Buben in die Selbständigkeit begleiten (24): Auch der Jüngste muss sich überwinden

Es gilt aufzuräumen. Den Schlafanzug zu suchen. Das Vaterunser mitzubeten. Zum Zähneputzen zu kommen. Mit dem kleinen Fahrrad vor der Überquerung abzusteigen. Eine Stimme in mir meldet: "Ach was, lass das einfach laufen." Die Brüder sind zwar Korrektiv, doch noch öfter übernehmen sie für den Jüngeren den nötigen Handgriff. Der Jüngste kommt glatt davon. Er lacht verschmitzt, manchmal frech und unverschämt. Er gewöhnt sich daran, sich durchzuschlängeln.

Ich beobachte viele Jüngste, die erwachsen geworden sind. Sie bleiben sympathisch, oft können sie Menschen um den Finger wickeln und für ihre Belange einspannen. Doch sie haben ihren Kopf. Den setzen sie durch. Sie verlassen ihre selbst bestimmte Komfortzone kaum. Kann es sein, dass ein Zusammenhang zur Jugend besteht?

Also widersetze ich mich meinem ersten Impuls. Ich gehe hin. Ich frage nach. "Willst du nicht?" Er schüttelt den Kopf. Manchmal könnte man meinen, es liege am Können. Er sieht einfach noch so klein und niedlich aus. Ich bleibe dran. Beim nächsten Mal geht das Geforderte tadellos. Ich nehme den Youngster nochmals auf die Seite. "Jetzt ist es gut gegangen. Weshalb?" – "Das kann ich doch. Ich will es einfach nicht tausend Mal tun." Aha, der Herr ist zu bequem. Etwas betroffen merke ich: Das war ich auch. Darum wollte ich ursprünglich nicht reagieren.

Buchbesprechung: General Patton

Martin Blumenson. Patton. The Man Behind the Legend, 1885-1945. William Morrow Paperbacks: New York, 1994. 320 Seiten. Euro 15,90. (Der gleiche Autor hat auch die Patton Papers, Aufzeichnungen Pattons aus den Jahren 1940 – 1945, herausgegeben.)

George W. Patton (1885-1945) war ein selten begabter, hoch emotionaler, hart arbeitender US-amerikanischer General. Er kämpfte im Ersten und im Zweiten Weltkrieg in Frankreich, Nordafrika, Sizilien und mit der Invasion der Allierten in Frankreich nochmals auf dem europäischen Festland. Er erfand in jungen Jahren ein neues Schwert für die US-amerikanische Armee, stellte in Mexiko in einer Kommandoaktion einen kriminellen Baron, baute im Ersten Weltkrieg die erste Panzereinheit für die Armee auf und gelangte an drei Kriegsschauplätzen des Zweiten Weltkriegs zu unsterblichem Ruhm. Sein Biograph Blumenthal, ein renommierter Kriegsbiograph, stellt klar, woher seine Stabilität stammte: Von der Sicherheit und der konsequenten Unterstützung seiner Eltern (und später seiner Frau). Zeitlebens arbeitete er überaus hart an sich. Mit weinem ungeheuren Willen wiederholte er nicht nur ein Jahr an der bekannten Militärakademie von West Point, sondern strebte das ganze Leben über den (Vier Sterne-)Generalsposten an – ein Ziel, das er erst kurz vor seinem Tod erreichte. Patton starb kurz nach Ende des Kriegs in einem (sagenumwitterten) Unfall.

Was habe ich gelernt? Woran bin ich kritisch angestossen? Wem würde ich das Buch empfehlen?

Drei Lernfelder

  1. Ein richtiger General steht in den vordersten Linien: Patton lehrt mich, dass ein Führer zuvorderst steht. Er erkundete stets das Gelände und schaffte schon mal mit eigener Hand die Vorfahrt für seine Fahrzeuge. Ich neige eher dazu, aus den hinteren Linien meine Befehle zu erteilen und mich in entscheidenden Momenten abzukehren.
  2. Die Ausdauer, über Jahrzehnte in den Reserven zu dienen. An wie vielen Stellen des Buches las ich: Patton wurde zurück versetzt, nicht befördert, an den unerwünschten Ort versetzt. Bedenkt man, dass Patton über 20 Jahre, nachdem er im Ersten Weltkrieg zu Ruhm gelangt war, sich auf mittelmässigen Posten durchs Leben kämpfte, dann zieht man den Hut vor dem Mann. Ich fragte mich: Bin ich vom Vorwärtswahn besessen oder bin ich bereit, an einem Ort treu durchzuhalten?
  3. Das Zittern in Zeiten des Entscheids. Patton litt zeitlebens an grosser Unsicherheit, die ihn zu immer grösseren Taten antrieb. Besonders in schwierigen Entscheidungen rang Patton mit sich und hatte immer wieder das Gefühl grosser Unsicherheit. Das scheint mir viel näher an der Realität als die abgeklärte Ruhe, mit denen uns viele Helden präsentiert werden.

Fragezeichen und Irritationen

  1. Tugendsprache und Heldenverehrung: Die Tugendsprache des Biographen ist zuweilen ungewohnt. Er hebt dauernd heraus, welche Charaktermerkmale Patton kennzeichneten. Was sein Mut, seine Hartnäckigkeit, seinen Vorwärtsdrang oder seine galante Art, Kontakte zu knüpfen angeht, zolle ich ihm Bewunderung. Für sein arrogant anmutendes Oberklassengehabe und den Verlust seiner Selbstkontrolle (die u. a. von Hirnverletzungen durch seine vielen Stürze vom Pferd herrührte) habe ich zwar Verständnis, kann ihnen jedoch wenig abgewinnen.
  2. Nach aussen ein Held, nach innen ein Verlierer? Mehr beiläufig erwähnt Blumenson zahlreiche Affären, darunter mit der eigenen Nichte. Seine Frau Beatrice suchte daran vorbeizuschauen. Kein Modell zum Wiederholen (S. 135, 145, 228).
  3. Seine Stellung zu Gott. Blumenson beschreibt Patton als lebenslangen treuen Kirchgänger (Episcopal Church). Die Beschreibungen erinnern mich eher an einen theistisch orientierten Selfmade Man. Sein Glaube an das Schicksal trägt mystische Züge. Ohne Zweifel hatte er Ehrfurcht vor Gott.

Fazit

Das Buch ist nicht nur für Schlachtenliebhaber geeignet. Wir Männer thematisieren das Thema Charakterstärke und Heldentum zu wenig. Es tut uns von Zeit zu Zeit gut, uns mit einer solchen Persönlichkeit auseinander zu setzen. Gleichwohl gilt es sich in Erinnerung zu rufen, dass am Ende nicht die eigenen Medaillen, sondern unsere Bankrotterklärung vor Gott zählt.

Ein ganz normaler Seminartag: Zugehört, erlitten, vergessen

Ein Morgen wie jeder andere. Ein Dutzend Erwachsene tröpfeln in den Raum. An diesem Tag steht  verordnetes Lernen auf dem Programm. So wie diese Menschen früher zur Schule gehen mussten, sitzen sie an diesem Tag in einem schönen Seminarraum. Es ist strahlendes Wetter, die Aussicht prächtig. Kein Schulhaus, sondern ein kunstvoll restauriertes, stattliches Gebäude. Die Verpflegung ist erstklassig, Kaffee, Handy und Zigaretten in Griffnähe.

Die ersten Blick wandern nach draussen. Man sieht auf den See und erblickt die vielen weissen Segel. „Alle Menschen auf diesen Booten haben heute frei.“ Der Fachreferent wirft auch noch einen letzten Blick auf den See, räuspert sich und setzt die Powerpoint-Präsentation in Bewegung. Eine kurze Vorstellungsrunde; eine verlegene Entschuldigung, dass leider wenig Zeit für Interaktion bleibe.

Die Präsentation gibt den Takt vor. Pfeile werden eingespielt, kurze Videosequenzen ebenfalls. Jede Minute wird ausgenützt. Die einen Referenten sind vertraut mit der Materie und gehen in die Tiefe oder Breite. Andere scheinen eher unsicher und verbergen sich hinter den Inhalten.

Egal, welche Variante zum Zuge kommt: Die Referenten haben sich auf den un- oder halbbewussten Konsens „es kann nichts mehr passieren“ eingelassen. Ob sie die Teilnehmer-Erwartungen erspürt haben? Denen ist der Mechanismus, der abläuft, wohl selbst kaum bewusst. Sie kommen mit der Einstellung „ich habe keine Erwartungen“. Das Energieniveau ist entsprechend tief. Kaum hat die Litanei begonnen, verfallen sie in dumpfe Passivität. Das bedeutet: Auf der Referentenseite steht ein beträchtliches Engagement und ein entsprechender Energieverbrauch. Sie liefern, bieten dar, schleppen Inhalte heran, versuchen zu befriedigen. Auf der anderen Seite sitzen die Empfänger der Botschaften. Sie ertragen es geduldig, lächeln nett, schalten auf Durchzug und lassen die Brocken an sich vorbeischwimmen.

Die Maxime „es kann nichts passieren“ wirft die Echowelle „es passiert nichts“. Man erträgt es freundlich. Die Rückmeldung ist positiv, die Freude über das frühe Ende noch grösser. Endlich ist man entlassen in die herbei gesehnte Freiheit. Dasselbe Spiel hat sich schon hundertfach abgespielt, in Schule und im Unternehmen.

Was fehlte? Eine bewusste Konfrontation mit der Frage: Warum bin ich hier? (Und wenn ich eigentlich gar nicht hier bin: Wo bin ich sonst? Wo möchte ich sonst sein? Weshalb?) Was be-wegt mich? Beziehungs-weise: Wie komme ich in Bewegung? Was ist mein Bezug? Was will ich lernen? Warum will ich es nicht? Warum nicht auf diese Art und Weise?

Empfehlung: Josia-Konferenz “Mehr als lose Sprüche”

Josia – Truth for Youth lädt zur Konferenz in Gummersbach. Ich empfehle die Konferenz. Weshalb? Weil die auslegende Verkündigung von Gottes Wort für junge Erwachsene im Vordergrund steht. Solche Angebote sind rar gesät. Der Veranstalter schreibt:

„Mehr als lose Sprüche: Gottes Weisheit für dein Leben.“ Unter diesem Thema steht das Wochenende vom 30. Oktober bis 01. November, welches dieses Jahr in der Freien Christlichen Bekenntnisschule in Gummersbach stattfinden wird.

Wir von Josia sind davon überzeugt, dass Gott das Leben junger Menschen durch sein Wort total verändern kann. Und mit den „Sprüchen“ hat Er uns gleich ein ganzes Buch geschenkt, welches sich der Frage widmet, wie wir ein weises Leben führen können. In fünf textauslegenden Predigten wollen wir uns deshalb mit diesem Buch beschäftigen und uns gemeinsam darauf besinnen, dass die ultimative Weisheit Gottes v.a. in einer Person zu finden ist: Jesus Christus.

Diesem wahrhaft weisen König möchten wir mit jeder Faser unseres Seins nachfolgen. Entsprechend freuen wir uns auf drei sehr lebensnahe Predigten unseres Hauptredners Daniel K. – Pastor der Immanuel-Gemeinde in Wetzlar. Er wird uns aufzeigen, warum Weisheit so erstrebenswert ist („Echte Weisheit ist der Bringer“), wie Weisheit in Bezug auf unsere Sexualität aussieht („Wie ein Ochse zur Schlachtbank…“) und was das Buch Sprüche zu einem weisen Umgang mit unserer Zeit und Arbeitskraft in einer Spaßgesellschaft zu sagen hat („Fun, Faulheit und freilaufende Löwen“). Zwei weitere Predigten werden auch dieses Jahr wieder junge Männer aus dem Josia-Netzwerk übernehmen. Joseph McMahon – Student an der Freien Theologischen Hochschule Gießen – wird über das wichtige Thema des Redens sprechen („Zaumzeug für die Zunge“) und Jochen Klautke – Mitglied des Josia-Leitungskreises – wird uns abschließend vorstellen, wie das Streben nach Weisheit im Buch Sprüche immer verknüpft ist mit der Nachfolge unseres ewigen Herrn und Erlösers („Jesus Christus – die Weisheit Gottes“).

Standpunkt: Bekehrung zur Empathie

Johannes Hartl, deutscher Theologe, nimmt immer wieder pointiert Stellung zu aktuellen Vorkommnissen – auch im frommen Lager. Siegfried Zimmer ist in Deutschland eine bekannte Grösse; viele Evangelikale pilgern zu ihm. Er scheint zu einer Art Vertreter der "Neuen Orthodoxie" (eigene Bezeichnung) geworden zu sein. Hartl nimmt Bezug auf ein neues Podcast, das die Runde macht. Dabei macht er einige wichtige grundsätzliche Überlegungen (Hervorhebungen von mir). Ein Lehrstück der Hermeneutik!

„Die schwule Frage“: so ist der Titel eines neuen „Worthaus“-Podcasts, der offensichtlich viel Aufsehen erregt hat, so oft er mir schon von verschiedenen Seiten empfohlen wurde. Der Autor, Prof. Siegfried Zimmer, argumentiert darin, endlich Schwulen und Lesben gegenüber jene annehmende Liebe walten zu lassen, die Jesus uns vorgelebt hat. Zimmer ist keine unbekannte Größe: der „Worthaus-Podcast“ wird gerade von vielen jungen Evangelikalen gehört (Zimmer sprach auch wiederholt auf dem Freakstock der Jesusfreaks). Und seine Argumentation dürfte auch Katholiken vertraut sein. In der aktuellen Familiensynode der Bischöfe geht es maßgeblich um die Frage, wie man die biblische Botschaft über Ehe und Familie heute verstehen kann. Und auch darum: wie Menschen Annahme und Zugehörigkeit in der Kirche finden können, deren Lebensentwurf nicht so gelaufen ist, wie das als traditionell christlich gilt.
Für beide Bereiche anwendbar plädiert Prof. Zimmer in von ihm gewohnter gewinnender und schwäbisch-lockerer Weise für eine Bekehrung zur Empathie. Bringe es die Frommen dazu, sich zu schämen und zu weinen, wenn sie hören, wiesehr Schwule und Lesben im Laufe der Kirchengeschichte unterdrückt und verfolgt wurden? Völlig zu Recht und mit großer Glaubwürdigkeit erinnert Zimmer, wie oft die Bibel verwendet wurde, um Menschen auf brutale Weise zu entrechten und zu töten. Wie erging es homoerotisch empfindenden Menschen in christlichen Ländern? Gibt es eine solche Kultur der Buße und des bereuenden Erinnerns in den Kirchen?
In seinem Podcast freilich geht Zimmer weiter. Er fordert, mit der Unterdrückung der Schwulen und Lesben müsse es endlich vorbei sein. Und was er damit meint: mit der Bibel könne und dürfe nicht länger dafür argumentiert werden, dass homosexuelle Erotik sündhaft sei. Dieser mein Post beschäftigt sich nicht auf vertiefte Weise mit der überaus komplexen Fragestellung der moralischen Bewertung schwuler/lesbischer Liebe aus christlicher Perspektive. Mir geht es um etwas Allgemeineres. Und zwar: wie passt die Botschaft der bedingungslosen Vaterliebe Gottes in Jesus zusammen mit den christlichen Lehren zu so sensiblen Themen wie gerade rings um Scheidung und Sexualität?
Es gibt in uns – in jedem Menschen – die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe. Annahme, egal wie verdreht wir sind, ist eine Grundsehnsucht des Menschen. Und es ist eine Sehnsucht, die niemand stillen kann, als nur Gott allein. Gott ist die Liebe. Die bedingungslose Liebe und die Antwort auf unsere Frage, wer uns ganzheitlich liebt und annimmt.
Und zugleich ist Gott die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Und wer ganz wahrhaftig ist im Umgang mit sich selbst, der erkennt: wir sind auf Herzens-Ebene keineswegs voll selbstloser Liebe, Wahrheit und Hingabe. Und genau das ist auch das Evangelium, auch die Botschaft Jesu: wir leben absolut nicht so, wie Gott sich das eigentlich vorgestellt hätte. Jesus ist nicht nur nett, er identifiziert die Bruchlinien in unseren Herzen. Der Beweis: die Welt, so wie wir sie vorfinden, ist absolut nicht so, wie Gott sich das vorgestellt hätte. Tatsächlich befindet sich unser Wesen auf einem Kollisionskurs mit dem Wesen Gottes. Das Herz des Menschen ist eben nicht nur einfach gut. Wir wollen das Gute, jeder will das. Doch wir sind gefangen in dem, was nicht gut ist. Jeder weiß das, wenn er auf die Unterdrückungssysteme und Kriege in der Welt blickt, doch auch, wenn er die Unvergebenheit, den Egoismus und die Kleinlichkeit betrachtet, die man rings um sich her und oft auch in sich beobachten kann.
Die spannende Frage nun: betrifft diese Diagnose auch Partnerschaft und Sexualität? Und die Antwort der Bibel lässt sich schwer von der Hand weisen. Das Neue Testament erachtet unseren Umgang mit Sexualität ganz offensichtlich als in erheblichem Maße relevant für Gott. Hier unterscheidet sich die biblische Sicht von der (post-)modernen. Die Vorstellung, dass das, was erwachsene Menschen im Bett miteinander machen, irgendwie moralisch zu bewerten sei, finden wir heutzutage doch tendenziell anstößig. Klar: Vergewaltigung, Zwangsprostitution und so gehen garnicht. Doch wenn es beide wollen? Und wenn es Liebe ist? Unsere heutige Zeit hat eine glasklare Antwort: Liebe kann keine Sünde sein. Und es muss ein vermessener Pharisäer sein, der hier etwas anderes behauptet. Und doch scheinen sich bei Jesus seine Botschaft von der grenzenlosen Vergebung des Vaters und seine klare Positionierung wenn es um Fragen der Sexualität geht, keineswegs auszuschließen. Nun hat Jesus zwar tatsächlich nichts über Homosexualität gesagt (musste er auch nicht, denn schon das AT war völlig eindeutig darüber). Doch seine Meinung zu sexuellen Phantasien, Ehebruch und Scheidung waren sogar für die damalige Zeit herausfordernd. Nein, Jesus lebte nicht in einer so geschlossenen Gesellschaft, dass er gar nicht anders konnte, als die gleichen traditionellen Vorstellungen auch zu haben. Sondern er kritisierte den damals zeitgemäßen Umgang mit dem Hinweis auf den Dreh- und Angelpunkt aller biblischen Rede von der Sexualität. Und zwar: den Schöpfungsbericht, nachdem Gott selbst den Menschen als Mann und Frau (!) geschaffen und einander (!) zur monogamen, lebenslangen (!) Treue an die Seite gestellt hat.
Es erstaunt, dass Prof. Siegfried Zimmer so entspannt behaupten kann, nur gut 5 Bibelstellen beschäftigten sich mit der Frage der Homosexualität. Hält er die allererste Aussage Gottes über den Menschen überhaupt – nämlich dass er als Mann und Frau, einander zugeordnet, Gottesebenbildlichkeit besitzt – tatsächlich für unerheblich für das Thema?
Tatsächlich aber bleibt die von Zimmer angestoßene Frage mit ganzem Gewicht im Raum: wie lassen Jesu freimachende Botschaft und die Unterdrückungsgeschichte der Schwulen und Lesben sich in irgendwie plausibler Weise in einen Gedanken bringen? Bleibt nur der von Zimmer aufgezeigte Ausweg, mit beinahe verzweifelter Berufung auf irgendeine „aktuelle Bibelforschung“, die angeblich all das zweifelsfrei bewiesen hätte, alle nun doch so eindeutigen Bibelstellen mit Biegen und Brechen so lange herumzudrehen, bis sie am Schluss endlich nicht mehr das sagen, was wir sie auf gar keinen Fall sagen hören wollen? Wenig überzeugend.
Doch das Problem geht tiefer. Auch Scheidung war in traditionellen christlichen Ländern geächtet. Geächtet waren ferner nicht selten Ungläubige oder Gläubige anderer Religionen (allen voran die Juden), Abweichler (Ketzer), angebliche Hexen. Zimmer verweist auf die Länder, in denen es Todesstrafe für homosexuelle Akte gab. Eine schockierende, beschämende Tatsache. Doch es gab die Todesstrafe in vielen Ländern auch für eine ganze Reihe anderer Dinge, die wir heute weitgehend normal finden. Wie gehen wir damit um?
Eine entscheidende Frage lautet: begann die Unterdrückung bestimmter Menschen mit dem Christentum? Oder zumindest mit der wortwörtlichen Auslegung der Bibel? Bei Zimmer gewinnt man fast den Eindruck: der Bibelfundamentalismus ist in geistiger Nähe zum Salafismus, die Rettung kommt von der modernen Exegese.
Nun soll in diesem Post keineswegs einer Ablehnung der Bibelwissenschaften oder auch der modernen exegetischen Methoden das Wort geredet werden. Doch den biblischen Fundamentalismus als einzig mögliche Problemursache zu benennen, kann keineswegs weitsinnig genannt werden. Das zentrale Argument der liberalen Theologie lautet und lautete stets: im Licht der heutigen Zeit müssen wir die Bibel und die christliche Tradition anders deuten. Es ist das Argument Zimmers: heute wüssten wir Dinge über sexuelle Identitäten, die Paulus noch nicht wissen konnte, deshalb ist das, was Paulus darüber schrieb, heute nur noch relativ gültig. Auch mancher katholischer Theologe argumentiert bezüglich der Scheidung so: die Lebenswirklichkeit der heutigen Menschen sei so verschieden von der früherer Zeiten, dass frühere Einschätzungen keineswegs 1:1 übertragen werden könnten.
Das Wahre an diesen Aussagen liegt auf der Hand. Dass wir die Bibel als Menschen der heutigen Zeit lesen und verstehen, ist offensichtlich. Man nennt das auch Hermeneutik. Dass man stets neu fragen muss, wie der biblische Text genau in die heutige Lage spricht, kann nicht oft genug betont werden. Es kommt also zu einem Dialog zwischen dem heutigen Leser mit seiner heutigen Weltsicht und der biblischen Botschaft mitsamt ihrer Weltsicht. Freilich wird man bei manchen liberalen Theologen den Eindruck nicht los, es sei schnell klar, wer nachgeben müsse, wenn es zu einem Konflikt zwischen beiden Weltsichten kommt. Wie Bultmann ganz klassisch: ein moderner Mensch, der zum Lichtmachen den Schalter drückt, könne unmöglich an die Engel- und Geisterwelt des NT glauben. Aha. Und das steht so fest, oder wie?
Simultan Siegfried Zimmer: weil wir in der heutigen Zeit ein bestimmtes Verständnis von sexuellen Identitäten haben, muss sich unsere Art und Weise, die Bibel zu verstehen, entsprechend erweitern. Jemand anders vielleicht: im Lichte der Lebenswirklichkeit heutiger Menschen könne man auch nicht mehr ohne weiteres von der Unauflöslichkeit der Ehe sprechen. Aha. Und wieso eigentlich nicht anders herum? Wieso sollte eigentlich nicht die biblische Sicht unsere heutige Sicht kritisieren dürfen?
Denn so ist es tatsächlich: das Neue Testament kritisiert uns. Es sagt, dass Lästern schlecht ist, doch wir alle lästern so gern. Es sagt dass der Geiz und die Gier der Reichen schlecht sind, und wir alle lieben das Geld. Es sagt, dass es böse ist, an seiner Unvergebenheit festzuhalten, doch ein jeder neigt zu kleinen oder großen Rachephantasien. Und ja: das NT spricht auch über Sexualität, und das immer wieder ganz schön deutlich.
Und ja: es gibt die Gefahr einer uninformierten, bornierten Bibelauslegung. Doch kein bisschen weniger gefährlich ist die liberale. Denn jede Epoche hält sich selbst für den Gipfelpunkt der bisherigen Menschheitsentwicklung. Jede Epoche neigt dazu, sich für gescheiter zu halten, als die Bibel. „Wir sind jetzt weiter…“ Und es gab – man verzeihe die schockierende Parallele – Theologen zuhauf, die in den 30er Jahren zu dem Schluss kamen, im Licht der aktuellen höchst etablierten Rassenforschung könne man die Reste jüdischen Weltbildes im NT keineswegs mehr brauchen. Mit großer Begeisterung verschrieben nicht wenige liberale Theologen sich der zeitgemäßen arischen Auslegung der Bibel. Und genauso in den 60er Jahren: im Kontext der aktuellen Ereignisse in der Kulturrevolution reinigten manche Theologen das NT von den Elementen eines Weltbildes der Bourgeoisie, um endlich zum maoistischen Glutkern des Evangeliums unter der Asche der Tradition durchzubrechen. Man mag heute darüber schmunzeln. Doch all diese Ungeheuerlichkeiten wurden vorgebracht mit dem erklärten Ziel, die Bibel von dem Ballast der traditionellen Auslegung zu befreien.
Ist unsere heutige Zeit anders? Nach der 68er-Bewegung wagte der Westen ein Experiment, das meines Wissens nach noch nie zuvor eine Kultur als ganze gewagt hat. Die weitgehende Entfernung moralischer Kategorien aus dem Diskurs um private Sexualität. Scheidung ist erlaubt und einfach. Sex vor oder außerhalb der Ehe ist normal. Pornographie und Prostitution sind gesellschaftlich wenigstens geduldet. Abtreibung ganz und gäbe. Und – zunehmend – homosexuelle Erotik moralisch gleichbewertet mit heterosexueller. Das ist unsere Zeit. Doch geht es unserer Zeit eigentlich wirklich ganzheitlich so viel besser? Geht es den Kindern besser, den Familien besser, der Psyche und dem Herzen des Menschen besser?
Oder müsste sich unsere Zeit vielleicht nicht doch deutlich sagen lassen, dass heute eben nicht alles besser ist? Dass wir zwar wissen, wie man Raketen zum Mond schießt, aber nicht, wie man wirklich glücklich wird? Das Problem des Liberalen, des Zeitgeist-Konformen und des Modernen allgemein ist die Überschätzung der eigenen Epoche. „Was kann das heute bedeuten? Können wir das heute noch so akzeptieren? Hat das Heutige nicht das Frühere widerlegt?“ All das kann auch heißen: eigentlich lassen wir uns nur noch das sagen, was uns heute in den Kram passt. Der endlose Monolog einer Epoche im Selbstgespräch, die nicht mehr hören kann, wo Texte einer anderen Epoche ihren blinden Fleck entlarven.
In allen Menschheitskulturen gibt es gewisse ethische und moralische Intuitionen. Sie sind nicht einheitlich, nur gewisse Elemente kehren immer wieder. Dass eine Ehe zwischen Mann und Frau ist. Dass diese Ehe nicht gebrochen werden darf. Dass man die Eltern ehren soll. Das Treue, Tapferkeit und Gerechtigkeit gut sind. Dass es Gott gibt. All diese Intuitionen sind deutlich älter als das Christentum. Und ja: im Namen dieser Intuitionen wurden auch Abweichler verfolgt, Ehebrecher gesteinigt, Homosexuelle (in fast allen Kulturen) unterdrückt, Hexen verbrannt (wie noch heute in Afrika).
Wie nun geht das Christentum damit um? Es erkennt in den moralischen Intuitionen ein Gesetz, das Gott grundsätzlich als Ahnung in das Herz des Menschen geschrieben hat. Ein Empfinden für das Richtige. Ein Richtiges aber, an dem jeder von uns scheitert. Und deshalb niemand von uns der (Scharf-)Richter sein kann. Niemand von uns den ersten Stein werfen darf. Und nein: nicht die Aufklärung brachte Christen davon ab, im Namen Gottes zu töten. Sondern die modernen Menschenrechte wurden mit Blick auf biblische Kategorien und im Klima eines vernunftfreundlichen, Säkularisation ermöglichenden Christentums in christlichen Ländern definiert. Ein Gesetz also, das gut ist, doch an dem jeder von uns scheitert. Und deshalb einen Erlöser braucht. Einen Erlöser, bei dem jeder von uns bedingungslose Annahme findet. Eine Annahme aber, die dennoch beim Namen nennt, wo mein Verhalten und mein Wesen der Art Gottes noch ziemlich entgegensteht. Da hat jeder von uns seine Baustellen und weder sind die sexuellen die einzigen, noch die wichtigsten. Doch es sind diejenigen, die die (Post-)Moderne mit den heftigsten allergischen Reaktionen bedenkt, wenn sie benannt werden. Nur in der bedingungslosen Liebe Jesu finden wir Menschen überhaupt erst die Chance zu echter Veränderung. Zu einer Umformung. Dass wir Menschen mit Baustellen sind und dennoch schon im Prozess geliebt werden, das ist die befreiende Wahrheit des Evangeliums. Was nicht die Wahrheit ist: dass es gar kein Problem mit uns gebe.
Ja, wir Menschen scheitern ständig in dem Anspruch, Menschen von Herzen anzunehmen, auch wenn wir nicht alles an ihrem Verhalten richtig finden. Doch die Lösung kann doch nicht sein, ab sofort so zu tun, als gäbe es keine biblischen Kategorien der Moral (auch: der Sexualmoral) mehr! Wir brauchen beides… Auf vollendete Weise lebte Jesus beide Pole: „Ich verurteile dich nicht – geh und sündige nicht mehr“, sagt er zu der Ehebrecherin. Wir wollen heute auch niemanden verurteilen. Aus Liebe. Doch Jesus sagt auch: hör auf zu sündigen. Er sagt das auch aus Liebe. Denn wahre Liebe nimmt bedingungslos an, zeigt dann aber auch auf, was das Leben zerstört, die Sünde, und des Ausweg daraus. Dieser Ausweg wird für jeden Menschen woanders ansetzen und sein eigenes Tempo gehen. Doch er beginnt damit, dass ein Mensch sich Jesus ganz in die Arme wirft und sagt: „verändere mich so, wie Du willst, in jedem einzelnen Lebensbereich, von dem die Heilige Schrift spricht! Nicht diese wird sich ändern, sondern Du kannst mein Herz verändern!“ So ein Prozess wird mühsam sein und vielleicht für jeden etwas anders aussehen, doch er ist der erste Schritt der Nachfolge.
An dieser Stelle konnte mich Siegfried Zimmers Podcast nicht überzeugen und überzeugt auch manche verständnisvolle Aussage des einen oder anderen Bischofs nicht. Denn das Evangelium war nie zeitgemäß, es war immer eine Provokation des zeitgemäßen Weltbildes, immer ein Ruf, sich von Jesus komplett transformieren zu lassen. In allen Bereichen: auch Geld, Sexualität, Sprache und Macht, eben all den Themen, in denen es um alles geht. Dass wir Menschen von Herzen lieben und annehmen sollen, egal wie sie leben, ist biblischer Grundauftrag. Ein Auftrag, den wir nur leben können, weil wir selbst bedingungslos angenommen sind. Einer, in dem wir Christen so oft versagt haben! Und daran können wir nicht oft genug erinnert werden.

Zitat der Woche: Gott ist kein moderner Berater oder Therapeut

We need to bear in mind that his conversations recorded for us in Scripture are invariably pedagogic. God is not like a  modern counsellor or therapist, non-judgmental. Nor does he chat with his people to pass the time of day. He communicates with them in order to bring about changes in them; for example to increase their faith, he now tests them, now reaffirms his promises to them. To test them it is necessary sometimes that God threatens by making a certain prediction, as he does with Moses in the wilderness, and with Hezekiah, for example. In order that his words to them are indeed threats, he proposes to them that he will, for example, disinherit his people, and then, Moses having responded to such a threat to him in faith, pleading God's promises on behalf of his people, God relents. But there is no need in order to understand the sequence of threatening and then relenting, to propose that such changes not amount to a change in God. Rather it is his eternal will to test the faith of Moses by eternally willing this temporal sequence. Knowing the end from the beginning, God does not change, though Moses does. He grows in faith. The dialogue is for a purpose, and the dialogue partners are not equals, (as Lister recognizes; he is good on the Creator-creature distinction), as two people chatting together may be thought of as equals.

Paul Helm, Impassible and Impassioned

Alf und Ben, Ben und Alf (2): Dumbo, Dumba, Dumbu

Alf hat von Ben auf seinen achten Geburtstag drei Meerschweinchen bekommen. Über Wochen hatte Ben an den Abenden im kleinen Kellerabteil gearbeitet, nachdem Alf eingeschlafen war. Er hatte sich den Bausatz übers Internet an den Arbeitsplatz senden lassen; extra, um  Alf zu überraschen. Nach den ersten beiden Stunden vergeblichen Plan-Lesens und einer noch verzweifelteren Suche nach brauchbaren Anleitungen im Internet entschloss er sich, die Teile auf eigene Faust zusammenzubauen. (Natürlich würde Ben das nächste Mal ein übliches Gehege in einer Tierhandlung kaufen. Energietechnisch blöd gelaufen.)

Strahlend hatte Alf die drei Mitbewohner in Empfang genommen. In einem Anflug von Zärtlichkeit nannte er sie Dumbo, Dumba und Dumbu. Ben fand, dass sich die Namen zu wenig voneinander abhoben – doch wenn sie Alf gefielen, was wollte man auf einem solchen Detail bestehen. Alf beharrte darauf, dass das Gehege ins Wohnzimmer gestellt würde. Dafür musste das alte Ledersofa, der Tisch, die Stereoanlage, der Fernsehtisch und die beiden grossen Pflanzen verschoben werden. So hatten die Tierchen wenigstens Sonnenlicht. Apropos Licht: An manchen Tagen musste Ben am Morgen die Vorhänge ziehen, damit die Sonne das kleine Häuschen nicht über 40 Grad erhitzte.

Alf hatte versprochen, einmal wöchentlich für das Saubermachen des Geheges besorgt zu sein. Ben übernahm die tägliche Fütterung. Zum Aufgabenbereich von Alf gehörte, dass er die Streu zum Kompost im Innenhof brachte. Ben musste Alf schon in der zweiten Woche dreimal ans Saubermachen erinnern. Nach einem Monat hatte dieser eine bequemere Lösung gefunden: Den Dreck der Meerschweinchen entsorgte er einfach im Mülleimer, wobei manchmal auch was hinter dem Eimer liegen blieb.

Ben ärgerte sich in der ersten Zeit über den unangenehmen Geruch, der ihm abends beim Nachhausekommen entgegenschlug. Doch mit der Zeit gewöhnte er sich daran. Zudem konnte man ja das Fenster öffnen. Dieser Zustand dauerte bis zum nächsten Besuch des Sozialarbeiters an. Eigentlich war er ein ganz lockerer Typ. Nur wenn es um Tiere ging, kannte er keine Nachsicht. Er befand es für nötig, dass ein Mitarbeiter des Tierschutzes Vater und Sohn über einen Meerschweinchen-gerechten Standard aufklärten.

Die ältere Dame, eine freiwillige Kraft im Einsatz für das Tier, zeigte Alf eingehend die Pflege der Tiere und ordnete die Verschiebung des Geheges in den Eingangsbereich an. Zudem meinte sie, dass die armen Tiere dringend Auslauf auf der kleinen Wiese im Innenhof benötigten. Als sie sich verabschieden wollte, fragte Alf mit schlauem Lächeln: "Kommen Sie von jetzt an jede Woche, um Dumbo, Dumba und Dumbu zu misten?"

Interview für das Aidlinger Pfingstjugendtreffen

Im Hinblick auf das Aidlinger Pfingstjugendtreffen 2015 durfte ich einige Fragen beantworten.

Mein Herz schlägt für … Gottes Ehre. Seit meiner Herzoperation ist mir das täglich vor Augen.

Auf die Palme bringt mich … Unordnung. Mit meinem Ordnungsperfektionismus umzugehen, ist ein Teil von Gottes Lebensschule für  mich.

Wenn ich an die Schule denke, … dann freue ich mich, dass wir das Bildungsmanagement unserer fünf Söhne selbst an die Hand genommen haben. Meine Frau und ich unterrichten sie privat.

Mit einer Million Euro würde ich … zuerst vor Gott treten und ihn fragen, was ich damit anfangen soll. Dann würde ich das Anliegen mit meiner Frau und meinen Söhnen teilen und einige enge Freunde zu Rate ziehen.  Was dabei herauskommen würde, kann ich nicht sagen.

Mein Lieblingsvers ist … Psalm 119,60 "Ich freue mich über dein Wort wie einer, der grosse Beute macht." Seitdem ich 10 Jahre alt bin, hat der Heilige Geist die Begeisterung für die Bibel geweckt.

Mein peinlichstes Erlebnis: Davon gibt es einige. Zum Beispiel speicherte ich den Lohnvergleich für einige Tausend Mitarbeiter auf einer Diskette (das war vor 20 Jahren). Da die Diskette nachher nicht mehr lesbar war, gab ich sie ohne nachzudenken einem Mitarbeiter des gleichen Bereichs zur Untersuchung mit. Wie froh war ich, dass mein Vorgesetzter sich für mich einsetzte und die Diskette wieder zurückholte!

Meine besondere Begegnung mit Gott: In zwei tiefen gesundheitlichen Einschnitten meines Lebens erlebte ich Gottes Bestätigung meiner Berufung und die tägliche Versorgung meiner Familie. Halleluja!

Buben in die Selbständigkeit begleiten (23): Wenn die Kinder müde sind

Die vor-dem-Urlaub-Müdigkeit

Vor den (Schul-)Ferien sind unsere Kinder regelmässig müde. Doch so müde wie dieses Jahr waren sie noch nie. Wie äussert sich das? Sie sind gereizter; die Produktivität sinkt; das Aufnahmevermögen nimmt ab. Es geht länger, bis sie Aufträge erledigt haben. Wir müssen sie häufiger an bestehende Aufgaben erinnern und sehen uns konstant in der Versuchung, nachzuhelfen. Dadurch findet ein Rollenwechsel statt. Nicht mehr der Lernende steht in der Hauptverantwortung, sondern der Betreuende. Das wird dann besonders augenfällig, wenn ein Kind unwillig wird. Die Schuld wird dann bei der Betreuungsperson gesucht – wo sonst?

Massgeschneiderter Unterricht: Sich fordern bis an die Grenze

Der Privatunterricht erfolgt massgeschneidert. Jedes Kind lernt dort, wo es gerade steht. Wir unterscheiden zwar grundsätzlich nach Klassen, doch die Aneignung des Lehrstoffs wird durch das Aufnahmevermögen des Kindes gesteuert. Das haben wir über die Jahre als grossen Vorteil erlebt. Das hat allerdings auch eine Kehrseite: Wir fordern unsere Kinder, bis sie müde sind. Das bedeutet natürlich auch, dass wir uns selbst fordern. Auch wir sind müde.

Ein verinnerlichter Tagesablauf

Zudem beobachte ich: Sie haben über die Monate und Jahre einen eigenen Ablauf verinnerlicht. Jedes Kind folgt seinem eigenen Rhythmus. Das kann sein: Mathematik, Instrument üben, Geschichte im Kreis, Aufsatz, Sprachen. In der Pause geht es nach draussen. Wenn es müde ist, legt es sich schon mal hin – und nimmt ein Buch zur Hand. Dieser Ablauf ist mit Abstand inhaltsreicher als an der öffentlichen Schule. Wie soll ich das beurteilen können? Die Kinder tun es selbst. Sie besuchen nämlich regelmässig den Besuchstag „ihrer“ Klasse an der öffentlichen Schule. Ehrlich gesagt gehört dies nicht zu ihren Höhepunkte. Sie kommen heim und meinen, in der Schule laufe „nichts“. Es sei absolut langweilig.

Die Grenze zwischen Selbstversorgung und Überforderung

Die Kinder haben sich also zu dem entwickelt, was man als Selbstlerner und Selbstversorger nennen kann. Sie versorgen sich selbst mit Material und wählen das aus, was sie herausfordert. Nun hat das ganze seine Kehrseite. Eine Person, die näheren Einblick in unsere Familie hat, verglich uns mit Kühen, die ständig am Futtern sind. Kühe können stundenlang fressen. Ihr Magen beginnt sich auszuweiten. Solche Kühe stehen jedoch in der Gefahr, dass ihr Magen übersäuert.

Unmittelbare Reaktion

Was tun? In gewissen Wochen schalten wir bewusst einen anderen Gang ein. Der Müdigkeit wird statt gegeben. Das bedeutet: Ich schicke die Kinder früher ins Bett (nicht ganz einfach). Wir verkürzen die formellen Lernzeiten. Die Kinder wissen sehr gut, was sie mit der Zeit anfangen können. Oft spielen sie stundenlang, machen gemeinsam ein Gesellschaftsspiel oder treiben draussen Sport. In diesem Frühling hat meine Frau das Thema „Wald“ eingeschaltet. Sie verknüpft das Thema mit Naturbeobachtung und Werken im Freien.

Mittelbare Reaktion

Neben diesen unmittelbaren „Massnahmen“ stellen wir uns Fragen: Wenn wir unser Wochenprogramm überblicken, welche Veranstaltungen müssen sein? Was könnten wir mittelfristig streichen? Gibt es Unternehmen, deren emotionalen und/oder energiemässigen Aufwand wir unterschätzt haben? Als Vater stellt sich die Frage: Inwiefern lebe ich selbst ein Modell der Ruhelosigkeit vor? Wo verlange ich selbst zu viel von mir ab? Wie kann ich selbst zur „verdauenden Kuh“ werden?

Standpunkt: Genaue Übersetzungen für Predigten und Familienandachten

Es gab Zeiten, da ich enthusiastisch den Gebrauch von Bibelübertragungen empfahl. Es war vor etwa 20 Jahren, als die „Hoffnung für alle“ fertig gestellt war und in den Gemeinden weite Verbreitung fand. Ich las damals die gesamte Bibel wechselweise in den Übertragungen „Gute Nachricht“ und „Hoffnung für alle“ durch. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich für mich selbst eine solche Leseinitiative in einer kurzen Zeit (einigen Monaten) durchzog. Ich verwendete damals diese Übertragungen auch in Andachten und Predigten. Meine Argumente lauteten:

  • Man findet neue Zusammenhänge und Betonungen.
  • Der Text eignet sich besser zum Vorlesen, weil er flüssiger ist.
  • Er ist besser verständlich, weil er näher an unserer Alltagssprache ist.
  • Man kann sich unverfänglicher an neue Textgattungen wie z. B. Propheten heranwagen.
  • Nicht zuletzt eignen sich die Übertragungen als erleichterten Einstieg der Kinder in die Bibel.

Zwanzig Jahre später nehme ich die Angelegenheit deutlich nuancierter wahr.

  • Für den Einstieg ins Bibellesen finde ich eine Übertragung nach wie vor brauchbar.
  • Ebenfalls bietet es sich an, ein Bibelbuch zügig in einer Übertragung durchzulesen, um einen ersten Eindruck zu gewinnen.
  • Manchmal ist es aufschlussreich, exakte Übersetzungen mit den Übertragungen zu vergleichen, um einzelne Aspekte herauszuarbeiten.

In der Langzeitwirkung in Familie und Gemeinde erachte ich den ausschliesslichen Gebrauch von Bibelübertragungen als unweise. Weshalb?

  1. Der grösste Nachteil ist das Umformulieren von Kernbegriffen, die zur biblischen Botschaft gehören. Wer „Sünde“ in „Fehler“ umbenennt, raubt dem Begriff seine Tiefe und Bedeutsamkeit. Noch schlimmer, er passt sie an das veränderte Sündenverständnis der säkularen Umgebung an. Zentrale Begriffe der Bibel verschwinden aus dem Wortgebrauch, was fatale Verkürzung der biblischen Botschaft zur Folge haben kann. Wie sollen wichtige biblische Kategorien mit Inhalt gefüllt werden, wenn sie nicht einmal mehr mit spezifischen Begriffen benannt werden können?
  2. Eine Übertragung „erleichtert“ auf den ersten Blick das Lesen und Anwenden eines Bibeltextes. Doch auf den zweiten Blick verbirgt sich eine Falle: Die Übersetzer haben den Text bereits ausgelegt. Diese wichtige Arbeit bleibt dem Leser zwar erspart, doch dadurch verliert der Leser eine wichtige Fertigkeit.
  3. Ich habe es schon oft erlebt, dass Verkündiger den Text der Übertragung als Text nehmen und davon ausgehend eine Anwendung machen. Wenn man jedoch den biblischen Grundtext studiert, erschien diese Auslegung nicht zwingend, ja sogar oft willkürlich. Das heisst, es entsteht eine Tradition der Auslegung der Auslegung. Das begünstigt die Tendenz, Dinge in den Text hineinzulegen, die Gott gar nicht hineingelegt hat.

Es gibt meines Erachtens vier Gründe, warum auch in der Familie niemals auf eine wörtliche Übersetzung verzichtet werden sollte:

  1. Für Kinder ist es störend, wenn verschiedene Familienmitglieder unterschiedliche Formulierungen verwenden. Es beeinträchtigt die gemeinsame Ausgangsbasis, um über den Text nachzudenken.
  2. Ich beobachte, dass Bibelübertragungen eher die Tendenz fördern, ganz auf die Bibel zu verzichten. Das heisst, in Gemeinde und Familie wird nur noch nacherzählt und paraphrasiert. Die einzelnen Zuhörer nehmen die Bibel nicht mehr zur Hand, um nachzulesen.
  3. Es gehen viele Nuancen verloren. Man stösst sich nicht mehr an Begriffen. Parallelismen verschwinden, Wiederholungen gehen unter, Bindewörter werden nicht mehr beachtet. Gerade diese Detailarbeit macht das gemeinsame Bibelstudium interessant und weckt das Bewusstsein für die Schönheit und Tiefe des Textes.
  4. Fürs Auswendiglernen eignen sich wörtliche Übersetzungen viel besser. Die prägnanten Begriffe und Formulierungen prägen sich besser ein. Die Sätze sind zudem wesentlich kürzer als die unspezifischen Umschreibungen.

Wir sind ein Volk des Buches. Gott hat es für gut befunden, alles, was für ein Leben mit ihm notwendig ist, durch dieses geschriebene Wort zu offenbaren. Dabei nehme ich an Esra und Nehemia Mass, die dem gesamten Volk den gesamten Gesetzestext vorlasen. Dazu gab es Leviten, welche das Volk bei der Auslegung halfen. Ich plädiere zu einer Rückkehr zu wörtlichen Übersetzungen in Familie und Gemeinde.

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