Kolumne: Der Phari- und der YOLO-Typ

Christlich geprägte Familien und Kirchen teilen sich häufig in zwei unterschiedliche Lager:

Theologische Bezeichnung

Der Legalist (der Gesetzliche)

Der Antinomist (der Gesetzesbrecher

Meinung vom Gegenpart

Ärgert sich über den Gesetzesbrecher

Verachtet den Legalisten, macht ihn gerne lächerlich

Rechtfertigung

Ich halte das Gesetz (definiert als eigene „Latte“).

Ich werde mir selbst gerecht.

Normierendes Verhalten

Erfindet endlos Vorschriften, meist in einen oder wenigen Lebensbereichen (zur eigenen Befriedigung)

Ist innerlich sehr auf soziale Codes und gesellschaftliche Tabus fixiert, die er nicht übertritt (um cool zu bleiben)

Blickrichtung

Eher nach innen, Vorschriften aus eigener Leistung halten

Eher nach aussen, psychologisches Wohlbefinden als Bewertungsmassstab

Codewort

Anständig, sozial

Liebe, Gnade

Resignation durch

Verzweiflung

Ablehnung

Heiligung

Ich erarbeite mir die Beziehung zu Gott.

Ich lebe im Sieg.

Sünde

Abweichung von den eigenen Standards

Abweichung von sozialen Standards

Christus befreit

Befreiung von der Sklaverei der eigenen Vorschriften

Befreiung von der Sklaverei des Eigenwillens

Einige Beobachtungen:

  • Selbst ganze Gemeinden lassen sich oft einer Seite zuteilen.

  • In der klassischen Kleinfamilie teilen sich die beiden Kinder häufig die beiden Rollen.

  • Es gibt auch säkulare Formen der beiden Typen (z. B. in einem Arbeitsteam).

  • Die Menschen wechseln nach Lebensphasen und Enttäuschungen die Seiten.

Zwei unterschiedliche Formen von Gesetzlichkeit

  • Beide Lebensarten gleichen zwei unterschiedliche Türen, die in den gleichen Raum führen: Beide brauchen Christus nicht. Der eine hält selber das Gesetz, für den anderen existiert keine objektive Schuld.

  • Beide Typen schaffen sich ihr eigenes Gesetz. Auch der Gesetzesbrecher schafft sich nur anscheinend Freiraum.

Kolumne: Ein frommes Rechtfertigungsschema

Individueller Eindruck

„Gott hat mir gezeigt, dass …“

Rechtfertigung

„Ich darf mir vertrauen.“

Unmittelbare Folge

Ich bin immun gegen Rückfragen anderer.

Mittelbare Folge

Ich drücke meinen Willen durch.

Langfristige Folge

Ich kopiere das gesellschaftliche Dogma „richtig ist, was ich als richtig empfinde“.

Ergebnis

Es findet kaum Heiligung statt; das neue Leben erstickt.

Alternative

Individueller Eindruck

„Ich habe den Eindruck…“

Vertrauen …

„Ich vertraue auf Gottes souveräne Führung.

Ich prüfe meinen Eindruck anhand von Gottes Wort,

suche die Beratung anderer (Weisheit)

und bedenke meine persönliche Situation (Biografie, Charakter etc.).“

… und Misstrauen

„Ich kann mir selbst nicht trauen.

Darum bin ich froh um objektive Kriterien von Gottes Wort

und (auch unangenehmen) Rat erfahrener Freunde.“

Mittelbare Folge

Ich folge nicht einfach meiner Intuition.

Langfristige Folge

Ich bleibe offen für Korrektur.

Ergebnis

Christus kann Gestalt in mir gewinnen.

Kolumne: Fromme Herkunft ist keine Entschuldigung für laue Gegenwart

Ich bin in einer frommen Subkultur gross geworden. Sonntag und Montag wurden säuberlich getrennt. Innen und aussen ebenfalls. Reine Lehre, aber kaum Anwendung auf alle Lebensbereiche. Gehaltvolle Lieder, wenig Gegenwartsbezug. Züchtige Sonntagskleidung, coole Freizeitkleidung. Ein Auslegungssystem für jede Bibelstelle, doch kaum Begriffe für die Geschehnisse um uns herum.  Seit über 20 Jahren stehe ich geistlich auf eigenen Füssen. Ich kann mich längst nicht mehr mit den Defiziten vergangener Zeiten decken. Ich habe mir einige Fragen gestellt:

  • Wie es zu Kindeszeiten die Pflicht zur Anpassung nach innen gab, so entwickelte ich zeitweilig fast einen (ausgleichenden) Drang zur Anpassung nach aussen. Wie gehe ich heute mit der Tendenz Menschen gefällig zu sein um? Hat sich eine Pflicht oder gar ein Zwang entwickelt „konform“ zu sein?
  • Wer in behüteten bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, durfte schon vor 30 Jahren ungehindert der Freizeit- und Konsumkultur frönen. Wie definiere ich mich heute? Bin ich Teil der Konsum- und Spasskultur geblieben? Wer sind meine Rollenvorbilder?
  • Wir hörten zumindest wöchentlich aus der Bibel, besuchten Sonntagschule, bekamen vielleicht zu Hause Familienandachten mit. Welcher Stellenwert hat Gottes Wort für mich heute? Lebe ich von längst vergangenem Kapital oder habe ich die Auseinandersetzung mit der Bibel weitergeführt, vertieft, geheiligt, aktualisiert?
  • Wir bemängelten die Anschlussfähigkeit unserer Kirche und die Transportfähigkeit der Botschaft. Wie viele meiner Kollegen sind in den letzten Jahrzehnten Christus hingegebene Nachfolger geworden? Brenne ich heute dafür, das Evangelium weiterzugeben?
  • Unsere fromme Vergangenheit hatte viele anti-intellektuelle Züge; damit waren wir anschlussfähig am evangelikalen Markt. Bin ich diesem „Milieu“ treu geblieben? Habe ich mich dem Refrain „kurz, emotional packend, der Rest ist Wurst“ angeschlossen?
  • Wir sind jetzt in der Verantwortung gegenüber der nächsten Generation. Was trage ich weiter? Welche unausgesprochenen Botschaften vermittle ich meinen Kindern? Wo spiele ich das narzisstische Spiel unserer Zeitgenossen mit? Mache ich sie bereit für einen respektvollen Umgang mit unseren säkularen Nachbarn oder Immigranten mit islamischem Hintergrund?
  • Unser Erwachsenwerden war von Spannungen in der Denomination und Loslösung unserer Subkultur begleitet. Wie gehe ich heute mit Konflikten um? Ertrage ich Ermahnung? Setze ich mich Kritik aus?

Das Leben geht schnell voran. Denke ich vom Ziel her? Lebe ich im Jetzt vor Gott? Was ist mein wahres Glück – nicht das sonntags gesungene, das 24*7 Stunden gelebte?

Vortrag: Einführung in Leben und Werk von C. S. Lewis

I proudly present… Ich freute mich sehr, eine kurze Einführung in das Leben und das Werk von C. S. Lewis geben zu dürfen.

  1. Am ersten Abend unternahm ich in zwei "Spaziergänge", wobei ich auf dem ersten einige unbekannte biographische Brocken aus Lewis‘ Leben begutachtete und auf dem zweiten Resumee anhand der Stichworte Beschwernissen & Freuden, Irritationen & Lernfelder zog. Dazwischen las ich aus "Überrascht von Freude" vor und präsentierte das Thema der Sehnsucht nach Freude.
  2. Am zweiten Abend versuchte ich einen Überblick über das Werk mit vertiefenden Anmerkungen zu einigen wichtigen Büchern zu geben, wobei das Augenmerk auf einigen apologetischen Werken, insbesondere "Die Abschaffung des Menschen", lag.

Mitschnitt Teil I, Mitschnitt Teil II

Hier ist mein einführender Leseplan zu C. S. Lewis:

Ich empfehle die beiden aktuellen, ausgezeichneten Biografien von Alan Jacobs und Alister McGrath.

Als "apologetische Munition" schlage ich Pardon, ich bin Christ und Die Abschaffung des Menschen vor, danach das kurze Buch Dienstanweisung an einen Unterteufel oder Über den Schmerz. Für Studenten ergänze ich: Das Buch Wunder, sein philosophisch ausgefeiltestes, gehört zur Pflichtlektüre!

Eine weitgehend unbekannte und vom literarischen Wert her nicht unstrittige allegorische Reiseerzählung ist Flucht aus Puritanien, entstanden 1933. Lewis beschreibt darin seine denkerische Reise zum Glauben.

Zur Lektüre gehören natürlich auch ein, zwei Aufsatzbände wie Ich erlaube mir zu denken und Gott auf der Anklagebank. Englisch God in the Dock.

Die Briefe gibt es in drei Bänden The Collected Letters of C. S. Lewis auch als EBook.

Wer Lewis aus reformatorischer Perspektive lesen möchte, dem empfehle ich – leider nur in englischer Sprache erhältlich – den Sammelband von John Piper und David Mathis The Romantic Rationalist.

Input: Solide Analysen zu den beliebten Worthaus-Vorträgen

Immer wieder erreichen mich Anfragen zu Siegfried Zimmers Worthaus-Vorträgen. Mittlerweile existieren solide Analysen zu verschiedenen Vorträgen:

  1. Jürgen-Burkhard Klautke: „Zur Homo-Ehe zugleich: Anmerkungen zu einem Vortrag von Siegfried Zimmer: Die schwule Frage“, Bekennende Kirche, Juli 2015, Nr. 61, S. 13–40.
  2. Holger Lahayne. Krebsverdacht. Analyse zum Vortrag „Das Verständnis der Moderne als ein Schlüssel zum angemessenen Verständnis von biblischen Texten“. Blogbeitrag vom 13. August 2016.
  3. Holger Lahayne. Ist die Bibel Gottes Wort? Bezugnahme auf den Vortrag „Warum das fundamentalistische Bibelverständnis nicht überzeugen kann“. Blogbeitrag vom 2. Februar 2016.
  4. Jonas Erne. Die Verzimmerung der Evangelikalen. Blogbeitrag zum Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? – Klärung eines Konflikts“

Nur für FB-Mitglieder zugänglich sind die Notizen von Marc Dannlowski "Offenbarung im Nebel – Warum Prof. Dr. Siegfried Zimmers Bibelverständnis nicht überzeugen kann" und „Mit Jesus die Bibel kritisieren? Prof. Dr. Siegfried Zimmers Bibelwissenschaft unter der Lupe".

Ich habe eine These dafür, weshalb diese Vorträge so viele sogenannte "Evangelikale" anziehen: Das anhaltende inhaltliche Vakuum in vielen Gemeinden hinterlässt wachsenden Bedarf nach Orientierung. Passend dazu das Zitat von David F. Wells "Warum die gesunde Lehre so wichtig ist".

Buchbesprechung: Ein Aufruf zu radikalem Dienst

John Piper. Brothers, Brothers, We Are Not Professionals: A Plea to Pastors for Radical Ministry. 307 Seiten. Kostenloser Dowload.

Christus zu predigen ruiniert das professionell-höflich-pastorale Wirken und ist gleichzeitig Weckruf gegen den totalen Schiffbruch des relativistischen Pluralismus. John Piper, wie wir ihn kennen. Er fordert, dass in der Mitte des pastoralen Lebens die unehrenhafte, für unsere Umgebung stupide, herrliche Realität des gepeinigten Gott-Mensches Jesus Christus wieder in den Mittelpunkt rücken muss. Ein solcher Dienst, der unter dem Banner der Herrschaft Jesu Christi geschieht, wird zunehmend ein Ärgernis werden. Es passt nicht in den höflichen, um keinen Preis Anstoss erregen wollenden Professionalismus. Oh, wenn doch nur noch viel mehr bibel-gesättigte, Gott-zentrierte, Jesus-verherrlichende, sich selbst opfernde, für die Mission mobilisierende, seelen-rettende, unsere Kultur konfrontierende Pastoren aufstehen würden!

Hier weiterlesen.

Input: Hinweise zum Lesen des Buches Hiob

Hier sind fünf hilfreiche Hinweise des Literaturwissenschaftlers Leland Ryken für das Studium von Hiob.

  • Literarisches Meistermerk: Considered from a purely literary perspective, the book of Job is the supreme literary achievement of the Old Testament.
  • Leid als Thema der Weltliteratur: No theme in world literature is more important than that of wisdom through suffering.
  • Verlangsamtes Lesen: The fact that the book is a poetic drama means that we need to settle down for a slow read, not a fast one.
  • Diskussion der Frage nach dem Leid: A philosophic question is posed at the outset, and then the characters discuss the problem, propose answers to it, and interact with their proposed ideas and solutions.
  • Wenige Hauptideen: Only a few ideas are introduced and then repeated: God is just (the friends’ viewpoint); God is unjust (Job’s viewpoint); Job is guilty of sin and needs to repent (the friends’ viewpoint); Job is innocent (Job’s viewpoint); if Job will only confess and repent, God will restore him (the friends’ viewpoint).

Leland Ryken. Literary Introductions to the Books of the Bible. Crossway: Wheaton, 20015.

Lernen ist Charaktersache (3): Den ersten Gehorsam verweigert

Die Klavierlehrerin hat auf unsere Bitte hin die Aufgaben sauber in das Heft eingetragen. Das Kind soll mit Fingerübungen beginnen, an zwei Tagen das Repertoire auffrischen, an zwei Stücken feilen und ein neues in Angriff nehmen. Optimalerweise repetiert das Kind gleich nach der Klavierstunde die Aufgabe, um sich die Aufgaben einzuprägen und einen ersten Lernerfolg zu erzielen. Manche üben jedoch die ganze Woche kein einziges Mal und erscheinen wieder in der Stunde. Oder sie üben oberflächlich an ein, zwei Tagen, bevor die nächste Stunde da ist. Eigentlich handelt es sich hier um Verweigerung. Das Kind kommt nie in die Situation, in der es seinen Lernwiderstand überwindet, Fortschritte erzielt, Befriedigung erlebt und Appetit auf mehr bekommt. Es kann seine Begabung auch nicht adäquat entwickeln.

Buchbesprechung: Das Christentum als Religion für Sünder

Fred G. Zaspel. Warfield on the Christian Life: Living in Light of the Gospel (Theologians on the Christian Life). Crossway: Wheaton, 2012. 242 Seiten. Euro 6,80 (Kindle-Edition).

Warfield: Person und Zeit

Wer ist Benjamin B. Warfield (1851-1921)? Als jemand, der sich ausführlich mit Abraham Kuyper (1837-1920) und Herman Bavinck (1854-1921) beschäftigt hat – man sagt, dass mit dem Tod der drei Theologen eine Ära zu Ende war -, drängt sich das Kennenlernen des grossen Theologen aus Princeton auf. Das mit 600 Seiten deutlich umfangreichere Buch „The Theology of B. B. Warfield“ von Fred G. Zaspel steht bei mir im Gestell. Zuerst kam das kürzere Buch vom selben Autor „Warfield on the Christian Life“ an die Reihe. (Warfields Buch „Calvin and Calvinism“ gibt es übrigens als kostenfreien Dowload.) Zaspel stellt fest, dass es zwar einige Überschneidungen zwischen beiden Werken gebe. Im vorliegenden Buch könne er jedoch eine grössere Betonung auf die Behandlung einzelner Predigten machen – ein Versprechen, das er einlöst.

Einzelne Begebenheiten aus dem Leben uns vorangegangener Glaubensmänner sprechen direkt in unser Leben hinein. Bei Warfield hat mich besonders beeindruckt, dass er keine Kinder bekam und dass er seine Frau sein Leben lang nie länger als einige Stunden allein lassen konnte. Die durch ein starkes Gewitter während dem Europaaufenthalt ausgelöste nervliche Erkrankung verlangte dem Theologieprofessor gewiss viel ab. In Gottes Vorsehung wurden jedoch genau diese Lebensumstände benützt, um Warfield von zahlreichen Reisen und dem Einsitz in Kommissionen und Ämtern zurückzuhalten. Dies schuf den Raum für ein lebenslanges intensives Studium und erlaubte das Schreiben tausender von Seiten.

Wichtig ist es auch, die Zeit zu bedenken, in der Warfield lebte und wirkte, nämlich die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts und sowie das anbrechende 20. Jahrhundert. Der überwiegende Teil war in den USA vom überschwänglichen, vorwärtsstrebenden Optimismus gekennzeichnet. „Der Stolz in die menschlichen Errungenschaften erreicht sein Allzeithoch.“ (134) Alles Übernatürliche wurde verbannt (157), immanente Erklärungen begannen zu dominieren (z. B. David Friedrich Strauss mit seiner diesseitigen Theorie des Lebens Jesu oder die durch Charles Darwin vorgetragene und von Exponenten wie Ernst Haeckel weiter entwickelte naturalistische Theorie über die Entstehung des Lebens). Das lässt die Betonung von Warfields Lebenswerk als Kontrast umso deutlicher werden. Christlicher Glaube und Leben sind übernatürlich; ein Christ ist ein „wandelndes Wunder“ (19). In die Theologiegeschichte eingegangen ist Warfield zwar als Verteidiger der Inspirationslehre. Doch er hat vielen weiteren Themen ebenfalls über 1000 Seiten gewidmet!

Der Schwerpunkt von Warfields Werk: Christologie

Warfield, so betont Zaspel, war in erster Linie die Christologe. Dort lag das Zentrum seines Interesses. Der christliche Glaube ist eine Religion, die sich „nach oben arbeitet“. Sie geht vielmehr von einem Gott aus, der sich in Gnade zu den Menschen niederlässt (31+43). Das Christentum ist eine Religion für Sünder; darin besteht ihre zentrale Botschaft. Deshalb gründet sich die christliche Lehre auf der Wertschätzung der Person und des Werkes Christi (51). Durch die Versöhnung in Christus löst sich der äusserliche Gegensatz zwischen einem zornigen Gott und dem sündigen Menschen auf (61). Noch eine Grundsatzaussage muss getroffen werden. Warfield betrachtete Theologie nicht als zusätzliche, optionale Dimension des christlichen Lebens, sondern als der Stoff dieses Lebens selbst (37).

Zum Aufbau des Buches

In neun Kapiteln durchschreitet Zaspel das weite Feld der Theologie Warfields, wobei er dieses Feld dreiteilt. In „Grundlagen“ behandelt er die Autorität von Gottes Wort, Erlösung, den neuen Stand des Gläubigen vor Gott, die Bekehrung als neue Ausrichtung des Lebens, den Heiligen Geist in seinem Wirken und die Heiligung. In „Orientierung“ wendet er sich dem wichtigen Thema des „Miserable Sinner Christianity“ zu (vielleicht der hilfreichste Teil im Sinne eines Korrektivs zur gegenwärtig zu optimistisch ausgerichteten Lehre des Menschen). Es folgt ein Einblick in seine Abhandlungen zur Kindschaft und zur Vorsehung. Im dritten Teil „Antwort“ geht es um Jesus als Vorbild, Gebet, Motivation und Ziele (auch dies ein hilfreiches Korrektiv zur aktuellen psychologisierten Diskussion unter Christen), um den guten Kampf und die christliche Hoffnung. Vielleicht wendet der eine oder andere schulterzuckend ein: Was von diesen Themen betrifft das christliche Leben? Wir sind, so bin ich überzeugt, viel zu stark von einzelnen Themen getrieben, anstatt die Gesamtzusammenhänge von Christus her zu deuten. Vielleicht ist dies die wesentlichste Erkenntnis des Buches.

12 Goldstücke aus dem Buch

Es lohnt sich, einzelne Goldstücke des Buches aufzuführen.

61 Definition von Frömmigkeit (piety): Hilflose, zu Christus, dem Erretter, bewundernd aufblickende Abhängigkeit
99 / 102 Das christliche Leben ist ausschliesslich eine Auswirkung des Evangeliums. Heiligung ist keine Option, sondern Teil des vom Evangelium veränderten Lebens. Warfield kritisiert deshalb die Lehre der Passivität und des „suspendierten Willens“ scharf.
104 Es kann zwischen initialer bzw. definitiver, (fort)laufender und endgültiger Heiligung unterschieden werden.
106 Als Christ sind wir verantwortlich für die fortlaufende Heiligung! Warfield bezeichnet dies als „moment by moment struggle“.
137 Es steht uns an, durch die Schöpfung hindurch den Schöpfer zu sehen.
143 Die Bedeutung Jesu endet nicht mit der Bekehrung, sie beginnt dann erst richtig.
160 Warfield ist bestrebt sorgfältig zu differenzieren: Niedrigkeit und Demut ja, aber keine Selbstentwertung (auch nicht für die eigene Sache).
169/170 Schon Warfield beklagte, dass das Gebet durch rastlose Aktivität ersetzt worden sei. Man lese, während man dahin eile. Ob er unsere Handy-Kultur schon vorausgesehen hatte?
179 Das Gebet ist der angemessene und instinktive Ausdruck aus dem Herzen eines erneuerten Sünders.
198 Gottes Wort ist bleibende Quelle und Norm aller Theologie. Wer ausserhalb beginnt, befindet sich bereits auf häretischem Grund.
220 Aus der zukünftigen Perspektive heraus ist für dieses Leben festzustellen: Es kann uns nicht richtig zufriedenstellen.
229 Es gilt zwischen DO und DONE zu unterscheiden. Wir erfüllen unsere christlichen Pflichten, wie es dem Charakter der Erlösung entspricht: Im Lichte dessen, was Christus für uns getan hat.

Unvergesslich

In Erinnerung bleibt die Botschaft des „miserable sinners life“. Warfield im Originallaut:

We are always unworthy, and all that we have or do of good is always of pure grace. Though blessed with every spiritual blessing in the heavenlies in Christ, we are still in ourselves just “miserable sinners”: “miserable sinners saved by grace to be sure, but ‘miserable sinners’ still, deserving in ourselves nothing but everlasting wrath.” (116)

“God richly forgives me and all believers every day, all our sins,” “for we sin much every day and deserve nothing but punishment.” (117)

… although he is a “miserable sinner” and, this side of heaven, will always be a “miserable sinner,” he is nonetheless truly perfect in his status before God in Christ while awaiting his full transformation to perfection in the resurrection. (115)

Erst das Bewusstsein dieser beiden Tatsachen öffnet uns die Augen für die Grösse seiner Gnade.

Lesebuffet: 300 Rezensionen auf Amazon, 10 Kostenproben

300 Bücher habe ich rezensiert und auf Amazon eingestellt, die Arbeit von 3 Jahren. Hier sind einige Kostproben:

(Apologetik) Harry Blamires. The Post-Christian Mind. Harry Blamires ist Schüler von C. S. Lewis, ebenfalls Professor für Englische Literatur, auch Mitglied der Anglikanischen Kirche und „Mere Christianity“-Mitglied. Er hat die geisteswissenschaftliche Entwicklung der zweiten Hälte des 20. Jahrhunderts miterlebt und aufmerksam verfolgt. Nach seinem Standardwerk „The Christian Mind“ (Das christliche Denken bzw. der christliche Geist) und „Recovering the Christian Mind“ (Wiederherstellung dieses christlichen Denkens), erschienen 1999, machte er sich daran, die destruktive Agenda (Untertitel) des nachchristlichen Denkens zu entlarven.

(Psychologie) Klaus Doppler. Der Kleine Kämpfer und sein Weg ins Glück. Doppler beschreibt den Werdegang eines aufgeweckten Kindes einer Arbeiterfamilie auf dem Land. Neben der Grossfamilie, dem einfachen Leben und den arbeitsamen Eltern beschreibt er folgende Erfolgsfaktoren:
1. Risikofreudig und hartnäckig Kontakte knüpfen
2. Unternehmerisch denken und handeln: Kleine Geschäftsideen werden aufgenommen.
3. Bei den Unternehmen Entschlossenheit und Ausdauer zeigen

(Christliche Lebenshilfe) Andreas Fett. Bevor du baggerst… Wertvolle Ratschläge für das Langzeitglück in der Liebe.

(Islam) Bat Ye'Or. Europe, Globalization, and the Coming of the Universal Caliphate. Im Zentrum von Ye’Ors Argumentation steht die Kritik an der islamischen Stimme, seiner Präsenz in Europa und seines Einflusses bei verschiedenen europäischen Politikern und in den Medien (x). Die Behauptung, dass Europa eines Tages Eurabien sein würde, ist uns mittlerweile wohlbekannt. Doch hat sie auch Hand und Fuss?

(Systematische Theologie) Kim Riddlebarger. Streitfall Millennium. Ich bin in einem strikt dispensationalistischen Haus gross geworden. Das heisst, ich lernte von klein auf, biblische Aussagen und Texte in ein bereits bestehendes und nicht hinterfragbares System einzuordnen. Dies führte dazu, dass das Lesen der Bibel von Spezialisten erschlossen werden musste und ich immer wieder erstaunt war, zu welchen Kunstgriffen diese greifen mussten. Braucht es Experten, um den Zugang zur Symbolik des Propheten Daniel und der Offenbarung zu öffnen? 

(Christliche Fiction) C. S. Lewis. Jenseits des schweigenden Sterns. Die Handlung lässt sich so zusammenfassen. Der Sprachwissenschaftler Ransom wurde von zwei Naturwissenschaftlern – Weston und Devine – gekidnappt und in einem Weltraumschiff nach Malakandra (auf den Mars, 17.; Kapitelangabe) entführt. Dort gelangt er in Freiheit und kommt mit drei verschiedenen Lebewesen (Hrossa, Sorne und Pfifltrigg) in Berührung. Als Etymologe beginnt der die Sprache der Hrossa zu erlernen. Nach einer mühevollen Reise, die ohne die Unterstützung eines Sornes am Mangel an Sauerstoff gescheitert wäre, gelangt er zu Oyarsa, dem Herrscher des Planeten. Dieser stellt ihn ebenso wie die von ihm aufgespürten Wissenschaftler zur Rede und schickt sie im Weltraumschiff wieder zur Erde zurück. Mit knapper Mühe und Not landen sie nach mehrmonatigem Flug auf der Erde. In einem Nachwort wird geschildert, wie Ranson seine unglaubliche Geschichte einem Schriftsteller mitteilte.

(Weltliteratur) Walter Jens. Ilias und Odyssee. Meine Söhne sind zwischen 5 und 13 Jahre alt. Wir versammelten uns abends in bequemen Stühlen um meine gute alte Stereoanlage und legten die CD ein. Aus Erfahrung weiss ich, dass die ersten Minuten über die Anziehungskraft einer Geschichte entscheiden. Die erste Sequenz dauerte fast eine Stunde. Ausser dem Jüngsten blieben alle dabei. Die älteren hörten sich die vier Stunden Nacherzählung – in Buchform sind dies knapp 100 Seiten – in den nächsten Tagen ohne meine Begleitung auf eigene Initiative an. Die der CD beiliegende aufklappbare Karte mit einer visuellen Übersicht der Götter sowie der Helden Trojas und der Griechen erleichterten das Verfolgen des Geschehens.

(Kirchengeschichte) Alan D. Fitzgerald. Augustine Through die Ages. Die Bandbreite der Beiträge … umfasst nicht nur Person, Zeit und Werk von Augustinus, sondern auch die Auseinandersetzung in den letzten 2000 Jahren Geistesgeschichte. Die Verweise auf das Werk … sind in vorgelagerten Verzeichnissen erfasst (Ort, Zeitpunkt, Titel, Übersetzungen). Es ist überaus interessant, den Hinweisen auf die Primärliteratur, auf die in den Beiträgen gezielt hingewiesen wird, nachzugehen.

(Kinderbuch) Katja Reider. Wer hat mich zum Fressen gern? Mein Jüngster, 5-jährig, schleppte das Buch mehrmals aus der Bibliothek an. Ich habe ihn gefragt, was er an diesem Buch mochte. Natürlich der sprachlich-inhaltliche Wendepunkt: "Ich habe dich zum Fressen gern."

(Biografie) Georg Huntemann. Der andere Bonhoeffer. Um Bonhoeffer gibt es seit Jahrzehnten ein Richtungskampf. Wie auch bei anderen Theologen versuchen zwei unterschiedliche Lager ihn für sich zu vereinnahmen.