Hanniel bloggt.

Aufenthaltsort: In der Welt. Identität: Nicht von dieser Welt. Mandat: Gesandt in diese Welt.

Doug Wilson beschreibt in seinem Buch “Future Men” fünf permanente Aufgabenfelder in der Erziehung von Jungen. Beim ersten Lesen empfand ich diese Sicht etwas “altbacken”, doch beim Nachdenken wurde mir bewusst, wie ausgewogen diese Sicht ist.

  1. Herrschaft: Der Mann wurde geschaffen, um über die Erde zu herrschen (siehe Schöpfungsbericht, 1. Mose 1,26-28; der Auftrag wurde nach der Sintflut wiederholt, 1. Mose 9,1). Jungs wollen immer etwas haben, das sie erobern und beherrschen können. Die entscheidende Aufgabe ist nun, sie anzuleiten ihre Energie in Gehorsam zu diesem Mandat zu kanalisieren. Frage: Was haben deine Jungs, was sie erobern können?
  2. Ehemänner: Männer wurden von Gott nicht nur dazu geschaffen, Dinge zu entdecken und zu erobern, sondern auch das Eroberte zu verwalten und zum Blühen zu bringen. Frage: Was haben deine Jungs, was sie verwalten und pflegen können?
  3. Retter: Männer haben auch den tiefen Wunsch zu retten. Jungs haben deshalb das Bedürfnis, jemanden zu haben, den sie verteidigen und im Kampf vertreten können. Frage: Wen könnnen deine Jungs schützen, retten, verteidigen?
  4. Weise: Jungs sollen weise werden. Wir müssen ihnen also beibringen zu sutideren, zu lernen, Bücher zu lesen, zu diskutieren, zu disputieren. Zu leicht geben wir uns mit den “Outdoor”-Aktivitäten zufrieden. Dabei brauchen sie auch Futter für ihren Geist. Frage: Welche Inhalte haben deine Jungs zu verfügen, um geistig zu wachsen?
  5. Träger von Gottes Herrlichkeit: Jungs müssen angeleitet werden, wie sie ihre Verantwortung leben können. Sie sollen, so sagt es Paulus, Gottes Herrlichkeit repräsentieren. Frage: Welches Lernfeld haben deine Jungs, um ihrem Herrn ähnlicher zu werden? 

Die Rückfahrt war für 10.00 Uhr geplant. Wir kamen eine gute Stunde vor der Abfahrt beim Bahnhof an. Ich setzte mich mit dem Gepäck in ein Kaffee, der Rest der Familie schwärmte in die Stadt aus, um einige Kleinigkeiten zu erwerben. Ich trank eine Tasse Tee und las im Neuen Testament. 10.45, 10.50, 10.55. Ich war schon unruhig geworden und betete, dass ich die Freude in Jesus in diesem Moment behalten würde. Da kamen sie daher gestürmt. Der Zug brauste davon, wir standen verdattert da. Tränen in den Augen, das ist kein „Schleck“ mit Kleinkindern, wenn die Rückreise nochmals eine Stunde länger dauert. Ich erkundigte mich, wann die nächste Verbindung gehen würde. Reservierung weg, Zug voll, zweimal mehr umsteigen, Reisezeit verlängert. Wir sind müde, die Kinder auch. Ich entdecke eine neunköpfige Familie, die eben auch am Bahnhof eingetroffen ist und in die gleiche Richtung fährt. „Wir sind einfach mal gefahren und schauen jetzt, wann es eine Verbindung gibt.“ In diesem Moment wird mir bewusst: So unflexibel sind wir, zeitlich gebunden, eingeparkt. Welche innere Weite entsteht im Wissen, dass wir dies hinnehmen und gespannt sein dürfen, was wir durch die verpasste Verbindung gewinnen würden. Mit Jesus unterwegs zu sein ist oft anstrengend und selten bequem, doch spannend.

Eigentlich ist diese kleine Begebenheit ein Spiegel für unser gesamtes Leben: Wir sind so fixiert auf unsere Pläne und (vielleicht dadurch?) so wenig offen für das, was Jesus uns bereithält. (Anmerkung: Ich schreibe diese Zeilen auf dem Bahnhof, frierend und gespannt auf das, was uns in den nächsten Stunden erwartet. Die wartende freudige Haltung gibt Ruhe.)

Doug Wilson schreibt über die Konstanten und die Wechsel in seinem Leben als Christ:

The emphases of the home I grew up in — for which I continue to thank God — were absolute faith in the Scriptures, an emphasis on practical obedience, a commitment to the foundational necessity of the new birth, and a contrarian bent. It didn’t matter what everybody was saying, it mattered what God was saying.

(…) There were three great doctrinal shifts. I didn’t see the coherence of them at the time, but later I could see exactly how God had blessed me. The first great shift happened in the mid-eighties, when I became postmillennial. The second occurred in the late eighties, when I became a Calvinist. And the third happened in the early nineties, when I became a paedobaptist. In between the second and third one, I came to a Calvinist understanding of sanctification, in distinction from my earlier perfectionism.

Den theologischen Kurswechsel begründet er so:

I wanted my life to line up with what the Bible taught, and not just in the realm of ethics. I wanted what was happening to me, and what was happening in the world around me, to be what the Bible was talking about. I wanted everything to be integrated, and internally consistent, and I wanted it to happen without forcing the Bible to say things it didn’t say. That meant, in effect, that I had to stop saying certain things that I was saying.

Am letzten Abschnitt kann ich für mein eigenes Leben nahtlos ein “Amen” dazu setzen.

Spitzer gibt Eltern zu bedenken, die sich verunsichert fühlen, weil sie den schädlichen Einfluss der Bildschirm-Medienmedien auf ihre Kinder bemerken, aber bei Abstinenz ein Aussenseiterdasein ihrer Sprösslinge befürchten:

Wenn also, wie die amerikanische Akademie für Kinderheilkunde feststellt, Kinder bis zum Alter von 18 Jahren 200‘000 Gewaltakte allein im Fernsehen gesehen haben, dann wäre es besser, wenn wir alle zu Aussenseitern würden!

Manfred Spitzer. Vorsicht Bildschirm! dtv: München 2011 (7. Auflage). (257)

Immer mehr Menschen nehmen sie in Anspruch, immer mehr wird sie von politischen und sozialen Interessen in Anspruch genommen und immer mehr wird die überkommene aufklärerische Intention von einer gegenläufigen Tendenz durchkreuzt. Die beschleunigte Umwälzung der ökonomischen und technologischen Basis der Gesellschaft fordert ihren pädagogischen Preis: Fassbar wird er z. B. im expansiven Zwang zum Dauerlernen, in dem sich der strukturelle Widerspruch von Fremd- und Selbstbestimmung handgreiflich zuspitzt: die Bildungsprozeduren im Zwangskorsett der Moderne kehren sich schliesslich gegen sich selbst. Das expandierende, hochdifferenzierte, funktional operierende Qualifizierungsgeschäft läuft mehr und mehr leer. Zielte es einstmals aufs Subjekt, genauer: auf die selbsttägige, kritische Aneignung seiner Lebensumstände, so löst der forcierte Weiterbildungsmarkt diesen Zusammenhang ausdrücklich auf. Er setzt auf den permanenten Durchfluss von Qualifikationen, in die die Verfallszeiten gleichsam schon eingebaut sind. Paradox formuliert: Der Erfolg des modernen Weiterbildungssystems ist seine Substanzlosigkeit. Es bleibt funktionalistischer Theorie überlassen, dies als blossen Gewinn zu verbuchen: als Universalisierung von Lernen und Qualifizierung, als wachsenden Zwang, den eigenen Lebenslauf zu konstruieren.

Ludwig A. Pongratz. Untiefen im Mainstream. Zur Kritik konstruktivistisch-systemtheoretischer Pädagogik. Ferdinand Schöningh: Paderborn 2009. (15)

Ein Zitat von D. A. Carson, gefunden bei Kevin DeYoung:

If you keep burning the candle at both ends, sooner or later you will indulge in more and more mean cynicism—and the line between cynicism and doubt is a very thin one. …

We are whole, complicated beings; our physical existence is tied to our spiritual well-being, to our mental outlook, to our relationships with others, including our relationship with God. Sometimes the godliest thing you can do in the universe is get a good night’s sleep—not pray all night, but sleep.

Fast hätte ich einen Vortrag unterschlagen! Beim Nachzählen entdeckte ich, dass ich eine kraftvolle Botschaft zu Galater 3 von D. A. Carson noch nicht aufs Netz gestellt habe. Der Vortrag hat mich insbesondere darum fasziniert, weil sie unser Lesen des Alten Testamentes korrigiert und bereichert. 

Die Frage: Wie las Paulus das Alte Testament? Oder mehr zugespitzt: Was ist der Unterschied zwischen dem Lesen vor und nach seiner Bekehrung? Was ist der Unterschied in seiner Hermeneutik?

Wenn du im 1. Jahrhundert einen konservativen Juden gefragt hättest: Wie kannst du Gott wohlgefallen? Ich kann Gott wohlgefallen, indem ich dem Gesetz gehorche. Und wie hat Jesaja Gott wohlgefallen? Indem er dem Gesetz gehorcht hat. Und König David? Indem er dem Gesetz gehorcht hat. Mose? Indem er dem Gesetz gehorcht hat. Abraham? Dito. Moment, das Gesetz war Abraham gar noch nicht gegeben. Genesis bezeugt, dass Abraham alle Richtlinien von Mose gehorchte. Er musste eine Privatoffenbarung der Torah bekommen haben. Und wie war es mit Henoch? Indem er dem Gesetz gehorcht hat. Der Text bezeugt: Er wandelte mit Gott. Auch er empfing eine Privatoffenbarung. So las Paulus wohl das Alte Testament als Pharisäer. Das Gesetz hatte also einen Stellenwert bekommen, der die ganze Hermeneutik gesteuert hat.

 In Galater 3 und 4 werden die Erzählungen des AT betont. In Abraham sollten alle Völker gesegnet werden (V. 8). Er wurde gerechtfertigt durch Glauben, bevor das Gesetz gegeben worden war. Und was geschah, als dann das Gesetz gegeben wurde? Die Zeitabfolge wird betont. Der zuvor geschlossene Bund wurde nicht aufgehoben (V. 17). Paulus weigert sich also, das Gesetz zum ausschlaggebenden Punkt seiner Hermeneutik zu machen. Bevor er Christ geworden war, las er die Erzählungen des AT “abgeflacht” vom Gedanken des Gesetzes ausgehend. Jetzt sagt er: Nur dann kann das AT recht verstanden werden, wenn wir die Zeitabfolge bedenken. Das Gesetz kann nicht die zuvor gegebenen Verheissungen rückgängig machen.

Warum ist das Gesetz denn überhaupt gegeben worden? Was für ein hermeneutischer Wechsel! Das Gesetz ist um der Sünde willen hinzugekommen. Das Gesetz ist nicht nur gegeben, um die Sünde einzudämmen, sondern auch um aus der Sünde Übertretung zu machen. Jetzt gibt es viele Gebote, die gebrochen werden können. Die Auswirkung: Sünde wird noch sündiger. Das machte das Gesetz zu einer Art Zuchtmeister (V. 23+24).

Viele Christen haben diesen Text individualistisch ausgelegt, z. B. die Puritaner, John Wesley: Zuerst die allgemeine Liebe Gottes predigen, dann das Gesetz und den Fluch durch den Gesetzesbruch, dann noch mehr Gesetz. Wenn genug Zuhörer das Gewicht ihrer Sünde verspüren, dann predigst du noch mehr das Gesetz. Mixe dann ein wenig Gnade mit rein. Wenn die ganze Zuhörerschaft betrübt ist und fragt, was sie tun sollen. Dann predige Gnade und die reiche Vergebung. Sehr schnell mische ich dann wieder etwas Gesetz zu. Der Grund? Das Gesetz wird gegeben, um zu Christus hinzuführen. Bevor sie gereinigt werden, müssen sie ihren Schmutz sehen.

Das Gesetz hat eine vorbereitende Funktion für die Gnade. Aber der Fokus ist nicht auf einer individuellen Psychologie, wie ein Mensch zum Glauben kommt. Es ist Gottes Absicht in der Heilsgeschichte. Wichtiges hermeneutisches Prinzip: Du musst der biblischen Erzähllinie folgen. Paulus geht ähnlich vor in Römer 4. Abraham wird durch den Glauben gerechtfertigt, bevor er beschnitten wurde. Die Auswirkung davon ist, dass der Gedanke der Beschneidung etwas zurückgestellt wird. Auch hier beruht die Argumentation auf dem geschichtlichen Ablauf. So geschieht es auch im Hebräer. In Hebräer 8 zitiert der Verfasser Jer 31. 600 Jahre vor Christus wird der neue Bund angekündigt. Was alt ist, erübrigt sich und fällt weg. Es gibt durch das Alte Testament den Faden hin zum kommenden David. Gleicherweise gibt es den Faden eines kommenden neuen Bundes. Es gibt eine Erwartung, wo alles hinführen muss.

Mit der individualistischen Auslegung gibt Gal 3 gleich eine Anwendung für uns. Was solltest du als Christ schlussfolgern? Du fragst dich: Na und? Zweifellos hätte Gott sofort von Abraham zu Jesus kommen können. Warum dann noch Mose und der Rest des AT? Was hat das Gesetz beigetragen, was wir brauchen? Viele Dinge. Zum einen das System von Opfer für Sühnung; was es kostet, in die Gegenwart des transzendenten heiligen Gottes zu kommen; wie wir einen Mittler brauchen; Unterscheidungen zwischen heilig und nicht heilig; Einrichtungen, in denen das Kommen Jesu vorgebildet werden (Tempel; Passah); was wir tun und nicht tun sollen, Segen und Flüche. Aber nicht mal Mose konnte in das Land eingehen. Sie bekommen später einen König, aber es entpuppte sich nicht als etwas Gutes. David war viel versprechender – bis zu seiner Affäre. Nach wenigen Jahrhunderten ist das Nordreich im Exil, doch würde Gott auch den Tempel zerstören? Doch Gott liess die ganze Stadt zerstören. Die davidische Linie wird ins Exil katapultiert. Esra und Nehmia sind wunderbare Bibellehrer und Reformatoren – und einige Jahre später? Die Männer schlafen mit ausländischen Frauen, und der Tempel ist verunreinigt. Das Gesetz hat also ausgiebig unsere Sünde und Hilflosigkeit gezeigt. Zweifellos ist das Gesetz gut, aber ich bin es nicht. Je mehr wir auf das Gesetz vertrauen, desto mehr Zerstörung und Hoffnungslosigkeit gibt es. Dies ist das Bild des Alten Testamentes, das Paulus im Zeitablauf las. Er konnte das Gesetz nicht mehr zum hermeneutischen Anker machen.

Paulus zeigt auf, dass Gott in seiner Güte 1500 Jahre gegeben, um den Menschen die Sündhaftigkeit aufzuzeigen. Ohne diese Einsicht ist es unmöglich das Evangelium zu verstehen. Wir müssen den Leuten zeigen, dass Paulus nachvollziehbar und treu das AT gelesen hat. Wir müssen sehen, wie schlimm die Sünde ist. Heute wird das Evangelium so dargestellt. Bist du frustriert, unglücklich, alleine, hoffnungslos? Weißt du, dass Gott das Leben in Überfluss hat? Wenn du dies willst, dann komm zu Jesus. In einer Hinsicht ist es furchtbar falsch. Natürlich: Besserer Sex, Arbeit, Familie, Rentenplan mit einer Vorsehung, die mich bewahrt vor Schwachem. Wir alle wollen geistlich sein, nicht nur rational. Ich hätte gerne dieses überfliessende Leben. Aber spricht Johannes 10 wirklich davon? Das führt Menschen zu einer falschen Idee von Errettung. Kein Wunder, dass Menschen sich auf dieser Basis entscheiden nicht dabei zu bleiben. Der Zorn Gottes wird 600mal im AT erwähnt. Das soll heissen: Der rettende Gott ist zugleich der, der mit seinem Zorn uns gegenübersteht. Diese beiden kommen im Kreuz zusammen.

Einer der grössten Nöte in unseren Gemeinden: Wie werden wir das Gesetz predigen? Wir müssen anfangen zu begreifen, wie Gott über Sünde und Ungehorsam denkt – über Götzendienst, Schmutz, Verleugnung. Wie viele Menschen die heute zu Christus kommen, sind der Überzeugung, dass sie die Hölle verdienen? Paulus erklärt: Gott ist derjenige, der die Gottlosen rechtfertigt. Manchmal kommen Menschen aus den verrücktesten Gründen zu Jesus. Gott hat uns nicht nur die Verheissung Abrahams gegeben, sondern auch das Gesetz. Wir müssen aufzeigen, wie furchtbar die Sünde ist, damit sie die Grösse der Gnade Gottes erkennen.

Ein weiteres Beispiel: Galater 4,21-31. Beim Lesen kommt uns dieser Abschnitt sehr gekünstelt vor. Was hat Hagar mit dem Berg Sinai zu tun? Und dann der Gebrauch des Wortes “Allegorie” in V. 23. Interpretiert Paulus das AT allegorisch? Bedenke, dass das Verständnis von Allegorie im 1. Jahrhundert von unserem Verständnis abweicht. Damals meinten sie: Etwas auf eine andere Weise ausdrücken. Heute hat das Wort eine bestimmte Bedeutung: In den Text einen aussertextlichen Rahmen importieren. Beispiel von Philo: Abraham, Isaak und Jakob repräsentieren die drei Prinzipien der griechischen Bildung. Paulus besteht darauf, dass seine Auslegung wirklich textbezogen ist. Er sagt: Schaut euch die Paare im AT an, Sara und Hagar, Isaak und Israel, Sinai und Jerusalem, mosaischer und neuer Bund. Jedes Mal weist ein Teil der Verheissung, und der andere Teil auf den des Gehorsams und Ungehorsams. Paulus schaut jetzt nicht auf Beweistexte, sondern schaut die Reihenfolge an. Lerne das AT so zu lesen wie die ersten Christen des NT.

Noel Piper hat für die Frauen einen Vortrag gehalten. Ich freue mich schon darauf ihn zu hören – zusammen mit meiner Frau. Hier geht es übrigens zu den Live-Mitschnitten der Konferenz von Evangelium21.

Der letzte Vortrag von D. A. Carson hat mich besonders bewegt. Er predigte über die Veränderung unseres Gebetslebens. Die letzten Vorträge waren exegetisch phantastisch aufbereitet, in diesem Vortrag schlägt das pastorale Anliegen Carsons voll durch. Das sind meine Notizen:

Einführung: Kinder können unglaublich gut nachahmen, denn so lernen sie viel. Ist euch schon mal aufgefallen, dass alle Kinder in der deutschsprachigen Schweiz Schweizerdeutsch sprechen? Warum? Weil sie das kopieren, was sie hören. Vieles von dem, was wir lernen, lernen wir durchs Imitieren. Wenn du säkular aufgewachsen bist und nie besten gelernt hast und an der Uni Christen triffst, dann kann es sein, dass dein erstes Gebet einfach eine Nachahmung dieser Menschen war. Wenn du in einer konservativen Familie wie ich aufgewachsen bist wie ich, dann hast du Gebete von klein auf gehört. Carson hat noch im alten Englisch beten gelernt.

Wie können wir das Gebetsleben der Gemeinden erneuern? Die Antwort muss sein: Wir brauchen bessere Vorbilder. Es ist wichtig, dass unsere pastoralen Gebete in der Gemeinde gut durchdacht sind. Die besten Beispiele aber finden wir in den Gebeten der Bibel: Wofür wir beten sollen, welche Sprache, welche Themen. Wenn wir diese Gebete auswendig lernen und beginnen, sie in unserem Kontext zu beten, dann lernen wir neu zu beten. Es wäre auch gut, die Gebete Moses’, Daniels und Davids zu lernen.

Aufbau des Vortrags

  1. Die Anliegen des Gebets
  2. Die Gründe des Gebets
  3. Der Lobpreis am Ende des Gebets

Wofür betet Paulus hier?

Es gibt zwei Anliegen: 1. Dass wir Gott uns Kraft gibt in unserem inneren Wesen durch seinen Geist (V. 16). Es ist also ein Gebet um Kraft. Schon vorher hatte Paulus um diese Kraft gebetet (Eph 1,18-19). Diese Macht ist dieselbe, wie er in der Auferstehung von Jesus offenbart hat. So wagt Paulus es hier, für dieselbe Kraft für die Gläubigen zu beten! Sehen wir, wie diese Kraft definiert wird: Sie soll in unserem inneren Menschen wirken. Der Ausdruck kommt nicht sehr häufig vor, dafür sehr eindrücklich in 2Kor 4,16-18. Der äussere Mensch, also unser Körper, verfällt von Tag zu Tag mehr. Manchmal ist das nicht sehr lustig. Meine Mutter ist an Alzheimer gestorben. Glaub mir, da sieht der Auferstehungsleib sehr gut dagegen aus. Was Paulus sich erbittet, ist nicht eine Kraft für den verfallenden Körper. Denn am letzten Tag, wenn Jesus wiederkommt, würde dieser Körper erneuert werden. Wofür er jetzt hier bittet, ist dass der innere Mensch gestärkt wird. Das wird uns mit neuer Entschiedenheit, Entscheidungskraft und wahrer Erkenntnis, Integrität und Heiligkeit ausstatten.

Wenn Paulus für Kraft betet, für welchen Zweck erbittet er dies? Einige wollen Kraft, um als kräftig betrachtet zu werden, zum Beispiel Simon der Zauberer (Apg 8). Gott gibt uns nicht die Kraft, um über irgendetwas zu triumphieren. “Damit Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohne” (V. 17). Weiss Paulus nicht, dass er für Christen beten, in deren Herzen bereits der Geist wohnt? Zum Beispiel ist es üblich für Christen, dass sie Gott kennen. Aber das hindert Paulus nicht daran, in Phil 3 zu beten: O, dass ich ihn doch erkenne, die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seines Leidens. Paulus kannte Gott bereits, aber er will ihn noch mehr erkennen. Er nimmt Residenz in uns (V. 17), das ist ein starkes Wort. Stellt euch ein junges Ehepaar mit wenig Geld vor, das ein kleines Haus kaufen kann. Es ist günstig, herunter gekommen und wird in mühevoller Kleinarbeit über Monate und Jahre erneuert. Nach einigen Jahren war es von den beiden geprägt. So nimmt Christus in uns Residenz. Er findet uns als Menschen mit schwarz-silbener Tapete vor, mit viel Hundegeruch im Teppich, verfallendem Dach. Mit derselben Kraft, die Jesus aus den Toten brachte, fängt er diese Erneuerung bei uns an. Das Evangelium bringt uns nicht nur Vergebung, sondern auch Veränderung. Er erneuert uns und macht uns zu einer angenehmen Wohnung. Das ist das Wunder der Heiligung. Diese bildliche Beschreibung kann auch an anderen Stellen gefunden werden, z. B. Gal 4,19: Christus, der Gestalt in uns annimmt. Christsein ist mehr als ein Bekenntnis (nie weniger).

Mit welchen Ressourcen wird dieses Gebet beantwortet?

Die Kraft wird nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit gegeben. Bei jedem Vorkommen bei Paulus bezieht es sich auf den Reichtum der Herrlichkeit, die für uns durch Jesus Christus erworben wurde (z. B. Phil 4,19). Alles wurde gesichert durch ihn. Aller Reichtum seiner Herrlichkeit besitzen wir durch Jesus. Die Bereitstellung ist so ausreichend wie das Kreuz Christi. Der Christ kann sich dessen sicher sein, kein Vielleicht. Gott hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, also wird er uns mit ihm alles geben. Wann hast du das letzte Mal dieses Gebet gesprochen?

Zweites Anliegen: Wir wurden in Liebe auserwählt (Eph 1,4). Gottes erwählende Kraft beruht auf seiner Liebe. Also sind wir in dieser Liebe gewurzelt und gegründet. Diese Verwurzelung geht in das nächste Anliegen ein: Die grenzenlosen Masse von Gottes Liebe zu verstehen. Obwohl wir in der Liebe eingewurzelt sind, will Paulus, dass wir das unbegrenzte Ausmass dieser Liebe begreifen. Es ist kein Gebot, dass wir Gott noch mehr lieben. Das ist ein gutes Gebet. Hier geht es darum, Gottes Liebe für uns noch besser zu verstehen. Nicht, dass Gott uns noch mehr liebt. Nun, durch das Lesen der Zeitungen und die Nachrichten wissen wir, dass Kinder ohne emotionale Stabilität verkrüppelt sind. Gott kann jeglichen Menschen nehmen und ihn erneuern.

Carson erzählt eine bewegende Geschichte von dreieinhalbjährigen Zwillingen, die von Freunden aufgenommen wurden, die während ihres Lebens 30 Pflegekinder bei sich hatten. Sie nahmen diese in ihr schon volles Haus auf, und sie blieben über drei Jahre bei ihnen, bis sie von einer christlichen Familie adoptiert wurden. Beim Kommen waren sie emotional verkrüppelt ohne Aussicht auf ein normales Leben, beim Gehen “normalisiert”.

Im ganzen Gebet von Paulus geht es darum, mit aller Gottesfülle erfüllt zu werden. Das meint: Geistlich reif zu sein. Paulus betet also für die Epheser, dass sie Kraft haben mögen, zusammen mit dem ganzen Volk Gottes das unbegrenzte Ausmass der Liebe Gottes zu verstehen. Das Ziel ist geistliche Reife. Wie kann man von der Quantität der Liebe sprechen? Paulus benutzt in einer Metapher ein lineares Mass. Dann benützt er paradoxe Sprache: Die Liebe erkennen, welche die Erkenntnis übersteigt. Sie sollen in ihrer Erfahrung erkennen, was weit über alles Denkbare hinausgeht. Es ist eines, Gottes Liebe zu kennen, etwas anderes, von seiner Liebe betrunken zu sein. Geistliche Reife ist daran messbar, wie stark zu begreifst, wie sehr Gott dich liebt. Die Liebe geht in die Ewigkeit und die Auserwählung zurück, zum Kreuz, die deine Zukunft für immer gesichert hat.

Wann hast du das letzte Mal dieses Gebet gebetet? Beginne sie in dein Leben und in das Leben der anderen Menschen hineinzubeten. Das bedeutet es in Jesus Namen zu beten. Das ist keine magische Formel. Es bedeutet dafür zu beten, was Jesus will, dass wir beten.

Die doppelte Basis für die Anliegen

Der Grund für dieses Gebet geht auf Eph 3,1 zurück. Dies wiederum geht auf Eph 1+2 zurück. Zusammengefasst: Paulus entwirft eine überragende Vision von Gott. Es ist alles zum Lobpreis seiner Gnade. Diese Absichten bringen Juden und Heiden in einer neuen Menschheit zusammen, errettet durch das Kreuz. Streit und Hass ist beseitigt. Die Heiden, die einst noch weiter weg waren von Gott, sind nahe gebracht. Jesus Christus selbst ist zu ihrem Frieden geworden. Ihr alle seid Mitbürger in Gottes Volk und seine Hausgenossen. Das ist Paulus’ Vision. Aus diesem Grund beugt er seine Knie. Er betet nicht nur einige fromme Sätze. Er bringt diese Anliegen vor Gott, weil sie seinen erlösenden Absichten entsprechen. Wir sollen zu einem Volk werden, dessen Erneuerung sichtbar wird.

Der zweite Grund: Jedes Verständnis von Vaterschaft findet sein Modell in Gott, dem Vater. Wenn wir zum Vater kommen, um uns etwas von ihm zu erbitten, dann kommen wir zu einem, der uns als Vater liebt. Das lässt uns an die Bergpredigt und an andere Lehren Jesu denken: Wenn ein Sohn den Vater um Brot bittet, wird er ihnen keine Schlange geben. Paulus wagt es hier, vom himmlischen Vater das Grösste, Beste zu erbitten.

Der Schluss des Gebetes

Es gibt zwei wichtige Aussagen des Lobpreises: Das Gebet ist an den gerichtet, der über die Massen mehr tun kann als das, was wir erbitten. Vielleicht sagen wir: Ein solches Gebet wird keinen grossen Unterschied ausmachen. Er ist ein Gott von unendlicher Kraft. Einige von uns beten so, als wären wir funktionale Idealisten. Wir wollen nicht um zu viel bitten, denn dann würden wir enttäuscht werden. So sieht Paulus die Sache nicht. Was könntest du dir als kühnste Auswirkung dieser Konferenz vorstellen? Wie wäre es mit der Bitte, dass unsere Leben transformiert und verändert werden? Denke gross, und es ist zu klein für Gottes Denken.

Sogar in diesem Moment sind wir immer noch korrupt. Wir erbitten uns diese Kraft vielleicht nur um der Erfahrung willen. Wir wollen die Dinge, aber nicht den Gott, der sie uns gibt. Das ist eine andere Form der Selbstsucht. Das ultimative Ziel dieser Anliegen ist die Herrlichkeit Gottes in der Kirche und in Jesus Christus!

Der eine kritische Moment ist der des Abschieds von Frau und Familie. Ich habe kürzlich darüber geschrieben. Der nächste kritische Moment wird die Rückkehr des voll geladenen, erfüllten, gesättigten, müden, ja erschöpften Ehemannes sein. Er trifft eine Frau, die über mehrere Tage die ganze Last von Haushalt, Kinder, Unterricht und Kontakte alleine bewältigen musste.

Wie entscheidend ist der Impuls von John Piper am Ende eines Vortrags: Wenn ich in mein Hotelzimmer zurückkomme und meiner Frau zuerst zu verstehen gebe, wie hart ich gearbeitet habe, dann ist dies kein Dienst an ihr. Wird sie es spüren, dass ich in Christus gesättigt bin? Oder wird sie zum Christus-Ersatz, indem sie auch noch meine Erschöpfung abfangen muss? Männer, das ist eine gewaltige Herausforderung für mich. Ich bin ein verwöhnter Ehemann. Ich brauche dringend die Erneuerung von Christus meiner Frau gegenüber!

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