Klassiker-Zitat: Die Dreieinigkeit

Augustinus in seinem Werk De Trinitate, 9. Buch, 1. Kapitel:

Was also unsere Frage betrifft, so wollen wir glauben, daß der Vater, Sohn und Heilige Geist der eine Gott ist, der Schöpfer und Lenker des geschaffenen Alls, daß der Vater nicht der Sohn ist, und daß der Heilige Geist nicht der Vater oder der Sohn ist, sondern daß es ist die Dreieinigkeit der aufeinander bezogenen Personen und die Einheit des gleichen Wesens.

Zitat der Woche: Ich brauche Gottes Wort dann am nötigsten, wenn ich keine Lust zum Beten und Bibellesen habe

Ich habe den Eindruck, dass viele Christen nicht gelernt haben, regelmässig die Bibel zu lesen. Manche behaupten, das sei zwanghaft und gesetzlich, man solle das nur tun, wenn es sich spontan ergibt. Ich frage solche Leute gern, ob sie mit Essen und Trinken, Zähneputzen und sonstiger Körperpflege auch so unregelmässig verfahren. Was für uns lebensnotwendig ist, brauchen wir regelmässig. Überflüssigen Luxus natürlich höchstens dann und wann, wenn überhaupt.

Tägliches Bibellesen ist ein Grundnahrungsmittel für einen gesunden Glauben. Kaum einer kann jeden Tag spontan entscheiden, ob, wann und wie er die Bibel liest. Gute Gewohnheiten helfen. Am besten morgens, bevor das Tagesprogramm über einen hereinbricht. Aber wenn jemand zu einer anderen Tageszeit besser regelmässig zur Stille findet, ist das auch gut. Und was Lust und Laune angeht – ich habe gelernt, dass ich Gottes Wort dann am nötigsten brauche, wenn ich keine Lust zum Beten und Bibellesen habe. Dann brauche ich das Reden meines Herrn, der die Blockierungen in mir wegräumt.

Ulrich Parzany. Was nun, Kirche? scm Hänssler: Holzgerlingen, 2017. S. 136-137.

Publikation: J. I. Packer für eine neue Generation

Nr. 4 der Serie "Christliche Denker für eine neue Generation" ist erschienen.

James I. Packer, geboren 1926, gebürtiger Brite und eingebürgerter Kanadier, darf mit Recht als eine führende Person des Evangelikalismus im 20. Jahrhundert bezeichnet werden. Er gelangte vor allem durch sein Buch "Gott erkennen" (engl. "Knowing God") zu großer Bekanntheit. Vor kurzem verabschiedete sich der 90-Jährige von der Öffentlichkeit. Seine tiefe Freude an Christus, sein geradliniger Lebensmarathon und seine erstaunliche schriftliche Hinterlassenschaft sind es wert näher betrachtet zu werden.

Packer weist einer neuen Generation den Weg: Die unermüdliche Betonung der Bedeutung von Jesus‘ stellvertretendem Sühnetod, seine Hochachtung vor der Autorität der Heiligen Schrift und dem Nachdruck auf einer biblisch verstandenen Bedeutung der Heiligung legen den Boden für eine gesunde geistliche Entwicklung für Einzelne, Kirchgemeinden und Gemeindebünde.

Buchbesprechungen: Huntemann über die spürbaren Folgen der Säkularisation

Georg Huntemann (1929-2014), engagiert predigender, lehrender und schreibender Theologe und Philosoph, langjähriger Ethiker der STH Basel und Pastor der Martinikirche in Bremen, wandte sich unerschrocken gegen die zunehmend spürbaren Folgen der Säkularisation.

Hier sind einige Buchbesprechungen:

Angriff auf die Moderne : Christusglaube zwischen gestern und morgen (1966). Frühwerk. Attacke auf die modernistische Denk- und Lebensweise entlang dem Apostolikum.

Autorität oder Chaos (1971). Kurzes Buch in der bewegten 68er-Zeit. Freiheit, Autorität und Persönlichkeit gehören zusammen.

Der Himmel ist nicht auf Erden. Vom Elend des Protestantismus (1989). Protestnote gegen die Horizontalisierung des Glaubens.

Der andere Bonhoeffer: Die Herausforderung des Modernismus (1989). Bonhoeffer: Christusmystiker, Offenbarungs- und Ordnungsethiker.

Gottes Gebot oder Chaos – Europa an der Zeitenwende: Der Christ und sein politischer Auftrag (1992). Politisches Engagement in der Wendezeit: Grundriss einer politischen Ethik.

Biblisches Ethos im Zeitalter der Moralrevolution (1999). Autonomes, vom Willen des Menschen gesteuertes vs. biblisches Offenbarungsethos.

Aufsatz: Echte Freiheit in wahrer Bindung

Die Verwirrung über das, was eine Ehe ausmacht, bietet die wundervolle Gelegenheit, eine klare Sichtweise zu beschreiben. Dies habe ich anhand von G. K. Chestertons Pamphlet "The Superstition of Divorce" versucht (Echte Freiheit in wahrer Bindung, BuG 3/17).  Er beschreibt ausgezeichnet, wie das (post)moderne Verständnis von Beziehungen dem Bemühen gleicht, Fenster in ein Haus einzusetzen, wo es gar keine Wände gibt.

Ein Ausschnitt zum Thema "befristete Verträge":

Wir fürchten uns in der heutigen Zeit vor Bindungen. Wir bevorzugen kurzfristige Abmachungen und flüchten uns in befristete Verträge. Dies meine ich nicht nur auf Konsum oder Arbeit bezogen. Dieselbe Mentalität hat sich längst innerhalb mensch­licher Beziehungen ausgebreitet. Manche Gesprächspartner schrecken vor verbindlichen Zusagen zurück. Wer weiß, wenn die Laune wieder wechselt? „Wir haben uns getrennt, weil wir nicht mehr verliebt waren.“ „Wir haben uns auseinander gelebt.“ Dies würde Chesterton als falsche Romantik bezeichnen. Wahre Romantik stellt sich aber der Realität und erblüht erst darin.

Standpunkt: Die biblische Lehre von der Erwählung

Ron Kubsch hat in dieser engagierten Diskussion die biblische Lehre der Erwählung und Erlösung wunderschön ausgeführt. Ich habe einige seiner Kommentare zusammengestellt:

  1. Der Mensch steht wegen seines Ungehorsams (!) unter dem Zorn Gottes, nicht wegen seiner Unschuld.
  2. „Gott kann nicht ungerecht sein“, ist nicht postmodern, sondern prämodern, vgl. z.B. Röm 9. Entscheidend wird sein, was genau unter „gerecht“ verstanden wird. In der von mir kritisierten postmoderne Theologie setzt der Mensch den Standard für Gerechtigkeit. Gemäß reformierter, aber auch katholischer, Theologie ist Gott der Gesetzgeber. Er legt also fest, was gerecht ist.
  3. Gott ist gut. Er entscheidet gemäß seinem Wesen und ist sich selbst Gesetz. Gott handelt notwendig gut, weil er gut ist. Gott regiert seinem Charakter entsprechend und in Übereinstimmung mit dem Gesetz, das er sich selbst gibt und ist damit für die Menschen ein zuverlässiger Bundespartner (er steht weder unter, noch über, dem Gesetz).
  4. Gott hat aus allen Sündern einige auswählt (und belässt andere in ihrer Sünde, übergeht sie also). Eigentlich haben alle Menschen den gerechten Zorn Gottes verdient. Gott erbarmt sich aber einiger und rettet sie durch Christus.
  5. Die Menschen, die unter Adam geboren sind, sind ja nicht mehr frei. Adam war frei. Sie sind doch Sklaven der Sünde. Aus der Tiefe der menschlichen Sündhaftigkeit ergibt sich, dass der gefallene Mensch gar nicht anders kann als zu sündigen (lat. non posse non peccare). Er ist wirklich verloren, tot in seinen Verfehlungen (vgl. Eph 2,1.5).
  6. Ich glaube nicht, dass alles, was geschieht, von Gott kommt. Ich glaube, dass Gott die ganze Welt in seiner Hand hält. Sogar der Satan kann sich nicht über Gott hinwegsetzen (vgl. Hiob 1). Kurz: Gottes Beziehung zum Bösen ist permissiv.
  7. Gott ist nicht abhängig von irgendetwas außerhalb seiner selbst. Er unterliegt keiner Notwendigkeit, die ihn von außen lenkt. Alles, was von Gott geschaffen ist, hängt dagegen von Gottes Willen ab. Der Mensch kann nicht aus sich selbst heraus existieren. Oder anders: Gott braucht den Menschen nicht, aber der Mensch braucht Gott.
  8. Jesus ist für die gekommen, die einen Arzt brauchen, für die Schwachen und Sünder. „Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich dann, als hättest du es nicht empfangen?“, fragt Paulus (1Kor 4,7). Aus der Sicht des Apostels ist der Mensch tot in seinen Sünden (Eph 2,1). Denn aus Gnade sind wir „selig geworden durch Glauben, und das nicht aus uns: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme“ (Eph 2,8). Jesus sagt in John 6,65: „Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben“.
  9. Nehmen wir das Beispiel aus Lk 22. Jesus betet dort für Simon Petrus, damit sein Glaube nicht aufhört. Der autarke Petrus, also der ganz auf sich angewiesene Petrus, kann nicht vertrauen und wird den Versuchungen dauerhaft nachgeben. Aber Jesus betet für den Glauben seines Jüngers. Obwohl der Glaube des Petrus eine ur-persönliche Sache ist, wirkt Gott offensichtlich irgendwie in seinem Herzen, so dass Petrus vertraut. Das ist die kompatibilistische Sicht von Freiheit, die wir auch bei den Reformatoren finden.
  10. Die Frage, warum Gott nicht alle Menschen erwählt, kann ich nicht beantworten. Da geht es mir wie Paulus: „Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne!“ Paulus und „Rechtgläubigen“ vorzuwerfen, sie seien kühl, im biblischen Formalismus gefangen, empfänden also keine Traurigkeit im Blick auf die Verlorenen, überzeugt mich nicht. Es deckt sich auch nicht mit meinen Erfahrungen. Calvin sprach vom „furchtbaren Ratschluss“ (decretum horribile). Oder nehmen wir Paulus. Er schreibt: „Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, daß ich große Traurigkeit und unablässigen Schmerz in meinem Herzen habe. Ich wünschte nämlich, selber von Christus verbannt zu sein für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleisch, … „ (Röm 9,1–3). In Röm 10,1 schreib er über seine Volksgenossen: „Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden.“ Diesem Gebet schließe ich mich an. Die Traurigkeit kenne ich.
  11. (Den Libertinismus zu verwerfen bedeutet nicht), dass ein Mensch keine Handlungsfreiheit hat (der durch Gott und/oder durch die gefallene Natur allerdings Grenzen gesetzt sind). Ein Sünder entscheidet sich beispielsweise in Übereinstimmung mit seiner Natur für die Sünde.
  12. „Das freie Willensurteil ist das Vermögen, nach deinem eigenem Gutdünken zu handeln, so dass du wirklich von dir aus handelst, nicht von einem anderen in eine Richtung getrieben wirst, die du nicht willst. Dabei ist Gewalt, die ich gegen deinen Willen zwingt und fortreißt, ausgeschlossen, nicht jedoch die Standhaftigkeit, richtig zu handeln und dies notwendigerweise dank der Gabe Gottes.“ (Martin Bucer, Kommentar zum Römerbrief)
  13. Es gibt in Deutschland einen großen Einfluss reformierter Theologie durch Leute wie Francis Schaeffer, J.I. Packer, John Stott, R.C: Sproul, Adolf Zahn oder Martyn LLoyd-Jones. Die Gründer der beiden dt. Freikirchen (Hermann Heinrich Grafe und Gerhard Oncken) sowie Huddon Spurgeon, waren theologisch reformiert (von der Tauffrage abgesehen).
  14. Die Erwählung konkretisiert sich durch Verkündigung und den persönlichen Glauben, traditionell auch als Erleuchtung bezeichnet, die Gott dem Menschen schenkt. Ein klassischer Begründungstext wäre: „Als das die Heiden hörten, wurden sie froh und priesen das Wort des Herrn, und alle wurden gläubig, die zum ewigen Leben bestimmt waren“ (Apg 13, 48). Das Evangelium wird allen verkündigt und einige werden gläubig. Die Gläubigen wissen, dass der Glaube ihnen aus Gnade geschenkt wurde. Denn aus Gnade sind sie errettet worden, nicht, weil sie was vorzuweisen haben (vgl. Eph 2,8).
  15. Gott ist gerecht und barmherzig. Er hält sich an das, was er verordnet hat. Der Sünde Sold ist der Tod. Die Sünde und Verdammnis ist über alle Menschen gekommen und so auch der Tod. Diese Strafe Gottes ist gerecht. Der Himmel und die Erde werden aufgespart für das Feuer, bewahrt für den Tag des Gerichts und der Verdammnis der gottlosen Menschen (vgl. 2Petr 3,7).
  16. So wie die Sünde durch einen Menschen zu uns gekommen ist, so ist auch die rettende Gerechtigkeit durch einen Menschen zu uns gekommen. Christus hat unsere Strafe auf sich genommen. Die, die an Christus glauben und es bekennen, werden errettet. Gott verzögert das letzte Gericht, bei dem die Menschen die verdiente Strafe erhalten. Er hat Geduld und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde. Er lässt deshalb durch seine Herolde das Evangelium verkündigen zur Vergebung der Sünden. Leider hören viele Menschen die Einladung nicht.
  17. Ich kann nur sagen, ich habe es nicht verdient. Es ist Gnade, denn ich habe den ewigen Tod viel mehr verdient als die Menschen um mich herum. Ich habe Gott nicht mehr gesucht als andere. Ich bin nicht moralisch besser. Nichts, aber auch nichts, habe ich vorzuweisen. Ich bin völlig unverdient errettet worden. „Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin … Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit!“
  18. Die Erwählung wird ja von Gott in der Geschichte ausgeführt. Die Vorherbestimmung wird im Hier und Jetzt wirksam (Röm 8,30: „Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht“). Obwohl etwa die Verheißung eines Retters, der der Schlange den Kopf zertreten wird, schon in Genesis 3 zu finden ist (Gott also einen Plan hatte, das Böse zu besiegen), ist Jesus als historische Person tatsächlich gekommen und hat den Tod besiegt. Gott benutzt dazu die Verkündigung des Evangeliums, das Gebet usw. Die Lehre von der Erwählung ist nie Fatalismus. Ihr Sitz bei den Genfer Theologen war z. B. die Trosttheologie für die verfolgten Christen. Gerade eine Theologie mit einer hohen Sicht der Erwählung hat kirchengeschichtlich die Mission und Evangelisation enorm beflügelt, denken wir an Johnathan Edwards, William Carey oder in jüngster Zeit Francis Schaeffer.
  19. Wenn Gott schon gewusst hat, dass Menschen in die ewige Verdammnis kommen, warum hat er dann überhaupt die Welt und die Menschen geschaffen?  Hier kann ich nur mit Augustinus antworten: „Du, Mensch, erwartest von mir eine Antwort, – und ich bin doch auch ein Mensch!“ Deshalb wollen wir beide auf den hören, der da spricht: „Ja, lieber Mensch, wer bist du denn? (Röm 9,20). Denn ein gläubiges Nichtwissen ist besser als ein vorwitziges Wissen!“ Und noch einmal Augustinus: „Sehr heilsam bekennen wir, was wir sehr recht glauben, nämlich daß der Gott und Herr aller Dinge, der alles ,sehr gut’ geschaffen hat, der zuvor wußte, daß aus dem Guten Böses erwachsen würde, und der wußte, daß es seiner schlechthin allmächtigen Güte eher anstünde, das Böse zum Guten zu wenden, als das Böse nicht geschehen zu lassen, daß dieser Gott das Leben der Engel und der Menschen so angeordnet hat, daß er an ihm zunächst zeigte, was der freie Wille vermag, und dann auch, was die Wohltat seiner Gnade und das Urteil seiner Gerechtigkeit kann!“ (corrept. 10,27).
  20. Wenn ich als Sünder (mit der Erbsünde) auf die Welt gekommen bin, Gott mich also so geschaffen hat, warum werde ich dann noch für Sünde zur Verantwortung gezogen? Weil Adam der Vertreter der gesamten Menschheit war, haben wir „durch“ ihn gesündigt (Röm 5,12-21). Das bedeutet, dass seine Sünde unsere Sünde ist (V. 19), seine Schuld unsere Schuld (V. 16-17). Mit Adam sind wir Teil des Bundes im Garten Eden und als Bundesbrecher Sünder. Ich weiß, dass das Prinzip der Anrechnung für Menschen in der Moderne schwer nachvollziehbar ist. Aber die Bibel kennt diese Regel der Anrechnung von Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit (denken wir nur an den Opferkult). So, wie uns die Ungerechtigkeit des einen Menschen angerechnet wird (da Adam die Menschheit vor Gott repräsentiert), so wird uns auch die Gerechtigkeit von Jesus Christus zugerechnet, wenn wir ihm glauben.

Weiterlesen

Mich persönlich hat weder Augustin noch Calvin überzeugt, sondern das intensive Lesen des Alten und des Neuen Testaments.

  1. Thomas Schirrmacher hat auf 80 Seiten das alt- und neutestamentliche Zeugnis zusammengestellt. Das war für mich der erste Zusammenzug, der keine Stelle „ausblendet“.
  2. Starb Christus für alle Menschen? Eine sehr gute Antwort von Thomas Schirrmacher,
  3. Wunderschön legt John Frame die Position des Kompatibilismus dar: „Menschliche Verantwortung und Freiheit“

Diskussion: Langzeitwirkung überbehütender Mütter

Über meinem Beitrag "Eltern und ihre erwachsenen Kinder" hat sich eine Diskussion ergeben. Ich skizzierte schemenhaft folgende Ausgangslage:

Mütter mit erwachsenen Söhnen

Modell 1 (ausgeprägt): 80-jährige Mutter geht eingehängt bei ihrem 50-jährigen Sohn; er mit gebeugtem Rücken und der Einkaufstasche; trägt Buntfaltenhosen
Modell 2 (mittlere Ausprägung): Mutter übernimmt Regiment, "betreut" Enkel und entmüdigt die Schwiegertochter
Modell 3 (verdeckte Ausprägung): Sohn lebt unbewusst nach den Wünschen der Mutter; verweigert einen Teil seiner eigenen Verantwortung und überlässt sie der eigenen Mutter

Mütter mit heranwachsenden Söhnen

Ausgeprägt: Chaufferdienste und Rundum-Service 7*24 Stunden, sprechen  auch für Lehre und Universität vor
Mittel: Der Sohnemann muss zu Hause zu gut wie nichts tu ausser zu dirigieren (Rollenumkehr)
Verdeckt: Sohn muss nur pseudomässig etwas tun fürs Gewissen der Mutter, entwickelt jedoch seine eigenen Fähigkeiten nie in dem Ausmass, wie es nötig wäre.

Die m. E. entscheidende Frage ist grundsätzlicher, motivationaler Natur. "Investiere" ich für den eigenen emotionalen Zugewinn oder langfristig zugunsten des Kindes?

K. M. aus Hamburg, Jg. 1960, verheiratet seit 1982, zwei erwachsene Kinder (Jahrgang 1987 und 1990), beide verheiratet, drei Enkelkinder (2015, 2016), schreibt über ihre eigenen Erfahrungen (Hervorhebungen von mir):

Wichtig ist schon die Vorarbeit während der Kinder- und besonders Jugendzeit. Das baut die Grundlage für das Verhältnis zu den erwachsenen Kindern. Wir haben versucht, den Kindern/Jugendlichen viel Gemeinschaft mit anderen Gleichaltrigen zu ermöglichen, auch wenn das für uns mit Fahrerei verbunden war und damit Aufwand bedeutete. Das war es uns wert. Natürlich haben wir immer für unsere Kinder gebetet und mit ihnen Andachten gemacht und nicht über die Gemeinde negativ geredet. Bei uns in der Gemeinde gibt es neben der Kinderarbeit Royal Ranger Arbeit, die wir sehr geschätzt haben, da sie den Kindern/Jugendlichen das Gemeinschaftsgefühl und das Naturerleben verbunden mit dem geistlichem Aspekt geboten haben. Man muss in der Pubertät aufpassen, dass man die Jugendlichen nicht mit theologischem Input überfrachtet, sondern ihnen viel Gemeinschaft mit anderen Jugendlichen mit christlichem Inhalt bietet. Unsere beiden Kinder sind durch diese Zeit durch Gebete hindurchgetragen worden und haben mit 18 Jahren bzw. mit 16 ihre jeweiligen Ehepartner kennengelernt. Auch das ist ein wichtiges Gebetsanliegen: Für die zukünftigen Ehepartner zu beten. Unsere beiden haben dann mit jeweils 20 Jahren geheiratet, beide gläubige Ehepartner. Wir sind sehr dankbar für unsere Schwiegerkinder.

Inzwischen haben beide Kinder selber Kinder, Jahrgang 2015 und zweimal 2016. Ich hatte eine Mutter, die sich erst vier Jahre nach mir bekehrt hat. Sie hat sich besonders in ihrer Rentenzeit – die begann bei ihr schon mit 60 Jahren-  sehr intensiv um unsere Kinder gekümmert, viel Zeit mit ihnen verbracht und sie z. B. auch wöchentlich zu einem MusicalChor gefahren, weil ich an dem Tag gearbeitet habe. Dieses ist mir ein großes Vorbild. Wir beten weiterhin für unsere Kinder und Enkelkinder, das ist Priorität.

Wir sehen auch, dass sie weniger Zeit und auch weniger sonstige Ressourcen als wir zur Verfügung haben. Inzwischen arbeiten mein Mann und ich beide Vollzeit. Das heißt, wir haben zwar mehr Geld als früher zur Verfügung, leider aber auch nicht so viel Zeit in der Woche. Wir versuchen uns an den Wochenenden möglichst  zur Verfügung zu halten, um mit den Enkelkindern z. B. auf den Spielplatz zu gehen oder sonstige Aktivitäten zu machen. Wir leisten uns eine Putzfrau, um mehr Zeit mit den Enkelkindern zu haben. Wir laden unsere Kinder zu einem gemeinsamen Urlaub ein. Zurzeit wohnen unsere Kinder noch in unserer Nähe. Sie bereiten sich aber auf eine Gemeindegründung in Leipzig vor, was dann ca. vier Stunden entfernt sein wird. Hier schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Menschlich vermisse ich sie jetzt schon alle, und der Trennungsschmerz ist hoch. Geistlich und dann auch wieder menschlich freue ich mich für die Vier, dass sie gemeinsam diese Vision haben, dass sie sich so Gott hingeben. Wir unterstützen sie so gut es geht zeitlich und finanziell. Wie dann konkret die zeitliche Unterstützung aussehen wird, wenn sie erst alle in Leipzig wohnen, müssen wir dann sehen. Zum Glück sind es nur vier Stunden. Denn ich möchte nicht unsere Enkelkinder nur zweimal im Jahr sehen.

Zum Thema Geschenke: Man kommt natürlich in Versuchung, auch etwas für sie zu kaufen. Unsere sind nun noch sehr klein. Dadurch dass wir quasi gleich drei auf einen Schlag hatten, müssten wir um der Gerechtigkeit willen immer drei Geschenke kaufen. Das ist dann doch zu teuer, d. h. wir überlegen schon sehr gut, was wir schenken. So hoffen wir, unsere Kinder in dieser für sie herausfordernden Lebensphase zu unterstützen. Kleinkinderphase, Gemeindegründung, Berufstätigkeit und  Einleben in einer neuen Stadt – ohne vertrauten Freundeskreis – sind sehr anstrengend. Wir werden sehen, was wir tun können, auch aus der Ferne.

Auch ist uns klar, dass wir älter und evtl. mal hilfebedürftig werden. Das haben wir mit meiner Mutter auch erlebt, die leider dement wurde und von uns dann viel Unterstützung benötigte. Aber das war zu einer Zeit, als unsere Kinder dann schon erwachsen waren und ich zeitweilig in Teilzeit gearbeitet habe, um alles zu schaffen. So freue ich mich, ein sehr gutes Verhältnis zu unseren erwachsenen Kindern zu haben- und weiß, dass dies nicht selbstverständlich ist, sondern Gottes Geschenk an uns.

Zum Weiterlesen:

Kolumne: Nachgedanken zu Hamburg

6 Fragmente (mit fiktivem Ich-Erzähler)

Päng. Ein präziser Kopfschuss, zwei Zentimeter über dem linken Auge. Habe ich ihn endlich. Ein dünner Blutstrahl läuft quer über das Gesicht. Der Krawattenträger liegt verkrümmt auf dem dunklen Gehsteig. Das gibt 4600 Extra-Punkte. Endlich steige ich auf Level 8 auf. Wurde auch Zeit. Seit elend vielen Tagen sass ich auf Level 7.

Päng. Verärgert schaut der Nachbar im Zug mich von der Seite an. Ich spüre seinen verächtlichen Blick. Die drei Flaschen mit Hochprozentigem sind eben unsanft zusammen gestossen. Eine stark nach Ausdünstung riechende ältere Frau hat sich noch zu uns ins Abteil gedrängt. Ich schiebe die Beine unmerklich drei Zentimeter vor. Was bildet sich diese Kuh ein, sich noch zu uns ins Abteil zu setzen. Mit Beinfreiheit ist es endgültig vorbei.

Päng. Eine Nebelpetarde zum Empfang im Hauptbahnhof. Das will doch mal ein Anfang sein. Wo ist nur Madde? Er hat doch versprochen, mich mit seinen Kumpels abzuholen. Da kommt er schon. Sieht einem Krawallmacher gar nicht ähnlich mit seinem bleichen, schmalen Gesicht und dem Flaum am Kinn. Doch wenn die wüssten…

Päng. Mit einer Holzstange ein schönes Loch das Fenster des Café gebohrt. Links zwei brennende Wagen, ein grauer VW eines Kleinbürgers, auf der gegenüberliegenden Seite ein C-Klasse-Mercedes. Recht geschehen. Diese Idioten.

Päng. Runter flog die volle Flasche. Es ist nach Mitternacht. Ich stehe auf dem Dach eines Wohnhauses. Madde hatte sich über n’Kumpel die Schlüssel besorgt. Unten steht die POLICE. Diesen Drecksocken lasse ich es mal regnen.

Päng. Die Tür schlug ins Schluss. Erschreckt streckte Mutti ihren Kopf in den Gang. „Biste wieder da?“ Ohne ein Wort zu verlieren, werfe ich den schwarzen Rucksack im Flur hin und die Tür meines Zimmers ins Schloss. Jetzt wird erst mal richtig ausgeschlafen.

10 Hypothesen: Wohlstands-Prekariat

  • Der Übergang von der virtuellen zur realen Lebenswelt ist fliessend.
  • Es ist prioritär einen Stimulus zu bekommen.
  • Es geht um Vereinzelung und Vereinsamung.
  • Punktuell jedoch findet man sich zu einem pervertierten Gemeinschaftserlebnis.
  • Alkohol dient als Schmiermittel.
  • Mann wohnt in Hotel Mama.
  • Der Vater tritt nicht in Erscheinung.
  • Hass wird kultiviert.
  • Es wird übersehen, dass jeder Teil unausweichlich Teil eines Kollektivs (Familie, Staat) bildet.
  • Mann sägt am Ast, auf dem er sitzt.

5 Vorschläge zur Kur

  • Abschalten: Aus der virtuellen Welt hinaus
  • Arrest: Zur Besinnung kommen
  • Ausziehen aus dem Hotel Mama
  • Arbeit mit Befriedigung
  • (für die anderen:) Ansprechen

Standpunkt: Leiden ist Programm Gottes für seine Kinder

Müssen wir auch als Christen leiden? Manche behaupten, dass unsere Stellung in Christus es mit sich bringt, dass Leid und Krankheit aufhören. Daraus leitet sich der Anspruch ab, sich immer wohl fühlen zu müssen. Indirekt wächst auch der Anspruch danach. Denn wer sein Leben anders erlebt, bei dem kann etwas nicht stimmen. Lassen wir uns von solcher (falscher) Lehre nicht täuschen, denn ein solcher Glaube hält weder der Realität einer gefallenen Welt noch der Lage der Christen in der ganzen Welt (Verfolgung) stand.

Die Massgabe zur Prüfung dazu ist Gottes Wort, seine Selbstoffenbarung. Wer über dieser Frage von Wohlfühlen, Gesundheit ringt, mag den 1. Petrusbrief sorgfältig studieren. Hier einige Hinweise:

  1. Wir sind „traurig, in mancherlei Anfechtung“ – aber nur „wenn es sein muss“ und für eine „kurze Zeit“ und immer mit einem Ziel der „Bewährung eures Glaubens“ (1,6-7).
  2. Christus selbst waren Leiden „bestimmt“ und „die darauf folgenden Herrlichkeiten“ (1,11). Er wurde geschmäht, litt und wurde bedroht (2,23). Der leidende Christus ist unser Vorbild, in dessen Fussstapfen wir nachfolgen sollen (2,21).
  3. So ordnen sich Arbeitnehmer auch den „verkehrten“ Herren unter (2,18), die gläubigen Frauen den ungläubigen Männern, die sich „weigern, dem Wort zu glauben (3,1).
  4. Wir werden als Übeltäter „verleumdet“ – und zwar um unseres guten Lebens willen (2,12). Unser „guter Wandel in Christus“ wird verlästert (3,16). Wir sollen „für Gutestun“ leiden und „es geduldig ertragen“, denn das ist Gnade (!) bei Gott (2,20; auch Philipper 1,29).
  5. Wir werden „um der Gerechtigkeit willen“ leiden und sollen das Drohen nicht fürchten noch beunruhigt sein (3,14).
  6. „Denn es ist besser, dass ihr für Gutestun leidet, wenn das der Wille Gottes sein sollte, als für Bösestun.“ (3,17) Leiden wird ausdrücklich Gottes Wille bezeichnet.
  7. Ungläubige sind „befremdet“, weil wir in dem Treiben nicht mitmachen, und „lästern“ (4,4).
  8. Wenn wir als Christen leiden, „so soll er nicht nicht sähcmen, sonder er soll Gott verherrlichen in dieser Sache! Denn es ist die Zeit, dass das Gericht beginnt beim Haus Gottes.“ (4,16-17)
  9. Diejenigen, die nach dem Willen Gottes leiden, sollen a) ihre Seelen dem treuen Schöpfer anvertrauen und b) Gutes tun (4,19).
  10. Der Teufel geht umher als brüllender Löwe und sucht durch Anfechtungen und Leiden die Geschwister zu verschlingen. Diese Leiden gelten allen Geschwistern in der ganzen Welt (5,9).
  11. Wir sind Mitteilhaber der Leiden von Christus – und damit auch der Herrlichkeit, die offenbart werden soll (5,1).
  12. „Der Gott aller Gnade aber, der uns berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, er selbst möge euch, nachdem ihr eine kurze Zeit gelitten habt, völlig zubereiten, festigen, stärken, gründen!“ (5,10)

Systematisch zusammengefasst:

a) Der Boden für das Leid ist die lebendige Hoffnung.
b) Die Massgabe für das Leid ist Jesus Christus selbst.
c) Die Begründung für das Leid ist Gottes Wille.
d) Das direkte Ziel des Leids ist die Bewährung unseres Glaubens.
e) Die erweiterte Absicht unseres Leids ist das Zeugnis unseres Lebens vor der ungläubigen Welt.

Kolumne: Die Welt zweier frischgebackener Lehrabgänger

Eine Begebenheit vor einigen Tagen geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich sitze in der Küche in der Nähe meines Arbeitsplatzes. Am Nachbartisch sitzen zwei frisch gebackene Lehrabgänger. Die eine hat eben erfahren, dass sie bestanden hat. Ich wende mich ihnen zu und gratuliere ihnen, so wie es sich gehört. Damit hätte ich es bewenden lassen können. In mir regte sich jedoch eine Anschlussfrage. Ich zögerte kurz, um sie zu stellen: „Wie fügt sich dieser Abschluss in dein bisheriges Leben ein? Was trägt er zur Erfüllung deiner Ziele bei?“

Stille. Einige unbehagliche Momente. Solche Fragen stellt man nicht, das spürte ich genau. Nach einigen Augenblicken des gegenseitigen Schweigens bekam ich zur Antwort: „Das weiss ich nicht.“ Dann, mit einem leichten Anflug eines rechtfertigenden Tones: „Das muss ich auch nicht wissen.“ Wir Menschen, so dachte ich bekümmert, sich doch geschaffen, um über das momentane Ereignis hinaus zu denken. Zutiefst stellen wir uns doch solche Fragen. Doch der Sinn der beiden jungen Menschen ist auf ein ganz anderes Ereignis gerichtet. Das Wochenende steht vor der Türe. Dann soll gefeiert werden.

Ich verfalle in Gedanken. Was genau denn soll gefeiert werden? Dass man es, wie ich dem Gespräch entnehme, fast ohne Anstrengung geschafft hat? Klar, ein wenig Untertreibung wird gewiss darin stecken. Und doch: Weshalb sollen wir uns gegenseitig beglückwünschen, wenn wir es mit einem Minimum an Lernaufwand und Anstrengung geschafft haben? Wäre nicht mehr drin gelegen? Es geht mir unversehens der Gedanke durch den Kopf: „Vielleicht war ja die ganze Lehre einfach zum Aushalten. Nichts Besonderes. Ein notwendiges Übel.“

Doch halt. Leben wir unser Leben „nur“ als notwendiges Übel? Schwimmen wir dahin im Ozean der Langeweile, des Nicht-Gefordert-Seins, um hin und wieder auf einer Insel des Vergnügens (Wochenende, Urlaub, Weltreise) aufzusetzen? Vielleicht ist ja meine Anspruchshaltung zu hoch. Nicht dass ich mir und jedem anderen die Last aufbürden möchte, etwas Ausserordentliches sein und leben zu müssen. Im Gegenteil: Ich könnte mir vorstellen, dass auch eine „stinknormale“ Lehre etwas Freudiges sein kann.

Dann kommt ein zweiter Satz: „Ich habe keinen Plan.“ Eine sehr wichtige Aussage. Es fehlt der übergeordnete Plan. Es fehlt der Abstand zu sich selbst. Woher komme ich und wohin gehe ich? Sind nicht gerade junge Leute dazu geschaffen, sich die grossen Fragen (noch) zu stellen? Offenbar sind sie es nicht mehr. Die 68-er kämpften noch gegen etwas, zum Beispiel bürgerliche Werte. Doch hier ist einfach kein Kampf mehr zu spüren. Ich spüre viel mehr eine unverschämte Genügsamkeit. Junge Menschen in der Vollkraft ihres Lebens planen nicht. So lassen sich treiben – vom einen Event zum nächsten.

Wenn ich solche Sätze von einem frustrierten Mittvierziger gehört hätte, wäre ihm mein Verständnis sicher gewesen. Doch von Menschen um die Zwanzig!? Die krönende Aussage steht noch aus. Jetzt kam sie: „Es kommt, wie es kommt.“ Höre ich recht? Nicht Gestaltung, sondern gar Willenslosigkeit, gar Fatalismus? Es gibt ein Es da draussen, das sorgt, dass es so kommt, wie es kommen mag. Schicksalsgewissheit mag ich das nicht nennen. Eher Gedankenlosigkeit. Absorption mit dem nächsten Moment. Die Sinnhaftigkeit wird auf den nächsten Stimulus reduziert.

Damit war ich sprachlos gemacht. Ein müdes Lächeln, ich räume mein Besteck zusammen. He nu, es ist Freitag. Das Wochenende steht vor der Türe. Mir fehlt der Widerstand, gar das spöttische Lächeln, eine provokative Gegenfrage. Ich glaube, es wäre den beiden nicht im Traum in den Sinn gekommen, mich dasselbe zu fragen. Leben lassen, aber vor allem leben – für den nächsten Moment. Etwas benommen wende ich mich dem Ausgang zu. „Nach den Sommerferien beginne ich mit …, die Anmeldungsunterlagen sind schon gekommen.“

Das Lebensspiel mag weitergehen. Für Ablenkung ist gesorgt. „Damit ich einmal etwas in der Tasche habe.“ Die Vorsorge, auf Nummer Sicher gehen. Es sind ja eigentlich zwei brave, angepasste junge Menschen. Am liebsten würde ich zurückgehen und sie schütteln. Ist das alles, was ihr vom Leben erwartet? Ist das Bequemlichkeit? Eher Gedankenlosigkeit, ein vom-wirklichen-Leben-verschont-worden-sein. Nein, die Festplanung fürs Wochenende, das wird mir zu viel. Ich verlasse die Küche. Nachdenklich und ein wenig traurig.