Aufsatz: Befreit werden von der Knechtschaft des Perfektionismus

Im Dschungel der verhaltenstherapeutischen Konzepte und Modelle – auch im christlichen Bereich – ist die Frage nach den Motiven in den Hintergrund gerückt. Eine knappe, hilfreiche Einführung ist das Heft “Motivationen” (3L-Verlag: Waldems, 2012), das ich hier besprochen habe.

Eine Motivation, die sich übrigens gut tarnen lässt, ist ein überzogener Anspruch an sich selbst. Wir können auch von Perfektionismus sprechen. In diesem Aufsatz “Befreit werden von der Knechtschaft des Perfektionismus” (in: BGDL, Nr. 105) habe ich anhand der Auszugsgeschichte Israels aus Ägypten eine geistliche Analyse zu dieser aktuellen Frage erstellt.

Wer sich das anhören will: Hier und hier habe ich zum Thema gepredigt.

Kinder in die Selbständigkeit begleiten (13): Eigeninitative fördern

Mein Vierter hat einen neuen Kanal sich mitzuteilen entdeckt. Vor einigen Wochen begann er von einem Tag auf den anderen mit Schreiben. Er bettelte um ein Blatt Papier (wir waren gerade im Urlaub und der Papiervorrat war begrenzt), verschwand in einer Ecke und malte sorgfältig Buchstabe um Buchstabe auf. Für eine Mitteilung brauchte er bestimmt zwei, drei Stunden. Der Eifer hält bis heute an. Als ich ihm kurzem ein Exemplar des neuen Buches aushändigte, schrieb er es mit seinem Namen an. Tagelang schrieb er einzelne Sätze daraus ab.

Ungünstig

Wir stören uns an der Art, wie er das Schreiben aufgenommen hat und lenken es in „geordnete Bahnen“: „Aber du kannst noch gar nicht lesen.“ „Dieser Stoff kommt erst noch im Unterricht.“ „Willst du dich nicht an den Tisch setzen?“ Wir schenken nur den älteren Brüdern das Buch, weil der „Kleine“ noch nicht lesen kann.

Alternative

Wir nehmen uns Zeit, um entstandene Werke zu würdigen. Wenn er im Dunkeln zu schreiben beginnt, sorgen wir für Beleuchtung. Wenn er einige Buchstaben verkehrt herum schreibt, machen wir ihn mehr beiläufig darauf aufmerksam. Wir versuchen Mitteilungen zu entziffern und fragen ehrlich nach, wenn wir etwas nicht verstehen. Wenn er einer Person einen Brief schreiben möchte, unterstützen wir ihn darin, dass er beim Empfänger ankommt. Wenn ihn die Brüder zu kritisieren beginnen, versuchen wir die Kritik in Unterstützung des jüngeren Bruders umzuwandeln.

Zitat: Zwischen Liberalismus und Fundamentalismus

Diesen Ausschnitt aus Os Guinness’ Buch “Asche des Abendlandes” (Hänssler: Neuhausen-Stuttgart, 1972, S. 298-300) ist es wert, in voller Länge wiedergegeben zu werden. Es ist wahrlich nicht einfach, zwischen dem sich im Evangelikalismus ausbreitenden Liberalismus und einem erstarrten Fundamentalismus zu navigieren.

In der liberalen protestantischen und progressiven katholischen Theologie kann man die Ergebnisse dieses Mangels an Wahrheits­grundlagen gut sehen. Indem sie den Akzent auf einen Glaubenssprung legten, eine Trennung zwischen Fakten und Glauben voll­zogen, die Geschichte zum Mythos deklassierten und somit jedem vernünftigen Glauben allen Boden entzogen, haben die Moderni­sten und Progressiven die Glaubwürdigkeit des Glaubens zu radi­kaler Ungewißheit schwinden lassen. Angefangen bei den Libera­len, die unterschieden zwischen der Bibel als dem Wort Gottes und einer Bibel, die Gottes Wort enthält, über Rudolf Bultmann mit seiner Behauptung, daß der Glaube an Ostern intakt bliebe, selbst wenn wir heute die Gebeine Christi in einem Grab finden würden bis zu den jüngeren Theologen, denen nur noch daran liegt, daß die »Sache« Jesu weitergeht – alle stehen dem unlösbaren Problem der Bedeutung ihrer Theologie gegenüber. Fragt man sie, was sie denn eigentlich meinten, oder auf welcher Grundlage sie solche Aussagen machen könnten, enden ihre Antworten in der Leere, im Trivialen oder Absurden. Wahrheit ist nicht mehr, was Gott über sich zu den Menschen sagt, sondern was der Mensch erkennt, wenn er Gott sucht und sich in menschlichen Begriffen außen. Aber eine solche Sprache ist rein symbolisch. Wie ein Pfeil versucht sie die Decke der Unendlichkeit zu durchbohren, jenseits derer Gott, wenn es einen Gott gibt, der unfaßbar Andere ist. Unterhalb der Decke sucht der Mensch und ringt nach der Wahrheit, aber jeglicher Sinn ist stets jenseitig. Dem Menschen bleibt nur noch, was T. R. Miles »Schwei­gen, durch Gleichnisse qualifiziert« genannt hat. Diese »radikale Ungewißheit« unterscheidet sich von offenem Zweifel nur wenig, und ein solcher Glaube erscheint nur den Glaubenden als tapfer. Der kaltblütige Realismus von Freud ist dem bei weitem vorzuzie­hen, der solche jeglicher Verifikation unzugänglichen Glaubens­vorstellungen folgendermaßen kommentierte: »Genauso wie man sie nicht beweisen kann, kann man sie auch nicht widerlegen.« Der Liberalismus kann auf die Frage »Woher können wir das wissen?« nichts antworten. Wie gut die liberale Rhetorik auch sein mag, der Glaube schwebt dort ständig in der Gefahr, von erkenntnistheoreti­scher Ungewißheit oder vom Relativismus geschluckt zu werden.

Mängel betr. der Wahrheitsgrundlage zeigen sich allerdings auch im älteren Fundamentalismus. Es mutet einen ironisch an, daß, ob­wohl die Fundamentalisten den Liberalismus ganz und gar ableh­nen, ihre Antwort die gleiche Schwäche aufweist. Auch sie betonen den Glaubenssprung und erheben die Irrationalität fast zum Prinzip; sie leimen die ernsthaften Fragen des modernen Menschen als Ablenkung von tieferen persönlichen Problemen ab. Dahinter ver­birgt sich eine verzweifelte intellektuelle Unsicherheit, von der um­zäunenden Hecke von Tabus zwecks Erhaltung moralischer Rein­heit nur dürftig verborgen. Die scharfe Intoleranz vieler evangelistischer Unternehmungen, die nur durchgeführt werden, um das ei­gene Gewissen zu beschwichtigen, verrät die gleiche Unsicherheit. Viel von dem, was in diesen Kreisen gelehrt wird, muß in der gro­ßen Schule des Lebens wieder über Bord gehen, und es überrascht keineswegs, daß die Universitäten mit Versagern, die aus solchen Kreisen stammen, ihre Not haben. Ihr irrationaler, subjektiver Glaube wird von den auf da Hochschule notwendigerweise auftau­chenden Fragen grausam durchlöchert, und viele können nur des­halb beim Christentum bleiben, weil sie sich an einen schizophrenen Glauben klammem, den sie für religiös wahr halten, ohne ihn gedanklich, geschichtlich und psychologisch verifizieren zu können.

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Das zeitgenössische Christentum hat seine eigene Glaubensgrundlage bewußt und unbewußt verraten, indem es die Verschiebung im Wahrheitskonzept nicht verstanden und seine Äußerungen nicht auf die modernen Denkaussetzungen abgestimmt hat. Für den modernen Menschen ist es nicht nur falsch, sondern unsinnig, im Bereich der Moral und Vernunft mit »Universalien« zu arbeiten und im Bereich der Theologie oder Metaphysik von objektiver Wahrheit zu reden. Das moderne Denken ist von einem Schwung vom Absoluten zum Relati­ves, von Objektivität zur Subjektivität, vom Universalen zum Existenziellen gekennzeichnet. Sowohl der Liberalismus als auch der Fundamentalismus haben hier falsch reagiert – wenn auch in der entgegengesetzten Richtung. Der Liberalismus hat beim Aufkommen der rationalistischen Kritik am Christentum nicht auf seinen eigenen Prämissen bestanden. Stattdessen hat man versucht, bibli­sche Theologie auf naturalistischen und säkularen Prämissen zu errichten, je nach den gerade vorherrschenden philosophischen Strömungen. Keine liberale Theologie ist je eine neue Theologie. Es handelt sich lediglich um säkulare Prämissen, die in die religiöse Dimension erhoben werden. Daraus erklärt sich, warum die neuen Theologien so schnell passe gewesen sind; sie überdauern ihre Elternphilosophie nicht. Manche Theologen könnte man passend als »theologische Mannequins« bezeichnen. Wenn man die hegeliani­schen, existentialistischen oder idealistischen Prämissen hinter einer bestimmten neuen Theologie aufspüren kann, kann man ihre Relevanz und ihren Aufstieg und Niedergang gewöhnlich mit ziemli­cher Sicherheit vorhersagen. Was die liberale Theologie anscheinend durch ihre vorübergehende Aktualität gewinnt, verliert sie schliesslich durch ihre Kapitulation durch Kompromiß. Die Vermi­schung von biblischen und säkularen Prämissen endet stets in der Irrationalität.

Extremer Fundamentalismus ist gleichfalls irrational, doch aus an­deres Gründen. Stolz auf die »Reinheit der Lehre« und Treue zum Väterglauben veranlaßt die Fundamentalisten, jede Andeutung eines Kompromisses oder einer Verständigung abzulehnen. Aber ihr Mangel an einer ausreichenden Wahrheitsgrundlage ist ebenso sichtbar. Ihr Fehler besteht grundsätzlich darin, daß sie die Schlacht dort kämpfen, wo sie längst nicht mehr gekämpft wird; Don Quijote ähnlich stürmen sie gegen die Windmühlen von gestern. Sie vergessen Martin Luthers Ermahnung, daß ein Kampf an jedem Punkt, ausgenommen an dem, wo sich heute die Schlacht abspielt, eine Zeitverschwendung ist. Der Fundamentalismus hat die modernen Prämissen des Relativismus nicht begriffen und ihre Verbreitung geografisch, kulturell und intellektuell nicht verfolgt. Er befindet sich daher in einer gesellschaftlichen Isolation, auf einer selbstgemachten Mittelklasseinsel, von der allgemeinen Kultur und sogar den eigenen Kindern getrennt. Sie verstehen den Unterschied zwischen einer Ablehnung von Falschem und einer Ablehnung von Sinnlosem nicht. Sie verteidigen die Bibel als Wort Gottes, aber sie erkennen nicht, dass die moderne Position dies nicht wegen bestimmter Einzelheiten ablehnt, sondern weil es in der geschichtlich gewordenen und geschichtlich bedingten Sprache das Wort nicht geben kann. Sie verweisen auf die Auferstehung Jesu als Beweis für die Wahrheit des Christentums, erkennen aber nicht, dass es den Existenzialisten eigentlich nicht darauf ankommt, ob es ein historisches Ereignis war oder nicht; er fragt sich, ob es sich dabei nicht um ein weiteres sinnloses Ereignis in einem irrationalen Universum handelt. In der Diskussion der Wunderberichte mit den Materialisten verstehen sie nicht, daß es gar nicht darum geht, wie viele historisch belegte Wunder man aufführen kann, sondern daß man es mit einer tiefbegründeten Grundhaltung zu tun hat, die jeglichen Glauben an von Gott gewirkte Wunder unmöglich macht – auch wunderbare und unerklärbare Gescheh­nisse haben heute keine Sprache mehr. Diese Verständnislosigkeit führt nicht nur zu einem Kommunikationsversagen, sondern zu ei­ner intellektuellen Haltung, die bestenfalls irrational und schlimm­stenfalls verlogen und absurd ist. Ein solcher Glaube ist wie ein in­tellektueller Bluter – man braucht ihm nur den Finger anzuritzen, und er verblutet.

Dieser Mangel an Wahrheit Endet sich nicht nur im Liberalismus oder im extremen Fundamentalismus, sondern auch in neueren Be­wegungen innerhalb der Christenheit. Sicherlich sollten die Chri­sten ihrer Einheit Ausdruck verleihen und ihre Aufsplitterungen überwinden, aber die Ökumene hat sich bislang mehr als Einigung auf Kosten der Wahrheit statt als Vereinigung auf der Grundlage der Wahrheit erwiesen. Sicherlich brauchen die Christen ein tieferes Er­leben der Wirklichkeit des Heiligen Geistes; in der charismatischen Bewegung Enden wir jedoch vielfach eine Oberbewertung des Er­lebnisses auf Kosten der Erkenntnis. Insgesamt haben diesen Bewe­gungen – Liberalismus, extremer Fundamentalismus, die Ökumene und das neue Pfingstlertum, weiche positiven Beiträge sie auch im einzelnen geleistet haben mögen – dazu beigetragen, die Wahrheit zu entwerten, die Einzigartigkeit des christlichen Glaubens zu ver­wischen und das historische Christentum seiner größten Stärke zu berauben: des Anspruchs, wahr zu sein.

Kolumne: Gegen das Diktat der Mittelmässigkeit

Für die “Freie Welt” habe ich eine Reflexion anlässlich des Besuchs eines Musikwettbewerbs geschrieben:

Einmal mehr durfte ich an einem regionalen Musikwettbewerb beiwohnen. Nicht nur geniesse ich die musikalischen Darbietungen. Ich lasse mich gerne in die Atmosphäre vor, während und nach Auftritten mit hineinnehmen. Ich liebe es in einer Umgebung, die von Musik klingt, zu lesen. Die Stunden des Wartens sind für mich darum nicht langweilig, sondern stimulierend.

Gleich nach dem Betreten des Gebäudes tauche ich in eine andere Welt ein. Hier trifft sich eine Subkultur, bestehend aus musikalisch interessierten, leistungswilligen Menschen samt Angehörigen und Lehrern. Es herrscht gespannte Wettkampfatmosphäre.

Ich gewinne dem Anlass durchaus Positives ab. Ein Wettbewerb lässt das Kind sich in Konzentration üben. Es lernt mit Aufregung umzugehen und vor einem Publikum aufzutreten. Es lernt seinen Körper besser kennen, merkt Einflüsse von Nahrung, Trinken, Schlaf und Bewegung. Nach dem Auftritt, in den Wartepausen und auf dem Rückweg eröffnen sich Gelegenheiten zum Gespräch: Was denkst du kurz vor dem Auftritt? Was sind deine ersten Gedanken danach? Was fällt dir bei den anderen auf? Was kannst du von ihnen lernen? Was bewirkt ein solcher Auftritt in dir? Wir sprechen über Ängste, Hoffnung, Beruf und Berufung.

P. S. Diese Kolumne ist keine Verherrlichung der Leistungswelt vs. Konsumwelt.

Buchbesprechung: Dinner mit dem Teufel

Os Guinness. Dining with the Devil. Baker: Grand Rapids, 1993. 128 Seiten. Euro 8,73 (Kindle-Version).

Lesen? Ja, wenn…

Ich mag kurze Bücher mit Inhalt. Nicht jedes Thema muss auf 500 Seiten ausgerollt werden mit der Bemerkung, es hätte eigentlich noch weitere 500 Seiten gebraucht. Lohnen sich die 9 Euro für die gut 100 Seiten? Es kommt drauf an: Wer noch nie eine Kritik zur Gemeindewachstums-Bewegung gelesen hat, dem empfehle ich, dies nachzuholen. Zumal in manchen Gemeinden die soziologischen Studienergebnisse bisweilen fast zur Heilsbotschaft hochstilisiert werden. Wer schon ausführlichere Bücher wie die von David F. Wells gelesen hat, der betritt vertrautes Gelände.

Der Titel

Die Kombination des Titels mit dem Inhalt erregte meine Neugier. Guinness hat als Religionssoziologe promoviert, und zwar über den berühmten Artgenossen Peter Berger. Von diesem stammt auch das Bild des Dinierens mit dem Teufel. Die Metapher soll folgendes sagen: Die Kirchenwachstumsbewegung hat sich auf ein gefährliches Spiel eingelassen. Wer mit dem Teufel tafelt, wird sich über kurz oder lang ohne Besteck wiederfinden.

Die These

Damit sind wir bei der These des Buches: Guinness setzt sich mit dem neuen Fundament der Mega-Church-Bewegung auseinander. Was dem Autor gut gelingt, ist das Vermeiden einer verbalen Schlammschlacht. Er will keine pauschalisierenden Vorschlaghammer-Argumente, sondern Prinzipien bzw. Argumente für eine sachliche Auseinandersetzung liefern. Die Hauptaussage lautet: Die Moderne ist gleichzeitig Chance und grösste Gefahr für die Kirche. Ihr Einfluss hat die Auswirkung des Glaubens auf das Leben massiv verringert. Die Wachstumsbewegung ist die Antwort auf die Krise des Glaubens angesichts der Moderne. Der christliche Glaube scheint die Kultur kaum noch zu berühren, umgekehrt beeinflusst die Kultur den Glauben jedoch massiv.

Die Struktur

Guinness arbeitet sich Schritt für Schritt durch eine numerische Struktur. In der Einleitung stellt er bereits 12 Statements auf. In den restlichen Kapiteln geht er in aufsteigender Form durch eine Anzahl von Argumentationshilfen. Ich fand diese Struktur zwar faszinierend, jedoch wenig hilfreich beim Merken der wichtigsten Inhalte. Die Gefahr bei der Nennung von Dutzenden von Unterpunkten ist die Überschneidung bzw. fehlende Differenzierung.

20 Charakterisierungen und Argumente

Mein persönlicher Gewinn dieses Buches bestand aus einzelnen Bemerkungen.

  1. Das Imperium der Moderne stellt die Alternative zum Königreich Gottes dar.
  2. Evangelisation wird auf der einen Seite leichter, doch die konkrete Jüngerschaft dafür viel schwieriger!
  3. Die Pastoren sind zu Managern mutiert. Auf dem christlichen Buchmarkt dominiert das Therapeutische.
  4. Die Wachstumsbewegung benutzt oft die Werkzeuge der Moderne, um den Mitgliedern das Leben in der Gefangenschaft der Moderne zu erleichtern, statt zu einem „Exodus“ zu führen.
  5. Das Zentralereignis des christlichen Glaubens, nämlich die Bekehrung, darf nicht in einen trivialen „Veränderungsprozess“ umgewandelt werden.
  6. Methodik steht im Zentrum, ab und zu behilft sie sich der Theologie. Das nennt man „verkehrte Welt“.
  7. Der Schwerpunkt hat sich vom Dienst an Gott zum Dienst am Selbst verlagert.
  8. Die Menschen dort abzuholen, wo sie sind, ist bloss der erste, aber niemals der letzte Schritt.
  9. Es gibt nicht länger den Bedarf, Gott Gott sein zu lassen.
  10. Worte sind nicht mehr gewichtig. Es geht um Programme, Daten, Ergebnisse.
  11. Die drei Erfordernisse: Werbung machen! Die Produktvorteile herausstreichen! Nett zu den Menschen sein!
  12. Die Kirche Jesu Christi ist mehr als geistlich und theologisch, aber nie weniger.
  13. Die Menschen der Moderne sind Bits-and-Bytes-Verarbeiter, aber nicht mehr „Grosses Bild“-Denker.
  14. Der einzige Platz für Religiosität ist das Private. Religion, die praktisch irrelevant ist, wird komplett irrelevant sein.
  15. Das Leben besteht aus einer Liste von Problemen, zu denen Lösungen entwickelt werden können.
  16. Die zwei grossen Gebote: „Finde ein Bedürfnis und befriedige es, finde eine Verletzung und heile sie.“
  17. Wahre Bedürfnisse bilden den ersten Schritt hin zu Gebet und Glaube, falsche Bedürfnisse bewirken genau das Gegenteil.
  18. Informierte Meinung ist nichts anderes als die Wiederholung der gestrigen Talkshow.
  19. Es gibt drei einfache Fragen zu stellen: Was wurde gesagt? Ist es wahr? Was soll unternommen werden?
  20. Es geht nicht um ein Publikum, das die Botschaft hören soll, sondern um eine Botschaft, die das Publikum bei der Stange halten soll.

Die Anwendung

Bei uns gibt es nur wenige Mega-Churches. Aber der „Groove“ bzw. die Botschaft ist auch in unseren Breitengraden angekommen bzw. steckt in den Köpfen von Gemeindeleitungen. Wie Guinness im Einstieg sagt: Uns plagen nicht Kirchen-Einkaufscenter, aber die Shopping-Mentalität. Die Folgen von Management, Marketing und zielgruppengerechter Sprache machen sich erst nach Jahren bemerkbar, und zwar in der Folgegeneration. Diese spiegelt uns zurück: Mit dieser Art von Kirche können wir nichts anfangen. Damit haben sie uns etwas über ihre „Konditionierung“ verraten: Sie sind es sich von klein auf gewöhnt, Kirchen-Dienstleistungen zu konsumieren und sie aus der Sicht des Verbrauchers als „langweilig“ und „out“ zu etikettieren. Dies ist ein Wink mit dem Zaunpfahl: Es mangelt an den ewig-aktuellen Inhalten. Auf diese sollten wir uns besinnen. Nach einer Predigt sollten wir nicht länger mit „Daumen rauf“ oder „Daumen runter“ antworten, sondern uns fragen: Stimmt die Botschaft mit der Botschaft der Bibel  bzw. dem Text überein?

Zitat: Nur das hören, was wir wollen?

Jemand bemerkte mir gegenüber: “Heute kannst du über alles predigen, es kommt einfach darauf an, wie du es sagst.” Über diese Aussage zerbreche ich mir den Kopf. Ich kann heute das eine verkündigen, am nächsten Sonntag predigt von der gleichen Kanzel der nächste das Gegenteil. Und die Leute klatschen bei beiden!

Os Guinness schrieb in seinem Buch “Asche des Abendlandes” (Hänssler: Neuhausen-Stuttgart, 1972, S. 59):

In den nächsten Jahren werden wir mit sehr viel billiger Religion und religiöser Verwirrung zu tun haben. Es wird zwar für den Christen wesentlich einfacher sein, in dieser Situation zu sprechen, aber es wird für ihn doppelt so schwierig sein, so zu sprechen, dass man ihn auch versteht. Verwaschener Glaube kann genauso schlimm sein wie falscher Glaube.

Könnte es sein, dass wir versuchen klar zu sein, aber trotzdem nicht verstanden werden können bzw. wollen? Oder anders herum gefragt: Die Zuhörer blicken mit einer zunehmend relativistischen Brille auf das ihnen Dargebotene und pflücken das heraus, was sie hören wollen. So weit die Analyse. Ich frage mich: Wie können Verkündiger durch den relativistischen “Filter” dringen?

Aus den Medien: Die Yoga-Lüge, Apostasie im Islam, Handy-Sucht

Die Yoga-Lüge

Ulrike Walker schreibt:

Wieso glauben wir Europäer dann, mit fernöstlichen Weisheiten das Paradies auf Erden errichten zu können? Selbst in staatlich finanzierten Studentenaustauschprogrammen Namens “Erasmus” wird Yoga angeboten. Nicht mal Kindergartenkinder werden davon verschont, selbst dann nicht, wenn Eltern ihre Bedenken äussern und ihr Kind dispensieren möchten, weil Yoga eben nicht neutral ist. Der 4. Yoga Grundsatz ist der Spiritualität Gottes gewidmet. Stellen Sie sich vor im Kindergarten würden man das “Vater unser” beten. Welch einen Aufschrei gäbe es in unserer christlich abendländischen Gesellschaft. Ist es doch selbst den Behörden der KESP ein Dorn im Auge, aus der Not heraus, Kinder in frömmlerische Pflegefamilien stecken zu müssen. Die Angst durch ein Tischgebet beeinflusst zu werden, ist gar zu gross. Aber bei Yoga, droht nicht die geringste Gefahr. Meinen wir – wir Europäer – gutgläubig wie wir nun mal sind. Da kann ein Inder über uns “Aufgeklärte” nur den Kopf schütteln. “Die Europäer sind so naiv, dass sie sich blind auf fernöstliche Meditationstechniken einlassen, ohne zu wissen, wohin die Reise führt”.

Apostasie im Islam – eine alternative Sicht

Prof. Dr. Christine Schirrmacher bespricht im „Jahrbuch Religionsfreiheit 2014“ (hier) das Hauptwerk des Gelehrten Abdullah Saeed (*1960), „Freedom of Religion, Apostasy and Islam“ (24-48). Im letzten Teil fasst sie zusammen:

Saeed schwächt die Berechtigung zur Beurteilung der Apostasie als todeswürdiges Verbrechen durch die islamische Theologie ab, indem er die Genese der Befürwortung der Todesstrafe als eigentlich nicht-islamisch – sondern politisch bedingt – in ihrem Ursprung erläutert. Damit relativiert er vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Füllung des Begriffs der Apostasie im Laufe der Zeit die Brandmarkung von Andersdenkenden als Apostaten in der Geschichte. Gleichzeitig hinterfragt er die Absolutheit der Autorität der Gelehrten, indem er zahlreiche Beispiele von missbräuchlicher Anklage wegen Apostasie zum eigenen Machterhalt benennt. Er bezweifelt damit die scheinbar eindeutige Auslegung und Bedeutung der Überlieferungstexte zur Apostasie, indem er sie hinsichtlich ihrer vermeintlich historischen Eindeutigkeit als inhaltlich mehrdeutig und fragwürdig darstellt. (46)

Er unterscheidet damit zwischen dem Koran als Gottesoffenbarung und dem für ihn im Widerspruch dazu stehenden Erbe der traditionellen Schariagelehrten, zu dem für ihn etwa eine abwertende Sicht anderer Offenbarungen sowie die politische Interpretation theologischer Sachverhalte gehören. Der Koran ist für ihn Grundlage des Glaubens, aus dem er Freiheitsrechte ableitet, wie sie die Verfassungen der Nationalstaaten formulieren, weshalb es für ihn keinen Gegensatz zwischen Islam und dem Leben in einer westlichen Gesellschaft geben kann. (47)

Abdullah Saeed verortet die Problematik bei der traditionellen Theologie, die nach Muhammads Tod die aus seiner Sicht zumindest teilweise anzweifelbare Überlieferung in den Stand unhinterfragbarer und zeitlos gültiger Regelungen erhob und die damaligen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten als statische Komponenten zum Maßstab für die Moderne erklärte. (48)

Alle 10 Minuten am Handy

Forscher aus Bonn werten Daten über den Gebrauch des Mobiltelefons aus (VD: RK).

Ein Schock aber sei etwas anderes gewesen, worauf die Forscher bei der Auswertung gestoßen sind: Zwölf Prozent der Nutzer schauen sechs Mal pro Stunde auf ihr Handy. “Das muss man sich mal vorstellen: Alle zehn Minuten holt diese Gruppe von Leuten das verdammte Handy aus der Tasche und schaut nach, ob etwas passiert ist”, sagt Markowetz. “Das heißt doch auch: Das Smartphone ist immer da. Entweder in meiner Hand oder aber in meinem Bewusstsein.”

Für den Psychologen Christian Montag ähnelt das Nutzen eines Handys dem Umgang mit einem Glücksspielautomaten. Deswegen werde das Telefon so oft angeschaltet, sagt er. Bei dieser möglichen neuen Sucht handle es sich noch nicht um eine offiziell anerkannte Erkrankung. “Dennoch wissen wir, dass der Umgang mit dem Mobiltelefon suchtähnliche Symptome hervorrufen kann”, sagt Montag. So könne ein übermäßiger Konsum zur Vernachlässigung von wichtigen täglichen Aufgaben oder des direkten sozialen Umfelds führen. “Bei Nichtnutzung kann es sogar zu regelrechten Entzugserscheinungen kommen.”

10 Stellen aus jedem Bibelbuch (19): Hosea

Wenn Priester, König und Prophet im Land sich verfehlen, trifft dies Gottes Volk empfindlich.

… so wirst du bei Tag straucheln, und auch der Prophet wird mit dir straucheln bei Nacht, und ich will deine Mutter vertilgen. Mein Volk geht zugrunde aus Mangel an Erkenntnis; denn du hast die Erkenntnis verworfen, darum will ich auch dich verwerfen, daß du nicht mehr mein Priester seist; und weil du das Gesetz deines Gottes vergessen hast, will auch ich deine Kinder vergessen! Je mehr sie wurden, desto mehr sündigten sie gegen mich; darum will ich ihre Ehre in Schande verwandeln. Von der Sünde meines Volkes nähren sie sich und sind gierig nach ihren Missetaten. (Hosea 4,5-8)

Hört dies, ihr Priester, und du, Haus Israel, achte darauf, und du, Königshaus, horche! Denn euch droht das Gericht, weil ihr eine Schlinge geworden seid für Mizpa und ein ausgebreitetes Fangnetz auf dem Tabor. … Die Fürsten Judas sind denen gleich, welche die Grenze verrücken; über sie will ich meinen Grimm ausschütten wie Wasser. (Hosea 5,1+10)

Durch ihre Bosheit erfreuen sie den König und durch ihre Lügen die Fürsten. Sie alle sind Ehebrecher; sie gleichen einem Ofen, welcher vom Bäcker angeheizt wurde, der das Schüren nach dem Kneten des Teiges nur so lange unterläßt, bis er ganz durchsäuert ist. Am Festtag unseres Königs sind die Fürsten fieberkrank geworden vom Wein; er hat seine Hand den Spöttern gereicht. Denn sie haben ihr Herz in ihrer Hinterlist einem Ofen gleichgemacht: ihr Bäcker schläft die ganze Nacht, am Morgen brennt er lichterloh. Sie glühen alle wie ein Ofen und verzehren ihre Richter; alle ihre Könige sind gefallen: keiner von ihnen ruft mich an. (Hosea 7,3-7)

Sie haben Könige eingesetzt ohne meinen Willen, Fürsten, ohne daß ich es billigte. (Hosea 8,3)

Die Tage der Heimsuchung sind gekommen, die Tage der Vergeltung sind da! Israel soll erfahren, ob der Prophet ein Narr sei, der Geistesmensch wahnsinnig! Und das um deiner großen Schuld willen, weil du so feindselig bist. Ephraim schaut nach [Gesichten] aus neben meinem Gott; dem Propheten sind auf allen seinen Wegen Vogelfallen gelegt; im Haus seines Gottes feindet man ihn an. (Hosea 9,7+8)

 

Zitat der Woche: Die Puritaner über die Trinität

Die Lehre der Trinität ist zentral für den christlichen Glauben. Vergangene Generationen haben intensiv darüber nachgedacht: Die alten Väter, die Reformationen und auch die Puritaner. Beeke fasst zusammen:

In defending the doctrine of the Trinity, the Puritans were zealous to maintain the co-equality in power and glory, co-eternality, and consubstantiality of Father, Son, and Holy Spirit by virtue of the fact that they share in the same essence, thus resisting any form of ontological subordination among the persons. There is, however, an “order of relationships among the persons” (ordo personarum sive relationum). In order of subsistence, the Father is the First Person of the Godhead, the “fountain of deity” (fons deitatis), who eternally begets the Son, the Second Person. The Spirit, third in subsistence, proceeds from both the Father and the Son. These three persons, because they are “distinct but not separate” (distinctio sed non separatio), abide in and through one another (circumincessio).

Joel R. Beeke. Mark Jones. A Puritan Theology: Doctrine for Life. 5. Kapitel (The Puritans on the Trinity). Pos. 3672-3678.

Buchbesprechung: Von Gott berufen – aber zu was?

Os Guinness. Von Gott berufen – aber zu was? Wissen, für was es sich zu leben lohnt. Hänssler: Holzgerlingen, 2000. 287 Seiten.

Ein Thema, das jeden unbedingt angeht

In diesem Andachtsbuch geht es um ein Thema, das jeden Menschen „unbedingt angeht“. Warum bin ich da? Was ist meine Aufgabe? „An irgendeinem Punkt in unserem Leben wird ein jeder von uns mit der Frage konfrontiert: Wie finde ich den zentralen Sinn meines Lebens und wie kann ich ihn erfüllen?“ (9) „Dieses Buch ist für alle diejenigen unter uns geschrieben, die sich danach sehnen, den Sinn und das Ziel ihres Lebens zu finden und zu erfüllen.“ (12) Es gab selten ein Buch, das mich in letzter Zeit so bewegt hat wie dieses. Ich las es in zwei Anläufen. Anfangs dachte ich: Klar, wenn Os Guinness, Sprössling aus dem berühmten Bier-Imperium von Guinness, promoviert an der Oxford University, ein solches Buch aus dem bequemen finanziellen und zeitlichem Polster heraus schreiben konnte, wen wundert’s? Ich lag falsch. Hier liegt ein Bericht vor, der nicht nur Substanz hat, sondern von der tiefgreifenden Erfahrung des Autors und vieler Zeugen der Vergangenheit lebt. „‘Können Sie sich vorstellen, am Grunde eines tiefen Brunnens zu leben, mit einem Mühlstein um den Hals? So empfand ich mein Aufwachsen.‘ Niemals werde ich das Pathos vergessen, mit dem mir dies von dem Erben einer der reichsten Familien der Welt gesagt wurde. Die meisten Menschen können sich nur schwer die Sogen eines ‚armen reichen Kindes‘ vorstellen. Sie wären nur zu erfreut, nur ein einziges Mal von einem solchen Reichtum verführt zu werden. Aber nicht nur Menschen, die reich an Geld sind, spüren diese Last; auch Menschen die reich an Talenten sind.“ (149) Ob Guinness dabei auch an sich selbst dachte? Beide Lasten, die des Geldes und der Begabung, so scheint es mir, hat der Autor kennengelernt. Er selber lebt bis heute in seiner Berufung „(als Apologet) der Welt das Evangelium zu erklären, und (als Analytiker) die Welt der Kirche verständlich zu machen“ (95).

26 Berichte für Andacht und Hauskreis

Das Buch enthält 26 Berichte. Der Weg durch dieses Buch gleicht einer Entdeckungsreise. Ich war so angetan, dass ich gleich mehrere Berichte hintereinander las. Passender wäre das konzentrierte, langsame, reflektierende Lesen. Man könnte das Werk gut einzeln oder in einer Gruppe innerhalb eines Monats durchlesen. Jedes Kapitel umfasst ca. 10 Seiten. Drei Dinge helfen entscheidend beim Verdauen:

  • Jeder Abschnitt beginnt mit der Schilderung einer berühmten Person aus der Geschichte. Mich interessierte jeweils, wer als nächstes portraitiert werden würde.
  • Zweitens formuliert Guinness in jedem Kapitel die zentrale Aussage in einem kursiv gedruckten Satz.
  • Drittens schliesst ein Kapitel mit Fragen. Nimm als Beispiel den Abschluss des ersten Kapitels: „Haben Sie einen Grund für Ihr Leben, ein zielgerichtetes Verständnis vom Sinn Ihres Lebens? Oder ist Ihr Leben das Produkt wechselnder Entscheidungen und zahllosen Kräfteringens ausserhalb Ihrer Verantwortung? Wollen Sie über den Erfolg hinaus zur Bedeutung gelangen? Haben Sie erkannt, dass es nicht reicht, wenn Sie sich auf Ihre eigene Kraft verlassen…?“ (16) Abgeschlossen wird dieser Blumenstrauss von Fragen vom Refrain: „Hören Sie auf Jesus von Nazareth und folgen Sie seinem Ruf!“

Manche Seiten enthalten einen so reichen Fundus an Zitaten, dass ich sie mehrmals lesen musste. (Ein Beispiel gefällig? „Im Laufe von 2000 Jahren gibt es ein zwingendes Argument gegen den christlichen Glauben – die Christen.“ Nachher folgen Dutzende von Zitaten und Aphorismen, S. 129-132.)

Unsere Identität ist immer von aussen gegeben

Ich unternehme den Versuch eines Schnelldurchlaufs. Zuerst geht es darum, die Charakteristika der Berufung herauszuarbeiten. „Berufung ist die Gewissheit, dass Gott uns so bestimmt zu sich ruft, dass alles, was wir sind, alles, was wir tun, und alles, was wir haben, besonders hingebungsvoll und dynamisch als unsere Antwort auf seinen Aufruf und Dienst angesehen werden kann.“ (13) Der entscheidende Ausgangspunkt dafür entsteht durch das Wirken Gottes. „Wir können Gott nicht ohne Gott finden. Wir können Gott nicht ohne Gott erreichen. … Wir beginnen zu suchen, aber am Ende sind wir es, die gefunden werden. Wir glauben, nach etwas zu suchen, wir erkennen aber, dass wir von Jemandem gefunden worden sind.“ (24) Dementsprechend ist wahre Identität „immer von aussen gegeben“. Sie ist eine Angelegenheit von „Bestimmt-zum-Sein“ (34-35). Der erste Ruf in die Nachfolge Christi geschieht „durch ihn, zu ihm und für ihn“ und wird gefolgt vom zweiten „dass jeder überall und in allem ausschliesslich für ihn denken, sprechen, leben und handeln sollte“ (44).

Leben vor dem Einen Zuschauer

Eine fatale Verzerrung trennt „die weltliche Seite von der geistlichen völlig ab und reduziert die Berufung auf ein anderes Wort für Arbeit“ (54). Gott sucht für uns einen Ort, „einen Ort seiner Wahl – und wir werden erst wir selbst sein, wenn wir dort angekommen sind.“ (63) Diese Berufung berührt uns ganz persönlich, sie ist jedoch mehr als das; sie „berührt auch das kulturelle (öffentliche) Leben in beträchtlichem Masse“ (77). „Jünger sind nicht so sehr die, die nachfolgen, sondern die, die folgen müssen.“ (86) Ein Leben, das auf diese Art und Weise gelebt wird, „ist ein Leben, das man vor einem Zuschauer führt, der alle anderen übertrifft – der Eine Zuschauer.“ (91). Dies ist die Hauptlektion für mich aus diesem Buch. Durch diese Berufung, die vor ihm gelebt wird, wird „eine Leidenschaft für das tiefgreifendste Wachstum und das höchste Heldentum im Leben eines Menschen“ entfacht (100). Sie ist Grundlage für das Übernehmen von moralischer Verantwortung (109). Die Aufgabe ist nicht nur eine persönlich, sondern gemeinschaftlich (118). Christi Nachfolger sind „noch lange nicht“ am Ziel angekommen, sondern immer auf dem Weg (129).

Hindernisse, die Berufung zu leben

Dem Leben in dieser Berufung stehen einige Hindernisse gegenüber. „Die Kehrseite dieser Berufung ist die Versuchung der Einbildung.“ (141) Darum die Frage: „Verhalten Sie sich, als ob die Berufung Ihnen allein gilt, nur für Ihre Wünsche, Träume, Pläne, Titel und Errungenschaften gemacht?“ (148) Eine zweite Versuchung ist der Neid. Dieser Neid ist „nicht einfach ein hohes Ziel oder Ehrgeiz“, sondern „Sorge wegen des Gutes eines anderen“ (154). Neid zerstört. Die dritte Gefahr ist der Wohlstand. „Wir tun das, was wir im Leben tun, weil wir dazu berufen sind, und nicht, weil wir dafür bezahlt werden.“ (167) Viertens lauert die „Todsünde der Trägheit“, ein Zustand der geistlichen Niedergeschlagenheit (173). Die fünfte Gefahr droht von unserer säkularisierten Umgebung. Sie ist eine Welt ohne Fenster für den transzendenten Gott. Der Ruf Jesus beinhaltet gerade „die Erwartung übernatürlicher Realitäten“ (183). Sechstens widersteht Berufung dem Druck der Privatisierung, „weil sie darauf beharrt, dass Jesus Christus der Herr jedes Lebensbereiches ist.“ (192) Siebtens führt Berufung zur Fokussierung. „Um etwas Bestimmtes zu erreichen, wird ein Mensch alles andere aufgeben.“ (208)

Berufung und Jüngerschaft

Was sind weitere Begleiter des Rufs in die Nachfolge Christi? Berufung wird von einer „äusseren Perspektive auf die Gegenwart“ durchbrochen und dadurch „eine vorrangige Quelle christlicher Visionen und christlicher Visionäre“ (216). Alltägliches wird zur Freude und zur Pracht. „Ich tue kleine Dinge mit grosser Liebe.“ (229) Wer so beschenkt worden ist, benötigt noch eines: Ein dankbares Herz (245). Jesu Nachfolger sind dann bereit, den Spott um ihres Meisters willen zu tragen. Sie erwarten nichts anders. Sie warten ruhig auf die entscheidenden Augenblicke, ohne aus eigener Kraft etwas erzwingen zu wollen. Sie erreichen schliesslich gut das Ende ihrer Berufung und geben sie zurück in Gottes Hände.

Und jetzt?

Die zahlreichen biografischen Einschübe regten mich an, einige Biographien anzuschaffen: „Briefe an Olga – Briefe aus dem Gefängnis (von Vaclav Havel); „Der heilige Franziskus“ (von G. K. Chesterton); „Briefe an Freya“ (von Helmuth James von Moltke). Oder wie wäre es, eine Biografie zu Leonardo da Vinci, Yehudi Menuhim, Pablo Picasso und Margrit Thatcher zu lesen? Wir kennen ihre Namen, doch haben kaum eine Ahnung, was hinter deren Leben steckt.

Meine eigene Berufung ist mir durch dieses Buch nochmals deutlicher vor Augen gemalt worden. Sie besteht eben u. a. darin, diese Zeilen zu schreiben. Jemand fragte mich: „Warum investierst du Stunden um Stunden in das Schreiben?“ Eben darum, weil mir Gott dieses Vorrecht und diese Last in meine Leben hineingegeben hat. Die Leidenschaft ist längst geweckt. Ich tue es – hoffentlich – vor dem Einen Zuschauer. Ihm sei alle Ehre!

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