Buchbesprechung: Sokrates im Dialog mit Sigmund Freud

Peter Kreeft beliefert mit ungemein lehrreichem und zugleich unterhaltsamem Gedankenfutter. Andere Besprechungen: Karl Marx, Einführung in die Philosophie von Thomas von Aquin, Jesus und die vier Grundfragen der PhilosophieBetween Allah and Jesus,  Zwischen Himmel und Hölle (Kennedy, Huxley und Lewis im Gespräch).

Fiktiver Dialog zwischen Sokrates und Freud

Die vier einflussreichsten Religionskritiker waren Nietzsche, Marx, Darwin und Freud. So schreibt der katholische Philosoph Peter Kreeft (* 1937, Boston College). Freud habe drei Hüte getragen: Erfinder der Psychoanalyse, professioneller theoretischer Psychologe und Amateurphilosoph. Kreeft geht in diesem Buch auf die letzte Kategorie ein, also auf die Welt- und Lebenssicht von Sigmund Freud (1856 – 1939). Dafür entwickelt er einen fiktiven Dialog zwischen Sokrates und Freud, der sich nach dem Tod von Freud abspielt. Die beiden Gesprächspartner gehen dem Buch „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) nach, Freuds letztes und in Bezug auf seine Grundannahmen aussagekräftigstes Werk.

Von Freud ist oft kaum mehr bekannt als seine Betonung des Unter- bzw. Unbewussten. Man weiss zudem, dass er eine wichtige Figur innerhalb der Psychologie war, unzählige Affären hatte und dass er heute „out“ ist. Mein Interesse während dem Lesen bestand darin, die „tragenden Balken“ der Lebens- und Schaffensphilosophie Freuds sowie wichtige Gegenargumente herauszufiltern.

Tragende Argumente von Freuds Weltsicht

• Jede Form von Argumentation ist Rationalisierung (12).
• Es gibt kein universelles Wissen (universal knowledge, 14).
• Der unbewusste Ursprung von Religion entspringt Ängsten der Kindheit (21). Religion wird auf kindliche Bedürfnisse reduziert (infantile needs, 28).
• Gott wird durch unbewusst durch den menschlichen Geist zur Befriedigung seiner Bedürfnisse erfunden (30).
• Als Folge des Naturalismus:
• Der menschliche Geist kann universelle und objektive Wahrheit über den Sinn des Lebens nicht in Erfahrung bringen (Skeptizismus, 39).
• Es gibt keinen objektiven Sinn des Lebens, nur die Konstruktion eines subjektiven Zweckes (42).
• Der menschliche Verstand ist das einzige (schwache) Instrument, menschliche Gedanken und menschliches Verhalten zu untersuchen (47).
• Jedes Nachdenken besteht letztlich im Rationalisieren der Lust (Lustprinzip, 57). Das Verlangen nach Vergnügen steuert unsere Überzeugungen dessen, was wir als wahr ansehen (58).
• Der Orgasmus ist der Prototyp und Standard allen Glücks (67). Wir sind letztlich alle Lust-Abhängige (68).
• Die beste Antwort auf die tiefsten Probleme des Lebens sind Drogen (74).
• Die nicht-physische, mentale Welt besteht nur subjektiv, nicht objektiv (114).
• Es gibt keinen objektiven Nutzen von Schönheit (147).
• Auf dem Grund des menschlichen Lebens liegt ein Puzzle, das gelöst werden müsste, aber nicht gelöst werden kann (152).

Einwände von Sokrates (Kreeft)

• Freud geht von der Voraussetzung aus, dass Religion falsch ist (Atheismus, 24). Er verfolgt deshalb nur die Auswirkungen, nicht aber den Ursprung von Religion (25).
• Wenn nur eine kleine Minderheit der Menschen die Überzeugungen von Freud teilt und nur diese Menschen wirklich vernünftig sind, kann Freud des Snobismus bezichtigt werden (23; 99; 120).
• Wir können nie wissen, ob Freuds Prinzipien wahr sind, weil das Prinzip selbst nicht durch die wissenschaftliche Methode (einzig zulässig für Freud) bewiesen werden kann (42).
• Nur weil Leben von Gott geschaffen ist (intentional), kann es einen (übergeordneten) Sinn haben (45).
• Jeder Gedanke über Materie ist nach den Gesetzen des Naturalismus selbstwidersprüchlich, weil er ja Teil der Materie selbst ist (52+55).
• Freud arbeitet den Hedonismus und Naturalismus konsequenter als mancher Philosoph aus (73).
• Freud reduziert das Geschenk des Lebens und das höchste Glück (summum bonum) auf die Flucht vor dem Leid (88). Freude und Wahrheit stellen sich damit oft als widersprüchlich heraus; Illusionen machen deshalb glücklicher als die Realität (91).
• Dass alle Menschen Lust und Vergnügen suchen und Leid hassen, widerspricht den Erfahrungen vieler Menschen, die das Leid und die Wahrheit vorziehen (98).
• Freud behauptet, dass Religion Leben verkürzt. Viele Studien zeigen das Gegenteil (115).
• Der gesamte Erfolg der Wissenschaft basiert auf der Ordnung und Struktur einer objektiven Aussenwelt (120).
• Männer und Frauen werden der personalen Ebene beraubt und als „Es“ dargestellt (133).
• Freuds einzige Sicherheit ist absoluter Relativismus (170).

Fazit

Kreeft arbeitet die Welt- und Lebenssicht gestochen scharf heraus (z. B. 60, 114, 137, 140); sie ist letztlich eine brillante Ausarbeitung eines „reductio ad absurdum“ (149). Das tut er keineswegs „neutral“. Von diesem Begriff müssen wir uns sowieso verabschieden. Er ist ein Ur-Dogma des Säkularismus. Jeder Mensch geht von weltanschaulichen Vorannahmen aus. Bei Freud sind dies: Atheismus (Religion), moralischer Relativismus (Resultat des epistemologischen Skeptizismus), Betonung der Triebe (sexueller Reduktionismus).

So entgegen Freud der christlichen Weltanschauung steht und zu deren Dekonstruktion beigetragen hat, so ernst müssen wir ihn nehmen. Tatsächlich neigen wir dazu, uns eine eigene Religion als unbewusste Kompensation unserer eigenen Bedürfnisse zu zimmern. Ebenso gefällt uns der Gedanke sehr, dass wir sämtliche Werte zum Eigentum des Subjekts erklären dürfen (und wir damit unser Verhalten legitimieren). Unsere Welt ist tatsächlich stark von der Sexualisierung gesteuert, auch fast 100 Jahre nach Freuds Ableben. Die Fragen, was uns antreibt (Motivation) ist für Christen zentral.

Die Bibel hinterfragt unsere Antriebskräfte an manchen Stellen. Sie bezeichnet das Herz des Menschen (als Begriff für die innere Schaltstelle von Verstand, Wille und Gefühlen) als „überaus trügerisch und bösartig“ (Jeremia 17,9). In seinem unerlösten Zustand unterdrückt es die Erkenntnis Gottes und betet statt dem Schöpfer einen Ersatz – also Geschaffenes – an (Römer 1,23).

Freud stellt dieselbe Frage wie die grossen Theologen: Wie kann der Mensch glücklich werden? Anders gefragt: Worin liegt das Glück des Menschen? Dabei entlarvt sich ein grosser Pessimismus, denn er muss Unglück vermeiden. Da es keinen übergeordneten Lebenssinn gibt, vermeidet er Leid u. a. durch Betäubung. Auch diese Analyse ist messerscharf und sollte uns zu denken geben. Der einzige (subjektive, beschränkte) Sinn ist der Hedonismus, dem Nachgeben der eigenen Lust.

Noch eine Bemerkung zu Sokrates‘ Logik. Sie hat auf uns spätmoderne Zeitgenossen eine heilende Wirkung. Ich muss jedoch eine Einschränkung anbringen: Logik kann uns nicht zu Christus führen, weil wir die Wahrheit unterdrücken müssen (Römer 1,21). Das gibt Kreeft indirekt auch zu: „Vielleicht habe ich zu viel Vertrauen in den Willen der Menschen, meinen logischen Argumenten zu folgen.“ (77; Kreeft nimmt über Sokrates übrigens einen agnostischen Standpunkt ein, 116) Genau! Letztlich handelt es sich um eine Frage des Willens (Ethik). Wir folgen unserem Argument eben nicht immer dahin, wo es uns wirklich führen würde (118). Wir scheuen uns davor, Dinge zu Ende zu denken. Hierfür brauchen wir ein neues Herz, wie schon der Prophet Hesekiel geschrieben hat (Hesekiel 36,26).

Zitat der Woche: Warum es angenehmer ist, sich Gott als allgemeines Sein vorzustellen

Ein herrliches Zitat aus dem Klassiker "Wunder" von C. S. Lewis. Die Fährte durch die Argumente des Buches habe ich in meiner Rezension gelegt.

(Gott) ist nicht ein ‚allgemeines Sein‘: Wäre er das, gäbe es keine Geschöpfe, denn eine Allgemeinschaft kann nichts schaffen. Er ist ‚absolutes Sein‘ – oder besser das ‚Absolute Sein‘ – insofern, als er allein aus sich selbst heraus existiert. Doch es gibt manches, das Gott nicht ist. IN diesem Sinne hat er einen bestimmten Charakter. (Er sagt) … unzählige Male ‚Ich bin der Herr‘ – Ich, die letzte, endgültige Tatsache haben diesen bestimmten Charakter und nicht jenen. Und die Menschen werden ermahnt, ‚Gott zu erkennen‘, diesen besonderen Charakter zu entdecken und zu erfahren. (104-105)

Der Gott des Pantheismus tut nichts und verlangt nichts. Wenn man ihn wünscht, ist er da, so wie ein Buch auf dem Bücherbrett. Er verfolgt mich nicht. Es besteht auch nicht die Gefahr, dass Himmel und Erde irgendwann einmal vor seinem Angesicht fliehen. … Ein ‚unpersönlicher‘ Gott – schön und gut. Ein subjektiver Gott der Schönheit, Wahrheit und Güte in unsern eigenen Köpfen – noch besser. Eine gestaltlose Lebenskraft, die uns durchwallt, eine ungeheure Macht, die wir anzapfen können – am besten von allem. Aber Gott selbst, der lebendige, der am andern Ende der Schnur zieht, der sich vielleicht mit ungeheurer Geschwindigkeit näher, der Jäger, König, Bräutigam – das ist eine völlig andere Sache. (111)

Zitat der Woche: Eine Gesellschaft, verweht von Relativismus und Existenzialismus

Treffende Kulturkritik!

We are, in many ways, a civilisation adrift on the stormy seas of relativism and existentialism. The first 'ism' has robbed us of any transcendent standard against which we can measure our thoughts, our words, and our deeds; the second has emptied our lives of any higher meaning, purpose, or direction. Our compass is broken and the stars obliterated, and we are left with nothing to navigate by but a vague faith in the modern triad of progress, consumerism, and egalitarism. They are not enough. …

In our public schools today, there are only three virtues taught: tolerance, multiculturalism, and environmentalism. Really, there is only one: inclusivism or, better, egalitarianism – all people and ideas should be treated the same; all cultures are equally valid; man is not distinct from nature but merely another species.

Louis Markos. On the Shoulders of Hobbits. Moody Publishers: Chicago, 2012. (10+12)

Buchbesprechung: Zwei wichtige Hilfsmittel für das Bibelstudium

Diese zwei Hilfsmittel habe ich in der letzten Zeit besonders schätzen gelernt. Über die Links geht es zu meinen kurzen Rezensionen.

Leland Ryken. Literary Introductions to the Books of the Bible. Crossway, 2015.

Der Autor betrachtet die einzelnen Bücher der Bibel aus literarischer Perspektive. Leland Ryken ist emeritierter Professor für englische Literatur mit jahrzehntelanger Lehrtätigkeit am renommierten Wheaton College. Er hat verschiedene Bücher zum Thema „Die Bibel als Literatur studieren“ verfasst. Sind die literarischen Formen genügend wichtig um genau studiert zu werden? Im Vorwort führt Ryken folgende sieben Gründe an: Die Form gehört unverzichtbar zum Inhalt jedes Schriftstücks. Das „Wie“ öffnet die Türe zum „Was“. Die Auseinandersetzung mit den literarischen Formen stellt sicher, dass wir uns zunächst mit dem Text selbst auseinandersetzen und nicht gleich über den Text zu reden beginnen. Die Autoren wählten ganz bewusst eine bestimmte Form des Textes. Jede der Literaturgattungen folgt eigenen Regeln zu ihrer Interpretation. Diese zu beachten bewahrt vor Fehldeutungen. Gott inspirierte auch die Form, in denen die Schreiber ihre Texte verfassten. Ausserdem schenken wir der ursprünglichen Absicht der Autoren Beachtung, wenn wir die Literaturgattung berücksichtigen. Wir werden dem Text gerecht, wenn wir seine Form beachten und in der Auslegung mit einfliessen lassen.

G. K. Beale. D. A. Carson. Commentary on the New Testament Use of the Old Testament. Baker, 2007.

Das Alte ist also durch die Brille des Neuen Testaments zu lesen – und keinesfalls umgekehrt. Dieses Werk hilft uns bei der Frage, wie wir dies tun können. Sämtliche Zitate und Anspielungen werden systematisch betrachtet. Schon wer einzelne Teile durchblättert, wird schnell feststellen: Die Vernetzung ist sehr dicht. Feine Fäden werden überallhin gesponnen. Das wiederum bedeutet, dass wir auf der einen Seite genug weit gehen sollen, jedoch nicht zu weit. Hierin ist das 1200 starke Buch eine grosse Hilfe.

 

4. Josia-Konferenz: Vereint – jetzt und für immer

Seit der Gründung von Josia – Truth for Youth bin ich mit dem Netzwerk verbunden. Ich stehe mit ganzem Herzen hinter Glaubensbekenntnis und Vision.

Josia existiert, um das Evangelium der Gnade Gottes unter jungen Menschen in Deutschland zu verbreiten und Jugendliche zu motivieren, ihr Leben voll und ganz in den Dienst unseres Herrn Jesus Christus zu stellen.

In der vierten Konferenz "Vereint – jetzt und für immer" geht es um die Abschiedsrede von Jesus in Johannes 13-17.

Jesus hat kurz vor seinem Tod am Kreuz – kurz vor dem wichtigsten Ereignis der ganzen Geschichte – seinen Jüngern die vielleicht tiefsten und wichtigsten Lehren seines ganzen Dienstes weitergegeben. Er sprach von übernatürlichem Frieden, echter Hingabe, wahrer Freude, ewigem Leben, unvergleichlicher Herrlichkeit und vor allem von einer unauflösbaren Einheit – mit dem Vater, mit den Jüngern und mit ihm selbst. „Vereint – jetzt und für immer“, unter diesem Thema wollen wir die Abschiedsworte Jesu in fünf textauslegenden Predigten studieren und darüber hinaus die Zeit nutzen, um gemeinsam zu singen, zu beten, herausfordernde Seminare zu besuchen und Gemeinschaft zu genießen. Hauptreferent ist Pastor Waldemar Justus.

Ich freue mich sehr darauf, erstmals dabei zu sein und ein Seminar zu gestalten. Die Seminarthemen:

  • Being Busy – Zeitmanagement und Prioritäten (Jörn Hägele)
  • Bibelstudium intensiv: Das Buch Habakuk (Simon Mayer)
  • Christozentrische Seelsorge (Ron Kubsch)
  • Das Grauen der Götzen (Lars Reeh)
  • Das große Ganze (Jonathan de Oliveira)
  • Evangelisation mit Herz und Verstand (Johan Hong)
  • Gemeinden gründen: Gaben einsetzen und geistlich wachsen neben Studium oder Beruf (Frank Liesen)
  • Georg Müller – Ein gewöhnlicher Mensch und sein außergewöhnliches Leben mit Gott (Robin Dammer)
  • Gottes gute Ordnung: Frauen in der Gemeinde (Seminar für Frauen) (Alena Heistermann)
  • Heiligung in Christus (Mathias Penatzer)
  • Ich bin es LEID! Wie kann Gott mich lieben und gleichzeitig leiden lassen? (Jochen Klautke)
  • Ich wachte auf und griff zum Smartphone (Hanniel Strebel)
  • Jesus und dein Geld (Ludwig Rühle)
  • Mann Gottes sein (Seminar für Männer) (Alex Heistermann)
  • Mehr als 1000 Goldstücke – Teens und Jugendliche für Gottes Wort begeistern (Rudi Tissen)
  • „Spieglein, Spieglein, an der Wand,…“ – Wie erlebe ich wahre Zufriedenheit? (Seminar für Frauen) (Elke Rühle)
  • Warum erlebe ich so wenig mit Jesus? (Boris Giesbrecht)

Modell (5): Das Leid von kognitiv begabten Kindern

Metaebene: Mein Zugang zur Erziehung

Es gibt grob gesagt zwei Zugänge zur Frage der Erziehung. Die einen gehen deduktiv von einem bestimmten Denksystem aus. Das heisst, sie legen der Beobachtung der Aussenrealität einen Raster zugrunde. Berühmt geworden sind beispielsweise Sigmund Freud (u. a. Betonung des Unterbewussten und des sexuellen Triebs) oder A. Adler (Betonung des Einflusses der Gemeinschaft). Diese Schulen unterscheiden sich von den induktiv gesteuerten, evidenzbasierten Ansätzen, die zurzeit hoch im Kurs stehen. In der Realität basieren idealistische und empiristische Schulen beide auf der Interpretation von ausgewählten beobachteten Wahrnehmungen. Als Christ sehe ich die beiden Ansätze als einander ergänzend an. Sie werden korrigiert durch die Sicht der biblischen Offenbarung. Der Mensch steht permanent in Gefahr, die biblische Offenbarung durch die momentan populären Modelle zu beurteilen (anstatt umgekehrt).

Biblische Grundlage der Erziehung

Ich führe hier wichtige Grundlagen auf, die ich aus der biblischen Offenbarung ableite:

  1. Eltern sind für ihre Kinder funktionale Vorgesetzte. Sie erhalten die von Gott verliehene Autorität, ihre Kinder „im Herrn“ aufzuziehen (fünftes Gebot, von Paulus in Epheser 6,1-3 für die Familie bestätigt). Diese Autorität erstreckt sich auf die körperliche und geistliche Versorgung (5. Mose 6).
  2. Eltern sind wie ihre Kinder Gott als ihrem Schöpfer untergeordnet. Das heisst, sie stehen beide direkt vor ihm. Für beide Seiten gilt: Sie sind im Ebenbild Gottes geschaffen, in Sünde gefallen und werden, wenn Gott es in seiner Gnade wirkt, zu neuem Leben erweckt.
  3. Die Familie ist die erste göttliche Institution, aus der sämtliche andere Institutionen (Arbeit, Kirche, Staat) hervorgehen (siehe Gen 2,24). Selbstbeherrschung ist die erste Form der Herrschaft und die Familie das erste Trainingsfeld hierfür (vgl. Gen 4).
  4. Denken und Handeln sind eine von Gott geschaffene, untrennbare Einheit. Die Erneuerung des Denkens (Röm 12,2) geht aus dem Auftrag hervor, Gott mit ganzem Verstand zu lieben. Gleichzeitig ist die Trennung von Glaube (statisch, innerlich) und restlichem Leben (dynamisch, öffentlich) ein Widerspruch in sich selbst.
  5. Gott ist, wie es im Apostolischen Glaubensbekenntnis steht, zuerst der allmächtige Schöpfer. Das heisst, auch die Erlösten leben in der Welt ihres Vaters. Es gibt keinen Bereich, der nicht seiner Herrschaft unterstellt wäre. Daraus folgt: Es gibt auch keinen Bereich, der von der Wiederherstellung der Schädigung durch die Sünde ausgeschlossen wäre.
  6. Das Evangelium ist keine Schwellenbotschaft im Sinne eines Eintrittstickets oder "ABC", sondern wird im Neuen Testament als ein Weg beschrieben. Es ist also "A-Z" des Glaubens (vgl. Gal 2,14; Kol 1,6).
  7. Gott ist Urbild des Vaters (Eph 3,15). Die didaktischen Fragestellungen sind zentrales Mittel seiner Erziehung. Wo bist? Wer hat dir das gesagt? Warum hast du das getan? Warum bist du wütend? sind tiefgehende Fragen, die er den ersten Menschen gestellt hat (Gen 3+4). Ich stelle mir diese Fragen zuerst selbst und dann auch den Kindern.
  8. Ich gehe von folgender Metastruktur des christlichen Glaubens aus: Elend, Erlösung, Dankbarkeit (siehe dieser Aufsatz). Daraus leite ich die drei Grundschritte für die Intervention ab: Warum ist es nicht so, wie es sein sollte (Sünde als Entfremdung von Gott, sich selbst, anderen Menschen und der übrigen Natur)? Woher können wir Hilfe bekommen (nur von Christus her)? Wie können wir im neuen Leben Schritte tun (Heiligung als Aufbau von Geist-gewirkten guten Gewohnheiten)?
  9. Im ersten Schritt (Elend erkennen) stellen wir Verstand, Wille und Gefühle in Gottes Licht und bitten um das Wirken seines Geistes. Bevor wir dies beim Kind tun, sind wir selbst gefragt, weil wir auch Sünder sind. Dabei vertrauen wir auf Gottes souveränes Handeln und knüpfen an der Situation (an dem, was sich gerade zeigt) an.
  10. Auch wenn die Umgebung und die anderen Menschen von der Sünde ebenfalls betroffen sind, betrachte ich das Herz als Schnittstelle für unser Denken, Reden und Handeln (Mk 7,20-23; Lk 6,45). Was von aussen an einen Menschen herangetragen wird (Umstände), sind nicht ursächlich für die Sünde. Es geht um unser Herz. Wir neigen dazu, die Umstände dafür schuldig zu  machen.
  11. Unser Herz ist eine Götzenfabrik, das heisst wir tendieren permanent dazu (Eltern und Kinder), etwas anderes als Gott an die erste Stelle zu setzen, zum Beispiel Bequemlichkeit oder Egoismus.
  12. Das Bekenntnis ist die Schlüsselstelle nach dem Erkennen von Sünde. Gott fordert uns auf unsere Sünde bereuen. Wir bitten darum, sie darüber hinaus zu hassen, sie zu verabscheuen und von ihr zu lassen. Das Bekenntnis ist die Bankrotterklärung vor Gott und das Inanspruchnehmen seiner Gerechtigkeit. Wir geben damit auch unsere Selbstrechtfertigung auf.
  13. Gute Früchte sind Anzeichen für das neue Leben und das Wachsen in der Heiligung an. So lange die Kinder unter der Obhut der Eltern stehen – ich sehe die Familie als Bundesgemeinschaft vor Gott -, werden sie als diesem Bund zugehörig betrachtet. Mit dem Erwachsenwerden bestätigen sie das Bekenntnis der Eltern oder wenden sich bewusst davon ab.

20 Zitate aus … Gott ist rot – verfolgte Christen in China

Auf Empfehlung habe ich das Buch Gott ist rot. Geschichten aus dem Untergrund – Verfolgte Christen in China gelesen und rezensiert.

Ich habe einige Aussagen aus dem Buch zusammengestellt.

Das Leid ist hier so schwer und so verbreitet, und die Leute haben nichts als Jesus, woran sie sich klammern könnten. (11)

Ich bin Christ, ich kümmere mich nicht um die weltlichen Herren, wichtig ist nur die Verkündigung der Frohen Botschaft. (31)

Die Menschen hassten einander, die Mehrheit der als arme Pächter eingestuften Bauern trampelte auf ein paar anderen, die als reiche Elemente galten, mit den Füssen herum. (36)

Ich sage zu ihr, sie solle nicht deprimiert sein, das sei alles Gottes Befehl, für uns sei Gott der Gott des Fleisches und der Seele, bevor wir nicht das Ende unseres Weges erreicht und sein wahres Antlitz geschaut hätte, läutere er uns von Mal zu Mal. (43)

Aktivität braucht keine Bildung, wer am lautesten schreit, wer am härtesten zuschlägt, wer einfach blindlings zubeisst, der kann Kader werden. (68)

Unsere Familie ist gläubig seit der Zeit unseres (Grossvaters), das hat sich uns vererbt, der Glaube ist für uns etwas ganz Selbstverständliches. (88)

In der Tat wusste er immer, was für ihn in dieser atheistischen Gesellschaft die letzte Zuflucht war. (96)

Die Gesellschaft heute ist in ihrem Denken verwirrt, in ihrem Herzen irr, die Menschen brauchen die Frohe Botschaft nötiger als früher. (121)

Ich kündige (als Kader der KP). Ich bin gerettet. (130)

Am Abend kniete ich mich nieder zum Gebet, bat den Herrn um Kraft, noch mehr von den Armen zu helfen. (135)

Ich bin immer in die Kirche gegangen, und wenn es wirklich einmal nicht erlaubt war, dann musste ich halt zu Hause beten. (161)

Wenn sie krank sind, sind alle Menschen gleich, sie brauchen Zuwendung, die von der Politik verdrehten Beziehungen zwischen den Menschen können am leichtesten unter Kranken wieder eingerenkt werden. (175)

Ich bin vom Atheismus angekrankt gewesen, ich hatte keinen Glauben, keine Freude, ich lebte nur um zu leben, ich wusste nicht, wo ein Anfang und wo ein Ende war. (201)

Die Bibel konnte ich seit Jahrzehnten auswendig, mir war jedes Wort in das Gehirn, in die Knochen geprägt, das konnte niemand mehr wegwischen. (245)

Die Kommunistische Partei hat ungedeckte Schecks ausgestellt, sie hat ganze Generationen zum Narren gehalten. (257)

Wenn es so guttut, vor aller Welt die Wahrheit zu sagen, dachte er, dann werde ich mich sicher nicht mehr verbiegen. (294)

Aber für einen Christen ist das grösste Unglück nicht, wenn er selbst in Schwierigkeiten gerät, sondern wenn er irdischer Belange wegen den Himmel verrät. (296)

Ich habe keine Schuld eingestanden, weil es kein Verbrechen ist, an Gott zu glauben. (311)

 

Modell (4): Das Leid von kognitiv begabten Kindern

Faktor 3: Nicht auffallen nach aussen (Anpassung)

Ich habe bislang festgestellt, dass die Ursache von Blockaden bei kognitiv begabten Kindern in nicht bewusst gemachten, zu hohen Erwartungen liegt. Die "Latte" wird so hoch gehängt, dass sie nicht erreicht wird. Daraus entwickelt sich die Gewohnheit, ob sich selbst enttäuscht und verzweifelt zu sein. Die Beeinflusser stabiliseren oder fördern dieses Verhalten durch Distanz (das Kind sich selbst überlassen), falsche Rücksichtnahme (Mitleid, Kleinreden von Erwartungen) oder durch Verstärkung der Erwartungen (Leistungsdruck).

Diese nicht erfüllten Erwartungen bauen inneren Druck im Kind auf. Dies verstärkt sich durch Passivität bzw. Tatenlosigkeit in der äusseren Welt. Selbst für kleine Verrichtungen oder Lernabläufe geht das Kind in die Verweigerung, nachdem es eine Zeit lang die Aufgaben auf halber Strecke liegen gelassen oder unvollständigt erledigt hatte. Damit verstärkt sich der Kreislauf: Die Erwartungen werden noch höher (oft auch durch die ungeduldig gewordene Umgebung), während die Umsetzung immer schwächer wird. Als Kompensation bietet sich die Betäubung durch virtuelle Reize oder Substanzen an.

Nun kommen wir zu einem dritten Faktor, der den Kreislauf nochmals verstärkt: Die Scham des Kindes gebietet diesem, sich nach aussen unauffällig zu verhalten. Begabungsspitzen müssen versteckt werden.

Versteckte Begabungsspitzen

Das Kind gesteht sich ungern ein, dass es gerne denkt, schreibt, rechnet, liest, programmiert, zeichnet, konstruiert. Es tut dies nur im Verborgenen des eigenen Zimmers oder in der eigenen Werkstatt. Sobald es das Gefühl hat, von aussen beobachtet oder kontrolliert zu werden, bricht es diese Tätigkeiten ab. Weshalb?

Es kommt Scham auf. Das Kind spürt, dass das Verhalten ungewöhnlich für die Kollegen gleichen Alters ist. Manchmal fallen auch Bemerkungen von Erwachsenen: "Ein Kind sollte doch … (dräussen Fussball spielen, mit anderen Kindern toben, einen Film anschauen, mit Freundinnen herumquatschen)". In dieser Form werden die Durchschnittswerte und das erwünschte Verhalten in Sekundenbruchteilen an das Kind herangetragen.

Durch das Du zum Ich

Der Mensch ist von Gott als Wesen konzipiert worden, das sich an anderen ausrichtet. Jeder Mensch ist von Geburt an in eine Gemeinschaft hineingestellt worden. Zuerst einmal ist das die Familiengemeinschaft, dann die Nachbarschaft, später die Schulklasse etc. An dieser Orientierung ist grundsätzlich nichts verkehrt, im Gegenteil: Der Mensch lernt an den Modellen alle Fähigkeiten und Verhaltensweisen, um als Erwachsener sich in seinem Umfeld zu behaupten, einen Beruf auszuüben und Nachkommen aufzuziehen. Soziologen nennen dies "Enkulturation".

Primärbindungslücken

Durch die Sünde wird dieser Anpassungsprozess verzerrt. Es schleichen sich dysfunktionale Muster ein. Das Kind lehnt die natürlichen Autoritäten (Eltern, Lehrer) ab, die Gott als seine Stellvertreter eingesetzt hat. Es beginnt sich in erster Linie an den Gleichaltrigen zu orientieren. Einzelne Bindungsforscher (wie Gordon Neufeld) haben die These entwickelt, dass sich das Kind infolge der Bindungslücken der Primärbindungen (Eltern), die sich sehr früh inhaltlich vom Kind abwenden, neu orientieren muss. Es richtet sich an Gleichaltrigen aus, welche jedoch noch nicht über die Erfahrung und den Weitblick der Erwachsenen verfügen. Dadurch werden sie oft und intensiv verletzt, was sich nach aussen oft durch gegenteiliges Verhalten (lautstarkes Reden, auffällige Bewegungen) abbildet. Innerlich ist dies jedoch Ausdruck von Bindungsunsicherheit.

Menschenfurcht ist ein Fallstrick

Als Theologe blicke ich nochmals aus einer anderen Warte auf die Situation. Die Bibel spricht von Menschenfurcht und nennt sie ein Fallstrick. Das heisst, der in Sünde gefallene Mensch neigt dazu, sich an den Erwartungen und Verhaltensweisen der Umgebung auszurichten. Es gibt ein bestimmtes Normverhalten, das ganz genau eingehalten werden muss. Das heisst, wenn die Kollegen nicht lange lesen, etwas konstruieren, komplizierte Fragen stellen, sich in eine Werkstatt zurückziehen oder sich mit älteren, erfahrenen Menschen abgeben, dann gilt dies als ungeschriebenes und im Abweichungsfall ausgesprochenes Gebot für das Kind. Das Handeln wird durch die Reaktion des Umfelds legitimiert. Wenn diese zustimmend nickt oder zumindest nichts dazu sagt, bewegt sich das eigene Handeln innerhalb des Rahmens der Erwartungen von anderen. (Man würde ja selbst ein schlechtes Gewissen oder ein unangenehmes Gefühl bekommen, wenn man aussergewöhnliche Leistungen anerkennen würde.)

Gottesfurcht ist ein Segen

Dies bedeutet jedoch für ein kognitiv begabtes Kind, dass es sich oft verstecken muss. Es darf seine Fähigkeiten nicht nach aussen zeigen. Es darf nicht auffallen, um keine negativen Rückmeldungen zu erhalten. Durch die Wiederherstellung der Beziehung zu Gott richtet sich der innere "Kompass" eines Menschen neu aus. Es eicht sich erneut am richtigen Zentrum. Es sucht den Halt nicht bei anderen Menschen, sondern zeigt stets auf seinen Schöpfer. Dies bedeutet nicht, dass zu gewissen Zeiten andere "Magnetfelder" diese Ausrichtung wieder übersteuern würden. Grundsätzlich ist jedoch das Begehren da, sich auf den "Nordpol" des Seins auszurichten.

Anpassung an die Umgebung als Stolperstein für Fromme

Leider beobachte ich, dass die Menschenfurcht für fromme Menschen ein besonderer Stolperstein zu sein scheint. Man will unbedingt vom Umfeld geliebt und angenommen sein. Nur schon die Vermutung, dass ein bestimmtes Verhalten für andere anstössig oder irritierend sein könnte, lässt sie vor aussergewöhnlichen Handlungen zurückschrecken. Eltern und Rollenvorbilder, die selbst stark durch Menschenfurcht getrieben sind, impfen dieses Verhalten auch Kindern ein und ermutigen es so ungewollt dazu, die von Gott angelegten Begabungen nicht froh und mutig zu entwickeln.

Von Unternehmern lernen

Umgekehrt fragt es sich, von wem ein solches Kind gute Impulse bekommen kann. Natürlich sind hier – wie auch in den übrigen Fällen – zuerst die Eltern gefragt. Wenn sie selbst ihre Menschenfurcht ablegen, ihr Versagen vor dem Kind bekennen und anstreben, das Kind zu ermutigen und zu stützen, ist ein wichtiger Grundstein gelegt. Es ist mir aufgefallen, dass Unternehmer solche Kinder gerne bestätigen und auch beraten und unterstützen. Sie erkennen die zukünftigen Chancen einer solchen Entwicklung. Zudem gibt es Menschen, die selbst im Lauf der Zeit ausserordentliche Fähigkeiten entwickelt haben (und dafür oft viel von anderen Menschen einstecken mussten). Es ist anregend, solche Menschen in Familien einzuladen oder für Projekte beizuziehen.

Modell (3): Das Leid von kognitiv begabten Kindern

Faktor 2: Fehlende Disziplin durch Verweigerung und Flucht

Ich bin daran, das innere Spannungsfeld eines kognitiv begabten Kindes auszuloten und dies mittels eines Modells mit mehreren Faktoren bzw. Einflussgrössen zu beschreiben. In auffälligem Kontrast zu den (zu) hohen Erwartungen steht die fehlende Umsetzung. Ich beginne dieses Mal damit, drei Auswirkungen zu skizzieren.

  1. Verweigerung: Die anfänglich grossen Fortschritte lassen mit der Zeit nach. Weil es nicht so klappt, wenn es sich das Kind vorgestellt hat, wendet es seine Energie dafür auf, diesen Situationen auszuweichen. Aus dieser Verweigerungshaltung heraus kann sich eine Gewohnheit entwickeln. Das führt zur seltsamen Situation, dass trotz oder gerade angesichts der Begabung keine Anstrengung mehr in die Entwicklung der Fähigkeiten gesteckt wird.
  2. Betäubung: Was sich Erwachsene mit Alkohol und anderen Drogen besorgen, bekommt das Kind auf anderem Weg. Es geht darum, den Schmerz bei Nicht-Erreichen des Ziels nicht mehr spüren zu müssen. Der Frust wird durch Ablenkung zugedeckt. Dafür bietet sich vor allem für Jungen die Online-Welt an. Er kann den Schmerz über das Verfehlen des eigenen Anspruchs mit den Impulsen aus der virtuellen Welt über-spielen.
  3. Rückzug: Ein weiterer Weg um zu flüchten ist der soziale Rückzug. Natürlich kann sich dieser mit den beiden ersten Formen kombinieren. Was eigentlich eine kleine Anstrengung bedeutet hätte, wird nicht mehr erledigt. Der Schmerz wird betäubt. Um den Reaktionen von aussen zu entkommen und sich der Wirklichkeit nicht stellen zu müssen, werden die Kontakte zurückgefahren.

Auf diese Weise spielt sich ein selbst schädigender Mechanismus ein. Die Spannung steigt ins Unerträgliche. Die eigenen Erwartungen sind hoch geschraubt. Die Kraft wird in den Frust und die Enttäuschung, diesen Erwartungen nicht zu genügen, investiert. Sie verpufft also nach innen. Genau diese Energie wäre jedoch nötig gewesen, um die eigenen Fähigkeiten weiter zu auszubauen.

Ein grosses Ich, das um sich selbst dreht

Wer mit etwas Distanz auf eine solche Situation blickt, entdeckt: Ein grosses Ich, das sich um sich selbst dreht. Das ist sündhaftes Verhalten. Es steht nicht mehr Gottes Ehre im Zentrum, sondern der Dienst an sich selbst. Die eigenen Erwartungen sollen befriedigt werden. Weil dies aus eigener Kraft nicht erreicht wird, werden das Ich und damit auch die eigene Umgebung geschädigt. Das Kind kann nicht das erreichen, wozu es von Gott eigentlich begabt worden wäre.

Wie reagieren die Eltern als Beeinflusser auf eine solche Situation? Das kann unterschiedlich sein: Die einen gehen auf Distanz und überlassen das Kind sich selbst. Es ist ihnen zu mühsam oder zu unangenehm, genau hinzusehen und selbst Kraft zu investieren. Vielleicht haben sie beim Bemühen, die Situation zu ändern schon selbst ihre Kraft aufgezehrt. Ihre eigenen Erwartungen und Ansprüche sind selbst parallel zu denen des Kindes enttäuscht worden.

Zudem kann sich bei den Eltern ein schlechtes Gewissen einschleichen. Dies stabilisiert die Situation. Sie kommen dafür auf, dass sich das Kind weiterhin betäuben kann. Oder – etwas niederschwelliger – sie beginnen das Kind in kleinen Angelegenheiten zu entlasten und zu „unter-stützen“. Damit stützen sie die Tatenlosigkeit. Nur mit einer hohen Anstrengung der Eltern lässt sich das Kind noch auf kleine Verrichtungen und Aufgaben ein.

Natürlich können die Eltern auch auf die andere Seite gehen: Anstatt selbst zu resignieren oder im Mitleid das Kind daran zu hindern, gute Gewohnheiten aufzubauen, treiben sie das Kind zu besserer Leistung an. In dieser Situation ist der oben beschriebene Ablauf unauffälliger über die Bühne gegangen. Das Kind erreicht die schulischen Ziele mit geringer Anstrengung und verwendet den Rest der Kraft in ablenkende Tätigkeiten und/oder Betäubung.

Auf diese Weise kann sich ein anderes Muster etablieren: Wenn die Kinder eine – für ihre Begabung und Alter verhältnismässig geringe – Leistung erbringen, werden sie damit belohnt, dass sie in eine andere Welt flüchten oder mit Konsum kompensieren dürfen. Es wird ein Tauschhandel eingerichtet: Für etwas Leistung gibt es finanzielle und zeitmässige Belohnung. Das Kind baut die Gewohnheit auf, sich nur noch mit Aussicht auf Belohnung zu bewegen. Es gibt zwei kurzfristige Risiken auf diesem Weg: Wenn die Belohnung ausbleibt, fällt auch die Leistung aus. Weil zudem der Stimulus in solchen Kreisläufen zunehmen muss, steigt der Anspruch des Kindes auf Kompensation an.

Zurück auf die Strasse kleiner Schritte

Wie kann diesem Kreislauf aus christlicher Weltsicht entgegen gewirkt werden? Zuerst ist es notwendig, dass die Antriebskräfte für das Handeln offengelegt werden. Seit wann werden die Anstrengungen des Kindes immer geringer? Was waren wichtige Momente auf diesem Weg des Rückzugs? Mit welch stützendem Verhalten haben Eltern und Kind darauf reagiert? Wo hat man sich gegenseitig etwas vorgemacht? Weshalb haben Kind und Eltern die Wahrheit so unter dem Deckel gehalten?

Wenn das Versagen und die Sünde auf dem Tisch sind, geht es darum, diese vor Gott zu bekennen. Eltern und Kinder haben sich selbst gedient und sich in den Vordergrund gerückt. Das Ändern von Gewohnheiten braucht Zeit. Es kann nicht alles von einem Tag auf den anderen gewendet werden. Verluste sind zu beklagen und anzunehmen.

Dann geht es darum, mit den eigenen Anspruch umgehen zu lernen. Das Kind wird angeleitet, den eigenen Anspruch mit Gottes Hilfe zurückzustellen. Es darf sich selbst Rechenschaft über den hohen Anspruch und die daraus entstehende Spannung abgeben. Diese Spannung wird umso grösser, als keine Anstrengung mehr unternommen wird.

Es geht also darum, Schritt für Schritt zurück ins Handeln zu kommen. Das geschieht in kleinen Portionen, täglich ausgeführt. Zum Beispiel werden jeden Tag einige Sätze in Fremdsprachen gelernt. Die Hausaufgaben werden pflichtbewusst erledigt. Das Lernen auf Prüfungen wird auf mehrere Tage oder sogar Wochen aufgeteilt.

Über diese kleinen, ermüdenden, disziplinierten Versuche hinaus gilt es mittelfristig ein oder mehrere Bereiche zu entdecken und in Besitz zu nehmen, in denen das Kind begabt ist. Das kann Literatur oder das Lösen von anspruchsvollen Aufgabestellungen im mathematischen Bereich sein; Musik, Komposition, das Erlernen von Computersprachen, das Bauen einer elektronischen Anlage. Diese Fähigkeiten kann es mit der Zeit für andere einsetzen.

Das hört sich zu ideal an, um wahr zu sein. Tatsächlich: Wenn Gott nicht das Herz, das heisst die Schaltstelle aller inneren Überlegungen, Willensimpulse und Gefühle, nicht verändert, dann spreche ich hier von einer Welt der Wünsche. Doch Gott verspricht, dass sich das neue Leben in alle Bereiche des Lebens auswirken wird. Nicht vollkommen – wir bleiben auf dieser Erde mit der sündigen Anlage -, aber grundsätzlich und substanziell.

Modell (2): Das Leid von kognitiv begabten Kindern

Faktor 1: (Zu) hohe Erwartungen an sich selbst

Der erste Faktor kommt sehr unverdächtig und harmlos daher. Es ist auch ungeheuer schwierig ihn präzise und anschaulich zu beschreiben. Das mag damit zusammenhängen, dass hier das Innere einer Person betroffen ist. Und zwar ist es nicht ein spontaner, seltener Impuls oder eine klar zu beschreibende Intuition oder eine Ergriffenheit in einem einmaligen Moment. Es handelt sich auch nicht um einen Kraft- und Willensakt, wie er seinesgleichen sucht. Diese Dinge lassen sich, weil sie ausnahmsweise vorkommen und gut im Gedächtnis haften bleiben, mühelos beschreiben.

Ein eingespielter Prozess

Bei diesen selbst vorgegebenen Erwartungen sieht es ganz anders aus. Es ist eine innere Schlaufe, also ein Prozess, der schon x-mal abgelaufen ist. Er spielt sich nicht an der Oberfläche, sondern untergründig ab. Man gibt sich deshalb keine Rechenschaft ab, wenn er auftaucht. Wie dem Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme geht man ihm ohne Rechtfertigung nach. Dazu kommt, dass er sich schon (und gerade) bei kleinen Kindern ausprägt. Aufgepasst, hier ist der Versuch einer Beschreibung:

Warum es so schwer sein kann, ein Wort auf ein Blatt Papier zu schreiben

Man sieht sich in einer Situation, in der es etwas zu erreichen gibt. Es zieht einem, eine unvollständige Sache zu vervollständigen. Bei einem kleinen Bub kann das beispielsweise eine Zeichnung, das Schreiben eines Wortes, das Bauen eines Turmes oder das Herstellen einer bestimmten Szene im Spiel sein. Vor dem inneren Auge erscheint ein Bild, wie es sein müsste, die sechs Buchstaben beispielsweise. Das Muster ist die absolute Vorgabe, die es zu erfüllen gilt. Mit ungeheurer Anstrengung werden die Buchstaben "fabriziert". Nach einer grossen Kraftanstrengung nimmt das Kind Abstand vom eigenen Werk und beginnt zu heulen. Falls es das Wort mit Bleistift gezeichnet hatte, sucht es den Radiergummi. Dann beginnt es das Wort mit langsamen, traurigen oder trotzigen, gar zornigen Bewegungen wieder wegzuputzen. So lange, bis nichts mehr zu sehen ist. Dann steht bereits das nächste Ärgernis an. Es sind noch Spuren des eben vollbrachten Greuels zu sehen. Das Blatt ist gewölbt. Der nächste Versuch wird garantiert nicht mehr gleich ausfallen wie der letzte. Der Bub beginnt erneut die Buchstaben zu Papier zu bringen. Es misslingt wieder. Zu allem Überfluss ruft noch die Mutter, er solle nun eine andere Aufgabe in Angriff nehmen. Zornig schmeisst der Bub den Bleistift hin und klappt das Heft zu.

Das innere Idealbild

In der einen oder anderen Art wiederholt sich dieser Vorgang hundert- und tausendfach. Vor dem inneren Auge ist das Bild bzw. die Vorstellung, wie es sein sollte. Trotz grosser eigener Anstrengung gelingt das Vorhaben nicht so, wie man es sich vorgestellt hatte. Dem Scheitern folgt der Ärger und dem Ärger die Resignation. Einem erwachsenen Betrachter wäre es vielleicht aufgefallen, dass die Buchstaben schon sehr gerade und ebenmässig geraten waren. Doch selbst dieses Fremdbild genügt den eigenen Ansprüchen nicht. Damit sind wir bei der Beschreibung über Vorgänge, die mit den Grundgegebenheiten des Menschen zu tun haben, sowie den Reaktionen der Beeinflusser.

Was dieser Vorgang mit den Grundgegebenheiten des Menschseins zu tun hat

Zunächst ist es erstaunlich, dass sich ein Vier-, Fünfjähriger eine solche lange Zeitspanne hochkonzentriert mit einer Tätigkeit abgeben kann. Das Bündel an kognitiven Fähigkeiten ist die Begabung des Schöpfers, die dieser ihm zukommen liess. Die innere Vorstellungskraft, das Bild, wie der Buchstabe gezeichnet werden muss, das Auge für Form und Mass, der Wille das Resultat in minutenlanger Anstrengung zu erzielen, die Fähigkeit die Buchstaben als einzelne Codes vor- und nachher in ein Wort zu verwandeln.

Gleichzeitig wird das Kind mit seiner Begrenzung konfrontiert. Es kann die Buchstaben motorisch (noch) nicht so zeichnen, wie es ihm sein inneres Bild vorgibt. Es braucht länger, als es dafür eigentlich aufwenden kann. Es muss nochmals von vorne anfangen. Das heisst, es besteht eine Differenz zwischen dem angestrebten Ideal und der tatsächlichen Umsetzung. (Wird das Kind älter, wird es auf einem anderen Niveau so bleiben.)

Noch ein Faktor kommt hinzu: Die Ungleichheit. Es mag sein, dass die um ein Jahr jüngere Schwester ihrem Bruder nacheifert. In spielerischer Manier holt sie sich eine Unterlage, ein Blatt Papier und einen Stift und zeichnet dasselbe Wort genau so ebenmässig oder gar noch ebenmässiger auf das Blatt.

Begrenzung und Ungleichheit müssten in sich kein Problem dargestellt haben. Das Kind hätte seine Begrenzung akzeptieren können. Es hätte das Wort ausradieren, zu einer anderen Tätigkeit springen oder es später nochmals verbessert darstellen können. Doch da gibt es eine weitere Grundgegebenheit: Die Sünde. Theologen haben viel geschrieben, inwiefern Sünde mit Stolz zu tun hat. Ich denke, dass Stolz ein wesentlicher, nicht aber ausschliesslicher Aspekt des sündigen Zustandes der Menschen ist. Dass der Bub nicht nur einer anderen Person nacheifert, um seine Buchstaben sauber aufs Blatt zu bringen, sondern geradezu eine Obsession dafür entwickelt; dass er eifersüchtig auf seine kleinere Schwester wird; dass er ungehalten reagiert, wenn er unterbrochen wird; dass er über seine eigene Begrenzung zornig wird: Das alles hat damit zu tun, dass sein Verstand, sein Wille und seine Gefühle – um diese hilfreiche Kategorisierung von Plato aufzunehmen – durch die Entfremdung der Sünde verändert worden sind.

Die Sünde führt dazu, dass die ersten drei Grundgegebenheiten, die Gott gegeben sind, Anlass zur Entfremdung gegenüber Gott, sich selbst und anderen Menschen wird. Der Bub beginnt schon in jungen Jahren damit, sich selbst statt den Geber dieser Fähigkeiten ins Zentrum zu rücken. Er wird Mass für seine eigene Zufriedenheit. Zudem hat er Mühe, seine Begrenzung zu akzeptieren. Er reagiert mit Ablehnung, Zorn und vielleicht damit, dass er seiner Schwester Schmerzen zufügt.

Die Reaktionen der Beeinflusser

Was die Situation nun noch viel komplizierter macht, ist die Reaktion seiner wichtigsten Beeinflusser. In unserem Fall sind dies die Mutter und die jüngere Schwester.

Überlegen wir uns einige typische Reaktionen der Mutter. Sehr häufig lässt sie den Buben in seinem Mühen und seiner Frustration über den Misserfolg einfach alleine. Sie ist mit anderen Aktivitäten beschäftigt, hat keine Auge für die Situation oder ist seiner Reaktionen vielleicht auch überdrüssig. Der Bub muss also alleine damit zurechtkommen. Der Zorn wird sich legen, nachdem der Frust an der Schwester, an der Mutter oder am Material abgelassen worden ist.

Eine ebenso wahrscheinliche Reaktion besteht darin, dass die Mutter dazukommt und ihren Kleinen für seine Ausdauer oder das Resultat lobt – falls sie es gesehen hat, bevor es dem Radiergummi zum Opfer fiel. Möglicherweise wird das den Jungen erzürnen, weil es nicht seinem Idealbild entspricht, und die Mutter ihn dort lobt, wo es gar nichts zu loben gibt. Hier kann es sein, dass die Mutter den Buben wiederum den eigenen Gedanken überlässt.

Es könnte auch sein, dass die jüngere Schwester ihr Blatt hämisch dem Bruder hinstreckt und ihm damit zu verstehen gibt, dass sie ihn überrundet hat. Dies kann dessen Anstrengung verstärken oder ihn auch (vor allem wenn sich diese Situation schon eingespielt hat) dazu veranlassen zu resignieren und das Projekt "Schreiben" aufzugeben.

Eine alternative Reaktion der Erziehungsperson

Ich argumentiere hier aus christlicher Weltsicht. Wenn die Erziehungsperson bekennt, dass sie durch Jesus zur Erkenntnis ihrer eigenen Sündhaftigkeit gekommen ist und dass das neue Leben ihr die Kraft gibt, auf eine andere Weise zu denken und zu handeln, dann ist es Zeit für einen anderen Umgang mit dem kognitiv begabten Kind.

  1. Darum bitten, zur richtigen Zeit auf das Kind zuzugehen. Die Veränderung des Denkens beginnt mit dem Bekenntnis der eigenen Unfähigkeit. Wie soll das Kind merken, dass es auf Gottes Hilfe angewiesen ist, wenn es die Eltern auch nicht sind?
  2. Die Mutter geht auf das Kind zu, wenn sie sieht, dass er sich mit den Buchstaben abmüht. Anstatt ihn vorschnell zu loben, setzt sie sich zu ihm hin. Sie beginnt laut zu beschreiben, was sie sieht: "Ich sehe, dass du hier ein Wort schreiben möchtest." "Da gibst du dir aber mächtig Mühe." Dann lässt sie Zeit und Raum, um das Kind zu einer Reaktion aufzufordern.
  3. Ein nächster Schritt könnte darin bestehen, dem Kind einige Fragen zu stellen. "Warum ist es dir wichtig, dass die Buchstaben so schön geraten?" "Weshalb möchtest du jetzt den Radiergummi nehmen?" "Weshalb bist du jetzt traurig?"
  4. Nachdem das Kind einige ausweichende Antworten gegeben hat, hält es plötzlich mit seiner Beschäftigung inne. Das ist ein wichtiger Moment. Vielleicht beginnt es jetzt zu weinen. So wie Gott Trost und Halt schenkt, darf das Kind dasselbe von den Eltern erfahren.
  5. Die Mutter beginnt laut zu denken: "Kann es sein, dass die Buchstaben noch schöner hätten werden sollen?" – "Es ärgert dich, dass die Buchstaben nicht so geraten, wie du es dir vorgestellt hast." – "Du bist schon oft hier gesessen und hast geschrieben. Am liebsten möchtest du das Heft hinwerfen und nicht mehr schreiben."
  6. Wenn sich das Kind geöffnet hat, darf behutsam nachgehakt werden. Wer beurteilt, was gut und besser ist? Weshalb schreiben wir? Von wem haben wir diese Fähigkeit geschenkt bekommen? Weshalb können wir nicht von einem Moment auf den anderen perfekt schreiben? Meistens genügen zwei, drei Hinweise und ein kurzes Gebet.
  7. Wenn sich die nächste Situation ergibt, setzt sich die Mutter wieder hin und stellt die Verbindung zur letzten Situation her. Sie hilft ihrem Jungen, mit der Begrenzung umzugehen und selbst Hilfe bei Gott zu suchen.