Buchbesprechung: Manifest für einen digitalen Humanismus

Jaron Lanier. Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht. Suhrkamp: München, 2012 (2. Auflage). 247 Seiten. 10 Euro.

(Der englische Titel ist viel aussagekräftiger: "You are not a Gadget. A Manifesto.")

Wir leben im frühen 21. Jahrhundert, und das heisst, vor allem Nichtpersonen werden diese Worte lesen – Automaten oder dumpfe Massen von Leuten, die nicht mehr als Individuen agieren. Man wird die Worte in atomisierte Suchmaschinen-Stichwörter zerlegen, irgendwo innerhalb industrieller Cloud-Computing-Zentren, die in entlegenen Weltgegenden und oft an geheimgehaltenen Orten liegen. Man wird sie millionenfach von Algorithmen kopieren lassen, die dazu dienen sollen, Werbund an Menschen irgendwo in der Welt zu schicken, die zufällig mit irgendeinem Fragment auf meine Aussagen reagiert haben. Schwärme schneller und nachlässiger Leser werden sie scannen, falsch interpretieren und neu zusammensetzen zu Wikis und automatisch aggregierten, kabellos verbreiteten Nachrichtenströmen. (Aus dem Vorwort)

Weshalb las ich dieses Buch?

Nun ja, ich bekam es von einer Arbeitskollegin geschenkt, die wusste, dass mich gesellschaftskritische Bücher interessieren. Das Feld „Computertechnologie“ mit der Frage nach dem Menschsein zu verbinden ist nicht nur eine spannende, sondern eine notwendige Kombination. Die virtuelle Welt erscheint mir zugegeben ungeheuerlich – und zwar vor und nach dem Lesen dieses Buches. Wir geben viele persönliche Daten von uns preis. Wir verbringen Stunden in ihr. Wir saugen Informationen auf, die wir – fast zufällig – in unserer inneren Vorstellungswelt zu einem Denk- und Handlungsrahmen verarbeiten und verdichten. Wie oft habe ich schon den Satz gehört: „Ich habe zum Thema gegoogelt.“ Dieser Ansage folgten in der Regel einige Informationshappen, die mit fragmentartigen Interpretationen verbunden wurden. Wenn diese Aussagen ein Thema betraf, in das ich mich eingelesen hatte, lief es mir oft kalt den Rücken hinunter. Vorurteile und Clichés wurden einfach übernommen! (Ich denke hier an einen „Input“ zum Calvinismus. Der Redner hatte keinen blassen Dunst, wer Calvin war, und verband diesen Begriff mit dem jahrhundertealten Vorurteil einer „protestantischen Arbeitsethik“. Schrecklich.)

Wer ist Jaron Lanier?

Lanier beschreibt sich im Buch als Technologie-Pionier. Der deutsche Verlag preist ihn als Erfinder des Begriffs der „virtuellen Realität“ an (siehe seine Beschreibung auf S. 238ff). Lanier verbindet seine jahrzehntelange Erfahrung als Technologie-Freak, Entwickler und Musiker mit dem Interesse an übergeordneten Fragen zur Technologie. Er lebte in all dieser Zeit im Zentrum der Computertechnologie, dem Silicon Valley. Als Insider kennt er die Entwicklergilde des Internets persönlich.

Um was geht es?

Lanier entfaltet in diesem Buch als „humanistischer Softie“ (247) ein Plädoyer „gegen computerzentriertes Denken“ (38). Der „kybernetische Totalitarismus“ behandle Dinge so, „als wären sie lebendig und hätten eigene Vorstellungen und Ziele“ (44). „Nach einem neuen Glaubensbekenntnis verwandeln wir Technologien uns selbst, den Planeten, unsere Spezies und überhaupt alles in Peripherigeräte, die an grosse Computing-Clouds angeschlossen sind. Es geht nicht mehr um uns, sondern um das grosse neue Computergebilde, das grösser ist als wir.“ (66) „Der eine Strang glaubt, die Computing-Cloud erreiche selbst ein übermenschliches Mass an Intelligenz, während der andere meint, die in der Cloud durch anonyme, fragmentarische Kontakte miteinander verbundenen ‚Vielen‘ bildeten die übermenschliche Entität, die eine besondere Art von Intelligenz erwerbe.“ (183)

Diese Ideologie entfalte Züge einer neuen Religion (50). Der antihumane Ansatz sei „einer der haltlosesten Ideen der Menschheitsgeschichte. Ein Computer existiert gar nicht, wenn kein Mensch ihn wahrnimmt.“ (42) Lanier wehrt sich gegen formalisierte, auswechselbare Anonymität und die unendliche Fragmentierung von Ideen (95), gerade angesichts der Reduktion der Person durch Informationssysteme. „Wenn wir Menschen veranlassen, nach unseren Modellen zu leben, reduzieren wir möglicherweise ihr Leben.“ (98)

Der Einfluss des evolutionären Weltbilds ist unverkennbar. Etwa hier, wenn er über die Ideen des Transhumanismus mutmasst: „Im Blick auf den allergrössten Massstab der Realität mag etwas Wahres an den mit der Singularität verbundenen Vorstellungen sein. Es mag zutreffen, dass auf umfassender kosmischer Ebene unvermeidlich immer höhere Bewusstseinsformen entstehen, bis das ganze Universum ein einziges Gehirn ist.“ (40)

11 technologiekritische Zitate aus dem Buch

  1. Das wichtigste an einer Technologie ist die Frage, wie sie die Menschen verändert.
  2. Man könnte die durch Twitter ermöglichten zwischenmenschlichen Kontakte auch in einer Weise fördern, die ohne die für Twitter typische Vergötterung des Fragments auskäme. (36)
  3. Wir Technologen lassen uns immer wieder von Ritualen faszinieren, die angeblich belegen, dass der Mensch veraltet ist. (53)
  4. Das Geheimnisvolle lässt sich umherschieben, doch wenn ein Rest an Geheimnisvollem bleibt, ist es am besten, das offen einzugestehen. (63)
  5. Wenn eine Kirche oder ein Staat solche Dinge tun, halten wir sie für autoritär, doch wenn Technologen die Übeltäter sind, gilt das als hip, frisch und innovativ. (70)
  6. Mich stört der Mangel an intellektueller Bescheidenheit in der Gemeinschaft der Computerwissenschaftler. Es macht uns Freude, in das technologische Design blosse – und dazu noch sehr vage – Hypothesen über die schwierigen und tiefsten Fragen der Wissenschaft einzubauen, als besässen wir bereits vollkommenes Wissen darüber. (73)
  7. In einer von ‚Crowdsourcing‘ geprägten Welt, in der man immer mehr Aufgaben in Schwarmsphären auslagert, werden die Bauern der Noosphäre eine trostlose Reise auf einem Bumerang unternehmen, der sich zwischen einer schrittweisen Verarmung innerhalb eines von Robotern angetriebenen Kapitalismus und einem gefährlich plötzlichen, verzweifelten Sozialismus bewegt. (113)
  8. Jede digitale Abstraktionsebene, so gut sie auch konstruiert sein mag, bringt ein gewisses Mass an Fehlerhaftigkeit und Undurchsichtigkeit mit sich. Keine Abstraktion entspricht vollkommen der Wirklichkeit. Durch eine Vielzahl solcher Ebenen entsteht ein eigenes System, das die tief darunterliegende Realität verdunkelt und unabhängig von ihr funktioniert. (132)
  9. Ich sehne mich danach, von neuen Generationen der digitalen Kultur schockiert und für veraltet erklärt zu werden, aber statt dessen erlebe ich nur qualvolle Wiederholungen und Langeweile. … Die Leere der Generation X verschwand nie, sondern wurde zur neuen Normalität. (161+170)
  10. Die Schwarmideologie raubt Musikern und anderen schöpferischen Menschen die Möglichkeit, Einfluss auf den Kontext zu nehmen, in dem ihre Leistungen wahrgenommen werden. (179)
  11. Junge Erwachsene können in ihrer inzwischen verlängerten Kindheit das Gefühl haben, endlich genug Aufmerksamkeit zu erhalten, und zwar durch soziale Netzwerke und Blogs. (233)

Was ich gelernt habe

Man kann keine nigel-nagel-neuen Programm schreiben. Lanier vergleicht dies mit der Londoner U-Bahn. Diese wurden Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Spurbreite, Höhe und Netz sind vorgegeben. Weiterentwicklungen müssen sich nach dem bestehenden System ausrichten. „Kleine Programme zu schreiben ist ein Vergnügen, die Pflege sehr grosser Programme dagegen immer eine elende Arbeit. Deshalb versetzt die digitale Technologie die Psyche des Programmierers in einen fast schizophrenen Zustand. Immer wieder verwechselt man reale mit idealen Computern. Technologen möchten, dass jedes Programm sich wie ein nagelneues, spielerisches, kleines Programm verhält, und sie setzen alle verfügbaren psychologischen Strategien ein, um nicht realistisch über Computer nachdenken zu müssen.“ (17)

Die hohe Standardisierung der Web-Kultur. „Statt Menschen als Quelle ihrer eigenen Kreativität zu behandeln, präsentieren die auf Zusammenstellung und Zusammenfassung ausgerichteten Sites anonymisierte Fragmente schöpferischer Leistungen, als wären sie vom Himmel gefallen oder aus dem Boden ausgegraben worden, ohne die wahren Quellen zu bezeichnen.“ (30/31)  Der digitale Schwarm wächst auf Kosten der Individualität. Gerade deshalb ist es wichtig, einen unverwechselbaren eigenen Stil behalten und pflegen. „Schaffen Sie Websites, die mehr über Ihre Persönlichkeit aussagen als die Schablonen, die auf Social-Networking-Sites zur Verfügung stehen. Posten Sie gelegentlich ein Video, dessen Herstellung Sie hundertmal mehr Zeit gekostet hat, als man zum Anschauen benötigt.“ (35) Ich überlege mir zudem, meine Identität nur so weit offen zu legen, als ich dies für notwendig halte – anstatt mich binär entweder für „Anonymität“ oder für „Offenlegung“ zu entscheiden.

Social-Media-Nutzer setzen sich selbst herab. Echte Freundschaft sollte uns mit der unerwarteten Andersartigkeit des anderen konfrontieren. Die Idee der Freundschaft in datenbankgefilterten sozialen Netzwerken ist nur eine reduzierte Version hiervon! (76)

Trolle sind anonyme Personen, die in einer Online-Umgebung schädlichen Unsinn treiben. „Überall entsteht eine Meute, und entweder ist man dafür oder dagegen. Wenn man sich der Meute anschliesst, übernimmt man auch den kollektiven, ritualisierten Hass.“ (88)

Mit dem Internet werde ich nichts verdienen. „Menschen, die ihr Leben der engagierten Herstellung kultureller Inhalte widmen, die sich über die Cloud verbreiten lassen …, genau diese Menschen sind die Verlierer.“ (122) Das Netz hat ganze Berufszweige, darunter die Musiker, Journalisten und Autoren, finanziell ruiniert. Lanier plädiert dafür, für den Informationsbezug zu bezahlen bzw. für alle Informationen, die abgerufen werden, eine Gebühr einzuziehen. „Eines schönen Tages könnte Ihr Internetprovider Ihnen das Angebot machen, dass Sie nicht mehr Ihre monatliche Zugangsgebühr bezahlen, sondern den neuen Gesellschaftsvertrag unterzeichnen, nach dem Sie für Bits bezahlen. … Falls Sie diesem Vertragswechsel zustimmen, haben Sie die Möglichkeit, auch mit Ihren eigenen Bits … Geld zu verdienen.“ (143) Das wäre ein bedeutend fairerer Ansatz. Natürlich weiss ich auch um die Idee, den Internetauftritt mit anderen kostenpflichtigen Dienstleistungen (Beratungen, Produkte) zu verbinden. „Wenn abgepackte Inhalte sich im Internetzeitalter immer schwerer verkaufen lassen, könnte die Wiederkehr des Live-Auftritts – in einem neuen technologischen Kontext – den Ausgangspunkt für erfolgreiche neue Geschäftsmodelle bilden.“ (145)

Wie beurteile ich das Buch im Rückblick?

„Nur zur Erinnerung: Ich bin nicht gegen das Internet.“ (100) Dies macht das Buch spannend. Es gibt keine platte Technologie-Schelte, sondern Lanier bietet eine gezielte Auseinandersetzung. Das Buch ist aus Artikeln heraus entstanden. Dies merkt man beim Lesen. Zwar sind die Inhalte geschickt angeordnet. Am Anfang der fünf Teile kündigt Lanier an, über was er sprechen wird und fasst zusammen, was er vorher aussagen wollte.  Es wäre angenehmer gewesen, der Autor hätte das Buch von Grund auf neu geschrieben.

Der niederländische Theologe und Denker Herman Bavinck beschrieb vor über 100 Jahren drei Grundbestandteile jeder Weltanschauung: Gott, Mensch und Kosmos. Gott ist aus dem Denkrahmen vieler Computertechnologen vor vornherein ausgeschlossen – auch bei Lanier (erkenntlich z. B. an seinen Aussagen zur Bibel, siehe Fussnote auf S. 67+68). Dann bleiben nur noch zwei Dimensionen als Gottesersatz: Kosmos oder Mensch. Lanier wendet sich gegen den Kosmos (Transhumanismus) und plädiert für den Menschen. „Der digitale Revolutionär, der diese Zeilen schreibt, glaubt auch heute noch an die meisten schönen und tiefen Ideale, die unsere Arbeit vor vielen Jahren beflügelten. Den Kern bildete ein unerschütterlicher Glaube an das Gute im Menschen. Wenn wir dem einzelnen grössere Chancen eröffnen, konnte das nach unserer Überzeugung mehr gute als schlechte Folgen haben.“ (27)

Zwar erkennt Lanier die Verkürzung der naturalistischen Denkweise und bezeichnet den Computationalismus folgerichtig als Glaubenssystem, in dem die „Welt als ein Rechenprozess verstanden werden kann, dessen Teilprozesse die Menschen sind“ (198). „Menschen so zu behandeln, als wären sie nur ein Stück Natur, ist keine sonderlich geniale Grundlage für die Entwicklung von Technologien, die menschliche Ziele verkörpern sollen“ (229). „Die Ideologie begünstigt ein verengtes Denken, das die Mysterien des Erlebens leugnet.“ (105) Dem Menschen wird zu wenig Wert beigemessen. Durch den Ausschluss Gottes bleibt es dem Autoren letztlich ebenfalls verwehrt, zuverlässige Aussagen über das Menschsein zu machen. Das wird beispielsweise an der Stelle deutlich, wo er argumentativ den Menschen von einer Bakterie abgrenzt und zum lapidaren Schluss kommt: „

Ehrlich gesteht Lanier ein: „‚Was ist eine Person?‘ Wenn ich das wüsste, könnte ich möglicherweise in einem Computer eine künstliche Person programmieren. Aber das kann ich nicht. Denn eine Person ist keine blosse Formel, sondern ein Suchen, ein Mysterium, ein  Glaubenssprung.“ (15)

Buchbesprechungen: Die unstillbare Sehnsucht nach der wahren Freude

Ich habe in den letzten Wochen meine bisherigen Leseerfahrungen und Gedanken zum Werk von John Piper zusammengefasst. Zum Einstieg empfehle ich das kurze Buch Die Pflicht zur Freude (Online-Download).

Hier sind fünf seiner wichtigen Werke, die in der deutschen Sprache erschienen sind und die ich rezensiert habe:

  1. Die unstillbare Sehnsucht des Menschen: Verwechsle das Echo nicht mit dem ursprünglichen Ruf!
    Dt. Titel: Sehnsucht nach Gott, 3L Verlag, 2005. Hauptwerk, erstmals 1986 erschienen.
    John Piper ist unter dem Stichwort "Christlicher Hedonismus" bekannt geworden. Hedonismus? Das tönt nicht gerade bescheiden. Ist das ein Synonym für ein (weiteres) christliches Wellnessbad? Piper sagt im Vorwort: "Das Leben ist hart, und Gott ist gut." (8) Also doch ein hartes Leben. Und die Sünde? "Ich kenne keinen anderen Weg für den langfristigen Triumph über die Sünde, als sich mit Hilfe einer überragenden Zufriedenheit in Gott von ihr zu distanzieren." (10) Aber doch auch Gnade? "Wir bekommen die Barmherzigkeit. Er bekommt die Herrlichkeit. Wir bekommen das Glück in ihm. Er bekommt die Ehre von uns." (10)
  2. Freude kann man sich nicht erarbeiten, sie muss einem geschenkt werden.
    Dt. Titel: Wenn die Freude nicht mehr da ist, CLV, 2006. Nachfolgebuch zu Sehnsucht nach Gott.
    Die „am häufigsten und am dringendsten gestellte Frage der letzten drei Jahrzehnte die folgende: Was kann ich tun? Wie kann ich die Person werden, die ich nach den Worten der Bibel sein soll? Die Frage kommt von einem Brennen im Herzen, das durch die Hoffnung großer Freude entfacht wird. Menschen hören meine biblischen Argumente für christlichen Hedonismus, oder sie lesen mein Buch Sehnsucht nach Gott. Viele sind davon überzeugt. Sie sehen, dass die Wahrheit, die Schönheit und der Wert Gottes am besten aus denjenigen Heiligen strahlt, die so sehr in Gott Zufriedenheit finden, dass sie für die Sache der Liebe leiden können, ohne zu murren. Aber dann sagen sie: »Ich bin nicht so. Mir fehlt diese befreiende Befriedigung in Gott, die Liebe produziert und Risiken eingeht. Ich habe ein größeres Verlangen nach Bequemlichkeit und Sicherheit als nach Gott.«
  3. Liebe zu Komfort und Sicherheit beenden – um eines viel vortrefflicheren Zieles willen
    Dt. Titel: Dein Leben ist einmalig, vergeude es nicht! CLV, 2004
    John Pipers donnernde Botschaft prägte sich in mir ein: 'Bedenken Sie: Sie haben nur ein Leben. Das ist alles. Sie sind für Gott geschaffen. Vergeuden Sie Ihr Leben nicht.' (8) Er rief die Worte vor 15 Jahren Tausenden von Jugendlichen zu. Der Aufruf ist heute nicht weniger aktuell! Diese Buchbesprechung ist darum eine persönlich-emotionale.Was verankert Ratio und Emotionen in der Realität? 'Nichts ernüchtert eine umherschweifende philosophische Fantasie so sehr wie der Gedanke an eine Frau und an Kinder, für die man sorgt.' (20) Diesen Schritt habe ich längst vollzogen. Ihn nicht länger aufzuschieben, würde manchen Zeitgenossen um Längen nach vorne katapultieren!
  4. Pflichtbewusstes Ausharren statt aushöhlendes Selbstmitleid
    Dt. Titel: Beharrlich in Geduld. CLV, 2010.
    Christen haben die Not im Blick, nicht ihre Bequemlichkeit. „In unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft hat sich zunehmend die Mentalität durchgesetzt, dass wir eine schmerz- und sorgenfreie Existenz verdienen. Bietet uns das Leben das Gegenteil, haben wir nicht nur das Recht, jemand anderem oder irgendeinem System die Schuld zu geben und uns zu bemitleiden. Vielmehr beschäftigen wir uns dann auch die meiste Zeit damit, sodass keine Zeit oder Energie mehr für den Dienst an anderen Menschen übrig bleibt.“ (18)
  5. Ich will nicht in Rente gehen.
    Rethinking Retirement. Crossway: Wheaton, 2008.
    Millionen von Rentnern denken, dass sie sich das Recht erworben hätten, die letzten Jahre im materiellen Paradies zu verbringen. Sie verbringen ihre Zeit damit, fern zu sehen, Golf zu spielen, zu fischen oder Muscheln zu sammeln. Nichts gegen die Aktivitäten an sich. "Die meisten Ideen, welche diese Welt für unsere Jahre in Rente anbietet, sind schlecht." Jüngerschaft hört mit der Rente nicht auf. Es steht der herausforderndste Lebensabschnitt erst bevor. Das Wissen um ein ewiges, befriedigendes Erbe treibt uns zu besonderem Eifer an. Gottes Ehre steht auch auf der letzten Wegstrecke an vorderster Stelle.

Publikation: J. I. Packer – eine Kurzeinführung in Leben und Werk

J. I. Packer blickt auf einen über 60-jährigen fruchtbaren Dienst zurück. Er ist für mich Orientierungsgrösse und Ansporn in der Gestalt eines demütigen Dieners, der in einem langjährigen geradlinigen Lebensmarathon gut endet.

Einige wichtige Bücher sind vor einigen Jahrzehnten ins Deutsche übersetzt worden. Ich empfehle:

In der englischen Sprache empfehle ich zur Einführung:

Youtube-Clips

Zwei kurze Artikel

Als kleiner Teaser für meine dieses Jahr erscheinende Serie habe ich den Aufsatz J. I. Packer – kurze Einführung in Leben und Werk hochgeladen.

Kolumne: Warum viele Helfer davon leben, gebraucht zu werden

Ich arbeite in der Branche der helfenden Berufe. Das erfährt nochmals eine Steigerung: Ich helfe Helfern. Da kommen mir einige Schlagworte in den Sinn: Hilflose Helfer (das Ohnmachtsgefühl von Helfenden), erlernte Hilflosigkeit (Menschen, die durch bestimmte Konstellationen sich die Hilflosigkeit zur Lebensbewältigung angeeignet haben), das Helfersyndrom (Menschen, die davon leben, gebraucht zu werden). Alle drei Symptome habe ich schon am eigenen Leib erlebt. Ich erlebte die Ohnmacht durch, als ich zusammen mit Ratsuchenden in komplexen Problemstellungen steckte. Ich lernte in Beratungssituationen, dass das Gegenüber es perfide auszunützen verstand, sich selbst als hilflos zu geben und so die Verantwortung an den anderen zu delegieren. Auch die Befriedigung, anderen geholfen zu haben, stieg schon in mir hoch. Was mich dann selbst erschreckt hat.

Eine erste Lektion zog ich vor Jahren aus dem Buch Die Kunst des Dienens. Dort liess der Autor eine Bemerkung fallen, die sich in mir festsetzte. Er meinte, dass Menschen, die sich selbst nicht dienen lassen könnten auch nicht richtig befähigt seien anderen zu dienen. Ich stutzte zuerst. Wie könnte das gemeint sein? Ich kenne viele Menschen, die es um keinen Preis zulassen wollen, dass ihnen andere Menschen dienen. Dies wirkt nach aussen sehr demütig. Solche Menschen möchten, dass wir ihnen wortlos Respekt erweisen. Bei längerem Nachdenken erkannte ich, dass etwas nicht stimmt. Es handelt sich um eine Scheindemut. Weshalb?

Ich erlebe es bei Menschen, die dadurch angetrieben sind, um vom Gegenüber Belohnung in Form von Annahme, Beachtung oder emotionaler Rückleistung erhalten zu haben. Wie kann man dies erkennen? Stelle deine emotionalen Rückleistungen ein, und sie ziehen sich beleidigt zurück. Menschen, die wirkliches Dienen erkannt haben, sammeln ihre Schätze für einen anderen Ort – für den Himmel. Sie nehmen es in Kauf, verachtet, vernachlässigt, beleidigt oder zumindest nicht beachtet zu werden. Als Hilfeleistende binden sie das Gegenüber nicht emotional, sondern lassen sie innerlich frei. Damit bleibt die emotionale Drucksituation aus.

Was steckt hinter der echten Diensthaltung? Die Menschen, denen ich eine solche Haltung attestiere, drehen sich nicht um sich selbst und haben gleichzeitig eine erkennbare Liebe für Jesus. Sie wissen, wer sie speist und erhält. Sie leben aus der Kraft des Gekreuzigten. Das tönt fromm. Doch wer dies schon erlebt hat, wird den Unterschied über kurz oder lang bemerken. Wer wirklich verstanden hat, was es heisst: Wir haben nichts, was wir nicht bekommen haben (vgl. 1. Korinther 4,7), der weiss auch, dass alles, was weitergeht, nicht mir selbst zu verdanken ist. Es geht also um ein Leben aus der Gnade. Das Evangelium ist keine Eintages- oder Schwellenbotschaft, also etwas, das wir benötigen, um ins „neue Land“ einzutreten. Eben so wenig ist Busse eine Übung, die wir mit einem Datum verstehen können. Das Evangelium ist die Kraft, die für jede Tat aus dem Glauben vonnöten ist. Busse ist eine tägliche Übung, bis wir ins himmlische Land eingehen werden.

Gehen wir zurück zur Scheindemut. Wer sich nicht bewusst geworden ist, dass ihm selbst gedient wurde, der kann nicht richtig anderen dienen. Dieser Dienst an uns selbst findet in doppelter Weise statt: Gott hat uns gemacht, wir gehören ihm. Er hat einen Totalanspruch an uns. Zudem schickt er sich uns nach und giesst uns seine Liebe in dem Moment ins Herz, in der wir ihm feind sind und seine Gebote gebrochen haben. Als Gesetzesbrecher müssen wir selbst gebrochen werden, um anderen Zerbrochenen dienen zu können.

Seien wir deshalb auf der Hut vor „frommer Hilfe“. Wer nicht aus der Gnade lebt, als Beschenkter, wird sein wahres Motiv gut zu verstecken wissen – auch vor sich selbst. Doch es wird sich bald zeigen, dass eine Gegenleistung im Sinne eines emotionalen Rückflusses nötig ist, um die Hilfeleistung am Leben zu erhalten. Menschen wollen gebraucht werden. Das bedeutet auch: Sie haben als Sünder die Neigung, andere zu brauchen, stärker ausgedrückt, sie zu manipulieren, auszunützen und zu miss-brauchen. Das kann ganz subtil mit emotionaler Manipulation geschehen.

Wenn ein Objekt der Hilfe – aus welchen Gründen auch immer – die Hilfe nicht mehr annimmt, respektiert oder gar zurückweist, fliegt der „Deal“ auf. Es stellen sich Gefühle der Enttäuschung, des Ausgenützt-Werdens, der Hilflosigkeit, ja des Zorns und der Enttäuschung ein. Durch das Licht des Evangeliums können wir jedoch fragen: Weshalb bin ich zornig, enttäuscht, fühle mich leer? Was hat mich und mein Leben bisher ausgefüllt? So kann es möglich werden, nicht nach neuen Objekten Ausschau zu halten, mit denen ich mich „nützlich fühle“.

Zitat zum Innehalten: Besser das Leben zu verlieren als es zu vergeuden

Über diese Gedanken gehe ich nicht leichtfertig hinweg:

We can retreat into a wilderness of wasted opportunity. We can rest content in casual, convenient, cozy, comfortable Christian lives as we cling to the safety and security this world offers. We can coast through a cultural landscape marked by materialism, characterized by consumerism, and engulfed in individualism. We can assent to the spirit of this age and choose to spend our lives seeking worldly pleasures, acquiring worldly possessions, and pursuing worldly ambitions a much greater purpose than anything this world could ever offer us. We can die to ourselves, our hopes, our dreams, our ambitions, our priorities, and our plans. We can do all of this because we believe that the person and the plan of Christ bring reward that makes any risk more than worth it. —all under the banner of cultural Christianity. Or we can decide that Jesus is worth more than this. We can recognize that he has created us, saved us, and called us for.

… He (Jesus) is something – someone – worth losing everything for. When we really believe this, then risking everything we are and everything we have, to know and obey Christ is no longer a matter of sacrifice. It’s just common sense. To let go of the pursuits, possessions, pleasures, safety, and security of this world in order to follow Jesus wherever he leads, no matter what it costs, is not sacrificial as much as it is smart.

David Platt, in: John Piper. Risk Is Right: Better to Lose Your Life Than to Waste It. Crossway: Wheation. 2013.

Input: Warum „Die Hütte“ jede Menge Theologie transportiert

Bei einem FB-Freund hat sich eine interessante Diskussion über das Buch Die Hütte entfaltet, das verfilmt worden ist. Es geht mir nicht um dieses Buch alleine, sondern darum, dass viele Christen ihren Glauben fast ausschliesslich aus solchen Quellen speisen.

Interessant finde ich … die Feststellung, dass auf der einen Seite den Kritikern der Hütte gesagt wird, sie sollten mal einen Gang zurückschalten, denn schließlich handelt es sich ja nur um einen Roman, der keine Theologie vermittle. Dann aber treffen sie die Aussage, dass sie selbst das Buch mit großem Gewinn (auch für ihren Glauben) gelesen haben. Also steckt doch mehr drin, als so mancher zugeben will.

Warum Bücher wie die Hütte und andere unter Christen auf positive Resonanz stoßen, liegt wohl mit daran, dass sie einen neuen Blick auf Gott und den persönlichen Glauben richten, der mal frischen Wind reinbringt, was die Bibel wohl bei einigen zur Zeit nicht vermag. Dass, der “frische Wind“ keine gesunde Grundlage bietet, scheint zweitrangig.

Ein weiterer Kommentator schreibt treffend:

Sätze wie: "Das Buch ist ein Roman und kein Lehrbuch" lösen das Problem m. E. überhaupt nicht. Denn jeder Roman wird mit einer Absicht verfasst, selbst wenn der Autor auch das "Predigen" vermeidet. Ich bezweifle jedoch sehr stark, dass "Die Hütte" zur reinen Unterhaltung verfasst wurde. Der Autor will eine Botschaft vermitteln – immer. Und die Frage ist: Welche Botschaft steckt hinter dem Buch? Ich habe relativ wenig Bedenken, wenn Menschen z.B. in den Harry Potter Büchern Beispiele für aufopfernde Liebe finden und sich von dem Gedanken begeistern lassen (Christen denken hier natürlich schnell an die aufopfernde Liebe Jesu). Doch ich bin mir sicher, dass J. K. Rowling in erster Linie eine spannende Geschichte erzählen wollte und der Bezug zum christlichen Glauben (sofern er denn da ist) nicht vorrangig intendiert war. Ebenso habe ich Stephen Kings "The Green Mile" genossen, da die Geschichte des unschuldig verurteilten einfach nur saugut geschrieben war. Natürlich erinnert mich die Figur John Coffee an Jesus Christus, aber den Bezug stelle ich als Christ her und Stephen King ging es mit Sicherheit beim Schreiben nicht darum den christlichen Glauben oder ein Dogma irgendwie zu fördern. Bei "Der Hütte" scheint mir das ganz anders zu sein. Hier wird nichts verhüllt oder verschleiert. Es ist ganz klar, dass hier nicht irgendein Gott dem Protagonisten begegnet, sondern vorgeblich der christliche Gott, die Dreieinigkeit. Woher haben wir dieses Gottesbild? Aus der Bibel. Also darf man auch erwarten, dass dieses Gottesbild der Bibel entspricht und das dieser gemäß biblischer Lehre Aussagen trifft. Doch das trifft offenbar nicht zu. Nicht-Christen seien entschuldigt, wenn sie das Buch anspricht und ihnen "im Glauben weiterhilft". Aber wer sich zum historischen Christentum bekennt und kein Problem mit "Der Hütte" hat, der ist m. E. ziemlich naiv. Denn hier wird davon geschwärmt, dass es den Glauben an Gott fördere, obwohl das Gottesbild so offensichtlich im Licht der Bibel und der Kirchengeschichte als Irrlehre bezeichnet werden muss.

Das Buch ist kein einfacher Roman, sondern vielmehr narrative Dogmatik. In säkularen Buchläden steht "Die Hütte" vielfach unter Esoterik und nicht bei der üblichen religiösen Ecke. Und das zu recht

Zugegeben: Es gibt Bedarf für Erzählungen mit einer biblisch-soliden Theologie. Wer sich näher mit der Theologie des Buches Die Hütte befassen will, dem empfehle ich die Artikel von Albert Mohler und Tim Challies.

Kolumne: Was heisst „wir werden nicht über unser Vermögen geprüft“?

Paulus schrieb den Korinthern, dass sie nicht über ihr Vermögen geprüft würden (1Kor 10,13). Ich kenne verschiedene Menschen, die sich an diesen Satz klammern und hoffen – ich sage es ohne Verklausulierung – dass ihre Wünsche eintreffen. Nun darf diese Aussage weder aus dem unmittelbaren Zusammenhang des Kapitels noch aus dem gesamten Neuen Testament herausgelöst werden. Paulus bezog sich auf die Wüstenreise des Volkes Israel. Wer sich diese näher ansieht, wird feststellen, dass es Versuchungen am laufenden Band gab. Gott wollte sehen, was "in ihren Herzen ist" (5. Mose 8,2). Zudem wollte er sie erziehen – "er demütigte dich und ließ dich hungern" (V. 3). Ebenso sagte er ihnen seine Versorgung zu. "Deine Kleider sind nicht zerlumpt an dir, und deine Füße sind nicht geschwollen diese 40 Jahre." (V. 4) Dies alles war Erziehungshandeln Gottes. "So erkenne nun in deinem Herzen, daß der Herr, dein Gott, dich erzieht, wie ein Mann seinen Sohn erzieht." (V. 5)

Worin besteht nun diese Versorgung Gottes? Der christliche Glaube passt in die gesamte Wirklichkeit, darum müssen wir vor keinem Vorkommnis unsere Augen verschliessen. Das heisst nicht, dass wir alles verstehen würden. Dies hat uns Gott auch nicht zugesagt. Werden Christen todkrank und sterben? Ja. Werden Christen ihre Liebsten aus dem plötzlichen Leben entrissen? Ja. Werden Christen missbraucht? Ja. Werden sie gefoltert? Ja. Müssen sie hungern? Auch das. Müssen sie frieren? Gehört auch dazu. Blicken wir nur mal auf das Leben von Paulus: "Bis zu dieser Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße, werden geschlagen und haben keine Bleibe … zum Kehricht der Welt sind wir geworden, zum Abschaum aller bis jetzt." (1Kor 4,10-14) Er stand "in viel standhaftem Ausharren, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, unter Schlägen, in Gefängnissen, in Unruhen, in Mühen, im Wachen, im Fasten." (2Kor 6,5-6) Er befand sich "in Gefahren auf Flüssen, in Gefahren durch Räuber, in Gefahren vom eigenen Volk, in Gefahren von Heiden, in Gefahren in der Stadt, in Gefahren in der Wüste, in Gefahren auf dem Meer, in Gefahren unter falschen Brüdern; in Arbeit und Mühe, oftmals in Nachtwachen, in Hunger und Durst; oftmals in Fasten, in Kälte und Blöße…" (2Kor 11,23-28)

Gerade den reichen Korinthern zeigte Paulus also die Kehrseite seines Dienstes auf. Vielleicht wendest du ein: "Das war Paulus." Ja, aber was verhiess er den Gemeinden, denen er schrieb? Den Philippern: "Euch wurde, was Christus betrifft, die Gnade verliehen, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden." (Phil 1,29) Den Thessalonichern schickte er seinen Diener Timotheus, "damit er euch stärke und euch tröste in eurem Glauben, damit niemand wankend werde in diesen Bedrängnissen; denn ihr wißt selbst, daß wir dazu bestimmt sind." (1Thess 3,2-3) Timotheus selbst, der in der Gemeinde von Ephesus aufräumen musste, schrieb er: "alle, die gottesfürchtig leben wollen in Christus Jesus, werden Verfolgung erleiden." (2Tim 3,12)

Wo ist denn die "Bottom Line" der Zusagen Gottes? Dies verdeutlicht Paulus in Römer 8: "Wer will uns scheiden von der Liebe des Christus? Drangsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wie Schlachtschafe sind wir geachtet!«" (V. 35-36) Hier steht es schwarz auf weiss: Wir werden weder von Angst noch von Hunger verschont, ja im Gegenteil: Einige werden getötet. Genau dies hatte Jesus vorhergesagt: "Ihr werdet aber auch von Eltern und Brüdern und Verwandten und Freunden ausgeliefert werden, und man wird etliche von euch töten, und ihr werdet von allen gehaßt werden um meines Namens willen. Doch kein Haar von eurem Haupt wird verlorengehen." (Lk 21,16-18) Beides gilt: Es wird bis zum Tod gehen, und der Tod wird ihnen nichts anhaben können. Jetzt kommen wir zum entscheidenden Punkt: "Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch irgend ein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn." (V. 38-39) Wir werden zwar von unseren Liebsten getrennt, Hunger leiden, Verfolgung erfahren. Doch es wird nie so weit kommen, dass wir von der Liebe Gottes getrennt werden. Jesus hatte angekündigt: So wie sie mich verfolgten, werden sie auch euch verfolgen (Joh 15,20).

Darum sollen wir nicht erstaunt sein, wenn das Feuer der Verfolgung heiss wird (1Petr 4,12-14). Es wird sich darin zeigen, ob uns die unvergängliche Herrlichkeit von Christus wichtiger ist als die vergänglichen Schätze. Gott sagt uns zu, dass wir uns jubelnd freuen werden (1Petr 1, besonders V. 6+8). Es ist nicht von ungefähr, dass eine Frau aus Saudiarabien, die Christ geworden war, die Thessalonicherbriefe auswendig lernte. Oder dass die verfolgte Kirche das Buch der Offenbarung selbstverständlich auf die eigene Situation anwendet. Was aber ist mit uns im Westen? Wir sollten uns schleunigst vom Wunsch verabschieden, unversehrt durchs Leben zu kommen. Die Illusion des Wohlstands hat unseren Glauben stark angegriffen und morsch werden lassen. Wir dürfen darum bitten, dass Er mehr und mehr zu unserem wahren Schatz wird – durch alle Täler und Schläge hindurch. John Piper fügt dem hinzu: Es ist besser zu sterben als sein Leben in der Illusion der Risikominimierung zu vergeuden!

Ich empfehle zur weiteren Lektüre den Text "Risk Is Right – Better to Lose Your Life Than to Waste it".

Buchbesprechungen: Eine monumentale Kulturkritik des Westens und des Evangelikalismus

In loser Folge verweise ich auf jeweils fünf Werke, die unsere Weltsicht und das Verständnis unserer Zeit schärfen.

David F. Wells hat eine monumentale Kulturkritik des Westens und des Evangelikalismus geliefert. Ich habe zu den sechs Bänden ausführliche Besprechungen geschrieben.

No Place for Truth: Davids Wells Buch “No Place For Truth” schlug vor 20 Jahren wie eine Bombe zumindest im konfessionellen Teil der Evangelikalen in den USA ein. Wells gelang es, die gesellschaftlichen Entwicklungen einzufangen und deren Einfluss auf die evangelikalen Gemeinden zu beschreiben Es geht insbesondere um den auf sich selbst fokussierten Menschen, der gleichzeitig in höchstem Grade vom Markt der Gefühle und Erwartungen abhängig ist. Als Ausgangspunkt wählt Wells Wenham, eine kleine Ortschaft in Massachusetts mit puritanisch-kongregationalistischer Gemeinde. Es handelt sich um ein ruhiges Dorf in ländlicher Schönheit. Die stabilen psychologischen, ökonomischen und organisationalen Grenzen wurden durch die Moderne umgestossen. Es entstand ein tiefes Gefühl der Unbeständigkeit, eine Transition von einem klar begrenzten zu einem Leben, das wenig Begrenzungen kennt und Bürgern, die lose mit Land und Zeit verbunden sind. „Die Normen, Werte, Prinzipien, die einst andauernd und absolut erschienen, scheinen jetzt unsicher und kurzlebig.“ Alles, was einst als sichere moralische Leitplanken gedient hatte, hatte sich aufgelöst. Es ist eine dunkle und verwirrende Welt, die mittels Technologie und Marketing gebaut worden war (44). Wenn eine Dorfbewohnerin niedergeschlagen war, ging sie in die Kirche, um zu beten. Ihr Pendant würde heute in der gleichen Lage in das Einkaufszentrum gehen, um sich zu zerstreuen. „Sie wissen mehr, aber sie sind nicht zwingend weiser.“

God in the Wasteland: Wells legte 1994, nur ein Jahr nach dem Erscheinen von „No Place for Truth“, mit „God in the Wasteland“ nach. Es ist das Produkt eines Sabbaticals. Im ersten Band hatte er zwar erklärt, warum Theologie aus der Kirche verschwunden ist. Er habe aber noch nicht beschrieben, wie diesem Umstand Abhilfe geschaffen werden könne (ix). Wiederum wählt Wells im Prolog einen narrativen Ausgangspunkt. Dieser ist allerdings kurz gehalten. Ins Nachdenken gebracht hatten ihn zwei Aufkleber auf einem Wagen, der ihn waghalsig überholt hatte. Auf dem einen Kleber war ein Lokalpolitiker abgebildet, auf dem anderen Jesus. Sie stehen sinnbildlich für die stille Revolution, die sich innerhalb des Evangelikalismus vollzogen hatte. Inneres und Äusseres haben sich grundlegend gewandelt (6). Das Resultat dieses Wandels: Ein verlorenes Zentrum, nämlich Gott (14). Das Anliegen hinter dem Buch ist eine Klärung der Beziehung von Christ und Kultur (28). Ist der Wandel der Moderne nur ein Thema neben anderen oder das Generalthema, das alle Aspekte des Lebens betrifft? Wells ist von der letzten Möglichkeit überzeugt. Die Moderne in sich aufgenommen zu haben bedeutet nämlich, im biblischen Sinne „weltlich“ zu sein. „Gottes Wahrheit ist zu distant, seine Gnade zu normal, sein Gericht zu gutartig, seine Evangelium zu einfach, und der Christus zu allgemein“ (30).

Losing Our Virtue: Wird die Kirche die Kraft haben ihren moralischen Charakter zu erneuern? Der Autor selbst ist überzeugt, dass noch keine Zeit so reif für den christlichen Glauben gewesen sei (19). Wells erkennt Parallelen zur Situation vor der Reformation: Fehlendes Vertrauen in Gottes Wort, fehlendes Verständnis für die Ernsthaftigkeit der Sünde, fehlender Sinn für die Genügsamkeit von Christi Tod (28-30). Das für den Evangelikalismus zum avancierte Rezept lautet: Wir müssen ein neues Konzept schreiben, um die Menschen ausserhalb unserer Gemeinde zu erreichen. Wir müssen uns vermehrt sozial engagieren. Wells geht einen anderen Weg. Er fordert die Erneuerung der Moral, also eine Gesundung des Menschen durch die Ausrichtung an den objektiven Normen Gottes. Damit meint er keinen psychologischen Prozess, sondern eine geistliche Erneuerung. Nur diese Umkehr wird dem Volk Gottes die Kraft geben, um seinem Gott dienen und die eigenen Götter zu entsorgen.

Above all Earthly Pow’rs: Was ist die zentrale Frage des Buches? Wells formuliert sie folgendermassen: Wie sieht eine biblische Christologie aus einer Welt, in der Rechtgläubigkeit keinen Platz hat, die Idee der Wahrheit abgeschafft ist, Weltanschauungen kollabiert sind und sich Religionen sowie neue Formen von Spiritualität sich Seite an Seite tummeln (90)? Ausgangspunkt ist diesmal der 11. September 2001. Der Begriff des Bösen war mit einem Schlag wieder in das westliche Bewusstsein gerückt worden. Wells hatte bereits 1984 eine herkömmliche Christologie mit dem Titel „The Person of Christ“ verfasst. Diesen zweiten Anlauf unternahm er auf dem Hintergrund der tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen innerhalb des Evangelikalismus. Er schlägt gleich zu Beginn einen wichtigen Pflock ein. Es gibt nichts, was die Grösse Christi ersetzen könnte, auch in der Moderne nicht. Das wird im Titel „Above all Earthly Pow’rs“ angedeutet. Wells meint damit am Ende seiner literarischen Odyssee angekommen zu sein.

The Courage to Be Protestant: In den Nachkriegsjahren haben sich die Evangelikalen um zwei Kernüberzeugungen gesammelt, nämlich die volle Autorität der inspirierten Schrift und die Zentralität von Jesu stellvertretendem Sühnetod (S. 5). Dem folgte eine anhaltende Schwächephase durch steigende Gleichgültigkeit gegenüber biblischer Lehre. „Das Christentum wurde zunehmend auf private, innere, therapeutische Erfahrung reduziert.“ (S. 8) Zudem wurde der Glaube von der lokalen Gemeinde losgelöst. „Der Glaube wurde individualistisch, selbst-fokussiert und konsumorientiert“ (S. 11). Das zweite große Segment seit den 1980er-Jahren bilden die sogenannten „Marketers“. Sie holten mit dem Argument „wir behalten die alte Botschaft, verpacken sie einfach neu“ Businessstrategien in die Kirche. Wells vergleicht Gemeinden mit den Einkaufszentren: Wir holen uns, wann wir es wollen, das, wozu wir gerade Lust haben. Dies bereitete den Boden für eine nächste Generation, die Emergenten. Sie sind besonders skeptisch gegenüber Macht und Strukturen. Sie schließen sich in losen Netzwerken zusammen. Was von den „Marketers“ inhaltlich ausgehöhlt worden war, besetzen sie mit einem Sammelsurium von neuen Inhalten. Sie experimentieren mit anderen Gottesdienstformen. Die Diagnose stimmt nachdenklich: „Ich weiß nicht, was die evangelikale Zukunft sein wird, aber ich bin sicher, dass der Evangelikalismus keine gute Zukunft hat“ (S. 21). Zumindest dann, wenn keine Kursänderung gelingt.

God in the Whirlwind: Wells geht zurück zu seinem Kernargument, dass Gott an Gewicht verloren habe. Darum macht er sich daran, eine „gewichtige“ Sicht von Gott zu entwickeln und den Blick seiner Leser eben dafür zu gewinnen. Nur durch die Rückgewinnung einer ausgewogenen Perspektive des heilig-liebenden Gottes könne sich unser Leben nachhaltig verändern. Es geht, wie es der Titel ankündigt, um eine Neuorientierung. Wells These lautet: Im Westen liebten wir den Gedanken, dass Gott Liebe ist, und wir weisen den Gedanken an seine Heiligkeit zurück. Die Absicht des Buches besteht deshalb darin, Gott in der Einheit und Verbundenheit von Heiligkeit und Liebe darzustellen. Er verkörpert gleichzeitig Liebe und Heiligkeit. Wir werden bei ihm nie Liebe ohne Heiligkeit oder Heiligkeit ohne Liebe antreffen (1387).

Publikation: Christliche Denker einer neuen Generation zugänglich machen

Ich sass an der Limmat (dem Fluss meiner Heimatstadt), Streckenhalt auf einer Fahrradtour. Das Wasser floss still vorbei, es wehte ein leiser Wind. Die Abendsonne schien mich mild an. Da ging es mir ähnlich wie dem Apostel Johannes. Ich wurde zwar zu keiner himmlischen Vision entrückt. Mir schoss die Idee durch den Kopf: „Ich möchte gerne eine neue Generation in das Leben und Werk von C. S. Lewis einführen.“ Die ersten Erfahrungen habe ich inzwischen gesammelt. An einem Morgen trug ich meinen älteren Söhnen eine Einführung vor. Nicht nur sie waren fasziniert. Meine viel beschäftigte Frau setzte sich dazu.

So begann die Idee, verschiedene christliche Denker aus dem 20. Jahrhundert einer neuen Generation zugänglich zu machen.

Ein zweites Erlebnis verstärkte diesen Wunsch. Ich stand lesend in der Kolonne der Abendkasse, um ein Ticket für das Konzert meiner Söhne zu erstehen. Jemand tippte mir auf die Schultern. Ich drehte mich um und sah einem etwa 70-jährigen Herrn direkt in die Augen. "Sie lesen so hingegeben. Was lesen Sie da?" Ich antwortete: "Ich lese ein Sekundärwerk zu Alexander Solschenizyn." Er: "Solschenizyn? Den habe ich in jungen Tagen gelesen. Den sollte man kennen." Damit hatte er meine Absicht in Worte gefasst.

Die dritte Begebenheit spielte sich am Küchentisch ab. Einer meiner Söhne meinte: "Die meisten jungen Leute interessieren sich nicht für Geschichte." Ich erwiderte: "Das liegt auch daran, dass sie keinen Zugang dazu haben." Er: "Aber es liegt auch an der Zeit. Es interessiert niemanden, was gestern war." Diese Geschichtsvergessenheit macht mir zu schaffen.

Ich arbeite seit 18 Monaten an einer Serie, in denen ich in jeweils 10'000 Worten in Leben und Werk eines Denkers einführe. Der Text enthält drei Teile: Biografische Einblicke, Einführungen in die wichtigsten Werke sowie Lernfelder für das 21. Jahrhundert. Die Kurzform zu J. I. Packer ist eben im neuen Timotheus-Magazin erschienen. Es freut mich sehr, dass der talentierte Graphiker Peter Voth die Cover für die Serie gestaltet hat.

Zitat der Woche: Warum viele Menschen von Christen und Kirchen enttäuscht sind

Die folgenden Ausschnitte (ohne letzter Abschnitt) stammen aus Timothy Keller. Warum Gott? Brunnen: Giessen, 2010. Die Kirche ist für so viel Unrecht verantwortlich (Kapitel 4).

Persönlich enttäuscht von Christen und Kirchen

Viele Menschen, die das Christentum aus intellektuellen Gründen ablehnen, tun dies vor dem Hintergrund von persönlichen Enttäuschungen mit Christen und Kirchen. Wir alle sind von unseren Erfahrungen geprägt. Wenn Sie im Laufe der Jahre viele kluge, liebevolle, freundliche und tiefgründige Christen kennengelernt haben, dazu Gemeinden, die nicht nur fromm und bibelfest, sondern auch sozial engagiert und offen sind, wird Ihnen das Christentum sehr viel plausibler erscheinen. Haben Sie dagegen vor allem bloße Namenschristen kennengelernt oder selbstgerechte Fanatiker, müssen die Argumente für den Glauben schon sehr stark sein, um Sie halbwegs überzeugen zu können.

Die Realität in den Kirchgemeinden

Jeder, der sich in einer Kirchengemeinde engagiert, wird schon bald entdecken, dass der durchschnittliche Christ viele Charakterfehler hat. In Gemeinden scheint es eher mehr als weniger Rivalität und Parteigeist zu geben als in anderen Organisationen – auch das moralische Versagen von leitenden Christen ist wohlbekannt. … dagegen stehen die vielen religiös unmusikalischen Menschen, deren Leben moralisch vorbildlich ist. Wenn aber das Christentum wirklich ist, was es zu sein behauptet, sollten dann die Christen nicht besser sein als alle anderen?

Alles Gute ist völlig unverdient

Diese Annahme gründet in einer Fehlinterpretation der christlichen Lehre. … jede weise, gute, gerechte und schöne Handlung, egal, von wem sie begangen wird, letztlich von Gott gewirkt ist. Gott gibt seine guten Gaben der Weisheit, des Talents, der Schönheit und des Könnens aus Gnade, d. h. völlig unverdient. Er streut sie in unerhörter Großzügigkeit über alle Menschen aus, egal, was für eine Religion, Rasse, Geschlecht oder sonstige Eigenschaften sie haben, um so die Welt zu bewahren und schöner und reicher zu machen.

Ernsthafte Charakterfehler auch bei Christen

Die christliche Theologie spricht auch von den ernsthaften Charakterfehlern der Christen. Eine zentrale Botschaft der Bibel ist, dass wir nur durch Gnade eine Beziehung zu Gott haben können. Unsere moralischen Anstrengungen sind zu schwach und falsch motiviert, als dass wir durch sie je Erlösung erlangen könnten. Diese Erlösung hat allein Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung möglich gemacht, und wir bekommen sie als Geschenk.

Wachstum und Veränderung als allmählicher Prozess

Das innere Wachstum und die Veränderung von Verhalten und Charakter ist ein allmählicher Prozess, der beginnt, nachdem der Betreffende Christ geworden ist. Die oft zu hörende Annahme, dass man erst sein Leben „in Ordnung bringen muss“, bevor man Gottes Gegenwart erfahren kann, hat mit dem christlichen Glauben nichts zu tun. Doch das bedeutet andererseits, dass die Kirche bzw. Gemeinde voller unreifer und kaputter Menschen ist, die emotional, moralisch und religiös noch einen weiten Weg vor sich haben.

Fazit

Es ist die biblische Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die den Christen davon ausgehen lässt, dass die Nichtgläubigen in ihrem Verhalten besser sein können, als es ihren irrigen Glaubensvorstellungen entspricht. Und die biblische Lehre von der Sündhaftigkeit des Menschen lässt die Christen damit rechnen, dass selbst der rechtgläubigste unter ihnen in seiner Lebenspraxis hinter seinem richtigen Glauben weit zurückbleibt. (Pos. 579)