werden wir integre Christen und Kirchen haben, die in dieser Zeit bestehen können?

  1. Wir sollen mit der grossen kulturellen Transformation ringen. Wir sind mit drei grossen Veränderungen konfrontiert:
    a) Institutionen und mit ihnen einhergehende Identität schmelzen dahin – von Arbeit, Familie, Politik bis hin zu Abstraktionen wie „das Böse“. Es gibt Reisefreiheit und eine entwickelte Technologie – die Schattenseite hiervon: Freiheit zum Bösen. Dies betrifft die Ausdehnung der globalen Gewinne, sei es durch Waffen, Drogen oder Frauen, oder auch die Disfunktionalität, sichtbar in den Beziehungen.
    b) von der singulären zur multiplen Moderne: Es gibt nicht nur die Möglichkeit der europäischen oder US-amerikanischen Moderne. Innerhalb der asiatischen Moderne existiert ebenso die chinesische, japanische, koreanische. Für Europa ist eine neue Bescheidenheit gefragt.
    c) Verschiebung der geistlichen Gravitation vom Westen zum Süden: Dies kommen aus der Vor-Moderne, die Herausforderungen stehen ihnen noch bevor.
  2. Der Krieg der Geister. Nietzsche kündigte in seinem letzten Buch „Ecce Homo“ an, dass wir in einen nie dagewesenen Krieg der Geister hineinkommen würden. Heute sehen wir eine enorme Diversifikation. Jedermann ist nun überall. Weltanschauungen und Lebensstile ellbögeln miteinander. Die Religiosität nimmt massiv zu und hat die Säkularisierungsthese Lügen gestraft (mit Ausnahme Europas). Innerhalb einer Generation ergeben sich auch innerhalb der Kirchen gewaltige Verschiebungen – bis hin zum (Neu-)Heidentum. Für 50 % der jüngeren US-Evangelikalen ist Jesus ein Weg, nicht mehr der Weg.
  3. Die Moderne hat mehr Schaden in den Kirchen angerichtet als alle Verfolger zusammen. Der integrierte Glaube wird fragmentiert. In den urbanen Zentren entwickelten sich verschiedene Lebenssphären. Wohnort, Kirche und Arbeit liegen auseinander. Der Glaube ist privat, öffentlich irrelevant. Das schockierte den geistigen Vater des Terroristen Bin Ladens schon in den USA der 1940er. Zweitens werden wir durch die Moderne von Autorität zur Präferenz geführt. In der konsumistischen Welt ist alles eine Frage des Geschmacks. Überzeugungen und Verhalten driften auseinander. Beispiel: Ein evangelikaler Führer sah sich in der Frage der Homosexualität vor die Wahl gestellt – entweder Freunde oder die Autorität der Schrift. Freunde, so meinte er, gewinnen immer.
  4. Wir benötigen einen Blick für die Verirrungen der Kommunikation in einem Zeitalter der Kommunikation. Weil der Zugang so einfach geworden ist, heisst dies nicht, dass die Kommunikation an sich einfacher geworden wäre. Jedermann spricht über alle Kanäle – wir sind permanent abgelenkt. Fokussierte Aufmerksamkeit ist rar. Zudem ereignet sich eine Inflation der Ideen. Beispiel: Berühmtheiten lassen ihre Bücher schreiben. Prediger nehmen Predigten aus dem Internet.
  5. Wir müssen sicherstellen, dass wir als Kirche über die nötigen Instrumente verfügen, um mit der Moderne zu ringen. Zuerst benötigen wir tiefe biblische Überzeugungen. Wir sollen nicht nur Internet-Snippets lesen, sondern die Schrift studieren! Wir sollen die Geschichte der Ideen kennen. Warum Postmodernismus die grössere Gefahr darstellt: Es ist die Gefahr von heute, nicht von gestern. Die Ideen verschwinden schon wieder, nur bei den jungen Evangelikalen nisten sie sich gut ein.

Wir sind gerufen mit diesen Veränderungen und Ideen zu ringen, um als unmögliche Leute zu bestehen!

Vortrag: Das Verschwinden der Freiheit

Os Guinness. A Free People's Suicide. (2014)

Es geht um ein Problem unter der Oberfläche, das hinter zahlreichen anderen Ereignissen unserer Republik (Guinness spricht in den USA) steht. Augustinus sagte schon: Wenn du beurteilen willst, wie es um eine Nation bestellt ist, dann blicke darauf, was ein Volk am meisten liebt. Wenn diese Liebe nobel ist, dann ist es um ihre Gesundheit gut bestellt. Für die USA betrifft dies seit der Gründungszeit ihre Freiheit. Die Gesundheit dieses Staates kann also am Status seiner Freiheit gemessen werden. Viele der Gründerväter waren beseelt von der Idee, eine freie Gesellschaft zu gründen, die für immer frei bleiben würde. Was kann also Freiheit erhalten bleiben?

Der erste Akt dieser Freiheit war die Unabhängigkeit (1776), der zweite, dieser Freiheit einen Rahmen zu geben: Die Verfassung (1778). Freiheit muss geordnet werden. Die Russen und Chinesen taten dies nicht, und die Freiheit entfaltete ihre dämonische Seite. Die dritte Aufgabe ist die härteste: Die Freiheit zu erhalten. Der 28-jährige Lincoln hielt die berühmte Rede „The Perpetuation of Our Political Institutions“ – erstaunlich für sein Alter. Die Nation ist frei und mächtig geworden und hält seine Freiheit für selbstverständlich.

Die Klassiker – Cicero und Polybius – hatten ein klares Verständnis davon, was eine freie Gesellschaft bedroht: Eine externe Bedrohung. Die zweite Bedrohung ist viel subtiler: Die Verderbnis der Gewohnheiten. Die dritte: Zeit. Frische Dinge vergehen und werden Routine. Edward Gibbon antwortete auf seine selbst aufgeworfene Frage, warum Rom fiel, zuerst: Durch die Wunden der Zeit. Wer nimmt diese drei Bedrohungen heute ernst?

Es gilt das Paradoxon: Der grösste Feind der Freiheit ist Freiheit. Keine freie Gesellschaft hatte je dauerhaften Bestand. Freiheit benötigt nicht nur den Schutz durch Gesetze, sondern setzt den Geist der Freiheit voraus.  Freiheit ist zutiefst moralisch. Sie setzt zuerst Ordnung voraus. Diese beginnt bei der Selbstbeschränkung. Freiheit besteht nicht darin das zu tun, was man will, sondern das, was man sollte.

Die drei Beine der Freiheit:
a) Freiheit setzt Tugend voraus. Etymologisch kommt Tugend vom Wort „Mut“ und schliesst alles ein, was Charakter betrifft. Zum Beispiel verstehen die Bewohner die Aufgaben der Bürgerschaft. Der Charakter eines Führers ist deshalb so entscheidend, weil die Geführten ihm auch dann vertrauen können, wenn sie nicht genau wissen, was er tut.  Beispiel aus dem Clinton-Impeachment: Charakter zähle nicht, nur Kompetenz.
b) Tugend setzt eine Art des Glaubens voraus.
c) Glauben setzt Freiheit voraus, und damit ist die Kette vollständig.

Wie ist die Entwicklung des Westens unter diesen Gesichtspunkten zu betrachten? Glaube wurde im 19. Jahrhundert schrittweise privatisiert und galt fortan als öffentlich irrelevant. Dazu gesellte sich im 20. Jh. der Prozeduralismus: Der öffentliche Raum sei eine neutrale Arena von miteinander im Wettbewerb stehenden Interessen. Also kein Platz für Glaube und Tugend im öffentlichen Raum. Komplettiert wird es durch den postmodernistischen Leitsatz, dass keine Wahrheit existiert, sondern alles durch eine Agenda der Macht motiviert sei.

Was sind aktuelle Bedrohungen der Freiheit?
1. Die Entfremdung der Führer. Keine Nation kann langfristig überleben, wenn eine Anzahl ihrer Führer das ignoriert, was die Nation ausmacht.
2. Der Zusammenbruch in der Weitergabe von Werten. Dies geschieht durch Ausbildung und Immigration.
3. Die Verderbnis der Gewohnheiten (corruption of customs). Das jüdisch-christliche Erbe wurde schrittweise abgelöst. Wahre Freiheit ist immer auch Freiheit zu etwas hin. Die zeitgenössische Vorstellung ist hauptsächlich permissiv und darum nicht nachhaltig.

Was ist nötig für einen Umschwung? Zuallererst ist Leadership gefragt. Welcher Führer verkörpert die Vision der Freiheit? Auf diese Frage bekommt Guinness keine Antwort. Zweitens benötigen wir eine Wiederherstellung von civic education. Es braucht Unterricht der Amerikaner für die nächste Generation von Amerikanern. Es braucht Erziehung zur Freiheit.

Die Gründerväter hatten eine klare Vorstellung von Wiederherstellung. A) Was den Juden Exodus war, den Puritanern die Bekehrung, war für den Staat die Revolution als Grundlage für die Bildung des Volkes. B) Was den Juden und den Puritanern der Bund war, fasste für den Staat die Verfassung, ein bindendes Übereinkommen. C) Was die Juden Rückkehr nannten, bezeichneten die Puritaner als Erweckung (revival), kann auf der staatlichen Ebene die Rückkehr zu den ersten grossen Prinzipien beschrieben werden. Es ist in der Verantwortung jeder neuen Generation, dorthin zurückzukehren.

Vortrag: Über Schaeffers „Wahre Wahrheit“

Os Guinness. Francis Schaeffer's "True Truth". (2014)

Os Guinness beginnt mit der Erfahrung aus den 1960er-Jahren. Er besuchte als Student am gleichen Sonntag zwei herausragende Prediger: John Stott und Martyn Lloyd-Jones. Doch erst der Kontakt mit Francis Schaeffer und der mehrjährige Aufenthalt in l’abri ermöglichte es ihm, Gottes Wort mit der sich anbahnenden kulturellen Umwälzung zu verbinden. Deshalb fasst er zusammen: „Francis Schaeffer verdanke ich den Zugang zur Welt.“ Schaeffer war nach Guinness ein hervorragender 1:1 Apologet, denn er nahm Gott ernst, die Menschen ernst und die Wahrheit ernst. Nach wenigen Minuten des Zuhörens standen dem Mann Tränen in den Augen. Guinness erinnert sich an ein ausgedehntes Dinner, als ihn Lloyd-Jones besuchte, und er am Ende 01.30 Uhr die Frage stellte, wie er denn Wahrheit definieren würde.

Einer der charakteristischen Aussagen des Evangelisten und Apologeten war die „wahre Wahrheit“ (true truth). Guinness erzählt von einer Begegnung, als der Betreffende feststellte: „Ich meinte zwar schon früher, dass das Christentum wahr sei, aber dass es so wahr ist, war mir nicht bewusst.“ In einem Zeitalter des grassierenden Skeptizismus, in der das Hauptdogma „Wahrheit ist relativ, betrachter- und standortgebunden“ als Denkvoraussetzung etabliert ist, besteht eine wichtige Aufgabe des Christen darin, die Wahrheitsfrage von Grund auf zu bedenken.

Guinness erinnert sich an die denkwürdigen Aufmärsche in Prag im Jahr des Umbruchs, 1989, als täglich über 300‘000 Menschen Vaclav Havel zuhörten. Er arbeitete heraus, dass das kommunistische System mit Lügen arbeitete. Die Wahrheit aber werde den Sieg davontragen. Auch Alexander Solschenizyn stellte in einer seiner berühmten Reden fest: Ein Wort der Wahrheit wird die gesamte Welt aushebeln. Die Wahrheit zu erzählen, ist in sich ein revolutionärer Akt. Als Nachfolger von Jesus ist es unsere Aufgabe, nicht nur für die Wahrheit einzutreten, sondern Menschen der Wahrheit zu sein in einer Welt, in der das Verkünden der Wahrheit ein solcher Akt ist.

  1. Bedenke die beiden Quellen der Krise: Ideen und sozialer Kontext. Es gibt zwei Richtungen, in welchen die Wahrheit erodiert. Die erste ist die Ideengeschichte. Die wichtigen Denker des 19. und 20. Jahrhunderts vertraten eine relativistische Sichtweise, allen voran Nietzsche mit seinem Perspektivismus (Alter, soziale Klasse, Nationalität). Untergründig geht es um den Willen zur Macht. Im besten Fall ist Wahrheit relativ, im schlimmeren ist sie eine Frage der Macht. Manche Fragen sind jedoch nicht durch die Philosophen, sondern durch die Kultur, in der wir leben, bedingt. So ist die Pluralisierung der Möglichkeiten der Wahl eine Tatsache. Die Menschen sind immer auf der Suche nach der neusten Möglichkeit und vergleichen im Hintergrund mit vielen anderen Optionen, die auch möglich gewesen wären.
  2. Sei ermutigt durch einen Sinn für Geschichte. Die Geschichte lehrt uns, dass der Relativismus die Folge einer Überschätzung des Verstandes darstellt. Skeptizismus ist also die Frucht eines überdehnten Rationalismus, Positivismus (Wissenschaftsgläubigkeit) und Empirismus (Erfahrung der Sinne). Skeptische Perioden dauern nie endlos. Menschen können nicht aufgrund eines konsequenten Skeptizismus leben. Denken wir nur an die Wirtschaft oder den Journalismus. Skeptizismus hebt sich selber auf.
  3. Wenn unser Glaube nicht die biblische Wahrheit zur Grundlage hat, ist er anfällig für Fehlschlüsse. Es ist gefährlich blind zu glauben und nicht in der Lage zu sein Kritikern entgegnen zu können. Für Marx war Glaube Opium, für Freud eine Projektion, für Feuerbach ein Götze (in Umkehr des Ersten Gebots). Glaube ist nicht nur gut, weil er funktioniert oder sich gut anfühlt. Der letztliche Grund unseres Glaubens ist die tiefe Überzeugung, dass er WAHR ist. Auf einer höheren Ebene ist Wahrheit jedoch keine Sache der Philosophie, sondern der Theologie. Unser Herr ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Sein Wort ist Wahrheit. Sein Vater ist die Wahrheit. Sein Wort ist wahr, seine Handlungen sind wahr. Darin ist unser gesamtes Leben und auch das schlimmste Übel eingeschlossen.
  4. Wir betrachten uns als eine freie, offene Gesellschaft. Das ist schnell gesagt. Negativ ausgedrückt: Ohne Wahrheit bleibt letztlich alles ein Machtspiel (power game) und ist für Manipulation anfällig. Es existieren keine unveräusserlichen Rechte mehr. Beispiel Pablo Picasso: Er war unvorstellbar grausam gegenüber seinen vielen Frauen. Bei seinem Tod begingen drei enge Vertraute Selbstmord. Nur eine Frau hat ihn vergleichsweise unbeschadet überlebt. Ihre Begründung: „Ich trug ihm gegenüber jeden Tag die Waffe der Wahrheit.“ Mit der Wahrheit im Gepäck kann jemand nicht manipuliert werden. Positiv formuliert: Freiheit setzt Wahrheit voraus. Negative Freiheit ist Freiheit von…, positive Freiheit ist Freiheit zu… Die moderne Annahme, dass Freiheit beliebig wählbar sei, ist eine irrige Annahme, die ins Nichts führt. Gerade so kann ein Tiger im Zoo zwar aus seinem Käfig befreit, jedoch nicht von seinen Streifen erlöst werden. „Die Wahrheit wird euch freimachen“ – diese Worte von Jesus sind an mehr Mauern von Universitäten eingraviert worden als jeder andere Spruch.
  5. Wie antworten wir einem Skeptiker? Es gibt zwei Taktiken. Negativ: Relativiere den Relativisten! Bei einem Relativisten ist alles relativ – abgesehen von den eigenen Überzeugungen. Elia rief aus: Dient entweder Jahwe oder Baal. Augustinus meinte: Betrachte genau, wohin dich eine Idee führt. C. S. Lewis empfahl ähnlich: Folge einer Idee bis zu seinem äussersten Ende. Schaeffer buchstabierte mit seinen Gesprächspartnern die Konsequenzen ihrer eigenen Ideen durch. Positiv: Weise die anderen auf die Zeichen (signals) der Transzendenz hin. Wenn Menschen Gott zurückweisen, unterdrücken sie die Wahrheit. Es wird immer Gottes Wahrheit in ihrem Verstand und ihrem Leben vorhanden sein, der ihren Behauptungen oder ihrem Leben widerspricht.
  6. Es gibt eine moralische Herausforderung der Wahrheit, die sich uns stellt. Wir können entweder die Wahrheit nach unseren Wünschen (um)formen oder aber unsere Wünsche der Wahrheit unterordnen. Je anspruchsvoller das Denken, desto verschlungener können diese Umformungen ausfallen. Wir Menschen sind beides: Wahrheitssucher und Wahrheits-Verdreher (truth twister). Beispiel: „Wir entschieden für uns, dass die Welt keine Bedeutung hat. Die Bedeutungslosigkeit ist unsere Form der Befreiung.“ (Aldous Huxley) Die zweite Möglichkeit ist die des Bekenntnisses. Michel Foucault, selbst kein Christ, bewunderte am Christentum das Moment des Bekenntnisses. Es sei einer der seltenen Momente, in denen Menschen die Wahrheit der Wirklichkeit, die gegen sie selbst spricht, anerkennen.

Dadurch, dass wir unsere Sünden bekennen, so schrieb Johannes, leben wir im Licht. Wahrheit ist deshalb nicht allein eine philosophische Sache. Sie betrifft unseren Herrn und uns selbst ganz direkt. Letztlich geht es darum, wie Francis Schaeffer sagte, dass wir uns vor Seiner offenbarten Wahrheit beugen. Wir beugen uns vor dieser Offenbarung und vor der für uns geschehenen Erlösung. Guinness endet mit weiteren persönlichen Erinnerungen an Schaeffer. Dieser stellte ihm wohl 50 Fragen in Serie, um sicherzustellen, dass Oxford seinen Glauben nicht unterminiert hatte. Er war voller Leidenschaft für die Wahrheit. Durch Gottes Gnade: Lasst uns Menschen der Wahrheit sein.

Interview: Die grösste Not betrifft die Treue gegenüber unserem Herrn

Ich verfolge seit Jahren aufmerksam das Werk von Os Guinness, Religionssoziologe und prominenter Sozialkritiker (siehe mein eigener Blog-Tag). theoblog.de hat auf ein kürzliches Interview an der Beeson Divinity School hingewiesen. Ich habe wichtige Aussagen des halbstündigen Gespräches mitnotiert.

Hauptbotschaft: Die wahre Not unserer Zeit betrifft nicht Kultur und Politik, sondern Treue gegenüber unserem Herrn.

Seitenblick Präsidentenwahl: Durch diese Wahl hätten die US-Amerikaner Gelegenheit erhalten, ihren eigenen Kurs zu überdenken.

Die Probleme der (westlichen) Evangelikalen hätten sich in den letzten Jahren verschärft: Sie haben vor den Herausforderungen der Moderne kapituliert. Beispiel: Der Hymne, die am Anfang einer Andacht an einem christlichen College gesungen wurde, fehlte sämtlicher christologisch-trinitarischer Inhalt! Es wird eine Form von weichem, individualistischem Protestantismus gelebt.

Eine biblisch-theologisch getragene Apologetik (Verteidigung unseres Glaubens) im Stil von Timothy Keller oder Ravi Zacharias sollte in die DNA unserer Gemeinden zurückfinden, und zwar in einer Form, die jeder Nachfolger Christi verstehen kann.

Für diese Aufgabe der Verteidigung unseres Glaubens ist es unabdingbare Voraussetzung, die "Anatomie" des ungläubigen Verstandes gut zu verstehen. Dabei ist es wichtig zu bedenken, dass die globale Vielfalt (jedermann überall) ein Gefühl der Angst hervorbringt. Die Bibel spricht mehrere Dutzend Male von "Liebe gegenüber dem Fremden", also dem, der gerade nicht so ist wie wir selbst.

Francis Schaeffer, bei dem er einige Jahre in den turbulenten späten 1960er verbringen durfte, betrachtet Guinness als grössten 1:1 Apologeten. Er hatte eine umfassende Vorstellung davon, was die Menschen seiner Zeit beschäftigte, kombiniert mit einer tiefen eigenen Überzeugung sowie Liebe und Leidenschaft für sie. Bezüglich seiner grossen Ideen geht Guinness nicht überall mit ihm mit.

Schaeffer habe zu wenig Bücher gelesen, allerdings las er seine Bibel. Das sollte für unsere Zeit auch eine Warnung sein. Viele jungen Leute holen sich ihre Leseinhalte ausschliesslich aus dem Netz und lesen keine Bücher mehr. Guinness empfiehlt die Klassiker (wie Augustinus oder Pascal). Er betont aber auch, wie wichtig es sei, im eigenen Fachgebiet, dem Ort der eigenen Berufung, möglichst breit zu lesen. Und er empfiehlt die Auseinandersetzung mit der Geschichte vor allem mittels Biographien – Menschen in ihrer Zeit. Er betrachtet sich selbst als Denker, weniger als Gelehrter der Akademie und empfiehlt sein Werk "The Global Public Square: Religious Freedom and the Making of a World Safe for Diversity" (siehe meine Rezension).

Guinness betont die doppelte Perspektive auf die Geschichte leitenden Ideen und gleichzeitig auf die Analyse der Kultur. Wenn er zum Beispiel auf die Verwirrung blickt, die durch die Sexuelle Revolution der letzten Jahrzehnte entstanden ist, ortet er bei Evangelikalen eine tragische Naivität wie auch den fehlenden Blick auf das Gesamte. Der Buchtitel "Homo Deus" bringt für ihn einen Hauptstrang der Entwicklung auf den Punkt: Der Mensch betrachtet sich als Gott auf seinem eigenen Planeten. Guinness bezeichnet dies als "Babel Drive".

Welche Haltung sollte einem Christen angemessen sein? Guinness selbst ist zwar nicht schockiert, jedoch traurig. Er fordert einen realistischen Blick, verbunden mit der Hoffnung auf das Evangelium. Dabei sei nochmals der Anfang erwähnt: Lassen wir Kultur und Politik beiseite, die hauptsächliche Not betrifft die Treue gegenüber unserem Herrn!

Input: Heimunterricht in den USA – ein Bericht

Inspirierender Bericht einer US-Homeschoolerin in zweiter Generation, die nun in der Schweiz lebt:

Schulerfolg in Amerika misst sich am Ansehen der Uni, wo man die Aufnahme erreicht. An diesem Massstab gemessen war ich sehr erfolgreich und erreichte beispielsweise am MIT und an der Eastman School of Music die Aufnahme. Natürlich haben wir als Pioniere nicht alles perfekt hingekriegt, aber das grösste Geschenk den Heimunterrichts haben mir meine Eltern dennoch gegeben: Ich habe früh das Wer und Wie der Bildung gelernt. Ich habe gelernt, wer für meine Bildung verantwortlich ist (niemand anderes als ich selber), und ich habe gelernt, wie ich selbständig lernen kann, ohne dass jemand mir sagt, was zu tun ist.

Gebet: Solange ich hier bin

Solange ich hier bin,
bleibe ich hin- und hergerissen
im Hin meiner Geschöpflichkeit (ich bin von Ihm gemacht, existiere jeden Moment durch ihn, lebe für seine Ehre),
im Her meiner Sündhaftigkeit (ich finde mich ursprünglich in einem Schuldzusammenhang vor).

Solange ich hier bin,
frage ich mich immer wieder:
Kann ich das aushalten,
durchbeissen,
in Ihm einen festen Stand behalten?

Solange ich hier bin,
ringe ich darum,
Verantwortung beim anderen zu lassen,
meine Begrenzung anzuerkennen,
Ihm zu vertrauen.

Solange ich hier bin,
lerne ich schweigen (weil ich mich nicht rechtfertigen muss),
reden (weil ich andere Menschen nicht fürchten muss),
zu hören, bevor ich antworte.

Solange ich hier bin,
kämpfe ich mit meinem inneren Soll (Psychologen nennen es Perfektionismus)
und dem wirklichen Ist,
kämpfe vor Gott mit mir
und fasse es in Worte.

Solange ich hier bin,
trage ich einen Rucksack,
stelle ihn immer wieder hin,
lade ihn aus,
lade Neues ein.

Solange ich hier bin,
werde ich leiden,
um meiner selbst willen
hoffentlich um Seinetwillen,
doch Er hilft tragen.