Aus der Blogwelt: Beten Christen und Muslime denselben Gott an?

Am "evangelikalen Harvard", dem Wheaton College, hat sich in den letzten Wochen ein grosser Konflikt zugetragen. Hier geht es zu den offiziellen Verlautbarungen des Wheaton College Media Center. Natürlich waren nebst diesem inhaltlichen Thema noch viele weitere Faktoren mit im Spiel. Ich verweise auf die Artikel von Nabeel Qureshi und Mark Durie.

Das Resultat

"The Christian Century" berichtet über die Trennung von der Professorin für Politologie

"Wheaton College professor Larycia Hawkins, who faced termination from her tenured post at the evangelical school for publicly saying Christians and Muslims worship the “same God,” has announced in a joint statement with the college that she will leave. The statement referred to a “confidential agreement under which they will part ways.” Wheaton president Philip Graham Ryken offered appreciation for Hawkins's nine years at the college outside Chicago. “We are grateful for her passionate teaching, scholarship, community service and mentorship of our students.” Hawkins is quoted praising the college, often called the “evangelical Harvard,” saying that it represents Christian liberal arts in “its mission, programs, and in the caliber of its employees and students.” Ryken e-mailed students, faculty and staff Saturday (February 6) to announce that the “complex and painful” controversy has now “come to a place of resolution and reconciliation. With a mutual desire for God’s blessing, we have decided to part ways.” 

Der Ablauf

Joe Carter den Ablauf der Kontroverse zusammengestellt. In einem offenen Brief berief sich die Professorin auf Exponenten wie Miroslav Volf und auf die päpstliche Enzyklika:

I am guided by evangelical theologians like Timothy George, John Stackhouse, Scot McKinght, and Miroslav Volf, as well as the post-Vatican II Roman Catholic tradition, as expressed in both encyclical form (e.g. Nostra Aetate 3.1) and Pontifical writings (e.g. John Paul II, “Crossing the Threshold of Hope”). Like them I acknowledge that the statement “we worship the same God” is a simultaneous “yes” and “no” to the question of whether Christians and Muslims (as well as Jews) turn to the same object of worship, namely, the “God and Father of all, who is over all and through all and in all” (Eph. 4:6).

Die Analyse

Justin Taylor hat eine ausgezeichnete Analyse zusammengestellt, die u. a. zahlreiche Links zu unterschiedlichen Antworten verschiedener Theologen enthält. Er schlägt folgende Antwort vor, die sich gleichermassen auf bekennende Christen, Juden und Muslime bezieht:

1. If professing Jews, Christians, and Muslims do not honor God the Son, then they do not honor God the Father. “Whoever does not honor the Son does not honor the Father who sent him.” (John 5:23)

2. If professing Jews, Christians, and Muslims do not receive God the Son, then they do not have the love of God the Father within them. “I know that you do not have the love of God within you. I have come in my Father’s name, and you do not receive me.” (John 5:42-43)

3. If Jews, Christians, and Muslims do not know God the Son, then they do not know God the Father. “You know neither me nor my Father. If you knew me, you would know my Father also.” (John 8:19; cf. John 7:28; 14:7)

4. If professing Jews, Christians, and Muslims deny God the Son, then they deny the God the Father. “No one who denies the Son has the Father. Whoever confesses the Son has the Father also.” (1 John 2:23)

5. If professing Jews, Christians, and Muslims do not come to God the Son, then they have not heard and learned from God the Father. “Everyone who has heard and learned from the Father comes to me.” (John 6:45)

6. If professing Jews, Christians, and Muslims reject God the Son, then they reject God the Father. “The one who rejects me rejects him who sent me.” (Luke 10:16)

Die Stellungnahme

Stephan Holthaus, neu ernannter Rektor der Freien Theologischen Hochschule in Giessen, nahm kürzlich klar Stellung.

Muslime und Christen glauben nicht an den gleichen Gott. Wer etwas anderes behauptet, versteht weder den Islam noch das Christentum. … So würde ein bekennender Muslim nie behaupten, dass er an den gleichen Gott glaube wie ein Christ. Auch sei es aus historischer Sicht die Aussage Unsinn, dass der Islam zu Deutschland gehöre.

Die Widerlegung

Theoblog.de hat vor einiger Zeit eine umfangreiche Buchrezension von Dr. Mark Durie zu Mirslav Wolfs "Allah" online gestellt. Es lohnt sich, diese zu lesen.

Volfs Allah ist ein gutgemeinter Versuch, eine interreligiöse Theologie für politische Koexistenz und Frieden unter „demselben politischen Dach“ zu formulieren (S. 220). Obwohl sein Gedankengebäude auf einer tiefen Kenntnis des Christentums mit all seinen Schwächen basiert, ruht es doch auf blinden Flecken und Wunschdenken gegenüber dem Islam. Volf hat eine himmlische Freude daran, sich auf das zu konzentrieren, was gut und ähnlich beim anderen ist. Dies ist für sich genommen zwar lobenswert, aber seine Methode lässt ihn im Stich, weil er wiederholt die Gemeinsamkeiten überbetont und das übersieht, was unterschiedlich ist.

Flashback „7 aus 3500“: 7 kritische Auseinandersetzungen mit dem Evangelikalismus

Seit Kindsbeinen an bin ich Teil einer christlichen Gemeinde. Dafür bin ich sehr dankbar. Das heisst jedoch nicht, dass ich mit Scheuklappen durchs (Gemeinde-)Leben gehe. Hier sind sieben kritische Auseinandersetzungen aus den letzten Jahren. Vor sieben Jahren habe ich eine Reflexion zum Besteller "Der Schrei der Wildgänse" geschrieben, die ich für aktuell halte; hier geht es zur Online-Debatte "Wir sind die Kirche! Wirklich?".

# 1 Die Dominanz des Femininen: Der Teenie-Beenie-Wheenie-Style

Der Evangelikalismus darf die Beziehung zu Jesus nicht als ein Sprungbrett für einen gefühls-orientierten Feminismus missbrauchen, der Jesus Christus mehr über subjektive Gefühle als über objektive Inhaltsaussagen definiert. Gefühle haben ihren Platz im Leben der Gläubigen und in der Gemeinde, sie sollten jedoch nach dem Wort Gottes geordnet sein – so wie alles andere auch.

# 2 Die Verkürzung der Hauptbotschaft: Die 4PUNKTE: Die wichtigste Botschaft der Welt

Meine Jungs tragen ein 4PUNKTE-Band – wie viele andere Jugendliche auch. Mit dem hinterlegten Text war ich nicht zufrieden. Ich nahm dies zum Anlass, die Story hinter den vier Zeichen näher an die biblische Botschaft zu bringen.

# 3 Die Gefahr des gelebten theologischen Liberalismus: Hilfe, meine Gemeinde ist funktional liberal!

Die evangelikale Welt zeichnet sich insgesamt durch ihr Bekenntnis zur Schrift als oberster Autorität aus. Im Alltag treffe ich vier beliebte Strategien an, mit denen dieses Bekenntnis umgangen wird.

# 4 Ein Grundirrtum des "zeitgemässen" Gottesdienstes: Warum kirchliche Bekenntnisse nötig sind

Jede Gemeinde verfügt sowohl über ein Bekenntnis wie auch über eine Liturgie. Leider sind beide nicht oder nur in Ansätzen in schriftlicher Form festgehalten. Was hält uns davor zurück, auf die gesammelten Schätze unserer Vorfahren zurückzugreifen? Ist diese ignorante Haltung nicht eher Anzeichen von Arroganz? Carl Trueman hat ein sehr hilfreiches Buch zum Thema geschrieben.

# 5 Die Elemente des Gottedienstes überprüfen: Unsere Liturgie auf Zielsetzung und Gehalt überprüfen

Es gibt keinen Gottesdienst ohne Liturgie, das heisst ohne eine bestimmte Ordnung. Die Frage ist bloss, wie formell oder informell diese Ordnung gehalten ist. Welche Elemente kommen vor? Worin besteht der jeweilige Inhalt? Weshalb ist dieses Element wichtig?

# 6 Zwei Ersatzkonzepte für die Rechtfertigungslehre: Zwei Schamkulturen und der Mechanismus der Selbsterlösung

Ich schildere zwei evangelikale Schamkulturen. Wie definiere ich Scham? Scham entsteht durch Sünde, die verdeckt werden muss. Die Bedeckung geschieht durch eigene Anstrengung. Im einen Fall erfolgt sie innen-gerichtet, im anderen Fall aussen-gerichtet.

#7 Eine Auseinandersetzung mit einem Bestseller: Brauchen wir einen prophetischen Lebensstil?

Ein Lebensstil, der im ständigen Abgleich himmlischer Signale lebt und diese erwartet, löst sehr viel Stress aus – etwas, was Rust nie erwähnt. Ich weiss um Gottes souveränen Willen und strebe danach, seinen moralischen Willen in der Bibel besser kennenzulernen. Das reicht. Mein Fazit aus einer intensiven Auseinandersetzung mit einem Prophetie-Bestseller.

Hinweis: 7 Hilfsmittel für die Pflege des geistlichen Lebens

Über die Jahre habe ich zahlreiche Hilfsmittel für die Pflege des geistlichen Lebens erprobt. Hier stelle ich sieben Ressourcen vor, die ich oft nütze. Ich habe jeweils eine kurze Bedienungsanleitung verfasst und auf Amazon eingestellt.

1. Eine genaue und lesbare deutsche Bibelübersetzung: Schlachter 2000

Wir haben in der Familie über eine Zeit mehrere Übersetzungen erprobt. Es gibt worttreue Übersetzungen (wie die Rev. Elberfelder), äquivalente (Zürcher, Luther) und übertragende (Neues Leben, Neue evangelistische Übersetzung, Neue Genfer Übersetzung). Die Schlachter 2000 ist nach meiner Einschätzung eine worttreue Übersetzung; sie glättet jedoch bei schwierigen Satzkonstellationen (Äquivalenz). Die Kinder gewöhnten sich schnell an die Übersetzung und schätzen die Genauigkeit.

2. Ein Gebetsbuch, um mich aus der immergleichen Leier zu befreien

Dieses Gebetsbuch habe ich zu meinem 40. Geburtstag geschenkt bekommen. Ich nahm es in zwei schwierigen Wochen zur Hand und begann mich "durchzubeten". Die Gebete sind aus der Position des Tales, also den Schwierigkeiten und Bedrängnissen des Lebens heraus geschrieben. Es ist die Lage, in der wir uns begnadigte Sünder zwangsweise vorfinden. Wir brauchen notwendig Hilfe von aussen, um eine übergeordnete Sicht auf unser Leben und die Welt zu gewinnen. Diese Sicht ist eine vermittelte Sicht; sie geht von dem aus, der uns gemacht hat.

3. Eine gedruckte Ausgabe des Heidelberger Katechismus

Der Heidelberger Katechismus ist durch und durch persönlich und seelsorgerlich. Das wird gleich bei der ersten Frage und Antwort deutlich. Was ist mein einziger Trost im Leben und im Sterben? Er fokussiert also auf das Wichtigste, auf den Trost und ist anwendbar in jeder Lebenslage. Mir selbst wurde diese erste Frage zum tiefen Trost in einer schwierigen Etappe meines Lebens. Es geht um die grosse Zuversicht, den wichtigsten Schatz und darum, wie diese Ausrichtung in jeder freudigen und leidvollen Situation unseres Lebens durchschlägt.

4. Eine mit vielen Hinweisen versehene Studienbibel

Ich benütze die ESV Study Bible. Es gibt keine vergleichbare Studienbibel in der deutschen Sprache. Wer der englischen Sprache mächtig ist, sollte sie sich anschaffen. Zum Einlesen empfehle ich die einleitenden Bemerkungen zu Hiob, Hesekiel, Hebräer und Offenbarung sowie den einführenden Aufsatz zur biblischen Heilsgeschichte am Anfang.

5. Ein Liederbuch mit dem Liedschatz der Kirche

In einer musikalischen Familie gross geworden und von klein an in eine christliche Gemeinde integriert, spielte die Musik seit eh und je mehr als eine persönlich unterhaltende, sich selbst ausdrückende, entspannende oder Stimmungen ausdrückende Funktion. Musik ist die Erfindung des Schöpfergottes und – wie auch die übrige Wirklichkeit – zu seiner Ehre geschaffen worden.

6. Eine Hilfe für das Frischhalten des Griechischen und Hebräischen

Obwohl ich in der täglichen Lese die Texte in der Ursprache zuschalte und konsultiere, ist dieses Buch eine Hilfe, die Sprachkenntnisse frisch zu halten. Jedes Wort wird bestimmt (Fall, Zeit, Modus etc.). Diese Informationen könnten noch mit einigen grammatikalischen Hinweisen ergänzt werden.

7. Ein Abreisskalender für stille Momente

Zu Hause stellten meine Söhne den geschenkten Abreisskalender über der Toilette auf. Der Jüngste lief morgens oft als erstes ins Badezimmer, riss das Blättchen für den Tag ab und brachte es uns. Es beginnt mit einem kurzen Text aus dem Alten oder Neuen Testament der Bibel. Daran knüpft der Autor seelsorgerlich an. Er verknüpft Momente unseres Lebens mit der biblischen Botschaft.

An Hilfsmitteln fehlt es uns nicht, wohl aber an Disziplin.

Aufsatz: Die Bibel – ein Zugang zu Gott unter vielen?

Wie oft habe ich in den vergangenen Jahren den Satz gehört: Lies die Bibel, wenn du dazu Lust verspürt. Nicht zu oft, nicht zu viel. Spielt keine Rolle, es gibt noch viele andere Zugänge zu Gott. Ist ein bibelzentrierter Zugang nur für Verstandesmenschen passend? E21 hat den Artikel in seine Ressourcenbibliothek aufgenommen.

Ein bibelzentrierter Zugang zu Gott wird von vielen Christen zurückgewiesen. Das Wort Gottes sei für Verstandesmenschen zwar eine gute Sache, aber nicht alle Menschen schätzten den Verstand. Deshalb seien andere Zugänge zu Gott ebenso wichtig. Ein Spaziergang in der Natur, der Genuss einer Tasse Kaffee oder das dankbare Betrachten farbiger Blätter im Herbstwald könnten uns spirituell ebenfalls mit Gott in Verbindung bringen.

Ich begründe in diesem Beitrag, warum ich das anders sehe. Meine These lautet: Der Zugang zu Gott durch die Heilige Schrift ist erstrangig und unverzichtbar und deshalb regelmäßig zu pflegen. Das ist keine Bibliolatrie (Götzendienst an der Bibel), wie manchmal behauptet wird. Wenn das Bibelstudium eine geistliche Übung unter anderen ebenbürtigen Übungen ist, wird das im Alltag zu einer Vernachlässigung des Wortes Gottes führen.

Buchbesprechung: Luther – Mensch zwischen Gott und Teufel

Heiko A. Oberman. Luther: Mensch zwischen Gott und Teufel. Severin und Siedler: Berlin, 1982. 380 Seiten. Ab 0.99 Euro (antiquarisch).

Der Nachwelt ist Luther der Reformator, der Erneuerer der Kirche. Er selber sah sich ganz anders – von Gott gebrauchtes und gestossenes Werkzeug zur Rettung der Christenheit vor dem in wenigen erwarteten Jüngsten Gericht. Er weiss sich als Sprachrohr eines bedrängend nahen, überwältigenden Gottes – mehr Getriebener als Handelnder: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. (Umschlagtext)

Als die Kirche dem Himmel noch gleich war und der Kaiser die Macht der Welt repräsentierte, da hatte sich dieser Mönch gegen die Mächte von Himmel und Erde erhoben. Ihm blieben Gott und der Teufel, sein allgegenwärtiger Widersacher. (7)

Eine klasse Biografie

Selten sind Klappentexte so treffend wie dieser. Die Luther-Biografie von Heiko H. Oberman betrachte ich als wertvolle Studie zur Zeit, Leben und Werk des Reformatoren. Oberman, niederländischer Reformationsforscher (1922-2001), betätigt sich hier in seinem Kerngebiet. Wer sich etwa die Literaturangaben aus Luthers Werk ansieht, erkennt rasch, welche gründliche Arbeit hinter dem Buch steckt. Ich war an die Augustinus-Biografie von Peter Brown erinnert. Jedem, der sich näher mit Luther auseinandersetzen möchte, empfehle ich die Lektüre. Auch wenn die Sprache anspruchsvoll ist: Durchhalten lohnt sich.

Nachvollziehbarer, sorgfältig arrangierter Aufbau

Der Aufbau wird der Komplexität der Ereignisse und Bezüge gerecht. Im ersten Teil bettet Oberman den Auftritt Luthers geografisch, epochal und biografisch ein. Im zweiten Teil bespricht er das Reformationsereignis als solches, indem er die Zubereitung, den Durchbruch und die Anfechtungen des Reformators beschreibt. Drittens kommt Oberman auf die zahlreichen Kontroversen und Entzweiungen in den knapp drei Jahrzehnten der Wirkungszeit Luthers zu sprechen, um dann auf Person und Tat Luthers selbst zurückzukommen.

Die These…

habe ich schon mit den beiden Zitaten zum Einstieg wiedergegeben. Oberman ist überzeugt, dass ein wirkliches Verstehen Luthers es nötig macht, "seine Geschichte anders zu lesen als gewohnt: Sie ist Geschichte 'Sub specie aeternitatis', zwar im Licht der Ewigkeit, doch nicht im milden Schein eines stetigen Fortschritts gen Himmel sondern im Schatten der chaotischen Endzeit einer nahe herbeigekommenen Ewigkeit." (21) Diese bedrohliche, dringende Kulisse steht über dem gesamten Leben und Wirken des Reformators.

Das Umfeld des Reformators

Landespolitik

"Das landesherrliche Kirchenregiment ist nicht erst das Ergebnis der Reformation, es hat schon ihren Anfängen Pate gestanden." (29) Die Konstellation der Kaisernachfolge und der Machtkampf mit den  Regionalfürsten war eng verbunden mit dem Werdegang und Verlauf der Reformation.

Papsttum

Das Reformmanifest "An den christlichen Adel deutscher Nation" "ist nicht die Fortsetzung der akademischen Debatte mit andern Mitteln, sondern das Ergebnis der im wörtlichen Sinne niederschmetternden Erkenntnis, das der Antichrist das Regiment der Kirche übernommen hat." Rom ist die "Einbruchsstelle des Teufels, der dort eindringt, um seinen letzten grossen Kampf gegen Christus auszufechten." (50-51)

Luther als Bussprophet

Luther sprach nicht als Held, sondern als "Bussprophet, der die Nation statt zum Sieg zum Beichtstuhl führt mit dem Ziel, 'das wir durch Straff uns bessern und Gottes huld widder erlangen'" (54). Sein Programm hiess "Busse, Umkehr und Reformation, ohne die Aussicht auf ein goldenes Zeitalter, es sei denn, nach der Wiederkunft Christi" (55). "Als Volksheld hat er sich verweigert – eben so ist er deutsches Ereignis geworden." (57)

Ängste der Zeit

"Luther war von den Ängsten seiner Zeit nicht unberührt, und eben darum hat er wohl auch so nachhaltig in sie hineinsprechen können." (75) Worin bestand diese? Es war das Hoffen und Bangen, dass der Tag Gottes jeden Tag hereinbrechen werde. (79)

Ablass

Die Ablasskritik "war keineswegs neu und unerhört; sie konnte damals und kann heute auch von Reformkatholiken mitvollzogen werden." (81) Seine Reformpredigt, in den 95 Ablassthesen zum Ausdruck gebracht, "ist nicht asketisch entrückt, sondern gilt der Welt – nicht um sie in ein Kloster zu verwandeln, sondern damit sie Welt bleibe und so werde, was sie ist: Gottes gute Schöpfung." (83) In der "Freiheit eines Christenmenschen prangert Luther Luxus, Handel, Wucher und Geschäftsmonopole gleichzeitig an. Seine Ethik ist "Überlebensethik in gefährlichen Zeiten" (85).

Bildungsrucksack, Werdegang und Durchbruch des Reformators

Sein ganzes Leben lang hat der Reformator in mündlichen Debatten und schriftlichen Auseinandersetzungen vom "scholastischen Bildungsfundus profitiert" (120). Die philosophische Fakultät hatten Luther die Waffen zu seiner Verteidigung an die Hand gegeben (126). Als Luther ins Kloster in Wittenberg eintrat, liess er alle Bücher zurück, "nur seinen Plautus und Virgil behielt er bei sich – und zitierte daraus sein Leben lang" (131).

Das Gespür für die Heiligkeit Gottes ist Luther "von Anfang an eigen gewesen". "Es verhinderte, dass sich im Umgang mit Gott fromme Gewöhnung einschlich… Immer geht es um die Begegnung mit dem lebendigen Gott." (146) 1512 übernahm Luther eine Bibelprofessur, die er sein ganzes Leben lang behalten sollte (151).

So suchte Luther denn "nach dem harten Kern im Wildwuchs des Heilsangebots der Zeit" (159). Dabei war ihm "das genaue Hören auf die Heilige Schrift die einzige wissenschaftliche Basis und damit der sichere Massstab für Wahrheit" (ebd). "Luthers Entdeckung ist darin völlig neu, dass er sieht, wie Gottes Gerechtigkeit mit der Gerechtigkeit Christi untrennbar vereint und darin aufgegangen ist" (161). "Der Stachel von Lohn und Leistung, so lange unwidersprochen der Grundantrieb menschlichen Handelns, wurde gezogen; den guten Werken, deren Unverzichtbarkeit das Evangelium kirchlicher Lehre gemäss so deutlich bezeugt, ist die Basis entzogen." (162)

Anfechtungen und Kontroversen

"Luther … hat sein Leben und sein Wirken aus einer anderen Perspektive gesehen, die dem modernen Historiker und aufgeklärten Weltbürger ungeläufig, die ihm sogar völlig fremd geworden ist: Er sei geführt, ja getrieben und gestossen worden. Von der ersten Auseinandersetzung um seine Ablassthesen bis hin zu seinem letzten Rückblick auf den Weg zur Reformation hat Luther stets darauf bestanden, dass seine 'Laufbahn' keiner natürlichen Veranlagung entsprach und keinem eigenen Lebensplan entsprang." (223)

Luther widmete sich zahlreichen Kontroversen und Streitigkeiten auch aus den eigenen Reihen: "Taufe, Abendmahl, Busse, Ehe und Obrigkeit waren die zentralen Themen, mit denen Luther sich in den kommenden Jahren zu befassen hatte." (240) Luthers hartes Einsteigen in die Bauernkriegspropaganda und der Bruch mit Erasmus hatten Luther schon in den 1520er-Jahren in Konflikt sowohl mit dem gemeinen Mann als auch mit der Welt der Gelehrten gebracht (vgl. 299).

Gelernt

Ich bin beeindruckt von der Unbestechlichkeit Luthers. "Zeitlebens war er unbestechlich und ohne Rücksicht auf Personen oder eigene Interessen bereit, auch Freundschaften aufs Spiel zu setzen, wenn es um Grundsätze ging" (155). So gab es denn keinen Luther, der im Kreis der Familie anders war als der, den man von seinen öffentlichen Ämtern her kennt (324).

Luthers Jähzorn "wird teilweise damit entschuldigt, dass er ununterbrochen im Kampfe und jeweils 'explodierte', wenn ihm der Druck der Angriffe unerträglich wurde" (308). Da sein Leben ein Kampf gegen den Teufel war, "war er von Kopf bis Fuss gegen Krankheit ausgerichtet und auf Gesundheit eingestellt" (344). Bei seinen zahlreichen körperlichen Beschwerden ist das beeindruckend.

Zweitens nehme ich mir die Genauigkeit des Reformators mahnend zu Herzen. ""Stunde um Stunde wird ein Text nach dem andern abgeklopft, um durch die Worte hindurch Zugang zum Worte Gottes zu gewonnen." (171) Wahrer Theologe wird man nicht durch Philosophieren und Spekulieren, sondern "durch das Leben, das in Anfechtungen und das Kämpfe zu bestehen aufgibt" (166).

Oberman drückt aus, was ich mir auch für mein Leben wünsche: "Gottesfurcht beherrschte Denken und Handeln. Im Vergleich dazu verblasst Sorge und Angst vor weltlicher Macht und kirchlichem Druck." (199)

Schliesslich stehen da seine letzten Worte: "Wir sind Bettler." "dieses Worte, das sich Luther kurz vor seinem Tod auf einem Zettelchen aufgeschrieben hatte, ist keine Sterbemoral, sondern Lebensweisheit und entspringt der Erfahrung mit der Arbeit an der Bibel, der Übersetzung und der Auslegung." (319)

Flashback „7 aus 3500“: 7 Zitate

Ich berichte seit Jahren aus meiner Lektüre. Ich stöberte in meiner Sammlung und fand dies:

# 1: Religionsersatz

Mein erster Beitrag, ein Zitat von Herman Bavinck, so relevant gestern wie heute.

# 2: Eine kleine Typologie der Evangelikalen

Da liest man ein Buch über Puritaner und stösst auf solch interessante Anmerkungen.

# 3: Die Trennung zwischen Lehre und Leben

Donald Fairbairn hat es so gut auf den Punkt gebracht: Theologie ist was wir glauben, christliches Leben ist das, was wir tun. Eben nicht!

# 4: Absolutes Wissen oder kein Wissen?

Nicht-Christen springen oft von der Forderung nach absoluten Wissen auf die gegenteilige Seite: Dann können wir gar nichts wissen. Klug bemerkt von John Frame.

# 5: Das Evangelium muss zu allen Menschen gebracht werden.

Die Schrift fordert es, Gott verbürgt es, wir führen es aus. Wichtiges Statement von Herman Bavinck.

# 6: Das Konzept der Ordnung in Calvins Ethik

Mit dem Begriff der Ordnung tun wir uns schwer. Calvin hilft uns beim Verstehen. Kloosterman in einem Beitrag zum Calvin-Jubiläum.

# 7: Die komfortable Hülle von Persönlichkeit und Gewohnheiten fallen lassen

Heiligung ist der Prozess, in dem der Heilige Geist das überwindet, was ich bin und mich zu dem macht, was ich sein soll." Das gilt auch und gerade für den Prediger, schreibt Hershael York.

Buchbesprechung: Einführung in die Philosophie von Thomas von Aquin (3)

Zum zweiten Teil des Buchskellets geht es hier.

Vorlesung 11: Was ist das höchste Gut? 

Ethik beschäftigt sich mit dem Guten, dem Richtigen und dem Sollen (ought). Heute denken wir oft an Sozialethik (wie wir mit dem anderen umgehen) oder an die individuelle Ethik (Tugenden, Charakter) – selten aber an das übergeordnete Ziel! 

Übergeordnetes Ziel ist Glück, weil a) alle Menschen es wollen, b) es als Ziel und nicht als Mittel anstreben, c) alles andere zielt darauf ab. 

Das Ende muss eines sein, weil es keinen unendlichen Regress gibt (vgl. seine Gottesbeweise): Es muss in dem Einen, Gott, begründet sein. 

Abhandlung von acht Kandidaten (in aufsteigender Ordnung): Reichtum, Ehre, Ruhm, Macht, Gesundheit, Vergnügen, Tugend, alles in der Welt. 

“It is impossible for any created good to constitute man’s happiness.  For happiness is the perfect good, which satisfies the appetite altogether; else it would not be the last end if something yet remained to be desired. Now the object of man’s will is the universal good, just as the object of the intellect is the universal true. Hence it is evident that nothing can satisfy man’s will but the universal good. This is to be found not in any creature but in God alone. Therefore God alone can satisfy the desire of man.” 

Vorlesung 12: Richtig und Falsch 

Ethik ist von Anfang bis Ende eines Sache des Verstandes. 

Eine der wichtigsten Bestandteile der rationalen Seele ist das moralische Gewissen. Dies wiederum besteht aus der unmittelbaren Kenntnis der moralischen Prinzipien (synderesis) und deren Anwendung auf Situationen (Gewissen). In gewissem Sinn kann man von drei Aspekten sprechen: Dem intuitiv-intellektuellen, dem richtend-intellektuellen und dem emotionalen. 

Weil das Gewissen jedoch nicht unfehlbar ist, nennt von Aquin die Ethik eine Wissenschaft (con-science). 

Drei moralische Determinanten: Objekt, Umstände, Ziel. Alle drei müssen in sich gut sein. Das grenzt von Gesetzlichkeit, Relativismus und Subjektivismus ab. 

Das menschliche Gewissen kann irren, ist aber trotzdem bindend. 

Entschuldigt ein irrendes Gewissen? Es hängt davon ab, ob es absichtlich ist. 

Von Aquin schreibt leidenschaftlich über die Liebe. Selbst Hass hängt von ihr ab (nie aber vice versa). Man kann nicht Ursache und Konsequenz vertauschen. 

Seine Abhandlung über Gut und Böse besteht nicht nur aus Motiven und Handlungen, sondern auch aus Tugenden (vier Kardinaltugenden). 

Vorlesung 13: Über das Gesetz 

Von Aquin reduziert Moral nicht auf ein Set von Regeln. Von den drei moralischen Determinanten fällt nur die Handlung unter das Gesetz. 

Wir leben in den ersten Generationen, in denen die Denker die Existenz eines Moralgesetzes in Abrede stellen. Damit ist die Idee eines common sense erstmals abwägig geworden. 

Die Essenz des Gesetzes: Moralisch (nicht physisch) bindende Kraft 

Materielle Ursache: Menschliches Verhalten, das geregelt wird. 

Zweck: Das Gesetz dient einem gemeinsamen Gut. 

4 Arten von Gesetzen 

Ewiges Gesetz: folgt der göttlichen Vorsehung 

Naturgesetz: definiert die Teilhabe des Geschöpfes am ewigen Gesetz 

Menschliches Gesetz: zu einer Zeit, für eine bestimmte Zeit 

Göttliches Gesetz, gegeben durch göttliche Offenbarung (nicht aber durch menschlichen Verstand) 

Die Existenz des Naturgesetzes rechtfertigt die Auflehnung gegen ungerechte menschliche Gesetze. 

Wie die Epistemologie ist auch die Ethik abhängig von der Metaphysik. 

Vorlesung 14: Von Aquin und die moderne Philosophie 

Von Aquins Lehre ist langlebig – u. a. weil er es verstand, die anderen Denker in einer Synthese zusammenzufassen. Die oftmals angewendete goldene Mitte ist kein Kompromiss, sondern eine Ausgewogenheit, die durch Einbezug der vertikalen Dimension erreicht wird. 

Kreeft nennen thomistische Phänomenologen, Personalisten und Existenzialisten als drei Vertreter einer modernen Synthese. 

  1. Die Krise der modernen Philosophie ist eine Krise des Verstandes (reason). Speziell die Frage, inwiefern der Verstand in der Lage ist Gott zu erkennen, vertiefte den Graben zwischen Rationalisten (wie z. B. Anselm) und den Anti-Rationalisten (wie Pascal oder Kierkegaard). Von Aquin verneint sowohl, dass Gottes Existenz selbstevident als auch unbeweisbar sei. Er steht damit zwischen Dogmatismus und Skeptizismus. 
  2. Ebenso ist von Aquin weder rein positiv oder rein negativ bezüglich der menschlichen Natur. Er verfügt über Potenzial zum Guten wie zum Bösen. 
  3. Von Aquin vereint auch die göttliche Souveränität mit dem Prinzip, dass Gnade die Natur vervollkommnet (grace perfects nature).   

Kreeft zählt weiter auf: 

  1. Rolle der Emotionen/Leidenschaften: Weder Emotivist noch Stoizist 
  2. Voluntarismus vs. Intellektualismus: Gegenseitige Abhängigkeit 
  3. Gott und Welt: gegen den Atheismus (nur die Welt) und den Pantheismus (nur Gott) 
  4. Transzendenz und Immanenz: Das erste ermöglicht das zweite. 
  5. Essenz und Existenz 
  6. Einheit und Vielfalt 
  7. Soziale und politische Philosophie: Weder Kollektivist noch Individualist 
  8. Weder staatlicher Konformist noch Nonkonformist 
  9. Bestätigung des Relativen und des Absoluten in der Moral 

Aus den Medien: Inhaltliche Klarheit schaffen anstatt das Vorgehen zu bedauern

Dieser Beitrag schliesst sich an drei vorangehende "Innerer Riss innerhalb deutscher Evangelikaler tritt zutage", "Der Richtungskampf – es geht um das Wesentliche" und "Stellungnahme zur Situation der Evangelikalen Bewegung und Nachbetrachtung" an.

Ich habe mir überlegt, ob der weitere Verlauf des Konflikts innerhalb der Deutschen Evangelischen Allianz – von idea.de zeitnah weiterverfolgt (man gebe einfach den Suchbegriff "Parzany" ein) – einen weiteren Beitrag wert ist. Es geht mir hier nicht um die Verfolgung eines Spektakels, sondern darum aufzuzeigen, welche Argumente Weichen stellen. Aus meiner Sicht zeigt der Verlauf der Debatte beispielhaft auf, weshalb sich die Bewegung in zwei Lager spaltet.

Ein Kommentator auf theoblog.de fasst die Ereignisse nüchtern zusammen:

Am 14.12. gab Dr. Diener das Interview. Der offene Brief von Pfarrer Parzany ist vom 16.12. Keine Reaktion Dr. Dieners! Am 21.12. protestiert die Konferenz Bekennender Gemeinschaften: Keine Reaktion Dr. Dieners! Am 21.12. schlägt Pfarrer Parzany die Gründung eines „Netzwerkes Bibel und Bekenntnis“ vor. Am 22.12. spricht „Gnadau“ seinem Präses das volle Vertrauen aus. Am 22.12. übt der Gemeinschaftsverband Siegerland-Wittgenstein Kritik am Kurs der Gnadau-Leitung. Am 23.12. nennt die Ev. Allianz: Die Norm ist die Bibel. Die weiteren Schlagzeilen bei idea nach dem Jahreswechsel v. 4.-8.1.16 Evangelikale ringen um ihren Kurs; Eine heftige Kontroverse hat die Evangelikale Bewegung auch über den Jahreswechsel beschäftigt; Selten hat eine Kontroverse die evangelikale Bewegung so aufgewühlt; Entsteht ein weiterer evangelikaler Dachverband? 16.1.16: Parzany: Kaum Übereinstimmung in der evang. Kirche; 18.1.16: Der Versuchung neuer Spaltungen widerstehen (Die Konkretisierung von „Zeit zum Aufstehen“ wurde abgelehnt!) Dr. Diener befindet sich weiterhin im gesammelten Schweigeprozess; 22.1.16: EKD-Magazin „chrismon“ übt scharfe Krirtik an Parzany; 23.1.16: Zurück zum Wort Gottes – Keine Spaltung der Evangelikalen; 24.1.16: Kommunique, 25.1.16: Noch ist eine Spaltung abwendbar; 28.1.16 Stellungnahme zur persönlichen Erklärung von Dr. Michael Diener; 28.1.16: Parzany begrüßt Entschuldigung Dieners, aber Irritationen bleiben; 28.1.16: Michael Diener bedauert „Verwerfungen und Irritationen“.

Ein Artikel in "Die Welt" befasste sich ebenfalls mit dem Streit und endet mit einer kirchenpolitischen Einschätzung.

Hier die Pietisten mit Diener, dort die Evangelikalen ohne ihn. Das wäre das Signal, dass sich in der Gesamtbewegung die unterschiedlichen Lager nicht mehr in einer Person verbinden lassen.

Ein Debattenteilnehmer bemerkte zur Metabotschaft Dieners:

Diener hat ja inhaltlich GAR keine Fehler eingeräumt. Also nur eine TAKTISCHE Entschuldigung. "Zugleich betont er, zu keinem Zeitpunkt eine „subjektivistische oder die Wahrheit der Heiligen Schrift relativierende Bibelauslegung vertreten zu haben." Doch, das hat er sehr wohl. Das kann keiner sagen, der seine Interviews (oder Berichte über Interviews mit ihm) in WELT und PRO gelesen hat. Das ist also leider kein ehrlicher Weg, mit dem Konflikt umzugehen. Das ganze muss bitte ohne Beschönigungen geklärt werden. (Diener entschuldigt sich ja fast eher, dass die Leute sich haben "verunsichern lassen", also sind die Leute schuld, nicht Diener).

Fazit: Die eine Seite wirft der anderen Lieblosigkeit, pharisäerhaftes Verhalten und Sturheit vor und fordert "Ambuigitätstoleranz". Die Gegenseite sieht genau in dieser Forderung nach Pluralität einen Widerspruch zu eindeutigen Aussagen der Bibel. Ich gehöre der zweiten Fraktion an und sehe in der pluralistischen Denkhaltung die Abkehr vom Grundsatz, dass die Ausssagen der Bibel die der Gesellschaft korrigieren und nicht umgekehrt. Die Sache ist nicht damit gelöst, dass man die Widersprüche einfach stehen lässt, aushält und auf "wir haben uns alle lieb" macht. Diesen Kurs der Anbiederung an die westlich-säkulare Leitkultur haben die Volkskirchen vor langer Zeit schon eingeschlagen und dadurch ihre geistliche Kraft eingebüsst.

Wir sollten uns neu auf den Wortlaut des Westminster Katechismus von 1647 besinnen:

In der Schrift sind weder alle Dinge in sich selbst klar, noch gleich verständlich für jeden; doch sind jene Dinge, die heilsnotwendig sind zu wissen, zu glauben und zu halten, so deutlich vorgestellt und eröffnet an der einen oder anderen Stelle der Schrift, dass nicht nur der Geschulte, sondern auch der Ungeschulte beim rechten Gebrauch der ordentlichen Mittel zu einem ausreichenden Verständnis dessen gelangen kann. – Grosser Westminster Katechismus, aus dem Artikel 1

Standpunkt: Unsere Liturgie auf Zielsetzung und Gehalt überprüfen

Es gibt keinen Gottesdienst ohne Liturgie, das heisst ohne eine bestimmte Ordnung. Die Frage ist bloss, wie formell oder informell diese Ordnung gehalten ist. Hier sind Elemente des reformierten Gottesdienstes, wie ich sie meinen Söhnen erklärt habe.

  • Welche Elemente kommen vor?

  • Worin besteht der jeweilige Inhalt?

  • Weshalb ist dieses Element wichtig?

Anrufung Gottes

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der die Himmel und die Erde gemacht hat. – Psalm 124,8

Wir werden uns des Lebensgrundes und des Gottesdienstanlasses bewusst.

Wechselgesang

Psalmenlesung: Vorleser und Gemeinde wechseln sich versweise ab.

Gemeinsam werden Gottes Worte gebetet. Wir stimmen mit ihnen überein.

Sündenbekenntnis

Wir erkennen unser Elend aus Gottes Gesetz, denn wir haben es gebrochen. Nach der Gesetzeslesung erhält jeder Zeit, seine Sünden vor Gott zu bekennen. Wir erinnern uns an Gottes Freispruch durch den stellvertretenden Tod seines Sohnes.

Wir können niemals aus uns selbst vor den heiligen Gott treten. Unsere Sünde trennt uns von ihm.

Katechese

In der Frage-/Antwortform werden die wichtigen Inhalte des christlichen Glaubens systematisch abgehandelt.

Wir lernen und erinnern uns an die Grundlagen unseres Glaubens, so wie sie unsere Väter aufgrund des Wortes Gottes zusammengetragen haben.

AT- bzw. NT-Lesung

Gottes Wort aus Altem und Neuem Testament wird vorgelesen. Es handelt sich um den Predigttext sowie einen ergänzenden Text aus dem anderen Testament. Nach Möglichkeit stehen sie in einem inneren Zusammenhang.

Gott wirkt durch sein Wort zur Errettung und Zurüstung von Menschen. Er ist in seinem Wort anwesend.

Predigt

Der Ausleger, von Gott in diese Aufgabe gerufen, legt einen Text aus Gottes Wort aus. Er lenkt die Gemeinde auf das Thema hin, kündigt die Kernbotschaft an, behandelt in einigen Hauptpunkten die Botschaft des Textes, fasst sie zusammen und wendet sie auf die Zuhörer an.

Die Botschaft der Predigt sollte der Botschaft des Textes, eingebettet in die gesamte Schrift, entsprechen. Die Anwendung entblösst aktuelle gesellschaftliche Entstellungen der Wahrheit Gottes und ermutigt zur Busse und zu einem Leben in der Heiligung.

Gebet, Vaterunser und Segen

Die Gemeinde antwortet auf die Botschaft der Predigt, dankt dem Schöpfer und Erlöser für seine Gerechtigkeit und Güte und erfleht den Segen.

Die Gemeinde ist sich von ihrer kompletten Abhängigkeit von Gott bewusst.

Lieder

‚Zeige mir deine Lieder, und ich fasse dir deine Theologie zusammen.‘ Das Singen erfasst Körper und Seele des Menschen. Inhaltlich greifen die Lieder auf Texte der Bibel und Erfahrungen aus der Geschichte der weltweiten Kirche zurück.

Im gemeinsamen Rhythmus und der Melodie bringt die Gemeinde die Einheit vor Christus zum Ausdruck.

Ich bin über die letzten Jahre überzeugter Verfechter einer geordneten Liturgie geworden („Warum ich der informellen Liturgie überdrüssig geworden bin“; „Plädoyer für formulierte Gebete“). Sie bildet ein heilsames Gegenstück zu unserer Ich-zentrierten und auf emotionale Befriedigung ausgerichteten Zeit („Wenn Gottes Wort aus den Gottesdiensten verbannt wird“). Es tut uns gut, die einzelnen Elemente immer wieder auf ihren Gehalt und vor allem auf ihre Zielsetzung zu untersuchen!

Input: Drei Sichten auf die Urgeschichte

Eine substanzielle Buchbesprechung von Jason S. DeRouchie, Alttestamentler des Bethlehem College, zu "Genesis: History, Fiction, or Neither? Three Views on the Bible’s Earliest Chapters" (themelios 40.3) betont insbesondere die Inkonsistenz bei Annahme, dass 1. Mose 1-11 eine Fiktion darstelle:

Based on Luke’s marked intent to represent history rightly, Sparks insists that the Gospel account of Jesus’s bodily resurrection provides a historically accurate description of what happened (p. 114). Nevertheless, even though he believes that the biblical authors of Genesis 1–11 often accepted their accounts as real history, he thinks that 21st century science proves that they got their facts wrong (pp. 72, 138–39). Both Sparks and Halton compare the Bible’s earliest chapters to Jesus’s parables and not historical narrative (pp. 114; 156n1). However, if we affirm Luke’s account of Jesus’s bodily resurrection, must we not also affirm his Gospel’s other stated historical (and not parabolic) assertions that Jesus’s genealogy actually goes back to a historic “Adam, the son of God” (Luke 3:38), and that the complacency of Jesus’s generation was like the historical unreadiness of Noah’s generation for judgment (Luke 17:26–27)? Hermeneutical consistency does not allow one to affirm the bodily resurrection of Christ and yet to deny other statements in the Old and New Testaments that the biblical authors intended as historical fact.

… Because God was the Bible’s single, overarching author, we can approach Scripture as a whole, believing that later parts will cohere with and rightly interpret earlier parts, while potentially expanding the biblical authors’ meaning, implications, or applications. We can trust that in matters of faith and practice, Scripture is infallible, and that in matters of fact (history, geography, science, or the like), Scripture is inerrant. We must respect the author’s intentions and the literary conventions under which he wrote. We must allow for partial reporting, paraphrasing, and summarizing and must not require the Bible to give definitive or exhaustive information on every topic. We must allow for phenomenological language, wherein the author describes a phenomenon as he observes it or experienced it. And we must allow for the reporting of a speech without the endorsement of that speech’s truthfulness. These things stated, the biblical narratives present themselves as accurate accounts of what happened in space and time, so we should approach them this way.

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