Input: Der “default mode” des menschlichen Herzens ist Selbstrechtfertigung

Trevin Wax stellt treffend fest:

The human heart’s default mode is self-justification – a desire to put forth our own righteousness in order to maintain our standing before God and others.

We are all self-righteous, and our self-justifying hearts go into attack mode every time we feel threatened, criticized, or condemned.

Recognizing the inherent self-righteousness in the human heart, Christians, more than anyone else, should display a greater measure of humility when interacting with people who have radically different assumptions about what is right and wrong and why it matters. We expect others to be self-righteous because we’ve seen this superior spirit so often in ourselves.

Buchbesprechung: Die multikulturelle Gesellschaft

Thomas Schirrmacher. Multikulturelle Gesellschaft. Chancen und Gefahren. Hänssler: Holzgerlingen, 2006. 95 Seiten. Euro 4,95.

Die Ausgangslage

„Die Befürworter der multikulturellen Gesellschaft verstehen es zwar, wunderschöne Feste zu organisieren, haben aber oft keine Antwort auf die Probleme, die die multikulturelle Gesellschaft mit sich bringt.“ (8) Was sind die Perspektiven der „ethnischen Unterschicht … ohne Bildung, ohne Job, ohne Geld, ohne Hoffnung, ohne Ehrgeiz, ohne Kenntnis der elementaren gesellschaftlichen Spielregeln“ (zit. Paul Nolte, 10)?

Zahlen, Daten, Fakten

  • Die Anzahl der Ausländer in der Schweiz schwankte in den letzten 100 Jahren stark. Sie beträgt (2004) 21 %. Die Population hat sich internationalisiert, nur noch jeder Zweite ist aus der alten EU der 15 (15).
  • Deutschland ist nach wie vor ein Durchgangsland für sehr viele Menschen, die durchaus längere Zeit im Land leben (23). Es gibt also internationale Wanderungsströme (25).
  • Eine interessante Kennzahl ergibt der Vergleich zwischen Landesgrösse und Anzahl Asylbewerbern und dem Ratio zwischen Anträgen und Bewilligung (26).
  • Die Arbeitslosigkeit bleibt das grösste Integrationshindernis (39).
  • Die einstigen Gastarbeiter haben ihren schlechten Ausbildungsstand in die zweite und dritte Generation vererbt (44).
  • Koreaner und Chinesen sind „perfekte Einwanderer“, die sich schnell anpassen und die Sprache lernen (58).

Zum Überdenken

  • Ich habe nichts gegen Fremde, aber dieser Fremde ist nicht von hier. (Methusalix zu Asterix, 32).
  • Ein Christ liebt wie Gott Menschen aller Kulturen und respektiert die Andersartigkeit anderer Kulturen (Offb 1,6-8; Ps 66,8), S. 20.
  • Christen fördern den Staat, wo er Gerechtigkeit übt, stehen ihm aber auch immer kritisch gegenüber, wenn er die Gerechtigkeit mit Füssen tritt (z. B. Lk, 13,31-32), S. 21.
  • Für den christlichen Glauben ist eine ‚christliche‘ Kultur nicht der Normalfall (37).
  • Daniel und Josef konnten ihrem Staat nur dienen, weil sie zwar in der Frage der Gottesverehrung und der persönlichen Ethik sehr konsequent waren, gleichzeitig aber gegenüber der sie umgebenden Alltagskultur sehr grosszügig (38).
  • Eine Idealisierung des Islams geht genau so an der Realität vorbei wie eine Dämonisierung (49).
  • Achtung mit der Verteidigung einer kulturellen Ausprägung der christlichen Religion anstelle des Glaubens! (50)
  • Das Werkzeug der Gemeinde ist „das freie Wort, ihre Macht der Einfluss von Mensch auf Mensch in seinem Gewissen, seinem Haus, der Welt seines Denkens, dort lasst Christi Geist herrschen, und ganz von selbst wird er es tun in der Verwaltung des Landes.“ (52, zit. Abraham Kyuper).
  • Schlagwort Leitkultur: Wenn es bedeutet, dass alle das Gewaltmonopol des Rechtsstaates akzeptieren, dann ist ihm beizupflichten. Anders verhält es sich aber mit kultureller Vereinheitlichung  (63).
  • "Nation" und "Volk" kann nur sinnvoll geografisch (Gebiet), politisch (Staat) oder kulturgeschichtlich (gemeinsame Kultur), nicht aber rassisch-biologisch definiert werden. (68)

Zum Handeln

Schirrmacher ermutigt, wo immer möglich Gespräche mit Einwanderern zu führen und ebenso Gastfreundschaft zu üben. Aus eigener Erfahrung kann ich hinzufügen: Auf diese Weise sind über die Jahre wertvolle Kontakte entstanden. Sie sind in der Regel intensiver und offener als mit den eigenen Landsleuten.

Gastbeitrag: Paare zwischen Glücks-Sehnsucht und Alltags-Stress – eine Navigationshilfe

Gastbeitrag von Dr. Albert Wunsch

Ja, der Traum von der ewig jungen Liebe hat immer Konjunktur. Selbst Wirtschaftskrisen lassen die Schmetterlinge in den Bäuchen von Verliebten nicht in die Depression geraten. Sie tummeln sich unbeschwert – abseits von politischen Krisen und finanzieller Ebbe – und fahren Zusatz-Schichten beim Produzieren ihres sattsam bekannten Kribbel-Gefühls. So können selbst düsterste Euro-Perspektiven das Glück wahrhaft Liebender kaum trüben.

Gesellschaftliche Krisen steigern geradezu die Sehnsucht nach einer intakten oder gar heilen Welt. Denn wenn schon unser Erspartes keine Zinsen mehr bringt und auch der Arbeitsplatz unsicher ist, dann sollen wenigstens glückliche Beziehungen ein Hort der Geborgenheit und Sicherheit sein, unseren Sehnsüchten und Hoffnungen eine Zuflucht ermöglichen. So schaffen lebendige und stabile Partnerschaften eine solide Basis, um finanzielle Beeinträchtigungen, berufliche Rückschläge, heimtückische Krankheiten oder sonstige Schicksalsschläge zuversichtlicher tragen oder ertragen zu können.

Wenn Sie – vielleicht als Kind oder Jugendlicher – die Möglichkeit hatten, Berichten von Großeltern oder anderen Zeitzeugen aus der Kriegs- beziehungsweise Nachkriegs-Generation lauschen zu können, dann werden solche Zusammenhänge ganz konkret spürbar. So berichtete mir eine 90-Jährige: „Wenn unser Glaube an unsere eheliche Treue nicht so groß gewesen wäre, wir nicht in der Zuversicht unserer tiefen Liebe gelebt hätten, woher hätten wir die Kraft nehmen sollen, selbst nach der zweiten Ausbombung in einem völlig zerstörten Köln die Hoffung auf eine bessere Zukunft nicht aufzugeben?“ Und ich gehe davon aus, dass ganz viele Menschen dies ähnlich erlebt haben. Das so genannte Wirtschaftswunder ist auf diesem Hintergrund eigentlich ganz nüchtern betrachtet eine Groß-Demonstration der Lebenserfahrung: „Kraft wächst aus der Hoffnung auf bessere Zeiten, und stabile Weg-Gemeinschaften sind der Nährboden für starke und zufriedene Partnerschaften, welche somit die größte Aussicht auf den angestrebten Lebens-Erfolg bieten.“  

In ‚Sonntagsreden’ wird gern herausgestellt, dass „Partnerschaft und Familie“ des Deutschen höchstes Gut seien. Auch Meinungsforscher belegen kontinuierlich diese Einschätzung. Wenn dem so ist, kann es sich bei den hohen Ehescheidungszahlen und den vielen Beziehungsbrüchen unverheirateter Paare nur um ein nicht gewolltes oder allenfalls fahrlässig herbeigeführtes Desaster handeln. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass zu viele Männer und Frauen mit recht naiven Vorstellungen oder mangelhaften Voraussetzungen ins Beziehungsleben starten. Ungeübtheit in gelingender Kommunikation, zu geringe Kenntnisse über wichtige Voraussetzungen für ein ausgeglichenes Paar- und Familienleben, ein zu schwach ausgeprägtes gebendes und hörendes ICH verurteilen solche Beziehungen zum Scheitern.

Ein Blick ins persönliche Umfeld offenbart: Immer mehr Paare, welche mit hoffnungsvollen Erwartungen ihre Lebensgemeinschaft begonnen haben, geraten zu schnell in beträchtliche Turbulenzen. Häufig wird dann in einer Trennung der einzige Ausweg gesehen. Nicht selten geschieht dies nach der Maxime: „Erst heiß begehrt, dann kalt abserviert.“ In nahezu der Hälfte aller Scheidungen beziehungsweise Trennungen sind jedoch nicht nur die Partner selbst, sondern auch ihre Kinder betroffen, wenn getrennt wird, was einmal zusammengehörte. Würden die Paare vorher überblicken, dass der ins Visier genommene Abbruch einer Beziehung oft der Beginn von jahrelangen, häufig auch juristischen Auseinandersetzungen, Demütigungen, finanziellen Belastungen und beträchtlichen psychosomatischen Langzeit-Beeinträchtigungen ist, würden viele sicher anders handeln.

„Wir haben es nicht geschafft, unsere Ehe lebendig zu halten. Als Eltern lief unser Motor meist auf Hochtouren und wir funktionierten prächtig, aber als Paar haben wir zu wenig auf Pausen der Zweisamkeit geachtet und manch notwendigen Boxenstopp oder Ölwechsel aus dem Blickfeld verloren. Das sehe ich heute ganz klar, aber es dauerte lange, bis mir das klar wurde“, so eine End-Dreißigerin in einem Beratungsgespräch. Und sie ergänzt: „Ich werfe dies meinem Exmann nicht vor, wir haben uns in der Geschäftigkeit des Alltags verloren und es viel zu spät bemerkt.“

Auf dem Hintergrund meiner langjährigen Tätigkeit in der Paarberatung komme ich zu dem Ergebnis, dass fas 80% der Paare, welche auseinandergehen, dies bei besseren Voraussetzungen und regelmäßigerer Selbstkontrolle hätten vermeiden können. In Krisen wegzulaufen oder möglichst schnell in den Armen eines/einer Neuen abzutauchen und die Gründe für das Scheitern nicht aufzuarbeiten ist mehr als naiv. Es ist immer wieder neu faszinierend, wenn ein kleines Kind mitten in einem Raum stehend die Augen schließt und in altersgemäßer Unbekümmertheit fragt: „Wo bin ich?“ Aber wem nützt es, wenn nach Jahren Erwachsene so vor selbst verursachten Realitäten die Augen verschließen?

Egal, wo in den jeweiligen Partnerschaften ein Verbesserungsbedarf erkennbar wird – ignorieren Paare diese Zusammenhänge und schaffen sich nicht regelmäßig kleine oder größere Aus-Zeiten, um in Intensität miteinander emotional, geistig und körperlich das Leben zu teilen, wird dies auf Dauer zur Ent-Zweiung führen. Denn die Energie-Stärke eines Paares beziehungsweise einer Familie ist neben einem gesunden und förderlichen Lebenswandel sowie erfüllend-herausfordernden Aufgaben auch von systematischer und sorgfältiger Pflege abhängig. Diese Erkenntnis ist eine ultimative Botschaft, weil das Zerbrechen von Partnerschaften kein Naturgesetz ist!

Dr. Albert Wunsch ist Psychologe, Diplom Sozialpädagoge, Diplom Pädagoge und promovierter Erziehungswissenschaftler. Bevor er 2004 eine Lehrtätigkeit an der Katholischen Hochschule NRW in Köln (Bereich Sozialwesen) begann, leitete er ca. 25 Jahre das Katholische Jugendamt in Neuss. Im Jahre 2013 begann er eine hauptamtliche Lehrtätigkeit an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Essen / Neuss. Außerdem hat er seit vielen Jahren einen Lehrauftrag an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf und arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater sowie als Supervisor und Konflikt-Coach (DGSv). Er ist Vater von 2 Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern und lebt in Neuss-Schlicherum.

Seine Bücher: Die Verwöhnungsfalle (auch in Korea und China erschienen), Abschied von der Spaßpädagogik, Boxenstopp für Paare und: Mit mehr Selbst zum stabilen ICH – Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung, lösten ein starkes Medienecho aus machten ihn im deutschen Sprachbereich sehr bekannt. Weitere Infos: www.albert-wunsch.de

Zum Wochenauftakt: Die schrecklichste Botschaft der Welt

Paul Washer, Evangelist, erklärt in 12 Minuten die schrecklichste Botschaft der Welt.

Die schrecklichste Botschaft der Welt besteht worin? Dass Gott GUT ist. (Wie schrecklich wäre es, wenn ein allmächtiger Gott diese Welt regieren würde, der böse wäre.)

Warum ist dies die schrecklichste Botschaft? Weil wir NICHT gut sind. Damit haben wir ein riesiges Problem, das wir selbst nicht lösen können.

Wo findet sich die Antwort auf dieses riesige Problem? Gottes gerechte Strafe wegen unserer Bosheit entlud sich über seinem eigenen Sohn. Am Kreuz trug er die Gotttes gerechte Strafe.  Ihm wurde die volle Schuld angerechnet.

Nur über das Werk von Gottes Sohn, der vor 2000 Jahren am Kreuz gestorben ist, finden wir einen Weg zu Gott. Wir gestehen ein, dass nichts an uns ist, das uns retten kann.

Wir müssen Busse tun. Was bedeutet das? Busse bedeutet "Sinnesänderung". Dies heisst, dass sich das Kontrollzentrum unseres Lebens von Grund auf verändert. Wir gestehen ein, dass unser gesamtes Denken über die Realität verkehrt ist. Intellekt, Wille und Gefühl werden von Gott neu gestaltet.

Wer von Gott bekehrt und mit Glauben beschenkt worden ist, fährt fort durch das Wachstum in der Busse. Er kann zwar noch in Sünde fallen, doch nicht mehr anhaltend in der Ungerechtigkeit bleiben. Eines der grössten Zeichen seines neuen Lebens ist die väterliche Disziplinierung.

Diskussion: Sind Homeschooler Helikopter-Eltern?

Ich bin eben von der Jahrestagung des Vereins Bildung zu Hause zurückgekommen. Wir diskutierten unter anderem die Frage, ob Homeschooler-Eltern der Gruppe der Helikopter-Eltern zuzurechnen sind. Der Begriff geht auf den langjährigen Präsidenten des Deutschen Schulverbands, Joseph Kraus (* 1949), zurück. Er hat 2013 das viel diskutierte Buch „Helikopter-Eltern: Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“ herausgegeben. Er ist übrigens als Lehrer ein prominenter Schulkritiker. Zu erwähnen ist seine Streitschrift „Ist die Bildung noch zu retten?“

Also, was sind Helikopter-Eltern? Sie überwachen jede Bewegung des Kindes. Sie fahren sie in den Turnunterricht, tragen dem Kind die Tasche nach, stecken ihm einen grossen Batzen für Süssigkeiten zu, decken es mit den passenden Markenkleidern ein, richten ihm sein Bett, setzen sich beim Lehrer mühevoll für das Kind ein (auch wenn dieses Schuld an der Misere trägt). Diese Überbehütung hört nicht in der dritten Klasse auf. Auch noch als Erwachsene werden die Krösusse von den Eltern versorgt: Wäsche inklusive, Zimmer aufgeräumt, leere Bierflaschen entsorgt, das Taschengeld für Zigaretten und Gras pünktlich geliefert, einen Zuschuss für die Party auf Mallorca mitgegeben.

Mit diesen Beispielen hoffe ich deutlich gemacht zu haben, dass diese Art der Überbehütung vor allem die Zulieferdienste der Eltern an die Kinder betrifft. Die materielle Überversorgung, die sich zuweilen auf das Verhindern von Hindernissen im Lernprozess ausweitet, geht mit einer Unterversorgung der Kernprozesse einher. Dieselben Eltern überlegen keine Sekunde, wer ihre Kinder in den rund 15‘000 Stunden staatlichem Unterricht erzieht oder wo sie sich den Rauschmittelkonsum antrainiert haben. Von klein auf wurden sie in Versorgungseinrichtungen an Profis abgegeben. Ein solcher Lebensstil ist anstrengend, Distanz von den Kindern notwendig. Wer hat schon die Kraft, sich inhaltlich und charakterlich mit dem Kind abzumühen, wenn alle Ressourcen für die Bewahrung des Kindes vor Anstrengung drauf gegangen sind?

Zugegeben: Es wird auch unter privat Unterrichtenden Helikopter-Eltern geben. Ich glaube nicht, dass es sich unter Homeschoolern besonders akzentuiert. Diese Tendenz ist ein Produkt unserer Wohlstandsgesellschaft. In aller Regel haben privat unterrichtende Eltern die Komfortzone der Verwöhnung verlassen. Nicht die Zulieferdienste stehen im Vordergrund, sondern die inhaltliche und charakterliche Begleitung. Es geht um die Begleitung des Kernprozesses: Zu lernen, wie man lernt. Lernen beinhaltet das Überwinden von (Anfangs-)Widerstand, das Erklimmen von Bergen, das Durqueren von Tälern. Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen sind gefragt. Erfolg hängt in einem hohen Mass von Selbstkontrolle ab.

Input: Mut zum Denken – gegen Heideggers Ende der Philosophie

Jonas Erne, Theologe und Blogger, setzt sich in einem Aufsatz auf erfrischende Art mit Heideggers Vortrag „Das Ende der Philosophie und die Aufgabe des Denkens" (1964) auseinander.

Weil alle Objektivität der Wissenschaft überlassen werden muss, bleibt am Ende für Heideggers Philosophie nur noch das radikal Subjektive übrig. Wer diesen Aussagen Glauben schenkt und sich entsprechend verhält, dem bleibt nicht viel anderes als der bereits oben angesprochene Rückzug in die Philosophiegeschichte und die radikal subjektivistische Sprachphilosophie zur Wahl. … Weil manche der idealisierten Philosophen der Metaphysik ihre Daseinsberechtigung absprechen, ist man bereit, nachzugeben und zieht sich in die Sphären des linguistischen Elfenbeinturms zurück. Dort hat man zwar nichts mehr zu sagen, hat aber auch entsprechend weniger Angriffe zu fürchten.

Die biblische Weltanschauung bietet das bestmögliche Fundament, um Metaphysik zu betreiben:

Die biblische Weltanschauung bietet somit ein Fundament, das bestmöglich für die Suche nach neuen Erkenntnissen ist. Sie geht davon aus, dass es einen Schöpfer gibt, der alles zu einem bestimmten Zweck erschaffen hat – auch gerade die Naturgesetze. Ein Gesetz kann nicht einfach einer sinnlosen Sache innewohnen, deshalb muss auch der Atheist, der in der Forschung arbeitet, auf ein biblisches Konzept zurückgreifen und diesem vertrauen: Dass es etwas oder jemanden gibt, der oder das dafür sorgt, dass sich in der Realität alle Dinge immer wieder gleich verhalten.

Ich stimme in den Schlussappell ein:

Lasst uns den Mut haben, selbst und eigenständig zu denken, den wichtigen Fragen der Metaphysik nachzugehen, sie ehrlich und ohne Scheu zu beantworten und damit auch die Skeptiker, Atheisten, Agnostiker unter den Denkern zum Nachdenken und Reagieren zu bringen!

Kolumne: Kinderwunsch, Kleinfamilienideal und ein Plädoyer für mehr Kinder

Ergebnisse Familie und Generationen in der Schweiz

Die ersten Ergebnisse zur Erhebung „Familien und Generationen“ (2013; 17‘000 Befragte) liegen vor. Das Bundesamt für Statistik überschrieb seine Medienmitteilung mit „Kinderwunsch bleibt hoch im Kurs“ (BFS-Mitteilung). 9 von 10 Frauen wünschen sich ein Kind. Zwei Drittel wünschen sich zwei Kinder, ein knappes Drittel drei und mehr Kinder. Nur 6 Prozent der Frauen möchten kein Kind. Lediglich 3 Prozent wünschen sich ein Kind. Die Realität weicht davon ab: 30 % der Akademikerinnen bekommen kein Kind, bei der Gesamtbevölkerung sind es 20 %. 16 % haben ein Kind. Interessant sind auch die Ergebnisse zur Kinderbetreuung. Die Skepsis zur Berufstätigkeit von Müttern mit Kleinkindern nimmt ab; Männer sind skeptischer als Frauen eingestellt. Insgesamt nutzen in der Schweiz rund sieben von zehn Haushalten mit Kindern unter 13 Jahren ein familienergänzendes Kinderbetreuungsangebot. Die Mehrheit der Eltern greift auf unbezahlte Betreuung durch Verwandte – insbesondere Grosseltern – oder Bekannte zurück.

Warum bleibt der Kinderwunsch so hoch?

In den Sozialwissenschaften gilt es als schick, Einstellungen und Werthaltungen mit der sozialen Konstruktion zu begründen. Das würde bedeuten, dass der Kinderwunsch eine momentane kollektive Konstruktion darstellt. Wer von einem persönlichen Schöpfer ausgeht, der nicht nur jedes Leben schafft, sondern sämtliche Bedingungen verantwortet und über diesen wacht, geht von einer anderen Prämisse aus. Die Familie ist Gottes Plan, der Wunsch nach Fortpflanzung entspricht der göttlichen Schöpfungsordnung. Wenn Gott die Institution der Familie geschaffen hat, wird er auch über ihrer Erhaltung wachen. Natürlich sind die Bedingungen nicht mehr so, wie sie Gott ursprünglich geschaffen hatte. Sowohl Vorstellung wie Realität vom Familienleben sind durch die Sünde gekennzeichnet. Es gibt Streit, Entfremdung, Gewalt, Missbrauch. Es gibt Bemühungen, das von Gott vorgesehene Modell zu sabotieren.

Fünf  Hypothesen, warum das Kleinfamilienideal anhält

Zur Zeit unserer Grosseltern ging mit der höheren Geburtenzahl eine hohe Kindersterblichkeit einher. Dieses Argument lässt sich jedoch nicht auf die letzten Jahrzehnte anwenden. Die Geburtenrate ist kontinuierlich zurückgegangen und verharrt in Westeuropa bei knapp 1,5 Kindern. Ich stelle fünf Behauptungen auf, warum auf der Ebene der einzelnen Familie das Ideal der Kleinfamilie (ein bis zwei Kinder) favorisiert wird:

  1. Jeder Mensch hat zwei Hände.
    Zwei Kinder sind in unserer Vorstellung die Anzahl, die ein Mensch überblicken und "greifen" kann (ein Kind pro Hand). Dies wurde mir bewusst, als unser drittes Kind auf die Welt kam. Es fehlte über Monate eine Hand.

  2. Ein Kind für einen Partner.
    Ein ungeschriebene Regel scheint zu lauten: Ein Kind für einen Partner. Ein Kind sollte möglichst die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Elternteils erhalten.

  3. Die Rollenumkehr lässt nicht mehr als zwei Kinder zu.
    Das gelebte Erziehungsideal geht davon aus, dass sich ein Kind von klein auf selbst im Leben zurecht findet. Die Eltern stehen in der Pflicht, ihm eine angenehme und glückliche Kindheit zu bescheren. Das Kind bestimmt mit seinen Wünschen den Kurs der Familie.

  4. Die Ansprüche den Lebensstil lassen nicht mehr als zwei Kinder zu.
    Ein Familienauto, für jedes Kind ein eigenes Zimmer, zwei- bis dreimal Urlaub pro Jahr, regelmässige Besuche in Freizeitpärken, ausserschulische Förderungsmassnahmen: Wer sich an einem solchen Lebensstandard ausrichtet, ist durch seine finanziellen Möglichkeiten (auch als Doppelverdiener) limitiert.

  5. Die Unterbrechung des Lebens durch die Kinder darf nicht zu lange andauern.
    Die Kinderpause muss möglichst kurz gehalten werden. Sonst wird der Anschluss an das (gesellschaftliche) Leben verpasst. Die Berufswelt verändert sich. Die bedingungslose Verwirklichung der eigenen Lebenspläne lassen eine zu lange "Warteschlaufe" nicht zu.

Fünf Gründe, warum Paare mehr als zwei Kinder haben sollen

  1. Verbesserte Sozialisierung der Kinder
    Sich streiten (ohne sich ständig ins eigene Zimmer und die eigene Welt zu verkriechen), Nähe aushalten, mit Verschmutzung und Unordnung umgehen lernen (und einen notwendigerweise einen eigenen Beitrag zur Beseitigung leisten), zurückstecken, teilen, mitleiden: Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Drei und mehr Kinder lernen in der Familie (fast) alles, was sie im späteren Leben benötigen.

  2. Selbstkontrolle als Basis für das Bestehen als Erwachsener
    Studien zeigen, dass Selbstkontrolle das A und O für späteren beruflichen und familiären Erfolg darstellt. Wer seine Wünsche ohne Verzögerung durchsetzen kann und kaum Hindernisse in Kauf musste, wird in der Tendenz lebensuntüchtig gemacht.

  3. Erleichternder Verlust des Perfektionsideals
    Kleinfamilien leiden unter perfektionistischen Ansprüchen. Dies kann verschiedene Lebensbereiche betreffen: Essen, Unterhaltung, Sauberkeit und Ordnung, Ruhe, Umsetzung von Wünschen. Grössere Familien bringen in dieser Hinsicht Entkrampfung.

  4. Verlassen der Komfortzone
    Die Komfortzone besteht aus der Summe der eigenen Gewohnheiten. Wer mehr Kinder hat, muss sich viele Dinge neu überlegen. Das fängt beim Reisen an (Viererabteile), geht weiter bei der Freizeitplanung. Wer seine Komfortzone verlässt, eignet sich neue Fähigkeiten an und erweitert dadurch seinen Einflussbereich.

  5. An morgen denken
    Die gegenseitige Fürsorge innerhalb der Familie ist auch Generationen übergreifend zu berücksichtigen. Wer als Einzelkind Eltern oder Elternteile im Alter unterstützt, für den kann dies eine grosse Last werden. Es ist von Vorteil, diese Aufgabe auf mehrere Schultern zu verteilen. Zudem beobachte ich in Kleinfamilien immer wieder ungesunde Verbindungen zwischen Generationen, Überbehütende Eltern verhindern, dass ihre Kinder erwachsen werden (indem sie diese z. B. in finanzieller Abhängigkeit halten).

Zwei Schamkulturen und der Mechanismus der Selbsterlösung

Das Konsumentenverhalten operativ auf den Glauben übertragen

Wir sind uns gewohnt, in Konsumentenkategorien den „passenden“ Gottesdienst und die gefühlsmässig „stimmige“ Kirche auszuwählen. Wir gleichen unsere inneren Erwartungen mit dem „Angebot“ ab. Das haben wir von klein auf gelernt. Wir wähnen uns in diesen Momenten als „souveräne“ Konsumenten. Gleichzeitig sind wir ständig auf der Suche nach Vergleichsbildern. Wir überprüfen unsere Erwartungen stetig an inneren Vorbildern. Meistens ist das eine Vergleichsgruppe, das heisst eine Gruppe von Menschen, deren Lebensbedingungen in irgendeiner Weise unseren eigenen ähnlich sind.

Zwei evangelikale Schamkulturen

Ich schildere zwei evangelikale Schamkulturen. Wie definiere ich Scham? Scham entsteht durch Sünde, die verdeckt werden muss. Die Bedeckung geschieht durch eigene Anstrengung. Im einen Fall erfolgt sie innen-gerichtet, im anderen Fall aussen-gerichtet.

Die „pietistische“ Schamkultur richtet sich eher an den eigenen (perfektionistischen) Erwartungen aus. Das heisst, sie prägt eine eigene Messlatte nach innen. Bestimmte Verhaltenskategorien müssen eingehalten werden. Zorn darf beispielsweise nicht gezeigt werden und wird darum unter dem Deckel gehalten. Nach aussen wird der Schein aufrechterhalten. Es entstehen interne Ventile. Zum Beispiel bricht der Zorn innerhalb der eigenen Kernfamilie aus. Die Familienmitglieder sind gehalten, diese Zornausbrüche zu ertragen und nach aussen zu verschleiern. Die Bewältigung dieser Muster erfolgt nach eigenen, nicht besprochenen Regeln. Zum Beispiel: „Wenn ich zornig geworden bin und meine Familie dadurch geschädigt habe, dann muss ich diese Schuld durch Abarbeiten wiedergut machen.“ Oder: „Wenn sie ihren Zorn gegen mich gerichtet hat, darf ich materiell kompensieren.“ Die Reinwaschung erfolgt durch die Einhaltung eines eigenen inneren Prozesses.

Die „neo-evangelikale“ Schamkultur orientiert sich nach aussen. Das bedeutet, dass äussere Bedingungen einen hohen Stellenwert einnehmen. Es geht um Kleidung und Auftreten. Frisur, Bekleidung, Schuhe sowie andere Lebensstilmerkmale (Umgangston, Urlaub, Wohnform) werden der Vergleichsgruppe angepasst. Etwas gilt als „uncool“ oder „cool“. „Cool“ ist zum Beispiel eine bestimmte Art von Frisur. Niemand spricht darüber. In kürzester Zeit gleichen sich alle an die geltende Norm an. Das heisst, es wird Zeit und Geld investiert, um sich den dominanten Lebensstilmerkmalen anzupassen.

Unterschiedliche Wege, gleiches Resultat

Auffällig ist, dass beide Gruppen vom Resultat her hohe Ähnlichkeit aufweisen: Beide sind nämlich unter selbst aufgestellten Regeln gefangen gehalten. Sie orientieren sich an der Messlatte der eigenen Subkultur. Beschämung entsteht durch das Abweichen von dieser Messlatte; Entlastung wird durch die Rückkehr zu den geltenden Normen erreicht.

Die pietistische Schamkultur lebt von der Miterlösung: Jesu Blut nimmt unsere Schuld weg. Dazu braucht es jedoch unseren „schwachen Glauben“. Wir trösten uns damit, dass wir schwach sind (und eigentlich nicht sündig).

Die neo-evangelikale Schamkultur lebt ebenfalls von Miterlösung. Das Leben in der Gemeinschaft wird durch Anpassung an bestimmte Lebensstilmerkmale erkauft. Diese Regeln sind ebenso eisern wie in der ersten Subkultur. Man gehört nicht dazu, wenn man sich diesen Regeln nicht unterwirft.

Die gemeinsame Ursache: Der Stellenwert von Gott und Mensch

Es gibt meines Erachtens einen tieferen gemeinsamen Grund für diesen Mechanismus. Es hat damit zu tun, welchen Platz wir Gott und dem Menschen einräumen. Beide Subkulturen leben vom Dogma, dass der Mensch nicht gänzlich tot ist, sondern an seiner Erlösung mitwirkt. Gelebt – und manchmal auch bekannt – braucht es das Zusammenwirken von Gott und Mensch. Am deutlichsten wird dies in der Heiligung, also der Ausrichtung von Denken und Leben auf den Erlöser, sichtbar. Es wird zwar die Erlösung als Schwellen-Erfahrung (zum Beispiel durch ein Übergabegebet) gelehrt, doch das weitere Leben hängt von der eigenen Kraft ab. Heilig zu sein bedeutet in der Konsequenz, sich an den Idealen der Subkultur auszurichten.

Die unhinterfragte, in das Verständnis der Bibel hinein getragene Vorannahme lautet: Gott kommt in dein Leben, indem er das schwache Feuer zu einem starken Feuer entfacht. Weshalb wollen wir nicht einsehen, dass wir gänzlich tot sind? Dass der Retter von ausserhalb kommen muss? Dass er von aussen her die Erlösung bewerkstelligt und auch sämtliche Werke zu seinem Wohlgefallen bewirkt? Es stellt uns in eine unangenehme Position. Wir verlieren den Status des souveränen Konsumenten. Wir können nicht mehr selbst bestimmen, was uns passt und was nicht. Wir stehen auch Gott gegenüber nicht mehr als Prüfende da, sondern als Bettler. Er steht nicht mehr in unserer Schuld, uns das zu geben, was wir von ihm erwarten.

Am deutlichsten wird dies an einer Grundannahme bezüglich des menschlichen Wertes: Gott muss mich einfach mögen. Er muss mich erlösen wollen. Es ist unangenehm, mich in einer ganz anderen Position zu erkennen: Es ist reine Gnade, wenn er uns erlöst. Es hat nichts mit uns selbst zu tun. Es ist sein souveränes Wirken. Dies wirft uns zu 100 % auf sein Wohlgefallen zurück.

Dieses Selbstverständnis hat eine wundervolle Kehrseite. Wenn Gott jemand vom Tod ins Leben ruft, ihn bekehrt und neues Leben einhaucht, dann steht er zu 100 % auf der Grundlage seiner freien Gnade. Er ist begnadigter Sünder. Wenn er fällt, dann fällt er zu 100 % auf seine Gnade. Seine Beschämung muss er nicht abarbeiten. Sie wird durch das Werk von Jesus bedeckt. Er muss seine Schuld weder verstecken noch in der Gemeinschaft abarbeiten. Dies befreit ihn von der Last selbst auferlegter Gesetze, um für IHN zu leben!

Buchbesprechung: Christentum und Liberalismus

J. Gresham Machen. Christentum und Liberalismus. 3L Verlag: Friedberg, 2013. 216 Seiten. Euro 12,50.

Die Erstausgabe dieses Buches 1923 liegt bald 100 Jahre zurück. Das Buch ist als Entscheidungsschrift konzipiert worden („jeder Mensch muss entscheiden, auf welcher Seite er stehen möchte“, 205). Damals ging es um einen tief greifenden Bruch innerhalb der Presbyterianischen Kirche der USA. Nur kurze Zeit nach der Publikation wurde der Bruch vollzogen (siehe das Vorwort des Herausgebers, 5-10). Es ist wohl kein Zufall, dass 90 Jahre später das Buch in die deutsche Sprache übersetzt wurde – übrigens eine solide Arbeit, Kompliment an die Übersetzer. Mir scheint, dass wir innerhalb des Evangelikalismus an einem ähnlichen Punkt wie damals stehen.

Wie lautet das Gesamtargument Machens? Er ist davon überzeugt, dass zwischen der modernen Lehre des Liberalismus und der Lehre des Christentums ein fundamentaler Unterschied besteht. „Indem aufgezeigt wird, was das Christentum nicht ist, soll … erklärt werden, was es ist, damit die Menschen sich abkehren von den schwachen und kümmerlichen Konzepten und wieder zurückkehren zur Gnade Gottes.“ (27)

Wo sieht Machen die entscheidenden Unterschiede zwischen Liberalismus und Christentum? „Hierin wird der fundamentale Unterschied zwischen Liberalismus und Christentum deutlich: Der Liberalismus steht im Imperativ, wohingegen das Christentum mit einem triumphierenden Indikativ beginnt. Der Liberalismus appelliert an den Willen des Menschen, während das Christentum primär einen Gnadenakt Gottes verkündet.“ (62) Der Liberalismus sei durchaus mit dem „Legalismus des Mittelalters vergleichbar, was nämlich seine Abhängigkeit von den Verdiensten des Menschen betrifft.“ (205) „Eine Grundsatzregel des modernen Liberalismus lautet, dass das Böse in der Welt durch das Gute in der Welt überwunden werden kann. Hilfe von ausserhalb ist deshalb nicht notwendig.“ (160) Ausgerechnet der Liberalismus, der sich für „Freiheit“ einsetzt, führt daher zu „elender Sklaverei“. „So merkwürdig ist dieses Phänomen aber gar nicht. Die Emanzipation vom heilsamen Willen Gottes bringt automatisch die Abhängigkeit von einem schlimmeren Zuchtmeister mit sich.“ (168)

Machen entwickelt dieses Argument ausgehend von einer Definition des Begriffs „Lehre“ und geht der Reihe nach die Lehre über Gott, Mensch, Bibel, Christus, Erlösung und Gemeinde durch. Ich gehe in dieser Besprechung diesen Stationen entlang.

Ausgangspunkt bildet das Argument, dass Lehre unbedeutend sei, während es doch auf den Lebensstil ankomme. Machen entgegnet: Das Christentum war „ein Leben, das auf einer Botschaft gegründet war. Es beruhte nicht auf blossen Gefühlen, nicht auf Werken, sondern auf einer Reihe von Fakten. Mit anderen Worten: Es beruhte auf Lehrsätzen.“ (33) „‘Christus starb‘ – das ist Geschichte. ‚Christus starb für unsere Sünden‘ – das ist Lehre. Ohne diese beiden Elemente, verbunden in unauflöslicher Einheit, gibt es kein Christentum.“ (40)

Die Lehre des Evangeliums baut auf der Lehre über Gott und den Menschen auf (71). Machen sieht die grosse Problematik darin, die Transzendenz Gottes aufzuheben. „An allen Ecken und Endet tendiert (der Liberalismus) dazu, die Trennung zwischen Gott und seiner Schöpfung ebenso abzuschaffen wie die scharfe persönliche Trennung zwischen Gott und dem Menschen.“ (80)  Das führt zu einer absurden Umkehr, die Machen später so zusammenfasst: „Dem christlichen Glauben nach existiert der Mensch um Gottes willen, nach der liberalen Lehre existiert Gott um des Menschen willen.“ (178)

Die Lehre über den Menschen folgt der falschen Lehre über Gott (81). „Der fundamentale Fehler der modernen Kirche ist, dass sie eifrig beschäftigt ist mit einer völlig unmöglichen Aufgabe: Gerechte zur Busse zu rufen. Moderne Prediger versuchen, Menschen in die Kirchen zu locken, ohne von ihnen zu fordern ihren Stolz loszulassen. Sie versuchen, den Menschen dabei zu helfen, Sündenerkenntnis zu vermeiden! Der Prediger besteigt die Kanzel, öffnet die Bibel und spricht die Gemeinde etwa wie folgt an: ‚Ihr seid richtig gut! Ihr kümmert euch um das Wohl der Gesellschaft…“ (85) Die Menschen dürfen auf keinen Fall ihre Sünden vor Augen geführt bekommen. „Man müsse vielmehr das Gute in ihnen suchen und es kultivieren.“ (161; Machen spricht hier vom Umgang mit Strafgefangenen). Was für eine Fehldiagnose! Der Mensch ist in Wirklichkeit tot durch seine Sünden, und „was er wirklich braucht, ist ein neues Leben.“ (162)

Wie machen sich diese Veränderungen in der Lehre über die Bibel bemerkbar? Die Offenbarung Gottes wird nicht mehr auf einen objektiven, fehlerlosen Bericht der Bibel gegründet. Was bleibt denn als alternative Grundlage übrig? (94) Wer zum Beispiel beginnt, den „historischen Jesus“ zu ermitteln, anerkennt in der Tendenz nur solche Worte an, „die zu den eigenen vorgefassten Ansichten passen“ (95). Damit kann die einzige Autorität nur noch das individuelle Erlebnis sein (96). Denken und Leben gründen sich nicht mehr auf der Schrift, sondern beruhen „auf wechselhaften Emotionen sündiger Menschen“ (97).

Das wiederum wirkt sich auf die Frage aus, wer Christus darstellt. Nach dem Liberalismus unterscheidet er sich alleine durch seinen Rang, nicht aber durch sein Wesen vom Rest der Menschheit (133). Jesus hat sich jedoch stets als Messias und Retter der Welt vorgestellt. Er bot nicht primär Rat, sondern Erlösung an. Er ist nicht nur Vorbild, sondern Objekt des Glaubens (115).

Das verändert die Botschaft der Erlösung. Wenn Jesus einen Ehrenplatz im Sinne eines moralischen Vorbilds einnimmt, dann wird „das Ärgernis des Kreuzes“ weggenommen „und mit ihm die Macht und Herrlichkeit“ (146). Die Botschaft vom Sühnopfer passt nicht mehr ins übrige Bild und muss eliminiert werden. Nur: Was passiert dann mit Sünden, die nicht wieder gut zu machen sind? Wir werden aufgefordert „umzukehren und zu vergessen. Doch wie herzlos ist diese Art von Umkehr! … was ist mit jenen, die wir durch unser Beispiel und unsere Worte heruntergezogen haben bis zum Rand der Hölle? Vergessen wir sie und drücken einfach beide Augen zu?“ (153) Wenn man die Notwendigkeit der Sühne leugnet, „so verleugnet man damit die Existenz einer wahrhaft moralischen Ordnung“ (154). Die Arbeit des Heiligen Geistes wird „durch die übliche Anwendung weltlicher Mittel oder durch die Verwendung des schon im Menschen befindlichen Guten verrichtet“ (159).

Wie wird in einer solchen Sicht des Christentums die Aufgabe der Evangelisation verstanden? „Die jetzige Welt steht im Zentrum all seiner Gedanken, die Religion und sogar Gott selbst wird zum Mittel degradiert, um die Bedingungen auf dieser Erde zu verbessern“ (172). Religion ist Mittel für ein höheres Ziel, nämlich die Veränderung der Gesellschaft. Dabei ist es umgekehrt: „Das Christentum wird eine gesunde Gemeinschaft erzeugen, aber wenn es alleine dazu benutzt wird, eine gesunde Gemeinschaft zu erzeugen, dann ist es kein Christentum.“ (176)

Das letzte Kapitel widmet sich der Gemeinde. Hier schlägt sich nieder, was in den anderen Bereichen gelaufen ist. „Die moderne liberale Lehre besagt, dass alle Menschen überall Brüder seien, was immer sie auch glauben oder welcher Rasse sie angehören.“ (183) Die grosse Schwächung rührte daher, dass eine grosse Anzahl von Ungläubigen nicht nur in die Reihen der Gemeinde, sondern auch in die Lehranstalten aufgenommen wurde (185). Diese Menschen dominierten zunehmend die Gemeindeleitungen und die Lehre. „Geschwächt durch weltliche Auseinandersetzungen geht man in den Gottesdienst in der Hoffnung auf Erquickung der Seele. Und was findet man? Zu häufig nur den Aufruhr der Welt.“ Der Prediger „kommt nicht mit einer Botschaft, die durchdrungen ist von der Autorität des Wortes Gottes, nicht mit der Herrlichkeit des Kreuzes Christi, … sondern mit menschlichen Meinungen zu aktuellen sozialen Fragen oder einfachen Lösungen für das komplizierte Problem der Sünde.“ (206-07) Wie bekannt kommt mir diese Erfahrung vor!

Fazit:  „Religion wird nicht dadurch freudenvoll, dass man nur die angenehmen Facetten Gottes akzeptiert. Denn ein solch einseitiger Gott ist nicht real und nur der reale Gott kann das Sehnen unserer Herzen stillen.“ (157) Wie schade, wenn wir diese Kraft dahingeben für einen jämmerlichen Ersatz! Die Alternative dazu ist jedoch nicht der Rückzug, wie Machen deutlich schreibt: „Die ‚Jenseitigkeit‘ des Christentums beinhaltet keinen Rückzug aus den Kämpfen dieser Welt.“ Es geht vielmehr darum, „die Prinzipien Jesu auch auf die Komplexität des modernen industriellen Lebens anzuwenden.“ (179) Wie ernst dies Machen war, zeigt seine bildungspolitische Stellungnahme am Anfang des Buches:

Die gesamte Entwicklung der modernen Gesellschaft führt auf extreme Art und Weise zur Einschränkung der Freiheit des Einzelnen. Diese Tendenz lässt sich besonders gut anhand des Sozialismus beobachten. In einem solchen Staat wäre die Sphäre individueller Entscheidungsfreiheit auf ein Minimum reduziert. … Es scheint den Gesetzgebern von heute nicht in den Sinn zu kommen, dass ‘Fürsorge’ zwar etwas Positives sein mag, aufgezwungene Fürsorge aber negativ sein könnte. … Das Resultat ist eine noch nie da gewesene Verelendung des menschlichen Lebens. Persönlichkeit kann sich nämlich nur im Bereich eigener Entscheidung entwickeln. Dieser Bereich wird durch den modernen Staat langsam aber sicher immer weiter eingeengt. Diese Tendenz macht sich besonders im Bildungswesen bemerkbar. … Ein öffentliches Bildungssystem als Anbieter von kostenlosem Wissen für alle, die sich danach sehnen, ist eine grossartige Errungenschaft der Moderne. Wird es jedoch zum Monopol erhoben, so ist es das wirksamste Instrument der Tyrannei, das bisher erfunden wurde. … Setzt man die Kinder in dem für sie prägenden Alter gegen den Willen und gegen die Überzeugungen der Eltern unter die permanente Kontrolle vom Staat eingesetzter Experten, zwingt sie, an einem Unterricht teilzunehmen, indem alles höhere Streben der Menschheit unterdrückt und der Verstand mit materialistischem Gedankengut gefüllt wird, dann wird es schwer vorstellbar, wie auch nur Reste von Freiheit fortbestehen sollen.  (21+25)

Aus den Medien: Die Kosten des ethischen Relativismus

Die unselige Trennung zwischen Fakten und Werten

Unsere Generation bekommt mit der Muttermilch eingeimpft, dass sie zwischen überprüfbaren Fakten und individuellen Werten unterscheiden müsse. Niemand würde daran zweifeln, dass eine Person x Meter und Zentimeter im Weitsprung geschafft hat. Wenn es jedoch darum geht, ob sich ein Heranwachsender ab 12, 13 Jahren eine Sexualpartnerin an der anderen zulegen sollte, dann antworten wir reflexartig: "Das muss jeder selbst wissen." Wenn es um Moral geht, dann behaupten wir, dass dies eine irrationale Angelegenheit sei, in der jeder seine eigenen existenziellen Entscheidungen treffen müsse. Es gilt das Gesetz, dass man kein übergeordneten Gesetzmässigkeiten annehmen dürfe.

Eine Kolumne der NY Times hat dieses doppelte Denken beschrieben und als unzureichend entlarvt. Die Schulen impfen den Kindern einen realitätsfremden doppelten Standard ein.

Our schools do amazing things with our children. And they are, in a way, teaching moral standards when they ask students to treat one another humanely and to do their schoolwork with academic integrity. But at the same time, the curriculum sets our children up for doublethink. They are told that there are no moral facts in one breath even as the next tells them how they ought to behave.

Der Realitätstest: Es braucht moralische Normen

Es ist heilsam, diese Annahmen in der Realität zu überprüfen. Robert Putnam, einer der renommiertesten US-Politikwissenschafter, hat dies getan. Im "Our Kids" analyisierte er die Bedingungen von US-Amerikanern, die einen Highschool- bzw. einen College-Abschluss haben. Er stellt fest, dass die Schere gewaltig auseinandergeht. In welcher Hinsicht? Die Bedingungen des Elternhauses korrelieren hochgradig mit dem späteren Erfolg. Während nur 10 % der College-Abgänger in einem Einelternhaushalt aufgewachsen sind, können 70 % auf ein Elternhaus mit beiden Elternteilen zurückblicken.

Roughly 10 percent of the children born to college grads grow up in single-parent households. Nearly 70 percent of children born to high school grads do. There are a bunch of charts that look like open scissors. In the 1960s or 1970s, college-educated and noncollege-educated families behaved roughly the same. But since then, behavior patterns have ever more sharply diverged. High-school-educated parents dine with their children less than college-educated parents, read to them less, talk to them less, take them to church less, encourage them less and spend less time engaging in developmental activity.

Hoch interessant ist die Schlussfolgerung des NY Times-Kolumnisten David Brooks. Es brauche wieder anerkannte gesellschaftliche Normen!

It’s not only money and better policy that are missing in these circles; it’s norms. The health of society is primarily determined by the habits and virtues of its citizens. In many parts of America there are no minimally agreed upon standards for what it means to be a father. There are no basic codes and rules woven into daily life, which people can absorb unconsciously and follow automatically.

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