Buchbesprechung: Luther – unermüdlich

Richard Friedenthal. Luther – sein Leben und seine Zeit. Piper: München, 2004. 690 Seiten. Gebraucht ab 0,85 Euro.

Der jüdische Gelehrte und Protestant Friedenthal (1896-1979) hat eine Goethe- und eine Luther-Biografie vorgelegt. Klar, er war kein Theologe, sondern Lyriker und Schriftsteller. Zu diesem Werk habe ich anlässlich eines Vortrage eine Reihe Zitate zusammengetragen.

1. Luther in Zahlen

20’000 (Kilometer unterwegs)

Luther ist viel gewandert, lange Zeit zu Fuss, später auch zu Pferd oder im Wagen. Er hat grosse Teile Deutschlands mit den Fusssohlen und vom Sattel aus kennen gelernt, auch die Schweiz, Teile Italiens. Man hat berechnet, dass er etwa 20’000 km auf diese Weise hinter sich gebracht hat im Laufe seines Lebens. Die Strasse war damals etwas anderes als heute. (…) Wegelagerei war so üblich wie heute Banküberfälle. (…) Entlassene Landsknechte zogen dahin auf der Strasse, die nur ein tief ausgefahrener Feldweg war; auch sie plünderten oder stahlen, wo sie konnten; landfahrendes Volk, Gaukler, Bettler, die ebenfalls oft Gaukler waren und mit furchtbaren Verstümmelungen Mitleid erwecken wollten, arme Scholaren, Mönche, die Halb-Mönche und Halb-Nonnen der Begarden und Beginen. (…) Die Mönche hatten, der Regel entsprechend, mit niedergeschlagenen Augen, die Hände in den Ärmeln der Kutte, dahinzupilgern. Seine Blicke sollten nicht schweifen und schon gar nicht an einem Weibe haften bleiben. Luther wird noch so gegangen sein. Aber sein Ohr war sehr scharf. Er hat schon damals begonnen, dem gemeinen Mann auf das Maul zu sehen (…) Von der Strasse, vom Markt, hat er sich den Reichtum seiner Sprache aufgelesen, die auch die vielen Berufsausdrücke der Handwerker umfasste, das stille Gebet der Frommen und die wilden Flüche und massiven Schimpfworte der Fuhrleute. (S. 87/88)

166 (Kapitel)

die Kapitel seiner beiden Lieblingsbücher, Psalmen (150) und Römer (16), zusammengezählt

20 – 30 (Publikationen/Jahr)

Seine Arbeitskraft ist auch von seinen Feinden bewundert worden; in seiner ersten Kampfzeit schon hat er zwanzig, dreissig Publikationen im Jahr in die Welt geschleudert – meist kleine Hefte – aber auch diese wurden noch mitten im Druck erweitert, verbessert oder verschlechtert (…) Zuweilen hat er drei Drucker zu gleicher Zeit in Atem gehalten. Die Lehrbuben mit den Fahnen warteten vor seiner Tür, liefen hurtig davon und kamen am nächsten Tage wieder. All dies vollbrachte Luther allein, in seinem kleinen Stübchen über dem Verbindungsgang zwischen Kloster und Brauhaus, ohne Sekretär und sonstige Hilfe. In Wittenberg entstand eine ganze Druckindustrie, nach damaligen Begriffen, und die Drucker-Verleger wurden reich. Luther bekam kein Honorar. Nachgedruckt, oft in zehn und mehr Ausgaben, wurde das meiste ausserhalb Wittenbergs, und ein weites Netz von Druckorten und literarischen Stützpunkten spannte sich aus, vor allem in Süddeutschland. (S. 257)

„Ein guter starker Zorn erfrischt das Geblüt“, meinte er, und seine zornigsten Hefte feuerte er sogleich in die Druckerei, ohne sie auch nur noch einmal durchzulesen. (S. 258)

95 (Thesen)

Das Ganze ist keine Lehre und kein System und konnte das auch kaum sein. Es ist eine lose Folge von Sätzen (…) Manche Thesen sind fast ein Selbstgespräch und handeln von Luthers innerster persönlicher Überzeugung. Andere haben den Hall und Schwung politischer Kampfparolen. Wieder andere sind Predigt für eine noch unsichtbare Gemeinde. (…) Es wirkte, und Luther war am meisten überrascht, welche Wirkung es hatte. Die Adressaten, die Gelehrten, meldeten sich nicht; niemand kam zur Disputation. Das Volk antwortete in allen seinen Schichten, das einfache Volk, die Bürger, die Geistlichen, Künstler. (…) Hier war nun ein einfacher Mönch, so verstand man die Thesen, der laut sagte, was zu sagen war. (S. 174)

10 (Wochen Übersetzungsarbeit für das Neue Testament)

In den letzten Monaten seines Wartburgaufenthaltes macht er sich daran, das Neue Testament zu übertragen. Eine übermenschliche Aufgabe für einen einzelnen, der nur ganz dürftige Hilfsmittel zur Hand hatte: den griechischen Urtext (…) seine lateinische Vulgata, in der er gross geworden war im Kloster (…) Keine Wörterbücher oder Kommentare, keine Helfer, die er erst später gründlich heranziehen konnte (…) Für das NT brauchte er etwa zehn Wochen, eine Zeit, in der es eigentlich einem Abschreiber schon schwer fallen würde, den Text nur eben aus einer Vorlage zu kopieren. (S. 369)

1 (Jahr mit dem gleichen Bettzeug)

„Ehe ich heiratete, hat mir ein ganzes Jahr hindurch niemand das Bett zurecht gemacht, in dem das Stroh von meinem Schweiss faulte. Ich war müde und arbeitete mich den Tag ab und fiel so ins Bett, wusste nichts darum.“ (S. 538) 

42 (Heirat)

Der entlaufene Mönch und die entlaufene Nonne! Das war die Formel. (S. 528)

Dieser Schritt war seine letzte grosse Protesthandlung. Es bedeutete sogleich schon eine Resignation. (S. 530)

Von diesem kleinen Familienkreis, der sich rasch vergrösserte, hat er in seinen verbleibenden Jahren versucht, nach dem grossen Schiffbruch eine kleine Welt aufzubauen. (S. 531)

Sie herrschte über das Haus, ihren, Mann, was von diesem mit Ergebenheit hingenommen wurde, denn Luther war völlig unfähig, auch nur den kleinsten Haushalt zu organisieren. (S. 532)

62 (Tod)

„Wir sind Bettler, das ist wahr.“ (S. 647)

 

2. Luther – ein Leben voller Spannungsfelder

Fröhlichkeit und Schwermut

Beides liegt bei Luther stets zusammen, die Fröhlichkeit und die Schwermut. (S. 36)

Schwere Depressionen hat Luther häufig gehabt, wie alle starken Naturen und schöpferischen Geister; er hat sie nur immer viel offener und nachdrücklicher bekannt als andere. (S. 38)

Leicht nimmt er gar nichts, sondern alles schwer. (S. 127)

Luther hat den Teufel, den Leibhaftigen, sehr oft in seiner Nähe verspürt. Er ist für ihn der Geist des Trübsinns, so wie König Saul vom bösen Geist geplagt wird, den David durch Saitenspiel vertreiben muss. (S. 358)

Der knochige Pommer Bugenhagen wurde sein Beichtvater. In seinen vielen Anfechtungen und Niederlagen flüchtete er sich zu dem gelassenen Mann. Bugenhagen kanzelte ihn energisch ab: Was sprichst du da von Gottes Zorn, der dich heimsucht. Gott ist allerdings zornig auf dich, er spricht: Was soll ich nur noch mit diesem Menschen anfangen? Ich habe ihm so viele ausgezeichnete Gaben verliehen, und dennoch will er an meiner Gnade verzweifeln. (S. 400)

Luther sah in der Musik Trost bei Trübsinn und Anfechtungen. (S. 564)

Gesundheit und Krankheit

Es ist fraglich, ob sein zäher Körper die kommenden Strapazen ausgehalten hätte ohne die sehr wohltätige und gründliche Bekanntschaft mit der Mutter Natur und frischer Luft. (S. 118)

Der harte, fast abgezehrte Kopf imponierte, Luthers Leidenschaft und Feuer, aber auch seine Eindringlichkeit und Schlagfertigkeit, die Sicherheit (…) Und mehr noch vielleicht seine Herzlichkeit im Umgang. (S. 201)

Luther ist „mittelgross, hager, von sorgen und vielen Studien so ausgemergelt, dass man aus der Nähe alle Knochen im Leibe zählen kann. Aber er steht noch im frischen Mannesalter. Seine Stimme klingt hell und klar.“ (S. 249)

„Darf unser Herrgott, gute, grosse Hechte, auch guten Rheinwein schaffen, so darf ich wohl auch essen und trinken.“ (S. 545)

Er hat häufig zu viel gegessen, zu hastig getrunken, eine sehr ungesunde Diät. (S. 528)

Luther ist ein schwieriger und eigenwilliger Patient. (S. 548) 

Öffentlichkeit und Rückzug

(Auf dem Reichstag zu Worms) Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen. (S. 327)

Das Stübchen im Verbindungsbau des Klosters blieb seine Arbeitsstätte sein ganzes Leben lang. (S. 114)

Luther ist auf eine sehr faszinierende Weise der Mann der Einsamkeit und zugleich der Öffentlichkeit und breitesten Wirkung. Das allein mit seinem Gott ist schon die innerste Zitadelle seines Glaubens; nur da fühlt er sich ganz sicher, wenn er auch ständig seine Anfechtungen bestehen muss. Sobald er heraustritt vor die Welt, um zu verkünden, was auch für ihn eine unbedingte Forderung bedeutet, wird er unsicher und laut; er schreit oft, bereut dann seine Übereilung und Heftigkeit, gar nicht selten bis zum Extrem, widerruft unbedenklich kühn Gesagtes und das macht seine Schriften so widerspruchsvoll und auch anfällig für die verschiedensten Auslegungen. Einheit ist nur in seinem Leben und in dem, was er als seine innerste Überzeugung ansah. Da allerdings kannte er weder Schwanken noch Widerruf. (S. 221)

Leidenschaft und Systematik

Luther war überhaupt kein grosser Systematiker. Er las mit Gefühl, mit Leidenschaft, was ihn ansprach. (S. 66)

Luther ging nicht überlegt, aber mit unfehlbarem Instinkt vor. (S. 202)

Luthers Schriften waren kein Programm, auch kein entwickeltes System, aber sie passten in jedes Programmen, oder besser, sie entsprach all den dumpfen Hoffnungen und Wünschen, die umgingen. (S. 268)

Nicht einmal in seinem Studierzimmer herrscht Ruhe, geschweige Ordnung. (S. 542)

Seine Schriften sind grösstenteils Improvisationen, aus dem Augenblick geboren, und für den Tag bestimmt. Er selber hat sie nicht anders angesehen und von vielen gewünscht, dass sie vergessen würden. (S. 543)

Weltfremder Mönch und Meinungsmacher

Es gibt kein Problem, zu dem Luther sich nicht äussern muss. (S. 466)

Für Luthers Leben ist es von höchster Auswirkung, dass er seine entscheidenden Entwicklungsjahre in Zeitlosigkeit (im Kloster) verbrachte und dass er dann mit einem Male in die Welt geworfen wurde, in der die Entscheidungen Jahr um Jahr, auch Monat um Monat, Tag für Tag, an ihn herantraten und Aktion forderten. Oft hat er sich nach der Stille des Klosters zurückgesehnt. (S. 42)

Einmal begann die Zeit seines Lebens, wo er in die Tagespolitik hineintritt oder hineingerissen wird. (S. 440)

Luthers Tragik war es, dass er nicht mehr ein blosser Evangelist und Gewissensrat sein konnte, sondern als Sprecher des Volkes aufgefordert wurde, sich zu einer dringenden Notlage zu äussern. (S. 522)

Volltreffer und Missverständnisse

Einfachheit ist das Geheimnis von Luthers Wirkung. (S. 145)

„Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muss die Mutter im hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen. So verstehen sie es dann und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“ (S. 373)

Gott will den Streit, nicht die Ruhe. Er meinte es geistig, es wurde weltlich verstanden. (S. 241)

Wie immer geht Luther von seinen persönlichen Erfahrungen aus: Das Wort hat durch ihn gewirkt, über alle seine Erwartungen hinaus, nur auf das Wort kommt es an, es wird siegen, nicht die Waffen. (S. 386)

Erneuerer und Bewahrer

Nichts lag Luther ferner, als ein Rebell zu werden. Er war eine von Grund auf konservative Natur und ist das in vieler Beziehung stets geblieben. Er erkannte die Ordnung der Dinge an, wie sie nach seiner Auffassung von Gott gegeben war. (S. 129)

Ein Geistlicher aus Hamburg: „Du sprichst die Wahrheit, guter Bruder Martin, aber du wirst nichts ausrichten. Geh in deine Zelle und sprich: Gott erbarme mich meiner!“ (S. 192)

Luther wünscht sich keine Vergewaltigung der Schwachen, die noch am alten Ritus hängen. Unwichtig erscheinen ihm all diese Äusserlichkeiten. Auf die innere Wandlung kommt alles an: Das Wort ist nun da, es soll recht gepredigt werden, dann werden die Menschen sich wandeln, so wie er sich gewandelt hat, und damit werden auch ohne weiteres die alten Formen sich ändern. Er unterschätzt völlig die gewaltige Macht des Kultus, der Riten. (S. 385)

Luther war eine sehr zusammengesetzte Natur, ungeduldig und behutsam zugleich, Feuergeist und Revolutionär, dem es nicht darauf ankam, auch das Chaos anzurufen, und konservativ in dem Sinne, dass er bewahren oder langsam, allmählich reformieren wollte. (S. 559)

Lernpunkte 

Ich wünsche mir…

… mehr von Luthers innerer Betroffenheit über meine Sünde

… Gegenüber, die mich immer wieder auf den Boden bringen

… einen Ort des Rückzugs, eine „Home base“

… Leidenschaftlichkeit, die meine Angst Harmonie zu zerstören, überwiegt

… Vorsicht vor einem Urteil in Dingen, von denen ich keine Ahnung habe

… Weisheit um die Gratwanderung zwischen Kontinuität und Veränderung zu gehen

… meiner Gesundheit Sorge zu tragen ohne zimperlich zu werden

… einfacher zu werden ohne an Tiefgang einzubüssen

Kinder in die Selbständigkeit begleiten (10): Italienisch ab erster Klasse

Unser Dritter ist sehr wissbegierig. Im Kindergarten lernte er einen italienischsprachigen Kollegen kennen und äusserte den Wunsch, die italienische Sprache zu erlernen. Sein Wunsch war bald wieder vergessen, doch nicht bei meiner Frau. Als es darum ging, sein Curriculum für die erste Klasse zusammenzustellen, wurde die italienische Sprache mit aufgenommen. Wir versuchten es einfach mal.

Üblicher Verlauf

Nach ein paar kläglichen Versuchen wird der Italienischunterricht abgebrochen. Wir wussten es ja schon immer, dass mit dem Sprachenunterricht nicht zu früh begonnen werden darf. Lernen muss dem Kind doch Spass machen. Er lernt sonst mühelos, warum müssen wir uns noch damit abplagen Sprachgrundlagen zu legen, die er sich später noch holen kann?

Variante

Uns war bewusst, dass dies ein Versuch war und sprachen es auch in diesem Sinn mit dem Kind ab. Gerade die Tatsache des mühelosen Lernens liess uns nach Gelegenheiten suchen, in denen die Ausdauer trainiert werden kann. Meine Frau fing mit einfachen Büchern und einem Langenscheidt-Grundkurs an. Unser Junior sprach die Sätze täglich nach. Nach einem Jahr schickten wir ihn in die Italienisch-Klasse für Secondos. Er verstand anfangs kein Wort, bemerkte aber bald dass andere nicht weiter waren. Mittlerweile traut er sich Antworten zu geben – und macht gute Fortschritte.

Kolumne: Vier Fragen, die jede Weltanschauung zu beantworten sucht

Jede Welt- und Lebensanschauung hat drei bzw. vier Fragen zu beantworten:

  1. Soll: Wie sieht der Idealzustand aus?
  2. Problem: Inwiefern ist dieser Zustand gestört?
  3. Lösung: Wie kann das Ideal wiederhergestellt werden?
  4. Zukunft (optional): Wie sieht die ideale Zukunft aus?

Sehen wir uns dies am Beispiel der (wahren) Tiergeschichte „Rickie & Henri“ aus dem Kongo an. Es geht um das Schicksal des Schimpansenkindes Rickie.

Wie wird der Idealzustand geschildert?

„Rickie wurde im Regenwald von Zentralafrika geboren. IN den ersten beiden Jahren lebte sie dort ruhig und zufrieden zusammen mit anderen Schimpansenfamilien. Am schönsten hatte es Rickie: Ihre Mutter war immer für sie da. Die Schimpansenmutter trug ihr Kind stets eng an sich gklammert von Ort zu Ort. Sie tröstete es, wenn es Schmerzen oder Angst hatte. Und immer wenn Rickie hungrig war, durfte sie an ihrer Brust ihre gute warme Milch trinken.“

So beginnt die Geschichte. Die Autoren haben offenbar ein Bewusstsein einer idealen Mutter-Kind-Bindung bei Schimpansen.

Inwiefern wird dieser Zustand gestört?

„Plötzlich eines Tages … zerriss ein ohrenbetäubender Knall die Stille des Waldes. Rickies Mutter stürzte zu Boden, tot oder tödlich verletzt. Entsetzliche Schreie in Todesangst. … Ein Jäger griff nach Rickie und steckte sie in einen engen Korb…“

Die Harmonie wurde gestört. Das Problem ist der Mensch.

Wie kann das Ideal wiederhergestellt werden?

„Rickie war auf dem Markt von Brazzaville in der Republik Kongo. …Ein hoch gewachsener, gut gekleideter Afrikaner blieb neben ihr stehen, um sie genauer zu betrachten … Er beugte sich zu ihr hinunter und strich Rickie sanft übers Fell. … Der grosse Mann wusste, dass das Fangen und verkaufen von Schimpansenkindern verboten ist. Verärgert drohte er dem Jäger, dass er ihn bei der Polizei melden würde.“

Ein Retter tritt auf, der sich auf Gesetze beruft. Er befreit Rickie, der fortan in seinem Garten wohnen darf und Freundschaft mit dem Hund Henri schliesst.

Wie sieht die perfekte Zukunft aus?

„Obwohl ihm der Abschied sehr schwer fiel, brachte der Mann Rickie in ein Schutzreservat für Schimpansenkinder, die keine Eltern mehr haben. Dort fand Rickie schnell neue Freunde.“

Rickie wird in eine störungsfreie Umgebung transferiert.

Und die Moral der Geschicht‘?

Auf der letzten Seite folgt ein Hinweis auf eine Homepage des „Jane Goodall Institute“. „Dort erfährst du, wie Rickie, ihren Freunden und anderen Waisen geholfen werden kann. Eint brauchte Rickie ihren Freund Henri – heute brauchen sie und andere Waisen, die ein ähnliches Schicksal ertragen musste, uns alle!“

Werde zum Retter der Affen.

Buchbesprechung: Vergeude dein Leben nicht!

John Piper. Dein Leben ist einmalig. CLV: Bielefeld, 2004. 224 Seiten. Kostenloser Download.

Es gibt Bücher, an die ich mich über Jahre zurück erinnere. „Dein Leben ist einmalig“ gehört dazu. Der englische Originaltitel „Don’t Waste Your Life“ erklärt dasselbe von einer anderen Seite her. Ich möchte mein Leben so gelebt haben, dass mein Herr mir einmal zurufen kann: „Wohl dir, du treuer Knecht.“ Das bedeutet zweierlei: Einerseits anerkenne ich an, dass ich Knecht von Jesus bin. Das wiederum heisst, dass ich die Verfügungsgewalt über mein Leben abgebe. Zweitens gestehe ich ein, dass ein anderer meine Treue beurteilen wird. Ich stelle die Kriterien dazu nicht selber auf.

Vergeude ich mein Leben?

John Pipers donnernde Botschaft prägte sich in mir ein: „Bedenken Sie: Sie haben nur ein Leben. Das ist alles. Sie sind für Gott geschaffen. Vergeuden Sie Ihr Leben nicht.“ (8) Er rief die Worte vor 15 Jahren Tausenden von Jugendlichen zu. Der Aufruf ist heute nicht weniger aktuell! Diese Buchbesprechung ist darum eine persönlich-emotionale. Das geschieht jedoch nicht auf Kosten von inhaltlicher Argumentation. Piper überzeugt eben durch das Zusammengehen beider Komponenten, wie er es bei anderen gelernt hatte. „C. S. Lewis … lieferte mir den Beweis, dass strikte, präzise und scharfsinnige Logik kein Widerspruch zu tiefen, bewegenden Gefühlen und lebendiger, reger – ja sogar verspielter – Vorstellungskraft ist. Er war ein »romantischer Rationalist«.“ (18) Was verankert Ratio und Emotionen in der Realität? „Nichts ernüchtert eine umherschweifende philosophische Fantasie so sehr wie der Gedanke an eine Frau und an Kinder, für die man sorgt.“ (20) Diesen Schritt habe ich längst vollzogen. Ihn nicht länger aufzuschieben, würde manchen Zeitgenossen um Längen nach vorne katapultieren!

Der Durchbruch zur wahren Freude

Piper ist in diesem Buch besonders persönlich. Er berichtet von der eigenen Suche und seinem geistlichen Durchbruch. „Wollte ich am Ende meines Lebens nicht sagen müssen: »Ich habe es vergeudet«, dann musste ich mit aller Kraft Gottes oberstem Ziel nachjagen und mit ihm daran arbeiten. Sollte mein Leben eine einzige, rundum befriedigende, einheitliche Leidenschaft bekommen, so musste es Gottes Leidenschaft sein.“ (29) Wie würde das möglich werden? Piper fasst zusammen, was unter dem Stichwort „christlicher Hedonismus“ bekannt geworden ist. „Sich in Gott zu freuen, ist nicht nur ein Wunsch oder eine Möglichkeit im Leben; es sollte unsere freudige Pflicht und unser Herzensanliegen sein. Indem er sich entschied, seine Glückseligkeit in Gott zu vermehren, zeigte er, dass Gott viel herrlicher ist als jeder andere Ursprung des Glücks. In Gott glücklich zu sein und ihn zu verherrlichen, ist dasselbe.“ (30) Das Wissen um das ultimative Ziel des Lebens zeigte seine befreiende Wirkung. Jahrzehnte später kann man im Blick auf Piper nur sagen: Es wirkt nachhaltig! „Ich war frei, um in allen Dingen für Gottes Verherrlichung zur Freude aller Menschen zu leben. Er hatte mich vor einem vergeudeten Leben bewahrt. Jetzt besaß mein Leben den letztgültigen Sinn – denselben wie Gott selbst: sich an seiner Größe zu freuen und diese sichtbar zu machen.“ (39)

Ein Leben in Vorbereitung auf den Ruhestand?

Manch einer wird fragen: „Können Sexualität, Autos, Arbeit, Krieg, Windelnwechseln und das Zahlen von Steuern wirklich zu einer Einheit zusammengebunden werden, die Gott verherrlicht und die Seele befriedigt?“ (45) Diese Frage stellt sich umso stärker, wenn man die Babyboomer-Generation, die jetzt im Rentenalter ist, beobachtet. „Leider war das der Traum: Gelange ans Ende deines Lebens – deines einzigen, wertvollen, gottgegebenen Lebens – und mache es zum letzten großen Werk deines Lebens, Softball zu spielen und Muscheln zu sammeln, bevor du deinem Schöpfer Rechenschaft gibst. Stellen Sie sich vor, wie die beiden einst im Gericht vor Christus stehen werden: »Sieh, Herr. Hier sind meine Muscheln.«“ (48) Mittelpunkt unseres Rühmens muss in den Worten von Paulus das Kreuz werden, der strahlende Mittelpunkt der Herrlichkeit Gottes. Von diesem Standort aus wird „jeder Atemzug, jeder Herzschlag, jeder neue Tag, unsere Augen, Ohren, Beine, unser Mund …freie, unverdiente Gaben an Sünder, die nur das Gericht verdienen.“ (55) 

Gott durch Leiden und Tod verherrlichen

Wie wird Christus verherrlicht? Die Botschaft, die Piper predigt, hebt sich stark von der unserer säkularisierten Umgebung ab. Aus dieser Richtung hören wir ständig: Verwirkliche dich! Hole ab, was es zu holen gibt! Die Bibel schlägt einen ganz anderen Ton an: Verherrliche Christus durch Tod und Leiden. “Christus als Gewinn in Ihrem Tod zu sehen, macht ihn groß. Es ist »weit besser«, als hier zu leben. Wirklich? Besser als alle Freunde in der Schule? Besser als sich zu verlieben? Besser als Ihre Kinder in den Arm zu nehmen? Besser als beruflicher Erfolg? Besser als der Ruhestand und Enkelkinder? Ja. Tausendmal besser.” (72) Diese Einsicht verändert die Basis unserer Beziehung zu Christus grundlegend. „Vertrauen wir Christus nur wegen seiner Geschenke und nicht ihm selbst als der Gabe, die all unsere Bedürfnisse stillt, dann ehren wir nicht wirklich seine Person, sondern nur seine Geschenke.“ (77) Christus selbst oder seine Geschenke? Ich bin noch immer daran, diese Kehrtwende von innen heraus nachzuvollziehen. Ich bin zu stark das Subjekt meines Lebens – nicht Christus. „Das »Wohlstandsevangelium« verschlingt die Schönheit Christi durch die Schönheit der Gaben und macht sie somit zu Götzen. Es beeindruckt die Welt nicht, wenn Christen reich werden und Gott dafür danken. Eindruck macht es auf sie, wenn uns Gott so glücklich macht, dass wir unsere Reichtümer um Christi willen weggeben und es für Gewinn halten.“ (78)

Weg von der Sicherheitsmentalität

Wer die Kehrtwende vollzogen hat, ist bereit, für Jesus Risiko auf sich zu nehmen. „Die tragische Heuchelei besteht darin, dass der Zauber der Sicherheit uns täglich Risiken für uns selbst eingehen lässt, aber uns lähmt, auf der Straße der Liebe für andere etwas zu riskieren.“ (87) Wie wahr! „Wir neigen dazu, etwas aus falschen Motiven heraus zu riskieren. Ohne Christus sind wir alle gesetzlich oder eigenwillig – wir wollen unser eigenes Ding durchziehen oder Gottes Sache benutzen, um unsere eigenen Fähigkeiten zu beweisen.“ (99) Weil dem so ist, beantwortet sich auch die Frage: „Warum fragen uns die Menschen nicht nach unserer Hoffnung? Wahrscheinlich deshalb, weil wir unsere Hoffnung anscheinend in dieselben Dinge setzen wie sie. Sie haben nicht den Eindruck, dass wir auf der Straße von Golgatha gehen, aufopfernde Liebe zeigen und anderen dienen, ohne dafür den Lohn in diesem Leben zu erwarten.“ (120) Damit sind wir bei der für mein Leben zentralen Lektion: Führe ich ein Leben wie im Krieg?

Von Natur aus neige ich dazu, dieselben Dinge zu lieben wie die Welt. Ich beginne mich anzupassen. Allmählich liebe ich, was die anderen lieben, und nenne die Erde mein »Zuhause«. Bevor ich mich versehe, nenne ich Luxus ein »Bedürfnis« und gehe mit meinem Geld genauso um wie die Ungläubigen. Ich vergesse den Krieg und denke nicht mehr daran, dass Menschen umkommen. Mission und unerreichte Völker schleichen sich aus meinen Gedanken heraus. Ich höre auf, vom Sieg der Gnade zu träumen. Ich verfalle in eine weltliche Haltung, die zuerst auf das schaut, was der Mensch tun kann – und nicht auf Gott. Es ist eine schreckliche Krankheit. Und ich danke Gott für jene, die mich immer wieder zu einem Leben wie in Kriegszeiten zwangen. (124)

Eine weitere Folge eines angepassten Lebens, das von der Umgebung aufgesogen ist, stellt die Vermeidungsethik dar:

Menschen, die mit der Vermeidungsethik zufrieden sind, stellen im Allgemeinen die falschen Fragen in Bezug auf das Verhalten. Da heißt es: Was ist daran falsch? Was ist falsch an diesem Film? Oder dieser Musik? Oder diesem Spiel? Oder diesen Freunden? Oder dieser Entspannungsmethode? Oder dieser Investition? Oder diesem Restaurant? Oder diesem Geschäft? Was ist falsch daran, jedes Wochenende zu meiner Freizeithütte zu fahren? Oder überhaupt eine zu besitzen? Derartige Fragen werden kaum eine Lebensweise hervorbringen, die Christus verherrlicht und Menschen in Gott glücklich macht. Sie führen zu einer Reihe von Verboten und tragen zur Vermeidungsethik bei. Weitaus besser sind folgende Fragen: Wie kann mir das helfen, Christus mehr zu schätzen? Wie kann ich dadurch zeigen, dass ich Christus liebe? Inwieweit ist es hilfreich, um Christus besser kennen zu lernen und ihn in meinem Leben widerzuspiegeln? Die Bibel sagt: »Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut, tut alles zur Ehre Gottes!« (1Kor 10,31). Somit ist die Fragestellung in erster Linie positiv und nicht negativ: Wie kann ich Gottes Herrlichkeit durch diese Handlung darstellen? Wie kann ich Gott durch dieses Verhalten groß machen? (133)

Ich seufze mit John Piper über

die belanglosen Freizeitbeschäftigungen, mit denen so viele Menschen ihre Zeit vergeuden – mich selbst eingeschlossen. Denken Sie nur an die Bedeutung des Sports, der ja einen großen Teil der Tageszeit einnimmt. Aber Gott wird kein Raum gegeben. Denken Sie an die unzähligen Dinge, mit denen Sie Ihr Zuhause und Ihren Garten bequemer und imposanter machen können. Oder denken Sie an das viele Geld, das Sie für ein größeres Auto ausgeben können, als Sie eigentlich benötigen. Denken Sie an die Zeit, die Energie und die Gespräche, die Sie in Unterhaltung und Freizeit investieren. Und zu alldem kommt jetzt noch der Computer hinzu, der auf künstliche Weise genau diejenigen Spiele neu erschafft, die von der Realität bereits soweit entfernt sind; es ist wie eine vielschichtige, belanglose Traumwelt, die sich zu absoluter Bedeutungslosigkeit ausweitet. (141)

An der Arbeit Gott verherrlichen

Wo beginnt der Kampf also? Er startet in unserem Alltag. „Der »Krieg« findet zwischen der Sünde und der Gerechtigkeit in jeder Familie statt; zwischen der Wahrheit und dem Irrtum in jeder Schule; zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in jeder Legislative; zwischen Integrität und Bestechung in jedem Büro; zwischen Liebe und Hass in jeder ethnischen Gruppe; zwischen Stolz und Demut in jeder Sportart; zwischen dem Schönen und dem Hässlichen in jeder Kunst; zwischen guter und falscher Lehre in jeder Gemeinde; und zwischen Faulheit und Fleiß zwischen jeder Kaffeepause auf der Arbeit.“ (150) „Wir können Gott in unserem weltlichen Beruf durch die Gemeinschaft verherrlichen, die wir bei unserer Arbeit den ganzen Tag mit ihm haben.“ (154) „Wahre persönliche Frömmigkeit unterstützt sinnvolle weltliche Arbeit, anstatt sie zu untergraben. Die Gemeinschaft mit Gott bringt keine Untätigkeit hervor. Deshalb sind Menschen, die ihr Leben hauptsächlich dem Müßiggang oder frivolen Freizeitbeschäftigungen widmen, selten so glücklich wie arbeitende Menschen.“ (161)

Evangelisation ist das angemessene Ziel für den Wohlstand der Gemeinde

Dann öffnet Piper den Fokus. „Das letztendliche Ziel der Weltmission ist, dass Gott durch sein Wort Anbeter gewinnt, die seinen Namen durch einen fröhlichen Glauben und Gehorsam verherrlichen. Mission existiert, weil es an Anbetung fehlt.“ (184-185) Er ruft uns zu: „Erheben Sie sich über Ihr begrenztes Leben – ja, ein sehr wichtiges Leben, in dem Gott nicht herabgesetzt wird – und schauen Sie auf das große, aufregende Bild von Gottes globalen Absichten mit der Weltgeschichte.“ (186) „Die Weltevangelisation ist die schnellste und sicherste Methode, die Gemeinde zu retten. Wir besitzen so viele materielle Dinge, dass wir in Gefahr stehen, auf unseren Reichtum zu vertrauen anstatt auf Gott. »Wenn ein Mensch zu Wohlstand gelangt, kann ihn nur Geben davor bewahren, in der Seele arm zu werden.« Die Evangelisation der Welt ist das einzige Unterfangen, das groß und wichtig genug ist, um ein angemessenes Ventil für den Wohlstand der Gemeinde zu sein.“ (196-197)

Fazit: Liebe zu Komfort und Sicherheit beenden

Piper betet zum Schluss: „O Vater, schenke deiner Gemeinde, dass sie deine Herrlichkeit mehr liebt als Gold – um ihre Liebe zu Komfort und Sicherheit zu beenden.“ (217) Was für eine Bitte! Ich stimme – manchmal noch etwas zögernd – darin ein.

Zitat: Gottes unantastbare Herrlichkeit

Ein Mensch vermag, indem er sich weigert, Ihn anzubeten, ebensowenig Gottes Glorie zu mindern, wie ein Wahnsinniger die Sonne auslöschen kann, indem er das Wort ‘Dunkelheit’ auf die Mauern seiner Zelle kritzelt.

C. S. Lewis. Über den Schmerz. Brunnen: Giessen/Basel, 2012 (8. TB-Auflage). (51)

Zitat: Und dann geschah eigentlich nichts mehr

Und dann, so könnte man sagen, geschah eigentlich nichts mehr. Tolkien kam wieder nach Oxford, war dort zwanzig Jahre lang Rawlinson- und Bosworth-Professor für Angelsächsisch, wurde dann zum Merton-Professor für Sprache und Literatur gewählt, liess sich in irgendeinem Oxforder Vorort nieder, wo er die ersten Jahre nach seiner Pensionierung lebte, zog dann in eine Seebad, über das auch nichts zu sagen ist, kehrte nach dem Tod seiner Frau nach Oxford zurück und starb dort im Alter von 81 Jahren eines friedlichen Todes. Es war ein normales, belangloses Leben, gleich dem zahlloser anderer Gelehrter, gewiss mit akademischen Ehren, doch nur in einem sehr engen Fachgebet, das für den Laien eigentlich kaum von Interesse ist. Und das wäre alles – wäre nicht die seltsame Tatsache, dass er in diesen Jahren, als ‘nichts geschah’, zwei Bücher geschrieben hat, die in aller Welt Bestseller wurden, Bücher, welche die Phantasie und das Denken mehrerer Millionen Leser beschäftigten. Es ist ein seltsames Paradox, dass der Hobbit und der Herr der Ringe das Werk eines unbekannten Oxford-Professors sind, dessen Spezialgebiet der Dialekt der westlichen Midlands im Mittelenglischen war, der ein gutbürgerliches Leben führte, seine Kinder aufzog und seinen Garten pflegte.

Humphrey Carpenter. J. R. R. Tolkien. Eine Biographie. Klett-Cotta: Stuttgart, 2002 (3. Auflage). (133)

Input: Das überwältigende biblische Zeugnis von Gottes Vorsehung

John Frame nimmt in den zwei Kapiteln über Gottes Vorsehung eine beeindruckende Zusammenschau der biblischen Lehre vor (in Systematic Theology, S. 141-183).

Sein Plan kommt zustande (efficacy)

Nichts ist zu schwierig für Gott (Jer 32,27), nichts zu wunderbar (Sach 8,6), nichts unmöglich (Gen 18,14; Mt 19,26; Lk 1,37). Sein Plan kommt stets zustande, z. B. gegen Assyrien:

Der Herr der Heerscharen hat geschworen und gesagt: Fürwahr, es soll geschehen, wie ich es mir vorgenommen habe, und es soll zustandekommen, wie ich es beschlossen habe: Ich will den Assyrer zerschmettern in meinem Land, und ich will ihn zertreten auf meinen Bergen; so wird sein Joch von ihnen genommen werden und seine Last von ihren Schultern fallen. Das ist der Ratschluß, der beschlossen ist über die ganze Erde, und dies ist die Hand, die ausgestreckt ist über alle Völker! Denn der Herr der Heerscharen hat es beschlossen — wer will es vereiteln? Seine Hand ist ausgestreckt — wer will sie abwenden? (Jes 14,24-27; auch Hiob 42,2; Jer 23,20)

Sein Wort kehrt nicht leer zurück (Jes 55,11; Sach 1,6). Kein Rat kann gegen ihn bestehen bleiben (Spr 21,30; auch 16,9; 19,21). Gott erreicht stets seine Absicht.

Ich verkündige von Anfang an das Ende, und von der Vorzeit her, was noch nicht geschehen ist. Ich sage: Mein Ratschluß soll zustandekommen, und alles, was mir gefällt, werde ich vollbringen. (Jes 46,10; vgl. Dan 4,35; Mt 11,25f; Eph 1,4f+9)

So wie ein Töpfer den Ton formt, bestimmt Gott über den Menschen (Jes 29,16; 45,9; 64,8; Jer 18-10; Röm 9,19-24). Sünder widerstehen ihm zwar (Jes 65,12; Mt 23,37-39; Lk 7,30; Ag 7,51; Eph 4,30; 1Thess 5,19; Hebr 4,2; 12,25), können aber nicht gegen ihn ankommen.

Der Ratschluß des Herrn bleibt ewig bestehen, die Gedanken seines Herzens von Geschlecht zu Geschlecht. (Ps 33,11)

Aber unser Gott ist im Himmel; er tut alles, was ihm wohlgefällt. (Ps 115,3)

Alles, was dem Herrn wohlgefällt, das tut er, im Himmel und auf Erden, in den Meeren und in allen Tiefen. (Ps 135,6)

Ja, von jeher bin ich derselbe, und niemand kann aus meiner Hand erretten. Ich wirke — wer will es abwenden? (Jes 43,13)

Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet, so daß niemand zuschließt, und zuschließt, so daß niemand öffnet. (Offb 3,7)

… in der ganzen Welt

a)      durch Naturereignisse

Gott hat den ganzen Kosmos geschaffen (Gen 1; Ex 20,11; Ps 33,6+9; 95,3-5; 146,5f; Jer 10,12; 51,15-16; Apg 17,24; Kol 1,16). Die Ereignisse der natürlichen Welt werden Gott zugeschrieben. (Ps 65,9-11; 135,5-7; 147,15-18). Gott lässt nicht nur zu, dass Ereignisse geschehen, er bringt sie selber hervor (makes them happen). Selbst zufällige Ereignisse wie Losentscheide sind miteingeschlossen (Spr 16,33). Naturereignisse als Gerichte sind genau zugemessen (Ex 9,13-26; Amos 4,7; Gen 41,28-32). Die Kontrolle besteht selbst über die kleinsten Details von Mensch und Schöpfung (Mt 5,45; 6,26-27; Mt 10,29f; Lk 12,4-7).

b)      in der menschlichen Geschichte

Gott teilt den Völkern Grenzen zu (Apg 17,26). Er ist nicht nur der Gott Israels, sondern der ganzen Erde (Ps 2,6-12; 47,1-9; 95,3; Gen 18,25). Sein Wirken lässt sich durch die gesamte Heilsgeschichte verfolgen:

  • Gott führt Josephs Leben (Gen 41,16+28+32; 45,5-8; 50,20).
  • Er bringt Israel ins Land (Ex 23,27; Deut 2,25; Gen 35,5; Jos 21,44f).
  • Er bewahrt sein Volk vor Angriffen (Mich 4,12; Spr 21,31), er gewährt Sieg (Deut 20; Richt 7,1-8; 1Sam 14,6).
  • Das Ergebnis von Kriegen liegt stets in Gottes Hand (Deut 3,22; Jos 24,11; 1Sam 17,47; 2Chr 20,15; Sach 4,6).
  • Gott braucht Völker als Instrumente zur Züchtigung Israels und richtet diese später selbst (Jes 10,5-12; 14,24f; 37,26; Hab 1,6-11).
  • Gott schickt sein Volk ins Exil (Jer 29,11-14). Später zerstören die Meder die Babylonier (Jer 51,11). Er setzt Könige ein und wieder ab (Dan 2,21).
  • Durch Gottes Anordnung schickt der Perserkönig einen Überrest Judas zurück ins Land (Jes 44,28; 45,1-13; Esra 1,1).
  • Durch Gottes Ratschluss wird Jesus ans Kreuz gebracht (Apg 2,23-24; vgl. 3,18; 4,27f; 13,27).
  • Judas schreckliche Handlung ist, obwohl er selbst die Verantwortung trägt, festgelegt (Lk 22,22).
  • Der Tod Jesu geschah zur bestimmten Stunde (Joh 2,4; 7,6+30+44; 8,20; 12,23+27 13,1; 16,21; 17,1).
  • Gott erweckte Jesus von den Toten und schickt die Gemeinde an seiner Stelle in die ganze Welt (Mt 28,19f; Apg 1,8).
  • Gott ordnete an, dass wenige Juden und viele Heiden glauben würden (Röm 9-11).
  • Gott kündigte an, dass Paulus viel leiden würde (Apg 9,16+23; 21,10f)

Paulus bricht angesichts von Gottes Weisheit in seiner Heilsgeschichte in Jubel aus (Röm 11,33-36).

c)       im einzelnen menschlichen Leben

  • Gott erwählte die Seinen vor Grundlegung der Welt (Eph 1,4).
  • Die Kontrolle beginnt vor der Geburt (Jer 1,5).
  • Die gesamte menschliche Fortpflanzung steht unter Gottes Kontrolle (Gen 4,1+25; 18,13f; 25,21; 29,31-30,2; Deut 10,22; Ruth 4,13; Ps 113,9; 127,3-5).
  • Gott ist aktiv während und nach der Zeugung (Ps 139,13-16).
  • Auch nach der Geburt bleibt das Leben in Gottes Hand (Ex 21,12f).
  • Naomi sah das Leben ihrer Söhne in Gottes Hand (Ruth 1,13).
  • Hanna realisiert: Gott tötet und macht lebendig (1Sam 2,6f).
  • Die Unterschiede der Begabungen kommen aus Gottes Hand (Röm 12,3-6; 1Kor 4,7; 12,4-6).
  • Selbst die Tagespläne stehen in Gottes Hand (Jak 4,13-16).

d)      in menschlichen Entscheidungen

Hier können nochmals erwähnt werden: Josefs Brüder (Gen 45,5-8); Kyrus (Jes 44,28); Judas (Lk 22,22). Gottes Absicht verhindert menschliche Absichten: Josef kann nicht getötet werden; Goliath kann David nicht töten; Jeremia nicht im Mutterleib sterben.

Das menschliche Herz plant, Gott lenkt die Schritte (Spr 16,9; 21,1 in Bezug auf Könige). Gott lenkt das Herz aller Menschen (Ps 33,15).

  • Gott gab den Israeliten Gunst in den Augen der Ägypter (Ex 12,26)
  • Gott ordnete an, dass die Israeliten nicht angegriffen werden, wenn sie zum Tempel gehen (Ex 34,24).
  • Gott setzte Schwert gegen Schwert der Feinde Israels (Richt 7,22).
  • Er war es auch, der Daniel Gnade vor seinem Aufseher gab (Dan 1,9).
  • Er kehrte die Meinung des Königs von Assyrien (Esra 6,22).
  • Die Evangelien erzählen uns ein übers andere Mal, dass sich Dinge ereigneten, damit die Schrift erfüllt wurde.
  • Gott sieht Handlungen nicht nur voraus, sondern er erfüllt in ihnen seine eigene Absichten (griech. dei, Mt 16,21; 24,6; Mk 8,31; 9,11; 13,7+10+14; Lk 9,22; 17,25; 24,26 etc.)

e)      durch Sünde

Seine Anordnungen betreffen sogar sündige Handlungen – auch wenn das sündige menschliche Herz (Jer 17,9) sie frei wählt. Gott verhärtete das Herz des Pharao (Ex 4,21; 7,3+13; 9,12; 10,1+20+27; 11,10; 14,4+8; parallel steht: Er verhärtete sein Herz selbst.) Gott warnt, bevor er verhärtet (Ps 95,7f). Gott verhärtete Sihon, als Israel Durchlass begehrte (Deut 2,30; siehe auch Jos 11,18-20; 1Sam 2,25; 2Chr 25,20). Gott schickte Saul einen bösen Geist (1Sam 16,14) und Ahab falsche Propheten (1Kön 22,20-23). Gott verhärtete das Herz seines Volkes und ihrer bösen Könige (Jes 6,9f; 63,17; 64,7). Er veranlasste die Heirat Simsons mit einer Philisterin (Richt 14,4), wie er auch David zur Sünde der Volkszählung reizte (2Sam 24,1). Rehabeam wurde abgehalten auf weisen Rat zu hören, weil die Teilung Israels von Gott beschlossen war (1Kön 12,15).

Die Juden wurden angesichts von Jesu Dienst verhärtet (Mt 13,14f; Joh 12,40). Paulus und Petrus sprechen in ähnlicher Weise von ihrem Dienst (2Kor 2,15; 1Petr 2,6-8). Gottes Wort bringt Heil und Erlösung, aber in einigen Fällen auch Dunkelheit und Unglaube (Röm 11,7f). Vor den Juden (Röm 9,22-26; 11,11-16+25-32) verhärtete er die Heiden (Röm 1,19-28). Der Kulminationspunkt von Gottes Souveränität über die Sünde war das Erzverbrechen der Menschen, die Kreuzigung Jesu (Apg 2,23; 4,28; 13,27).

f)     durch das Bewirken von Glaube und Erlösung

Die Erlösung gehört dem Herrn (Jon 2,9). Ohne seine Erlösung sind wir ohne Hoffnung in der Welt, tot in unseren Übertretungen (Eph 2,1-10+12). Die Erlösung ist Gottes Werk (Eph 1,4-6; 2Tim 1,9), sie geschieht durch seine Anordnung (1Thess 1,4; 5,9; 2Thess 2,13f). Es gibt eine menschliche Entscheidung Christus anzunehmen (Joh 1,12; 3,15f; 6,29+40; 11,26). Diese Wahl kann jedoch nie die Ursache für Gottes Wahl sein, sondern nur ihre Folge. Wie kann die Erlösung das einzige Ereignis ausserhalb von Gottes Kontrolle sein? Undenkbar! Die menschliche Antwort ist Gottes Geschenk (Joh 6,37+44+65; Röm 8,15; Apg 16,14; 13,48 vgl 11,21+23; 18,27). Busse ist Gottes Werk in uns (Apg 5,31; 11,18; 2Tim 2,25). Gottes Ruf zur Einheit in Christus kommt zustande (Röm 1,6f; 8,30; 11,29; 1Kor 1,2+9+24+26; 2Thess 2,13f; Hebr 3,1; 2Petr 1,10). Auch unser geistliches Verständnis ist göttliches Geschenk (Mt 11,25-27; 1Joh 5,20; 2,20f+27). Die Kraft der Verkündigung kommt durch das Wort Gottes (1Kor 2,4f; 1Thess 1,5; 1Thess 2,14). Gott beschneidet und wechselt unsere Herzen aus (Deut 30,6; Jer 31,31-34; Hes 11,19; 36,26; Tit 3,4-7; 2Kor 5,17). Auch unser weiterer Gehorsam hängt ganz von Jesus ab. Ohne ihn können wir nichts tun (Joh 15,5). Ohne Gottes Gnade bleiben wir in der Sünde (Eph 2,1; Röm 7,18; 8,6-8); er bewirkt Wollen und Vollbringen (Phil 2,13).

Fazit

Nichts ist wichtiger, speziell bei dieser Stelle in der Geschichte der Theologie, als das Volk Gottes zu überzeugen, dass die Schrift Gottes unwiderstehliche, universelle Kontrolle über die Welt lehrt, und das an allen Ecken und Enden! Was er spricht, kommt zustande (Kgl 3,37f). Die Zuversicht, dass Gott in allen Dingen führt, endet in im grossen Lied: Nichts kann uns von ihm trennen (Röm 8,38f). Alles Geschehen zielt auf die Verwirklichung seines Ratschlusses (Eph 1,11).

Gottes Engagement in dieser Welt ist dreifach (vgl. Röm 11,36):

  • Er ist Schöpfer (alles ist “von ihm”)
  • Herrscher (besteht “durch ihn”)
  • und letztes Ziel (existiert “für ihn”).

Zitat der Woche: Post-Naivität

… there is almost no line between social criticism and philosophy of education. There is almost no line between describing our fallen human condition and proposals for what we should do, almost no line between the satirizing of human folly and the search for true wisdom. The philosophy of culture describes the human predicament, for which the answer is ultimately theological. … this means that education in a postmodern world has to revert to story-telling, even telling stories that might be meta-narratives, in order to find our way out of the reduction of education that has resulted from the modern rationalism represented by Descartes. The human mind needs stories, even a big redemptive story, in order to be truly interested in or to find meaning in the information learned by rational or empirical means. Wow! What an alternative to the dehumanizing of education that easily makes school boring! And what an alternative to both modernity and postmodernity! Let me suggest we need a new adjective to describe the either very new or very old philosophy of life and education represented here.

… Humanity, under the perceptions instigated by Descartes, is merely a thinking entity that exists because it thinks, reduc- ing our perceptions of our own humanity. With specific irony, Cartesian modernity and postmodernity did not free us from immaturity or from the clutches of tradition and authority. They cost us a dimension of our humanity, the ability to perceive both our own fallenness and our dignity. The new adjective I think we need for a better philosophy of life and education after modernity and after postmodernity is post-naïve.

Thomas K. Johnson, in: Jan Hábl, Teaching and Learning Through Story. VKW: Bonn, 2014.

Literaturhinweise: Heirat & Ehe

Mathias Penatzer hat eine Liste zum Thema Heirat und Ehe zusammengestellt.

  1. Reforming Marriage – Douglas Wilson
  2. For A Glory and a Covering – Douglas Wilson
  3. Love That Lasts – Gary & Betsy Ricucci
  4. Federal Husband – Douglas Wilson
  5. Wenn Sünder sich das Ja-Wort geben – Dave Harvey
  6. The Intimate Marriage: A Practical Guide to Building a Great Marriage - R.C. Sproul
  7. Der Geistliche Ehemann – Lou Priolo
  8. Sexual Detox: A Guide for Guys Who Are Sick of Porn – Tim Challies
  9. False Messages: A Guide for the Godly Bride – Aileen Challies
  10. Sex, Romance, and the Glory of God: What Every Christian Husband Needs to Know – C. J. Mahaney und Carolyn Mahaney
  11. Einfach himmlisch!: Was die Ehe über Gott zeigt – John Piper
  12. Ehe: Gottes Idee für das grösste Versprechen des Lebens. - Tim & Kathy Keller

An guter Literatur fehlt es nicht.

Buchbesprechung: Eine monumentale Augustinus-Biografie (II)

Peter Brown. Johannes Bernard (Herausgeber). Augustinus von Hippo. Sociëtäts-Verlag: Frankfurt, 1973. 499 Seiten. Antiquarisch ab 11 Euro.

Zum ersten Teil der Besprechung geht es hier.

Anklänge an die heutige Zeit

Zahlreiche Aspekte, die ich bisher schon erwähnte, hob ich deshalb hervor, weil sie Licht auf aktuelle Herausforderungen werfen. Augustinus wuchs ähnlich wie wir in einer „harten Wettbewerbswelt“ heran (17). Wie heute manche Christen war er zutiefst von der Überweltlichkeit angetan, damals ausgearbeitet in den Gedanken des christlichen Platonismus (77). Ähnlich wie Plotinus werden sie im „‘Hier‘ der seinen Sinnen vertrauten Welt … von der zeitlosen Beschaffenheit des ‚Dort‘ einer anderen Welt verfolgt“ (80). Während seines Rückzugs nach Cassiciacum im Jahr 386 schrieb er Dialoge, in denen er seine „Ideale als Bestandteil eines Planes moralischer Erziehung“ verkündigte (103) – derselbe Impuls wie für manch anderen Denker innerhalb der Pädagogikgeschichte. Auch Augustinus spürte bei sich die „Ruhmliebe, das Bedürfnis, sich von anderen bewundert und geliebt zu fühlen“ (178).

Darstellung der Theologie

Als Theologe interessierte mich insbesondere: Wie schaffte es Brown als Historiker, die Theologie des Gottesmannes ausgewogen darzustellen? Dem Autoren gelingt es meines Erachtens, die Auseinandersetzungen und Kämpfe in die Nähe von eigenen Erfahrungen rücken zu lassen.

Nehmen wir als erstes Beispiel den Abriss über die „Bekenntnisse“. Augustinus schrieb die Autobiografie, seine grosse Innenschau, „in der Einstellung eines Arztes, der sich erst seit kurzem, und daher um so eifriger, einer neuen Behandlungsmethode widmet“ (155). Augustinus sah darin seine Vergangenheit als eine Einübung für die gegenwärtige Aufgabe (140). In der Lebensmitte stehend, spürt man die „Spannung zwischen dem ‚Damals‘ des jungen Mannes und dem ‚Jetzt‘ des Bischofs“ (142).  Augustinus ist zu Beginn gespannter Hörer, „unruhig, ein unbussfertiger, unbequemer Fragesteller, vor allem aber herrlich egozentrisch“ (145). Die Gedanken sind „durchtränkt von einer Empfindung der Allgegenwart Gottes“ (146) und durchdrungen von starkem „Gespür für Gottes Handeln im Leben des Augustinus“ (152). Die Beobachtungen Browns bleiben innerhalb der sachlich-darstellenden Grenzen des Historikers. Gleichzeitig versteht er es, wichtige Zusammenhänge darzustellen. Er zeichnet auf geniale Weise die Wendung hin zur Beschäftigung mit der Vorsehung Gottes und der Verdorbenheit des Menschen nach, z. B. hier: „Vor allem war da das brennende Problem der offenkundigen Dauerhaftigkeit des Bösen im menschlichen Handeln.  … Der Mensch fand sich in anscheinend unumkehrbare Verhaltensweisen verstrickt und zwingender Nötigung unterworfen, sich auf eine Weise zu verhalten, die seinen guten Absichten zuwiderläuft, und in trauriger Unfähigkeit, Gewohnheiten abzulegen, die sich verfestigt hatten.“ (128)

Ein zweites Beispiel bietet die Beschreibung des monumentalen Buches „Der Gottesstaat“. Angesichts der Plünderung Roms und des Vorwurfs, dass dies Ausdruck des Zorns der Götter auf die Christianisierung zurückzuführen sei, „stand sein Ruf auf dem Spiel, und zwar vor einem sehr differenzierten und fordernden Publikum“ (264). Das Buch sei „ein Denkmal der literarischen Kultur des späten Kaiserreiches“ (265) und wurde in der römischen Literatur als „ein Werk des ‚christlichen Nationalismus‘“ eingestuft (267). Seine Beschreibung der Platoniker zeige, dass „ein Teil der heidnischen Vergangenheit in Augustinus noch lebendig war“ (268). Was sich auch als ein Werk reiner Bibelauslegung hätte entwickeln können, formte sich „zu einer wohlüberlegten Auseinandersetzung mit dem Heidentum“ (272). Augustinus verstand es zudem in den folgenden Jahren im Werk selbst wie auch in seinen Predigten den Christen all das zu geben, was „eine demoralisierte Gruppe hörten musste. Er gab ihnen den Sinn für Identität wieder…“ (274). In Ep. 138,1,5 schrieb er dazu passend: „Gott ist der unwandelbare Schöpfer wie auch Erhalter aller sich wandelnden Dinge.“ (278) „Worum es im ‚Gottesstaat‘ und in Augustinus‘ Predigten ging, war die Fähigkeit der Menschen sich nach etwas anderem zu ‚sehnen‘…“ (282)

Das dritte anschauliche Beispiel bietet die Behandlung der Auseinandersetzung mit den Pelagianern. Die Botschaft des Pelagius lautete: „Da die Vollkommenheit dem Menschen möglich ist, so ist sie verpflichtend.“ (zit. S. 299) Dieser „tödliche Perfektionismus der Pelagianer war ihm zuwider.“ (285) „Wie viele Reformer legten auch die Pelagianer die erschreckende Last völliger Freiheit dem einzelnen auf. Er war für jede seiner Handlungen verantwortlich. Daher konnte jede Sünde nur ein vorbedachter Akt der Gottesverachtung sein.“ (306) Mit Pelagius stand Augustinus erstmals ein gleichwertiger Gegner gegenüber. Augustinus’ Sieg war ein Sieg „des durchschnittlichen, gut katholischen Laien des späten Kaiserreiches über ein strenges, reformierendes Ideal“ (305). Während der ganzen Kontroverse war Augustinus in der Lage „seine Alternative zum Ideal des christlichen Lebens“ darzulegen – und dies in übervollen Kirchen (320). Brown gesteht Augustinus ein „tiefes Gespür für das Wesen des menschlich Bösen“ zu. „Nach Pelagius war menschliche Sünde wesentlich oberflächlich – eine Sache der Wahl.“ (321) Augustinus stellte dem eine „Mentalität der Abhängigkeit, eine Betonung der absoluten Notwendigkeit der Demut und der Idee eines ‚allgemeinen Zusammenbruchs‘ des Menschengeschlechts“ gegenüber (322). Seine Kritik betraf nicht so sehr den „Optimismus bezüglich der Menschennatur als vielmehr die Tatsache, dass ein solcher Optimismus auf einer durschaubar unangemessenen Ansicht über die verwickelte Vielfalt menschlicher Motivierung zu beruhen schien“ (325). Pelagius setzte dazu voraus, „dass die Gewährung einer guten Umgebung die Menschen direkt zum Besseren beeinflussen kann.“ (326) Damit schien eine Glückseligkeit, die es in der Vergangenheit gab, „durch eine Willensanstrengung in der Gegenwart“ wieder möglich (334).

Empfehlung

Augustinus hat unglaublich viel geschrieben. Das widerspiegelt sich auch in dieser Besprechung. Mit „Q“ notierte ich mir Hinweise z. B. über junge Ehemänner (33), Freundschaft (53), das Konkubinat (74), ein Gespräch mit seiner Mutter kurz vor deren Tod (111), über die Gartenarbeit Adams und Evas (123), über den ersehnten Frieden (126), über die Notwendigkeit gesellschaftlichen Drucks (208). Der befähigte Bibelausleger verstand es den Inhalt eines Psalms zu Leben zu erwecken (223) und sich begeistert über das Heben biblischer Schätze zu äussern (230). Angesichts der grossen Umwälzungen „zerpflückte er sofort die konservative Voraussetzung, dass der Wandel stets anstössiger sei als das Beharren“ (276). Er verstand es über den sündhaften Zustand der Menschen präzise Aussagen zu treffen (318+354) und den Hunger und die Sehnsucht nach dem ewigen Leben zu wecken (329). Angesichts der Tragödien des menschlichen Lebens verstand er es auch, die Vorsehung Gottes eindrücklich darzustellen (347+350). Er selbst fürchtete sich davor, dass aus seinen zahlreichen Werken „vieles gesammelt werden kann, das, wenn schon nicht falsch, so doch unnötig scheinen oder sich gar als unnötig erweisen sollte.“ (376)

Die Fülle der Zitate, ergänzt mit einem ergiebigen Literaturverzeichnis, Zeittafeln und einer Übersicht über seine Schriften machen das Buch zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk. Die Einbettung der Biografie in das historische Umfeld gelingt Brown wie kaum einem anderen. Wer neben zu Krimi, Ratgeber oder einem zeitgenössischen Roman eine tiefschürfende Alternative sucht, dem sei dieses Buch empfohlen.

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