Buchbesprechungen: Drei kurze Bücher voller Weisheit aus der Feder eines Seelsorgers

In den letzten Wochen habe ich drei Bücher des Seelsorgers David Powlison gelesen und rezensiert. Es ist der David, den ich schon persönlich treffen durfte: Feinfühlig, väterlich, ungeheuer ehrlich. Ich kann die drei Werke dem Leser mit Englischkenntnissen wärmstens empfehlen. Die drei Bücher sind das Kondensat seiner reichen Lebens- und Beratungserfahrung.

Beispielsweise schreibt er über seine über 5-jährige Leidenszeit nach seiner Herz-OP:

From 2000 to 2006, I inhabited a body that did not work. I had no resilience. I did not bounce back from normal fatigue. I was on a downward spiral of shattering weariness and increasing disability, unable to sustain normal social life and ministry life. I liken those years of cumulative losses to living through a slow-motion building collapse. Only family, a handful of friendships, and writing remained fruitful. I had to count the cost of every social interaction. Teaching was an ordeal—I could just make it through a semester. I love counseling, but it was too wearing—and I had to stop. … My experience over five and a half years was the genesis of the book you are reading. It took its basic shape and tone toward the end of those years—at a time when the cause of my fatigue was still mysterious, and when I had no earthly hope that my condition would ever improve. My life was withering.

Sehr eindrücklich beschreibt er seine Gewohnheit bei jedem Wetter nach draussen zu gehen:

I cannot express how often God’s creation proved sustaining, refreshing, and sanctifying. In all seasons and weathers I went outside and walked. I noticed the flight of a goldfinch, snow on the stones in the brook, a field of white dogwoods in bloom, a thunderstorm rising in the west, maple leaves like fire in the fall. I was repeatedly drawn out onto a bigger stage than my troubles. I would pray my need and my gratitude out loud while walking.

David Powlison. God's Grace in Your Suffering. (86-89)

Die drei Rezensionen (mit Bitte um eure Likes, wenn sie euch geholfen haben):

  1. Sanctification – How Does it Work?
  2. Making All Things New: Restoring Joy to the Sexually Broken
  3. God's Grace in Your Suffering.

Zudem: Ein Seelsorger über Motive sexueller Sünden und subtile Formen des Kampfes

Vorfreude: D. A. Carson im Mai in Hamburg

Viele, die sich zum Christentum bekehren, meinen offensichtlich, dass das Christentum etwas sei, das sie ihrem bereits übervollen Terminkalender hinzufügen müssten, und nicht etwas, was ihre gesamte Lebensplanung sowie alle ihre Ziele bestimmt, in Schranken weist und gestaltet. – D. A. Carson. Lernen, zu beten, S. 16.

In den nächsten Monaten erscheint mein eBook zu D. A. Carson „Ein von der Bibel geprägter Blick auf unsere Umgebung: D. A. Carsons Beitrag zum Dialog mit der Gegenwartskultur“. In der Einleitung schreibe ich (die Fussnoten lasse ich absichtlich stehen):

Donald A. Carson, geboren 1946, vereint ein interessantes Profil. Er ist Sohn eines „einfachen Pfarrers“[1], Neutestamentler mit einer jahrzehntelangen Publikationstätigkeit[2] und weltweit tätiger Vortragsredner und Prediger[3]. Seine profunden exegetischen Kenntnisse kombiniert er mit einem feinen Gespür für kulturelle Zusammenhänge. Dies macht ihn zu einem lehrreichen Gesprächspartner für den Dialog mit der Gegenwartskultur.

Ich freue mich sehr, dass Carson auch an der diesjährigen E21-Konferenz sprechen wird. E21 hat als kleinen „Appetithappen“ eben einen Ausschnitt „Warum wurde uns das Gesetz gegeben?“ online gestellt.

Sehen wir uns in Hamburg?


[1] Dessen Geschichte beschreibt er in D. A. Carson. Memoirs of an Ordinary Pastor: The Life and Reflections of Tom Carson. Crossway: Wheaton, 2008. Online Download unter URL: http://s3.amazonaws.com/tgc-documents/carson/2008_memoirs_of_an_ordinary_pastor.pdf (Stand 23.02.2017). Ich empfehle die Lektüre zur Ergänzung dieses Textes.

[2] Sein ehemaliger Researchassistent, A. D. Naselli, hat einen Überblick über seine Publikationen erstellt, siehe URL: http://andynaselli.com/d-a-carson-publications (Stand 23.02.2017). Darunter findet sich: Ein Kommentar zum Johannesevangelium, The Gospel According to John. Pillar New Testament Commentary. Grand Rapids: Eerdmans, 1991. Eine Einleitung in die Bücher des NT, zusammen mit Douglas Moo, Einleitung in das Neue Testament, Brunnen: Giessen, 2010. Sehr hilfreich ist zudem D. A. Carson. Stolpersteine der Schriftauslegung. Bethanien: Augustdorf, 2007. Einen Einblick in das Buch gebe ich hier: http://hanniel.ch/2015/09/11/buchbesprechung-fehler-bei-der-exegese/ (Stand 23.02.2017). Carson ist zudem Editor der NIV Zondervan Study Bible (Zondervan, 2015). Zusammen mit G. K. Beale verantwortet er den hilfreichen Commentary on the New Testament Use of the Old Testament (Baker, 2007).

[3] Unvergesslich bleibt mir seine Predigt zu Psalm 1, Nur zwei Wege, auf der Evangelium21-Konferenz 2012 in Hamburg. Mitschrift unter http://hanniel.ch/2012/05/14/eine-pralle-ladung-2-nur-zwei-wege-psalm-1/ (Stand 23.02.2017), Live-Mitschnitt http://www.evangelium21.net/ressourcen/nur-zwei-lebensoptionen (Stand 23.02.2017).

 

Hanniel hirnt (65-71): Die 68er Kulturrevolution

Im Lehrberuf oder im sozialen Bereich aktiv? Dann hast du dich bestimmt schon mit der Frankfurter Schule auseinandergesetzt. In der Regel geschah dies leider kaum direkt, sondern oft indirekt. Viele Lehrende haben ihr Gedankengut inhaliert und verinnerlicht. Sie werden ärgerlich und intolerant, wenn es in Frage gestellt wird.

Hier geht es zu einer anspruchsvollen Podcast-Serie mit Ausschnitten aus Günter Rohrmosers „Kulturrevolution in Deutschland“.

Teil I: Biografische Spuren bei Horkheimer, Adorno und Marcuse

Teil II: Die Geschichtsphilosophie der Frankfurter Schule

Teil III: Die Befreiung von Autorität als (utopisches) Ziel der Bewegung

Teil IV: Die Auflösung der Familie als Langzeitwirkung und Symptom der Kulturrevolution

Teil V: Die sexuelle Befreiung und ihre theoretische Fundierung

Teil VI: Die Konsequenz der sexuellen Befreiung für die Nachfolgegenerationen

Teil VII: Die Kritische Theorie und die christliche Weltsicht (kollektive Glückutopie, Abschaffung von Autoritäten, Sexualisierung)

Dieses Jahr ist 50-Jahre-Jubiläum der Bewegung. Hier sind drei Rezensionen aktueller Bücher:

Der lange Protest (Rezi von Jonas Erne)

Das andere Achtundsechzig: Gesellschaftsgeschichte einer Revolte (meine Rezi)

1968: Drei Generationen, eine Geschichte. (meine Rezi)

Input: Sex im nach-säkularen Westen

Alastair Roberts, Theologe und Ethiker (Twitter, Blog), schrieb einen ungemein anregenden Bericht über die kontroverse Neuerscheinung des Soziologen Mark Regnerus unter dem Titel Cheap Sex: The Transformation of Men, Marriage, and Monogamy. Er hatte Zugang zur Umfrage 2014 Relationships in America mit 15'000 Teilnehmern. Dazu gehörten 100 detaillierte Interviews mit jungen Menschen.

Die Fragestellung: Wie beeinflussen gesellschaftliche Veränderungen ("Shifts") das Denken und Handeln Einzelner?

Anthony Giddons stellte 1992 in seinem Buch "The Transformation of Intimacy: Sexuality, Love and Eroticism in Modern Societies" den massiven Einfluss der Verhütungsmittel auf das Verhalten des Einzelnen fest. Es ginge um mehr als um das Begrenzen von Schwangerschaften. Neben dem Einfluss auf die Familiengrösse bedeutete es einen tief greifenden Wandel für das persönliche Leben. Die Sexualität wurde zu einem potenziellen Eigentum des Individuums, damit für die Vorlieben des Einzelnen verfügbar.

Drei Faktoren veränderten den "Markt" der Sexualität nachhaltig: (a) das Einnehmen der Pille, (2) der einfache Zugang zur Pornografie und (3) das Entwickeln von Internet-Dating-Plattformen.

Männer und Frauen zeigen nach Regnerus ein unterschiedliches Verhalten in Beziehungen. Männer verfügen über ausgeprägteren sexuellen Appetit und erobern Frauen, um diesen Appetit zu stillen. Die Frauen tragen natürlicherweise die grössere Last des Gebärens und Aufziehens von Nachkommen. Diese Kosten sind durch die Verhütungsmittel gesunken – mit einem paradoxen Effekt: Frauen zahlen einen tieferen "Preis" für das Ausleben der Sexualität, verlieren aber gleichzeitig die Rolle als "Gatekeeper". Die Frauen wollen zwar Männer, die Männer sind jedoch durch die Angebotsvielfalt weniger auf sie angewiesen. Das wiederum führt zur Situation, dass manche Frauen zwar erfolgreich ihre Karriere vorantreiben, jedoch zunehmend unzufrieden mit der Qualität ihrer Beziehungen sind. Dies hat mit der sinkenden Verbindlichkeit der Männer zu tun. Sie müssen sich nicht mehr festlegen. Weil Sex "günstig" verfügbar ist, müssen sie nicht mehr im gleichen Ausmass Verantwortung übernehmen. Die Frauen geraten in einen intensiven Wettbewerb, weil ihr "Wert" relativ abgenommen hat. Wegen der weiblichen Konkurrenz sind sie zu grösserer sexueller Offenheit gezwungen.

Das Resultat ist ein Modell romantischer Beziehung. Beziehungen sind (a) vorläufig (wegen Alternativen), (b) gleichgerichtet organisiert. (c) Geschmack und Emotionen sind ihr Barometer, (d) Eroberung das Schlüsselziel. (e) Sie können den Willen des Einzelnen nie übertrumpfen. Dieser ist der Beziehung vorgelagert. Weil die Interessen des Einzelnen die Partnerschaft dominieren, ist eine dauerhafte Ehe nicht nur unattraktiv, sondern latent gefährdet. Die Frauen sind ökonomisch unabhängiger, und es gibt für beide Partner jederzeit Alternativen.

Roberts vergleicht diesen gesellschaftlichen Zustand mit der Mondlandung des Menschen. Der Mensch verlässt seinen natürlichen Raum der Behausung. Er schwebt vermeintlich durch den Raum. Die herkömmlichen "Gesetze" sind ausser Kraft gesetzt. Sexualität wird zum Stilmittel, zum Versuchsfeld der ständigen Neudefinition von Identität. Über die Online-Plattformen ist der Zugang zu einer grossen Bandbreite von Vorlieben 24 Stunden am Tag geöffnet. Auch die Möglichkeiten der Selbst-Befriedigung durch die Kombination von Pornografie und Masturbation nimmt den Zug des Alltäglichen an. Scheinbar wird die Sexualität so aus dem Rahmen der Gemeinschaft herausgenommen und in den Freiheitsbereich des Einzelnen verpflanzt.

Robert klärt einige Denkvoraussetzungen. Interessanterweise geht die Studie nach wie vor von unterschiedlichen Interessenslagen der beiden Geschlechter aus – unabhängig davon, in welcher Form sie Sexualität ausleben. Offenbar gibt es den gesellschaftlichen Trends vorgelagerte biologische Fakten. Diese Überlegungen sind ungemein wichtig für Pastoren und Jugendarbeiter, aber auch für Eltern: Das Modell romantischer Beziehung dominiert das Erleben und Empfinden der Heranwachsenden. Wechselnde sexuelle Vorlieben sind für sie ebenso selbstverständlich wie das tägliche Masturbieren. Sexualität wird ihnen als natürlicher Trieb präsentiert, den sie möglichst zeitnah zu befriedigen haben. Der Wille des Einzelnen steht im Vordergrund. Langfristige Bindung und die Überlegung für die Nachfolgegeneration(en) treten in den Hintergrund.

Ich würde sagen: Höchste Zeit für das Auf- und Ausleben eines biblischen Modells der Ehe als einer lebenslangen Solidar- und Totalgemeinschaft.

Zitat der Woche: Hiob verfluchte seinen Tag

Hiob verflucht den Tag seiner Geburt! Einige wollen ihn ganz und gar entschuldigen: er habe sich von seinem Jammer hinreissen lassen, ohne doch Gott dabei zu lästern; andere eminen er habe sich so völlig gehen lassen, dass es ihm nicht mehr gelungen sei, Gott zu preisen; aber er habe sich nur von seinen Gefühlen hinreissen lassen und geredet wie einer, der von Sinnen ist. Aber die Wahrheit liegt wohl in der Mitte: er hat wohl gekämpft, dabei aber eine Wunde nach der anderen empfangen und ist ganz ins Wanken gekommen. Mit seiner früheren Vollkommenheit ist es vorbei. Obwohl er unter dem Druck seines Elends mitten auf dem Wege zu erliegen meinte, ist er doch tapfer weitergegangen und hat Gott gehorsam bleiben wollen – aber es erging ihm mit dem Paulus: "Das Gute, das ich will, das tue ich nicht" (Römer 7,19).

Johannes Calvin zu Hiob 3,1 (Buchhandlung des Erziehungsvereins: Neukirchen, 1950, S. 64).

Input: Wie geht es mir?

Kürzlich war ich in einem Seminar, in dem ich mich mit der Frage meiner körperlichen und geistigen Gesundheit auseinandersetzte. Als Christ sehe ich sämtliche Ebenen aus der Perspektive "ich lebe jeden Moment vor Gott". Während eines Essens haben wir uns als Familie unterschiedliche Situationen vorgestellt und darauf hin unseren Zustand untersucht.

Stell dir vor: Du bist

  • in der Schule, an den Hausaufgaben
  • an deiner Arbeit
  • im Gottesdienst
  • mit deinem Ehepartner oder einen anderen vertrauten Person im Gespräch

Spitzen wir es zu: Du befindest dich

  • in der stickigen überfüllten Strassenbahn
  • bei einer unangenehmen Aufgabe im Geschäft
  • während einer Prüfung
  • während der Selbstprüfung beim Abendmahl

Dann kann du dir auf vier Ebenen Fragen stellen:

  1. Wie geht es mir in meinem Körper, der Gott mir geschenkt hat? Wie gehe ich mit ihm um? Bewege ich ihn genügend? Was führe ich ihm zu? Trinke ich genug? Überlaste ich ihn durch falsche/übermässige Ernährung? Wann und weshalb tue ich dies?
  2. Welche Gefühle treiben mich um? Das kann sich einerseits auf den jetzigen Moment beziehen, aber auch in weiterem Rahmen sehen. Bin ich traurig, nachdenklich, bedrückt, zuversichtlich, fröhlich? (Die Psalmen sind als Gebetsbuch von Gottes Volk ein idealer Leitfaden, um sich selbst vor Gott solche Fragen zu stellen.)
  3. Worauf habe ich meinen Fokus gerichtet? Was ist das untergründige Hauptthema? Kann mich konzentrieren? Wie lange? Wohin schweifen meine Gedanken? (Interessant ist das Erwachen nachts. Wohin gehen dann meine Gedanken?)
  4. Schätze ich mein Sein und mein Tun als sinnvoll ein? Wenn ja, weshalb? Wenn nein, warum nicht? Was stiftet Sinn? Gerade in anspruchsvollen Momenten: Was fördert der äussere Druck in mir zutage?

Kolumne: Das ist mir zu kompliziert

Einfach wollen wir sein. Glaube, und du wirst gerettet.
Die schwierigen Fragen zu stellen, das uns Frommen weniger gut an.
Vielleicht noch weniger, auf Antworten zu warten und um sie zu ringen.
Zweifeln ja, doch lieber an der Kirche, bevorzugt an den anderen.
Den iPad können wir bedienen, doch wehe es kommt eine Frage, auf die es keine Standardantwort gibt!
Einfach haben wir es uns gemacht.
Der Zweck heiligt die Mittel.
Funktioniert’s, ist es erlaubt.
Stimuliert’s, bekommt es den Stempel „approved“.
Alles ist gut, was nicht über 20 Minuten dauert.
Kulturell sind wir abgehängt, die Quittung für unsere „me too“-Strategie.
Stellen wir uns den komplexen Themen. Komplex?
Ohne unzulässige Vereinfachung.
Ohne Ausflucht einer Situationsethik.
Ohne über das hinausgehen zu wollen, was Gott zugeteilt hat.
Also:
Wenn du’s nicht im ersten Atemzug versteht – lies es nochmals und dann ein drittes Mal.
Bitte Gott um Einsicht.
Sei nicht verwundert, wenn es Monate und gar Jahre dauert.
Schreibe die Fragen auf.
Formuliere sie nochmals genauer.
Gib dir Rechenschaft darüber ab, was dir klar ist und was noch nicht.
Frage andere Menschen.
Frage zurück, auf welchen tragenden Säulen der Bibel ihre Auffassung beruht.
Lass dich nicht mit der ersten Antwort abspeisen.
Bitte um ein williges Herz, den Ort einer Erkenntnis nie ohne eine Tat zu verlassen.
Gewohnheiten wollen geändert werden.
Kopflastig, intellektuell?
Die ausdauernden Beter,
die tiefen Bibelschürfer,
die neugierigen Frager,
die Zuversichtlichen und Vertrauensvollen
habe ich noch selten unter den Gelehrten gefunden.
Beginnen wir Gott auch mit unserem Verstand zu dienen.
Er ist ein Gottesgeschenk.

Kolumne: Wir Männer schauen nach Vorbildern – wo sind sie?

Bill Hybels tritt vorzeitig zurück. Christianity Today berichtete zweimal ausführlich. Das Online-Magazin Eule kommentierte und skizzierte Lernfelder. Fast gleichzeitig kündigte Marc Driscoll sein Publikations-Comeback mit einem Buch über den Heiligen Geist an. Billy Graham-Nachkomme und Megachurch-Pastor Tullijan stolperte vor wenigen Jahren über eine Affäre, kam zuerst bei Willow Creek unter, bis eine weitere an die Oberfläche kam. Ein halbes Jahr später war er wieder unter der Haube. R. C. Sproul jun. wird stockbetrunken beim Fahren erwischt, wohlgemerkt mit zwei Kindern auf der Rückbank. (Ich habe absichtlich keine Links eingefügt.)

Einer meiner Freunde kommentierte weise: "Ich kann nicht in sein Herz sehen und deshalb nicht über seine Motive urteilen. … Es könnte sein, dass er sich überhoben hat und nun gefallen ist (siehe Ussija in 2Chr 26,16 und Hiskia 2Chr 32,25). Möge der Herr uns davor bewahren."

Es geht mir jetzt nicht um die Gefahr von Berühmtheit. An einem T4G-Panel haben sich darüber einige dieser Celebrity-Pastoren unterhalten. Ich greife einen anderen Aspekt auf: Wir Männer sehnen uns nach Vorbildern. Ob sie nun Hybels, Driscoll oder anders heissen. Als Mittvierziger schaue ich mich nach Männern um, die ihre erste Frau lieben und eine glückliche Ehe mit ihr führen; die den Draht zu ihren Heranwachsenden nicht verloren haben; die mit ihren erwachsenen Kindern weise und liebevoll umgehen, die dem Glauben den Rücken gekehrt haben, und dies nicht auf Kosten der Wahrheit und der eigenen Integrität; die sich nach wie vor mit Herzblut in einer Gemeinde einbringen; die das Evangelium mutig verkündigen und nicht der säkularen Trennung zwischen öffentlich und privat stattgegeben haben. Die ein Herz für die nächste Generation haben, anstatt nur für sportliche Events zu schwärmen und die neusten Prospekte für den Erwerb des Segelboots durchzukämmen. Die beruflich Grenzen gezogen haben und um einen ausgewogenen Tagesablauf und um eine Ernährung ringen, die nicht auf Kompensation oder Verwöhnung beruht.

Wo sind sie, diese Männer? Es wird mir schmerzlich bewusst: Ich kämpfe um genau diese Dinge, die ich oben aufgeführt habe. Mein tägliches Gebet lautet: „Stärke mein Verlangen nach DIR und nach meiner Frau.“ Dabei stelle ich nicht nur meine eigene Alterung an den weissen Haaren und anderen körperlichen Veränderungen fest. Ich werde mir meiner Unzulänglichkeiten immer wieder schmerzlich bewusst. Ich habe zwei linke Hände, nix mit dem begeisterten Hobby-Bastler. Ich verfüge über keinen Fahrzeugpark. Auch meine Bibliothek lässt zu wünschen übrig. Karriere habe ich keine gemacht. Ich sorge mich um Zukunft und das Wohl meiner Söhne. Da ist wenig von extrovertierter Spritzigkeit zu spüren. Abends bin ich um neun Uhr todmüde. Ich kämpfe mit Anspannung und Perfektionismus. Ich will stets mehr als geht.

Halt! Geht es nicht gerade darum, nicht das äussere Selbst zu polieren? Durch die Trennung der Lebensbereiche stehen wir in Gefahr, uns verschiedene Identitäten aufzubauen und mit unterschiedlichen Gesichtern zu operieren. Ich will einer sein – egal ob man mich an der Arbeit, in der Familie oder in der Kirche erlebt. Ich stehe dazu: Ich bin ein begnadigter Sünder. Ich trage die Neigung in mir mehr sein und darstellen zu wollen als ich bin. Zaudernd blicke ich in die Zukunft und weiss, dass mein Herr seinen Erziehungsprozess mit mir fortsetzen wird, bis ich am Ziel angelangt bin. Wahrscheinlich wird es mir nicht anders gehen als dem Pilger Christ in Bunyans Pilgerreise, der über die Ziellinie getragen wird und vorher durch den dunklen Fluss musste.

An der diesjährigen E21-Konferenz werde ich über „Christus-zentriertes Familienleben“ sprechen. Damit es klar ist: Das ist mein Not-, nicht mein Fachgebiet! Ich freue mich darauf auf Männer zu treffen, die Jesus umgekrempelt hat und die wie ich stolpernd unterwegs sind auf dem Weg zur ewigen Seligkeit.

Buchbesprechungen: 7 Bücher für die einsame Insel

Welche Bücher würde ich auf eine Insel mitnehmen? Dank elektronischem Lesegerät bin ich in der Lage Gesamtwerke mitzutragen. Dies ist meine Auswahl – abgesehen von der Bibel (ESV Study Bible).

  1. Johannes Calvin. Institutio. (als Buch); Rezension; umfassende Darstellung des christlichen Glaubens
  2. Herman Bavinck. Reformed Dogmatics. 2500 Seiten Bavinck in 100 Tagen; Dreiklang aus biblischer Theologie AT & NT, Dogmengeschichte und Anwendung auf moderne Fragestellungen
  3. C. S. Lewis. Complete Letters. Vol.1;  Vol. 2; Vol. 3; meine Rezension
  4. Gilbert K. Chesterton. Complete Works. Kindle-Ausgabe; meine Einführung „G. K. Chesterton für eine neue Generation
  5. John Bunyan. Die Pilgerreise. (als Buch, sprachlich überarbeitet), zum Vergleich ältere Ausgabe. Mein Vorwort zum Buch.
  6. Blaise Pascal. Pensées. Ich empfehle die ausgezeichnete kommentierte Einführung von Peter Kreeft. Die wichtigsten Abschnitte habe ich hier aufgeführt.
  7. Jonathan Edwards. Complete Works (Kindle-Ausgabe). Zur Einführung empfehle ich The Essential Edwards Collection und vom selben Autor The Essential Jonathan Edwards: An Introduction to the Life and Teaching of America's Greatest Theologian (erscheint in Kürze)

Kolumne: Wie führe ich mich in Belastungsspitzen?

Was sind meine Überlegungen in Zeiten der Hochleistung?
 
Vor der Hochleistung
  • Das Zentrale sind die Erwartungen. Ich nehme den Engpass vorweg.
  • Für Anreisen rechne ich genügend Zeit ein und stelle mich innerlich auf Verspätungen ein.
  • Als introvertierter Mensch achte ich auf meinen Energiehaushalt bei Begegnungen.
  • Bezüglich Schlaf bleibe ich realistisch: Meistens sind es drei Zyklen à 90 Minuten.
  • Ich trinke mehr Wasser als sonst und esse vor allem abends nicht schwer.

Während dem Auftritt

  • Wenn es mir in den Sinn kommt, achte ich mich auf Atmung und Anspannung (Rücken, Lenden, Gesäss).
  • Keine "Seitentüren" öffnen (z. B. eine zusätzliche Diskussion).
  • Zeit lassen für die einzelnen Sätze. Die anderen brauchen Zeit fürs Aufnehmen.
  • Wenn immer möglich kurze Pausen zum Festhalten, Verarbeiten und Austauschen einbauen
  • Ich nütze Räume zum Rückzug.
Direkt nach der Hochleistung
  • Ich schreibe auf, was mir an Gedanken kommt.
  • Manchmal verfasse ich einen Artikel, weil es nach Auftritten so präsent ist.
  • Ich wechsle unterwegs den Platz, wenn ich merke, dass ich die Gespräche der Sitznachbarn nicht absorbieren kann.
  • Besonders achte ich auf meinen eingesackten Oberkörper und gehe immer wieder bewusst in eine korrekte Körperhaltung.
  • Ich habe verschiedene Atem- und Entspannungsübungen auf Lager.
Folgetag
  • Manchmal trinke ich am Folgetag keinen Kaffee, um meine Müdigkeit ganz zu spüren.
  • Ich rechne mit einem emotionalen Einbruch.
  • Ich legte mich nach Möglichkeit zwischen 1300 und 1500 Uhr hin (selten zwischen 1700 und 1900 Uhr).
  • Nach Möglichkeit gehe ich schwimmen.
  • Ich lege mir eine erleichterte Arbeitslast auf. Was nicht sofort ausgeführt werden soll, geht auf eine Liste zur inneren Entlastung.