Mein Traum: Innovative Gemeinschaften als Zellen christlicher Gegenkultur

Ich werde immer wieder gefragt, ob ich für die Gründung christlicher Universitäten sei. Ich kann mir dies aufgrund der Gesamtlage (Säkularisierung der Länder Europas) nicht vorstellen. Ich will auch nicht das Rad zurückdrehen. Ich habe dennoch einen Traum:

Ich träume von kleinen Gemeinschaften, in denen mehrere Generationen in örtlicher Nähe miteinander das Leben teilen.

Durch die Wiedergeburt und das neue Leben in Christus steht die Erneuerung des gesamten Lebens im Vordergrund.

Eine solche Gemeinschaft ist eine schwache Vorschattung der künftigen Herrlichkeit. Das schliesst gerade die Einsicht ein, dass ein Zustand ungetrübten Zusammenlebens erst in der Zukunft eintreten und die Sünde die Gemeinschaft immer wieder nachhaltig stören wird.

Daraus resultiert das Bestreben, täglich durch die Gnade Gottes zu leben.

Solche Gemeinschaften entstehen vor allem dort, wo die Mehrheit der Menschen wohnen: In urbanen Gegenden.

Sie gründen christliche Gemeinden, Schulen und Kinderbetreuungsstätten, die durch sichtbar verändertes (Zusammen-)Leben in der Umgebung bald einen guten Ruf geniessen.

Diese Institutionen entstehen auf einer klaren Bekenntnisgrundlage.

Ältere Männer und Frauen leiten mit Weisheit jüngere Altersgenossen an.

Rentner übernehmen für Kinder ihrer Umgebung eine Patenschaft, die auch das geistliche Leben miteinschliesst.

Männer treffen sich in Gruppen und besprechen ihre Herausforderungen in den verschiedenen Lebensfeldern.

Frauen treffen sich in Gruppen und beten füreinander.

Es gibt Aufgabenhilfe und Nachbarschaftshilfe. Zu verschiedenen Themen (wie Bildung, Erziehung, Kunst, Literatur) werden Vorträge und Seminare angeboten.

In einem theologischen Seminar, das der Gemeinde angegliedert ist, werden junge Menschen für ihren Dienst in Kirche, Familie, Beruf und Staat zugerüstet.

Regelmässig werden jüngere und ältere Singles und Familien in neue Gegenden ausgesandt, um neue Gemeinschaften zu gründen. Auf diese Weise entstehen in anderen Städten solche Zellen einer christlichen Gegenkultur.

Buchbesprechung: Die grosse Tradition des christlichen Denkens

David S. Dockery. Timothy George. The Great Tradition of Christian Thinking: A Student's Guide. Crossway: Wheaton, 2012. 128 Seiten. Euro 8,80 (5,55 Kindle-Edition).

Um was geht es?

Ich schätze kürzere Bücher, die man in drei, vier Stunden durchlesen kann. Die Crossway-Serie hat es sich zum Ziel gesetzt, verschiedene Fachgebiete aus dem Horizont des christlichen Glaubens zu betrachten. Damit soll der tiefe Graben, welcher durch die Ablösung des Wissens vom christlichen Glauben seit der Zeit der Aufklärung entstanden ist, überbrückt werden. Die Bücher sind als Hilfestellung für Studenten konzipiert und haben einführenden Charakter. Das heisst, nicht nur die Länge ist genau bemessen. Es werden zahlreiche Exponenten erwähnt und Gedankenanstösse gemacht, um auf weiterführende Literatur hinzuweisen. Am Schluss des Buches findet sich ein Verzeichnis der wichtigsten Begriffe, der Literatur sowie eine Zeittabelle mit den bedeutendsten kirchlichen Denkern und Ereignissen.

Wie ist das Buch aufgebaut?

Es geht um die übergeordnete Sichtweise, wie die grosse christliche Tradition das Denken der westlichen Welt über die letzten 2000 Jahre geprägt hat. Damit verbunden ist die Frage, wie diese Inhalte reaktiviert, verknüpft, angewandt und weiter entwickelt werden können. Dies geschieht in fünf Schritten: In den ersten drei Kapiteln wird in „Sieben-Meilen-Stiefeln“ ein Überblick über die Geschichte des westlichen Denkens in Theologie und Kirchengeschichte (Beginn, Entwicklung, Prägung) präsentiert. Die Autoren – beides bewährte Vertreter von christlichen Ausbildungsstätten bzw. –universitäten der USA – vergleichen das christliche Erbe mit einem 2000 Jahre alten, offenen Haus. Sie überlegen sich, welche theologischen Verpflichtungen dieses Denken beinhaltet und wie es heute und morgen erneut angewendet werden kann.

Gelernt

Einige Väter  wurden mir näher gebracht. Justin der Märtyrer (100-165) argumentierte, dass Jesus der erwartete Messias war, die die alttestamentlichen Schriften wörtlich oder typologisch erfüllte. Daraus entwickelte er seine apologetische Methode. Theodor von Mopsuestia (350-428) blieb mir im Gedächtnis als der Vertreter einer Hermeneutik, die den Literalsinn betonte. Er behandelte als erster die Psalmen historisch und systematisch und die Evangelien als tatsächliche Erzählberichte und wies jede Interpretation, welche die geschichtliche Realität in Abrede stellte, zurück.

Die Autoren zitieren mehrere Male Bücher zum Thema „Häresien“, so Alister McGrath, Heresy (San Francisco: HarperOne, 2009) und Harold O. J. Brown, Heresies (Garden City, NY: Doubleday, 1984). Diese sind auf meiner Leseliste gesetzt. Wer kennt sich schon bei Marcion, Arius und Pelagius gut aus? Diese Vertrautheit ist für Lehrer der Kirche unerlässlich!

Die Tradition des christlichen Denkens als Antwort auf vier unbefriedigende christliche Lösungsansätze: Populistisches Christentum mit Betonung auf Aktivismus und Misstrauen gegenüber allem Intellektuellen; Liberalismus, der den christlichen Glauben neu definiert; Pietismus mit der Trennung von Kopf und Herz; Fundamentalismus mit separatistischen und legalistischen Strukturen.

Die Loslösung des Denkens von der Kirche führte zum Erlöschen des christlichen Glaubens in Bildungsinstitutionen. Der Staat, welcher einer eigenen Richtung entbehrt, sprang ins Vakuum und wurde zum Ersatzversorger.

Fazit

Es ist mir bewusst, dass ich hier nicht über das berichten soll, was die Autoren nicht thematisieren und ich vielleicht noch aufgebracht hätte. Wer mit der Dogmengeschichte vertraut ist, für den sind die Basisinformationen ein vertrautes Gelände. Interessant fand ich die Darstellung von Clemenz von Alexandrien (150-215) und von Erasmus (1466?-1536), die beide in den höchsten Tönen gelobt werden.

Manchmal las ich einen Satz und war gespannt auf die nachfolgenden Gedanken, doch dann war der Abschnitt schon wieder zu Ende, und der nächste Gedanke folgte. (Das mag auch damit zusammenhängen, dass Teile des Buches Zusammenschnitte aus anderen Werken sind.) Zwei weitere Dinge störten mich im Lesefluss: Erstens war mir nie ganz klar, ob sich die Gedanken nun explizit auf die Dogmengeschichte beschränken. Im Anwendungsteil wird jedenfalls ein anderer Ansatz verfolgt: Die Anwendung des Denkens auf alle Fachgebiete. Zweitens gab es – vor allem in den letzten beiden Kapiteln – etwas gar „galaktische“ Aussagen, etwa wenn ohne Ausführung vom einem holistischen Ansatz „Kopf, Herz und Hand“ gesprochen oder die Aussage, dass Jesus Christus Herr über das ganze Leben ist, zum x-ten Male wiederholt wird. Im Hinblick auf ein eigenes Projekt – ein christliches Handbuch für Lehrkräfte mitzuverfassen – nehme ich mir dies zu Herzen. Lieber einige deklaratorische Abschnitte weniger und einige konkrete Beispiele mehr!

Ein wenig wehmütig wurde ich schon. Vom Gedanken an private christliche Universitäten sind wir meilenweit entfernt; der Staat hat diese Rolle längst ausgefüllt und füllt das weltanschauliche Vakuum fleissig mit säkularen Konzepten. Die meisten Christen merken es nicht einmal. Wäre es nicht an der Zeit, christliche Frömmigkeit und Aktivismus wieder mit solidem Denken zu verknüpfen?

Zitat der Woche: Egoistische Jungen

Viele Jungen sind noch als Erwachsene so.

Von vielen Jungen sagt man, dass sie schüchtern seien. Ihre Eltern erklären, warum ihr Sohn kein Danke oder Hallo sagt mit der Entschuldigung: ‚Joe ist heute einfach schüchtern.‘ Die Wahrheit ist, dass Joe sich gerade einfach vor anderen verschlossen hat. Er denkt zu sehr an seine eigenen Gefühle und Gedanken, als dass er jemand anderen beachten könnte. Joe ist einfach egoistisch.

Wenn, und be ein egoistischer Junge auf eine Geburtstagsfeier kommt, kreisen seine Gedanken natürlich um sich selbst. Er ist sich nicht sicher ob er wirklich dort sein will. Ich wette, sie mögen mich nicht. Was gibt es zu essen? Wie können wir Spass haben?

Ein Junge, der bereit ist, führende Aufgaben zu übernehmen, wird sich andere Fragen stellen: Ist irgendjemand traurig? Wie kann ich ihn aufmuntern? Ist irgendjemand einsam? Könnte ich helfen, indem ich mich in seine Nähe setze? Er sieht jemanden, der einen Stuhl braucht und besorgt ihm einen. Er fragt die Gastgeberin: ‚Wie kann ich helfen?‘ Er spricht mit Menschen, auch wenn sie unangenehm aussehen oder ihm nicht sympathisch sind. …

Der egoistische Junge verlässt die Party mit denselben Gedanken, die er mitbrachte. Der eine mag mich nicht. Keiner interessierte sich für mich. Der Kuchen war nicht süss genug. Ich habe keine Preise gewonnen.

Der zukünftige Leiter dagegen fährt weg, denkt an die Leute, die er getroffen hat, und an die Gelegenheiten, bei denen er helfen konnte. ….. (Er) könnte ein neues Interessengebiet entwickelt haben. Der Mann, dem er einen Stuhl brachte, erzählte ihm von seinen Wüstenreisen. Er beschrieb die Erwartung eines Sonnenaufgangs, die absolute Geräuschlosigkeit, die vom Chor der Vögel unterbrochen wird, und dann die darauf folgenden, unbeschreiblichen Farben! Der Junge hatte nie gewusst, dass ein solch herrliches Ding überhaupt existierte. Er würde den Atlas aufschlagen, um die nächste Wüste zu finden.

Ein egoistischer Junge muss nicht sein ganzes Leben so bleiben. Er kann aus der Selbstsucht herauswachsen. Er kann reif werden, um (jemand) zu sein, der sein Leben für das seiner Leute riskieren wird. Wo fängt ein Junge damit an?

Fange damit an, Gott um Augen zu bitten, die die Bedürfnisse der Leute sehen. Ein einfaches Gebet könnte sein: ‚Lieber Gott, ich bin egoistisch. Ich denke mehr an mich als an die anderen. Ich weiss, dass es nicht das ist, was du für mich willst. Bitte öffne meine Augen, damit ich die Not der anderen sehe und ihnen helfen kann. Das ist deine Art und ich möchte dir ähnlich sein. Amen.

Bob Schultz. Wie MAN ein MANN wird. CMV: Bielefeld, 2015. (100-102)

Jahresrückblick: Buben in die Selbständigkeit begleiten

Seit über einem Jahr beobachte ich förderliche und hinderliche Momente, meine Buben im Weg zur Selbständigkeit anzuleiten. Im Rückblick auf diese Zeit entdeckte ich sechs Bereiche: Beteiligen, Durstrecken überstehen, erobern und ruhen lassen, Ressourcen errschliessen, gute Inhalte bereitstellen.

  1. Beteiligen
    Immer dann, wenn ich meine Jungs rechtzeitig in Vorhaben einbeziehe, sie (mit)planen lasse und ihnen in der Durchführung (Mit-)Verantwortung übegebe, erlebe ich Lernen und Fortschritte ihrerseits. Beispiele: Mein Jüngster bekam zum Geburtstag eine Jahreskarte für den Zoo. Ich liess ihn den Weg weisen und auch im Zoo die Führung übernehmen. Ich beobachtete, dass der Vierjährige dies pflichtbewusst ausführte. Die Reise in den Zoo war "seine Reise". Bei der Planung der Schulreise unterliess ich es, meine Buben miteinzubeziehen. Ich merkte rasch, dass ich in die Rolle des Darbieters und Unterhalters kam. Es stellte sich heraus, dass sie lieber eine Fahrradtour gemacht hätten. Mehrmals habe ich die Durchführung von Familienandachten schon meinem Ältesten übergeben. Er leitete sie jedes Mal souverän an.
  2. Durststrecken überstehen
    In schwierigen Zeiten ist es wichtig, dass ich mit meinen Jungs mitgehe, sie aber keineswegs schiebe oder dränge. Ich neige dazu, in Notzeiten den Druck und das Tempo zu erhöhen und nach Kräften zu "schieben". Das Resultat ist für beide Seiten unbefriedigend. Mein Zweiter weinte drei Wochen vor dem Schülerkonzert; er bringe das Musikstück nicht auf die Reihe. Ich begleitete ihn zwei Wochen täglich, wenn er zwei Takte einübte, bis sie sassen. Die Aufführung war eine grosse Bestätigung für ihn. Mein Ältester möchte aufs Gymnasium. Ich arbeitete mit ihm einen Vorbereitungsplan aus. Er will dreimal pro Woche zwei Aufgaben in Mathematik lösen. Ich frage nach einer Zeit nach, wie es ihm dabei geht. Mich interessiert insbesondere die Fehleranalyse.
  3. Erobern lassen
    Jungs dürsten danach, Territorium und Gegenstände zu erobern. Deshalb überlege ich mir immer wieder, wie wir als Städter im 21. Jahrhundert solche Erfahrungen ermöglichen können. Das beginnt bei Online-Ersteigerung von Fahrrädern oder Kleidern. Es geht weiter bei der Kirschernte bei einem Bauern. Als Lohn durften sie einige Dutzend Kilogramm pflücken, welche sie in der Stadt selber verkauften. Auch bei Kleiderbörsen lassen wir sie mit eigenem Budget auf die Jagd gehen.
  4. Ruhen lassen
    Nach Anstrengungen wie Konzerten, Theatern, Arbeitseinsätzen oder einer strengen Zeit des Lernens ist es sehr wichtig, den Buben Zeit zum Ausruhen zu geben. Der Grundrhythmus ist dabei die göttlich eingerichtete Ordnung von sechs Tage Arbeit und einem Ruhetag. Wir achten darauf, den "Sabbat" einzuhalten.
  5. Ressourcen erschliessen
    Als Vater bin ich Sponsor von Ideen, um neue Ressourcen zu erschliessen. Dazu kommen mir drei Beispiele in den Sinn: Mein Sohn ging an ein tägiges Seelsorge-Seminar für Erwachsene mit. Das ist unkonventionell, doch er spricht noch heute davon. Als ein technisch begabter Verwandter bei uns auf Besuch war, erinnerte ich die Buben an ihre Fragen zur Fahrradreparatur. Er zeigte ihnen, wie er die Reparatur erledigte. Auf diese Weise können sie eigenes Knowhow aufbauen. Zum meinem Geburtstag schrieben die Buben selbständig ein Theaterstück. Sie fragten Freunde an, ob sie ihnen bei der Beschaffung einer Lichtanlage und beim Schneiden von Filmmusik helfen könnten.
  6. Gute Inhalte bereitstellen
    Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich den Buben Inhalte "vorkauen" will. Viel erfolgsversprechender ist das zeitgerechte Bereitstellen von Inhalten, die sie sich selber erschliessen. Meinem Dritten kaufe ich regelmässig einen Riemen neue Bücher. Ich leite meine Söhne an, dass sie täglich einen Abschnitt aus der Bibel selbständig lesen und sich fragen, was sie dabei über Gott und sich selbst lernen können. Ebenso bin ich auf der Suche nach guten Predigten, die ich mit ihnen zusammen anhöre.

Urlaub: 12 Momente in Berlin

Die letzten Tage verbrachten wir in der geschichtsträchtigen Grossstadt Berlin.

Entspannt: Unsere drei Kleineren durften zum ersten Mal fliegen. Mein Jüngster fragte mich immer wieder: "Wie sieht es in einem Flugzeug aus?" Als er dann in seinem Sessel sass, lehnte er entspannt zurück. Mami war schliesslich dabei. Ich musste schmunzeln, als ich den kleinen Mann so abgeklärt dasitzen sah.

Verwirrt: Wir suchten nach der Hausnummer unserer Wohnung. Die Ziffernfolge an der Strasse war aufsteigend, wir konnten also nicht falsch liegen. Bald war die Strasse zu Ende; die Nummer fehlte. Also ging es zum anderen Ende der Strasse und nochmals zurück. Ein älterer Berliner Herr klärte uns auf. Da gebe es schon mal Sprünge. Er erkläre es sich so: Gewisse Häuser seien nach dem Krieg stehen geblieben, andere dazwischen neu gebaut worden. Also nichts mit einer klaren Reihenfolge. 

Verpflegt: Ich habe ausgerechnet, dass wir für fünf Tage 750 Euro eingespart haben, die wir fürs ein bis zwei Auswärtsmahlzeiten tägllich ausgegeben hätten! Anfangs tätigten wir einen Grosseinkauf. Wir entdeckten 8 Bretzeln für sage und schreibe Euro 1,20. Gebacken im Backofen und mit Käse und Fleisch gefüllte schmeckten sie wunderbar.

Verspätet: Mein Ältester wählte an seinem Geburtstag einen Besuch im deutschen Technikmuseum aus. Im "Science Lab" war ein Experiment zum Thema Kälte geplant. Wir kamen drei Minuten zu spät an. Die Türe war geschlossen. Enttäuscht standen wir im Vorraum. Lernpunkt: Ruhig bleiben, auch wenn etwas nicht gleich klappt! Meine Frau machte sich nachmittags nochmals auf, um mit den Älteren die nächste Vorstellung zu besuchen.

Gebummelt: Abends vor dem Ins-Bett-gehen gingen wir nochmals "auf die Gasse". Wir spazierten durch den Volkspark Friedrichshain. Durch ein Schlachtendenkmal kamen wir ins Gespräch über den Spanischen Bürgerkrieg. 

Geschnuppert: In der Buchhandlung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg stöberte ich durch das Sortiment. Ich war entsetzt ob der Auswahl der theologischen Literatur. Nur Sekundärwerke aus den letzten zwei Jahrzehnten! Eines der wenigen brauchbaren Gestelle enthielt Bände zur deutschen Geschichte. Ich erstand aus der Zeitgut-Reihe den Band "Also packten wir es an. Deutschland 1945-1947".

Vertieft: Nach einem Museumsbesuch meinte mein Ältester nachdenklich: "Die Informationen waren sehr oberflächlich. Nur einige Sätze und Musik dazu. Immer dann, wenn es spannend geworden wäre, gab es nichts mehr." Ein leiser Vorwurf an die Museumspädagogen. Ganz anders ging es uns dann in der Dauerausstellung zur deutschen Geschichte im Deutschen Historischen Museum. Wir wären gerne noch ein, zwei weitere Male hingegangen.

Ermüdet: Ich führte mit meinem Dritten abends ein kurzes Gespräch über seine Eindrücke. Er meinte, er sei so müde. Es ist gar nicht so einfach, ein Gleichgewicht zwischen Erleben und Erholen zu finden. Auch in den Ruhezeiten hatten die Buben immer wieder ein Spiel gefunden, mit dem sie sich gegenseitig wach hielten.

Inspiriert: Den Steglitzer Stadtteil suchten wir auf, um neben einem grossen Buchantiquariat dem Blindenmuseum einen Besuch abzustatten. Aus der eigenen Fabrikation verkauft diese Einrichtung Körbe, Bürsten und Möbel. Die Rückfahrt im Omnisbus verbrachten wir – lesend.

Bewahrt: Wir befanden uns an der Bootslandestelle in Feldberg, um eine Rundfahrt zu machen. Einen Augenblick hatte ich meinen vierten, ruhigen Sohn aus den Augen gelassen. Ein Hilfeschrei liess ich auf die linke Seite blicken. Mein Sohn hing zwischen Schiff und Steg, bis zum Gürtel im Wasser. Er kann nicht schwimmen. Bevor ich mich vom ersten Schock erholte, sprang der Kapitän hinzu und zog ihn herauf. Er fragte später: "Woher hatte ich solche Kraft, mich zu halten?"

Verfrüht: Gerade hatten wir unsere Wohnung nach dem Abstecher in die Mecklenburgerische Seenplatte wieder erreicht. Ich brach zur Abendandacht auf. Um die Ecke gekommen, sah ich den Bus vorbeifahren. Ich lief auf die Ampel, sie schaltete auf Rot. Der Bus fuhr weiter – 5 Minuten zu früh! Am Sonntagnachmittag waren die Strassen leer.

Zu zahlreich?  Es schien mir, dass nicht eben viele Touristenfamilien mit fünf Kindern Berlin besucht haben. In der U-Bahn kamen wir uns manchmal als Ausstellungsobjekt vor, wenn die Leute uns durchzählten. Zweimal mussten wir bei den Tickets eine Sonderlösung finden (im Museum lösten wir neben dem Familienticket noch eine Einzelkarte – seltsam!). Auf dem Rückflug beschwerten sich die Angestellten, weil ich mit dem Handy sieben Personen eincheckte. Alles ist auf Kleinfamilien ausgerichtet.

Aus der Bibliothek (40): Disney Lustiges Taschenbuch

Meine Jungs lasen (zum ersten Mal) ein "Disney Lustiges Taschenbuch". Ich stellte ihnen dazu einige Fragen.

Was ist euch aufgefallen?

Es geht häufig um Hexen, Zauberer und Magie. Dadurch werden unmögliche Dinge möglich.

Was ist die Botschaft des Buches?

Das ist schwierig zu sagen. Es muss einfach interessant und lustig sein.

Wie war für euch das Lesen?

Es hat kaum Text. Das können auch Kinder verstehen, die nicht gut lesen.

Und die Bilder?

Die Geschichte wird hauptsächlich durch die Bilder gesteuert.

Warum gibt es solche Bücher?

Das macht man zum Zeitvertrieb.

Kennt ihr andere, die diese Bücher lesen?

O ja, im Singen lesen alle Jungs diese Bücher.

Es wäre interessant, eine weltanschauliche Analyse eines solchen Buches zu machen. Auch und gerade durch solche Bücher werden Ideen und Inhalte transportiert!

Zitat der Woche: Die Sünde der Moderne und Postmoderne

Was für eine Aussage!

If the besetting sin of modernity is pride (an inordinate confidence in know-it-all reason), then that of postmodernity is sloth, a despairing indifference to truth. Someone who believes in nothing and lives for nothing might as well be asleep. Sloth is the ultimate sin of omission: sloth sits still, unmoved by anything real.

Kevin Vanhoozer in David Mathis & John Piper (Ed.). The Romantic Rationalist. Crossway: Wheaton, 2014. (82)

Buchbesprechung: Kann ich Gottes Willen erkennen?

R. C. Sproul. ?: 4 (Crucial Questions Series) [Kindle Edition], Reformation Trust Publishing 1998. 102 Seiten. Kostenloser Dowload für den Kindle.

Das Buch war mir aus einem Grund sehr sympathisch: Sproul gibt von vornherein zu, dass es sich um ein überaus komplexes Thema handelt. Er ringt über Strecken mit verschiedenen Erklärungen und gesteht seine eigene Begrenzung unumwunden ein. Zudem gibt er sich selber nicht abgeklärt – im Gegenteil: Es ist ihm selber wichtig, Gottes Willen zu erkennen. Er tue sich überaus schwer mit Menschen, die ihn für ihn erkannt haben wollen.

Struktur

Sproul unterteilt den Text ist zwei Teile mit jeweils zwei Kapiteln:

  • Der erste Teil beschäftigt sich mit den Voraussetzungen, um das komplexe Thema zu verstehen: Gottes Wille und der menschliche Wille.
  • Im zweiten Teil bespricht Sproul zwei prägende Entscheidungen: Beruf und Ehe.

Hauptbotschaft

Unterscheide zwischen Gottes souveränem (descriptive) und moralischem (prescriptive) Willen. Unterscheide zwischen dem menschlichen Willen und seiner moralischen Freiheit. Gehe nicht über den moralisch festgesetzten Willen Gottes der Schrift hinaus.

Wichtige Botschaften

Augustinus und der menschliche Wille: Vor dem Sündenfall genoss der Mensch einen freien Willen (liberium arbitrium) und auch moralische Freiheit (libertas). Seit dem Fall hat der Mensch nach wie vor einen freien Willen, aber er verlor die moralische Freiheit.

Wichtige Botschaften

  • Jonathan Edwards und der menschliche Wille: Edwards unterschied zwischen der natürlichen Fähigkeit zur Freiheit und der moralischen Fähigkeit zur Freiheit. Die erste Fähigkeit beinhaltet die natürliche Kraft für Entscheidungen und Taten. Wir können nicht nur wählen, was wir tun, wir müssen wählen, was wir wollen. Wir müssen dem stärksten Begehren des Moments entsprechen.
  • Das moderne Konzept der Autonomie: Wir wählen frei von externen Zwängen und von internen Regeln, Dispositionen oder Wünschen. Diese Definition raubt unseren Entscheiden die moralische Dimension.
  • Gottes Souveränität löscht den Willen der Person nicht aus, regiert aber über ihn. Wenn menschliche Freiheit im Sinne von Autonomie gemeint ist, dann muss sie der göttlichen Souveränität widersprechen. Der Prozess der Heiligung besteht gerade in der radikalen Neuprogrammierung des inneren Selbst.
  • Die einfachste Beschreibung des Funktionsweise der Sünde: Ich begehre die Sünde mehr als dass ich Gott gefallen will.
  • Das Geheimnis der Sünde: Ich kann letztlich nur die Realität der Sünde und meine Verantwortung (an)erkennen.

Gelernt

Beruf

  • Das Erkennen der eigenen Berufung hängt mit vier Fragen zusammen: Was kann ich tun? Was würde ich gerne tun? Was wäre ich in der Lage zu tun? Was soll ich tun?
  • Satans Strategie besteht darin, Christen in Positionen zu manövrieren, in denen sie keine Fähigkeiten haben, um gute Ergebnisse zu erzielen.
  • Sproul unterscheidet zwischen nicht-motivierter und motivierter Fähigkeit. Die übergeordnete Überlegung: Unsere Motivation mit unserer Berufung in Übereinstimmung zu bringen.
  • Jede Berufung (vocation), die einem Bedarf in Gottes Welt entspricht, kann als göttliche Berufung angesehen werden.
  • Was würde ich am ehesten tun, wenn ich keinem Menschen der Familie und dem Freundeskreis gefallen müsste?
  • Das christliche Gewissen wird nicht nur durch das regiert, was sozial akzeptiert oder gar gesetzlich erlaubt ist, sondern durch das, was Gott sanktioniert.

Heirat

  • Keine biblische Regel sagt der Frau, dass sie bei der Heiratsfrage passiv sein soll.
  • In einer Ehe Selbstlosigkeit zu suchen, wird eine vergebliche Übung sein. Es geht vielmehr darin, sensitiv für zwei aktiv involvierte Selbst zu bleiben.
  • Eine Ehe ist letztlich nie eine private Sache, sondern betrifft stets einen Kreis von Menschen.
  • (Diesen Satz muss ich in der Originalsprache belassen.) If biblical precepts are applied consistently, virtually any two people in the world can build a happy marriage and honor the will of God in the relationship.

10 Dinge, die ich von meiner Frau gelernt habe

Über die Jahre passen sich Ehepaare einander an. So sagt man zumindest. Im Lauf der Zeit habe ich eine Menge von meiner Frau gelernt. Hier sind zehn Dinge.

  1. Meine Frau schätzt die Ruhe eines freien Sonntags. Wenn die Ansprüche auf sie einprasseln, antwortet sie uns mit Ruhe: "Heute ist Sabbat."
  2. Sie leitet die Kinder inhaltlich und vor allem charakterlich an. Dabei staune ich immer wieder, wie sie den richtigen Zeitpunkt für eine Lektion wählt und dann beharrlich am einen Punkt dran bleibt.
  3. Bei der riesigen Arbeitslast denkt sie in kleinen Teilschritten und arbeitet sie geduldig ab. Das spornt mich an, auch in Etappen zu denken und zu handeln.
  4. Im Lärm des Tages ist es manchmal nötig, auf Durchzug zu schalten. Man muss nicht zu jeder Zeit alles mitbekommen.
  5. Gesunde Ernährung trägt zum Wohlbefinden bei und unterstützt beim Erbringen grosser Arbeitsleistungen.
  6. Kleine Aufmerksamkeiten fördern Kontakte und Freundschaften.
  7. Meine Frau nützt, was vorhanden ist. Damit meine ich Esswaren, Gegenstände, Personen und Orte. Sie denkt im Möglichen anstatt zu beklagen, was nicht möglich ist.
  8. Sie hat mich zwei Prinzipien des Sparens gelernt: Es ist günstiger, etwas nicht zu haben. Das wiederum erspart Folgekosten.
  9. Was gibt es Schöneres, als hungrig in ein frisch gebackenes Stück Brot beissen zu können? Meine Frau hat stets mehrere Mehlsorten zur Verfügung.
  10. Mit Hingabe pflegt sie einen kleinen Garten. Es ist spannend zu erproben, wie Dinge wachsen und gedeihen.

Kein Wunder sagte der Sprüchedichter, dass eine tüchtige Frau die Krone eines Mannes ist (Sprüche 12,4). Sie ist ein Geschenk des Herrn (Sprüche 18,22).

Aufsatz: Der Gottesdienst-Konsumententest

Wie prägt der Zeitgeist unsere Gottesdienstkultur? Ich wagte den Versuch einer Beschreibung anhand von sieben Kriterien. Der Aufsatz erschien in der Bekennenden Kirche (2/2015, Nr. 61):

Der US-amerikanische Bibellehrer R.C. Sproul schrieb darüber, dass in vielen Sonntagsschulen (Kindergottesdiensten) den Kindern zwei Kernbotschaften vermittelt würden. Erstens erschallt der optimistische Ausruf “Du bist genial!” Dann folgt die Aufforderung “Sei nett!”. Im Refrain eines Kinderliedes kommt die optimistische Einschätzung des Menschen zum Tragen: “Du bist ein Mensch nach Gottes Phantasie, du bist genial.” Solche Lieder rahmen die Botschaften ein, die da lauten: Lerne gut zuzuhören, werde ein besserer Freund, sei anständig zu deinen Eltern und entfalte dein Potenzial in der Schule. Es geht zusammengefasst um Persönlichkeitsentwicklung. Dieselbe Botschaft ist auch in vielen Gottesdiensten zu hören.

Ich sage nicht, dass diese doppelte Nachricht gänzlich falsch ist. Der Mensch ist nach Gottes Bild geschaffen und durch diesen Bezug mit Würde ausgestattet. Dies darf jedoch von der zweiten Botschaft nicht isoliert werden: Der Mensch ist in Sünde gefallen und darum unendlich weit entfernt davon, “genial” zu sein. Er bildet es sich aber oft in seinem Stolz ein.

Im Kleinen Kinderkatechismus, den ich mit meiner Familie durcharbeite, stehen mehrere Fragen zur Sündenerkenntnis. Der Heilige Geist deckt Sünde auf, bewirkt, dass wir die Sünde hassen und wirkt in uns den Wunsch, von ihr zu lassen, also sie nicht mehr zu tun. Dieser Heiligungsprozess wird jedoch erst in einem durch Wiedergeburt und Bekehrung erneuerten Menschen möglich.

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