Debatte: Wenn sich unsere Kinder zum Säkularismus bekehren

Vor kurzem habe ich via FB eine intensive Debatte zur Frage geführt: Warum gehen unsere Kinder nicht mehr in den Gottesdienst?

Der Ausgangspunkt zur Suche nach Antworten

Der Ausgangspunkt zur Suche nach Antworten beginnt meines Erachtens bei einer Aussage von Sacha Walicord:

In der Seelsorge treffe ich immer wieder auf Eltern, die verzweifelt sind, weil ihre Kinder im Teenageralter nicht mehr in den Gottesdienst gehen wollen oder sogar mit dem Glauben insgesamt nichts mehr zu tun haben wollen. Wenn man nachfragt, um sich ein Bild vom Alltag des Aufwachsens dieser Kinder zu machen, erfährt man meistens, dass deren Großwerden sich nicht sehr vom Heranwachsen ihrer ungläubigen Freunde unterschied. Sie gingen zur gleichen staatlich-säkularen Schule, sie hörten die gleiche Musik, sie sahen ebenso die statistischen 3 Stunden täglich fern und machten auch sonst all das, was man eben so zu tun pflegt – außer eben dass sie am Sonntagvormittag mehr oder weniger freiwillig zum Gottesdienst in eine Gemeinde mitgingen, jedenfalls solange sie sich noch in einem Alter befanden, in dem sie unselbständig waren. Wenn dazu noch kommt, dass selbst in heutigen so genannten Gottesdiensten ebenfalls nur noch Unterhaltung geboten wird, ist es für Kinder aus christlichen Familien schwierig, Gott und sein heiliges Wort kennenzulernen. Das Volk Gottes war immer auch das von der Welt abgesonderte Bundesvolk Gottes.

Die Religion unserer Nachbarn besser kennenlernen

Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass wir gar nicht erkennen, dass unsere Nachbarn, Schul- und Arbeitskollegen säkular denken. Unsere Kinder bekehren sich zum Säkularismus – und niemand spricht darüber. Wie denn auch, wenn wir gar nicht merken, dass WIR SELBST säkular denken und handeln? In einem noch nicht veröffentlichten Aufsatz beschreibe die Situation so:

Meine fünf Söhne wachsen durch Gottes Vorsehung in einem Haus auf, das sich zu der Minderheit der 2 % zählt. Wann immer sie dieses Haus verlassen, werden sie augenblicklich vom „Sog“ der anderen 98 % erfasst. Sie merken zwar, dass etwas mit aller Macht an ihnen zu ziehen beginnt. Es lässt sich nicht gleich mit Worten fassen. Wie viele Jugendliche habe ich schon gesehen, die sich unmerklich vom Glauben ihrer Väter verabschiedet und sich zur Religion ihrer Umgebung bekehrt haben!
Ziehen wir den kleinen Kreis der Familie etwas weiter und beziehen ihn auf eine christliche Gemeinschaft. Wie einst Gottes Volk im Alten Testament steht auch diese permanent in Gefahr, sich an ihrer Umgebung zu orientieren. Sie halten Ausschau nach den „Göttern der Nachbarvölker“. Israel entwickelte eine Hektik in der Anpassung an den aktuellsten Gott der Region. Der Prophet Jeremia warnte: „Hat je ein Heidenvolk seine Götter gewechselt?“ (Jeremia 2,11)

Unser Auftrag: Wir müssen die Religion unserer Nachbarn besser kennenlernen und dann mit Gottes Gnade zu suchen beginnen, wo wir sie selbst schon übernommen haben!

Säkulares Denken und Handeln

Wie macht sich säkulares Denken bemerkbar? Ich liste hier eine Anlässe auf – im Wissen darum, dass eine solche Liste schnell im Sinne des Moralismus fehlgedeutet werden kann (siehe “Die beiden Diebe des Evangeliums”).

  • Arbeit: Papi und Mami gefällt nur die Freizeit.
  • Sonntag: Kirche nur dann, wenn es ins Freizeitprogramm passt.
  • Mann/Frau: Rollenmodell der Vergleichsgruppe wird ohne Überlegungen übernommen (inkl. Fremdbetreuung etc.)
  • Schule/Studium: Funktionaler Atheismus (als ob es Gott nicht geben würde).
  • Urlaub: Muss Spass machen, kein Platz für Andachten.
  • Anschaffungen: Kaufen, um zu kompensieren; gleich das nächste Ziel ins Auge fassen.
  • Sexualität: “Das ist halt heute so.”
  • Soziale Medien: Geht mich nichts an, was und wie viel du machst.
  • Ehe: Dem Partner die Türklinke in die Hand geben (jeder rennt für seine eigenen Projekte).
  • Mahlzeiten: Gott ist kein Thema.

Kinder erkennen nicht, warum sie Gnade brauchen

Ein Teilnehmer der Debatte stellte fest (VD: SG):

Ich sehe mittlerweile Hauptproblematik darin, dass die meisten Gemeinden in ihrer Kinder- und Jugendarbeiten vor allem moralisch ausgerichtet sind. Das bewirkt, dass die Kinder in ihrer Umgebung meist doch recht anständig leben, was ja zunächst positiv ist. Leider erkennen viele dadurch nie die Notwendigkeit von Gnade für ihr eigenes Leben.
Viele ziehen dadurch die Konsequenz und kehren der Gemeinde den Rücken. Allerdings hab ich den Eindruck, dass die wenigstens so wirklich in einen tiefen “Sumpf” abstürzen. Im Gegenteil, durch ihre Erziehung usw. haben sie oft gigantische Chancen am Arbeitsmarkt und machen Karriere. Vielleicht ist das aber auch der oben angesprochene Götze.
Die zweite Gruppe, die Gnade nicht für ihr Leben erkennt aber trotzdem in der Gemeinde bleibt, macht mir fast noch mehr Sorgen. Sie wissen genau was sie tun müssen usw. und jeder denkt, dass sie gläubig sind. Und weil sie ja schon immer dabei sind, man Mama und Papa kennt, kommen nicht wenige von ihnen in leitende Verantwortung. Oft ist das der Tod für eine Gemeinde – man hält dann (weil man es ja nie anders erfahren hat) die Form aufrecht ohne das wirklich Leben darin ist.

Die Kinder nicht als Teil des Gottesvolkes ansehen und abschieben

Johannes Müller, Pastor aus Berlin, steuerte diese wichtigen Bemerkungen bei:

Ich glaube das Problem liegt darin, dass die Kinder nicht als Teil des Volkes Gottes angesehen werden. Wie es dazu kam ist eine andere Geschichte, aber die Konsequenzen sind heute offensichtlich.

Die Kinder werden so früh wie möglich in Kindergottesdi
enste abgeschoben, anstatt mit ihren Eltern zusammen Gott anzubeten. In den sogenannten kindergerechten Stunden, besteht ein großer Teil aus Unterhaltung (Spiele, Basteln…).

Die Schrift hingegen zeigt uns Kinder als Teil des Gottesvolkes. Sowohl im AT, wie auch im NT beten die gesamten Familien Gott zusammen an. Wenn wir unsere Kinder im Gottesdienst behalten, verstehen sie vielleicht nicht alles, aber sie erfahren und merken, dass es eine besondere Veranstaltung ist. Die Kinder merken, dass es für die Eltern das wichtigste Ereignis der Woche ist. Es ist ihnen so wichtig, dass sie bereit sind 30 Minuten einer Predigt zuzuhören. Es ist den Eltern so wichtig, dass sie wollen, dass ihre Kinder dabei sind.

Hinzu kommt, dass auch zuhause die Kinder nicht mehr an der Anbetung Gottes teilnehmen. Das einzige gemeinsame Gebet ist oft vor dem Essen. Doch es gibt keine gemeinsame Familienandacht mehr, bei der die ganze Familie zusammen kommt, um zu singen die Bibel zu lesen und zu beten.

Wir müssen uns also nicht wundern, wenn Teenager nicht mehr in den Gottesdienst kommen wollen. Sie waren ja nie Teil der Gemeinschaft Gottes.

Im Glauben, nicht zum Glauben hin erziehen

Nochmals Johannes Müller: Zuletzt sind wir auf die Gnade Gottes angewiesen. Doch

die Schrift zeigt uns auch, dass Gott das wirken seiner Gnade an Mittel gebunden hat (nicht in einem mechanischem Verständnis). Das beste Beispiel wäre die Predigt. Ein Mensch kann nur glauben, wenn der Geist Gottes in ihm wirkt. Dennoch wissen wir, dass der Glaube aus der Predigt des Wortes kommt kommt (Römer 10), denn Gott hat die Predigt erwählt, um Menschen zu erretten (1Korinther 1).

Auch wenn wir unsere Kinder nicht zum lebendigen Glauben erziehen können, sollten wir uns an die Mittel halten, die uns die Schrift gibt. Das sind in erster Linie die Predigt und die Sakramente (Taufe und Abendmahl). Die Kinder nehmen nicht unbedingt daran Teil, aber sie sehen und hören den Inhalt trotzdem. Zum anderen ist es die Erziehung im Glauben (nicht zum Glauben hin) innerhalb der Familie.

Aus der Gnade schöpfen und Vergebung beanspruchen

Wir dürfen uns sollen zu unserem Versagen als Eltern stehen und selber aus der Gnade schöpfen (VD: DH).

Kritische Reflektion find ich gut und richtig, aber am Ende des Tages – wenn ich doch weiß dass ich treu gegenüber dem Wort gewesen bin – muss ich doch in meinen Verfehlungen als Vater oder Mutter auch aus Gottes voller Gnade schöpfen können und anerkennen, dass die Sehnsucht nach Gott und Gottesdienst nicht durch meine Kindererziehung hervorgerufen werden kann. Kommunikation und Gebet sind da, wie oben bereits erwähnt, doch die stärksten Waffen.

Buchbesprechung: Jonathan Edwards (I)

Iain H. Murray. Jonathan Edwards. Ein Lehrer der Gnade und die grosse Erweckung. CLV: Bielefeld, 2011. 576 Seiten. Kostenloser Download.

Warum soll man dieses Buch lesen?

Von Zeit zu Zeit überlege ich mir, welche 20, 50 oder 100 Bücher ich bis zum Lebensende in meiner Nähe behalten werde. Dieses Buch gehört dazu. Es dokumentiert eindrücklich Leben und Werk eines der grössten Gottesmänner der Kirchengeschichte. Auch von säkularen Historikern wird Edwards als einer der grössten Denker der US-amerikanischen Geschichte eingeschätzt. Das Jonathan Edwards Center hat sämtliche Schriften online gestellt. Für das Kindle-Gerät habe ich einige Werke  von Edwards fast kostenlos herunter geladen.

Ein qualifizierter Autor

Iain H. Murray (* 1931) ist massgeblich von Martin Lloyd-Jones beeinflusst, dessen Assistent er von 1956-1959 war. Er ist Gründer des Verlagshauses Banner of Truth, das zahlreiche Werke der Puritaner neu aufgelegt hat.  Er hat sich als Autor weiterer Biographien einen Namen gemacht, u. a. „Spurgeon – wie ihn keiner kennt“ (zum 100. Todestag Spurgeons in deutscher Sprache erschienen) sowie „John MacArthur. Dienst am Wort und an der Herde“. Weiter ist von ihm „Die Hoffnung der Puritaner“ in deutscher Sprache erschienen. Nicht ausgelassen werden darf seine Biografie zu Martin Lloyd-Jones, die kürzlich neu aufgelegt wurde und weit oben auf meiner Leseliste steht.

Zum Aufbau des Buches

Der Autor folgt dem Leben von Edwards in zwei Dutzend Kapiteln. Jedes Kapitel wird mit kurzen Zitaten eingeleitet. Die anspruchsvolle Aufgabe des Autors besteht darin, Hintergrundinformationen über Personen und Ereignisse in ausreichender Menge mit dem umfangreichen Werk des Autors zusammen zu bringen. Das führt dazu, dass über Personen, Städte, Bundesstaaten sowie über Beziehungen zur „Alten Welt“ (England) zahlreiche Hinweise berücksichtigt werden müssen. Es empfiehlt sich, sich für dieses Werk z. B. einen Monat Zeit zu nehmen und jeden Tag 20 Seiten zu lesen.

Der Ertrag des Buches

Für für mich ein doppelter: Einerseits wurde ich durch die Lebensbeschreibung persönlich bereichert. Andererseits sind manche inhaltliche Brocken hängen geblieben. Für beide Teile habe ich eine Auswahl zusammen gestellt.

Geistliche Lektionen aus dem Leben von Edwards

  • Der Blick für die eigene Sündhaftigkeit: „Seitdem ich in dieser Stadt wohne, hat mich der Blick auf meine eigene Sündhaftigkeit und Nichtswürdigkeit oft schwer bedrängt; sehr häufig in einem solchen Maß, dass ich infolgedessen laut weinen musste, manchmal sogar eine beträchtliche Zeit lang, sodass ich häufig gezwungen war, mich einzuschließen.“ (zit. Edwards, 148)
  • Der Mut zur kompromisslosen Verkündigung: »Der Mut, womit sie von der Kanzel den Schrecken des Evangeliums verkündeten, und die Eindringlichkeit ihrer Appelle an das Gewissen trugen dazu bei, dass ihre Predigten im Gegensatz zu dem bis dahin Üblichen mitreißend waren und außerordentliche Wirkungen hervorriefen.« (zit. Fisher, 286)
  • Das Achten auf die eigenen Motive: „(D)ie heiligen Grundsätze, welche die Triebkraft eines wahren Heiligen sind, tragen auf viel machtvollere Weise dazu bei, ihn dazu anzuregen, mit ganzem Ernst nach Gott und nach Heiligkeit zu trachten.“ (zit. Edwards, 342)
  • Klare Prioritäten: „Ich habe einen großen Teil meines Lebens im Mühen um euer ewiges Heil und Wohlergehen verbracht und meine Kraft entsprechend eingesetzt.“ (zit. Edwards, 425
  • Erkenntnis der Schwäche: „Ich tauge zu nichts anderem, als meine Zeit im Studierzimmer zu verbringen.“ (zit. Edwards, 455, 4 Tage nach seiner Abschiedspredigt 1750)
  • Der Mut in vorgerücktem Alter nochmals eine neue Aufgabe anzupacken: „Sonntags ertönte nicht die Glocke, die – so viele Jahre gehört – die große Gemeinde zum Gottesdienst gerufen hatte. Vielmehr war es der unheimliche Klang einer riesengroßen, wie ein Horn geblasenen Schneckenmuschel, der wenig mehr als ein Dutzend Gottesdienstbesucher der Weißen zusammenrief.“ (474, nach dem Wechsel zu den Indianern)
  • Die Disziplinierung des Geistes durch die Frömmigkeit: „Ohne seine Frömmigkeit hätte er ein Skeptiker werden können, der sich im Vergleich zu Hume oder Voltaire als gefährlicher erwiesen hätte.“ (zit. Samuel Bell, 556)
  • Lesen als Indikator: „Eine machtvolle biblische Verkündigung führt stets dazu, dass unter den Christen wieder ernsthaft gelesen wird.“ (Kommentar Murray, 563)
  • Navigieren im Hinblick auf die lange Frist: „Die Aufgabe des Christen sei es, Gott zu ehren. Zu seiner Zeit werde Gott die geoffenbarte Wahrheit und solche ehren, die ihr die Treue gehalten haben.“ (573, Kommentar von Murray)

Fortsetzung folgt

Aus Paris: Von den Alltagssorgen einer vierköpfigen Familie

Zwei Wochen nach den schrecklichen Anschlägen in Paris waren meine Frau und ich für einen kurzen Abstecher in der Hauptstadt Frankreichs. Uns interessierten nicht die touristischen Attraktionen; wir fragten uns vielmehr, wie Menschen in Paris leben und was ihre täglichen Sorgen sind. Wir kamen mit unseren Gasteltern ins Gespräch, die uns einen Einblick in die täglichen Freuden und Sorgen des Lebens in Paris gewährten. Der Mann ist an der Produktion von Dokumentarfilmen beteiligt, weshalb Wohn- und Arbeitsplatz Paris ein Muss sind. Die Frau arbeitet als Psychologin in der Stadtverwaltung und begleitet Kinder in schwierigen Lern- und Lebenssituationen. Ich schreibe hier keine Gesprächszusammenfassung, sondern fokussiere auf fünf Aspekte, die mir als Beobachter aufgefallen sind.

1. Überrissene Mietpreise

Anscheinend sind die Mietpreise in der Stadt Paris sehr hoch. Es kann gut sein, dass die Wohnungsmiete das Doppelte oder Dreifache des Nettolohns eines Angestellten beträgt. Als Eigentümer treten reiche Private, aber auch der Staat auf. Das bedingt nicht nur, dass beide Partner einer bezahlten Erwerbsarbeit nachgehen müssen, sondern zudem noch ein Nebenerwerb erschlossen werden muss. Das bedeutet nicht nur einen gewaltigen Erwerbsdruck, sondern hat auch zur Folge, dass zahlungsunfähige Familien von der staatlichen Unterstützung abhängig werden.

Frage: Wo sind die christlichen Vordenker, welche sich neue Formen des Wohnens überlegen? Wo sind die Menschen, die aufstehen, um das Unrecht zu hoher Mietpreise anzuprangern?

2. Beanspruchung der Kinder durch die Schule

Die beiden Kinder unserer Gesprächspartner besuchen eine konfessionell geführte Privatschule. Die Mutter seufzte über den sehr straffen Stundenplan. Von Montag bis Freitag sind die Kinder von morgens 0800 Uhr bis abends 2100 Uhr (Musikunterricht eingeschlossen) beschäftigt. Das heisst, sie sind lange ausser Haus. Abends haben sie kaum mehr die Energie ihre Hausaufgaben zu erledigen. Die Mutter hat sich überlegt, zusammen mit anderen Familien eine Privatschule zu gründen. Das Vorhaben scheiterte jedoch an den hohen Mietpreisen und den Auflagen des Staates (u. a. Lizenzen für jedes Lehrmittel).

Frage: Wo sind die christlichen Vordenker, welche in der Stadt Paris private Schulen gründen? Wer weiss, vielleicht könnte das Modell von christlichen Gemeinden, die auch Schulen betreiben, eine Alternative sein.

3. Vom Schaden gelebter Promiskuität

Ähnlich wie in anderen Grossstädten machen sich bei einem Teil der Bevölkerung die Folgen gelebter Promiskuität bemerkbar. Familien ohne Vater, Aufwachsen mit vielen (Stief-)Geschwistern in prekären Wohnsituationen (ein Raum, Dreck, kaum Material ausser Matratzen und dem Fernseher), überforderte Mütter, Armut. Welche Perspektiven kann ein Bube in einer solchen Umgebung entwickeln? Welche übergeordneten Botschaften vermitteln die Programme, die im Fernsehen ausgestrahlt werden? Konzentrationsschwierigkeiten und Aggression in der Schule sind die logische Folge.

Frage: Wo sind die christlichen Vordenker, die sich Möglichkeiten überlegen, solchen Kindern und Müttern zu helfen? Was sind Ideen, insbesondere vaterlosen Buben eine Perspektive zu vermitteln?

4. Suchtpotenzial von sozialen Medien

Wie gehen insbesondere Jungen mit sozialen Medien um? Die Furcht der Eltern besteht darin, dass er ausgeschlossen wird, wenn er nicht an den Online-Spielen teilnimmt. Die gemeinsamen Spiele schaffen einen (virtuellen) Gestaltungsspielraum. Es scheint mir fast, als habe dieser Raum sich als Ersatz für den realen angeboten. Diese Parallelwelt zieht Jungs magisch an und wirkt wie eine Droge.

Frage: Wo sind die christlichen Vordenker, die sich Alternativen zur Online-Welt für Jungs überlegen? Wo eröffnen sich Gestaltungsräume in der realen Welt (einmal abgesehen von Sport)? Wie können Jungs lernen etwas zu erobern, zu pflegen, zu unterhalten?

5. Minimal Lifestyle

Es scheint uns, dass bei manchen Familien Optimierungspotenzial beim materiellen Ressourcenverbrauch besteht. Wie kann man teure Ausgaben verhindern? Welche Dinge werden nur wegen sozialem Prestige gekauft oder um Schmerz zu betäuben? Diesbezüglich haben sich unsere Gasteltern hervorragend organisiert. Nicht nur achten sie auf die Ernährung, sondern auch darauf, gemeinsam als Familie hinzusitzen und zu essen. Die Mutter: „Übergewicht und unregelmässige Essenszeiten hängen eng zusammen.“

Frage: Wo sind die christlichen Vordenker, die sich überlegen, wie man als Familie in der Konsumgesellschaft überleben kann?

Das Evangelium für das ganze Leben

Diese Fragen sind nicht rhetorischer Natur, sie beschäftigen mich nachhaltig. Ich habe den Eindruck, dass Menschen für das Evangelium offen werden könnten, wenn sie die Veränderungen im Alltag bemerken. Damit meine ich nicht, dass wir aus eigener Kraft und mit Hilfe eines vorbildlichen Lebens Menschen für Christus gewinnen können. Es läuft umgekehrt: Ein durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes veränderter Lebensstil bewirkt Änderungen im gesamten Denken und Leben. Dies bleibt nicht nur auf das Innere beschränkt.

10 Stellen aus jedem Bibelbuch (21): 1. Chronik

Langweilige Geschlechtsregister? Meint man, bis man genauer hinsieht.

1. Heilsgeschichtliche Perspektive

Adam – Startpunkt der Menschheit (1,1); Abraham – Linie der Verheissung (1,27); Juda nimmt die Stelle des Erstgeborenen ein (5,2); David, der siebente – König (2,15).

2. Kulturgeschichtliche Perspektive

Nimrod, der erste Gewalthaber auf Erden (1,10); Berufe einzelner Familien: Handwerker, Baumwollweber, Töpfer (4,14+21+23); Sängerfamilien für die Stiftshütte (6,16).

3. Treue gegenüber Jahwe

Jabez wird unter Schmerzen geboren und erhält von Gott, was er erbittet (4,9-10); Rubeniter, Gaditer und der halbe Stamm Manasse vertraut im Kampf auf Gott (5,20); Priester als tüchtige Männer für das Werk des Dienstes im Haus Gottes (9,13); von Pinehas, der Hohepriester steht, dass der Herr mit ihm war (9,20).

4. Untreue gegenüber Jahwe

Er, der Erstgeborene Judas, was böse in den Augen des Herrn (2,3); Achan brachte mit seiner Sünde Israel in Unglück (2,7); Ruben entweihte das Lager seines Vaters (5,1); die zweieinhalb Stämme jenseits des Jordans “fielen ab von dem Gott ihrer Väter und hurten den Göttern der Völker des Landes nach” (5,25); Gott erweckte Widersacher (5,26+41) und führte das Volk schliesslich wegen Untreue weg (9,1).

5. Familiengeschichte

Es gab Familien mit nur Töchtern (2,34); der eine Stamm vermehrte sich nicht wie der andere (4,27); ein Mann trauerte um den Verlust seiner Frau (7,22), einer anderer entliess eine Frau (8,8).

 

Zitat der Woche: Sekundär-Institutionen

De-institutionalization forces individuals to undertake the difficult and anxiety-provoking task of building their own little world. They need help. Modern society has developed an array of agencies to provide such help. … They offer the individual different programs to cope with various contingencies. Since they lack the taken-for-granted quality of the old primary institutions, they are more fragile and less reliable. … There exists a vast network of help organizations and professions – psychiatrists, psychotheraptists, social workers, unaccredited ‘life coaches’, gurus, and support groupe. Some are supplied by the welfare state, others by non-profit organizations. Some can be purchased on the market. There is also a huge supply of books and Internet websites offering advice of every conceivable sort.

Peter L. Berger. The Many Altars of Modernity. De Gruyter: Boston/Berlin, 2014. (14)

Buchbesprechung: Die Gotteslehre der protestantischen Orthodoxie (II)

Richard A. Muller trug mit seinem umfassenden, tiefschürfenden Werk „Post Reformation Reformed Dogmatics“ wesentlich zur Neuentdeckung und –bewertung der Zeit der sog. Reformierten Orthodoxie bei. Theologen des 20. Jahrunderts, insbesondere auch der Neoorthodoxie, trugen wesentlich zu deren Diskreditierung bei. Mullers Vorwurf an die Adresse der Neoorthodoxie: Das Urteil wurde aus Unkenntnis heraus gefällt.

Hier sind einige Zitate zu seiner Einschätzung (alle aus Band 3, The Divine Essence and Attributes, Baker: Grand Rapids, 2003):

1. Saubere exegetische und hermeneutische Arbeit

The orthodox approach to the doctrine of the divine essence, attributes, and Trinity evidences both a respect for the broader and fundamental definition of Scripture as principium cognoscendi, and the more hermeneutical understanding of the text of Scripture as providing principia or axiomata from which conclusions could be deduce. (99)

2. Im Dialog mit der Dogmengeschichte und damals aktuellen philosophischen Strömungen

The nominalist, Scotist, Thomist, and Augustinian backgrounds of the Reformers themselves could be blended with and augmented by older materials to produce a highly traditionary but also distinctively Protestant theology in dialogue with the broader philosophical currents of the time. (108)

3. Gründliche Untersuchung in der Frage der rationalen Erkennbarkeit Gottes

In the face of adeclining Aristotelianism and a rising rationalism, both in the form of Cartesian philosophy and of Deism, Reformed orthodoxy revisited the problem of the rational knowledge of God and its relation to theological system. (119-120)

4. Im Vergleich mit der mittelalterlischen Theologie exegetisch besser abgestützt

The Protestant orthodox doctrine of God is built far more consistently and profoundly on the text of Scripture and on the results of exegesis than medieval formulations—and this grounding has subtle impact on the way in which issues are formulated, even when the broad definitions of doctrinal points remain relatively unchanged. (134)

5. Insbesondere bei den Puritanern und der niederländischen “Nadere Reformatie” eng mit der gelebten Frömmigkeit verknüpft

In specific relation to the doctrine of God, the impact of the Nadere Reformatie and of Puritan piety was to produce a traditional orthodoxy, characterized by an exegetical foundation and a full scholastic development of doctrinal points, blended with a strong sense of the practical impact of the doctrine—indeed, of each of the doctrinal subtopics—on Christian life. (143)

6. Mit einem nachvollziehbaren Aufbau

More common among the seventeenth-century theologians … was the division between God and his works, followed by a division of the topic of God into discussions of essence, names, attributes, and persons. (163)

7. Eingeleitet mit der Frage nach der Erkennbarkeit Gottes

Many of the larger orthodox theological systems preface their doctrines of God with a discussion of the knowledge of God, including both a general discussion of the sources and the character of our knowledge of God and a more specific discussion of the proofs of God’s existence. (164)

8. Auf die diesseitige Erkenntnis Gottes ausgerichtet

As opposed to the metaphysical contemplation of God as Being, Reformed orthodox theology explicitly sought to understand God in this life, as an anticipation of and preparation for the life eternal: the interest is practical rather than purely contemplative. (170)

9. Die Frage der Gottesbeweise wurde (wie heute) unterschiedlich bewertet.

The prolegomena to the orthodox systems manifest a variety of opinion on the proofs from positive use, to simple neglect, and finally to outright antagonism. (178)

10. Grundlage der Erkennbarkeit Gottes ist sein Wort

The a priori order of the typical orthodox Reformed theological system rests on the testimony of God to his own existence—on a biblical a priori—and not on the ability of the theologian to argue the existence of God. (185)

Hier sind einige konkrete Feststellungen aus dem Korpus der Gotteslehre.

a)      Die Wichtigkeit von 2Mose 3,13-15

The text of Exodus 3:13–15, the one place in Scripture where God does in fact specifically offer his name, is of paramount importance and forms the basis of nearly all the discussions of the divine name or names among the Reformed orthodox. (259)

b)      Die Betonung der Einheit und Einfachheit Gottes

From Irenaeus to the era of Protestant orthodoxy, the fundamental assumption was merely that God, as ultimate Spirit is not a compounded or composite being. It is also the case that, from the time of the fathers onward, divine simplicity was understood as a support of the doctrine of the Trinity and as necessarily defined in such a manner as to argue the “manifold” as well as the non-composite character of God. (276)

c)       Kein Determinismus, sondern differenzierte Argumentation bezüglich Gottes Vorauswissen

“God knows all future events with certainty,” including “the contingent and free effects of creatures”—and knows these things in such a way as does not undermine the freedom and mutability of human existence. (426)

d)      Teleologische Sichtweise, hier am Beispiel des göttlichen Willens

“Will is the active principle (principium imperans), by which God, through himself, wills himself, and, beyond himself, wills all things according to himself or to his glory.” (445)

e)      Monergistisches Verständnis von Gnade und Vorhersehung

Not only have we seen distinctions such as the secret and revealed will, the will of divine good pleasure and the will of the sign carry over from the Reformation into orthodoxy, we have also seen a maintenance of the sense of these distinctions, with reference to the insistence on a single divine will, to the use of the distinctions to maintain a monergistic understanding of grace and predestination, and to the understanding of the freedom of God and the contingency and free choice of creatures. (473)

f)       Sorgfältiges Arbeiten an Wortfeldern, z. B. Gerechtigkeit oder Heiligkeit

A suitable definition of the righteousness of God rests on a right understanding of God himself: unless we know that it means for God to be God and for God to be Lord and Judge, we cannot understand the justice or righteousness of God. (488)

Calvin associates holiness primarily with reverence and worship: “the name of God,” Calvin writes, “is called holy, because it is entitled to the highest reverence; and whenever the name of God is mentioned, it ought immediately to remind us of his adorable majesty.” (498)

Unsere Kinder in die Selbständigkeit begleiten (17): Die Macht des Doppellebens brechen

Vor wem leben wir?

Es ist ein kein angenehmes Thema, das ich anschneide. Dafür ein umso wichtigeres. Bevor ich einsteige, muss ich eine wichtige Präzisierung anbringen: Ich beschreibe den Prozess aus der Perspektive von jemandem, der prinzipiell davon ausgeht, dass es einen persönlich-unendlichen Gott gibt, dem er Rechenschaft schuldig ist. Die Grundfrage ist: Vor wem lebe ich? Vor dem Einen Zuschauer? Vor den Eltern? Vor der Peer (Vergleichsgruppe der Gleichaltrigen)?

Ich beschreibe zuerst den Kreislauf des Doppellebens, führe einige Nachteile und den biblischen Ausweg auf, um zuletzt ein mögliches Vorgehen als Eltern vorzuschlagen.

1. Der Kreislauf des Doppellebens

Die Versuchung: Alles beginnt mit einem Angebot, das sich verlockend präsentiert. Dies können zum Beispiel Suchtmittel, pornografische Inhalte oder der Plan zu stehlen sein. Weil unser Herz von der Sünde verdorben ist, findet diese Versuchung einen Widerhaken in unserem Innern. Wir lassen uns auf ein inneres Zwiegespräch ein, um das Gewissen ruhig zu stellen. Wir rationalisieren und rechtfertigen negative Folgen.

Die Umsetzung: Die Gedanken führen zur Tat. Die Verlockung wird unwiderstehlicher. Wir überwinden uns und schreiten zur Tat. Leider. Was im ersten Moment süss schmeckt, hinterlässt jedoch einen bitteren Nachgeschmack. Wir fühlen uns schuldig.

Die Verheimlichung: Die Scham muss bedeckt werden. Am besten erzählen wir den Eltern nichts davon. Oft zieht das Verheimlichen weitere Sünden nach sich, z. B. Lügen.

Das Abverdienen: Parallel setzt oft ein Prozess ein, den ich das „Abverdienen“ nenne. Wir wollen uns etwas vormachen, nämlich durch harte Arbeit das schlechte Gewissen zu besänftigen bzw. zu betäuben. Wir strengen uns in einem anderen Bereich an, um die schlechte Tat wett zu machen.

Die Wiederholung: Nach einer Zeit gibt es wieder eine Situation der Versuchung. Es folgen dieselben Aus- und Einreden. Die Tat folgt auf dem Fuss, oftmals etwas intensiver. Es scheint so, als bräuchte es von Mal zu Mal mehr Stimulation. Oder anders ausgedrückt: Unser Gewissen scheint immer mehr zu „schlucken“. Der Mechanismus des Abverdienens wiederholt sich ebenfalls.

2. Die Nachteile des Doppellebens

Dies ist keine vollständige Aufzählung. Ich beleuchte in Kürze fünf Aspekte:

Energieverlust: Die Durchführung solcher Unterfangen benötigen Zeit und Energie. Diese hätten wir für das Leben vor Gott nötig gehabt, sie geht uns jedoch abhanden. Unsere Nächsten leiden darunter.

Verlust der Einfalt: Die Bibel spricht von Einfalt im Sinne eines ungeteilten Herzens, wenn unser ganzen Sein auf ein Ziel ausgerichtet ist. Durch das Doppelleben geht diese Einfalt, also dieses ungeteilte Streben, verloren.

Weg zu weiteren Eingeständnissen: Das Doppelleben lässt sich mit einem Weg vergleichen, der eingeschlagen wird. Solange keine Umkehr erfolgt, wird dieser Weg weiter beschritten – zum eigenen Verderben und zum Schaden anderer.

Gebundenheit: Wer einen Weg beschreitet, bindet sich unweigerlich gedanklich und durch Handlungen. Es kann sich eine Sucht daraus entwickeln. Diese Sklaverei wirkt sich auf unser geistiges und körperliches Wohlbefinden aus.

Herrschaftsverlust: Nicht nur verlieren wir Kontrolle über unser eigenes Leben. Wir lassen es zu, dass der Satan, Herrscher dieser Welt, an Einfluss gewinnt.

3. Das Ausbrechen aus dem Doppelleben

Der Ausbruch wird in der Bibel und in den Bekenntnissen so beschrieben:

  • Der Heilige Geist treibt uns dazu, die Sünde zu hassen.
  • Wir bekennen sie vor Gott und den Menschen.
  • Durch die Kraft des neuen Lebens lassen wir davon.

Es steckt eine grosse Kraft und Befreiung darin, Licht ins Dunkel zu bringen.

4. Vorgehen der Eltern

Ich formuliere vorsichtig einige Empfehlungen:

  1. Wo setzen wir Eltern selber Signale in die Richtung „Doppelleben“?
  2. Stellen wir uns selbst unangenehmen Fragen – auch und gerade unserer Kinder.
  3. Warte einen passenden Moment ab, um mit dem Kind darüber zu reden.
  4. Wehre den Anfängen: Zuerst beten; mutig nachfragen, wenn Verdacht besteht; das Kind nicht beschämen; die Konsequenzen aufzeigen; eindringlich warnen.
  5. Lasse das Kind zusammenfassen, was es verstanden hat.
  6. Beende nie ein Gespräch, ohne auf die befreiende Gnade Gottes aufmerksam gemacht zu haben.
  7. Suche zusammen mit Ehepartner und dem Kind das Gebet.

Buchreview: Die schwierige Lehre von der Liebe Gottes

Diese Buchbesprechung von Jonas Erne gebe ich in voller Länge wieder. Carson spricht mir aus dem Herzen.

Zu Beginn des neuen Lesejahres bin ich auf ein kleines Buch von Donald A. Carson gestoßen. Es heißt „The difficult Doctrine of the love ofGod“. Freundlicherweise bietet Carson manche seiner Bücher zum kostenlosen Download als PDF an. So konnte ich das Buch digital lesen. Wer dieses und noch mehr Bücher von Carson als PDFs lesen möchte, findet hier (Link) die komplette Auswahl dieser PDF-Bücher.

Carson ist Professor für Neues Testament an der Trinity Evangelical Divinity School und auch ein ausgezeichneter Kulturkenner. So verwundert es nicht, dass sein Buch mit einem Überblick über verschiedene evangelikale Missverständnisse von der Liebe Gottes beginnt.
Ich habe das Buch vor allem deshalb mit viel Interesse gelesen, weil mir das häretische Liebesgewäsch zahlreicher Vorzeige-Evangelikaler seit Jahren ein Dorn im Auge ist. Als Erstes muss Carson natürlich erklären, warum er der Meinung ist, dass die Lehre von der Liebe Gottes kompliziert ist. Dies ist laut Carson kein innerbiblisches Problem, sondern in erster Linie ein kulturelles Problem unserer Zeit. Unsere Kultur hat ein kaputtes Verständnis von der Liebe, und das mach die Rede von Gottes Liebe kompliziert. In seinen Worten: The result, of course, is that the love of God in our culture has been purged of anything the culture finds uncomfortable. The love of God has been sanitized, democratized, and above all sentimentalized.“ (S. 11)
Ab S. 16 stellt Carson fünf verschiedene Arten vor, wie die Bibel implizit und explizit von der Liebe Gottes spricht. Ich fasse diese in meinen Worten zusammen:
1. Die Liebe Gottes innerhalb der göttlichen Dreieinigkeit. Gott Vater liebt Gott Sohn und Gott Sohn liebt Gott Vater. Beider Liebe ist gleichermaßen perfekt, aber in sich selbst unterschiedlich. (Im zweiten Kapitel wird das im Detail ausgearbeitet).
2. Die Liebe Gottes zu allem, was Er gemacht hat. Carson nennt das die Liebe in der Vorsehung (providential love). Alles, was Gott gemacht hat, war gut, und deshalb das Produkt eines liebenden Schöpfers.
3. Gottes rettende Liebe gegenüber einer gefallenen Welt. Gott hat Seinen Sohn gesandt, um die ganze gefallene Welt auf den Kopf zu stellen. Deshalb hat Jesus Christus auch die Gemeinde gesandt, um allen Menschen das Evangelium zu verkünden.
4. Gottes ganz spezielle effektive Liebe gegenüber den Gläubigen. Zuerst war das Volk Israel Gottes auserwähltes Volk. Von dort wurden auch einzelne Menschen wiederum als Priester oder Propheten etc. ausgewählt. In Jesus wurde der neue Bund für alle Gläubigen aller Nationen geöffnet.
5. In bestimmten Fällen sind die segensreichen Auswirkungen von Gottes Liebe an eine Bedingung, nämlich Gehorsam, geknüpft. So ist der Gehorsam Jesu gegenüber auch eine sichtbare Darstellung unserer Liebe Gott gegenüber.
Diese fünf Arten der Liebe Gottes haben Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Sie finden alle gleichzeitig statt und sind alle gleichermaßen perfekte Liebe Gottes. Man könnte auch sagen, sie sind verschiedene Ausdrücke derselben Liebe gegenüber unterschiedlichen Empfängern dieser Liebe. Keine der fünf Arten oder Ausdrücke darf überbetont werden, sie haben bei Gott alle denselben Rang.
Das zweite Kapitel „Gott ist Liebe“ behandelt vor allem die sprachlichen Unterschiede der verschiedenen Ausdrücke, die in der Bibel mit „Liebe“ oder ähnlichen Worten übersetzt werden. Das ist eine interessante Debatte, die ich hier aber überspringe. Eine interessante Bemerkung macht Carson zur Heilung Jesu am Sabbat: Yet here is Jesus, claiming the right to work on the Sabbath because God is his Father, and, implicitly, he is the Son who follows in his Father’s footsteps in this regard.“ (S. 32)
Wichtig finde ich ganz besonders für unsere heutige Zeit das dritte Kapitel „Gottes Liebe und Gottes Souveränität“. Hier geht es um die Frage, was es bedeutet, dass Gott liebt in der Hinsicht darauf, dass Gott Gott ist und damit perfekt und absolut souverän. Anders gefragt: Kann der absolut souveräne Gott Gefühle haben? Das ist übrigens eine Frage, die auch in Diskussionen mit Atheisten häufig aufkommt.
Etwa in Hosea 11 wird deutlich, dass Gott nicht einfach ein gefühlsloses, stoisch in sich ruhendes Wesen ist. Das ist die eine Seite, von der man vom Pferd fallen kann. Die andere Seite darf aber auch nicht vergessen werden: Ebenso falsch ist es, sich Gott so vorzustellen, dass er sich ständig verändern und seine Meinung in den Wind hängen würde. Gerade diese Diskussion macht das Buch unglaublich wertvoll.
Carson macht klar, dass die Bibel Gottes Unveränderlichkeit lehrt. Gott ist treu, bleibt ewig Derselbe, ist unveränderlich. Daraus haben manche Traditionen eine Lehre von Gottes „Gefühllosigkeit“ (engl. „impassibility“) gemacht. Dazu schreibt Carson: Christians are not fatalists. The central line of Christian tradition neither sacrifices the utter sovereignty of God nor reduces the responsibility of his image-bearers. In the realm of philosophical theology, this position is sometimes called compatibilism. It simply means that God’s unconditioned sovereignty and the responsibility of human beings are mutually compatible.“ (S. 51f) Carson zeigt dies etwa am Beispiel von Joseph: Seine Brüder haben eine falsche Entscheidung gemacht. Sie meinten es übel mit ihm. Aber Gott hat genau dieses Übel für etwas Gutes gebraucht. So sind die Brüder vor Gott dennoch für falsches Handeln verantwortlich. Aber Gott gebraucht auch Sünde, um daraus Gutes werden zu lassen.
Carson zeigt auf, dass die Prozesstheologie keine Lösung dieser Frage bieten kann, im Gegenteil, sie stiftet nur Verwirrung. Diese Theorie behauptet, dass Gott das Universum in sich selbst geschaffen hat, also dass es jetzt in ihm ist, und dass Gott sich deshalb auch verändern würde, sobald sich im Universum, bzw. unter uns Menschen etwas verändert. Von einem ähnlichen Konzept geht etwa auch der „Open Theism“ aus, der sich zur Zeit recht schnell ausbreitet. Diese Lehre besagt, dass der Mensch nur dann einen freien Willen haben könne, wenn Gott heute noch nicht weiß, was wir morgen entscheiden werden. So habe Gott – sagt diese Theorie – sich selbst eingeschränkt und verzichtet auf das Vorherwissen unserer Entscheidungen und sei deshalb auch immer wieder erstaunt oder gar erschreckt oder Ähnliches, je nachdem, was wir tun.
Und dann geht es um die Frage, was es bedeutet, dass Gott uns liebt. Hier zwei wichtige Zitate dazu:
He does not “fall in love” with us; he sets his affection on us.“ (S. 61) Gott ist nicht in einer Art wie wir Menschen das kennen „verliebt“. Er wird nicht von den Hormonen gesteuert. Seine Liebe bedeutet, dass Er uns in all unserer Schwäche und Sündhaftigkeit annimmt, indem Er Seine Liebe auf uns richtet. Gott sagt uns also ungefähr:
Your sins have made you disgustingly ugly. But I love you anyway, not because you are attractive, but because it is my nature to love.“ (S. 63) Wir haben nichts an uns, was uns für Gott liebenswert macht, also nichts, was Ihn aus uns selbst dazu animieren würde, uns zu lieben. Er tut es trotzdem, weil die Liebe Seinem Wesen entspricht.
Das vierte und damit letzte Kapitel heißt „Gottes Liebe und Gottes Zorn“. Auch hier wieder wertvolle Hilfen zum Verstehen von Gottes Wort:
Where God in his holiness confronts his image-bearers in their rebellion, there must be wrath, or God is not the jealous God he claims to be, and his holiness is impugned. The price of diluting God’s wrath is diminishing God’s holiness.“ (S. 67)
Unser Problem damit ist, dass wir Menschen sehr beschränkt sind. In unserer Erfahrung kennen wir vor allem das ständige Wechseln dieser Gemütszustände. Mal sind wir zornig, dann wieder nicht, und so weiter. Zorn treibt die Liebe aus und die Liebe den Zorn. Aber Gott ist nicht so beschränkt, bei Ihm ist alles zugleich und in absoluter Perfektion.
In other words, both God’s love and God’s wrath are ratcheted up in the move from the old covenant to the new, from the Old Testament to the New. These themes barrel along through redemptive history, unresolved, until they come to a resounding climax—in the cross. Do you wish to see God’s love? Look at the cross. Do you wish to see God’s wrath? Look at the cross.“ (S. 70f)
Am Kreuz sehen wir den Höhepunkt der Heilsgeschichte. Hier sind Gottes schrecklicher Zorn und Gottes unfassbare Liebe beide gleichermaßen fassbar, und keines davon hebelt das andere aus.
Ein lesens- und bedenkenswertes Buch, das mir wohl noch das eine und andere Mal zu knabbern geben wird!

Buchbesprechung: Die Gotteslehre der protestantischen Orthodoxie (I)

Richard A. Muller. Post Reformation Reformed Dogmatics. Vol. 3. Baker: Grand Rapids, 2003. 606 Seiten. (Logos-Edition)

Eine zweimonatige Bergtour

Dieser Band bildet Bestandteil der Vorbereitung für eine Vorlesung über die Gotteslehre. Nicht jedes Buch muss ein Spaziergang sein. Das 600-seitige Werk kündigte sich mir als steile Bergtour an. Es würde, so wusste ich im Vornherein, anstrengende Etappen geben. Ebenso würde ich schon beim Aufstieg zuweilen die herrliche Aussicht geniessen dürfen. Was half mir bei der Arbeit?

  1. Realistische Erwartung: Gerade das Wissen, was auf mich zukommt, liess mich zuversichtlich bleiben. Früher gab ich bei schwierigen Passagen schneller auf und liess das Buch liegen. Natürlich gibt es Tage, an denen ich das Buch entmutigt sinken liess oder das Gefühl hatte, ich hätte überhaupt nichts verstanden. Ich rappelte mich wieder auf und las weiter.
  2. Verdaubare Portionen: Manchmal neige ich dazu, mich selbst durch zu grosse Happen zu überfordern. Dieses Mal setzte ich mir das Tagesziel von 10 Seiten, das ich im Durchschnitt zwar nicht ganz erreichte, aber doch dranblieb. 60-mal 10 Seiten bedeutet, das Buch in zwei Monaten gelesen zu haben.
  3. Konsequente Orientierung an den Titeln: Das ausführliche Inhaltsverzeichnis verwirrte mich vor allem zu Beginn. Mit der Zeit lernte ich es jedoch als Navigationshilfe schätzen. Die innere Rhythmisierung durch Nummerierung von Argumenten sowie ein ähnlicher Ablauf half mir zudem, in das Buch hineinzukommen.
  4. Sammeln von Schätzen: Da ich das Buch in der elektronischen Ausgabe über Logos gelesen habe, konnte ich keine Stifte einsetzen. Ich unterhielt jedoch eine Word-Datei, in die ich wichtige Aussagen hineinkopierte. Ich unterschied innerhalb dieser Notizdatei zwischen drei Stufen (Zusammenfassende Aussagen, Schlüsselaussagen, Markierungen für die Buchbesprechung).

Überblick über die Tour

Im ersten, ausführlichen Teil zeigt Muller die Entwicklung und Schwerpunkte der Gotteslehre vom zwölften bis Anfang 18. Jahrhundert auf, wobei er das in zwei Etappen tut: 12. – 14. (Kapitel 1) und 15. – 18. Jahrhundert (Kapitel 2). Die knapp 150 Seiten sind eine schöne Konkretisierung von Theologiegeschichte.

Der zweite Teil widmet sich dann fokussiert den einzelnen Inhalten. Muller beginnt bei „Existenz, Essenz und Attributen“ (Kapitel 3). Gerade dieses dritte Kapitel erregt bisweilen Kopfschütteln bei uns spätmodernen Menschen. Hier öffneten mir Zusammenfassungen und wunderbare Zitate die Augen. So zum Beispiel die Bemerkung des katholischen Theologen Gilson zu 2Mose 3,14:

All medieval discussion of the being and essence of God is not Greek philosophy in general or Aristotle in particular, but Moses—in Exodus 3:14: “God said to Moses, ‘I am who I am.’ (S. 50)

Lern- und Korrekturerlebnisse

Ein erster Lernpunkt ist das Aufzeigen des Zusammenhangs zwischen Exegese, Dogmatik und Frömmigkeit (piety). Was wir schon als Theologen (zu) stark als einzelständige Disziplinen wahrnehmen, bildete für die Reformierten und Puritaner eine durchgängige Einheit. Könnte es damit zu tun haben, dass wir oft zwischen Kopf (als Zentrum des Verstandes) und dem Herz (als Sitz der Gefühle) trennen? Letzteres verbinden wir mit Gotteserfahrung, ersteres mehr mit logischen Überlegungen. Diese bleiben für andere Lebensbereiche vorbehalten . Dass dies eine ganz und gar unbiblische Unterscheidung darstellt, wissen wir im Grunde genommen. Doch es ist etwas ganz anderes, eine Umsetzung  zu erleben, die diese Trennung gekannt hat. Muller fasst zusammen:

In specific relation to the doctrine of God, the impact of the Nadere Reformatie and of Puritan piety was to produce a traditional orthodoxy, characterized by an exegetical foundation and a full scholastic development of doctrinal points, blended with a strong sense of the practical impact of the doctrine—indeed, of each of the doctrinal subtopics—on Christian life. (S. 143)

Der zweite Punkt betraf mein bisheriges dogmengeschichtliches Verständnis. Muller schreibt zu Beginn: „The historical problem of the doctrine of God in its development from the Middle Ages to the Reformation and post-Reformation eras has not only been studied partially but has also, because of the partial character of the study, not been sufficiently or clearly analyzed in terms of the great doctrinal continuities or, indeed, in terms of the genuine changes and discontinuities that both characterize its development.” (S. 30) In meinem Kopf steckte – wohl von den Lehrbüchern her, die ich gelesen hatte – das Cliché des aristotelischen Scholastizismus aus dem Mittelalter und der verkopften Systematisierung des orthodoxen Protestantismus. Muller zitiert z. B. Otto Weber:

The doctrine of God in the early Church, in the Middle Ages, and in orthodoxy is a curious mixture of Greek, especially Neo-Platonic, and biblical ideas. Since the Reformation showed little interest in the traditional doctrine of God, it survived the fiery ordeal of the Reformation’s reworking of all tradition far more unscathed than was really good. For this reason, Protestant Orthodoxy on the whole maintained the traditional mixture of non-Christian and biblical statements. (S. 95)

Diese Festlegung hat Muller bei mir aufgeweicht. Beispiel: Thomas von Aquin, war eine wichtige, aber nicht die Stimme des Mittelalters. Anselms Proslogion, in den Augen gewisser Theologen Paradebeispiel scholastischen Intellektualismus, ist in die Form eines Gebets gepackt. Schön ist Mullers Zusammenfassung des Ansatzes der protestantischen Orthodoxie:

“(T)he orthodox approach to the doctrine of the divine essence, attributes, and Trinity evidences both a respect for the broader and fundamental definition of Scripture as principium cognoscendi, and the more hermeneutical understanding of the text of Scripture as providing principia or axiomata from which conclusions could be deduce.” (S. 99)

Der Neutestamentler D. A. Carson meinte einmal, dass Evangelikale in der Gotteslehre nicht eben stark seien. Mullers Beitrag zur Gotteslehre ist ein schönes Beispiel dafür, was geschieht, wenn Gott zum principium essendi der Theologie erklärt wird. Es scheint mir, als hätten wir unbewusst den Menschen zu eben diesem Zentrum erklärt und nähmen darum gar manche Missdeutung Gottes vor. „The identification of God as the principium essendi of theology, far from generating a theological system deduced from the doctrine of God, actually produced a theological system in consistent dialogue with the doctrine of God.” (S. 33)

Das bleibt ein Fragezeichen

Neben konkreten Lernpunkten ist wichtig festzuhalten, was weiterer Vertiefung bedarf. Obwohl ich mich schon an verschiedene Aufsätze zu Duns Scotus und William von Ockham gewagt habe, komme ich mir vor, als hätte ich erst an der Oberfläche gekratzt. Hierbei hilft mir der ausführliche Fussnotenapparat von Muller, wo er auf wichtige Monografien verweist.

Fortsetzung folgt

Aus den Medien: Die Terrorakte in Frankreich und die christliche Weltsicht

Die Ironie der Toleranz

Als ich den Post schon zusammengestellt hatte, las ich den Beitrag “Charlie Hebdo und die Ironie der Toleranz” des Theologen und Altorientalisten Mario Tafferner. Unbedingt lesen!

Ich bin dankbar dafür, dass sich ein christliches Erbe noch immer in unseren westlichen Werten niederschlägt. Doch mir als Christ ist dieses Europa auch in vieler Hinsicht fremd geworden. Wäre dieses europäische Motto der Freiheit ein Schiff, dann würde aktuell durch tausende Lecks Wasser in den Schiffsrumpf fließen. Durch das Dogma der politischen Korrektheit wird unsere Meinungsfreiheit zunehmend eingeschränkt. Das gilt für viele Themen, die z.B. unsere Sexualität, unser Verständnis vom Wert des Lebens oder eben auch unsere Vorstellung einer absoluten Wahrheit betreffen. Leider gilt das auch für das aktuelle Thema Islam.

Es braucht ein neues Bewusstsein für den öffentlichen Umgang mit Religion

Das Buch von Os Guinness zur Glaubens- und Gewissensfreiheit ist mir über den neuerlichen Vorfälle ins Bewusstsein gerückt. Was hat mich aufgewühlt? Es geht um die Grundsatzfrage:

Wie können wir künftig mit unseren grundlegenden religiösen und ideologischen Unterschieden leben, gerade wenn diese Unterschiede Teil unseres gemeinsamen öffentlichen Lebens sind?

Es geht darum zu erkennen, ob wir Grund haben, an die Würde jedes einzelnen Menschen zu glauben. Zweitens gilt es einen Weg zu suchen, zusammen trotz und mit den tief greifenden Unterschieden zu leben. Drittens muss es einen gegenseitigen Umgang geben, um Differenzen öffentlich zu diskutieren und mit Argumenten eher als mit Gewalt zu überzeugen.

Die Attentate in Frankreich katapultieren Religion in den öffentlichen Raum des öffentlichen Diskurses. Und wie! Vielleicht merken wir jetzt, dass wir als Christen sprachfähig bleiben müssen. Ich pflichte Albert Mohler bei: Die westlich-säkulare Leitreligion ist in der Beurteilung überfordert. Die Vorfälle sprengen den Denkrahmen. Religion ist Privatsache – doch was, wenn sie plötzlich aufs öffentliche Parkett kommt? Was, wenn sie die Spielregeln der Leitreligion einfach nicht respektiert?

Hier sind einige ausgewählte Beiträge aus den letzten Tagen.

Theologischer Extremismus in einem säkularen Zeitalter

Albert Mohler hat sehr zeitnah einen wegweisenden Aufsatz publiziert. Seine Beobachtungen betreffen sowohl die Haltung von Christen im Sinne einer christlichen Weltsicht  auf die Vorkommnisse als auch die Überforderung von Entscheidungsträgern der säkularen Führungselite:

The reality is that secular elites in general find it incomprehensible to discern why the events in Paris yesterday took place. The denial that this type of terrorism is tied to a theological worldview, present in so many Western intellectual circles, is going to be far harder to hold in light of this kind of massacre. Even as the manhunt for the two assailants spreads throughout France and into much of Europe, the reality is that French intellectuals, European intellectuals, and their American compatriots, are finding themselves hard-pressed to deny that this is indeed a religious war—there is a theological dimension here that simply must be accepted.

Ich bin nicht Charlie Hebdo

Michael Kotsch (Bibelschule Brake, Präsident des Bibelbundes):

Soweit ich das überblicke waren die verantwortlichen Karikaturisten und Redakteure des französischen Satire- Magazins Charlie Hebdo rücksichtslose, zynischen Spötter, die besonders gerne über alles herzogen was mit Religion zu tun hat. Immer wieder trampelten die Journalisten mit ihren zuweilen blasphemischen Zeichnungen auf den Gefühlen anderer Menschen herum. Das gefällt mir ganz und gar nicht. Daran ändert die brutale Ermordung der Mitarbeiter dieser Zeitschrift nichts. Natürlich ist der Anschlag auf die Redaktion der Zeitschrift trotzdem vollkommen inakzeptabel. Wenn einer sein Recht auf freie Meinungsäußerung missbraucht, ist das natürlich keinesfalls eine Rechtfertigung ihn zu ermorden.

Eigentlich wundert es mich kaum, dass atheistische Journalisten für ihre atheistischen Kollegen eine beispiellose Solidaritäts- Aktion lostreten. Plötzlich bekennen Millionen Internetnutzer „Ich bin Charlie Hebdo“. Sich solch einem Hype anzuschließen kostet natürlich auch nicht viel, selbst wenn man das entsprechende Satire- Magazin bisher gar nicht kannte. – Dieselben atheistischen Journalisten messen allerdings nicht mit dem gleichen Maßstab. Als vor wenigen Jahren zwei Schülerinnen der Bibelschule Brake auf ähnliche Weise im Jemen ermordet wurden, rief keiner dieser Journalisten zu einer Solidaritäts- Kundgebung auf. Ganz im Gegenteil, Christen wurden angegriffen und von Medienvertretern öffentlich diffamiert. Sie seien doch schon fast selbst Schuld für ihre Ermordung. Wahrscheinlich hätten sie die muslimischen Terroristen provoziert. Spätere Polizei- Untersuchungen widerlegten alle diese Spekulationen. Im Fall Charlie Hebdo aber wird mit einem anderen Maßstab gemessen, weil die Opfer diesmal keine „unliebsamen Christen“ sondern atheistische Journalisten waren.

Bei der Diskussion über den Anschlag auf Charlie Hebdo in den öffentlich- atheistischen Medien kann man eigentlich nur die Krise bekommen. Alle Beiträge, die ich bisher im WDR und anderen öffentlich- rechtlichen Sendern gehört habe, wiederholen gebetsmühlenartig dieselben Klischees wie schon seit Jahren.
Alle sind sich scheinbar vollkommen klar darüber, dass der Islam mit diesem Anschlag eigentlich nichts zu tun hat. Zwar sind die mutmaßlichen Täter bekennende Muslime, sie gingen gegnen ein Magazin vor, das den Islam verspottete, sie schrien bei dem Überfall islamische Parolen … und dann soll der Anschlag nichts mit dem Islam zu tun haben? Sehr seltsam!

„Der Islam ist eine Religion des Friedens“ ist immer wieder zu hören. Problematisch ist da schon, dass die meisten der atheistischen Journalisten vom Islam kaum eine Ahnung haben. Auf der anderen Seite ist es absolut unsinnig, wenn jedes Jahr weltweit zehntausende von Menschen durch Islamisten grausam ermordet werden, den Islam als „Religion des Friedens“ zu bezeichnen. Die Terroristen plakatieren ihre Häuser und Autos mit Koran- Suren, massakrieren alle Andersgläubigen die ihnen in die Hände fallen, betonen bei jedem Interview ihre islamische Gesinnung und dann sagen uns die Medienvertreter ein übers andere Mal, das habe nichts mit dem Islam zu tun. Sehr seltsam!

Sicher, nicht alle Muslime sind potentielle Mörder, das sollte klar sein, aber der Islam hat offensichtlich ein immenses Gewaltproblem. Obwohl es auf der Welt deutlich mehr Christen gibt als Muslime, finden sich keine vergleichbaren christlichen Terrororganisationen.

Andere Kommentatoren äußern, die Attentäter hätten ihre Tat nicht aufgrund von religiösen Gründen verübt, sondern weil den Politik ihnen keine Chance gegeben habe. Sie hätten eine schlechte Ausbildung, keine gesellschaftliche Anerkennung und wenig Geld, deshalb hätten sie nur diesen Ausweg gesehen. Sollen wir daraus schließen, dass alle, die in einer Gesellschaft benachteiligt werden oder sich benachteiligt fühlen demnächst mit einer Automatikwaffe ihre Mitmenschen über den Haufen schießen, weil es keine andere Möglichkeit gibt? Die meisten der hunderttausende Migranten in und um Paris haben offensichtlich eine andere Perspektive. Sehr seltsam!

Noch ein anderer Journalist vermutete, es gäbe in der islamischen Welt wahrscheinlich so viel Gewalt, weil die psychisch- psychologische Behandlung der Menschen in diesen Ländern nicht so ausgeprägt sei. Deshalb trügen sie ihre inneren Konflikte auf diese Weise aus. Sehr seltsam!

In den Medien sind auch immer nur die gleichen muslimischen Vertreter zu hören, die ständig betonen wie friedlich alle Muslime sind. Natürlich ist das kein Wunder, weil in den atheistischen Medien nur diese Gruppe von Muslimen ans Mikrofon gelassen wird. Es wäre hier viel ehrlicher, offen zu sagen, dass es eben auch die gewaltbereite Fraktion unter den Muslimen gibt. Natürlich sind das nicht alle, aber es gibt sie, sie sind auch Muslime und sie wollen ihren Glauben mit Gewalt verbreiten.

Jedenfalls: Ich bin nicht Charlie Hebdo.

Blutspur im Namen des Islam

Ein dritter Beitrag wird von der Zeitschrift Cicero verantwortet. Richtig – es gilt sauber zu differenzieren:

Ja: Ich weiß, warum solche Sätze jetzt gesagt werden. Weil man all die Millionen friedfertigen Muslime in Deutschland und anderswo nicht verantwortlich machen darf für die barbarischen Akte einzelner Attentäter. Und weil man Fremdenfeindlichkeit und Hass vorbeugen möchte. Das ist ein richtiges Anliegen. Aber dann muss man es auch präzise sagen.

Deshalb nein: Ich kann und will diese Beschwichtigungen nicht mehr hören. Seit anderthalb Jahrzehnten zieht sich eine Blutspur um die Welt. Im Namen keiner einzigen anderen Religion ist seit den Anschlägen auf das World Trade Center derart bestialisch gemordet worden. Nur im Namen des Islam werden diese barbarischen Taten begangen. Zuletzt in Sydney in einem Café, vorher in England, wo zwei Attentäter einen Soldaten auf offener Straße mit einem Schlachtbeil regelrecht zerhackt haben. Die grauenhaften sadistischen Massaker des so genannten Islamischen Staates in Syrien und im Irak, der Terroranschlag auf Busse und die U-Bahn in London: Das alles hat man im Kopf, dazu die Attentäter, die „Allah ist groß!“ rufen, wenn Sie den Finger am Abzug haben. Und gleichzeitig echot der Satz im Kopf: „Terroranschläge haben nichts mit dem Islam zu tun.“  Man fasst es nicht. Man fasst es einfach nicht.

Vor lauter Frankreich Nigeria nicht vergessen

Man darf auf keinen Fall vergessen, was an anderen Orten der Welt passiert. Da wurden zum Beispiel an einem Abend in Nigeria 2000 Christen hingerichtet (Pro Medienmagazin-Meldung). Scheusslich.

Über 2.000 Tote gab es, als Boko Haram am Mittwoch den Ort Baga im äußersten Nordosten Nigerias zerstörte. Baga sei eine christliche Stadt gewesen, aber auch Muslime hätten dort gelebt, sagte Emmanuel Ogbunwezeh, Afrikareferent der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), gegenüber pro. Die Terroristen hätten jedoch keinen Unterschied zwischen den Menschen gemacht und den ganzen Ort niedergebrannt. „Baga existiert nicht mehr“, sagte Ogbunwezeh. Nigerianische Beamte hatten die vom britischen Sender BBC gemeldeten Opferzahlen zurückgewiesen und gingen von einigen Hundert aus. Ogbunwezeh bestätigte jedoch die Medienangaben.

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